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Wie kam es doch?

Fritz Bley: Wie kam es doch? - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWie kam es doch?
publisherErich Matthes
year1918
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171204
projectide15dc5a9
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»Heraus mit dem alten Raube!«

 

» Confusio quasi divinitus conservata«.
(Eine wie durch Gottes Macht erhaltene Wirrnis.)

Oxenstjerna über Deutschland.

 

So wahr es bleibt, daß in der Geschichte jedes Volkes sich dessen Anlagen offenbaren, so gewiß bleibt es ewig gültig, daß wir unsere Feinde nicht zum Frieden zwingen, also unserm Volke nicht die Daseinsmöglichkeiten erkämpfen können, ehe wir nicht gelernt haben werden, unser politisches Denken auf das der Feinde einzustellen. Nicht etwa, um deren Heuchelei und Raffgier für uns zu übernehmen und damit die Ehre preiszugeben, die uns auch im Staatsleben oberstes Gesetz bleibt, sondern um in unserem politischen Denken und wirken alle Kraft nach der Seite hin einsetzen zu können, die als die bedrohteste erscheint.

von Anbeginn unseres staatlichen Daseins ist dies die äußere Politik gewesen. Kein Land auf Gottes Erdboden ist so sehr ringsum von Feinden umgeben, wie Deutschland. Sie haben es auch wahrlich nicht an Beweisen ihres hohnvollen Hasses fehlen lassen. Und doch hat kein Volk sich so wenig auf seine feindlichen Nachbarvölker verstanden wie das deutsche.

Als nach dem Zusammenbruche des französischen Kaiserreiches es der bürgerlichen Demokratie gelungen war, der Kommune Herr zu werden, hatte das Gambetta zugeschriebene (tatsächlich nicht von ihm gesprochene) Wort, daß man von der Rache »nie sprechen, doch stets an sie denken« solle, der französischen Politik die Losung gegeben, die zum Rachekriege führen mußte. Und sowohl England, als Rußland und Österreich konnten in dem neuerstandenen Reiche nur die Verdeutlichung eines Bruches altherkömmlicher Auffassungen und eine ihnen unerhört erscheinende Bedrohung erblicken.

Daß es Bismarcks Staatskunst gelungen ist, schon 1879 mit dem von Andrassy geführten Gegner von 1866 das enge Bündnis herzustellen, vereinfachte die am 18. Januar 1871 im Spiegelsaale zu Versailles geschaffene Lage sehr wesentlich. Es wurde in Habsburgs deutschen Erblanden mit hellen Hoffnungen begrüßt, konnte aber im Hinblicke auf Rußlands und Englands herausgeforderten Stolz und Frankreichs im Tiefsten verwundete Eitelkeit unser Volk nicht von der Pflicht entbinden, seinen ganzen Willen nun an den planmäßigen Aufbau des völkischen deutschen Staates zu setzen.

Stattdessen gab es sich in alter Harm- und Sorglosigkeit der Freude am Geldverdienen und dem in mehr als einer Hinsicht zerlassenen Lebensgenusse hin. Warum auch nicht? Durfte man doch im Sonnenglücke der neuen, damals unerschöpflich scheinenden Milliarden sich mit dem guten Gewissen schlafen legen, daß Deutschland in Versailles und im Frankfurter Frieden Frankreich noch lange nicht das abgenommen habe, was es einst besessen hatte. Hatte das deutsche Lothringen als Westmark des Deutschen Reiches doch bis an die Maas gereicht. Seine Fürsten hatten unentwegt zum Kaiser gestanden, und zu Köln war durch den 70er Krieg wieder so recht ins Volksbewußtsein getreten, wie einst der Erzbischof Bruno als Herzog von Lothringen das Muster eines deutschen Fürsten gewesen ist. Auch Heino von Wirten, das nun immer noch schimpflicherweise sich Verdun nannte, wie Hezelo und Bruno von Tull, sowie Adalbert von Metz waren durch und durch deutschgesinnte Kirchenfürsten. Der Mittelpunkt dieses Oberlothringens, das damals auch Mosellanien genannt wurde, war um das Jahr 1000 Trier gewesen. Graf Gottfried von Wirten, der im Jahre 1013 von Heinrich II. die Herrschaft in Niederlothringen an der Maas und Schelde erhielt, hat unter Otto III. rühmlich die Treue gegen das Deutsche Reich bewahrt und seinen Sohn ermahnt, in seiner Überlieferung den Kampf gegen König Lothar durchzuhalten und keinen Frieden mit dem Franzosen zu schließen. Nach dem Aussterben der karolingischen Häuser ist Oberlothringen, das, nachdem Niederlothringen den Namen Brabant angenommen hatte, Lothringen genannt wurde, drei Jahrhunderte lang ungestörter Besitz des Deutschen Reiches gewesen. In einer staatlichen Einheit mit dem Elsaß hat es aber nicht gestanden; vielmehr hat dies auch unter der französischen Herrschaft seine Sonderstellungen behalten, die es als Sundgau unter den Grafen von Habsburg und als Nordgau unter den Grafen von Oettingen und dann nach dem Verkaufe an das Bistum Straßburg unter diesem gehabt hatte. Gemeinsam war Lothringen und dem Elsaß aber die deutsche Sprache geblieben, die auch unter dem seit der großen Revolution sie überziehenden Firnis unverfälscht alemannisch hüben und fränkisch drüben geblieben war, wie sie es im bis jetzt französischen Teile von Lothringen hie und da noch heute ist.

