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Wie kam es doch?

Fritz Bley: Wie kam es doch? - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWie kam es doch?
publisherErich Matthes
year1918
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171204
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Das goldene Zeitalter für England.

 

»Dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut,
der pestentflammten Hand des Kriegs zu trotzen,
dies Volk des Segens, diese kleine Welt,
dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt,
die ihr den Dienst von einer Mauer leistet
als Festungsgraben, der das Haus beschützt
vor weniger beglückter Länder Neid;
dies Fleckchen Glück, dies All, dies Reich, dies England!«

Der sterbende Gaunt in »Richard II.«

 

Wir sind gewohnt, die Krüger-Depesche und den Burenkrieg als den Punkt ins Auge zu fassen, an dem die britische Politik sich endgültig von der deutschen getrennt habe. Aber trotz aller Verstimmungen zwischen Volk und Volk sowie zwischen den leitenden Männern hat man in London immer wieder versucht, das Deutsche Reich für ein gewisses Zusammengehen zu gewinnen. Es erscheint auch zweifellos, daß, falls Deutschland, etwa auf Grund einiger belangloser kolonialer Verträge von der Art des portugiesischen, sich in engerer Fühlung mit Großbritannien gehalten hätte, dies letztere zusammen mit Deutschland seine Auseinandersetzungen mit Frankreich betrieben haben würde. Deutschland wäre dann abermals Englands festländischer Degen gegen Frankreich gewesen! Die deutsch-russisch-französische Verständigung zur Zeit des japanischen Krieges hatte sicherlich Großbritannien in hohem Grade unangenehm berührt, und es mußte deshalb doppelt bestrebt sein, eine der beiden Festlandmächte für sich bestimmt zu gewinnen.

Chamberlain hatte schon in seiner bekannten Leicester-Rede im Jahre 1901 ein deutsch-englisch-japanisches Bündnis angeregt, das auch vom Grafen Hayaschi eifrig befürwortet, von Deutschland aber nach kurzer Überlegung abgelehnt wurde, da noch immer die Hoffnung bestand, mit Rußland zu gutem Einvernehmen zurückzugelangen. Diese Politik ist durchaus auch die des Fürsten Bülow gewesen, und insbesondere ist der Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Zaren aus den Jahren 1904 und 1905, der im September 1917 durch die Verwalter des vormaligen kaiserlich russischen Archivs Burzew und Scheyalow bruchstückweise dem »New York Herald« überliefert ist, ganz zweifellos auf Anraten des Fürsten Bülow erfolgt. Die verwandtschaftlich-vertrauliche Behandlung der Angelegenheit war im Hinblicke auf die Persönlichkeit des Zaren auch sicherlich am Platze und ebenso unbestreitbar die im Herbste 1904 für die nach Japan bestimmte russischbaltische Flotte bestehende Kohlenknappheit sehr geschickt gewählt. Die russische Admiralität fürchtete, daß England und Japan auf Deutschland einen Druck zur Verhinderung der Kohlenlieferung ausüben würden, und damit wurde der an sich recht verschieden geartete Gegensatz zu England für Berlin und Petersburg als gemeinschaftlich erkannt.

Darauf fußend, empfahl der Kaiser als Ziel ein deutsch-russisch-französisches Bündnis, und als der Zar sich damit einverstanden zeigte und einen Vertragsentwurf verlangte, soll der Kaiser versucht haben, ihn von der Absicht abzubringen, den deutsch-russischen Vertragsentwurf vor Fertigstellung und Unterzeichnung an Frankreich bekannt zu geben. Dieser Gedanke war gewiß gesund, da Deutschland stets damit zu rechnen hatte, daß die französische Regierung England und Japan davon Mitteilung geben werde, was zu einem englisch-japanischen Angriffe auf Deutschland und damit für Rußland zu unwillkommener Schwächung führen müsse. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch tatsächlich England von französischer Seite aus vor diesem deutschen Plane gewarnt worden, denn der »Temps« schrieb nach der Veröffentlichung im »New York Herald« im September 1917, daß es wertvoll sei, zu erfahren, ob England damals geahnt habe, was vor sich ging. Bei aller sachlichen Berechtigung der, wie gesagt, vom Fürsten Bülow angeratenen Vorschläge blieb freilich die Frage offen, ob es im Hinblick auf den schwankenden Charakter des Zaren richtig war, den Zaren vor eine solche Verschwiegenheitsprobe zu stellen. Indessen, da er allein als Selbstherrscher zu entscheiden hatte, mußte dies eben gewagt werden. Denn es lag auf der Hand, daß jede Annäherung an England dem Deutschen Reiche den Verzicht auf die Ausbildung seiner Wehrkraft zur See bringen würde. Und zudem konnte das französisch-britische Abkommen vom 8. April 1904 über Ägypten und Marokko für Deutschland keinen Zweifel mehr an der Festigkeit und Allseitigkeit der westmächtlichen Übereinstimmung lassen. Wie bekannt, hat es zur Folge gehabt, daß Kaiser Wilhelm II. am 31. März 1905 in Tanger landete, worauf Eduard VII. im April zweimal beim Präsidenten Loubet war. Aber der Urheber dieses Abkommens, Herr Theophile Delcassé, der es damals auf einen Krieg mit Deutschland ankommen lassen wollte, mußte am 6. Juni zurücktreten, und an seiner Stelle übernahm Rouvier das Auswärtige. Seitdem haben die Ereignisse sich mit unverkennbarer Heftigkeit überstürzt, und es wurde klar, daß sie nach einem fest vereinbarten Plane einem allseits deutlich ins Auge gefaßten Ziele zustrebten.

In dem viel erörterten Aufsatze, den die »Daily Mail« im September 1917 veröffentlichte, wird dies Ziel klar genug gekennzeichnet. Es heißt darin, England würde bereitwilligst zum Status quo ante zurückkehren, wenn der wahre Status quo ante angenommen würde. Das sei die europäische Lage vor 1864, denn der jetzige Krieg sei lediglich eine Episode in dem wohlgeplanten Feldzuge Preußens gegen die Freiheiten Europas, der 1864 mit der Wegnahme Schleswig-Holsteins begonnen und ihm 1866 und 1870 neuen Raub gebracht habe.

