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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 44
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
year1857
firstpub1857
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Ernstere, weh- und schwermüthige Lieder, Balladen, Romanzen.

 

Verlorene Jugend.

(Slowakisch.)

Brausten alle Berge,
Sauste rings der Wald –
Meine jungen Tage,
Wo sind sie so bald?

Jugend, theure Jugend,
Flohest mir dahin;
O Du holde Jugend,
Achtlos war mein Sinn!

Ich verlor Dich leider,
Wie wenn einen Stein
Jemand von sich schleudert
In die Fluth hinein.

Wendet sich der Stein auch
Um in tiefer Fluth,
Weiß ich, daß die Jugend
Doch kein Gleiches thut.

 

Das geflügelte Herz.

(Böhmisch. Melodie 15.)

Dritthalb Jahre sind's nun,
Daß ich Dich, o Holde,
Kennen gelernt;
Doch Dich zu verstehen,
Davon, Holde, bin ich
Weit noch entfernt.
Hast wohl der Liebe Gluth
In mir entfacht,
Selber doch an Liebe,
Du mein holdes Kindchen,
Niemals gedacht.

Denkst Du noch, o Holde,
Jenes Maienabends,
Denkst Du noch sein?
Wie die Nachtigall da
Gar so süß, o Holde,
Sang dort im Hain?
Hell, als wär's Tageszeit,
Mond uns beschien,
Und wir, goldnes Kindchen,
Schauten, wo sich's Vöglein
Setze dahin.

Hin auf eine Tanne
Setzte da, o Holde,
S'Vögelein sich,
Und ich, Holde, gab Dir
Einen Kuß, den ersten,
Herzinniglich.
O welche Seligkeit,
O welche Lust,
Die mir jetzt noch immer,
Du mein goldnes Kindchen,
Füllet die Brust!

Wenn Du nur, o Holde,
Aufrichtig und offen
Wär'st gegen mich:
Wär' auf dieser Erde
Niemand, Holde, Niemand
Sel'ger, als ich!
Doch Deinem Herzen sind
Flügel verlieh'n,
Und so, goldnes Kindchen,
Flattert's auf den Blumen
Fort her und hin.

 

Die Rose.

(Slowakisch.)

Blühet eine Rose,
Die gar hold zu pflücken,
Kommt auch wohl ein Jüngling,
Und er wird sie pflücken.

Bin noch eine Rose,
Da kein Mann mich freiet;
Es verwelkt die Rose,
Bis ein Mann mich freiet.

Bin noch eine Blüthe.
Hab' noch keine Kindlein;
Es verwelkt die Blüthe,
Hab' ich einmal Kindlein.

 

Die Ertrunkene.

(Böhmisch.)

Es tönt, es tönt zum Kriege,
Wer geht und rüstet sich?
Das Mädchen, dem ein Liebster
Herzinnig ist ergeben,
Wird weinen bitterlich.

Auch ich hab' einen Liebsten,
Der heiße Treu' mir schwor.
Wenn nur der Herr, mein Kaiser,
Ein Rößlein mir verliehe,
Gleich schwäng' ich mich empor!

»Was möchtest Du, mein Liebchen,
Was möchtest Du dort thun?«
Ich möchte Hemden waschen,
Damit Du schneeweiß gingest,
Das möcht' ich dorten thun.

»Wo tauchtest Du, mein Liebchen,
Wo tauchtest Du sie ein?«
Im Donaustrom ein Felsen,
Auf ihn möcht' ich mich stellen,
Dort tauchte ich sie ein.

Sie stand am Donaustrome,
Und wollte guten Rath,
Frug ihn, ob seine Tiefe
Sich mit der Breite messe,
Sie stiege gern ins Bad.

Sie sprang hinab in's Wasser,
Die Donau schlang sie ein;
Da war es ach! auf immer,
Da war es ach! auf immer
Gescheh'n um's Mägdelein.

Und ihre weißen Füße
Geh'n auf dem tiefen Sand;
Die weißen Hände halten,
Die weißen Hände halten
Sich fest am Uferrand.

Ihr schwarzes Haargeflechte
Treibt in der Fluthen Lauf,
Und ihre blauen Augen,
Und ihre blauen Augen,
Ach! schau'n zum Himmel auf.

 

Die Waise.

(Böhmisch. Melodie 16.)

Ein Kind, noch klein und zart.
Zur armen Waise ward.

Als es nun klug genug,
Es nach der Mutter frug.

»Ach Vater, Vater mein,
Wo ist mein Mütterlein?«

»»Dein Mütterlein schläft fest,
Sich nimmer wecken läßt.««

»»Liegt aus dem Kirchhof dort,
Unweit von seiner Pfort'.««

Als dies vernahm das Kind,
Zum Kirchhof lief's geschwind.

Gräbt mit der Nadel fein,
Scharrt mit den Fingern sein.

Es scharrt und scharret lang',
Dann weinet es so bang:

»O Mutter, höre mich,
Ein einzig Wort nur sprich!«

»»Das Sprechen fällt mir schwer.
Mich drückt die Erde sehr.««

»»Geh' heim, mein Kind, hast ja
'Ne andre Mutter da.««

»Ach die ist nicht so gut,
Mir nichts, als Leides, thut.«

»Giebt sie mir eine Krum',
Kehrt sie sie dreimal um.«

»Gabst Du mir Brot, gabst Du
Mir Butter auch dazu.«

»Und kämmt sie mir das Haar,
Blutet mein Haupt fürwahr.«

»Als Du mich kämmtest lind,
Umarmtest Du Dein Kind.«

»Wäscht sie die Füße mir,
Zerbläut sie beide schier.«

»Als Du sie wuschest lind,
Da küßtest Du Dein Kind.«

»Und wäscht mein Hemd sie, dann
Fängt gleich das Fluchen an.«

»Als Du es wuschest, Du
Sangst freundlich stets dazu.«

»»Geh' heim, mein Kind, geh', geh'
Und Gott empfiehl Dein Weh!««

»»Ich komme bald zu Dir,
Und nehme Dich zu mir.««

Das Kind nach Hause ging,
Sein Haupt schwer niederhing.