Wie war 1870 die Erinnerung an alles dies gewaltig aufgerauscht in unseren jungen Herzen und in denen der Väter und Lehrer, als nach der Kunde von unseren ersten Siegen Bismarcks Politik die Heilung dieser alten Wunden verhieß! Da war nichts von feiger Gedanken bänglichem Schwanken gewesen! Mit Urgewalt war die Forderung des Kriegszieles losgebrochen. Und noch ehe von der Kaiserkrone gesprochen wurde, war durch unsere Reihen Treitschkes in Bismarcks Sinne gehaltene Schrift gewandert: »Was fordern wir von Frankreich?« Sie bezeichnen es zwar als

»dilettantenhaft, im einzelnen die Satzungen eines Friedensschlusses auszuklügeln, dessen Vorbedingungen selbst dem handelnden Staatsmanne noch verborgen sind. Aber es ist der Presse Pflicht, die stillen unbestimmten Hoffnungen, die jede Brust bewegen, zu klarem Bewußtsein zu erwecken, auf daß beim Friedensschluß ein fester durchgebildeter Nationalstolz schirmend hinter unseren Staatsmännern stehe. Als Deutschland zum letzten Male in Paris den Frieden diktierte, da haben wir schmerzlich gebüßt, daß den deutschen Diplomaten ein solcher Rückhalt fehlte. Der Gedanke aber, welcher, zuerst leise anklopfend wie ein verschämter Wunsch, in vier Wochen zu einem mächtigen Feldgeschrei der Nation wurde, lautet kurzab: heraus mit dem alten Raube, heraus mit Elsaß-Lothringen

Nicht minder war durch Adolf Wagners Schrift dem Volke zur frohen Gewißheit geworden, wofür es kämpfte und seine Söhne fallen sah. Insbesondere brachte die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« in ihrer Ausgabe vom 1. September 1870, also dem Tage der Schlacht von Sedan, einen Aufsatz, der, ausgehend von der französischen Begehrlichkeit seit den Tagen Ludwigs XIV., unter Ablehnung der von der ausländischen Presse uns angesonnenen Großmut betonte, daß Frankreichs Angriffskraft geschwächt und unsre Verteidigungsfähigkeit gestärkt werden müsse. Weder ein Dynastiewechsel noch eine Kontribution könne hierfür genügen. Hätte man 1815 die Franzosen so schwächen können, wie es um des Weltfriedens willen wünschenswert war, so würde nun, 1870, kein Krieg nötig sein. Die Gefahr liege in der unheilbaren und untilgbaren Anmaßung desjenigen Teiles des französischen Volkes, welcher für ganz Frankreich den Ton angibt. Dieser Zug könne nur dadurch gehemmt werden, daß man ihm die Möglichkeit entziehe, sich geltend zu machen. Die Frucht unsrer Siege könne nur in einer tatsächlichen Verbesserung unsres Grenzschutzes gegen diesen friedlosen Nachbar bestehen. Es müsse seiner Eroberungslust ein solider haltbarer Damm entgegengestellt und in der Zukunft ihm erschwert werden, mit einer vergleichsweise nicht sehr großen Heeresmacht in Süddeutschland einzufallen und durch Bedrohung mit der Möglichkeit eines solchen Einbruches die Süddeutschen auch im Frieden zur Rücksichtnahme auf Frankreich zu zwingen. Diese Forderung erfüllen heiße Deutschland ganz befreien, heiße den Befreiungskrieg von 1813/14 vollenden.

»Das mindeste also, was wir fordern müssen, ist die Abtretung der Ausfallpforten Frankreichs nach der deutschen Seite hin, die Erwerbung von Straßburg und Metz für Deutschland, von der Schleifung dieser Festungen einen dauernden Frieden zu erwarten, wäre eine auf Kurzsichtigkeit beruhende Illusion von derselben Art, wie die Hoffnung, daß es möglich sein werde, die Franzosen durch Schonung zu gewinnen, und im übrigen ist nicht zu vergessen, daß, wenn wir diese Abtretungen verlangen, es sich um ursprünglich deutsches und zum guten Teil deutsch gebliebenes Gebiet handelt, dessen Bewohner mit der Zeit lernen werden, sich wieder als Deutsche zu fühlen. Sicherheit deutscher Grenzen ist nur erreichbar durch Verwandlung der beiden uns bedrohenden Festungen in Bollwerke unserer Sicherheit. Straßburg und Metz müssen aus französischen Aggressionsfestungen deutsche Defensivplätze werden, wer den Frieden auf dem europäischen Kontinent aufrichtig will, wer die Niederlegung der Waffen und die Herrschaft des Pfluges über das Schwert will, der muß zunächst wünschen, daß die Nachbarn Frankreichs darauf eingehen können, da Frankreich der einzige Friedensstörer ist und es bleiben wird, solange es die Macht dazu hat.«

Wie hebt sich diese zuversichtliche Sprache ab von der bänglichen Entschlußlosigkeit derselben »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom 20. Februar 1915, zu einer Zeit also, als bereits ganz Belgien und Nordfrankreich fest in unsrer Hand waren: Nur jetzt noch keine Erörterungen! Noch nicht! Die Zeit werde kommen und dann werde die Reichsregierung dankbar sein. Dann werde sie es bedürfen, von einem starken Volkswillen gestützt zu sein, ohne den sie nichts vermöge. Aber jetzt gäbe es nur ein Kriegsziel, die Niederlage der Feinde. In dieser Vermengung militärischer und politischer Begriffe geht es weiter und gipfelt in der Versicherung, daß wir den Weltkrieg siegreich durch die einige innere Kraft aller Gedanken und Handlungen überwinden werden – als ob nicht gerade diese einigende Kraft durch klares Hinstellen des Zieles hätte zusammengehalten werden sollen.

Wie ganz anders dasselbe deutsche Volk unter der Führung einer zielbewußten Politik sich bleibend eins fühlen konnte mit seinen Kämpfern an der Front, hat 1870/71 das von Bismarck vorgesteckte Ziel bewiesen. Die fast schon vergessenen alten Reichslande beschäftigten Herz und Sinn des ganzen Volkes, das in ihnen das Pfand seiner Einheit sah. Der Gedanke an die Sühne mehrhundertjähriger Schmach flog sieghaft vor den deutschen Fahnen her.

Nun, nach dem Kriege, wurde die Geschichte auch des unbefreit gebliebenen Lothringens erst recht Gemeingut. Hutzelmanns Arbeit über die Angriffe Frankreichs auf Elsaß und Lothringen und Huhns Geschichte Lothringens lenkten unwillkürlich immer wieder die Aufmerksamkeit auf den Verlauf der alten Sprachgrenze hin, wie sie seit dem Vertrage von Meerssen (870), also genau vor einem Jahrtausend, bestanden hatte. Die Bistümer Utrecht, Metz, Straßburg und die Erzbistümer Trier und Köln mit dem ganzen Moseltale waren nach Lothars I Tode bei der Erbteilung an Ludwig den Deutschen und damit an das Deutsche Reich gekommen. Aber das nun sich gesättigt fühlende Deutschland betrachtete mit dem Frankfurter Frieden den alten Streit ein für allemal als erledigt und nur sein gutes Rechtsbewußtsein nährte sich seitdem mit Genugtuung an den Feststellungen, wie sie namentlich Derichsweiler in seiner Geschichte Lothringens gegeben hat.

