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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 40
Quellenangabe
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
year1857
firstpub1857
correctorreuters@abc.de
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Die Waldfrau.

Anmerkung: Die Waldfrau. Der uralte Name »Wila«, der bei den Südslawen noch heutigen Tages gang und gebe ist, kam bei dem böhmischen Volke längst in Vergessenheit, obwohl in einigen Gegenden Böhmens die »Wila« ihrem Wesen nach dem gemeinen Manne noch gegenwärtig bekannt ist, und zwar unter dem Namen der »Waldfrau.« Kleidung und Gestalt der Waldfrauen wird in den Volksmärchen verschieden beschrieben. Auch heißt es von den Waldfrauen, daß sie in der Nacht vor Johannes dem Täufer die meiste Gewalt über den Menschen hatten, und daß es zu dieser Zeit nicht rathsam sei, ins Freie oder in den Wald zu gehen. Ich gebe hier zur Vergleichung auch das schöne Gedicht » Thomas und die Waldfrau« aus F. L. Ĉelakowsky's Nachhall böhmischer Volkslieder« übersetzt:

Abends vor'm Johannisfeste
Spricht die Schwester zu dem Bruder:
»Wohin willst du, lieber Thomas,
In so später Abendstunde
Steht dein Roß gesattelt ja,
Blankgeschirrt zum Ritte da?«

»»Will zum Jäger, dort am Forstrand,
Muß zu meinem theuren Mädchen!
Unruh' zuckt durch meine Glieder.
Bis es tagt, sehn wir uns wieder!
Reiche, reich' das Hemd mir, Schwester,
S'neue von der feinen Leinwand,
Und das rothe Kamisol!««

Stob ein Funken unterm Rosse,
Und ihr bangt, sie ruft ihm nach:
»Höre, Thomas, was ich sage!
Nimm den Weg nicht durch den Eichwald,
Lenk' in's Thal zum heil'gen Berge,
Daß nicht jammernd einst ich klage!
Auf dem Umweg lieber reit',
Leicht geschäh' dir sonst ein Leid!

Thomas ritt nicht durch den Eichwald,
Wählte sich den Weg zur Rechten,
Und beim Jäger, dort am Forstrand,
Strahlt das neue Haus beleuchtet,
Froh Gespräch belebt das Mahl.

Schwer wird Thomas da zu Muthe,
Späht vom Rosse durch die Fenster,
Und er sieht, wie die Geliebte,
Liebe ganz, dem Bräut'gam lächelt,
Vater das Verlöbniß abschließt.
Für Bedienung Mütter sorgt.
Aßen, tranken, schwatzten fröhlich,
Ließen sich's recht wohl ergehen,
Und es merkte niemand, niemand
Auf des Rosses Wiehern draußen
Und des Jünglings Seufzerlaut.

Da auf einmal doch erröthet
Die Verlobte, sie, die Braut,
Fühlt Gewissensbisse, flüstert
In der jüngern Schwester Ohr.
Die erhebt sich schnell vom Mahle,
Tritt dann vor die Thür hervor:
»Zwischen dir und meiner Schwester,
Thomas, ist's gescheh'n für immer,
Wird wem anderen zu Theil.
Bist g'nug oft zu uns geritten.
Haben heute werth're Gäste,
Such' du anderswo dein Heil!

Thomas wandte mit dem Rosse,
Sprengte fort, biß in die Lippen,
Krauste die umwölkte Stirne,
Traurig schien ihm rings die Welt.
Mitternacht war's, Mond ging unter.
Kaum daß er den Weg noch ausnahm;
Im Beginne rasch, dann langsam
Ritt er nach dem Eichwald zu.
»Ach die Sterne alle tauchen
Aus dem Dunkel auf in Pracht,
Was versinkt nur ihr, o Tage
Meiner Jugendlust, in Nacht!«

Und er reitet durch den Eichwald;
Wipfel sausen über ihm,
Kühler Wind durchstreicht die Schatten,
Ob dem Hohlweg kreischt der Uhu,
Und des Rosses Auge blitzt.
Und das Roß die Ohren spitzt.