»Ach liebster Vater Du,
Verkauf die letzte Kuh,
Kauf eine Todtentruh'.«

»Halt Geld für das Geläut',
Den Grabgesang bereit!«

»Den Priestern, Gott zu Lieb',
Den Todtengräbern gieb!«

»»Ei Kind, was thust Du denn,
Als wär's um Dich gescheh'n?««

»Ach Vater, Vater mein,
Seh' schon mein Mütterlein!«

»Die Mutter kommt um mich.
Und nimmt, nimmt mich zu sich!«

»»Ei Kind, was sprichst Du da?
Die Mutter ist nicht nah'.««

»»Die Mutter fault im Grab,
Ward längst gesenkt hinab.««

»»Ich sehe Niemand hier –
Mein Kind, es träumet Dir!««

»Ach Vater, mir wird schwer,
Reich' mir das Kissen her!«

»Mein Haupt, das brennt, das brennt!
Es geht mit mir zu End'.«

»Die Seele Gott verbleib',
Dem Grab gehört mein Leib!«

»Ins Grab – zum Mütterlein,
Das Herz ihr zu erfreu'n!«

Krank war es einen Tag,
Es starb am zweiten Tag,
Im Grab am dritten lag.

 

Der verlorene Schäfer.

(Böhmisch.)

Es werdet im grünen Haine
Der Hirt die Lämmer sein,
Er weidet sie auf dem Hügel
Im grünen Birkenhain.

Da unterm Eichbaum stellen
Zwei Mädchen sich plötzlich dar;
Der Hirt giebt guten Abend,
Sie lächeln wunderbar.

Das eine, wie eine Taube,
War ganz am Leibe weiß;
Das zweite, wie eine Schwalbe,
Beginnt so sanft und leis:

»Komm Hirt mit uns, und schlafe
Dort bis zum weißen Tag!
O laß, laß Deine Lämmer,
Es weide sie, wer da mag!«

Sie nahmen ihn bei den Armen,
Er ging zu den Bergeshöh'n –
Die Lämmer sammt seiner Hütte
Hat er nie wieder geseh'n.

 

Reiters Schwanenlied.

(Böhmisch.)

Ihr wunderschönen Sternchen,
Wie seid ihr gar so klein,
Doch leuchtetet ihr ehmals
Mir hell mit eurem Schein!

Und eins und eins vor allen,
Der Morgenstern es war,
Der leuchtete mir immer
Zur Liebsten hin so klar.

Du Mond dort in den Wolken,
Wie schwebst Du gar so hoch:
Wie ist mein trautes Liebchen
Von mir so ferne doch!

Wohl haben mir die Meinen
Zu Hause oft gedroht,
Wenn vor den Feind ich käme,
So schlüg' er bald mich todt.

Ich bin ins Feld gezogen,
Hinaus in's blut'ge Feld –
Noch ein Mal will ich denken
Der Liebsten auf der Welt.

Die Welt ist groß hienieden,
Die Eltern sind so weit,
Eh' sie von mir was wissen,
Bin ich der Würmer Beut'.

Schon grub ein tiefes Grab man
Dort in dem grünen Hain.
So grüßet mir noch einmal
Die Allerliebste mein!

So hab' Dich wohl, mein Schätzchen,
Mein Lieb, ich grüße Dich!
O härm' Dich nicht und klag' nicht,
Ein fromm Gebetlein sprich!

 

Abschied.

(Böhmisch. Melodie 17.)

Ach mich hält der Gram gefangen,
Meinem Herzen ist so weh,
Denn ich soll von hinnen ziehen
Ueber jenes Berges Höh'.

Was einst mein war, ist verloren,
Alle, alle Hoffnung flieht;
Ja ich fürchte, daß, o Mädchen,
Dich mein Aug' nicht wieder sieht.

Dunkel wird mein Weg sich dehnen.
Wenn ich scheiden muß von hier:
Steh' ich dann auf jenem Berge,
Seufz' ich ein Mal noch nach Dir.

 

Der Königinhofer Garten.

(Böhmisch.)

Dort in Kön'ginhof im Garten Dort in Kön'ginhof im Garten. Königinhof, Stadt. vier Meilen nördlich von der Festung Königgrätz. Hier wurde im J. 1818 von dem Bibliothekar des Museums des Königreiches Böhmen W. Hanka in einer Kammer an der Kirche unter verworfenen Papieren und alten Pfeilen die berühmte böhmische Königinhofer Handschrift aufgefunden, die ich dem deutschen Publicum bald in einer neuen Uebertragung zu bieten gedenke.
Blüht ein schönes Röselein;
Sprengte durch zwei volle Nächte
Thau das schöne Röslein ein.

Dort in Kön'ginhof im Garten
Bei dem schönen Röselein
Weinte durch zwei volle Nächte
Thränen hin die Liebste mein.

Dort in Kön'ginhof im Garten
Seufzten wir den Abschiedsgruß,
Bei dem schönen Röslein gaben
Wir uns ach! den letzten Kuß.

 

Das Scheiden.

(Slowakisch.)

