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Wie kam es doch?

Fritz Bley: Wie kam es doch? - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWie kam es doch?
publisherErich Matthes
year1918
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171204
projectide15dc5a9
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Politische Wechselströme.

 

»Man kann ja sagen, daß es für den Frieden nicht förderlich ist, wenn Frankreich die Sicherheit habe, daß es unter keinen Umständen angegriffen wird, es mag tun, was es will. Ich würde noch heute, wie 1862 in der Luxemburger Frage, Eurer Majestät niemals zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn bald beginnen werde; man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen. Aber es ist auch nicht nützlich, dem Gegner die Sicherheit zu geben, daß man seinen Angriff jedenfalls abwarten werde

Bismarck an den Kaiser 13. 8. 75.

 

Die verhängnisvolle Neigung unsres Volkes, sich in Fragen der Außenpolitik einzustellen nach Zuneigung oder Abneigung gegen die Parteien des feindlichen Auslandes, ist naturgemäß im besonderen die Quelle unsrer Leiden in den Reichslanden geworden. Die unerfreuliche Schärfe der Wahlkämpfe, denen wir den immer noch währenden Reichstag von 1912 verdanken, ließ dort die trübe Gärung der von französischer Seite aufgehetzten Widerspenstigkeit in üblen Blasen aufquellen, wie beide Bewegungen dann in dem Zabernschen Unfuge zusammengewirkt haben, steht in frischer Erinnerung. Es kann aber doch nur verstanden werden aus den Irrtümern heraus, von denen Fürst Bülow bei der Blockpolitik und insbesondere den Wahlen von ausgegangen war. Die Übergriffe der Demokratie, leider auch des entsprechenden Zentrumsflügels, hatten sich damals namentlich auf kolonialpolitischem Gebiete bis zur Unerträglichkeit gesteigert, wesentlich doch wohl auch unter dem Einflusse englischer Aufsätze, wie z. B. jenes im »Spectator«, der einen Unterschied zwischen der deutschen Regierung und dem deutschen Volke behauptete und meinte, das Wohlwollen des letzteren sei wertlos, weil es zu wenig zu sagen habe; man müsse daher entweder eine Änderung der deutschen Politik verlangen, oder aber eine andere Reichsverfassung, die » dem Volke eine bessere Aufsicht über die äußere Politik des Reiches gestatte«. Insbesondere der Herr Abgeordnete Erzberger erwies sich damals als besonders eifriger Führer des Verleumdungsfeldzuges gegen verdiente Männer, was ihm mindestens in dem Falle Pöplau übel bekommen ist. Dieser frühere Geheimsekretär im Auswärtigen Amte, der im Verein mit Herrn Wistuba monatelang die öffentliche Aufmerksamkeit unliebsam beschäftigte, ist zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und das Erkenntnis stellt fest, daß es sich bei den von Pöplau an Herrn Erzberger übergebenen Schriftstücken um solche gehandelt hat, deren Bekanntgabe gegen das Interesse des Staatswohles war, daß die Schriftstücke Pöplau amtlich anvertraut waren und rechtswidrig Herrn Erzberger ausgeliefert sind. In diesem Falle Pöplau hat Herr Erzberger sein Zeugnis in seiner Eigenschaft als Abgeordneter verweigert, was selbstverständlich unberechtigt ist, aber damals auch von dem Abgeordneten Ablaß in demselben Prozeßverfahren versucht wurde. Nach der »Pommerschen Tagespost« würde ein anderer Fall sehr viel schlimmer liegen, der den beim Generalleutnant Reim verübten Diebstahl von Briefen und deren durch Herrn Erzberger bewirkte Auslieferung an den »Bayrischen Kurier« betrifft. Der Dieb hat nicht festgestellt werden können, Herr Erzberger aber soll nach der genannten, bislang unwidersprochen gebliebenen Quelle seine Zeugenaussage unter der Begründung verweigert haben, daß er fürchte, sich selbst als strafbar der gerichtlichen Verfolgung auszusetzen. Dazu kam der immer unerträglicher werdende Druck, den die Herren Erzberger und Roeren, letzterer insbesondere in dem Falle Wistuba, auf die Kolonialabteilung und andere Abteilungen ausübten. Den dagegen im ganzen Lande sich erhebenden Unwillen wollte Fürst Bülow dazu benutzen, das Zentrum zu schwächen, um damit auch der Demokratie Abbruch zu tun. Der Börsenliberalismus ging mit besonderem Eifer auf diese Politik ein in der Hoffnung, die Drehscheibe zu werden, die sich bald auf die Sozialdemokratie, bald auf die Rechte und das Zentrum hin einstellen und so nach beiden Seiten hin den Ausschlag geben könne. Tatsächlich hat er damals nach dem Eingeständnisse seiner Führer gute Ernte in seine Scheuern eingebracht, insbesondere die »Wiederherstellung von Treue und Glauben«, wie höchst bezeichnenderweise das Terminspiel, d. h. das nicht auf Lieferung, sondern lediglich auf Zahlung des Preisunterschiedes gerichtete Spekulationsgeschäft, an der Börse benannt wurde, wie wenig aufrichtig das damalige Frohlocken über die Niederlage des Zentrums als der maßgebenden Partei auf seiten der hochlöblichen Börse gewesen ist, bewies die Haltung dieser Linken bei den Wahlen von 1912. Die Nationalliberalen hatten bei diesen wiederholt nach einer neuen Auflage der Bülowschen Blockpolitik gerufen, aber die Eingeweihten von Freisinn winkten ab, und so überließ Herr Bassermann der Linken die Zusammenstellung der Sturmtruppe, die der Sache der neuen Freiheit eine Gasse brechen sollten.

Meminisse juvabit!