Wie oft haben wir uns seitdem darüber gewundert, daß Völker auf einer sehr viel jüngeren Entwicklungsstufe, wie z. B. Madjaren und Slawen, solchen geschichtlichen Tatsachen ein viel gereifteres Verständnis und dem Gegner ein sehr viel richtigeres völkerpsychologisches Begreifen entgegenbringen. Wir teilen diese Schwäche mit fast allen germanischen Völkern Siehe »Der schlimmste Feind«, S. 108 ff.. Einzig der fränkische Stamm macht hiervon eine rühmliche Ausnahme. Schon Chlodwig, der als einziger von allen Völkerwanderungskönigen nach der Errichtung des Einkönigtumes über alle Franken es zur Beherrschung eines übermächtigen Bestandteiles volksfremder Untertanen, Römer und Alemannen, gebracht hat, zeigt hierin, sowie als Schirmherr der römischen Kirche, die auf ihn als den Überwinder ihrer arianischen Gegner das Wort von den gesta Dei per Francos (den Taten Gottes durch Frankreich) zurückführt, staatsmännischen Weitblick, der von Richelieu und Ludwig XIV. nicht hat überboten werden können. Freilich hat er ihnen auch die wilde Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung politischer Gegner und Ziele vorgelebt, und man kann jedem schöngeistig tuenden Franzosenbewunderer nur empfehlen, bei Gregor von Tours nachzulesen, wie er die Ribuarier und die salischen Frankenkönige abgetan hat, so daß es bei seinem Tode außer seinen vier Söhnen keine Merowinger mehr gab.

Und wer in unentwegter Franzosenbewunderung nicht sollte verstehen können, wie selbst das besiegte Frankreich heute noch auf der Forderung des linken Rheinufers und der Errichtung eines rechtsrheinisch-westfälischen Pufferstaates besteht, sollte sich vergegenwärtigen, wie Richelieu und Ludwig XIV. gleicherweise daran festgehalten haben, daß Frankreichs Gedeihen ein politisch ohnmächtiges Deutschland zur Voraussetzung habe!

Wie aber kann es uns überraschen, daß nach dem schnellen Erfolge von 1870/71 diese Sachlage in Vergessenheit geriet, da wir doch sehen, daß selbst jetzt eine nie für möglich gehaltene Zusammenrottung der ganzen Welt die ewig Abgeklärten im deutschen Vaterlande noch nicht von dieser einfachen Sachlage zu überzeugen vermag! Hätte es nicht demnach zu den obersten und wichtigsten Aufgaben der deutschen Politik gehört, gleich nach den ersten Siegen klarstellen zu lassen, um was es in diesem Kampfe geht? Stattdessen wurden alle jene Schriften verboten Auch meine Schrift »Die große Lüge: Belgien«., in denen der wirtschaftliche Grund der französischen Ansprüche und andererseits die Bedeutung der mit der alten Reichsgrenze zusammenfallenden, jetzt in unsrer Hand befindlichen ober- und niederlothringischen Gebiete, dargelegt wurden.

Die Versuche der Franzosen, diese Gebiete für sich zu gewinnen, gehen bereits auf Karl VII., den Siegreichen, zurück, der im Jahre 1444 das Land überfiel. Es sollte unvergessen bleiben, wie auf die Zumutung der Unterwerfung von Metz der Ratsherr Nikolas Luwe geantwortet hat: »So tun wir euch denn zu wissen, daß wir vorziehen werden zu sterben, ehe man uns vorwerfen soll, wir hätten den großen Adler des Reiches besudelt!« Wie dann die französischen Soldaten, unter ihnen die berüchtigten Armagnaken, das Land verwüsteten und die Einwohnerschaft später gequält haben: so würde es den deutschen Landschaften auch heute wieder ergangen sein, die das Unglück gehabt hätten, unter französische Bedrückung zu kommen!

Unvergessen sollte auch bleiben, wie Nanzig sich gewehrt hat: gegen Karl den Kühnen am 4. Januar 1477 und gegen Ludwig XIII. und wie, nachdem Lothringen 1634 französisch geworden war, Edelleute, Bürger und Bauern am angestammten deutschen Herzoghause festgehalten haben trotz der Brandschatzungen durch Richelieus Scharen. Als Marschall Crequi sich Nanzigs bemächtigte, war die ganze Stadt von Trauer erfüllt in dem Bewußtsein, französisch werden zu müssen. Mächtigen, aber nutzlosen Widerstand leisteten auch die Städte Epinal, Longwy, Bitsch u. a. Im Jahre 1679 setzte Richelieu die berüchtigten Reunionskammern ein, Metz, Tull, Wirten wurden Frankreich einverleibt. Herzog Karl V. von Lothringen wehrte sich mit einem Heere von 70 000 Mann, hatte auch anfangs Glück bei seinen Unternehmungen, erlag jedoch am 17. April 1690 dem Fieber. Durch den Frieden von Ryswick (1697) wurde Lothringen zwar wieder selbständig gemacht, doch war es ringsum durch die von Frankreich festgehaltenen Gebiete umschlossen und ohne Landbrücke mit Deutschland. Das Land war durch die französischen Raubzüge vollständig heruntergekommen, der Viehstand war gänzlich vernichtet, die Äcker lagen verödet, die Dörfer waren verlassen. Doch freuten sich die Einwohner, von der französischen Fremdherrschaft befreit zu werden, und als der 19jährige Herzog Leopold 1698 von Wien über Straßburg nach Lüneweiler kam, konnte er hier unter dem unbeschreiblichen Jubel des Volkes seinen Einzug halten. Sein Nachfolger, Franz Stefan, der Verlobte der Maria Theresia, überließ l783 das deutsche Land an Frankreich. »Die Nachricht von dem bestätigten Friedensvertrage«, schreibt Derichsweiler in seiner Geschichte Lothringens, »wirkte, als ob ein Unglück sich auf das Land Lothringen herabsenke. Die Menschen liefen durcheinander, weinten, fluchten, zerrissen in jener Bitterkeit des Schmerzes, die nur ein Ausdruck verzweifelter Liebe ist, in den Gassen die Bilder des Herzogs, der sie dem gehaßten Feinde überantwortet habe ...« Das allgemeine Empfinden fand Ausdruck in einer namenlosen, Aufsehen erregenden Schrift, die in heftiger Sprache sich an den Herzog wandte, um ihn, wenn möglich, von dem letzten Schritt zurückzuhalten, vom Hofe aber aus Furcht vor dem französischen Könige unterdrückt und durch Henkershand verbrannt wurde. Die Schrift wies mit großem Nachdruck hin auf den Zusammenhang Lothringens mit Deutschland und betonte, nie dürfe der Herzog ein so wertvolles Glied von dem Reiche abtrennen, es müsse alles aufgeboten werden, damit das älteste Herzogtum Europas dem Dienste des Reiches erhalten bleibe, das seinerseits verpflichtet sei, Lothringen zu schützen und zu verteidigen. Friedrich der Große erhob gegen den Kaiser die Anklage, daß er sich nicht gescheut habe, das Herzogtum Lothringen, ein altes Lehen und unveräußerliches Glied des Reiches, diesem zu entfremden.