Ach das Scheiden, ach das Scheiden,
Welch ein schweres Herzeleid,
Wenn sich zwei in Liebe trennen,
Junger Bursch und junge Maid!

Als wir von einander schieden
Zwangen wir die Thränen nicht,
Wischten uns mit weißem Tuche
Beide weinend das Gesicht.

Stirbst Du mir, wie kann ich leben?
Sterben beide wir in Treu',
Lassen in ein Grab zusammen
Uns versenken alle zwei.

Lassen uns auf eine Tafel
Beide schreiben hintenhin:
Die zwei Todten hier im Grabe
Waren nur ein Herz und Sinn.

 

Die Verlassene.

(Böhmisch. Melodie 18.)

Neulich schwamm ein flinkes Gänschen
Auf dem klaren Teich dahin,
Als ich von dem Heißgeliebten
Abschied nahm mit trübem Sinn.

Hinter jene schwarzen Berge,
Hinter Böhmens Grenze dort,
Führten sie mir treuen Mädchen
Meinen theuren Jüngling fort.

Wär' ich doch das flinke Gänschen,
Schwämm' ich nicht im Teich dahin:
Hinter meinem Schatz bergüber
Flög' ich schnell mit frohem Sinn!

 

Die Verlassene.

Anmerkung: Die Verlassene (Slowakisch). Das Gedicht, wahrscheinlich sehr alt, erinnert an folgendes in der Königinhofer Handschrift:

Ach ihr Wälder, dunkle Wälder,
Miletiner Miletin liegt zwischen den, durch seine Naturschönheiten und Wallenstein'schen Erinnerungen merkwürdigen Jièin und der Festung Königgrätz. Im 13 Jahrhundert hatten dort die deutschen Ritter von Komotan eine Comthurei; doch ging diese im Hussitenkriege ein. Wälder,
Warum grünt ihr immer wieder
Winters, wie im Sommer?
Gerne möcht' ich wohl nicht weinen,
Nicht das Herz mir quälen;
Aber sagt, ihr guten Leute,
Wer sollt' hier nicht weinen?
Wo mein Vater, lieber Vater?
Ach ins Grab vergraben!
Wo die Mutter, gute Mutter?
Ach grasüberwachsen!
Hab' nicht Bruder, hab' nicht Schwester,
Und mein Trauter – ferne!

(Slowakisch.)

So grün der Berg, so steinig der Pfad,
Mit wem erfreu' ich mich?
Ich freu'te mich mit dem Vater gern.
Doch hab' ja keinen ich.
Der Vater war eine grüne Eich'
Und stand am Meere, weh'!
Es schwoll das Meer und nahm mir ihn –
Du mein Gott in der Höh'!

So grün der Berg, so steinig der Pfad,
Mit wem erfreu' ich mich?
Ich freu'te mich mit der Mutter gern,
Doch hab' ja keine ich.
Die Mutter ein Himmelsgarten war
Und stand am Meere, weh'!
Es schwoll das Meer und nahm mir sie –
Du mein Gott in der Höh'!

So grün der Berg, so steinig der Pfad,
Mit wem erfreu' ich mich?
Ich freu'te mich mit dem Bruder gern,
Doch hab' ja keinen ich.
Der Bruder ein grüner Ahorn war,
Und stand am Meere, weh'!
Es schwoll das Meer und nahm mir ihn –
Du mein Gott in der Höh'!

So grün der Berg, so steinig der Pfad,
Mit wem erfreu' ich mich?
Ich freu'te mich mit der Schwester gern,
Doch hab' ja keine ich.
Die Schwester war eine grüne Birk'
Und stand am Meere, weh'!
Es schwoll das Meer und nahm mir sie –
Du mein Gott in der Höh'!

So grün der Berg, so steinig der Pfad,
Mit wem erfreu' ich mich?
Ich freu'te mich mit dem Liebsten gern,
Doch hab' ja keinen ich.
Der Liebste zögerte zu lang'
Und stand am Meere, weh'!
Es schwoll das Meer und nahm mir ihn –
Du mein Gott in der Höh'!

 

Schlimmer Gruß aus der Ferne.

(Böhmisch.)

Als ich durchs Meer hinschiffte, da flog
Eine Nachtigall über die Fluth;
Sie ließ ein weißes Blatt herab,
Herab auf meinen Hut.

Ich nahm den Hut vom Haupte schnell,
Ins weiße Blatt ich sah;
Ach einen Gruß von meiner Maid
Erblickt', erblickt' ich da.

Seit jener Zeit bin ich verwaist,
Dem Gärtner im Garten gleich,
Pflegt er die Rose, und sie welkt
In seinen Händen bleich.

Wohl pflegt' einst eine Ros' auch ich –
Gar tief in treuer Brust;
Und doch verlor, verlor auch ich
Meine Perle, meine Lust.

 

Die verbrecherische Schwester.

(Böhmisch. Melodie 19.)

Bei der herrschaftlichen Aue
Heu't die Maid im Morgenthaue.

Und vier Herr'n vorüberreiten:
»Mädchen, willst uns nicht begleiten?«

»»Zöge gern mit euch, ihr Herren,
Doch mir wirds der Bruder wehren.««

»Kannst dem Bruder Gift bereiten,
Und uns fröhlich dann begleiten.«

»»Weiß nicht, wie ich das vollbringe,
Lernte niemals solche Dinge.««

»Geh' dorthin zum grünen Haine,
Findst der gift'gen Schlangen eine.«

»Koch' sie ihm in Milch, und reiche
Sie ihm dar: er wird zur Leiche.«

Und sie ging zum grünen Haine,
Fand der gift'gen Schlangen eine.

Kochte sie in Milch geschwinde,
Buk sie dann, vor Lieb' ach blinde!