Husch, da bricht aus dichtem Buschwerk
Jetzt ein Hirsch, rennt in's Gehaue.
Aber auf des Rosses Rücken,
Aufgeschürzet, sitzt die Waldfrau.
Grün ist halb ihr Kleid, zur Hälfte
Schwarz von ihren schwarzen Locken;
Ihren Hut umgiebt mit Glanz
Ein Johanniswürmerkranz.
Dreimal schweift sie in der Runde
Um das Roß, gleich einem Pfeile,
Dann, an Thomas Seite schwebend,
Redet sie mit süßem Munde:
»Holder Jüngling, nicht verzage,
Uebergieb dem Wind die Klage!
Hat die Eine dich betrogen,
Sind dir hundert doch gewogen.
Holder Jüngling, nicht verzage,
Uebergieb dem Wind die Klage!«

Und indem sie also singet,
Waldfrau auf dem Hirsche sitzend,
Sie in's Aug dem Jüngling blickt:
Thomas fühlt sein Herz erquickt.

Und sie reiten mit einander
Ueber's Moos zum Thalesgrunde,
Und, an Thomas Seite schwebend,
Redet sie mit süßem Munde:
»Neig' dich, Holder, neig' dich weiter.
Renn' mit mir nur frisch und heiter!
Freu'n dich, Jüngling, meine Wangen,
Still' ich gerne dein Verlangen,
Neig dich, Holder, neig' dich weiter,
Renn' mit mir nur frisch und heiter!«

Und indem sie also singet,
Fasset sie die Hand des Jünglings;
Thomas fühlet seine Brust
Tief durchrauscht von höchster Lust.

Und sie ritten immer weiter,
Längs dem Fluß, dem Felsenschlunde,
Und an Thomas Seite schwebend,
Redet sie mit süßem Munde:
»Holder, du bist mein, bist mein,
Zieh' in meine Wohnung ein!
Nimmer wird dich's dort verlangen
Nach des Tages lichtem Prangen.
Holder, du bist mein, bist mein,
Zieh' in meine Wohnung ein!«

Und indem ihr Sang erklingt,
Küsset sie des Reiters Lippen,
Mit dem Arm sie ihn umschlingt.
Unnennbare Lust durchdringt
Thomas Herz, er läßt die Zügel
Fallen, und beim Fels im Walde
Gleitet er vom Roß und sinkt.

Sonn' erhob sich ob dem Berge.
Da sprengt in den Hof das Roß,
Scharret traurig mit dem Hufe,
Böse Kunde wiehert es.
Und die Schwester stürzt zum Fenster,
Ringet jammernd ihre Hände:
»Bruder, ach mein theu'rer Bruder,
Wo ereilte dich dein Ende?«

Ende der Anmerkung

*

Lieschen war noch ein ganz junges Mädchen. Ihre Mutter war eine Wittwe, und besaß nicht mehr, als eine armselige Hütte und zwei Ziegen, aber Lieschen war doch immer frohen Muthes. Vom Frühling bis zum Herbste weidete sie die Ziegen beim Birkenwald. Wenn sie aus dem Hause ging, steckte ihr die Mutter ein Stück Brot in die Tragtasche, und dazu eine Spindel, indem sie ihr befahl: »Sei sein fleißig!« Weil sie keinen Spinnrocken hatte, schlang sie ihr den Flachs um den Kopf. Lieschen nahm die Tasche, und hüpfte fröhlich singend hinter den Ziegen zum Birkenwald. Wenn sie hinkamen, gingen die Ziegen weiden; Lieschen setzte sich unter einen Baum, zog mit der Linken die Fäden vom Kopfe, der ihr als Spinnrocken diente, und mit der Rechten drehte sie die Spindel, daß diese lustig an dem Boden hinschnurrte. Dabei sang sie, daß der Wald erscholl. Stand die Sonne im Mittag, so legte sie die Spindel bei Seite, rief die Ziegen, gab ihnen vom Brote, damit sie ihr nicht wegliefen, und hüpfte in den Wald, um Erdbeeren oder anderes Obst zu suchen, wie's eben an der Zeit war, um ein Gericht zum Brote zu haben. Hatte sie gegessen, so tanzte sie, indem sie die Hände übereinander legte. Die Sonne lachte dann durch die grünen Bäume nieder, und die Ziegen machten sich's im Grase bequem und dachten: »Wir haben doch eine fröhliche Hirtin!« Nach dem Tanze spann sie wieder fleißig, und wenn sie Abends nach Hause kam, brauchte die Mutter niemals zu schelten, daß die Spindel nicht voll sei.