Wie in Lothringen hat Ludwig XIV. auch in Südniederland, dem früheren Niederlothringen, planmäßig seine Herrschaft befestigt. Er ist dabei ja auch nur in den Spuren seiner Vorgänger geblieben. Schon Philipp der Schöne hatte 1300 dem Deutschen Reiche Valenciennes entrissen und Vlaandern besetzt. In dem Jahre 1382, erfolgte eine neue Eroberung Vlaanderns und Ludwig XIII. raubte 1640 das heute wieder so heiß umstrittene Arras mir Artesien, dem heutigen Artois. Auf Ludwigs XIV. Befehl fiel Condé 1667 ohne Kriegserklärung in Südniederland ein, um dies zu stehlen. 1672 folgte dann der Einfall in Holland und im Nymweger Frieden erlangte Ludwig XIV. dann Ypern, Kamrijk und Valenciennes. Was heute mehr als je beherzigt zu werden verdient! Unsern Vätern aber war nach dem großen Kriege die geschichtliche Rechnung zwischen Frankreich und Deutschland mit den Erinnerungen an Ludwig XIV. allein nicht beglichen. Tausende von wackeren Söhnen ganz Deutschlands und namentlich auch in den alten Rheinbundländern hatten für Napoleons Ruhmsucht ihr Blut vor Moskau vergießen müssen oder waren an der Beresina und auf dem furchtbaren Rückzuge der Kälte erlegen. Und gerade diesem katholischen Teile, freilich wahrlich nicht ihm allein, hatte der Krieg, der endlich die Einigung der deutschen Stämme brachte, die Mahnungen von Görres in Erinnerung gerufen:

»Wo irgendeines eurer alten Denkmäler verwüstet steht, die Franzosen haben es ausgeführt; wo irgendein alter Tempel im Rauche aufgegangen, die Franzosen haben ihn angezündet; wo ein Palast in Trümmern liegt, dies Volk hat ihn zerstört; wo eine alte Stadt in Flammen aufgelodert, wo eine Festung gebrochen, alles ist von diesen Welschen hergekommen.«

Weniger bedacht ist damals, wie England, unbekümmert um die Rettung Wellingtons bei Belle-Alliance durch Blücher, beim zweiten Pariser Frieden von 1815 durch Unterstützung der französischen Ansprüche die von Preußen und Österreich geforderte Wiedervereinigung des Elsaß, Lothringens und der Niederlande mit Deutschland verhindert hat!

Das deutsche Gewissen beruhigte sich in der Abrechnung mit Frankreich. Und diesem gegenüber war es nun wahrlich auf festem Boden. Weniger berechtigt aber war die harmlos selbstgefällige Meinung, daß die Niederlagen Frankreichs doch auch von den Franzosen als verdiente Strafe und gerechte Vergeltungfür die von Ludwig XIV. begangenen Greuel erkannt werden müßten, daß man auch in Paris ebenso wie zu München und Stuckert am Neckar in den Trümmern des Heidelberger Schlosses die geschichtliche Rechtfertigung für die bessere Sicherung der deutschen Grenzen erblicken und das Meisterwerk Erwins von Steinbach zu Straßburg ebenso neidlos wie den Mutteturm von Metz den Deutschen gönnen würde.

Die Zähigkeit, mit der Thiers bei den Friedensverhandlungen Belfort verteidigt und schließlich für Frankreich gerettet hatte, sollte nur zu bald den Schärferblickenden in Deutschland verständlich erscheinen. Und die Unverwandtheit, mit der ganz Frankreich auf das »Loch in den Vogesen« starrte, bewies, wie wenig man in Paris den Frankfurter Frieden als einen endgültigen und gerechten Abschluß des vielhundertjährigen Ringens um die Grenze des alten Reiches ansah, wie wenig man dementsprechend die freundnachbarlich friedlichen Ansichten und Absichten der gutmütigen Sieger teilte.

Wie hätten die Franzosen auch zu einer anderen Auffassung kommen sollen, da ihnen wohlbekannt war, wie sehr gerade die nunmehr deutschen Reichslande Hüter der Gedankenwelt von 1789 geblieben waren! Hatte Frankreich selbst in dem blutigen Maskentanze der Kommune von 1871 nur eine jämmerliche Nachäffung der Schreckentage von 1793 erkannt, so hing der verwelschte Alemanne in Mulhouse und Strasbourg noch immer an dem Traume von einer weltbürgerlichen, an kein Vaterland gebundenen Freiheit und sang dazu, ohne zu fühlen, wie er seiner selbst spottete, Rougets: » amour sacré de la patrie!«

Vor dem Dreißigjährigen Kriege waren die Reichslande, insbesondere das Elsaß reicher deutscher Kulturbesitz gewesen. Seine Gemeinwesen hatten eine tapfere Selbständigkeit bewiesen und das geistige Erbe der ritterlichen Sangeshelden Heinrich der Glîchezare, Reinmar von Hagenau und Gottfried von Straßburg ebenso wie das der Mystiker Rulman Merswin, Joh. Tauler und Meister Eckart gewahrt. Zu Straßburg hatte Gutenberg seine erste Buchdruckerpresse gebaut und Martin Schongauer den ersten Kupferstich abgezogen. Im Schrifttume leuchten die Namen von Georg Wickram und Johann Fischarts unvergeßlich und weite Gebiete des heutigen Reiches überstrahlend.