»Der Zustand vor 1864, der der allein vernünftige ist, würde jedermann außer den Hunnen befriedigen. Man stelle sich vor, welche friedliche Ruhe die Rückkehr zu ihm bringen würde! Die Elb-Herzogtümer würden an Dänemark zurückfallen, Frankreich hätte Elsaß-Lothringen wieder. Der Kieler Kanal würde nutzlos sein, Helgoland würde wieder britisch werden. Deutschland würde unter Aufgabe der Reichseinheit wieder eine Mehrheit unabhängiger Königreiche werden. Die deutschen Kolonien, deren Erwerb wir in törichtester Weise geschehen ließen, würden für immer die schwere Hand der Tyrannei abschütteln, wir würden mit einem Satze zum Goldenen Zeitalter zurückkehren, das Blindheit und die deutsche Raubsucht zerstört haben. Dieses ist der einzige Status quo ante, den wir anerkennen können und sollten, wenn wir die Uhr zurückstellen, dann muß sie auch richtig zeigen.«

Ob und wieweit schon der verschlagene König Eduard in der Verfolgung dieser Politik die treibende Kraft gewesen ist, bleibt schwer zu erkennen. Immerhin sprechen mancherlei starke Anzeichen dafür. Aus dem inzwischen veröffentlichten und viel erörterten Briefwechsel zwischen Lord Edward Grey und dem französischen Botschafter Paul Cambon ergibt sich sowohl die Größe des Planes, als auch die Art des Vorgehens zur Erreichung des weitgesteckten Zieles: das Deutsche Reich sollte auf womöglich friedlichem und somit billigerem Wege eingeschnürt, nötigen Falles aber durch Krieg zum Weißbluten gebracht werden. Dieselbe Politik hat Lord Haldane verfolgt. Aber nichts spricht dagegen, daß sie König Eduards innersten Grundauffassungen entsprochen hat. Man erinnere sich, daß ihm im Hinblicke auf die gewissenhafte Friedensliebe Kaiser Wilhelms II. das hündische Wort zugeschrieben wird: »Mein Neffe führt keinen Krieg!« Die Franzosen haben daraus in der sie kennzeichnenden Albernheit den spöttischen Beinamen» Guillaume le timide«abgezogen.

Nicht alle Franzosen haben von der wohlbegründeten Friedensliebe des Kaisers so gedacht. Jules Simon wies noch 1914 in der »Revue de Paris« ausdrücklich darauf hin, daß der Kaiser aus sehr ernsthafter Überzeugung und durchaus aufrichtig für den Frieden gearbeitet habe, wie noch keiner, und daß er auch die großen sozialen Probleme gründlich untersucht habe. Jules Huret machte 1907 darauf aufmerksam, daß der Kaiser nicht etwa lediglich aus Humanitätsdusel friedliebend sei, sondern weil dies in den Belängen des Deutschen Reiches liege. Jules Herbette, Frankreichs Botschafter in Berlin, schrieb im März 1901 an Gaston Routier, daß der Kaiser ganz in dem Wunsche für das Glück seines Volkes aufgehe, und mehr als ein Franzose hat die Auffassung des Konservators am Versailler Museum geteilt, der im Februar 1910 bei einem in Berlin stattgehabten Festmahle zu Ehren französischer Schriftsteller und Künstler seinem Nachbar zuflüsterte:» Voilà le Roi qu'il nous faudrait.«

Aber König Eduards geschärftes Gehör vernahm die Stimmen der anderen Seite, die auf die Widersprüche der deutschen Politik ihre Hoffnungen setzte und mit gewohnter Meisterschaft diese verhängnisvolle Schwäche ausbeutete, die leider alle Berater des Kaisers von 1889 bis 1917 gemein gehabt haben. Als am 22. Januar 1901 die Königin Viktoria starb, hat sie nach den Mitteilungen Kardorffs an ihrem Lager, an dem mit ihren anderen Enkeln auch Kaiser Wilhelm stand, den Prinzen von Wales nicht sehen mögen. Dennoch ist dieser als König der Abgott des englischen Volkes geworden und trotz alles ihm widerfahrenen Schimpfes geblieben: doch wohl aus dem Grunde, weil der treffsichere britische Spürsinn in ihm den weitestblickenden unter Englands weitblickenden Staatsmännern erkannte. Jedenfalls hat er Deutschlands Erstarken zur See mit wachsendem Mißtrauen verfolgt, und ebenso sicher steht anzunehmen, daß seiner außerordentlichen Menschenkenntnis und seinem Geschicke in der Behandlung eiteler Staatsmänner mehr gelungen sein mag, als jedem beliebigen Minister möglich gewesen wäre. Ebenso selbstverständlich ist, daß ihm diese Politik unmöglich gewesen wäre, wenn er sich nicht in engstem Zusammenhange mit den führenden englischen Staatsmännern gewußt hätte. Diese aber faßten die Einkreisungspolitik als ein Großgeschäft wie jedes andere auf und erblickten in dem durch sein liederliches Leben in Schulden und allerhand Abhängigkeiten geratenen König vermutlich weit mehr ihr Werkzeug, als daß sie zu ihm aufgeschaut hätten. Ihre Ziele aber sind durch die Ergebnisse des Krieges, wie wir sie heute schon überschauen können, deutlich enthüllt: fast der gesamte Großverdienst ist ihnen in die Hände gespielt, und in allen Ländern hat sich eine Vermögensverschiebung vollzogen, die allen unerträglich sein müßte, wenn sie nicht mit dem Schirme einer Demokratisierung der Welt sich zu decken verstanden hätte, wie sehr die internationale Freimaurerei ihr darin dient und nicht nur in der französischen Bourgeoisie Unterstützung findet, lehrt jedes Blatt der währenden Kriegsgeschichte. So klang es auch für den kundigen Thebaner nichts weniger als bedrohlich, daß der Sozialist Keir Hardie sich in der Oberhaus-Frage gegenüber dem Könige ohne Ordnungsruf die tölpelhafte Drohung gestatten durfte:

»wenn sich der König eine Einmischung in die Politik anmaße, dann müsse man mit den Wappenkronen der Lords auch die Königskrone in den Schmelztiegel werfen.

Auf den mit allen Salben geriebenen und sehr energischen König hat diese Auslassung ebensowenig wie auf das Land einen anderen Eindruck gemacht, als den einer bemerkenswerten Unerzogenheit. Aus seiner lustigen Prinzenzeit brachte Eduard VII. eine Bekanntschaft mit, die in ihrem Ursprunge wie in ihren Folgen zum Verständnisse seiner Politik und damit für den deutsch-englischen Gegensatz von ausschlaggebendem Werte geblieben ist. Durch Herrn Theophile Delcassé hatte er Madame Hartmann-Dreyfus kennengelernt, eine milliardenschwere »Deutsche« aus Mülhausen, die es nicht verwinden konnte, daß ihr Mulhouse im Frankfurter Frieden von Frankreich losgerissen war. Mit ihrem Reichtume hat sie Herrn Theophile Delcassé vorwärtsgebracht, ihm zu vornehmen Bekanntschaften verholfen und ihn auch in den Spielklub des Grafen du Barry einführen lassen, wo er den prinzlichen Lebemann sehr bald für seine politischen Ziele gewonnen hat. Die Zusammenarbeit dieser beiden durchtriebenen Ränkeschmiede ist sicherlich nach dem Wohlgefallen der Frau Hartmann-Dreyfus gewesen; sie hat die im Frankfurter Frieden zusammengeschmiedeten beiden Länder Elsaß und Lothringen zum Erisapfel der europäischen Politik gemacht.

