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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 35
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
year1857
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Žitek, der Hexenmeister.

König Wenzel IV. war ein fröhlicher Herr und ein Liebhaber von Scherzen und Späßen. Er hielt an seinem Hofe auch einen gewissen Žitek, ein über die Maßen gescheidtes und gewandtes Männlein, dem es oblag, den König in seinen vielen Leiden, die ihm die widerspenstigen böhmischen Herren verursachten, mit seinem Witz zu erheitern; kurz, er war des Königs vielgeliebter Hofnarr. Aber Žitek verstand mehr, als Brot zu essen und Späße zu machen; er war in die geheime Kunst eingeweiht, und es ging von ihm das allgemeine Gerücht, daß er mit den Geistern verkehre. Daher fürchteten sich alle Hofleute des Königs vor ihm, und sahen ihm Manches nach, was sich ein Anderer nicht hätte erlauben dürfen. Der König aber empfand seine Lust an ihm, und hielt ihn selbst dazu an, Dem oder Jenem, den er seines Vorwitzes oder eines andern leichten Vergehens wegen strafen wollte, etwas anzuthun, was ihn dem Gelächter der Uebrigen preisgab. Doch auch ohne Antrieb des Königs führte er oft verschiedene Späße mit den Hofleuten aus und den Gästen, die der König gern zu sich lud, da er lustige Gesellschaft liebte.

Gewöhnlich aß Žitek mit den Edelknaben und Kammerjunkern des Königs und nur auf besondere Einladung an der königlichen Tafel. Das war jedoch ein hungriges Völklein, diese Edelknaben und Junker, lebensmuthige Leute mit gesunden Mägen, so daß es nicht geheuer war. mit ihnen an einem Tische zu sitzen. Und Žitek hatte auch seine Lieblingsspeisen, denen er gern zusprach, weshalb es nicht zu verwundern war, daß bei Tische eine ungewöhnliche Thätigkeit der Kinnbacken und Zähne herrschte, und wer nicht dazuthat, in Gefahr kam, hungrig vom Tische aufzustehen. Žitek aber liebte über Alles die Bequemlichkeit; er war ein wahrer Wohlschmecker, der gute Bissen gern mit einer Art Andacht aß, damit ihn ihr Wohlgeschmack länger vergnüge. Darum verdroß ihn oft die Gier der jungen Leute, und er beschloß, sie bei einer schicklichen Gelegenheit zu strafen. Da traf sich's einst, daß ein wunderschöner gesülzter Hecht aufgetragen wurde, wobei unserm Žitek, dessen Leibgericht das war, das Herz im Leibe hüpfte, und der Mund wässerte. Kam die Schüssel in die Hände der eßlustigen Herrlein, so war's um sein Vergnügen geschehen. Die Schüssel ging in die Runde. Zuerst wollte der Stallmeister des Königs nehmen; doch siehe, statt mit der Hand, aus der ihm die Gabel entfiel, greift er mit einem Pferdefuße zu, worüber er nicht wenig erschrak und bleich wie die Wand wurde, wahrend die übrigen Tischgenossen, die erriethen, daß es eins von den Stücken Žiteks sei, ungeheuer über ihn lachten. Žitek faßt die Schüssel, und reicht sie nach der Reihe seinem Nachbar, aber auch Dem, als er zugreifen will, verwandelte sich die Hand in einen Huf. Da hörte das Lachen auf, denn der Gesellschaft bemächtigte sich die Ahnung, es sei nicht blos auf den Stallmeister abgesehen. Žitek reicht weiter; aber wer in die Schüssel langen wollte, hatte einen Huf statt der Hand. So ging er am ganzen Tisch herum und des Hechts wurde nicht weniger; worauf er sich bequem auf seinen Platz setzte, die Schüssel vor sich hinstellte, und sich an die Arbeit machte, ohne eher nachzulassen, als bis von dem lieben Hecht kein Bissen übrig war. Hierauf erhob er sich, wünschte den Tischgenossen ein: »Wohl bekomm's.« und verließ den Saal. In diesem Augenblicke hatte Jeder wieder seine Hand. – Als der König von dem Stückchen hörte, konnte er sich des Lachens nicht enthalten. Das junge Volk hätte sich an Žitek gern gerächt; weil es sich jedoch vor ihm fürchtete, getraute es sich nicht an ihn, denn es wußte, daß er jede Kränkung ahnde.

