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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 30
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
year1857
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Der Lange, der Breite und der Scharfäugige

Anmerkung: Der Lange, der Breite und der Scharfäugige. Der schon in der Vorrede erwähnte Gelehrte und Dichter K. J. Erben bemerkt bei diesem Märchen: Mir sind zwei Erzählungen dieses Märchens bekannt, eine aus der Umgegend der Stadt Žebrák, eine andre vom Herrn K. Wraný. Ihre Unterschiede sind nicht wesentlich und rühren offenbar von Corrumpirung auf der einen oder der andern Seite, wie denn der Hauptunterschied der ist, daß die eine Erzählung die Wahl der Braut auf dem Thurme übergeht, und gleich anfangs den Prinzen in den Wald auf die Jagd führt; der Prinz verirrt sich, findet die drei Gesellen, und gelangt mit ihnen durch Zufall in das verwünschte Schloß. Ich gebe das Märchen so, wie eine Erzählung die andre ergänzt, eine die andre verbessert. Ein andres mit ihm verwandtes Märchen und gleichsam seine Abart fand ich in der Gegend von Tauß. Ein König verspricht nämlich seine Tochter Dem zu geben, dem es gelingen würde, sie zum Lachen zu bringen. Es gelingt einem Hirten mit Hilfe einer wunderthätigen Ziege; die Prinzessin lacht, daß das Schloß erzittert. Der König will aber seine Tochter dem Hirten doch nicht geben, weil er nur von gemeiner Herkunft sei, und legt ihm drei Stücke auf, die er erst ausführen solle, wenn er die Prinzessin zu erhalten wünsche. Der Hirt hat drei Gefährten bei sich: einer trägt die Füße auf der Schulter, und wenn er sich sie ansetzt, macht er einen Sprung von hundert Meilen Länge; bei zweite hat ein Bret vor den Augen, und wenn er es aufhebt, sieht er hundert Meilen weit; der dritte trägt seinen Bauch auf dem Rücken, und wenn er ihn herunterthut und zurecht macht, ißt er hundert Ochsen auf, und trinkt hundert Fässer Bier aus. Mit Hilfe dieser drei Gefährten, löst der Hirt die drei Aufgaben, und die Prinzessin ist sein. Hier kommen also wieder die drei wunderthätigen Gesellen vor, nur bereits in veränderter Gestalt; die Aufgaben, die ihnen gegeben werden, bestehen in ganz zufälligen Sonderbarkeiten, ohne einen tiefern Sinn. In dem deutschen Märchen: »Die sechs Diener« von den Gebrüdern Grimm war es an drei Gesellen nicht genug, es wurden aus ihnen sechs. Aus seinem Inhalt ist ersichtlich, wie weit es sich von der ursprünglichen Einfachheit entfernt. Andere abweichende Erzählungen übergehe ich hier der Kürze wegen. – Das Märchen selbst ist kein ursprüngliches, sondern nur eine besondere Bearbeitung oder Variation vieler anderen Variationen desselben Thema's, nämlich der Erwerbung einer Jungfrau durch Ueberwindung von drei Schwierigkeiten. Wer und wie wer die Schwierigkeiten überwindet, das gehört blos zur besonderen Einrichtung jedes Märchens dieses Kreises, obwohl sich durch kritische Analyse auch da bestimmen läßt, was ursprünglich, was spätere Corrumpirung ist. – Fassen wir nun die drei wesentlichen Schwierigkeiten, die drei Stücke, die ausgeführt werden müssen, näher ins Auge, sehen wir, worin sie bestehen, und wie ihre Ausführung verschieden geschildert wird: so bemerken wir zwischen den Märchen dieses Kreises bald eine gewisse Uebereinstimmung und Verwandtschaft, die uns dazu führt, anzunehmen, daß die drei Aufgaben nicht zufällig und ohne Grund sind. In unserem Märchen soll der Prinz einen Ring aus dem Meere, einen Edelstein aus einem Felsen d. h. aus der Erde, und eine Eichel von einem Eichenbaum d. i. aus der Luft bringen, und die drei Gesellen sind das Mittel zur Ausführung. In andern Märchen wird dem Helden in ähnlicher Weise auferlegt, aus einem See einen Ring oder einen goldenen Schlüssel zu bringen, im Grase auseinandergestreute Perlen aufzulesen, und unter drei oder auch zwölf Jungfrauen seine Braut zu erkennen; und dazu dient ihm ein Fisch oder eine Ente, ein Geschöpf des Wassers – ein Haufen von Ameisen, Geschöpfen der Erde – und eine Biene oder Fliege, ein Geschöpf der Luft. In anderen Märchen wieder helfen der Walfisch, der Bär und der Adler. In noch andren Märchen wird einem Jüngling aufgegeben, mit einem Gefäße ohne Boden einen Teich auszuschöpfen, mit einer hölzernen Hacke einen Wald zu fällen, und ein Schloß in der Luft zu