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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 8
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
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Die Waise im Radhost.

Radhost. Berg in den Karpathen, von dessen Mineralienreichthum in den mährisch-walachischen Märchen häufige Erwähnung geschieht.

Es waren einmal zwei Brüder, Martin und Hans. Martin hatte zwei Knaben und Hans vier Kinder. Martin wurde krank, und als er sterben sollte, bat er seinen Bruder Hans, bei den zwei Knaben Vormund zu sein; sein Weib war schon vor einem Jahre gestorben. Als Hans von seinem dahingeschiednen Bruder heimkam, fragte ihn sein Weib: »Du hast doch nicht die Vormundschaft übernommen?« – Er antwortete: »Meinst Du, ich solle die armen Waisen zu Grunde geh'n lassen? Ist's doch mein Blut! Laß uns von etwas andrem reden: ob wir beide Kinder zu uns nehmen, oder sie zu fremden Leuten geben?« – Sein Weib erwiderte: »Den Aelteren möcht' ich noch nehmen, den Jüngeren aber mag ich nicht.« – Drauf sagte er zu ihr: »Denk' nicht viel hin und her! Ich will beide bringen.« – Das Weib sprach: »Ich wollte nichts dagegen haben, wenn Du den Aelteren nähmst; den Jüngeren mag sich nehmen, wer will!« – Allein der Mann erwiederte: »Weißt Du nicht, daß uns der Jüngere mehr frommen kann, als der Aeltere?« – Das Weib sagte: »Wie könnte uns der Jüngere mehr frommen? Der Aeltere zählt schon vierzehn Jahre, der Jüngere erstzwei.«– Der Mann sprach: »Lieb Weib, Du weißt, daß ich ihr Ohm bin, und daß ich für sie sorgen muß. Ich will beide zu mir nehmen.«

Er hatte die Knaben neun Jahre bei sich. Der Aeltere, Joseph, verdiente sich reichlich, was er brauchte; der Jüngere, Michael, half in der letzten Zeit auch, schon bei leichteren Arbeiten. Allein da kamen schlimme Zeiten, wo's mit allen armen Leuten arg stand. Auch Hans mußte am Ende seine Kuh verkaufen. Da trat sein Weib zu ihm und sprach: »Siehst Du! War es gut, die zwei Kinder zu nehmen? Ich sagte Dir, nimm sie nicht! Jetzt können wir nicht einmal unsre eignen Kinder ernähren.« – Der Mann jedoch erwiederte: »Was kümmerst Du Dich so! Du weißt ja, daß uns die Hütte der Kinder bleibt, wenn ich sie ihnen abkaufe und auszahle.« – Drauf sagte das Weib: »Wär's nicht besser, den jüngeren, Burschen loszuwerden? Dann käm's uns wohlfeiler!« – Der Mann sprach: »Erinnre Dich, wir nahmen sie in guter Zeit. Wär's nicht eine Sünde vor Gott und der Welt, in schlimmer Zeit sie wegzutreiben? Was würden die Leute sagen!« Das Weib jedoch bestand daraus, daß die Kinder wegkämen. Der Mann sprach also: »Weißt du was, lieb Weib, damit alles gut sei, so will ich den Jüngeren wohin in die Berge führen. Sie sagte: »Ich bitte Dich, wohin willst Du ihn führen?« Du wirst ihn etwa zwei Stunden weit wegführen, und er kommt wieder.« Der Mann entgegnete: »Ich will ihn dorthin führen, woher er nimmer zurückkehrt! Von Gott hab' ich die Waise erhalten, Gott will ich sie wiedergeben.«

