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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 9
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
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Der böse Geist im Dienste.

In einem Hause war es Gebrauch, daß sie den Armen täglich ein Almosen gaben, und wenn kein Armer in's Haus kam, das Almosen auf die Bank vor's Haus legten, damit es die vorübergehenden Armen sehen und sich nehmen könnten. Da geschah's, daß der böse Geist in der Welt umherging, Beute suchend; doch fand er nichts und wurde bereits vom Hunger geplagt. Da kam er zu jenem Haus und sah die Speisen auf der Bank. Er wußte gut, daß sie ein Almosen für die Armen seien, und ihm nicht gehörten; doch da er großen Hunger hatte, konnte er seiner Begier nicht widerstehen und aß das Almosen auf. Er zog noch weit umher, um hier oder dort etwas zu erhaschen, war jedoch nicht glücklich im Fang und kehrte endlich voll Verdruß zur Hölle zurück. – Als er zur Hölle kam, war das Thor verschlossen. Er pochte an, allein sie wollten ihm nicht öffnen, weil er den Armen ihr Almosen genommen. Der älteste der Teufel verurtheilte ihn, er müsse zur Strafe drei Jahre in der Welt dienen. Der Teufel ging also, da sie ihn in der Hölle nicht dulden wollten, einen Dienst in der Welt suchen.

Lange suchte er vergebens. Er kam in ein Dorf, ging bei den Bauern umher und bat, sie möchten ihn als Knecht aufnehmen. Aber Alle redeten sich aus, indem sie sagten: »Mein Lieber, wir haben keine Pferde und brauchen daher keinen Knecht. Unser Herr ist schlimm; der plagte uns mit der Frohne Der plagte uns mit der Frohne so. Wie bekannt, ist die Frohne ( robota ) durch Kaiser Ferdinand den Gütigen im ganzen österreichischen Staate aufgehoben. so, daß wir alle unsere Pferde einbüßten. Wir konnten der Frohne wegen unsere Felder nicht bebauen, hatten viel Arbeit und wenig zu essen; zuerst unterlagen dem Mühsal unsere Pferde, jetzt ist die Reihe an uns. Zwar ist noch ein Bauer da, der zwei Pferde hat; allein die sind so mager und abgezehrt, daß man sie in ein Kopftuch binden könnte, drum wird auch er keinen Knecht nehmen!« Der Teufel hörte das gern, fragte »o der Bauer wohne, begab sich zu ihm und bat ihn sehr, er möchte ihn als Knecht annehmen, er wolle gehorsam sein. Der Bauer sagte: »Mein Lieber, einen Knecht brauch' ich wohl, allein ich kann Dich nicht in meinen Dienst nehmen, weil ich selbst nichts zu essen habe!« – Der böse Geist entgegnete: »O Herr, ich bitt' Euch, nehmt mich nur! Wir wollen arbeiten, was wir können, und wenn wir arbeiten, werden wir auch zu essen haben!«– Hierauf setzte sich der böse Geist auf eine Bank, und wollte ihm nicht vom Halse. Da ihn der Bauer nicht loswerden konnte, nahm er ihn auf, und dachte sich: »Du wirst bald von selbst davonlaufen!«