So hatte denn auch Delcassé, als er an dem erwähnten 6. Juni 1905 Rouvier den Platz räumen mußte, auf alle Fälle im französischen Volke schon mehr Boden als im damaligen Ministerium. Das Abkommen über Ägypten und Marokko verdarb zwar die reine Geschäftspolitik der Kolonialunternehmer und der Anteilbesitzer am Suezkanal, die in diesem zugleich ein Vermächtnis alten französischen Ruhmes erblickten, wurde aber mit um so größerer Freude von allen »praktischen« Anhängern des Rachegedankens begrüßt. Selbst in der französischen Kammer trat dies bei aller Zurückhaltung und pflichtschuldigen Bemängelung des Vertrages doch in einigen gelegentlichen Äußerungen hervor, insbesondere in der des Abgeordneten Delafosse, der von der Auffassung ausging, daß die Herrschaft Englands in Ägypten längst eine vollzogene Tatsache sei, und daß Frankreich sich für die Preisgabe seiner dortigen höchst fragwürdigen papiernen Ansprüche sehr wertvolle und tatsächliche Rechte in Marokko gesichert habe:

»Marokko ist uns hundertmal wertvoller als Ägypten jemals war, schon weil es uns im Ernstfalle starke militärische Streitkräfte zu stellen vermag, die wir für unsre Kolonien in Afrika brauchen. Das Ideal einer guten französischen Diplomatie wäre ein Dreibund zwischen Frankreich, England und Rußland.«

Für dessen Zwecke also und nicht für Afrika wünschte der Redner die starken afrikanischen Streitkräfte!

Diese Erkenntnis der Sachlage war um so beachtlicher, als Herr Delafosse dem Ministerium Delcassé völlig fernstand. Wie es dann bei der in Algeciras vom Januar bis April 1906 tagenden Konferenz uns ergangen ist, steht ja in frischer Erinnerung. Unser einziger getreuer Sekundant war Österreich. Selbst Italien glaubte sich des deutschen Wohlwollens soweit versichert, daß es sich die »Extratour« einer Abstimmung zu ungunsten der Bundesgenossen gestatten zu dürfen meinte.

Der schlimme Eindruck dieser deutschen Niederlage wurde verstärkt durch den Eifer, mit dem nunmehr die deutsche Politik trotz der 1904 und 1905 sowohl von Rußland als von den Westmächten erfahrenen Abweisung, trotz der Herausforderung von Tanger und trotz der Unfertigkeit unsrer Flotte ein wenn auch nur bedingtes Wohlwollen Englands wieder zu gewinnen trachtete. Die britische Politik, die offenbar von Paris aus unterrichtet war, ging auf die Werbung Bülows mit einer Geschicklichkeit ein, die ihrer alten Meisterschaft erneute Ehre machte, was insbesondere bei den »denkenden Menschen« in unserem eigenen Vaterlande zu einem wahren Größenrausche der Demokratie und der »internationalen Verständigung« führte. Selbstverständlich konnte die Rückwirkung dieses überwuchernden Internationalismus auf die innerpolitischen Machtgelüste der deutschen Sozialdemokratie nicht ausbleiben. Wiederum zur nicht geringen Genugtuung des Herrn Campbell Bannerman!

Aber an den leitenden Stellen schien man blind für diese Zusammenhänge zu sein: während Fürst Bülow im Reichstage sich in Rededuellen mit Herrn Bebel gefiel, von denen die Friedrichstraße beim Ausbieten der Abendblätter widerhallte, glaubte er durch bezaubernde Liebenswürdigkeit das britische Herz zu rühren, unbekümmert darum, wie die Franzosen inzwischen mit Englands Billigung den Vertrag von Algeciras mit der friedlichen Durchdringung Marokkos zu durchlöchern begannen.

Auf Norderney empfing er einen Berichterstatter des »Standard«, Herrn Sidney Whitman. Der Erfolg war der denkbar peinlichste. Auch im Reichskanzler-Garten wurde zu Ehren der »Union Interparlementaire« ein Fest gefeiert, bei dem es auf deutscher Seite wie üblich stark an der wünschenswerten Zurückhaltung gefehlt hat. Unter der großen Platane beteuerten englische Parlamentarier und deutsche Friedensfreunde die Notwendigkeit freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland, worauf auf deutscher Seite lebhafte » Sheers!« erklangen. Unvergeßlich bleibt, wie damals, als der herbeigeholte Fürst Bülow von der Notwendigkeit freundschaftlicher Beziehungen sprach, der Führer der englischen Abordnung und der ganzen »Union Interparlementaire«, Lord Weardale, bei Bülows Worten sich Tränen der Rührung aus den Wimpern wischte.

Am 28. Oktober 1908 veröffentlichte der »Daily Telegraph« eine lange Unterredung, die ein einflußreicher Engländer mit dem Deutschen Kaiser gehabt hatte – wie sich sehr bald herausstellte, eben derselbe Lord Weardale! Wie weit der Inhalt dieser Veröffentlichung den Tatsachen entsprochen hat, ist nicht einwandfrei festgestellt und es dürfte heute sicherlich keinen unbefangenen Deutschen mehr geben, der nicht schmerzlichst bedauerte, wie die Äußerungen, die der Kaiser über einen an die Königin gelieferten Kriegsplan zur Niederzwingung der Buren, sowie über die Ablehnung eines von Frankreich und Rußland in den Jahren 1904 und 1905 an Deutschland gestellten Ansinnens, England niederzuzwingen, getan haben sollte, mißdeutet und durchgehechelt sind, ohne daß dies vom Reichskanzler in gebührender Weise zurückgewiesen wäre!

Wie bekannt stellte sich sehr bald heraus, daß der Daily Telegraph die Niederschrift dem Reichskanzler vorgelegt und vom Auswärtigen Amte mit dem Bemerken zurückerhalten hatte, daß der Veröffentlichung keine Bedenken entgegenstünden. Mehr als das: Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« hatte die Veröffentlichung in vollem Wortlaute wiedergegeben. Es stellte sich aber auch ferner heraus, daß weder der Reichskanzler sie gelesen hatte, noch daß ihm ein ordnungsmäßiger Vortrag über den höchst schwierigen Fall gehalten war. Anstatt daß nun die Entrüstung des ganzen deutschen Volkes sich hiergegen gewandt und den taktlosen Mißbrauch der kaiserlichen Äußerung zurückgewiesen hätte, wurde, ohne daß Fürst Bülow eine Hand dagegen rührte, die Erörterung von dem Gebiete der äußeren Politik auf das der inneren geworfen: wohlverstanden von demselben Reichstage, der in seiner großen Mehrheit die auswärtige Politik des Fürsten Bülow, war sie wie sie war, stets anerkannt und gerühmt hatte! Gewiß erschien es im Hinblicke auf diese Gemeinschuld erklärlich, verzeihlich, vielleicht sogar ehrenhaft, daß er den Fürsten nicht über so garstige und plumpe britische Zeitungsränke fallen lassen wollte. Aber alles dies hilft nicht über die Tatsache hinweg, daß der Reichskanzler die schlimme britische Absicht hätte durchschauen müssen, und der Umstand, daß er von der Niederschrift keine Kenntnis erhalten hatte, konnte ihn unmöglich entlasten. Stattdessen erhob sich nicht nur in den sozialdemokratischen Blättern, sondern selbst in den liberalen Zeitungen eine Flut von Vorwürfen über die »kaiserliche Weltpolitik« und nur wenige Blätter, wie die »Hamb. Nachr.«, »Kreuz-Ztg.« und »Dtsch. Tagesztg.« hielten dem aufgeregten deutschen Volke vor Augen, daß es sich bei der ganzen Darstellung der kritischen Angelegenheit um eine schlecht gemachte Geschichte handelte. In der nationalliberalen Partei drängten sich leider die Jungliberalen hervor und unter ihrem Einflusse übernahm der Abgeordnete Lassermann die Führung. Süddeutsche Blätter aber wußten zu melden, daß dem Kaiser von Amts wegen, und zwar auf Anordnung des Reichskanzlers selbst, eine vollständige Musterkarte der Presse unterbreitet wurde, in der keine noch so scharfe und noch so unehrerbietige Auslassung fehlte. Ebenso solle Sorge dafür getragen werden, daß der Kaiser einen genauen und zuverlässigen Bericht über die Reichstagsverhandlungen betreffend die Interpellationen wegen des Daily-Telegraph-Aufsatzes erhalte. Einer dieser Aufsätze schloß:

»An Gelegenheit also, sich gründlich über die öffentliche Meinung, soweit sie in der Presse zum Ausdrucke kommt, und über die Anschauungen des Reichstages zu unterrichten, fehlt es dem Kaiser nicht, wir wollen nur hoffen, daß er während all der Fahrten, Jagden, Besuche, Feste dieser Tage auch Zeit findet, von dieser Gelegenheit ausgiebig Gebrauch zu machen und die ihm vorgelegten Drucksachen wirklich liest, wie er das sonst durchweg zu tun pflegt.«

Vergeblich mahnten die Besonnenen in elfter Stunde. Der Reichstag ließ sich nicht beirren und saß am 10. November über den Kaiser in voller Öffentlichkeit zu Gericht, ohne über den seiner Verhandlung zugrundeliegenden Tatbestand einwandfreie Aufklärung geschaffen zu haben. Lediglich die Besonnenheit der Konservativen hat damals die bürgerlichen Parteien vor ernster Versündigung an Reich und Kaiser geschützt; denn die von der Mehrheit geplante Adresse sollte nicht etwa den nach der Reichsverfassung allein verantwortlichen Reichskanzler kritisieren, nein, sie sollte gerade den nach der Reichsverfassung unverantwortlichen Kaiser wegen seiner persönlichen Handlungen und Äußerungen tadeln und damit zur Verantwortung ziehen. So sonnenklar es war, daß dies nicht nur der Reichsverfassung, sondern überhaupt allen Verfassungsgrundsätzen widersprochen haben würde, so wild gebärdeten sich doch selbst nationalliberale Blätter nach der Vereitelung solcher Torheit. Dem Finanzminister Freiherr von Rheinbaben, der in der Angelegenheit nicht die Auffassung des Reichskanzlers geteilt haben soll, warf die Presse der Linken vor, daß er »Vertrauensmann der äußersten Rechten!« sei und »als Nachfolger des Fürsten Bülow genannt« werde. Das Eintreten des Abgeordneten von Oldenburg für den Kaiser bezeichneten nationalliberale Blätter als den »Schwur eines Vasallen, der nicht fragt nach Recht oder Unrecht« und als »melodramatischen Royalismus«. Die Blätter von roter und lila Färbung aber jubelten darüber, daß dem Kaiser das feierliche Versprechen unbedingter Zurückhaltung abgenötigt und der Traum seiner Machtfülle zerstoben sei. Mehr als das: die Wiener »Neue Freie Presse« erklärte sich am 11. November 1908 berechtigt zu der Mitteilung, daß das Ziel des Fürsten Bülow gewesen sei, vor dem ganzen Volke zu sagen, daß Deutschland nicht so denke und handele, wie ihm durch das Kaiser-Interview zugemutet wurde, und dies Ziel habe der deutsche Reichskanzler »durch männliche offene Aussprache erreicht, die nichts beschönigte, die vielmehr einen ganz ungewöhnlich ernsten und mahnenden Ton anschlug, als der deutsche Reichskanzler es seinen schwersten und ernstesten Entschluß im politischen Leben nannte, daß er dem Wunsche des Kaisers folgend im Amte blieb«. Der Aufsatz schloß:

»Die Veröffentlichung des Kaiser-Interviews hat man, wie der Abgeordnete Bassermann erwähnte, eine verlorene Schlacht genannt. Die heutige Debatte darf man wohl eine gewonnene Schlacht heißen; denn hier haben sittlicher Mut und Tapferkeit einen Sieg errungen, der in der Geschichte der parlamentarischen Kämpfe rühmend verzeichnet werden wird.«

Ganz Deutschland, mit der Ausnahme der konservativ gerichteten Kreise, schien damals vergessen zu haben, mit welchem Behagen die Veranstalter des gegen den Kaiser geführten Streiches hüben und drüben dieser Herabsetzung des Monarchen und Schädigung der Monarchie zuschauen mußten! Durch die Demokratie der feindlichen Mächte ging es seitdem wie eine zuversichtliche Hoffnung auf den Weltsieg ihres Gedankens. Denn mit Fug und Recht hatten sie erkannt, daß gegenüber dem allgemeinen Sinken fester Staatsbegriffe nur noch Deutschland einen Halt bot und daß in diesem wiederum Preußen den letzten und festesten Hort darstellte. Diesen in seinen sittlichen Grundfesten zu zerstören, bildete daher die ausgesprochene oder auch uneingestandene Losung der Demokraten aller Länder. Und leider schlossen sich diesem schamlosen Treiben auch die deutschen an. Mit frecher Offenheit schrieb an einem Montage des schwarzen November ein Berliner Straßenblatt:

»Der Monarchismus ist teils ausgestorben, teils durch die Einsicht ersetzt, daß die ungeheuer gewachsenen Interessen des Reiches, die Machtmittel an Gut und Blut, nicht dem Zufall der Geburt preisgegeben, sondern durch einen festen Konstitutionalismus (lies: Parlamentarismus!) geschützt und gehütet werden müssen. Die Höfe schöpfen wieder Mut – außer dem unglücklichen sächsischen – und eine gewisse partikularistische Strömung kann mit einigem Recht als die Verteidigerin der nationalen Interessen auftreten. Der Haß gegen Preußen wird national-deutsche Ehrensache, Sache des deutschen Vaterlandes und Verbündeter der Demokratie

Das erinnerte lebhaft daran, wie zu Amsterdam, unter wohlwollendem Beifalle des Börsenliberalismus, der Abgeordnete Bebel erklärt hatte, er würde, wenn ein Wahl-Kaisertum bestünde, vielleicht dem Prinzen Ludwig von Bayern seine Stimme geben.

Der Aufsatz in jenem Montagsblatte war auch so gütig die Wege anzudeuten, auf denen »in einem Streite der Krone mit der Intelligenz und den politischen Bedürfnissen des Landes«, worunter er natürlich die völlige Auslieferung Preußens an die Demokratie verstand, sich ein Kartell feindlichster Gruppen zum Sturze der Kronrechte zusammenfinden könnte. Er meinte nämlich mit unzweideutiger Anspielung:

»Kommt dann noch an irgendeinem Hofe ein kluger Mann auf, so können auf ganz friedlichem Wege Bundesrat und Reichstag die isolierte preußische Monarchie matt setzen. Zu solchem Ziele weisen die Wege, wenn die Krone Preußens sich mit ihren Baronen isoliert und ein Bündnis aller übrigen Faktoren des Landes und des Reiches gegen sich herausfordert; – daß das Zentrum den Anschluß an ein solches Bündnis im passenden Momente nicht verfehlen würde, bedarf kaum der Erwähnung.«

Der deutsche Reichstag hatte, wie man sieht, an jenem schwarzen 10. November nicht allein gefehlt. Verhängnisvoller noch war die hier gekennzeichnete Haltung der deutschen Presse geworden. Wie konnte sie gerade dem Kaiser einen Vorwurf aus dem Bestreben machen, die Engländer zu versöhnen, da sie selbst es noch als ihre fast einzige Aufgabe betrachtet hatte, diese trotz der geradezu frostigen Haltung des Königs Eduard und der Ungezogenheiten der britischen Presse zu umschmeicheln. Auch nun wieder wies England nach der Rede des Fürsten Bülow alle deutschen Annäherungsversuche mit der alten Schroffheit zurück. »Standard« bemerkte: die Beteuerungen des Reichskanzlers, die deutsche Flotte sei nicht für den fernen Osten bestimmt, werden viele Engländer überzeugen, daß die deutsche Flotte eben für die Nordsee, und zwar ausschließlich für die Nordsee bestimmt sei.