Des andren Tag's, noch eh' es dämmerte, sprach er zu dem eilfjähigen Knaben: »Michael, wir wollen mit einander geh'n; vielleicht daß wir im Radhost einen Schatz finden.« Michael ahnte nichts Arges, und ging frohen Muths mit seinem Ohm. Als sie zu den Löchern im Radhost kamen, zündete der Ohm ein Licht an, und trat mit Michael hinein. Dort stiegen sie eine alte Leiter hinab in die Tiefe, gingen lange und durchkrochen viele Höhlen, bis sie zu einem unterirdischen Fluß gelangten, über den ein schmaler Weg führte. Jenseit des Wassers sprach der Ohm: »Michael, setz' Dich hier auf den Felsen! Da hast Du Brot und ein Taschenmesser! Iß, ich will indeß weiter schauen geh'n.« Michael setzte sich, schnitt sich im Dunklen Brot ab, und aß. Der unglückliche Knabe harrte lange, sehr lange auf seinen Ohm, bis dieser mit dem Lichte wieder käme; von seinem Platze wollte er sich nicht rühren, denn er fürchtete sich in der schwarzen Dunkelheit. Sehnsüchtig horchte er, allein der Ohm kam nicht. Da fiel ihm ein: »Vielleicht hat der Ohm mich absichtlich irregeführt, hat mich dagelassen, und ist nach Hause gegangen!« Bei dem Gedanken sträubten sich seine Haare; er raffte sich auf, und suchte den Weg aus dem Radhost hinaus. Es war jedoch nicht möglich, ihn zu treffen. Wie sollt' er ohne Licht durch die Höhlen hindurchkommen? Wie sollt' er den schmalen Steg über den Fluß finden, und die Leiter, die hinaus führte? Anstatt zum Flusse zu geh'n, entfernte er sich immer mehr von ihm; dies bemerkte er erst dann, als er sein Rauschen nicht mehr vernahm. Ermattet sank er auf den feuchten Boden, legte sein Haupt auf den kalten Felsen, und weinte laut. Dann sprang er wieder empor, und ging zurück. Als er im Dunklen rechts und links tappte, glitschte ihm der Fuß aus, und er stürzte in die Tiefe. Als er so hinabflog, wollte er sich anhalten, und riß zwei Klumpen ab. Ohne zu wissen, was er thue, steckte er sie in die Tasche, die er umgehängt hatte, und ging weiter. Jetzt näherte er sich dem Flusse, denn er hörte dessen Rauschen mehr und mehr, bis er merkte, daß er am Wasser sei. Allein er konnte nicht den Steg finden, auf dem ihn der Ohm geführt hatte. Muthig sprang er in den Fluß, und schwamm glücklich hinüber. Dann gelangte er zu der gefährlichen Leiter, und wie eine Katze war er sogleich oben. Nachdem er noch eine halbe Stunde getappt und gesucht, kam er aus dem Loch hinaus, hatte jedoch seine Füße und Hände zerschunden und blutig, und zitterte vor Kälte und der überstandenen Angst. Er fiel nun auf die Knie nieder, und dankte Gott, daß er ihn herausgeführt, und nicht im Radhost hatte zu Grund gehen lassen. Dann setzte er sich, aß das trockene Brot, das er noch bei sich hatte, und überlegte, was er thun solle.

Er wußte, daß ihn der Ohm nicht mehr möge, und so beschloß er, in die weite Welt zu gehen, in der Hoffnung, sich dennoch irgend wie zu ernähren. Als er mehrere Tage hungrig gewandert, kam er zu einem Schlosse, erbettelte sich von einem Diener ein Stück Brot, und setzte sich auf einen Eckstein. Indem er das Messer aus der umgehängten Tasche zog, erblickte der Diener die zwei gelben Klumpen, und fragte ihn, was er da habe. Der Diener kehrte sie nach allen Seiten, wog sie in der Hand, zeigte sie Andern, bis er endlich ging, sie dem Herrn zu weisen. Der Herr des Schlosses ließ den Knaben vor sich führen. Als ihn der Diener vorgeführt, fragte ihn der Herr, woher er die zwei Stücke gediegenen Goldes habe. Michael erzählte, was ihm widerfahren, und wie er zu den Klumpen gekommen sei. Die Erzählung rührte den Herrn so sehr, daß er ihn als sein eigen Kind annahm; denn er war ledig, und hatte keine Kinder. Das Gold verkaufte er und legte das Geld auf gute Zinsen für den Knaben an. Auch ließ er ihn in allem Nützlichen unterrichten. Michael war siebzehn Jahre lang in dem Schlosse. Als das siebzehnte Jahr zu Ende ging, wurde der Herr krank. Er vermachte all sein Eigenthum Michael, und befahl ihm, er solle mäßig leben und an die Armen denken. Michael dachte bei sich: »Wie sollt' ich die Armen vergessen, da ich selbst arm gewesen, und jetzt so reich geworden!« – In vierzehn Tagen ward der Herr begraben.