Der Knecht wartete die Pferde gut, so daß sie von Tag zu Tag zunahmen. Auf der Frohne verrichtete er der Arbeit noch mehr als ihm auferlegt war, und dabei versäumte er die Hauswirthschaft nicht. In einem Jahre half sich der Bauer hübsch empor; er hatte gute Pferde, die Felder standen vortrefflich, und er konnte sich auch eine Kuh anschaffen. Die Nachbarn wunderten sich und suchten den Knecht an sich zu locken; allein er ließ sich nicht abspänstig machen. Der Bauer selbst konnte sich nicht genug wundern, und hatte den Knecht sehr gern; nur lag es ihm im Kopfe, wo er zur Kirche gehe! Denn gingen die Hausleute zur Kirche, so ging der Knecht auch fort, in der Kirche aber sah ihn Niemand. Das ging dem Bauer im Kopf herum; weil ihm jedoch der Knecht zur Hand war, scheute er sich, ihm was zu sagen, damit er ihn nicht verlöre. Einst kam der Amtsdiener zum Bauer im Austrage des Herrn, er solle sich sogleich auf dem Schlosse stellen. »Herren- Wunsch, Unterthans- Pflicht! sagt das Sprüchwort; wie denn erst, wenn der Herr befiehlt.« So sprach der Bauer bei sich, nahm seinen Hut, und begab sich sogleich dem Befehle gemäß auf das Schloß. Als er in's Schloß kam, blieb er demüthig an der Thür stehen. »He,« sprach der Herr, »ich hab' gehört, daß Du starke Pferde hast, und einen noch stärkern Knecht dazu. Ich befehl' Dir daher, daß Du mir morgen den Felsen dort in den Schloßhof schaffst.« Der Bauer stand wie abgebrüht; denn das war ein Felsen, so groß, daß Niemand im Stande war ihn aufzuladen, kein Wagen ihn tragen konnte, die stärksten Pferde ihn nicht zu erziehen vermochten. Er ging, ganz aufgeregt, aus dem Schlosse. Der Knecht fragte ihn: »Was ist Euch, Herr, daß Ihr so in Gedanken seid?« Der Bauer sagte ihm, der Herr habe ihm befohlen, den Felsen dort in den Schloßhof zu schaffen. Der Knecht sprach: »Das sei Eure geringste Sorge. Deshalb braucht Ihr Euch nicht den Kopf zu zerbrechen. Wie der Herr befohlen, so wird's gescheh'n!« – Der Bauer versetzte voll Angst: »Was denkst Du, Sohn! Wenn wir auch soviel Leute zusammenbrächten, um die Masse aufzuladen, und unsere Pferde sie zögen, »der Wagen trüge sie dennoch nicht!« Lachend erwiederte der Knecht: »Mit unserm Wagen wirds sich's schon thun!« – Allein dem Bauer war gar nicht zum Lachen.

Des folgenden Tages stand der Knecht zeitig früh auf, fütterte die Pferde und richtete den Wagen zurecht. Nach dem Frühstücke fuhren sie, um den Felsen abzuholen. Als sie bei dem Felsen ankamen, brachte der Knecht die Schrotleiter in Ordnung, nahm eine Hebstange, hob den Felsen heraus, und in kurzem war der Felsen auf den Wagen geladen. Der Bauer brauchte nicht zuhelfen, und war wie außer sich, als er sah, was der Knecht machte. Der Knecht nahm nun die Peitsche und fuhr wie mit gewöhnlicher Ladung. Als sie sich dem Schlosse näherten, stand der Herr am Fenster. Da er sah, daß der Knecht zum Thor hereinfahren wollte, schickte er sogleich den Amtsdiener ab mit dem Befehle, er solle nicht in den Hof fahren. Doch ehe der Amtsdiener mit dem Befehle kam, waren die Pferde schon im Thor, der Knecht fuhr zu, und das Thor begann einzustürzen; aber die Pferde zogen in Einem fort, bis das Thor zertrümmert war. Im Hofe angelangt, rief der Knecht: »Wo soll ich den Felsen abladen?« Es ward ihm ein Platz angewiesen; dort aber waren Keller. Kaum senkte sich der Felsen auf den Boden, so durchbrach er die Wölbungen, und lag in den Kellern begraben. Der Herr gerieth in Wuth, daß die Keller zerstört waren. Ihm lag übrigens nichts daran, daß der Felsen herbeigeschafft war; sein tyrannisch Herz wollte nur den Bauer quälen.