Und es fuhr der Bruder balde
Holz daher aus schwarzem Walde.

»Bruder, komm, wirst Hunger haben:
Buk ein Fischlein, Dich zu laben.«

»»Was ist mit dem Fisch geschehen?
Ist nicht Schweif noch Kopf zu sehen.««

»Ei den Kopf hab' ich geschmauset,
Katze hat den Schweif gemauset.«

Und als er davon genommen,
Thät es übel ihm bekommen.

»Schwester, arg ist mein Befinden,
Wolle mir das Haupt verbinden.«

»»Stünde dar nach mein Verlangen,
Gäb' ich nicht zu essen Schlangen.««

»Schwester, frischen Wein mir bringe.
Daß ich mir das Herz verjünge!«

Doch sie bracht' ihm Wasser trübes:
»»Trink, mein Brüderlein, mein liebes!««

»Schwester, mir das Kissen reiche,
Daß mein Haupt ich leg' aufs weiche!«

Doch 'nen harten Stein sie brachte:
»»Ei so stirb denn hin, verschmachte!««

Und kaum daß die Erd' ihn hüllet,
Schreibt sie, ganz von Lieb' erfüllet:

»Komm, mein Liebster, ohne Weile!
Bruder starb zu unsrem Heile.«

»»Ei konnt'st ihn um's Leben bringen,
Könnt's Dir auch an mir gelingen.««

»Ach mein Gott, was wird jetzt werden!
Hab' nicht Bruder. Mann auf Erden.«

»Hab' dem Bruder Gift gegeben,
Und muß nun verstoßen leben!«

 

Eifersucht noch im Tode.

(Mährisch.)

Was ist Weißes zu gewahren
Auf den Bergen, in den Thalen?
Sind es weißer Gänse Schaaren,
Oder ist dort Schnee gefallen?

Wären'« weißer Gänse Schaaren,
Wären längst schon fortgeflogen;
War' es Schnee, die warme Sonne
Hätt' ihn langst schon aufgesogen.

Ist ein Lager, auf dem Lager
Ruht ein Jüngling hingestrecket.
Und das Haupt des schönen Jünglings
Ist mit Wunden ganz bedecket.

Auf der einen Seite, glänzend,
Sein geschliffner Säbel lieget;
Auf der andern Seite, trauernd,
Sich an ihn sein Mädchen schmieget.

Hält ein Tuch in ihrer Rechten,
Dem Verwundeten zu dienen;
Hält ein Reis in ihrer Linken,
Dran noch frische Blätter grünen.

Wischet mit dem weißen Tuche
Ihm den Schweiß vom Angesichte;
Mit dem grünen Reise scheuchet
Sie der Fliegen frech Gezüchte.

»Ach wie lange soll, wie lange
Ich in bangen Zweifeln schweben!
Sage, sag' mir, mein Geliebter,
Hegst Du Hoffnung noch zu leben?«

»»Wolle mir, o Heißgeliebte,
Meinen blanken Säbel reichen.
Daß ich seh' in seinem Spiegel,
Wie die Wangen mir erbleichen.««

Und sie reichet ihm den Säbel,
Doch springt seitwärts sie behende;
Denn sie merkt, der Jüngling sinne
Still im Herzen auf ihr Ende.

»Ei wer hat Dir, Heißgeliebte,
Diesen guten Rath ertheilet?
O wie noch mein Aug' im Sterben
Sehnsuchtsvoll auf Dir verweilet!«

»»Meine alte Mutter hat mir
So gerathen im Vertrauen.
Sicher wolltest mit dem Säbel
Du das Haupt vom Rumpf mir bauen!««

»Ja. das wollt' ich! Treffen sollte
Dich mein Säbel gleich dem Blitze;
Denn ich kann es nicht ertragen,
Daß ein Andrer Dich besitze.«

 

Die fünf Freier.

(Mährisch.)

Beim Nachbar dort am Bache
Rauft sich der Gänse Schaar,
Geh' Sohn, nimm Deinen Säbel
Und tödte schnell ein Paar! –

Die Schöne sitzt am Tische,
Gleich einer Ros' erblüht.
Und rühmet sich, es hätten
Sich Fünf um sie bemüht.

Heiß liebte sie der Erste,
Der Zweite sie ihm nahm;
Es brach das Herz dem Dritten,
Daß er sie nicht bekam.

Der Vierte schwenkt sein Tüchlein
Beim Tanz hoch über sich;
Der Fünfte unterm Fenster
Weint bitter, bitterlich.

 

Treue für Untreue.

(Mährisch.)

Es sitzt ein kleiner Vogel
Auf hohem Eichenbaum,
Und spähet, ob die Sonne
Sich zeig' am Bergessaum.

Wohl steigt die Sonn' in die Höhe,
Doch die meine ging hinab.
Seitdem sich einem Andern
Mein Lieb zu eigen gab.

O grabt ein Grab mir Leute,
Knapp an dem Wege dort,
Und bettet mich zu Ruhe
An dem ersehnten Ort.

Zu meinem Haupte pflanzet
'Nen rothen Blumenstrauß,
Zu meinen Füßen höhlet
Ein steinern Brünnlein aus.

Ach geht sie dann vorüber,
Vielleicht von den Blumen sie pflückt,
Indeß der Glückliche schlürfend
Sich aus dem Brunnen erquickt!

 

Zu späte Reue.

(Slowakisch. Melodie 20.)

O Vater im Himmel,
Wie reut es mich zu spät,
Daß wegen des Einen
Die Andern ich verschmäht!

Ich gab für den Pfau ach!
Den edlen Falken hin!
O wüßt' ich die Stätte,
Wie gerne sucht' ich ihn!