Einst als sie ihrer Gewohnheit gemäß eben zur Mittagszeit sich nach dem einfachen Mahle zum Tanz anschickte, stand plötzlich eine wunderschöne Frau vor ihr. Sie hatte ein weißes Gewand, dünn wie ein Spinnengewebe; von dem Haupte bis zum Gürtel flossen ihr goldene Haare herab, und auf dem Haupte trug sie einen Kranz von Waldblumen. Lieschen erschrak.

Die Frau lächelte sie an, und sprach mit lieblicher Stimme zu ihr: »Lieschen, tanzest Du gern?« Als die Frau so freundlich zu ihr sprach, wich Lieschens Schrecken, und sie erwiederte: »O ich möchte den ganzen Tag tanzen!«

»Komm denn, tanzen wir mit einander, ich will Dich's lehren,« sprach die Frau, schürzte das Gewand, faßte Lieschen und begann mit ihr zu tanzen. Als sie sich im Kreise zu drehen anfingen, ließ sich über ihnen eine so süße Musik hören, daß Lieschens Herz in Wonne schmolz. Die Spielleute saßen auf den Zweigen der Birken in schwarzen, aschgrauen, braunen und bunten Röckchen. Es war ein Chor von auserlesenen Spielleuten, der sich auf den Wink der schönen Frau versammelt hatte: Nachtigallen, Lerchen, Finken, Stieglitze, Grünlinge, Drosseln, Amseln und die kunstreiche Grasmücke. Lieschens Wangen glühten, ihre Augen strahlten, sie vergaß ihrer Aufgabe und ihrer Ziegen, und schaute nur auf ihre Gefährtin, die sich vor ihr, um sie in den reizendsten Bewegungen drehte und so leicht, daß sich das Gras unter ihren zarten Füßen gar nicht beugte. Sie tanzten vom Mittag bis zum Abend, Lieschens Füße ermüdeten nicht und thaten ihr nicht weh. Da hielt die schöne Frau inne, die Musik schwieg – und wie die Frau gekommen, so verschwand sie. Lieschen blickte um sich, die Sonne neigte sich hinter den Wald – und Lieschen schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und indem sie an den ungesponnenen Flachs griff, gedachte sie der Spindel, die auf dem Boden lag und nicht voll war. Sie nahm den Flachs vom Kopfe, steckte ihn sammt der Spindel in die Tasche, rief die Ziegen und trieb sie nach Hause. Sie sang auf dem Wege nicht, sondern machte sich bittere Vorwürfe, daß sie sich von der schönen Frau hatte berücken lassen, und nahm sich vor, wenn die Frau wieder zu ihr käme, ihr nicht mehr zu folgen. Die Ziegen, die keinen fröhlichen Gesang hinter sich hörten, sahen sich um, ob ihre Herrin wirklich nachschreite. Auch die Mutter wunderte sich, und fragte die Tochter, ob sie krank sei, da sie nicht singe. »Nein, Mütterchen, ich bin nicht krank. Der Hals ist mir vom Singen trocken geworden, darum sing' ich nicht,« entschuldigte sich Lieschen, und ging, die Spindel und den ungesponnenen Flachs zu bewahren. Sie wußte, daß die Mutter das Garn nicht sogleich aufweise, und wollte am folgenden Tage einbringen, was sie an dem einen versäumt hatte, und darum erwähnte sie gegen die Mutter nicht das Mindeste von der schönen Frau.