Um so tragischer rächte sich nun 1871 nach der Wiedergewinnung der im Westfälischen Frieden und dem Vertrage von 1783 verlorenen Reichskleinodien am deutschen Gesamtvaterlande, daß zur Zeit der Eroberung des Elsasses durch den festgeschlossenen Nationalstaat Ludwigs XIV. das deutsche Gesamtvolk so staatlos denkend dahingelebt hatte. Der Fall von Straßburg selbst klagt vor der Geschichte weniger den Räuber an, als das Reich, das dem Raube untätig zugeschaut hat. Angesichts dessen und des Mangels an allem Nötigsten hatten die ehrsamen und nüchternen Bürger der alten freien Reichsstadt nur zu tief erkannt, daß es um ihre alte Freiheit übel bestellt sei. Nur widerstrebend hatten sie den Krieg an Frankreich erklärt, nachdem alle Hilferufe beim Kaiser und beim Reichstage und alle Versuche, das Verhängnis durch Verhandlungen mit Frankreich abzuwenden, vergeblich geblieben waren. Viel Freude hat ihnen der Krieg auch nicht bereitet, da Ludwig eine Übermacht von 35 000 Mann gegen sie aufbieten konnte. Als in der Nacht auf den 28. September 1681 die Zollschanze der Schiffbrücke von drei Dragoner-Regimentern eingenommen wurde, war das Schicksal der Stadt entschieden. Am 30. September brach mit der Kapitulation die alte ehrenfeste und behagenvolle Freiheit zusammen, nachdem alles um sie her im Reiche morsch geworden oder in Trümmer gesunken war.

Vergebens hat dann Brandenburg beim Kaiser die Rückgewinnung Straßburgs empfohlen und noch beim Frieden von Rijswick 1697 daran gemahnt. Kehl wurde damals durch Reichsbeschluß an Baden zurückgegeben. Straßburg, die im Volksliede viel besungene »wunderschöne Stadt«, blieb in Räubers Hand. Und König Ludwig, in dem der Tatendrang und die Eroberungslust des französischen Volkes selbst sich verkörperten, ließ auf eine Denkmünze schlagen, daß nun »Gallien von Germanien geschieden« sei.

Die Erinnerung an den von Julius Cäsar geschaffenen Verwaltungsbegriff »Gallien«, der seit dem 12. Jahrhundert in dem ruhmsüchtigen Frankreich immer stärker den Ruf nach dem Rheine als seiner natürlichen Grenze genährt hatte, sollte mit dieser Denkmünze des Sonnenkönigs ihre ewiggültige Erfüllung finden – ähnlich wie 1830 für die Errichtung eines Königreiches »Belgien« in tertianerhafter Angelesenheit einem entsprechenden Begriffe Cäsars der Name entlehnt ist! Erich Marcks »Männer und Zeiten«, S. 119.

Die Masse des Volkes jammerte in Straßburg über Verrat. Louvois selbst, Ludwigs Minister, hat die schimpfliche Lüge verbreiten lassen, der Rat sei von Frankreich gekauft. Kein Wort davon ist wahr. Vielmehr war es die Vorsicht, mit der Ludwig vorging, die dem Rate das unabwendbare Los der alten Stadt zunächst verhältnismäßig erträglich erscheinen ließ. Weder die drei lothringischen Bistümer, geschweige denn das Elsaß und Straßburg, dessen reichsfreie Stellung der König ja zu oft ausdrücklich anerkannt hatte, wurden in das französische Staatsgebiet einbezogen; vielmehr blieben die alten Reichslande zunächst noch durch die Zollgrenze von Frankreich geschieden. So hatte man sich zu Straßburg »darein geschicket in christlicher Gelassenheit« und verhoffend, daß man »ahnestatt der libertaet widerumb den flor der commercien, welche gaentzlichen erliegen, bekommen« werde. Erst die ruhmreiche Republik, die in edeler Gleichmacherei nur eine und unteilbare Freiheit gleichberechtigter, selbstverständlich französischer, Bürger kannte, ist auch über den flor der commercien zur Tagesordnung übergegangen, den Ludwig XIV. und Louvois den ehrsam-nüchternen Handelsherren von Straßburg zu belassen geruht hatten.

Der Vergleich der kaiserlichen Politik mit der nicht nur durch ihre Gewalt, sondern auch durch ihr Verständnis für wirtschaftliche Notwendigkeiten bestechenden Großzügigkeit Ludwigs XIV. mußte für die verlassenen Reichslande umsomehr zugunsten Frankreichs ausfallen, als dies mit der Pracht des Sonnenkönigs auch auf allen Gebieten der Wissenschaften und schönen Künste blendete. Noch heute strahlen Lebruns farbenfrohe Tafeln im Spiegelsaale zu Versailles den Weltglanz des Sonnenkönigs wieder, wie noch heute Watteaus tändelnde Schäferstücke und die verzuckerten Nichtswürdigkeiten des späteren Rokkoko an allen Fürstenhöfen ihre Spuren aufzeigen. Rein Wunder also, daß Frankreich mit dieser verschnörkeltesten aller Modelaunen sogar im Elsaß bis tief in das deutsche Bürgerhaus hineindringen konnte, um dann wieder der »von dieser aristokratischen Schmach befreiten Welt« mit den Adlern der napoleonischen Garden die berauschenden Gedanken der »großen Revolution« in unüberwindlich scheinendem Siegeszuge zu bringen. Wie sie es auch machten, falsch war es nie!