bauen, und da vollführt die Jungfrau selbst anstatt seiner die drei Stücke. In diesen und allen andren Märchen derselben Klasse stehen die drei Aufgaben immer in einer gewissen Verbindung mit dem Wasser, der Erde und der Luft, und wo dies nicht stattfindet, ist das Märchen corrumpirt. – Weiter kommt auch in unserem Märchen zu beachten, daß der Zauberer die Jungfrau in diesen drei Elementen verbirgt, wogegen es die Aufgabe des Prinzen ist, sie dort zu finden und zu erwerben. Auch hierin sind mit unserem Märchen andere verwandt. In einem walachischen Märchen, das in denselben Kreis gehört, verspricht der Zauberer seine Tochter Dem zu geben, der sich so zu verbergen wüßte, daß ihn der Zauberer nicht finden könnte; in einem anderen will die Jungfrau selbst nur Den zum Gemahle nehmen, der sich so zu verbergen wüßte, daß ihn ihr Zauberspiegel nicht verriethe. In dem ersten Märchen hilft dem Jüngling ein wunderthätiges Roß, in dem zweiten der Adler, der Fisch und der Waldgeist; sie verbergen ihn zuerst in den Wolken, dann auf dem Meeresgrunde und zuletzt in den Haaren der Person, welche die Bedingung setzte. Aber noch verwandter mit unserem Märchen ist ein uraltes Lied von den Faröern. Ein Bauer spielt mit einem Riesen und verspielt seinen Sohn. Als er ihn ausliefern soll, fleht er um Erbarmen, bis ihm der Riese den Sohn zu schenken verspricht, wenn er ihn so zu verbergen wisse, daß ihn der Riese nicht finde. In seiner Angst fleht der Bauer den Gott Odin um Hilfe, und Odin verbirgt den Sohn auf dem Felde im Getreide unter der Gestalt einer Aehre. Allein der Riese findet ihn doch. Der Bauer fleht den Gott Hönir um Hilfe, und Hönir verbirgt den Sohn hoch in der Luft in einer Schaar von Schwänen unter der Gestalt einer Feder. Allein der Riese findet ihn doch. Der Bauer nimmt seine Zuflucht zu dem Gotte Loki, und fleht ihn um Hilfe, und Loki verbirgt den Sohn auf dem Meeresgrunde in einem Fischleibe unter Gestalt eines Roggens Allein der Riese findet ihn doch. Da nimmt Loki den Knaben in seinen Schutz und hilft ihm zur Flucht nach Hause, und der Vater schließt hinter dem Knaben die Thür, und schiebt einen eisernen Riegel vor. Der Riese kommt hinter dem Knaben daher gerannt, stürzt in die Thür, und zerschmettert sich an dem eisernem Riegel das Haupt. Die Stelle der gefangenen Prinzessin in unserem Märchen vertritt in dem Liede von den Faröern der Sohn des Bauers. Der Unterschied der zwei Geschichten besteht blos in der Umkehrung der Aufgabe: in den Faröerliede muß nämlich der Bauer seinen Sohn drei Mal verbergen, in unserem Märchen muß der Prinz die verborgene Jungfrau drei Mal finden. Die hilfreiche Dreiheit von Göttern im Faröerliede wiederholt sich in unserer Dreiheit von Dienern. In der germanischen Mythologie bezeichnen aber Odin, Hönir und Loki gerade wieder die drei Elemente, Luft, Erde und Wasser, worin sie dem Knaben Schutz bieten. Deuten wir uns auf gleiche Art unsere drei Diener als die personificirten Elemente, den Langen als den Wind, den Breiten als das Wasser, und den Scharfäugigen als die Erde, so erklärt sich ein großer Theil unseres Märchens natürlich. – Und so können wir jetzt das allegorische Gewand von unserem Märchen abstreifen und seinen einfachen Sinn darlegen. Es ist dieser: Der mächtige Zauberer, d. i. der Herr des finsteren Theils des Jahres, der Gott des Winters, die Winterzeit, hält in seinem eisernen Schlosse d. i. unter der Eisrinde, eine schöne Königstochter, d. i. die Göttin des Sommers, die lebendige Natur, gefangen. Er verbirgt sie in der Luft, in der Erde und im Wasser d. i. die Natur offenbart sich in diesen drei Elementen, aber durch den Winter ist ihr Leben in ihnen allen gebunden und gleichsam begraben. Da kommt der junge Königssohn d. i. die Frühlingssonne, um seine Braut zu befreien; und zu ihm gesellen sich drei Helfer d. i. die Natur selbst in ihren drei Formen, und er bringt die Jungfrau aus der Luft, der Erde und dem Wasser heraus d. i. durch die Sonne erwärmen sich die drei Elemente und geben Lebenszeichen von sich, die Natur belebt sich in ihnen. Der Zauberer ist besiegt, und der Königssohn vermählt sich mit der Jungfrau, d. i. der Winter verschwindet und die Sonnenstrahlen verbinden sich mit der Erde, der Luft und dem Wasser, indem sie dieselben erwärmen, und so Ursache ihrer Fruchtbarkeit werden.