Der Keim zu alledem ist freilich nicht damals erst gelegt. Er war schon im Oktober 1909 deutlich geworden bei dem Ferrer-Rummel Siehe »Der schlimmste Feind.« S.118 ff., dessen Zusammenhänge mit der hetzerischen Tätigkeit des Großorient von Frankreich über allen Zweifel klarliegen. Für den rückschauenden Beobachter wirkt dies heute wie eine Sonde in die Wunde aller jener Leiden, die dann in den Wahlen vom Januar 1912 so klar vor der Welt ausgebreitet wurden. Ihr Ergebnis trat bereits bei den Stichwahlen deutlich hervor. Die Konservativen waren redlich, und, wie sie mit der Wahl des Fortschrittlers in Halle bewiesen haben, unbeirrbar bemüht, unter den bürgerlichen Parteien eine Verständigung über gemeinsames Handeln gegenüber der Sozialdemokratie herbeizuführen. Aber der geschäftsführende Ausschuß der Volkspartei erklärte sofort als Ziel des Wahlkampfes auch für die Stichwahl »die Zertrümmerung des schwarzblauen Blocks«, und zwar unter der außerordentlich tief blicken lassenden Losung »Keine Stimme für ein Mitglied der deutschkonservativen Partei, Reichspartei, des Zentrums, der wirtschaftlichen Vereinigung oder einer anderen antisemitischen Gruppe!« Der Sinn dieser Losung und die Bedeutung der im Hintergrunde wirkenden Kräfte kam unzweideutig darin zum Ausdrucke, daß der Volksmund diese Wahlen als die »Judenwahlen« bezeichnte. Ihr Ergebnis war, daß 110 Sozialdemokraten in den Reichstag kamen, dessen stärkste Fraktion sie damit wurden. Die Fortschrittspartei selbst hatte bei der Hauptwahl es nicht einmal zur Fraktionsstärke bringen können und konnte nur auf sozialdemokratischen Krücken in Stärke von 42 Mann in den Reichstag einziehen. Der Fortschritt hatte sich nach Bismarcks Worte wieder einmal als eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus und als dessen Bodenbereiter erwiesen. Trotzdem waren seine »kühnsten Erwartungen übertroffen«. Die längst bestandenen Wechselbeziehungen zwischen der Demokratie und dem Großbankentume traten damals zum ersten Male aller Welt vor Augen.

Nur allzusehr erinnern diese Zusammenhänge an den ewigen Jahrmarkt des Lebens aller Zeiten und Völker und insbesondere an die griechische Heimat und Kindheit des Begriffes »Demokratie«, sowie an die Gleichmacherei von 1789 die Frankreichs ganze Geschichte wegdachte und weder Stände noch Berufe, noch sonst irgendein wirtschaftlich Gewachsenes und Gewordenes mehr kennen wollte, sondern nur noch das eine und unteilbare Frankreich. Dies wesenlose Luftgebilde schuf sich dann freilich notgedrungen wieder ein fleischgewordenes Abbild in der gesetzgebenden Versammlung von 1791, die das bemerkenswerte Glück hatte, unter 749 Mitgliedern 300 Advokaten zu den Zierden ihrer Beredsamkeit zu zählen. In welchem Widerspruche steht diese ganze Einrichtung der sogenannten »repräsentativen Verfassungen« zu den in Wahrheit volkstümlichen Gemeinschaftsformen der Germanen und ihrer Selbstmündigkeit, wie sie sich von ältester Zeit her noch in das Mittelalter hineingerettet hatte und in der englischen Verfassung zu gutem Teile noch heute lebt! Und wie blindwütig übersieht man in unsern Tagen, daß unsre auf französischem Boden stehende Verfassung den ständischen Bedürfnissen der Gegenwart, wie sie in den Gewerbegerichten und Berufskammern zum Ausdrucke kommen, so gar nicht entspricht! Wohin es führen mußte, das Verfassungsleben freizuhalten von jeder Einmischung der Stände und Berufe, die doch gerade das beste Urteil haben, beweist als echteste Erbin von 1789 die heutige französische Advokatenrepublik, deren Volksvertreter den Teufel nach dem Volke und seinen Rechten fragen, das sie vertreten sollen und jederzeit für politische Aufsichtsratsposten zu verraten bereit sind.

Auch in Deutschland konnte zu der hier in Rede stehenden Zeit die bürgerliche Demokratie sich bei ihrem mit der Sozialdemokratie für das ganze Reich geschlossenen Wahlabkommen von vor dem Vaterlande in keiner Weise rechtfertigen. Die Linke war und blieb die Erbin jenes »freisinnigen« Geistes, aus dem heraus Herr Theodor Barth 1891 den Wählern von Geestemünde erklärt hatte, daß er lieber einen Sozialdemokraten als Bismarck wählen würde! Auch die Sozialdemokratie hatte sich nicht etwa geändert, im Gegenteile ihre revolutionären Ziele unumwunden verkündet. Hatte doch Herr August Bebel noch am 17. August 1904 auf dem Internationalen Kongresse zu Amsterdam in einer höchst lehrreichen Deutlichkeit den Franzosen folgendes zugerufen:

»Ihr Franzosen seid stolz auf euere Tradition. Nun, das Stimmrecht gab euch der Mann des Staatsstreiches, die Republik die deutsche Reaktion, die euch ein Sedan verschaffte und Napoleon in Wilhelmshöhe zur Ruhe setzte. Ich wäre ganz zufrieden, wenn wir auf dieselbe Weise zur Republik kämen

Gleich rückhaltlos hatte der, auch 1917 wieder in Stockholm überaus rührige, Herr Ledebour in Übereinstimmung mit anderen Parteiführern am 26. November 1910 die Erklärung abgegeben,

»daß die Sozialdemokratie auch in Deutschland eine republikanische Partei sei und daß auch ihr Programm die Errichtung einer deutschen Republik sei, d. h. also Abschaffung des deutschen Kaisertums und die Absetzung des Königs von Preußen und aller deutschen Bundesfürsten.«

Weniger offen, aber nicht minder deutlich hatte Herr Philipp Scheidemann in seiner sozusagen diplomatischen Art in einer Massenversammlung zu Paris 1912 erklärt:

»Wir wollen keinen Krieg! Und gegen jene, die versuchen, uns in die Bestialität hinabzustoßen, werden wir uns wehren mit dem Mute der Verzweiflung. Die deutschen Arbeiter, die deutschen Sozialdemokraten achten und lieben euch, Proletarier und Sozialisten Frankreichs, als ihre Brüder! Sie wollen nicht auf euch schießen, sie wollen euch vielmehr als Freunde und Bundesgenossen begrüßen! Unser Feind steht anderwärts: er steht dort, wo der eure steht. Laßt uns gemeinsam in den Kampf ziehen, Kameraden: für die Freiheit der Arbeit und für den Frieden der Welt!«

Die »Zeit am Montag« vom 23. November 1912 war von dieser vorsichtigen Ausdrucksweise über die Massen entzückt und wies mit besonderer Genugtuung darauf hin, daß Herr Scheidemann sich mit gutem Grunde auf diese Erklärung habe beschränken können, denn eines Tages werde die internationale Demokratie in der Lage sein, der befreit aufatmenden Welt zu verkünden: »Wir werden keinen Krieg mehr führen und werden auf keinen Feind mehr schießen!« Wenn die Entwicklung, deren Anzeichen sich immer deutlicher bemerkbar machen, noch weiter fortgeschritten sein werde, dann werde »diese Äußerung nicht mehr den strafbaren Tatbestand des Hochverrates darstellen«.

Das ist Herr Scheidemann, dem der Urheber des Wortes von der Entwicklung, die nicht stille steht, solange sein staatsmännisches Vertrauen geschenkt hat, bis die Entwicklung über ihn selbst zur Tagesordnung übergegangen ist, um zu beweisen, daß sie nicht stille steht!

Konnte man sich nach alledem wundern, daß das »Berliner Tageblatt« Ende Februar 1912 nach diesem glorreichen Erfolge sofort die Forderung erhob, daß man nun endlich »an den Ausbau der konstitutionellen Garantien denken« und daß dem Kaiser auf seine Thronrede eine deutliche Antwort in Gestalt einer Adresse überreicht werden müsse, in der ihm »der Umschwung der öffentlichen Meinung, der durch die Wahl dokumentiert ist«, verdeutlicht werden solle?

»So ergibt sich die Forderung von selbst, dem Kaiser zu sagen, was der Reichstag im Interesse der fortschreitenden Entwickelung für angebracht hält. Der Kaiser kann bisher mit Recht einwenden: Ich weiß ja gar nicht, was die Herren wollen. Nun wohl, der Reichstag möge es ihm sagen und sich dazu der Mittel bedienen, die ihm seine Geschäftsordnung gewährt.«

Dies Blatt, das in dem seltsamen Widerstreite zwischen der Sozialdemokratie und ihren sogenannten Todfeinden vom Großkapital die Rolle der lustigen Person spielt, dürfte am besten Bescheid wissen über den Punkt, an dem diese Gegner sich so oft verständnisvoll zusammenfinden. Zuweilen aber enthüllt sich doch auch der Welt unzweideutig ihr gemeinsames Belangen. Klar trat dies 1912 hervor in der Wegsteuerung des Mittelstandsvermögens. Das Großkapital fürchtete die Erbschaftssteuer keineswegs und die Sozialdemokratie begrüßte in ihr den Anfang zur Herabdrückung des Mittelstandes in das Proletariat. Unter den gleichen Gesichtspunkten ist auch das beiderseitige Bestreben zur Demokratisierung des Landtags-Wahlrechtes zu beachten: denn einerseits würde dies den Besitz des Mittelstandes an die Willkür der nicht am Verluste beteiligten Sozialdemokratie ausliefern und andererseits werden durch diese Ausplünderung und damit verbundene Minderung des Gesamtvermögens die Gemeinden zu immer höheren Steuersätzen, wiederum auf Kosten der ewig Geprellten, gezwungen. Die Krönung dieser einseitigen Klassenherrschaft bedeutet das sozialdemokratische Bestreben, immer weitere unserer unteren Klassensteuerstufen von der Erhebung der Steuer zu befreien. Garnichts zahlen und über das Einkommen der Anderen verfügen, zugleich mit ihrem Vermögen ihren politischen Einfluß und das eine Ansehen der Monarchie zerstörend schwächen: in der Tat nette Auslegung vom preußischen »Jedem das Seine!«

Die sogenannte bürgerliche Demokratie hat auch damals sich als Schutztruppe des Großkapitalismus und Vortrupp der Sozialdemokratie bewährt: selbst bei den Straßenkämpfen, die seit 1910 in wachsender Heftigkeit unter der Losung »Das Recht auf die Straße« seitens der Sozialdemokratie geführt wurden in der unverkennbaren Hoffnung, die Polizei und die sonstigen Staatsbehörden einzuschüchtern und für politische Zugeständnisse mürbe zu machen! Die Brandreden der Herren Wiemer und Naumann im Friedrichshain, die fortgesetzten Berufungen der fortschrittlichen Presse auf das Urteil des Auslandes, das doch gerade selbst damals unter Massenstreiks und Apachenkrawallen hinreichend litt, und alle die altbekannten üblen Gepflogenheiten vormärzlicher Herkunft konnten nur zur Verdüsterung unseres Geschickes und Verstärkung der Kriegsgefahr beitragen. Auch die schlimmste Seite der Sozialdemokratie, ihr Haß gegen die Wehrkraft des Vaterlandes, wirkte in dieser Richtung.