Wie sich Žitek zu rächen pflegte, zeigt folgendes Beispiel. Einst führte er zur Kurzweile vor dem königlichen Hofe in Gegenwart einer zahllosen Menge von Zuschauern verschiedene Stückchen auf. Bald nahm er diese, bald jene, bald eine furchtbare, bald eine lächerliche Gestalt an, fuhr in einer Nußschaale, die zwei Käfer zogen, und producirte mehr dergleichen Dinge. Endlich spannte er einen Hahn an einen dicken und langen Balken, der vor dem königlichen Palaste lag. und den kaum zehn starke Kerle in die Höhe gehoben hätten, und siehe: der Hahn warf den Kopf leicht empor, schritt aus und zog den Balken wie Nichts. Da war die Verwunderung allgemein, als sich auf einmal unter den Zuschauern eine weibliche Stimme meldet, die ruft: »Ei was, der Hahn soll einen Balken zieh'n? Seht Ihr denn nicht, daß es nur ein Strohhalm ist?« – Die Zuschauer sehen sich nach der Person um, die spricht, und es steht ein Mägdlein da, mit einem Korb voll Heu auf dem Rücken, das die Arme in die Seiten stemmt, und sie laut auslacht, daß sie sich von dem Gaukler so verblenden ließen. Es verhielt sich in der That so, denn die Hauptkunst Žiteks bestand in der Täuschung der Sinne, und Das, was Allen ein schwerer Balken schien, war wirklich nur ein Strohhalm, der sich blos dem Mägdlein in seiner Wesenheit darstellte, weil es im Korbe zwischen dem Gras ein vierblättriges Kleeblatt hatte, das, wie Jedermann weiß, eine besondere Zaubermacht besitzt.

Anmerkung: Ein vierblättriges Kleeblatt. Mehreres der Art aus dem noch hier und da vorkommenden Volksaberglauben benützt F. L. Ĉelatowsky in seinen »vermischten Gedichten« zu dem scherzhaften Liede: » Mädchen, ja, ich thu' dir's an,« das ich hier übersetzt gebe:

Liebes rundes, dralles Mädchen.
S'ist umsonst, daß du mich fliehst,
Deine saft'gen Rosenlippen
Meinen Küssen spröd entziehst.
Hexen, zaubern kann ich,
Alle Mädchen bann' ich:
Mädchen, ja, ich thu' dir's an!

Will mit Fleiß Im Kleefeld suchen.
Wähle mir zwei Vierblättleln,
Und in deine neuen Schuhe
Schieb' ich sie geheim hinein. Spröde! wirst dann sehen.
Kannst nicht ruhig stehen:
Mädchen, ja, ich thu' dirs' an!

Zwischen andre Blumen steck' ich
Mir Liebstöckel hinter'n Hut,
Und gefangen ist dein Auge,
Wie's mich trifft mit Blitzesgluth.
Wirst nach mir dann gerne
Späh'n schon aus der Ferne:
Mädchen, ja, ich thu' dir's an!

Tropfen Thau's vom Farrenkraute
Streift' ich bei mondheller Nacht
In ein Näpfchen: die ersetzen's
Wahrlich mir, daß ich gewacht.
Will dich arg besprengen,
So dein Herz beengen:
Mädchen, ja ich thu' dir's an!

Im Ameisennest bewahr' ich
Einen Frosch, bald magert er;
Mir aus ihm ein Häkchen krümm ich.
Ziehe, zieh' dich zu mir her.
Wirst mich gern dann streicheln,
Und mir zärtlich schmeicheln:
Mädchen, ja, ich thu dir's an!