Ende der Anmerkung

*

Es war ein König, und er war schon alt, und hatte nur einen einzigen Sohn. Einst berief er den Sohn vor sich und sprach zu ihm: »Mein lieber Sohn, Du weißt wohl, daß reifes Obst abfällt, um anderem Platz zu machen. Mein Haupt reift auch allmählig, und vielleicht wird es die Sonne bald nicht mehr bescheinen; aber eh' ich sterbe, möcht' ich doch noch gern meine künftige Tochter, Deine Gemahlin, schau'n. Nimm Dir ein Weib, mein Sohn!«

Und der Königssohn sprach: »Gern, o Vater, möcht' ich Deinen Willen vollziehen; doch ich habe keine Braut, ich kenne keine.«

Da griff der alte König in die Tasche, zog einen goldenen Schlüssel heraus, und gab ihn dem Sohne: »Geh' in den Thurm hinauf, in's oberste Stockwerk, blick' dort um Dich, und sag' mir, welche Braut Du am liebsten hättest.«

Der Königssohn säumte nicht, und ging. Noch nie in seinem Leben war er dort oben gewesen, und hatte auch nie gehört, was es dort gebe.

Als er hinaufkam bis in das letzte Stockwerk, sah er an der Decke eine kleine eiserne Thür gleich einem Deckel, und sie war verschlossen; die öffnete er mit dem goldenen Schlüssel, hob sie in die Höhe, und trat über sie empor. Da war ein großes, rundes Gemach, die Decke blau wie der Himmel in heitrer Nacht, silberne Sterne glänzten an ihr; der Fußboden war mit einem grünen Seidenteppich überzogen, und rings in der Mauer waren zwölf hohe Fenster in goldenen Rahmen, und in jedem Fenster auf krystallenem Glas war eine Jungfrau mit Regenbogenfarben abgebildet, mit einer Königskrone auf dem Haupt, in jedem Fenster eine andere in anderem Gewand, aber jede schöner als die andere, so daß der Königssohn ganz geblendet war. Und während er sie so voll Verwunderung betrachtete, ohne zu wissen, welche er wählen solle, da begannen sich die Jungfrauen zu bewegen, als ob sie lebendig wären, und blickten nach ihm, und lächelten ihn an, als ob sie sprechen wollten.