Er sitzt wohl im Hofe
Des Nachbars fort und fort,
Er sitzet am Schnürchen,
Am seidnen Schnürchen dort.

Das Schnürchen, das Schnürchen
Ist gar so dünn und fein,
Es schnitt sich ins Herz mir,
Tief in das Herz hinein.

 

Der verwelkte Kranz.

(Böhmisch.)

Wer trat dem engen Pfade
Wohl diese Spuren ein?
Auf ihm, da ging ein Mädchen,
Und weinte ganz allein.

Auf ihm, da kam ein Jüngling,
Voll Schmerz in tiefer Brust,
Er haschte sich das Mädchen
Und jauchzte laut vor Lust.

»Geliebter, o Geliebter,
Komm bald, recht bald zu mir!
Aus frischen grünen Blättern
Ein Kränzlein geb' ich Dir.«

Der Jüngling kam nicht wieder,
Das Kränzlein welkte matt,
Der Jüngling kam nicht wieder,
Verwelkt war jedes Blatt.

 

Lust und Schmerz.

(Böhmisch. Melodie 21.)

Auf der grünen Höh' ein Baum,
Unten eine Matte –
O wie ist mir, denk' ich sein,
Den so lieb ich hatte!

Denk ich sein, bei Tag, bei Nacht,
Wann es mag geschehen:
Gleich beginnt die ganze Welt
Sich um mich zu drehen.

Ach, wie schwer ist's, daß man stirbt,
Sind gesund die Glieder; Doch weit schwerer, daß wer liebt,
Was ihm ganz zuwider.

Was ich möcht' umfassen,
Das hat mich verlassen;
Was ich möcht' verscheuchen,
Will nicht von mir weichen!

 

Ruhe im Grabe.

(Böhmisch.)

Als ich dort ging durchs schwarze Gewäld,
Da schnitten Mädchen im Haferfeld.

Ich frug sie, ob nicht in ihrer Mitte
Auch meine Getreue Hafer schnitte.

»Ach nein, ach nein! sie ist nicht da,
Vor einer Woche begrub man sie ja.«

So zeigt den Weg mir, wo sie mein Liebchen
Getragen zum kalten Erdenstübchen.

»Man findet gar leicht den Weg dahin,
Er ist durchflochten mit Rosmarin.«

So zeigt die Kirche mir, wo mein Schätzchen
Begraben liegt an stillem Plätzchen.

Und zweimal ging ich den Kirchhof ab,
Und nirgend sah ich ein neues Grab.

Zum dritten Mal durchschreit' ich ihn eben,
Da seh' ich ein neues Grab sich erheben.

»Wer schreitet zu meinem Grab herzu
Und stört die Todten in ihrer Ruh'?«

»Wer wandelt ob mir, ich frage wieder,
Und streifet den Thau vom Grase nieder?«

Mein Liebchen, o Du liegst hier versenkt,
Die ich so gern einst, so gern beschenkt?

»Und nahm ich auch manche Deiner Gaben,
So ist doch keine mit mir begraben.«

»Geh' nur zu meiner Mutter ins Haus,
Sie reicht Dir alle die Gaben heraus.«

»Das Tuch, das werft in den Fluß hinein,
So wird mir ums Haupt weit leichter sein.«

»Den Ring, den werft in des Meeres Schlünde,
Damit ich Ruh' im Grabe finde.«

 

Der Unvergeßliche.

(Mährisch.)

So duftete nie im Kranze
Der Rosmarin,
Wie er, der holde Fremdling,
Da er vor mir erschien!
Kalter Thau herab sich
In jener Nacht ergoß,
Da ich hinter dem Holden
Meine Thür verschloß.
Ach kalt wie Eis
Kann ich nun nicht vergessen,
Kann ich nun nicht vergessen
Den grauen Täuber –
Vergessen ihn auf keine Weis'!
Ach schon vergaß ich manchen,
Mir wards nicht schwer;
Doch ihn, ach ihn vergessen
Kann ich nimmermehr!

 

Der verlorene Jungfraunkranz.

(Mährisch.)

Hirten, Hirten habt ihr nirgend
Wo gefunden meinen Kranz?
Hab' den grünen Kranz verloren,
Und so herrlich war sein Glanz!
»Haben nirgend ihn gefunden,
Doch wir sah'n, wir sahen ihn,
Als ihn weitweg Vögel trugen
Ueber das Gebirge hin.«
Weh, so ist der Kranz verloren!
Dünge ich auch zwanzig Paar
Schneller Rosse, ihn zu holen,
Brächten sie ihn nimmerdar.
Weh, so ist der Kranz verloren!
Spannt' ich hundert Wagen ein,
Brächten sie ihn doch nicht wieder,
Würd' er niemals wieder mein.
»Ei so klag' nicht so, mein Schätzchen,
Klag' nicht so und blicke hold!
Will Dir für den Kranz, den grünen,
Kaufen einen Kranz aus Gold.«
Ach was ist der Kranz, der goldne,
Gegen meinen grünen Kranz!
Was ist alles Goldes Schimmer
Gegen seinen frischen Glanz!

 

Klage um den Todten.

(Böhmisch. Melodie 22.)

Eingesunkne, alte Burgen
Bauen leicht sich wieder her.
Aber was mir eingesunken,
Ach! das rettet Niemand mehr.
Abgehau'ne, dichte Wälder
Grünen wieder bald empor,
Aber wer, mein Vielgeliebter,
Ruft dich aus dem Grab hervor?

Könntest du mir jemals wieder
Neu zurückgegeben sein,
Grüb' ich dich mit einer Nadel
Gern aus hartem Felsgestein!