Ich habe am 15. November 1908 dieser Mehrheit der deutschen Presse Folgendes in Erinnerung gebracht:

»Sind nicht diejenigen, die am lautesten heute über das übel angebrachte Liebeswerben um englische Gunst zetern, gerade diejenigen gewesen, die uns das widerwärtige Schauspiel der Pressefahrten hinüber und herüber boten und sich nicht erschöpfen konnten in der Versicherung, daß nun aber ganz gewiß die englisch-deutsche Freundschaft unverbrüchlich besiegelt sei? Ist das Gedächtnis der Herren so kurz, daß sie ihre eigenen Leitaufsätze von damals vergessen haben? Hat sich der Kaiser etwa in irgendeinem Engländer schwerer und verhängnisvoller geirrt, als die gutgläubigen Englandpilger von der deutschen Presse in Herrn William Stead, dessen Rundreise an alle europäischen Höfe in grellstem Widerspruche mit seiner Rolle als Friedensprediger stand? Und hatten diese Zeitungsleiter noch die geringste Entschuldigung zur Fortsetzung dieser unwürdigen Anbiederung, nachdem Sir Campbell Bannerman am 5. März 1907 im Unterhause ausdrücklich erklärt hatte, daß die deutschen Friedensbesuche der britischen Politik nützten, die auf Einschränkung der Rüstungen hinarbeitete und im Haag uns in die bekannte Falle zu locken hoffte? Wenn das Ausland sich daran gewöhnt hat, diese verhängnisvolle deutsche Schwäche als feste Ziffer in seine Rechnung einzustellen, trägt dann nicht gerade derjenige Teil der deutschen Presse eine schwere Schuld, der den Kaiser in seiner England gegenüber beliebten Methode so warm unterstützt hat, um nun, da die schlimmen Folgen dieses Irrtums zutage liegen, um so heftiger ihn zu tadeln und zu verraten?

Und trifft der gleiche Vorwurf nicht die deutschen Bürgermeister und die deutschen Geistlichen, die der seltsamen Meinung waren, durch Umwerben der öffentlichen Meinung Englands unsere Beziehungen zu diesem Lande bessern zu können? War dies nicht ganz genau derselbe Irrtum, dem auch der Kaiser in der Veröffentlichung des ›Daily Telegraph‹ Ausdruck gab mit den Worten: › Wie kann ich eine Nation gegen ihren Willen überzeugen?‹ Die englische Presse selbst hat in den hinter uns liegenden Unglückstagen hierauf die deutliche Antwort geliefert: Niemals! Mit ungezwungener Deutlichkeit schrieb am Tage nach dem Erscheinen des Unterredungsberichtes die ›Pall Mall Gazette‹:

Mehr auf Taten als auf Worte schauen wir, und die Absichten, aus denen der deutsche Souverän und die deutsche Regierung eine mächtige Schlachtflotte bauen, kümmern uns kein Jota. Der Punkt, auf den es ankommt, ist der Bau dieser Flotte. Diese Tatsache zwingt uns zum Weiterbauen, um für alle Möglichkeiten gerüstet zu sein?

Baut, soviel Ihr wollt; es kümmert uns kein Jota! Denkt über uns, wie Ihr mögt, es soll uns gleichgültig sein! Gewiß ist unsere Flotte für die Nordsee bestimmt, die bedrohte Wetterseite unserer Politik! Im übrigen haben wir das beste Heer der Erde. Und wie wir dies achtunddreißig Jahre lang zur Verhütung eines europäischen Kriegsbrandes gehalten haben, den Ihr Engländer jetzt entfesseln wollt, werden wir auch in Zukunft bewähren, was wir nicht erst zu beweisen brauchen: unsere Friedensliebe. Das und der Fleiß unseres arbeitsamen, tüchtigen Volkes ist der Fels, auf den sich unsere Hoffnung auf eine bessere Zukunft gründet, in der auch die Politik des Deutschen Reiches wieder den Ruf der Klarheit, Festigkeit und maßvollen Kraft erhalten wird, den unser Volk in allen vaterlandsliebenden Parteien ihr wünscht! Diese Besserung aus ernster und gewissenhafter Selbstprüfung heraus herbeizuführen: das allein ist derer würdig, die es redlich meinen mit Kaiser und Reich

Heute habe ich dem aus der Kenntnis der Sachlage heraus, wie sie sich in dem Enthüllungskampfe vom Spätsommer 1917 ergeben hat, hinzuzusetzen, daß der vierte Reichskanzler auch verantwortlich bleibt für den Zickzack-Kurs, der aus den Anerbietungen von 1904/05, den ihm folgenden Nackenschlägen und dem gleichwohl mit der Veröffentlichung der »Daily Telegraph«-Enthüllungen 1908 abermals unternommenen Versuche der Anschlängelung an England sich ergibt.

Eine Änderung hierin trat auch nach dem schwarzen November nicht ein. Vielmehr blieb Fürst Bülow im Amte und nur ein Geheimer Sühnebock wurde in die Wüste geschickt.

Dem Anscheine nach ist er dann bestrebt gewesen, jeder englischen Bindung mit einer aalglatten Geschicklichkeit auszuweichen, der im Hinblicke auf das gleichzeitige Bestreben, trotz aller Erzbergereien und sonstigen Reichstagsschwierigkeiten die deutsche Flotte auszubauen, gewiß nicht die verdiente Anerkennung versagt werden könnte. Nur daß eine solche Politik dann etwas vorsichtiger mit den verhängnisvollen Neigungen des deutschen Linksliberalismus hätte rechnen müssen! An offenen Bekenntnissen zu überstudierter Weltfremdheit oder je nachdem pfiffiger Landfremdheit hat dieser es ja wahrlich niemals fehlen lassen. Noch 1907 im August des vierten Kriegsjahres, rühmte sich der Herr Reichstagsabgeordnete Gothein im »Berliner Tageblatte«:

» Das feindliche, zum Teil auch das neutrale Ausland glaubt an keinen Frieden, solange in Deutschland der Militarismus herrsche, solange es nicht demokratisiert sei. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, schon vor dem Kriege zu den eifrigsten Förderern des Gedankens internationaler Verständigung, wie zu den energischsten Kämpfern für Demokratisierung und gegen militärische Einflüsse auf die Politik gehörte – und das ist doch schließlich der Begriff des Militarismus – wer wie er seit langen Jahren für die internationale Beschränkung der Rüstungsausgaben eingetreten ist, der wird in diesem Glauben des Auslandes ein Teil Berechtigung finden

Als philosophisch geschulter Kopf, der das Wesen des Militarismus in den sittlichen Werten erkennen mußte, die der Ehre und dem Ruhme vor dem Leben, der Staatswohlfahrt vor dem Geldverdienen und dem Wohlbehagen des Einzelnen den Vorzug geben, hätte Fürst Bülow aus solchen auch ihm zur Zeit seiner Kanzlerschaft nicht fremd gebliebenen Selbstenthüllungen heraus die erforderlichen Schlüsse ziehen sollen. Bei seiner Kenntnis britischer Beeinflussung festländischer Schwachköpfe oder geschäftspolitischer Schlauköpfe konnte und durfte ihm nicht verborgen bleiben, wie sehr die Englandfahrten den staatsfeindlichen Bestrebungen der internationalen Demokratie Vorspann leisteten.