Des andern Tags trieb Lieschen die Ziegen, wie gewöhnlich, zum Birkenwald. Die Ziegen begannen zu weiden, und sie setze sich unter einen Baum, und begann fleißig zu spinnen und zu singen; denn beim Singen geht die Arbeit besser von Statten. Die Sonne stand im Mittag. Lieschen gab den Ziegen vom Brote, hüpfte fort, um Erdbeeren im Walde zu suchen, und dann begann sie zu Mittag zu schmausen und mit den Ziegen zu sprechen. »Ach, meine Ziegen, heut' darf ich nicht tanzen!« seufzte sie, als sie nach dem Mahle die Brosamen im Schooß zusammenscharrte, und auf einen Stein legte, damit sie die Vögel für sich davontrügen. »Und warum dürftest Du nicht?« ließ sich eine liebliche Stimme hören, und die schöne Frau stand vor ihr, als wäre sie aus den Wolken gefallen. Lieschen erschrak noch mehr, als das erste Mal, und drückte die Augen zu, um die Frau gar nicht zu sehen; als aber die Frau die Frage wiederholte, antwortete sie schüchtern: »Ach verzeiht, schöne Frau, ich kann nicht mit Euch tanzen! Ich würde meine Aufgabe nicht spinnen, und die Mutter würde mich schelten. Eh' heut die Sonne untergeht, muß ich einbringen, was ich gestern versäumt.« – »Komm nur tanzen; eh' die Sonne untergeht, wird Dir Hilfe,« sprach die Frau, schürzte das Gewand und faßte Lieschen. Die Spielleute auf den Birken fingen an zu musiciren und die Tänzerinnen drehten sich im Kreise. Und die schöne Frau tanzte noch reizender, Lieschen konnte die Augen nicht von ihr wenden, und vergaß der Ziegen und ihrer Aufgabe. Jetzt hielt sie inne, die Musik schwieg, die Sonne ging unter. Lieschen schlug die Hände über dem Kopf zusammen, um den der ungesponnene Flachs geschlungen war und brach in Thränen aus. Die schöne Frau langte nach ihrem Kopfe, nahm den Flachs herab, schlang ihn um einen Birkenstamm, ergriff die Spindel und begann zu spinnen. Die Spindel schnurrte an dem Boden hin und ward sichtlich voller, und eh' die Sonne hinter dem Walde niedersank, war aller Flachs gesponnen, auch der vom vorigen Tage. Indem sie dem Mädchen die volle Spindel reichte, sprach die schöne Frau: »Weif' auf und murre nicht! Denk' meiner Worte: Weif' auf und murre nicht!« Hierauf verschwand sie, als hätte sie die Erde verschlungen. Lieschen war zufrieden, und dachte unterwegs bei sich: »Wenn sie so gut ist, will ich wieder mit ihr tanzen, sobald sie kommt.« Sie sang wieder, damit die Ziegen munter vorwärts schritten. Die Mutter aber empfing sie verdrießlich, sie hatte während des Tages das Garn ausweifen wollen und gefunden, daß die eine Spindel nicht voll geworden, und darum war sie verdrießlich. »Was thatest Du, Tochter, daß Du gestern nicht Deine ganze Aufgabe spannst?« sagte sie tadelnd. – »Verzeiht, Mutter, ich tanzte ein wenig,« erwiederte Lieschen demüthig, und indem sie der Mutter die Spindel zeigte, setzte sie hinzu: »Heut ist sie dafür übervoll.« Die Mutter schwieg, ging die Ziegen melken, und Lieschen legte die Spindel an ihren Ort. Sie wollte der Mutter ihr Abenteuer erzählen, allein sie dachte: »Nein, bis die Frau noch einmal kommt, will ich sie fragen, wer sie ist, und dann sag' ich's der Mutter.« So dachte sie und schwieg.