 

Die Verwünschte.

(Slowakisch.)

Um Wasser ging das Mädchen
Dahin auf grüner Au,
Ging zu dem hölzernen Brunnen,
Und konnte kein Wasser drehen
Vor lauter kühlem Thau.
Voll Zornes rief die Mutter:
»Du Tochter, Töchterlein.
O würdest du zu Stein!«

Da ward des Mädchens Eimer
Zu Marmor auf der Stell',
Das Mädchen aber grünte
Empor als Ahorn schnell.

Es kamen nun zwei Brüder,
Spielleute waren sie:
»Wir zogen weit, mein Bruder,
Solch einen schönen Ahorn,
Den fanden wir noch nie.
Komm, schneiden wir eine Geige
Uns jeder, ich und du,
Zwei Fiedelbogen dazu!«

Sie schnitten in den Ahorn,
Es spritzte Blut heraus,
Die Bursche, sie erschraken,
Und stürzten hin vor Graus.
Da sprach das Mädchen also:
»Warum erschrecket ihr?
Nein, schneidet eine Geige,
Und jeder zwei Fiedelbogen
Euch ohne Furcht aus mir!
Dann geht und spielt recht traurig
Vor meiner Mutter Thür,
Singt ihr die Worte vor:
Hier ist dein Töchterlein,
Das du verwünscht zu Stein!«

Die beiden Bursche gingen,
Und traurig spielten sie sehr;
Kaum hörte sie die Mutter,
Lief sie zum Fenster daher:
»O Bursche, liebe Bursche –,
Vermehrt nicht meine Pein,
Bin ja genug gepeinigt,
Seit hin mein Töchterlein!«

 

Die gebrochene Bank.

(Mährisch.)

Die Bank, drauf ich so oft mit ihm
Gekoset und gelacht,
Sie ist gebrochen, und war doch fest
Aus Eschenholz gemacht.

Sie ist entzwei, sie ist entzwei,
Wie unsre Liebe ach!
Sie ist gebrochen, die holde Bank,
Wie er die Treue brach.

Und so, wie nimmer zusammenwächst,
Ach nimmer, Stück mit Stück:
So kehrt auch niemals, niemals wohl
Der alten Liebe Glück!

 

Die Getäuschte.

(Böhmisch.)

Als sie dahin ging durch den Hain,
Ach durch den Hain,
Da traf sie ein Jäger so allein.

Die Sonne schien, lau blies der Wind,
Ach lau der Wind,
Da blühte ihr Herz in Liebe lind.

Da saß sie bei ihm bis zum Abendroth,
Ach Abendroth,
Der Jäger, der schoß 'ne Hirschin todt.

Nicht lange, so mähte sie grünes Gras,
Ach grünes Gras:
»O daß ich beim schmucken Jäger saß!«

Und als sie Kleider spülte am Bach,
Ach dort am Bach,
Da klagte sie bang dem Jäger nach:

»Eh' ich den schmucken Jäger gesehn,
Ach ihn geseh'n,
Da war ich wie eine Rose schön.«

»Doch meine Schönheit ist nun verblüht,
Ach ist verblüht,
Seit mich der Jäger so untreu flieht.«

»Er geht mit einer andern Maid,
Ach andern Maid!«
Sie wiegt ein Kindlein, und weint voll Leid.

Ihr Mädchen, o geht nicht durch den Hain,
Ach durch den Hain,
Leicht träf euch ein Jäger so allein.

 

Klage.

(Böhmisch. Melodie 23.)

Ach mir fehlt, nicht ist da,
Was mich einst süß beglückt;
Ach mir fehlt, nicht ist da,
Was mich erfreut!
Was mich einst süß beglückt
Ist wie die Well' entrückt:
Ach mir fehlt, nicht ist da,
Was mich erfreut!

Sagt, wie man ackern kann
Ohne Pflug, ohne Roß!
Sagt, wie man ackern kann,
Wenn das Rad bricht?
Ach wie solch Ackern ist,
So ist die Liebe auch,
So ist die Liebe auch,
Küßt man sich nicht!

Zwingen mir fort nur auf,
Was mich mit Qual erfüllt;
Zwingen mir fort nur auf,
Was meine Pein:
Geben den Witwer mir
Der kein ganz Herze hat;
Halb ists der ersten Frau,
Halb nur wär's mein!

 

Die drei Töchter.

(Mährisch.)

Ein Vater hatte drei Töchterlein,
Die waren alle reif zum Frei'n.
Und als zum Altar die älteste schritt,
Gab er dreihundert Thaler ihr mit.
»Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein,
Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.«
»»Ja, liebster Vater, straf mich Gott,
Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!««
Und als zum Altar die zweite schritt,
Gab er zweihundert Thaler ihr mit.
»»Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein,
Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.«
»»Ja liebster Vater, straf mich Gott,
Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!««
Und als zum Altar die jüngste schritt,
Gab er einhundert Thaler ihr mit.
»Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein,
Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.«
»»Ja, liebster Vater, straf' mich Gott,
Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!««
Noch waren nicht sieben Jahre um,
Da ging der Vater gebückt und krumm.
Er ging mit festvertrau'ndem Sinn
Zu seiner ältesten Tochter hin.
»Hier bin ich, daß du mich pflegest, Kind!
Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.«
Sie öffnete die Kammer im Haus,
Und brachte einen Strick heraus.
»Seid ihr zur Arbeit schon zu alt,
So geht und erhängt euch dort im Wald!«
Da griff er zum Stab, und schluchzte laut:
»Was muß ich erleben, daß mir graut!«
Er nahm den Stab, schlich fort von ihr,
Klopft' an der zweiten Tochter Thür:
»Nicht wahr, du wirst mich pflegen, Kind?
Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.«
Sie öffnete die Kammer im Haus,
Bracht' einen Bettelsack heraus:
»Seid ihr zur Arbeit schon zu alt,
So erbettelt euch euren Unterhalt!«
Da griff er zum Stab, und schluchzte laut:
»Was muß ich erleben, daß mir graut!«
Er nahm den Stab, schlich fort von ihr,
Und klopfte voll Furcht an der Jüngsten Thür:
»O pflege, pflege mich, mein Kind!
Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.«
Sie öffnete die Kammer im Haus,
Und brachte einen Kuchen heraus:
»Da setzt euch, Vater, eßt in Ruh',
Und wieget meine Kinder dazu!«
Da rief er schluchzend vor Leid und Freud':
»Dich hielt ich am strengsten jederzeit,
Und du, du fühlst Barmherzigkeit!«
»»Ei, liebster Vater, Dank dafür!
Euere Strenge, die frommte mir.««