+++

Als nach Bülows Entlassung an dem verhängnisvollen Juli 1909 Herr v. Bethmann Hollweg an die Spitze der Geschäfte des Deutschen Reiches trat, ward sofort erkennbar, daß er auf alle Hintergedanken verzichtete und mit zuversichtlichem Vertrauen auf englische Vorschläge einging. Zwar erklärte er die internationale Abrüstungskonferenz als »Utopie«, aber desto größeres Vertrauen brachte er den britischen Vorschlägen auf amtliche Mitteilungen über den Stand des beiderseitigen Flottenbaues und Begrenzung der Baupläne im Verhältnis von 10:7 entgegen – zur nicht geringen Genugtuung des britischen Humores!

Nach den Behauptungen, die Haldane Ende August 1917 im »Manchester Guardian« über den Erfolg seiner Berliner Verhandlungen von 1911 und1912 gegeben hat, haben diese teils der Auskundschaftung der deutschen Heeresmacht gegolten, teils dem Plane, Deutschland zu einem Abkommen zu verleiten, das zwar keinerlei Bürgschaft für die englische Neutralität, wohl aber eine Bindung Deutschlands in der Flottenrüstung enthalten sollte. Dieser Charakter des vorgeschlagenen Abkommens, wie er im »Manchester Guardian« enthüllt ist, geht auch aus der großen Reichstagsrede des Herrn von Bethmann Hollweg vom 19. August 1915 hervor, in der er sich gegen die »Entstellung des Sachverhaltes« durch Asquith wendet, der behauptet habe, für die Eingehung eines Vertrages zwecks Beschränkung der deutschen Flottenrüstung »unbedingte Neutralität Englands« gefordert zu haben. Herr von Bethmann Hollweg erklärte vielmehr, Deutschland habe zwar zunächst unbedingte Neutralität gefordert, sich aber im Laufe der Verhandlungen auf die Forderung zurückgezogen, daß Deutschland »ein Krieg aufgezwungen« werden sollte. Angenommen, daß das Abkommen auf dieser Grundlage zustandegekommen wäre, so würde Deutschland den Bau seiner Flotte in einem Maße beschränkt haben, daß sie der englischen in keiner Weise gewachsen gewesen wäre, England aber hätte die Verpflichtung zur Neutralität mit dem Vorwande ablehnen können, daß der Krieg, in den Deutschland durch seine Bündnisse hineingezogen wurde, ihm nicht »aufgezwungen« worden sei. Beim Ausbruche des Krieges, in dem wir stehen, würde also England freie Hand behalten haben, da es ja behauptet, daß Deutschland ihn entfesselt habe. Dem Eifer des Herrn von Bethmann Hollweg, sich vor der Welt von dem Vorwurfe zu reinigen, daß er in voller Kenntnis der deutschfeindlichen Richtung der englischen Pläne nicht weit genug bis zur Möglichkeit des Entgegenkommens gegangen sei, entspricht die Tatsache, daß man nach Haldanes Enthüllungen dem deutschen Kaiser nahegelegt hat, er solle sich nicht nur in politischen Fragen, sondern auch in Sachen, die die deutsche Rüstung zu Lande und namentlich zur See betreffen, nur von dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg beraten lassen und nicht von militärischen Stellen und von der Marine. Bekanntlich hat der Kaiser damals dies Ansinnen mit Entrüstung von sich gewiesen.

Es ist nicht ohne Wert, im Hinblicke hierauf in dem Jahrgänge 1912 des »Berliner Tageblattes« zu blättern. Da heißt es z. B. am 20. März, zu der »Tirpitz-Krise« oder auch gelegentlich unter der Überschrift »Tirpitz gegen Bethmann«: Tirpitz beanspruche Einflußnahme auf die auswärtige Politik. Sein Gegensatz zu Riderlen-Wächter und Bethmann Hollweg trete noch mehr hervor wegen der Bemühungen Bethmanns um Verständigung mit England. Bethmann wolle auch die Flottenfrage noch mehr beschneiden. B. T. B. glaubt es als ein nationales Unglück bezeichnen zu sollen, wenn Tirpitz Bethmann ersetzen würde. Im April stimmt das »Berliner Tageblatt« einem gegen Tirpitz gerichteten Aufsatz von Konrad Haußmann zu. Darin wird Tirpitz beschuldigt aus Ressorteifer den Flottenverein organisiert zu haben und mit Hilfe von diesem und auf andere Weise gegen England zu hetzen. Eine Folge dessen sei die »Entente cordiale« und die Einkreisung. Tirpitz wird als ein sehr gefährlicher Staatsmann bezeichnet und das »Berliner Tageblatt« seinerseits erhebt die üblichen Beschuldigungen gegen die Großindustriellen, die am Kriege verdienen wollen.

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Nicht besser erging es uns gegenüber Frankreich: Fürst Bülow hatte offen erklärt: »Sollen wir etwa Marokkos wegen vom Leder ziehen?« Hatte selbst französische Gewalttätigkeiten gegen deutsche Konsulatsbeamte in Casablanca als Belanglosigkeiten dem Haager Schiedsgerichte überlassen und durch den Vertrag vom 9. Februar ausdrücklich alle politischen Rechte in Marokko Frankreich zuerkannt und Deutschland nur noch wirtschaftliche Gleichberechtigung ausbedungen, die sich von selbst verstand.