Ja dafür, daß du jetzt lachest,
Lach' dann ich aus vollem Hals;
Kein Erbarmen will ich fühlen.
Doch – zum Schein nur jedenfalls.
Will dich dann umschließen
Unter tausend Küssen:
Mädchen, das thu' ich dir an!

Ende der Anmerkung

*

Das verdroß Žitek, und er nahm sich vor, das Mägdlein für seine Keckheit zu bestrafen. »Nimm Dich in Acht, Mägdlein,« sprach er, »daß Dir heut nichts Widerwärtiges begegne!« Es war nach dem Gaukelspiel. Die Zuschauer gingen auseinander, und auch das Mägdlein begab sich mit seinem Gras nach Hause. Da scheint es ihm auf einmal, als schreite es im Wasser, und das wachse ihm bis an die Knöchel, ja höher bis an die Knie, sodaß es das Röcklein schürzen mußte und laut schrie, zum Ergötzen aller Derer, die eben Augenzeugen waren. Es war kein Wasser, sondern eine ähnliche Täuschung der Sinne, wie mit dem Balken, und das Mägdlein schritt eigentlich trockenen Fußes über den Platz.

Einst saß der König mit seinen Zechgesellen zusammen, unter denen sich auch Žitek befand. Ungewöhnlich aufgeheitert forderte er Žitek auf, irgend eine Kurzweile zu veranstalten. Žitek versprach's, ohne jedoch scheinbar eine Vorbereitung zu treffen, und das frohe Gespräch ging weiter. Plötzlich erhebt sich außen ein furchtbarer Lärm, und aus dem Gewirr verschiedener Stimmen lassen sich die Worte hören: »Es brennt, schlagt zu, schont nicht!« Da springen die Zecher auf und stürzen zu den Fenstern, um zu sehen, was es gebe; nur der König, der seinen Hofnarren und dessen Stückchen kannte, bleibt sitzen in Erwartung der kommenden Dinge. Als die Gäste des Königs die Köpfe zu den Fenstern hinaussteckten, ward es still, in dem Hofe war keine lebende Seele zu schauen, Alles war ruhig wie früher. Sie wollten nun die Köpfe zurückziehen, doch wehe, Jedem waren zwei ungeheuere Hirschhörner angewachsen, die den Rückzug wehrten. Als der König dies sah, brach er in ein lautes Gelächter aus, und ergötzte sich eine geraume Zeit an den sonderbaren Gebährden der in der Falle gefangenen Gäste, die sich trotz aller Mühe umsonst anstrengten, aus der unangenehmen Lage zu entkommen, bis der König, nachdem er sich satt gelacht, Žitek ein Zeichen gab, damit er sie aus ihrer Haft befreie.

Allein Žitek war kein bloßer Hofnarr des Königs, er erwies ihm manchmal durch seine Kunst gewichtige Dienste, wofür der König erkenntlich war und ihn in Ehren hielt. Zum Zeugniß dient Folgendes:

Vor Jahren hatte der König einigen böhmischen Herren Krongüter verpfändet, und jetzt, als er sie zurückforderte, und sie auslösen wollte, weigerten sie sich, sie zurückzuerstatten, worüber der König sich sehr erbos'te; doch sie beachteten den Zorn des Königs nicht, und behielten die Güter, ja sie wagten der königlichen Macht zu trotzen. In dieser Verlegenheit rieth Žitek dem König, und dieser befolgte seinen Rath. Der König that lange Zeit keine Erwähnung von der Auslösung der verpfändeten Güter, sodaß es endlich schien, als hätte er die Sache vergessen, oder sie bei Seite gesetzt, und die Besitzer der Güter, die früher dem König ausgewichen, besuchten den Hof wieder wie sonst. Eines Tages lud sie der König zu einem freundschaftlichen Mahl, und sie, nichts ahnend, folgten der Einladung. Es wurde lustig getafelt, und Žitek saß mit unter des Königs Gästen. Als aber Alles in der besten Laune ist, da öffnen sich plötzlich auf ein Zeichen des Königs die Thürflügel, und herein tritt im Scharlachkleid mit einem langen Schwert in der Hand, wie zum Richtgeschäft bereit, des Königs furchtbarer Schwager. Die Gäste erschrecken; sie beginnen aus vollem Halse: »Verrath!« zu schreien, und wollen sich von den Stühlen erheben und ihre Schwerter zücken. Wie wächst jedoch ihr Schrecken, als sich Keiner zu rühren im Stande ist, und die Schwerter nicht aus den Scheiden mögen! Žitek hat sie alle festgebannt. Es stelle sich Jeder vor, wie den Armen zu Muthe gewesen sein mußte, als sie sich hin und her wanden, an den Griffen der Schwerter zogen, und Alles umsonst! Sie sahen den gewissen Tod vor sich. Da winkte der König seinem Schreiber, und Der legte Jedem der angefrornen Herren eine Schrift vor, worin die Summe für das verpfändete Gut quittirt war. »Unterschreib', Herr Jan, und stell' mir mein Schloß zurück!« sprach der König zu Dem, und zu Andern: »Unterschreib', Herr Benesch, und Herr Plichta, Du! Und daraus zieht die Lehre, daß man sich fremdes Gut nicht zueignen soll. Bevor Ihr nicht unterschreibt, rührt Ihr Euch nicht von der Stelle, und die Verstockten wird mein Schwager bedienen!« – Was blieb den Herren übrig, als zu unterschreiben? Worauf sie von dem König in Frieden entlassen wurden. So gelangte der König auf leichte Art zu seinen Gütern; seit der Zeit aber feindeten ihn die Herren an, thaten ihm Alles zum Trotze, und nahmen ihn sogar zweimal gefangen, und setzten ihn fest.

Eines Tages ging Žitek über Feld, und kam zu einer abgemähten Wiese, die dem reichen Bäcker Mikesch gehörte, der als ein Geizhals verschrieen war, und auf der das Heu in Schobern aufgehäuft lag. Da fiel es Žitek bei, einen Scherz zu machen, und er verwandelte alle Schober, deren dreißig waren, in Schweine, die er durch das nahe Städtchen an Mikeschens Haus vorbeitrieb. Mikesch stand im Hausthor, und als er die beleibten Schweine vorbeitreiben sah, fragte er, ob sie zu verkaufen seien. Žitek wurde mit ihm bald einig, und Mikesch. in der Meinung, er habe wohlfeil gekauft, zahlte bereitwillig die verabredete Summe. Beim Scheiden ertheilte ihm Žitek die Warnung, er solle die Schweine nicht schwemmen, und auf sein Heu Acht haben. Mikesch aber beachtete das nicht, und trieb die Schweine noch an demselben Tage in den Bach, der bei dem Städtchen vorbeifloß. Doch wehe! Sobald die Schweine das Wasser berührten, verwandelten sie sich wieder in Das, was sie früher gewesen, und in dem Bache schwamm Mikeschens Heu. Man kann sich leicht die Wuth des alten Geizhalses vorstellen, der sich so um sein Geld betrogen sah, besonders als ihm gemeldet ward, sein Heu sei von der Wiese verschwunden. Es war jetzt seine Sorge, wie er wieder zu seinem Gelde gelangen könnte; darum fragte er in dem ganzen Städtchen nach, wo Jemand den Schweinetreiber gesehen hätte. Man wies ihn in die Schenke, wo er Žitek auch fand, der auf einer Bank lag und schlief. Mikesch wollte ihn wecken und packte ihn beim Fuße; allein wie groß war sein Entsetzen, als ihm der Fuß in der Hand blieb, der vollends ausgerenkt war. Žitek erwachte nun, erhob ein fürchterliches Geschrei, und schickte nach dem Richter, der Mikesch verhörte und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verurtheilte. Žitek aber setzte sich hierauf den Fuß wieder an, und ging wohlbehalten seines Weges. Mikesch trug nur Spott davon, und von der Zeit an heißt es von Jemandem, der bei einem Kauf übel wegkommt: »Es ist ihm ergangen wie Mikesch mit den Schweinen.«

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