 

Gold überwiegt die Liebe.

(Böhmisch.)

Sternchen mit dem trüben Schein,
Könntest du doch weinen!
Hättest du ein Herzelein,
O du goldnes Sternchen mein,
Möchtest Funken weinen!

Weintest mit mir, weintest laut
Nächte durch voll Leiden,
Daß sie mich vom Liebsten traut
Um das Gold der reichen Braut
Mich vom Liebsten scheiden!

 

Der Besuch auf dem Kirchhof.

(Böhmisch. Melodie 24.)

Sagt mir, Mutter, wo ist eure Tochter?
Komme auf Besuch von fern.
Hab' sie nicht gesehen seit drei langen Jahren,
Säh' sie wieder einmal gern.

»Unsre Tochter ruhet auf dem Kirchhof,
Dort ist ihre Lagerstatt.
Laß von dem Gedanken, je sie heimzuführen,
Die das Grab verschlungen hat!«

Und es stockte, als sie dies gesprochen,
Mir der Athem in der Brust:
Sie für mich verloren, die ich mir erkoren,
Meine Sehnsucht, meine Lust!

»Mutter, Mutter, zeiget mir das Plätzchen,
Wo sie ruht, zeigt es mir doch!
Will zum Kirchhof eilen, will dort fleißig graben,
Sah' sie gern nur ein mal noch!«

Und als kaum den Kirchhof ich betreten,
Sah ich dort ein Grab, das neu,
Und zwei rothe Rosen gaben mir das Zeichen,
Daß sie da begraben sei.

»Hört, ich frage, frag' euch, rothe Rosen,
Senkte man sie hier hinab?«
Und die rothen Rosen neigten sich zum Zeichen,
Daß hier der Geliebten Grab.

»O erhebe dich, mein süßes Mädchen,
Gieb nur einen Laut von dir!«
»»Gerne, gerne thät' ichs, möchte mit dir sprechen,
Doch das Herz erstarrte mir.««

»O ich armes, unglückselig Wesen,
Das sein Kostbarstes verlor!
Meine holde Rose ist verdorrt, verdorret,
Blüht nicht mehr für mich empor.«

»Weh euch, Aeltern, schlagt ihr euren Kindern
Ihre Heizensbitte ab!
Ihr verwehret ihnen, daß sie sich vermählen,
Ach und stürzet sie ins Grab!«

 

Klage.

(Slowakisch.)

O Felsen, lieber Felsen,
Was stürztest du nicht ein,
Als ich mich trennen mußte
Von dem Geliebten mein?

Laß dämmern, Gott, laß dämmern,
Daß bald der Abend wink',
Und daß auch bald mein Leben
In Dämmerung versink'!

O Nachtigall, du traute,
O sing' im grünen Hain,
Erleichtere das Herz mir
Und meines Herzens Pein!

Mein Herz, das liegt erstarret
Zu Stein, in meiner Brust;
Es findet hier auf Erden
An nichts, an nichts mehr Lust.

Ich frei' wohl einen Andern,
Und lieb' ich ihn auch nicht;
Ich thue, was mein Vater
Und meine Mutter spricht:

Ich thue nach des Vaters
Und nach der Mutter Wort;
Doch heiße Thränen weinet
Mein Herz in einem fort.

 

Die Türkenbraut.

(Mährisch.)

Saß ein Mann dort im Gefängniß
Siebzig lange, schwere Wochen,
Saß so lange dort gefangen
Bis ihm grau die Haare wurden.

Und er sprach zu sich im Stillen:
»Wollte Jemand mich befreien,
Würd' ich ihm die Tochter geben,
Würd' ihm geben meine Tochter,
Meinen halben Hof dazu!«

Und es hört' ihn Niemand sprechen,
Hört' ihn Niemand, als ein Knabe,
Der die Pferde wartete.
Und der Knabe säumte nicht,
Sagte dieses zu den Türken:
»Hört doch, meine lieben Herren,
Was da der Gefangne spricht:
Wollte Jemand mich befreien,
Würd' ihm geben meine Tochter
Meinen halben Hof dazu!«

Und nicht säumten da die Türken,
Gaben den Gefangnen frei.

Der Gefangne kam nach Hause
Setzte sich am Tische nieder,
Ließ das Haupt herunter hangen.