+++

Wie üblich gefiel die sozialdemokratische Presse sich darin, alle noch so unerträglichen französischen Herausforderungen nach alter übler Weise zu beschönigen und stattdessen über »die Aufregung unsrer Hetzpatrioten, leider auch der liberalen, sogar der freisinnigen Presse« zu schimpfen. Im April 1913 waren zu Nanzig zwei Thüringer Kaufleute, sowie einige Frauen und Herren aus Metz von den sogenannten Gebildeten der lothringischen Stadt überfallen und in unbezeichenbarer Weise mißhandelt. Nachdem man sie auf dem Bahnhofe bis zur Willenlosigkeit mit Stöcken geschlagen hatte, zwang man sie, französische Offiziere zu grüßen, sich auf die Knie zu werfen und Abbitte zu leisten, während man ihnen Schinken, Brot und Wurst in den Hals schob. Nicht nur die »France militaire«, sondern auch die der Regierung nahestehende »République Francaise« beschuldigten gleichwohl die Deutschen der Herausforderung. Das letztere Blatt schrieb:

»Es gibt nur eine Art, auf diese deutschen Provokationen zu antworten, stark zu werden, um Deutschland zu entmutigen, wir müssen Respekt einflößen, uns für alle Möglichkeiten bereit halten. Niemals war es klarer als heute, daß man stark sein muß, um Frieden zu haben.«

Auch die unerfreulichen Vorgänge bei der Landung des Z. IV in Lüneweiler, die zu einer vollständigen Auskundschaftung des niedergegangenen Schiffes geführt haben, und ihre Behandlung durch unseren Botschafter Herrn v. Schön hätten selbst die sozialdemokratische Presse veranlassen müssen, den Franzosen die Innehaltung der schlichtesten Höflichkeitspflichten zum Bewußtsein zu bringen. Stattdessen mußte man im »Vorwärts« lesen:

»Daß nur eine Handvoll dummer Jungen den Skandal in Nancy verursachte und daß selbst die chauvinistische Presse Frankreichs den abgeschmackten Chauvinistenstreich aufs schärfste verurteilt, kümmert unsere Hetzpatrioten und Rüstungsinteressenten samt ihren liberalen und fortschrittlichen Handlangern nicht im geringsten. Für sie ist Frankreich, wo all die Jahre hindurch Hunderttausende deutscher Gäste die liebenswürdigste Aufnahme gefunden haben, jetzt zu einem ›wilden Lande‹ geworden, gegen dessen unerhörte Exzesse und dessen bedrohliche Angriffslüsternheit der deutsche Michel sich mit einem doppeltschweren Küraß und doppelt großen Sarraß umpanzern und umgürten muß!«

Als Auswirkung dessen hatten wir zu verzeichnen, wie das von London und Paris bediente »Nowoje Wremja« ganz im Geiste der amtlichen französischen Schäbigkeit und Eitelkeit in den Berichten über einfachste Vorgänge des diplomatischen Verkehrs Anmaßungen behauptete, die Herr Cambon oder selbst Herr Théophile Delcassé zu begehen gar nicht gewagt hatten, deren Vermeldung aber in der Welt den Eindruck erwecken sollte, als ließen deutsche Botschafter sich mit französischer Unhöflichkeit behandeln.

Sicherlich versteht man heute in ganz Deutschland und wahrscheinlich auch in den Reichslanden aus diesen Zusammenhängen heraus die Antriebe und eigentlichsten Ursachen der beklagenswerten Zaberner Vorgänge vom November 1913. Wie bald, ach wie bald hat der junge Leutnant v. Forstner, der mit der unbedachten Redewendung von den »Elsässer Wackes« den Anstoß zu dem ganzen Krawalle gegeben hat, sein Blut für das Vaterland dahingegeben, nachdem er mit Auszeichnung geführt hatte! Und wie ist jenes Wort selbst, das ja von »Wasgau« hergeleitet ist, inzwischen in den landestreuen elsässischen Regimentern längst wieder zu Ehren gebracht! General Deimling, der vor dem Kriege von der Demokratie so heftig angefeindete, hat als Führer des XV. elsässischen Armeekorps ausdrücklich festgestellt, daß die Elsässer, Ausnahmen abgerechnet, in allen Schlachten ihre volle Pflicht als tapfere Soldaten erfüllt haben:

»Die vielen, an Elsässer verliehenen Eisernen Kreuze 1. und 2. Klasse eine beredte Spracht. Ganz besonders anerkennend hebe ich die ausgezeichnete Tüchtigkeit und den Schneid der elsässischen Offiziere hervor, unter denen sich zahlreiche Lehrer befinden.«

Aber die wildgewordene demokratische Presse, deren Einfluß damals leider bis weit ins bürgerliche Lager hinein reichte, nahm jenen Zaberner Zwischenfall zum Anlasse eines wahren Ansturmes gegen den preußischen Militarismus, allen voran natürlich die »Frankfurter Zeitung«, deren Schriftleitung man für das Hauptquartier der Heereshetze jener Tage halten könnte, wenn man nicht wüßte, einen wie starken Anteil gewisse elsässische Juden daran hatten.

Wer den Verhandlungen damals gefolgt ist, wird erkannt haben, daß bei allen Ereignissen Persönlichkeiten auf der Bildfläche erscheinen, wie die Arbeiter Aron, Hirsch, Elsensohn und Meyer, der Schreiner Levy, der Kuchenbäcker Simon, der so schwer verkannte Bankbeamte Cahn, der in seinem Rechtsempfinden verletzte Gerichtsrat Kalisch und insbesondere der besondere Held Rechtsanwalt Weill.

Seit die Reichslande wieder zu Deutschland gehörten, sind es vorwiegend Juden gewesen, die planmäßig die Hetze gegen das Reich betrieben haben, obgleich die Erfahrungen, die das Elsaß mit den Juden während der großen Revolution und insbesondere mit dem Heereslieferanten Isaac Hersch-Bär aus Medelsheim gemacht hat, zu besserer Vorsicht hätten warnen sollen. Nachdem diesem entgegen der Verfassung die Genehmigung erteilt war, mit seinen Angehörigen in Straßburg zu wohnen, zog er seine ganze Verwandtschaft dorthin und nannte sich seitdem Cerfberr de Medelsheim. Einer seiner Enkel ist Herr Alfons Cerfberr de Medelsheim, der 1879 eine haßerfüllte » Biographie alsacienne-lorraine« geschrieben hat. Nach einer Mitteilung im 2. Hefte der jüdischen Zeitschrift »Im Deutschen Reich« haben »eine sehr große Anzahl jüdischer Familien in Elsaß-Lothringen heute noch zum Teil sehr nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu Ministern, Generälen, Präfekten u. a. m. der jetzigen französischen Republik«. Ein großer Teil von diesen gehört der A. J. U. an, sowie den mit dem Großorient von Frankreich in Beziehung stehenden Logen.