Zwei Jahre waren verstrichen, seit Michael sein eigner Herr geworden. Eines Tages stand er am Fenster, und sah in den Schloßhof. Da kam ein alter Bettler in zerrissenen Kleidern. Seine Noth rührte ihn sehr, und sogleich befahl er dem Thorwächter, er solle ihn herauf führen. Als der Bettler in das Zimmer trat, erkannte Michael, daß es sein Ohm sei; der Ohm aber erkannte Michael nicht. »Erbarmt Euch über mich, gnädiger Herr,« bat der Greis, erbarmt Euch über einen hungrigen Alten! Gott wird es Euch vergelten!« Michael sagte: »Mit Freuden will ich Euch zu essen und zu trinken geben. Setzt Euch!« Dann rief er den Diener, gab ihm einen Schlüssel, und befahl ihm leise, er solle aus seiner Tasche, die er sich sammt seinen walachischen Kleidern zum Andenken aufbewahrt hatte, das Messer bringen. Er setzte sich zu dem Greise, der ihm erzählte, wie er vermögend gewesen, wie er durch schlimme Zeiten in Armuth gerathen, und wie er durch's Gericht um Alles gekommen, so daß er seine Hütte habe verkaufen müssen, und jetzt genöthigt sei, vom Betteln zu leben.« – Habt Ihr keine Kinder?« fragte Michael. – »Ach Gott!« sagte der Greis, »ich hatte vier Kinder. Drei sind mir an den Blattern gestorben, und das vierte ist ein Taugenichts, der sich weder um Gott, noch um seinen alten Vater kümmert.« Indeß brachte der Diener Speise und Trank. Michael reichte dem Greise selbst Brot und das Taschenmesser zum Schneiden. Der Greis nahm das Messer in die Hand, betrachtete es, ward bleich wie die Wand, denn er erkannte das Zeichen, das er mit eigner Hand hinein gebrannt, und wie betäubt stotterte er die Worte: »Gnäd'ger Herr, wie ist das Messer hierhergekommen?« – Michael erwiederte: »Was liegt an dem Messer? Messer ist Messer!« – »Nicht doch!« rief der Greis in Verzweiflung. »Beim lebend'gen Gott, sagt mir, wie seid Ihr zu dem Messer gekommen? O sagt mir's, und martert mich nicht!« – Michael konnte sich nicht länger halten und verläugnen. »Vater Hans,« rief er, »kennt Ihr nicht Michael, die Waise?« Der Ohm erschrak, erkannte Michael, und vor Scham und Furcht fiel er vor ihm auf die Knie. Allein Michael hob ihn auf, umarmte ihn, und sprach: »Ohm, fürchtet Euch nicht! Ich hab' Euch längst verziehen!« Der Greis setzte sich zum Essen, aber er hatte keine Lust. Michael behielt ihn bis zu seinem Tode bei sich, und als er erfuhr, daß sein älterer Bruder Joseph diene, nahm er auch diesen zu sich in das Schloß. Der Greis blieb kein ganzes Jahr mehr am Leben; doch starb er mit dem Troste, daß Michael im Radhost nicht zu Grunde gegangen, was ihn früher in seinem Elend bei Tag und Nacht am meisten gequält hatte.

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