»Ei mein Väterchen, was ist euch?
Schmerzt der Kopf euch, oder seid ihr
Gar des Lebens überdrüssig?«

»»Nicht schmerzt mich mein Kopf, noch bin ich
Meines Lebens überdrüssig:
Ich versprach, dem Türken dich,
Ihm, dem Heiden, dich zu geben.««

»Vater, eh' mit dem ich zöge,
Lieber wollt ich sterben, Vater!«
Und sie lief hinauf, und hörte
Schon die nahende Musik.
»Ach mein Vater, lieber Vater,
Sagt, um wen die Türken kommen?
Hört sie schießen, hört sie trommeln!«

» »Frage nicht! Die Türken kommen
Dich zu holen, meine Tochter!««
Und die Türken kamen wirklich,
Kamen in gar schönem Zuge;
Hatten Pferde ganz in Scharlach,
Hatten Knaben ganz in Golde,
Brachten für die Braut, die süße,
Diamanten zum Geschenk.

Und die Braut bestieg den Wagen,
Nahm von ihrem Vater Abschied:
»Gott mit euch, mein lieber Vater,
Nimmer kehr' zu euch ich wieder,
Nie in meinem Leben mehr!«

Fünfzehn lange Meilen fuhr sie,
Ohne nur ein Wort zu sprechen;
Dreißig lange Meilen fuhr sie,
Und da sprach sie dieses Wort:
»Warte, Fuhrmann, wart' ein wenig,
Daß ich von dem Wagen steige,
Lösch' mit Wasser meinen Durst!«

»»Ei was willst du Wasser trinken?
Hast vom besten Wein im Wagen.««

»Gut wohl ist der Wein zu trinken,
Wasser ist das Beste doch.«

Und sie stieg vom Wagen nieder,
Nahm den Kranz von ihrem Haupte,
Warf ihn in des Wassers Fluthen:
»Schwimme Kranz, schwimm auf den Fluthen,
Schwimme bis zu meinem Vater,
Künde meinem lieben Vater,
Daß ich mich als Braut zu eigen
Gab dem schnellen Donaustrom!
Seine kleinen Fische werden
Mir Geleiterinnen sein,
Große Störe die Brautführer,
Weiden, Erlen meine Kinder!«
Und hinab ins Wasser sprang sie,
Und der Donaustrom verschlang sie.

Ach da schreit, da weint der Türke,
Und wehklaget laut und jammert!
Doch es treiben auf den Fluthen
Ihre langen, blonden Haare;
Doch es tauchen aus den Fluthen
Ihre schönen, weißen Arme,
Und die schwarzen, hellen Augen
Klebt der Sand des Wassers zu.

 

Letzter Trost.

(Slowakisch.)

Bei der Pfarre wölbet
Sich ein Brücklein hin
Auf dem Brücklein blühet
Klee so frisch und grün,
Blühet, von der Sense
Niemals noch berührt;
Dort ward mir zu Wagen
Meine Maid entführt.

Wer sie mir entrissen,
Er behalte sie,
Aber nur umarme
Er sie vor mir nie;
Und auch dies geschehe,
Doch bei Nacht allein,
Daß es nicht mein Auge
Seh' zu seiner Pein!

 

Der Rosmarin.

Der Rosmarin. Die erste Hälfte dieses Gedichtes erinnert auffallend an das aus der Königinhofer Handschrift von Göthe übersetzte, »Sträußchen.«

(Böhmisch. Melodie 25.)

Als ich ging im Eichenwalde,
Zog es mich zum Schlaf dahin,
Und beim Haupt mir bis zum Morgen
Wuchs empor ein Rosmarin.

Und die grünen Zweige alle
Schnitt ich ab vom Rosmarin,
Ließ sie auf dem Wasser schwimmen,
Auf den kühlen Wellen zieh'n.

Welche Maid die grünen Zweige
Unten an dem Flusse fängt,
Dieser sei mein Herz in Liebe,
Sei für immer ihr geschenkt!

Gingen Mädchen Wasser schöpfen
Zu dem Fluß in aller Früh',
Und die grünen Zweige schwammen
Bis zum Steg heran an sie.

Und es neigte sich nach ihnen
Müllers holdes Töchterlein;
Doch das unglücksel'ge Mädchen
Stürzte in die Fluth hinein.

Glocken läuten, Glocken schallen:
Ha, wie fühl' ich mich beengt!
Vöglein, gilts wohl gar der Einen,
Der mein Herz ich ganz geschenkt?

»Ja es gilt ihr, deine Wonne
Lieget in dem Todtenschrein,
Und vier Männer, schwarzgekleidet,
Scharren in die Erd' sie ein.«

Gott im Himmel, ach genommen
Hast du mir die süße Braut!
Saget, sagt mir, liebe Vöglein,
Wo mein Aug' ihr Grab erschaut?

»Hinterm Berge in der Kirche
Singen Priester dumpf im Chor,
Dort, fünf Schritte von der Kirche,
Hebet sich ihr Grab empor.«

Nun so geh' ich hin und setze
Auf das Grab, das dunkle, mich,
Will um dich, du meine Süße,
Weinen, trauern inniglich.

Will um dich, Geliebte, trauern,
Bis der Tod mich wird befrei'n,
Und den grünen Rosmarinkranz
Legt auf meinen Todtenschrein!

 

Die getroffene Ente.

(Slowakisch.)

Flog eine wilde Ente
Hoch in der Lust einher,
Der junge Schütze traf sie,
Ei traf die Ente schwer.

Er schoß ihr ab den Flügel,
Den rechten Fuß zugleich;
Da saß sie hin am Wasser,
Und weinte schmerzenreich:

»Du großer Gott im Himmel,
Mein Flug, er ist vollbracht!
Nun kann ich meine Kindlein
Nicht nehmen mehr in Acht.«

»Ach meine Kindlein sitzen
An eines Steines Rand,
Und trinken trübes Wasser,
Und essen feinen Sand!«

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