Bei dieser Sachlage kann es nicht wundernehmen, daß die elsässische Presse in das Feuer der Zaberner Krawalle hineingeblasen hat, anstatt zur Ruhe und Ordnung zu ermahnen. Am 8. November 1913 kam es in der Hohbarrstraße zu jener Zusammenrottung schreiender, schimpfender und steinwerfender Massen, gegen die die bürgerlichen Behörden vollkommen versagten, so daß selbst der herbeigeeilte Oberst von Reuter nicht imstande war, die Menge zu beruhigen. Selbst das Eingreifen der Feuerwehr blieb wirkungslos, da die Schläuche zerschnitten wurden. Erst ein mit geladenem Gewehr ausgerückter Zug, der mehrere Verhaftungen vornahm, konnte Ruhe schaffen. Aus dem Sumpfe von zertretenem Pflichtbewußtsein, Wahrheitsmangel und Gewissenlosigkeit jener Tage, aus dem Johlen, Pfeifen und Schimpfen verhetzter Massen ragte die Persönlichkeit des Oberst von Reuter wie die erzgewordne Verkörperung des Geistes von Tauroggen auf, dessen Schatten damals über allem deutschen Leben schwebte. Keine höhere Ehre hat ihm widerfahren können, als die Ungezwungenheit, mit der nach dem Urteile vom 10. Januar 1914 die demokratische Presse seinen Freispruch begrüßt hat. Allen voran das »Berliner Tageblatt«:

»Die Aufnahme des Urteils wird in ganz Elsaß-Lothringen die allerungünstigste sein, und der Landtag wird nächsten Dienstag das Sprachrohr des beleidigten aber ohne Sühne bleibenden Volkes werden. Nur einen Vorteil hat der Prozeß gebracht: die Verhandlung hat aller Welt gezeigt, daß ein solches System nicht länger beibehalten werden darf. Der Oberst selbst ist durchaus ein Ehrenmann in seiner Art, ein einheitlicher und ganzer Charakter, aber im modernen bürgerlich-demokratischen Verfassungsstaat ist seine Auffassung unerträglich. Diese, alle Rechtssicherheit einfach abschaffende Auffassung aber ist die herrschende im Militär, und daß das Urteil des Kriegsgerichts sie sanktioniert, muß alle, die noch einen Sinn für Recht und gesetzliche Bürgschaft haben, zum entschlossenen Kampf gegen solche Zustände zusammenführen.«

Das Bemerkenswerteste an diesen Bekenntnissen war der Rückzug, den das B. T. B. vor dem »in seiner Art einheitlichen und ganzen Charakter« des »Ehrenmannes« nahm, den es bis dahin ganz anders behandeln zu dürfen geglaubt hatte. In dem Berichte über den ersten Verhandlungstag stand nämlich zu lesen:

»Oberst von Reuter trug seine Aussagen mit einer solchen Wucht und einer solchen Bestimmtheit vor, daß man wirklich im ersten Augenblick geglaubt haben kann, so und nicht anders müßten sich die Vorfälle abgespielt haben. Mit Schärfe richtet er seine Anklagen gegen die Bevölkerung und die Zivilverwaltung. Wenn die Vorfälle sich wirklich so abgespielt hätten, wäre das Militär vielleicht nicht allzu schuldig. Dieses große »wenn« wird aber durch die weitere Verhandlung geklärt werden müssen. Und es bedarf sehr dieser Klärung. Im Mittelpunkt der Aussagen des Oberst steht die Behauptung, daß die Zivilverwaltung durchaus versagt, die Bevölkerung sich aber von jeher feindlich dem Militär gegenüber verhalten habe. Der Oberst beginnt seine Aussagen mit der Erklärung, daß er die Verantwortung für alles, was Offiziere und Mannschaften getan haben, voll übernehme. Er versichert auch, daß er mit voller Sympathie für das Elsaß und seine Bevölkerung nach Zabern gekommen sei. Aber im völligen Gegensatz dazu stehen seine übrigen Aussagen, die von dem Grundgedanken ausgehen, daß die Bevölkerung dem Militär gehässig gesinnt sei, daß das Militär gegen die Beschimpfungen seitens der Bevölkerung nicht geschützt werde und auch bei dem Gericht keine Gerechtigkeit finden würde. Die Anklagen, die der Oberst gegen die elsaß-lothringischen Richter schleudert, die er in einen Gegensatz zu den preußischen Richtern stellt, und die Anklagen, die er gegen die Zivilverwaltung richtet, finden im Saale wenig Glauben, besonders, da der Oberst auch der Ansicht ist, daß sogar die Postverwaltung in Zabern mit gegen das Militär im Bunde sei. Der Oberst geht ersichtlich von der einseitigen, vorgefaßten Meinung aus, daß sich alles wider das Militär verschworen habe. Auch seine Erzählungen, soweit sie die Vorgänge in Zabern vor dem 27. November betreffen, erscheinen zunächst recht fragwürdig.«

Noch heute bleibt es bedauerlich, daß man nicht das gewiß scharf geschnittene Profil dieses Vorkämpfers der Rechtssicherheit, wie seinerzeit in dem Leipziger Falle das des »jungen, aber talentvollen« Herrn Pintus dem Bilde des preußischen Regimentskommandörs gegenüberstellen konnte, an dessen Wort und Ehre er rütteln und deuteln zu dürfen geglaubt hat. Mit Fug und Recht hat der Anklagevertreter im Prozesse darauf hingewiesen, daß eine Organisation ausländischer Schreier in der ganzen Zaberner Sache gelegen habe. Aber auch dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Bilde. Denn genau so wie in Zabern jedes Pfeifen von anderer Seite aufgenommen wurde und jedes pfiffige Gesicht sich dann stockdumm anstellte, wenn es zur Verantwortung gezogen werden sollte: genau so hat sich die demokratische Presse verhalten. Noch nach dem Urteile wagte die »Frankfurter Zeitung« die Behauptung:

»Feststeht, daß die Stadt Zabern sich von jeher durch ein ungewöhnliches Maß von Ordnungssinn und Loyalität ausgezeichnet hat, daß das Verhältnis zwischen Militär in Zabern bis zur Ankunft des Herrn v. Reuter ausgezeichnet war, daß es einer unerhörten Aufreizung bedurft hat, um den Einwohnern dieser Stadt das Blut in Wallung zu versetzen, und daß selbst nach den Provokationen des Militärs die Zivilbevölkerung eine Langmut und Mäßigung an den Tag gelegt hat, die von der Aufgeregtheit des Militärs auffallend abstach.«

Die »Frankfurter Zeitung« machte nicht einmal den Versuch, diese Behauptungen irgendwie zu begründen. Nach alter Gepflogenheit genügte es ihr Stimmung zu erregen, Stimmung, Stimmung! Ich wies damals darauf hin und kann hier nur wiederholen, daß unter Herrn v. Ernsthausen und unter dem Oberpräsidenten von Möller Vorgänge, wie die Zaberner Tage sie gebracht haben, undenkbar gewesen waren, ebenso undenkbar auch unter jedem französischen Präfekten. Der Irrtum hat damit eingesetzt, daß man mit der Austeilung von politischen Rechten begonnen hat, bevor die vom Herrn Reichskanzler noch kurz zuvor ausdrücklich geforderten Bürgschaften für die politische Reife der Bevölkerung auch nur annähernd erfüllt waren. Die Herausforderungen, die sich die » Souvenirs français« und die » Lorraine sportive« gestatteten, konnten doch sicherlich ebensowenig als Beweise politischer Reife gelten, wie die Unterstützung, die den Reden französischer Minister durch die reichsländische Presse zuteil ward. Die Werbereisen, die seitens der Herren Preiß und Wetterlé nach Frankreich unternommen wurden, und die mit ihrer Pflicht gegen Deutschland unvereinbaren Hetzreden, die die Herren dort gehalten haben, sind aber in ihrer Wirkung übertroffen von der seltsamen Art, in der bei der Verhandlung im Deutschen Reichstage der Reichskanzler, Herr v. Bethmann Hollweg, die Haltung des Militärs verteidigte:

»Das Militär ist in dieser Weise eingeschritten in der Ansicht, daß die zivilen Sicherheitsorgane versagt und bei den bisherigen Vorkommnissen ihnen keinen oder keinen genügenden Schutz gewährt hätten. Die Zivilbehörden von Zabern bestreiten dies aufs allerentschiedenste. In dieser tatsächlichen – nicht in der rechtlichen –, in dieser tatsächlichen Frage gehen also die Ansichten der Lokalbehörden schroff einander gegenüber, wer von beiden absolut recht hat, ist mir auf Grund der vorliegenden Untersuchungsverhandlungen nicht möglich zu entscheiden. Ob das in Zukunft möglich sein wird ... das möchte ich dahingestellt sein lassen ... Ich will auch gern den Herren die Gründe angeben, warum ich glaube, daß sich das schwer entscheiden läßt.«

Zum Glücke gab es damals noch einen preußischen Kriegsminister, den Generalleutnant von Falkenhayn, der für sich selbst folgendes erklärte:

»Man hat an mich die Frage gerichtet, wie ich mir die Zukunft Elsaß-Lothringens in gesetzgeberischer Beziehung denke. (Allgemeine stürmische Heiterkeit. Zurufe: Nicht Sie, sondern der Reichskanzler soll es sagen! Andauernder Lärm.) Man hat mich direkt angeredet, ich kann nur über die militärische Zukunft sprechen, wir werden in der Armee schon Ordnung halten können. Darauf können Sie sich verlassen! (Stürmische Heiterkeit und Widerspruch.) Wir streben danach hin, daß der Geist aus den Bevölkerungskreisen auszieht, wie er bis jetzt darin gewesen ist und der zu diesen bedauerlichen Zuständen geführt hat. (Stürmische Heiterkeit.)«

Der Eindruck, den diese, im Verhandlungsberichte verzeichneten Ausbrüche stürmischer Heiterkeit auf das Ausland machen mußte, wurde noch übertroffen durch den inzwischen eingegangenen Antrag Ablaß und Fischbeck:

»Der Reichstag wolle beschließen, festzustellen, daß die Behandlung der den Gegenstand der Interpellation bildenden Angelegenheiten durch den Herrn Reichskanzler den Anschauungen des Reichstages nicht entspricht.«

Dieser Antrag wurde von allen Parteien mit Ausnahme der Rechten unterstützt und die Sitzung schloß mit der Annahme eines Mißtrauensvotums gegen – ja gegen wen eigentlich? – gegen den Liebling der Demokratie, Herrn von Bethmann Hollweg! Die Konservativen waren wieder einmal »allein auf weiter Flur« geblieben im Bewußtsein, daß es in solcher Lage Pflicht ist, sich überstimmen zu lassen. Herr von Bethmann aber gab am 10. Januar 1914 im Herrenhause auf Beratung des Antrages vom Grafen York von Wartenburg über die Wahrung der Stellung Preußens im Deutschen Reiche hinsichtlich der Bundesratsstimmen zu, daß die Bestimmungen, wonach die reichsländischen Stimmen nur gezählt werden sollen, wenn sie gegen Preußen abgegeben werden, das preußische Gefühl an sich verstimmen müsse. Dann aber mit erhobener Stimme: »Dies Preußentum muß unter allen Umständen hoch und unversehrt gehalten werden, nicht gegen das Reich, sondern für das Reich!«