In nicht langer Zeit brachte der Amtsdiener dem Bauer wieder den Auftrag, er solle sich vor dem Herrn stellen. Als er aufs Schloß kam, befahl der Herr: »Ich hab' genug Fröhner auf dem Felde, Du wirft mir Holz fällen gehen!« Dann rief er ihn zum Fenster, und zeigte ihm, daß er ihm von da bis dorthin den Wald umschlagen, das Holz zu Klaftern schichten, die Bäume abästen, und die Aeste zu Bündeln binden und gleichfalls zu Klaftern schichten solle, und zwar müsse das binnen vierzehn Tagen fertig sein. Der Bauer begann zu bitten; es sei nicht möglich das zu Staude zu bringen; wenn tagtäglich dreißig Bursche fleißig arbeiteten, so würden sie in einem Jahre nicht fertig. Allein der Herr beachtete die Bitte nicht, und versetzte: »Wie ich geboten, so muß es geschehen. Binnen vierzehn Tagen mußt Du fertig sein!« – Da der Bauer die Unnachgiebigkeit des Herrn kannte, und die Strenge der Strafe, die auf versäumte Arbeit gesetzt war, wurde er sehr betrübt.

Als er nach Hause kam, sprach er zu Niemand ein Wort, und Abends konnte er gar nicht essen. Der Knecht fragte: »Was ist Euch, Herr?« Der Bauer erwiederte: »O Sohn, der Herr verlangt unmögliche Dinge. Er befahl mir, ich solle binnen vierzehn Tagen den Wald von da bis dorthin umschlagen, das Holz zu Klaftern schichten, die Bäume abästen, und die Aeste zu Bündeln binden und gleichfalls zu Klaftern schichten. Das ist eine Arbeit, die dreißig Bursche kaum in einem Jahr vollbringen!« – Der Knecht tröstete ihn: »Zerbrecht Euch nicht den Kopf, Herr! Was die Sorge anlangt, so könnt ihr ruhig schlafen. Es wird alles fertig werden!« – Der Bauer jedoch konnte vor Sorgen die ganze Nacht nicht schlafen; denn das war eine Riesenaufgabe, und löste er sie nicht, so hatte er die schlimmsten Folgen zu erwarten.

Früh kam der Knecht in die Stube und sagte: »Geht in's Schloß, Herr, und meldet, daß der Wald schon umgeschlagen, und daß Alles so geschichtet ist, wie's befohlen war.« Der Bauer schalt ihn, er möchte ihn nicht zum Narren haben, er habe genug an der Sorge, die ihn drücke. Als ihn aber der Knecht hinausführte, und ihm zeigte, daß der Wald nicht mehr stehe, verwunderte er sich über die Maßen und getraute sich gar nicht den Knecht zu fragen, wie er's zu Stande gebracht. Nach dem Frühstück ging der Bauer ins Schloß, und meldete es dem Herrn. Der Herr ging zum Fenster und schaute hin. Als er sah, daß es wirklich so sei, knirschte er vor Zorn mit den Zähnen; denn er hatte nur die Absicht, den Bauer zu quälen.

Der Bauer ward reich, und sein Viehstand mehrte sich von Jahr zu Jahr. Es ging das dritte Jahr zu Ende, seit ihm der Knecht getreulich diente. Lohn hatte der Knecht keinen mit ihm verabredet, auch von Kleidern verlangte er nichts. So oft ihn der Bauer fragte, wieviel Jahreslohn er ihm zahlen solle, antwortete der Knecht immer, dazu sei Zeit genug. Eben ging das dritte Jahr zu Ende, da kam der Amtsdiener zum Bauer, und befahl ihm, er solle aufs Schloß gehen. Der Bauer ging sogleich, und der Herr sprach zu ihm: »Höre, ich will morgen in die Hölle fahren! Du hast gute Pferde, Du wirst mich hinführen. Morgen um acht Uhr früh komm hierher blos mit den Pferden; den Wagen bekommst Du hier!« Der Herr nämlich wußte nicht mehr, was er aussinnen sollte, um den Bauer zu plagen. Als der Bauer den gräßlichen Befehl hörte, entsetzte er sich und sagte: »Gnädigster Herr, Gott bewahre uns vor der Hölle!« Der Herr aber stampfte mit dem Fuße und schrie: »Morgen um Acht wirst Du da sein! Hörst Du?« Der Bauer bejahte kummervoll und ging nach Hause.