Und welches Recht hätten wir denn auch, gerade dem Elsaß aus der Abschwächung des Staatsgedankens unter der Fremdherrschaft schwere Vorwürfe zu machen angesichts der Zustände im vormärzlichen lieben deutschen Vaterlande mit seinen neununddreißig gefürsteten Republiken und ihrem anmutvollen Widerspiele von Weltbürgerei und Pfahlbürgerei, in dem kein Raum blieb für Pflichten gegen das Vaterland oder wohl gar den Racker von Staat? Wie einsam standen damals die Tapferen, die des verlorenen Wasgaus gedacht haben! Wie einsam insbesondere Geibel, der zur Zeit des Streites um die meerumschlungenen Herzogtümer auch an das Elsaß erinnerte, den Blutrubin in unsres Reichs Geschmeide, und an die Not der Stunde des Verlustes:

»Und dennoch grollen wir mit unsern Vätern,
daß sie, obwohl bis auf den Tod zerspalten,
verloren, was verloren blieb uns Spätern.

Wie sollten wir nun, die wir stark uns halten,
an unsern Enkeln werden zu Verrätern,
das tuend, drum wir unsre Ahnen schalten!«

Und nun gar erst Berlin, dessen Freiheitsrausch den Polen galt und allen möglichen sonstigen »interessanten« Leuten, die damals wie allezeit Englands Geschäfte in Deutschland besorgt haben! Nachdem es im April 1847 infolge der Teuerung nach den Wünschen der geheimen Gesellschaften, deren wohlgekleidete Vertreter sich unter der hungernden Menge herumtrieben, zu Krawallen gekommen war, brach im März 1848 der Jubel der »Freiheit« los. Die Berliner hatten am 18. März mit ihrem Blute die wegen Landesverrates verurteilten Polen befreit. Am 20. März erschien in der »Königlich privilegierten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen« Nr. 67 ein »Extrablatt der Freude«. Die Taten der Barrikadenkämpfer, insbesondere der Polen, Juden, Franzosen, wurden als »heldenmütig« und edel, der Kampf der Truppen unter der Fahne der Königstreue als »grausam, roh, barbarisch« bezeichnet. »Alles focht für den Zweck der allgemeinen Begeisterung« mit einem »Heldenmute, wie ihn Leute, welche die Freiheitskriege mitgemacht haben, nicht herrlicher geschaut«.

Die befreiten Polen haben ihren Dank kurz darauf damit abgestattet, daß sie an der Spitze von Banden in einer östlichen Provinz Preußens die deutschen Einwohner mit Plünderungen und Mord, mit barbarischer Verstümmelung von Frauen und Kindern heimgesucht haben.

»Ich hätte es erklärlich gefunden«, schrieb Bismarck am 20. April 1848 an die »Magdeburgische Zeitung«, die diesen Brief erst später veröffentlicht hat, »wenn der erste Aufschwung deutscher Kraft und Einheit sich damit Luft gemacht hätte, Frankreich das Elsaß abzufordern und die deutsche Fahne auf den Dom von Straßburg zu pflanzen. Aber es ist mehr als deutsche Gutmütigkeit, wenn wir uns mit der Ritterlichkeit von Romanhelden vor allem dafür begeistern wollen, daß deutschen Staaten das letzte von dem entzogen wurde, was deutsche Waffen im Laufe der Jahrhunderte in Polen und Italien gewonnen hatten. Das will man jubelnd verschenken einer schwärmerischen Theorie zuliebe, einer Theorie, die uns ebenso gut dahin führen muß, aus unseren südöstlichen Grenzbezirken in Steiermark und Illyrien ein neues Slawenreich zu bilden, das italienische Tirol den Venezianern zurückzugeben und aus Mähren und Böhmen bis in die Mitte Deutschlands ein unabhängiges Tschechenreich zu machen.«

Wie anders stand vor den Augen der Elsässer das kaiserliche Frankreich, übergossen vom Schimmer der »Prestige-Politik« Napoleons III., mit den Erfolgen der ersten großen Weltausstellung und den bestechenden Einflüssen einer blendenden Oberflächenkultur, deren innere Hohlheit nicht leicht erkannt wurde, solange ihr Nutzen sich in barer Münze ausprägte. Immer noch war auch dies Kaiserreich umwittert von der Legende des großen Korsen, die wachgehalten ward durch so viele elsässische Generäle wie Kleber, Kellermann, Rapp und den zu »Sarrelibre« (Saarlouis) geborenen Ney. Als des beliebtesten dieser Haudegen ehrt Pfalzburg das Denkmal George Moutons, des Siegers von Eßlingen und Erretters des auf der Insel Lobau gefährdeten französischen Heeres. Sein Kaiser hat ihn für diese Tat zum Grafen von Lobau erhoben und Ludwig Philipp hat ihn zum Marschall und Pair von Frankreich ernannt: wieviele wackere Elsässer hat diese Erinnerung in das französische Heer gezogen! Und wie der Soldat trug nach der Auffassung des Provinzlers, als den der Elsässer sich fühlte, auch der Jünger von Kunst und Wissenschaft, insbesondere aber der angehende Schriftsteller den Marschallstab im Tournister. Aus Moutons Geburtsstadt stammt bezeichnenderweise das erfolgreiche Freundespaar Erckmann-Chatrian, daß immerhin etwas wie elsässische Heimatkunst geschaffen hat, wenn auch nach dem Geschmacke der Pariser angerichtet. Aus Nanzig in Lothringen kam Jules Verne nach Paris, wo er in Hetzels » Magasin illustré d'éducation et de récréation« unter dem Titel » Cinq semaines en ballon« jene erste phantastische Entdeckungsfahrt veröffentlichte, die zu der neuen Schrifttumsgattung des naturwissenschaftlichen Romanes geführt hat. Daneben hat sich manches wohlgelittene Zeitungsjüdchen aus der Enge des traulichen alemannischen Kleinstadtlebens hinausgesehnt in die glänzende Welt des weltgebietenden Paris, wo das größte Literaturwunder der Welt seine Schmähbriefe gegen Deutschland schrieb. Es ist bezeichnend, daß Zola alle diese Kleinmeister der prickelnden Geistreichelei liebevoller beurteilt hat, als das Doppelgestirn von Pfalzburg und den Orion von Nanzig: er witterte in den von ganz Paris als »gutfranzösisch bezeichneten« Werken der einen zu viel deutsches Gemüt und in der feurigen Gestaltungskraft Vernes zu viel mosellanischen Schwung. Und mit Recht: denn tatsächlich haben Erckmann und Chatrian nichts Besseres gegeben, als unser alter ehrlicher Hunsrücker W. O. v. Horn (Phil. Friedrich Wilhelm (Örtel) mit seinen »Spinnstuben«-Geschichten und »Rheinischen Dorfgeschichten«.