Es konnte nicht ausbleiben, daß infolge dieser von aller Welt bespöttelten Schwäche die Prahlhansereien der »France militaire« und die Herausforderungen in den Reichslanden immer heftiger wurden. Der Held dieser Stimmung war der neue Präsident, der nicht umsonst seit Jahren sein Lothringertum in den Vordergrund seiner Politik gestellt hatte. Jahrelang hatte er in Paris als kleiner Advokat der Rue du Commandant Marchand trotz aller Zungenfertigkeit und journalistischen Nebengeschäfte es weder zu Einkommen noch Ansehen gebracht, bis ihm mit dem Tode seines Großvaters ein kleines Besitztum in der Heimat zufiel. Bald ward er infolgedessen in den Generalrat von Meuse gewählt, wurde als dessen Mitglied Kabinetschef des Ackerbauministers Develle und darauf 1887 Kammerabgeordneter für Vaucouleurs. Im Bewußtsein dieses kleinen Anfängertumes hat er sich anfangs durch korrekte Zurückhaltung unter all den Vordringlichen bemerkbar gemacht, um nunmehr als erwähltes Staatsoberhaupt freilich desto wohliger in prunkvoller Regentenpracht zu schwelgen und desto selbstherrlicher ins Land der Abenteuer hineinzusegeln. Der Tag, an dem er, wenn auch nur an der Marschalltafel, als Gast des Zaren im Winterpalaste gespeist hat, mag ihm wohl heute noch als der Gipfel und Glanzpunkt seiner politischen Laufbahn erscheinen. Die herzbrüderliche Art, in der er zum Schaudern aller Hofkreise seinen Verkehr mit dem Könige von England begann, machte ihn zunächst bei den Franzosen nur beliebter. Das meiste aber hat zu seiner Volkstümlichkeit die deutsche Michelei beigetragen, die insbesondere in seiner Heimat, wo man vordem voller Sorge dem Ausbruche des Krieges mit Deutschland entgegengesehen hatte, den französischen Hochmut überschäumen ließ. Das ganze Leben Lothringens wurde insbesondere durch die mit Leidenschaft politisch betonten Manöver zu einer einzigen Kundgebung der nationalen französischen Entschlossenheit. In der » Marche Lorraine« fand diese ihren bezeichnenden Ausdruck. Ursprünglich hatte dieser altfranzösische Marsch den Namen » Sambre et Meuse« geführt und war als solcher auch den deutschen Regimentern ohne jeden Stempel von Schowinismus bekannt. Nun aber wurde er mit der Unterlegung der » antique ritournelle« von » Jeanne la Lorraine« zur neuen Marseillaise.

Um so eigenartiger berührte, daß die Franzosen nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbrachten, offen einzugestehen, was sie doch in der Maske einer leicht durchschaubaren Heuchelei fortgesetzt einander zuraunten: daß der seit mehr als 40 Jahren erstrebte Rachekrieg mit Deutschland nun seiner Verwirklichung entgegengehe. Fortgesetzt verleugneten sie stattdessen ihre Vergangenheit, beteuerten halbamtlich ihre Unschuld und schworen amtlich ab, daß sie an die Eroberung Elsaß-Lothringens dächten. Erst im Juli 1917 hat endlich einer der ersten französischen Historiker, Edouard Driault in seinem Buche » Les Traditions politiques de la France et les Conditions de la Paix« dargelegt, daß das französische Volk seit 1871 von dem einzigen Gedanken der kommenden Auseinandersetzung mit Deutschland beherrscht gewesen ist, die den Frankfurter Frieden rückgängig machen sollte. Driault gibt die Ursachen, die Frankreich zu einem Kriege mit Deutschland veranlaßt haben, wie folgt an:

»Da Deutschland Elsaß-Lothringen nicht herausgeben wollte, traf Delcassé ein Abkommen mit Italien, England und Spanien, nach dem Spanien das nördliche Marokko, England Ägypten und Italien Tripolis behalten sollten. Dieses ward der Grund zu dem jetzigen Revanchekriege und stimmte mit Eduards VII. Gedanken, das Deutsche Reich zu isolieren, überein. Die panslawistische Politik Rußlands gewann vollen Beifall in England, und Frankreich, da es galt, dem deutschen und österreichischen Handel im Osten Halt zu gebieten. Unsere Diplomatie arbeitete unausgesetzt daran, das Deutsche Reich zurückzudrängen, das allmählich eine starke Stellung auf dem Weltmarkte einzunehmen begann und sich dadurch England zum Feinde machte. Jede Politik, die dazu diente, Deutschland zu schwächen, wurde von Frankreich mit allen erdenklichen politischen Kunstgriffen unterstützt. Durch ein heimliches Abkommen mit Italien wurde der Balkanbund gebildet. England gab den Gedanken, die Dardanellen zu sperren, nach und nach auf und gewöhnte sich an den Gedanken eines russischen Konstantinopels. Schritt für Schritt kam man dem Ziele näher: Deutschland den Hals zuzuschnüren und es ein für allemal zu zwingen, von seinen handelspolitischen Expansionsplänen abzustehen. Nur ein Krieg konnte Deutschland von dem Griff, der es zu erdrosseln drohte, befreien. Darum können die deutschen Staatsmänner mit Recht behaupten, daß die Initiative, Deutschland zu schwächen und zu verkleinern, von Frankreich ausgegangen ist. Wir führen einen Revanchekrieg

Inzwischen wissen wir aus den vom feindlichen Verbande veröffentlichten gemeinschaftlichen Kriegszielen ja auch, daß die Rache für Elsaß-Lothringen nur der erste Schritt auf dem wiederum gesuchten Wege an und über den Rhein sein sollte. Auch die Reden des Ministerpräsidenten Ribot von Frankreichs »Ansprüchen« auf das linke Rheinufer und von einem selbständigen Pufferstaate, der zum Schutze von Frankreich und Belgien errichtet werden soll, beweisen dies klar und unzweideutig. Noch immer wird das Sehnen und Trachten des ruhmsüchtigen Frankreich beherrscht von der Vorstellung, die Richelieu, den Schöpfer des französischen Einheitsstaates und Meister Ludwigs XIV., geleitet hat: daß ein zerrissenes und ohnmächtiges Deutschland die natürliche Voraussetzung für Frankreichs kraftvolles Aufblühen sei.