Es war bei dem Charakter der Franzosen vorauszusehen, daß dies zu erneuten Niederträchtigkeiten gegen die dortigen Deutschen und entsprechenden amtlichen Scherereien führen würde. Und das um so mehr, als die Gebrüder Mannesmann vom Sultan große Rechte erworben hatten, die für die Zukunft unsrer Industrie von bedeutendem Werte waren. Gleichwohl vertraute Herr von Bethmann-Hollweg auch in dieser Frage auf ein freundschaftliches Zusammenarbeiten: mit dem naturgemäßen Erfolge; daß die Franzosen das Algeciras-Abkommen mit Füßen traten. Als der Fall Mannesmann am 10. Dezember im Reichstage zur Sprache kam, lehnten der Reichskanzler und der Staatssekretär Herr von Schön alle Beschwerden als unberechtigt ab, worauf wiederum die französische Regierung mit einem Ultimatum an Mulay Hafid antwortete, mittels dessen sie gegen Zahlung einer dem Sultan aufgedrungenen Achtzig-Millionen-Anleihe die politische und wirtschaftliche Vormacht in Marokko an sich riß. Was wiederum die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« »im Interesse der fremden Privatgläubiger, zu denen bekanntlich auch Deutsche mit erheblichen Beträgen zählen«, dankbar begrüßte. Herr von Bethmann Hollweg aber erklärte am 16. März 1910 im Reichstage gegenüber den Befürwortern der Forderungen Mannesmanns:

»Zu einer Politik des Vertragsbruches werde ich mich nicht hergeben. Mögen die wirtschaftlichen Werte der Mannesmann-Konzession sehr groß sein, mag ich es noch so sehr bedauern, daß sie nicht in vollem Umfang realisiert werden können, eine Lebensfrage für Deutschland sind sie nicht. Darum wird mich nichts bestimmen können, das Wort zu brechen, das unsere Politik am 20. August 1908 in Tanger eingesetzt hat. Gegenüber diesem Gesichtspunkt treten für mich alle übrigen Erwägungen in den Hintergrund und innerhalb der Grenze, die uns durch internationale Verträge und Ermächtigungen gezogen ist, sind wir bereit, die Interessen der Gebrüder Mannesmann zu fördern. Das haben wir getan und werden es auch in Zukunft tun. Erleichtert worden ist uns diese Aufgabe durch das Auftreten der Herren Mannesmann bisher nicht. Ich habe nur den dringenden Wunsch, daß die Herren Mannesmann für die Zukunft in dieser Beziehung eine Änderung eintreten lassen werden

Auch Herr von Schön hat nicht ermangelt, über die Fehler der Gebrüder Mannesmann und deren »eigenmächtig ungeschickte Wege« zu klagen. Offenbar doch wohl in der Meinung, das Ansehen der deutschen Politik damit in aller Welt zu stärken.

Sein Nachfolger, Herr von Riderlen-Wächter, glaubte bei dieser Verfahrenheit der Lage die Auflassung der ganzen Marokko-Angelegenheit unter bestmöglicher Auseinandersetzung mit Frankreich betreiben zu sollen. Ihm schwebte der sachlich gewiß richtige Plan eines mittelafrikanischen Kolonialreiches vor, und er hoffte auf Grund früherer gelegentlicher französischer unverbindlicher Äußerungen Frankreich dafür zu, gewinnen, daß es als Entschädigung für die Überlassung Ägyptens an England und Marokkos an Frankreich Deutschland Zugeständnisse im französischen Kongogebiete machen würde, aus denen sich dann kraft des französischen Vorkaufsrechtes auf das benachbarte belgische Kongogebiet eine Zukunftsmöglichkeit ergeben hätte, deren Wert heute nicht weiter erörtert zu werden braucht. Vielleicht würde eine solche Verständigung vor der Konferenz von Algeciras noch möglich gewesen sein. Jetzt konnte das gleiche nur unter starkem Drucke erreicht werden. Hierzu aber war die Entsendung des »Panther«, der am 1. Juli 1911 auf Grund der Schutzbitte dortiger deutscher Firmen auf der Reede vor Agadir Anker warf, sicherlich kein hinreichendes Mittel. Es wäre wohl richtiger gewesen, nach russischem Vorbilde eine Probemobilisation an der lothringischen Grenze durchzuführen und dem zitternden Nanzig vor Augen zu halten, was auf dem Spiele stand. Statt dessen setzte man sich mit dem kleinen »Panther« dem vereinten Geschrei der französischen und angelsächsischen Presse aus, obgleich die Entsendung eines Schiffes ja unser gutes Recht war. Immerhin konnte sie nur so gedeutet werden, daß sie zur Begründung deutschen Landanspruches erfolgt sei. Und dies um so mehr, als Spanien durch die Landung von 300 Mann in Larrasch und Entsendung von Truppen nach Elksar am 8. Juni 1911 seine Ansprüche auf einen Teil Marokkos angemeldet hatte. Der spanische Ministerpräsident Canalejas hatte gegenüber einem Berichterstatter des »Petit Parisien« ausdrücklich erklärt: »wenn wir nickt nach Elksar gegangen wären, so wären die französischen Truppen hingegangen. Spanien hat seine Pflicht erfüllt; wir können auf unsre Rechte nicht verzichten.«

Auch hatte der inzwischen zum Botschafter in Paris ernannte Herr v. Schön am 1. Juli dem französischen Minister des Äußern die Entsendung des »Panther« in einer Note mitgeteilt, derzufolge das Schiff zum Schutze von Leben und Eigentum deutscher Firmen entsandt sei, sowie zur Wahrung von beträchtlichen deutschen Belängen in jenen Gegenden. Halbamtlich wies die »Kölnische Zeitung« auf die Bedeutung des deutschen Besitzes im Hinterlande von Agadir hin, wo das Eigentum einer einzigen Firma die Größe eines Fürstentumes habe und 120 Personen beschäftige, darunter 60 bis 70 Handelsagenten, die im Besitze deutscher Schutzbriefe seien. Auch am Bergbau im Hinterlande Agadirs sei Deutschland erheblich beteiligt.

Alles dies konnte im Volke keinen anderen Eindruck aufkommen lassen, als daß tatsächlich Südmarokko unter deutschen Schutz gestellt werden solle. Und der alsdann trotz dieser unzweideutigen Entschlossenheit erfolgende politische Rückzug wirkte um so peinlicher, als die deutsche Regierung gegenüber der französischen in ihren Verhandlungen stets auf die öffentliche Meinung in Deutschland hingewiesen und diese letztere während der ganzen Zeit in der Hoffnung auf ein deutsches Südwestmarokko gelassen hatte. Als der Reichskanzler am 9. November 1911 im Reichstage die Erklärung abgab, daß wir »in Marokko keinen Augenblick Landerwerb angestrebt hätten« und der Staatssekretär am 17. November im Haushaltungsausschusse bestätigte, daß die Absicht, ein Stück Marokko zu nehmen, niemals bestanden habe, standen alle jene vor einem unfaßbaren Rätsel, die um Gutachten über Südmarokko ersucht waren und sich dadurch veranlaßt gefühlt hatten, das deutsche Volk über den unbestreitbaren Wert dieser Gebiete aufzuklären und Hoffnungen auf den Besitz zu erwecken.

Wie es dann infolge dieses sinnlosen verschweigend der wahren Ziele gekommen ist, steht in frischer Erinnerung. Der Panthersprung endete im Herze der Schlafkrankheit. Der Staatssekretär des Kolonialamtes, Herr v. Lindequist, nahm, da er den Vertragsabschluß nicht verantworten konnte, seinen Abschied, und als Auswirkung des erschütterten deutschen Ansehens traten bald genug uns Herrn Liauteys Prozeßkomödien gegen Deutsche entgegen, die dann nach Ausbruch des Krieges in der Erschießung der Deutschen zu Casablanca und in der Mißhandlung der Zivilgefangenen und deren Frauen und Kinder in Westafrika den Gipfel der Schmach erreicht haben.