Des dritten Morgens trieb sie die Ziegen, wie gewöhnlich, zum Birkenwald; die Ziegen begannen zu weiden, und Lieschen, unter einem Baume sitzend, zu singen und zu spinnen. Die Sonne stand im Mittag; Lieschen legte die Spindel in's Gras, gab den Ziegen vom Brote, suchte keine Erdbeeren, und indem sie die Brosamen den Vöglein hinwarf, sagte sie: »Liebe Ziegen, heut' will ich Euch eins vortanzen!« Sie hüpfte, legte die Hände übereinander, und schon wollte sie versuchen, ob sie auch so reizend tanzen könne, als die schöne Frau, da stand diese vor ihr. »Laß uns miteinander tanzen!« sprach sie lächelnd zu Lieschen, und umfaßte sie. Augenblicklich erklang die Musik über ihren Häuptern, und die Tänzerinnen drehten sich in leichtem Fluge. Lieschen vergaß die Spindel und die Ziegen, sah Nichts als die schöne Frau, deren Leib sich wie ein Weidenzweig nach allen Seiten bog, und hörte Nichts als die liebliche Musik, nach deren Klängen ihre Füße von selbst sprangen. Sie tanzten vom Mittag bis zum Abend. Jetzt hielt die Frau inne und die Musik schwieg. Lieschen blickte um sich, die Sonne war hinter dem Walde. Weinend schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und indem sie sich zur Spindel wandte, die nicht voll war, wehklagte sie, was die Mutter sagen würde »Gieb mir Deine Tasche, ich will Dir ersetzen, was Du heut' versäumt,« sprach die schöne Frau. Lieschen gab ihr die Tasche, und die Frau ward auf einige Augenblicke unsichtbar; dann aber reichte sie ihr die Tasche mit den Worten: »Da, zu Hause sieh hinein!« und verschwand, als hätte sie der Wind davon gewebt. Lieschen fürchtete sich in die Tasche zu sehen, allein auf der Hälfte des Weges ließ es ihr doch keine Ruhe; die Tasche war so leicht, als ob nichts in ihr wäre; sie mußte hinein sehen. ob sie die Frau nicht getäuscht. Wie erschrak sie, als sie sah, die Tasche sei voll – Birkenlaub. Da brach sie erst in Thränen aus und machte sich Vorwürfe, daß sie so leichtgläubig gewesen. In ihrer Aufwallung warf sie die Blätter mit beiden Händen heraus und wollte die Tasche umstürzen; dann aber dachte sie: »Ich will das Uebrige den Ziegen unterstreuen,« und ließ einiges Laub darin. Sie fürchtete sich, nach Hause zu gehen. Die Ziegen konnten ihre Herrin wieder nicht erkennen.

Die Mutter harrte bekümmert auf der Schwelle. »Um Gottes willen, was für eine Spindel Garn brachtest Du gestern nach Hause?« waren die ersten Worte der Mutter. – »Warum denn?« fragte Lieschen ängstlich. – »Als Du Morgens fortgegangen, begann ich auszuweifen. Ich weife auf, weife auf, die Spindel ist beständig voll. Eine Strähne, zwei, drei Strähnen – die Spindel voll. Welcher böse Geist hat das gesponnen! ruf' ich erzürnt, und in dem Augenblicke ist das Garn von der Spindel fort, als wär' es weggeblasen. Sag' mir, was das ist?« Da gestand Lieschen und begann von der schönen Frau zu erzählen. »Das war eine Waldfrau!« rief die Mutter entsetzt. »Um Mittag und Mitternacht treiben sie ihr Wesen. Ein Glück, daß Du kein Knabe bist, sonst würdest Du nicht lebendig aus ihren Armen entkommen sein. Sie hätte so lange mit Dir getanzt, als ein Athemzug in Dir gewesen wäre, oder sie hätte Dich zu Tode gekitzelt, Doch mit Mädchen haben sie Erbarmen, ja beschenken sie oft reich. Hättest Du mir etwas gesagt, so würd' ich nicht gemurrt haben, und hätte jetzt die ganze Stube voll Garn.« Da dachte Lieschen der Tasche und ihr fiel bei, es könnte doch vielleicht etwas unter dem Laube sein. Sie nimmt die Spindel von oben weg und den ungesponnenen Flachs, und blickt in die Tasche, blickt noch einmal hinein und schreit: »Seht, Mutter, seht!« Die Mutter blickt hinein und schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen. Die Birkenblätter hatten sich in Gold verwandelt. »Sie befahl mir, erst zu Hause hineinzublicken, ich gehorchte nicht.« – »Ein Glück, daß Du nicht die ganze Tasche ausgeleert!« meinte die Mutter. Des Morgens ging sie selbst, um an der Stelle nachzusehen, wo Lieschen das Laub mit beiden Händen weggeworfen; allein auf dem Wege lag nur frisches Birkenlaub. Doch der Reichthum, den Lieschen nach Hause gebracht, war ohnehin groß genug. Die Mutter kaufte eine Wirtschaft. Sie hatten viel Vieh. Lieschen ging in schöner Kleidung, sie mußte nicht mehr Ziegen weiden; allein wie reich und froh und glücklich sie war, nichts machte ihr so viel Vergnügen, als der Tanz – mit der Waldfrau. Noch oftmals ging sie in den Birkenwald, es lockte sie hin, sie wünschte sich, die schöne Frau noch einmal zu sehen – allein sie erblickte sie nimmer wieder.

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