Wie seitdem alle französischen Regierungen immer wieder den Versuch gemacht haben, die Ostgrenze bis zum Rhein oder darüber hinaus vorzuschieben, so lockte auch jetzt aus wirtschaftlichen Gründen das Saar- und Ruhrgebiet zur Errichtung eines neuen Königreiches Westfalen. Und die reichsländischen Kalischätze, die uns ein Monopol auf diesen wertvollen Dünger geben, der die Rechnung unsrer Feinde auf unsere Aushungerung hat zuschanden werden lassen, sind an sich schon ein hinreichender Grund für die Wiederherstellung eines Rheinbundes nach dem Muster der von Ludwig XIV. und Napoleon erstrebten Knechtschaftsstaaten.

Auch England würde heute im Falle eines militärischen oder auch nur diplomatischen Sieges Wert auf Vernichtung unsres westdeutschen Wirtschaftslebens durch Frankreich legen, zumal es sich ja in Calais und Belgien dafür schadlos halten zu können hoffte. Im Jahre 1870 freilich hat es anders gedacht. »Daily News« z. B. wiesen schon am 20. August unmittelbar nach den großen Schlachten vor Metz darauf hin, daß Deutschland von Frankreich eine »materielle Bürgschaft gegen einen ähnlichen Angriff« fordern müsse.

»Es fragt sich aber nicht mehr, ob die Deutschen das Elsaß nehmen oder vielmehr zurücknehmen werden, sondern ob sie es, nachdem sie es genommen haben, wieder herausgeben werden. Vor beinahe 200 Jahren hat es Ludwig XIV. gestohlen. Verjährung mag den Diebstahl decken, aber sie deckt nicht die Berechtigung der Wiedereroberung. Die Bevölkerung des Elsaß ist deutsch durch die Abstammung, Sprache und Lebensweise. Die Novellen von Erckmann-Chatrian beschreiben gesellige Zustände und Denkungsart charakteristisch deutsch, als ob das Elsaß auf badischer Seite des Rheins läge ... Wie die Elsäßer über einen solchen Wechsel denken würden, ist nicht leicht zu mutmaßen. Sie waren stolz auf ihre Zusammengehörigkeit mit der großen Nation, welche bisher den höchsten Rang auf dem Festlande innehatte. Sie brauchen aber nicht weniger Stolz darauf zu sein, von einer noch größeren Nation ihres eigenen Blutes und ihrer eigenen Zunge wieder aufgenommen zu werden.«

Am 31. August bezeichnete das englische Blatt das deutsche Heer als ein Verteidigungsheer, das nicht mit Leichtsinn den Säbel um die Hüfte schnalle. Die Geschichte Frankreichs, des Feuerbrandes von Europa, singe ein anderes Lied:

»Gerade in den jetzigen Krieg noch zog Frankreich aus, um Hand an alles zu legen, was ihm unter die Finger kam, und es ist kaum zu bezweifeln, daß, wäre ihm der Sieg zugefallen, der Kaiser mit seinen Ratgebern nicht die Kraft gehabt hätte, dem Geschrei des Volkes sich entgegenzustemmen und nicht zur Einverleibung Belgiens zu schreiten.«

Am 8. September nach dem Zusammenbruche des Kaiserreiches erklärten die »Daily Nervs«:

»Frankreich hat seine Regierung gestürzt, nicht weil sie den Krieg angefangen hat, sondern weil sie Unglück hatte und die Deutschen ins Land brachte, statt die französischen Waffen nach Deutschland zu tragen. Das deutsche Volk fühlt natürlich und notwendig, daß jetzt, wo der Feind bei einem Angriffsversuch geschlagen worden ist, der Augenblick gekommen ist, sichere Bürgschaften für die Folgezeit zu nehmen. Es hat das Recht auf solche Bürgschaften erworben.«

Die reichsländische Regierung hat sich inzwischen, nachdem sie vor den Ernst der Entscheidung gestellt war, längst auf ihre Pflicht und ihre Geschichte besonnen. Die Präsidenten beider Kammern, sowohl Dr. Hössel als Dr. Ricklin, haben in ihren Erklärungen vom Juni die in Frankreich von der Zensur unterdrückt sind, nach Pflicht und Gewissen versichert, daß das elsaß-lothringische Volk nichts anderes erstrebe, als in seiner unlösbaren Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche seine Zukunft zu pflegen und zu fördern.

Die Hetzer der voraugustischen Tage vom Schlage der Blumenthal und Wetterlé haben bei Ausbruch des Krieges den deutschen Staub von ihren Füßen geschüttelt. Manchem armen Teufel, den sie betört haben, ist es schlimmer ergangen. Aber es kann nicht ausbleiben, daß die heutigen Maßlosigkeiten der Reichstagsmehrheit dem Teile der reichsländischen Bevölkerung, dessen demokratisches Empfinden französisch beeinflußt ist, erneut vor Augen führen, wie sehr viel würdevoller sich das französische Selbstgefühl vor dem Kriege gegeben hat, wie es aus der »Marche Lorraine« herausklang:

» Tes fils n'ont pas dégénéré,
sol sacré! Adoré!
Dans leurs veines encore ruisselle
du sang de la Pucelle!
«

Ja gewiß lebte inmitten derselben Franzosen, die in der Beschimpfung unsres Kaisers durch Wort und Bild damals das denkbar Schamloseste geleistet haben, noch immer der Stolz auf die alte Größe des Landes und die Sehnsucht nach einer unüberwindlichen nationalen Geschlossenheit. Und wer wäre so fühllos, den echt französischen Schwung verkennen zu wollen, der so hinreißend herausklingt aus dem Kehrreim des Liedes von der Jeanne, die auch Herr Poincaré zärtlich als seine » payse« zu bezeichnen liebte:

» Le coeur plein de foi
pour défendre son roi.
Fiers enfants de la Lorraine,
des montagnes à la plaine
sur nous plane, ombre sereine,
Jeanne D'Arc vierge souveraine!
Vieux Gaulois à tête ronde,
nous bravons tout à la ronde,
si là bas l'orage gronde,
c'est nous qui gardons l'accès
du sol français!
«

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