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Selten wohl ist die verhängnisvolle Rückwirkung außenpolitischer Fehler auf die Innenpolitik deutlicher hervorgetreten als nach dieser furchtbarsten aller beschämenden diplomatischen Niederlagen. Aller Welt war zum Bewußtsein gebracht, daß ein Volk mit so schwächlichem Machtwillen und so wenig gesundem Tatsachensinne bei allen sonstigen glänzenden Fähigkeiten niemals seinen Platz an der Sonne erringen könne. Und so wenig die deutsche Demokratie bereit war, dies um des Vaterlandes willen für die Außenpolitik anzuerkennen, so unbedenklich und gewalttätig zog sie aus der Erkenntnis dieser Schwäche der Staatsmacht die Nutzanwendung für ihren eigenen Willen zur Macht: gegen den Staat! Aber selten wohl ist auch der ganzen deutschfeindlichen Welt vor Augen geführt, wie die volkslose Haltung der deutschen Demokratie unsre Feinde in ihrer Einkreisungspolitik bestärkt hat. Es hätte dazu gar nicht erst noch des üblen Eindruckes bedurft, daß die Sozialdemokratie zur Zeit als Lord Roberts den »uns unausbleiblich und sehr nahe bevorstehenden großen Kampf« verkündete und »England als am Vorabende einer gewaltigen Krisis« stehend bezeichnte, mit besonderer Trotzköpfigkeit an einer Forderung des Abrüstungsvertrages zwischen Deutschland und England festhielt!

Graf Pourtalès hat im August 1917 gegenüber einem Vertreter des Wolffschen Büros die Ansicht vertreten, daß in den für den Kriegsausbruch entscheidenden Tagen vom Juli 1914 England zunächst den Ausbruch des Krieges nicht begünstigt habe und daß die französische Diplomatie vom Anbeginn der Krise Öl ins Feuer gegossen und zum Kriege gehetzt habe, insbesondere Herr Poincaré.

So wertvoll die vom Grafen Pourtalès für diese Auffassung der Schuldfrage vorgebrachten Tatsachen, als Einzelhandlungen gesehn, erscheinen, so wenig gerechtfertigt erscheint es doch, die russische und französische Politik allein als Brandstifter hinzustellen und damit England zu entsühnen, was bekanntlich auch der Staatssekretär Helfferich in seiner Schrift über »Die Entstehung des Weltkrieges« getan hat. Die Vermittelungsversuche, die England vor Ausbruch des Krieges unternommen hat, waren Scheinmanöver, die lediglich Herrn v. Bethmann Hollwegs Kartenhäuser stützen und die kaiserliche Kriegserklärung verzögern, nebstbei auch der Welt Beweise für Englands blütenweiße Unschuld bieten sollten. Die vollauf zutreffende Darstellung, die Kaiser Wilhelm dem Botschafter Gerard von der Haltung Englands gegeben hat, beseitigt den letzten Rest von Zweifel an dieser Sachlage, die im übrigen ja bereits durch Englands jahrelange Einkreisungspolitik und die aus dem Briefwechsel zwischen Grey und Paul Cambon bekannten bindenden Zusagen hinreichend bewiesen ist. Es bleibt dabei, daß derselbe König Georg, dessen Flotte am 27. Juli unter Dampf vor Spithead lag, dem Prinzen Heinrich vorgelogen hat, England wolle neutral bleiben! Denn es ist von vornherein entschlossen gewesen, in dem Augenblicke einzugreifen, da der Krieg sich zu ungunsten seiner russischen und französischen Verbündeten neigen sollte. Seine Absicht war, als Kriegsteilnehmer sich mehr in der Rolle des Schiedsrichters zu halten. Erst als es ihm nicht möglich blieb, mit geringem Aufwande von Kraft den Schiedsrichter zu spielen, wurde es zum Einsatz aller seiner Kräfte um die Aufrechterhaltung seiner Weltstellung gezwungen.

Wer nur den wirtschaftlichen Wettbewerb und Handelsneid als Ursache dieses blutigsten aller Kriege erblickt, unterschätzt diesen Feind! Nein, der letzte Grund seines unsagbaren Hasses lag in dem aus seiner Ruhe gestörten Herrenstolze der oberen Zehntausend von Großbritannien. Als Gebieter der Erde, wie sie auf ihrem von der Natur erbauten Bollwerke schon Shakespeare in gottgewollter Selbstverständlichkeit erschienen sind, hatten sie sich so sicher in ihrem Reichtume gefühlt, daß die Arbeit ihnen unvereinbar erschien mit der Gesellschaftsfähigkeit. Aus der Rente des Grundbesitzes, so hoch sie blieb, floß der geringere Teil ihrer Einnahme, weit schwerer wogen die Milliarden englischer Einkünfte aus Kapitalanlagen in fremden Ländern. Namentlich Amerika stand bis dahin tief in englischer Schuld, insbesondere auch die Vereinigten Staaten. Die Quelle dieses Wohlstandes und schließlich auch der heimischen Grundrente war aber der Handel und dessen Beschützerin, die Seeherrschaft. Diese beiden durch die ameisenhaft rastlose deutsche Geschicklichkeit und Unermüdlichkeit zerbröckelt zu sehen, bedeutete für den Engländer eine Bedrohung seiner Lebensbehaglichkeit und des britischen Volksbewußtseins. Daher schon Palmerstons Drohung, daß er die deutsche Bundesflagge, wenn sie auf der See sich zeigen sollte, als Seeräuberlappen behandeln werde. »Die Deutschen mögen den Boden pflügen, mit den Wolken segeln oder Luftschlösser bauen, aber nie seit Beginn der Zeiten hatten sie den Genius, das Weltmeer zu durchmessen oder die hohe See oder auch nur Küstengewässer zu durchfahren.« Daher vor zehn Jahren das grollende Wort: »Es ist unerträglich, daß das Vorhandensein einer deutschen Flotte, uns zu Gegenmaßregeln zwingt, die wir sonst nicht nötig hätten.« Daher 1911 zur Zeit der Marokkoverhandlungen der bis in alle Einzelheiten vorbereitete Plan zur »Versiegelung der Nordsee« und, am 20. September, zur Vernichtung der deutschen Flotte mitten im Frieden. Und nach Scheitern dieses Planes ein Jahr später Churchills ärgerlich drohendes Wort von der deutschen Luxusflotte, und gleichzeitig die fortgesetzten Bemühungen Lord Haldanes, den deutschen Flottenbauplan zu beschränken und den Großadmiral v. Tirpitz zu beseitigen. Daher denn auch seit Jahren in allen Klubs die Stimmung: »Wenn Deutschland morgen besiegt wäre, so gäbe es keinen Engländer, der sich nicht um das Dreifache reicher fühlte!«

Es bedarf keines Beweises, daß gerade dies britische Selbstbewußtsein um so wilder aufschäumen mußte, als die Haltung der deutschen Demokratie mit Verachtung erfüllte. Gerade weil unsere wirtschaftliche und kaufmännische Tüchtigkeit ganz England reizte und beleidigte, erschien dem entschlußkräftigen Engländer, in dessen Seele hart neben rücksichtsloser Raublust die heldenhafteste Hingebung an das eigene Vaterland liegt, die deutsche Unterbötigkeit naturgemäß als Ausdruck eines Schwächegefühles auch in militärischer Hinsicht. Mit dem Schwinden unsrer deutschen diplomatischen Vormachtstellung schien Englands goldenes Zeitalter gekommen zu sein.

Die Rückbildung der preußisch-deutschen Geschichte bis hinter 1804 zurück konnte in Angriff genommen werden.

Why not?!

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