War er die beiden früheren Male traurig gewesen, so war er es jetzt um desto mehr; der Knecht jedoch war ungewöhnlich lustig, und fragte ihn: »Was fehlt Euch, Herr?« – Der Bauer antwortete: »Ach Sohn, ich weiß, daß Du mir nicht helfen kannst; allein wenigstens will ich mein Herz vor Dir ausschütten. Unser Herr – Gott verzeih' mir meine schweren Sünden! – ist ein verruchter Mensch. Sieh, Sohn, wir beten, daß uns Gott vor der Hölle behüte, und Der will halsstarrig, daß ich ihn morgen in die Hölle fahre!« – Der Knecht sagte: »Laßt nur, Herr, laßt! Wer will, Dem geschieht kein Unrecht. Will er's so, soll er's haben. Morgen sind's drei Jahre, daß ich bei Euch diene, und ich hab' Euch noch nicht gesagt, wer und woher ich bin; jetzt will ich's Euch sagen. Ich bin der Teufel, und weil ich den Armen ihr Almosen nahm, mußte ich zur Strafe drei Jahre auf der Welt dienen.«

Der Bauer fuhr erschrocken zusammen. »Erschreckt nicht, Herr! Ich bin Euch in nichts hinderlich gewesen, und hab' Euch treu gedient. Für meine Dienste verlange ich keinen andern Lohn von Euch, als daß Ihr morgen mit mir fahrt. Habt keine Furcht, Euch geschieht kein Leid; nehmt Euch nur Alles mit, was Ihr braucht. Sobald wir aus dem Schlosse sind, bleiben wir nicht eher stehen, als bis wir an Ort und Stelle ankommen. Sind wir dort, wird der Herr aussteigen; Ihr haltet die Pferde und seht Euch nicht um. Erst wenn sich ein schwarzer Hund zu Euch gesellt, dann blickt hinter Euch, damit Ihr seht, was mit Eurem Herrn geschieht. Dann folgt dem Hunde nach; er wird Euch bald nach Hause führen!«

Was sollte der Bauer thun? Er mußte einwilligen, daß er mit dem Knecht fahren wolle, denn sonst hätte er seine Pferde nicht heimbekommen. Zeitig früh stand der Knecht auf, und fütterte und kämmte die Pferde in Einem fort.. Als die achte Stunde da war, setzten sie sich auf und ritten in's Schloß. Indem sie sich dem Schlösse näherten, sahen sie den Herrn schon am Fenster, und im Hofe stand der Wagen bereit. Kaum hatten sie eingespannt, so saß der Herr schon im Wagen. Dann setzte sich der Knecht auf den Bock, der Bauer stellte sich hinten auf, und vorwärts gings. Die Pferde flogen wie der Sturmwind. »Oha, Bursche, oha!« rief der Bauer. »Mein Hut ist mir hinunter geflogen!« Der Knecht lachte: »Ha, ha! Euer Hut ist schon im neunten Gebiet vom Schloß. Wenn Ihr zurückkehrt, findet Ihr ihn.« Dem Bauer schien's, als wären sie erst ein kleines Stück gefahren.

In kurzem gelangten sie auf eine ungeheuer große Wiese; so weit das Auge reichte, war Alles eben, kein Bäumchen rings zu schauen. Sie blieben stehen; der Herr stieg aus dem Wagen, und der Bauer wandte sogleich mit den Pferden um. Es währte nicht lange, so gesellte sich ein schwarzer Hund zu ihm. Als er den Hund gewahrte, erinnerte er sich, daß der Knecht ihm befohlen habe, hinter sich zu blicken. Statt der Wiese sah er lauter stinkenden Qualm. Vor Entsetzen konnte er den furchtbaren Rauch gar nicht ansehen; er stieg rasch in den Wagen, der Hund lief vor den Pferden her und zeigte ihm den Weg, und er folgte nach. Bald fand er seinen verlornen Hut wieder, und war dann sogleich zu Hause; der böse Herr aber kehrte nie mehr auf seinen Herrensitz zurück.

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