Unwillkürlich fühlt man bei dem Rückblicke auf diese verlorenen deutschen Kräfte sich gedrungen zu dem Vergleiche mit der vlämischen Bewegung, die so viel tapferer der Verwelschung widerstanden hat. Immerhin hat auch der rheinisch-salische Frankenstamm an der Maas und Schelde manchen begabten Sohn sich der blendenden Lockung von Paris opfern sehn. An dessen falscher Gefühlsschwelgerei und aufgedonnertem Sinnenschwulste, an seiner Beschränktheit der Erfindung, die mit blasser Künstlerhand aus der Not eine ästhetische Tugend machte, sind die meisten dieser Alemannen und Franken künstlerisch zugrunde gegangen, auch Verhaeren, Maeterlinck, Lemonier, de Molder und der ganze Schweif der in französischer Sprache schreibenden Vlamen. Aber auch als Menschen haben die meisten von ihnen ihr Bestes, die eigene Volksseele verleugnet. Der Vlame Maeterlinck, den der im Februar 1917 verstorbene Schmutzschreiber Octave Mirbeau im »Figaro« zur Berühmtheit hinaufgelobt hat, ist einer der widerlichsten Hasser seines eigenen Stammes geworden. Seine Muttersprache, über der es wie ein seiner Schimmer alten Goldes liegt und die mit der Innigkeit des Schriftdeutschen die Bildkraft des Niederdeutschen paart, nannte er eine plumpe grobe Mundart. Und hohnlachend verkündete er Vlaminganten » la Belgique sera latine, ou elle ne sera pas!« Und doch war das Beste seiner Kunst dem mittelniederländischen Volkstume entnommen, insbesondere sein erfolgreiches Werk » la vie des abeilles« dem alten »Het Byenboeck (Bienenbuch). Sein » ornement des noces spirituelles« ist eine oberflächliche Übertragung des herrlichsten Werkes mittelalterlicher Mystik »Die Chierheit der gheesteleker Brulockt« von Jan van Runsbroec. Er aber erklärt, daß er »im Schweiße seines Angesichts gearbeitet habe, um den plumpen Sinnbau von Runsbroec in genießbaren Stil umzuarbeiten«. Mit Recht sagen vlämische Kenner, wie de Woentyne, Dr. Moller u. a., daß Msjöh Materlänk die Innerlichkeit von Runsbroec nicht geahnt habe und nur seine Äußerlichkeiten biete, um zu blenden. Angezogen lediglich von der Farbenglut und Bildkraft seiner Muttersprache, hat er diese in Paris verschandelt und verhandelt – allerdings um den Nobelpreis! Wie hoch steht über diesem Volksverräter Charles de Coster, der freilich ein aufrichtiger Bewunderer des großen Rabelais gewesen ist, aber das Französisch, in dem er sein Kampfbuch »Ulenspiegel und Lamme Goedsack« um der Wirkung auf die weite Welt willen schreiben zu sollen glaubte, mit seinem Zurückgreifen auf altertümliche Wendungen und Formen in vlämischer Kraft verschönt und vertieft und in keiner Hinsicht dem neuzeitlichen französischen Sprach- und Sittenverfalle Zugeständnisse gemacht hat!

In den alten Reichslanden war trotz alledem die Stimme des deutschen Blutes nicht völlig erstickt. In Lothringen wandten sich, wie Petersen in seiner Arbeit über das »Deutschtum in Elsaß-Lothringen« mitteilt, noch im Jahre 1869 zahlreiche Einwohner in einer Eingabe an Kaiser Napoleon um sich darüber zu beschweren, daß man die deutsche Sprache, die ihre Muttersprache sei, aus den Volksschulen zu verdrängen suche. In dieser Eingabe wurde verlangt, man solle die Kinder Deutsch lesen und schreiben lehren und ihnen den Unterricht im Katechismus in ihrer Muttersprache erteilen, der einzigen, die sie allein begriffen und die von den Voreltern seit mehr als zweitausend Jahren ausschließlich und ununterbrochen gesprochen worden sei. Der » Universitaire« hatte behauptet, die in Lothringen übliche Sprache sei ein gräßliches » Patois«, ein Unkraut, »ärger als Dornen und Disteln auf dem Felde«, das den Verstand lähme und die Bewohner unfähig mache, die französische Sprache zu erfassen. Diese Behauptung wurde als beleidigend erklärt und mit Entrüstung zurückgewiesen.

In Straßburg hatte im Jahre 1770 als Marie Antoinette, die deutsche Kaisertochter, mit einer französischen Rede begrüßt werden sollte, die Universität ersucht werden müssen, »einen Herren Professoren zu finden, so der französischen Sprache wohl kundig sei«. Goethe und Jakob Grimm haben den echt deutschen Geist des kernguten alemannischen Schlages tiefbeglückt empfunden. Und die Elsässer selbst haben ihr deutsches Wesen allezeit betont, am stärksten bemerkenswerterweise dann, wenn sie mit amtlicher Verwelschung bedroht waren.

Im Wesen des alemannischen Stammes liegt ein von Grund aus gesundes Sonderbewußtsein, das in mehr als einer Hinsicht Verwandtschaft mit dem des Schweizer Volkes aufweist. Eine gute Strecke Weges ist ja auch in allen geistigen Fragen das Elsaß mit der Schweiz zusammen gegangen, ganz abgesehen vom Sundgau und seiner besonderen Geschichte. Man meint noch heute aus der Widerspenstigkeit des reichsländischen Lebens heraus die »Schweizerkuh brüllen« zu hören, und soweit diese urgermanischen Züge unter dem landläufigen Worte »Demokratie« verstanden sein sollen, könnte man sich gern damit einverstanden erklären. Aber wie in der Schweiz haben leider auch im Elsaß fremde, recht fremde Einflüsse eine verhängnisvolle Rolle gespielt.

Von alledem bemerkte man nicht allzuviel in der Zeit der großdeutschen Bewegung, wie sie durch die Romantiker getragen war. Damals hatte im Elsaß Adolf Stöber in seinem Sange an die Muttersprache die heiligen Laute des Gebetes gepriesen und den Verlust ihrer Fülle empfunden »wie ein Kind, das man gerissen von der warmen Mutterbrust«. Und im Preise des freien deutschen Rheins hatte sein Bruder August sich von keinem Schwaben übertreffen lassen, vielmehr von Straßburg aus nach Baden zu den lieben Höhen der Schwarzwaldberge mit ihren leuchtend stehenden Schlössern ganz im Sinne Arndts hinübergerufen:

Inmitten rauscht der alte Rhein,
der sagt: »Ihr müsset Brüder sein!«

Aber andererseits hat es doch auch in der elsässischen Dichtung schon damals nicht an der Verherrlichung der Doppelstellung gefehlt, die seither dann zur schlimmsten geistigen Hemmung geworden ist. Schon 1850 schlug ein ehrsamer Straßburger Bürger, der im Korbmachergewerbe zu Wohlstand gelangte Christian Hackenschmidt, solche Töne an:

»Wir stehn in zweier Völker Mitte,
sind Frankreich innig zugetan,
gehören durch Gesetz ihm an,
dem deutschen Land durch Sprach' und Sitte,
sind oft verkannt von beiden Seiten,
doch treu erprobt zu allen Zeiten.«

was da in altväterlicher Zurückhaltung ausklang, ist doch schließlich der Stolz auf die Brückenstellung und die geschichtliche Aufgabe eines Kultur-Elsässertumes, das zwei Kulturen in sich vereinigen müsse, die »Doppelkültür« der späteren Herren Blühmangthal und Wetterleh!

Die Reichslande waren unter französischer Herrschaft wahrlich nicht besonders durch Zuvorkommenheit verwöhnt worden. Man behandelte die »elsässischen Querköpfe« als Leute, die nicht wissen, was sie wollen und denen deshalb gesagt werden müsse, was sie sollen. Aber die Präfekten verstanden sich darauf, das Beste der Bevölkerung im Auge zu behalten und auszuführen, nachdem sie vielleicht den Bittsteller, dessen Anliegen ihnen einleuchtete, kurz und höflich-kühl mit dem Bemerken abgewiesen hatten, daß das alles längst ohne sein Zutun bestens in die Wege geleitet sei. Im übrigen ließen sie den Dingen, d. h. der Verwelschung, ihren Lauf.

In dieser hatte die große Revolution, für die man vielleicht gerade deshalb eine so tiefe Liebe bewahrt hat, das Nötigste bereits besorgt. Waren Ludwigs XIV. Intendanten bemüht, die deutsche Frauentracht mit sanftem Zwange zugunsten der entzückenden neuesten Neuheit von Paris zu verdrängen, so traten die überzeugungstreuen Abgesandten des ruhmreichen Konvents herzhafter auf. Sie verboten ganz einfach die »deutsche Mode«, da die Herzen der Bürgerinnen von Straßburg französisch seien. Und die Bürgerinnen verstanden schon: im Zeitalter der Freiheit und des vergötterten Fallbeiles!

Die Regierung des ersten deutschen Statthalters Edwin v. Manteuffel hatte bei allem ersprießlichen Wirken für das Land mit ihrem andauernden und weitgehenden Liebeswerben durchaus gegenteilige Erfolge gezeitigt. Zurückhaltung war um so mehr geboten gewesen, als in der Nationalversammlung von Bordeaux am 1. März 1871 der Elsässer Keller gegen die Abtretung seines Heimatlandes an das wiedererstandene Deutsche Reich Verwahrung eingelegt und diese Verranntheit entsprechende Zustimmung damit gefunden hatte, daß bei Gutheißung des Friedensvertrages durch die französische Volksvertretung die sämtlichen Abgeordneten der von Frankreich abgetretenen Lande eine Erklärung abgaben, in der es hieß: »Die Zurückforderung unserer Rechte bleibt für immer Allen und Jedem in der Form offen, die uns unser Gewissen eingeben wird.« In dieser Auffassung hatte sich auch nichts geändert, als 1874 die zurückerworbenen Gebiete zum ersten Male zur deutschen Volksvertretung wählen durften. Sämtliche fünfzehn Wahlkreise entsandten »Protestler« und diese gaben am 10. Februar 1874 in Berlin eine Erklärung ab, in der eine Volksabstimmung über die weiteren Schicksale des zusammengelegten »Elsaß-Lothringens« verlangt wurde.

Bei dieser Sachlage war die Umwerbung der »Notabelen« sicherlich der verkehrte Weg zur Festigung des deutschen Ansehens. Friedrich Althoff hat in einem Briefe vom September 1880 die Gründe der allgemeinen Unzufriedenheit treffend dargelegt, insbesondere in dem Hinweise auf die »Bevorzugung solcher Leute, die wir als Feinde der deutschen Sache betrachten müssen«. Er schreibt:

»Der Statthalter hält alle die lügnerischen Redensarten für bare Münze. Ich habe ihn selbst äußern hören, er müsse doch dafür sorgen, daß wir bei einem Kriege mit Frankreich eine wohlgesinnte und zuverlässige Bevölkerung hinter uns hätten. Ein höherer Generalstabsoffizier, der zugegen war, sprach nachher seine Verwunderung über diese Illusion aus, indem er hinzufügte, der erste Schritt im Falle eines Krieges würde es sein müssen, fast sämtliche einheimische Vertrauensmänner des Statthalters einzustecken.«

Fürst Hohenlohe, der spätere Reichskanzler, der nach Manteuffels 1885 erfolgtem Tode zum Statthalter ernannt wurde, war bemüht, durch gelassene und deutliche Abwehr der Französlingswirtschaft das deutsche Ansehn zu wahren, und seinem Nachfolger und Vetter Hohenlohe-Langenburg mag das noch mehr am Herzen gelegen haben. Tatsächlich hat die Hohenlohesche Politik ja auch 1887 zur ersten schweren Niederlage der »Protestler« geführt.

Aber auch unter ihm trat notgedrungen das neue Reich als lästiger Erzieher zu unbequemer Pflicht auf, von der man im Wasgau unter napoleonischer Kültür nichts gewußt hatte, ohne daß wir das Wiedererstarken Frankreichs in den Augen der Bevölkerung verhindern konnten.

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