Da bemerkte der Königssohn, daß eins der Fenster mit einem weißen Vorhang verhüllt sei, und er zog den Vorhang weg, um zu sehen, was es dahinter gebe. Da war eine Jungfrau in weißem Gewand, mit einem Silbergürtel gegürtet, mit einer Perlenkrone auf dem Haupt; sie war die schönste von Allen, aber traurig und bleich, als ob sie aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Königssohn stand lange vor dem Bilde wie im Traum, und während er sie so betrachtete, ward ihm weh um's Herz und er sprach: »Die will ich und keine Andere!« Und sobald er das Wort gesprochen, neigte die Jungfrau das Haupt, ward roth wie eine Rose, und in dem Augenblicke verschwanden die Bilder alle.

Als er wieder hinunter kam, und dem Vater sagte, was er gesehen und welche Jungfrau er sich gewählt, betrübte sich der alte König, bedachte sich und sprach: »Du hast übel gethan, mein Sohn, daß Du enthüllt hast, was verdeckt war. und hast Dich mit Deinem Worte in große Gefahr begeben. Diese Jungfrau ist in der Gewalt eines bösen Zauberers, in eisernem Schlosse gefangen; wer es bisher noch versucht hat, sie von dort zu befreien, ist nie mehr wiedergekehrt. Allein was geschehen, läßt sich nicht ungeschehen machen; gegebenes Wort ist Gesetz. Geh', versuch' Dein Glück, und kehr' wohlbehalten heim!«

Der Königssohn nahm Abschied von dem Vater, setzte sich auf's Roß. und ritt fort, um die Braut zu holen. Und er gelangte in einen großen Wald, und ritt in einem fort durch den Wald, bis er endlich den Weg verlor. Und als er so im Dickicht und zwischen Felsen und Sümpfen mit seinem Roß umherirrte, ohne zu wissen, wohin, hörte er Jemanden hinter sich rufen: »He da, wartet!« Der Königssohn sah sich um, und erblickte einen hochgewachs'nen Menschen, der ihm nacheilte. »Wartet und nehmt mich mit Euch, und nehmt Ihr mich in Eure Dienste, werdet Ihr's nicht bereu'n!«

»Wer bist denn Du?« sprach der Königssohn, »und was kannst Du?«

»Ich heiße der Lange und kann mich ausstrecken. Seht Ihr dort auf der hohen Tanne das Vogelnest? Ich lang' Euch das Nest herunter, ohne daß ich hinaufzuklettern brauche.«

Und er begann sich auszustrecken, sein Leib wuchs mit Schnelligkeit, bis er so hoch war, als die Tanne; dann langte er nach dem Neste, und augenblicklich schrumpfte er wieder ein, und reichte es dem Königssohn.

»Du verstehst Deine Sache gut, allein was helfen mir Vogelnester, wenn Du mich aus dem Walde nicht hinausführen kannst!«

»Hm, das ist leicht!« sprach der Lange und begann sich wieder auszustrecken, bis er dreimal so hoch war, als die höchste Föhre im Walde; er blickte ringsum und sagte: »Auf jener Seite dort ist der nächste Weg aus dem Walde.« Dann schrumpfte er wieder ein, nahm das Pferd beim Zaume und ging voran, und ehe sich's der Königssohn versah, hatten sie den Wald hinter sich. Vor ihnen war eine weite Ebene, und hinter der Ebene hohe graue Felsen, wie Mauern einer großen Stadt, und waldbewachsene Berge.

»Dort, Herr, geht mein Kamerad,« sprach der Lange, und zeigte seitwärts auf die Ebene, »den solltet Ihr gleichfalls zu Euch nehmen; er würde uns wahrlich treffliche Dienste leisten.«

»Schrei' nach ihm und ruf' ihn, daß ich sehe, was an ihm ist.«

»Es ist etwas weit, Herr,« sprach der Lange, »kaum würd' er mich hören, und lange würd' es dauern, eh' er käme, weil er viel zu tragen hat. Ich will ihn lieber holen.« Da streckte sich der Lange wieder in die Höhe, daß sein Kopf bis in die Wolken reichte, machte zwei, drei Schritte, faßte den Kameraden beim Arm, und stellte ihn vor den Königssohn. Es war ein muskulöser Kerl, und hatte einen viereimerdicken Bauch.

»Wer bist denn Du?« fragte ihn der Königssohn, »und was kannst Du?«

»Ich, Herr, heiße der Breite, und kann mich ausdehnen.«

»Zeig' mir das!«

»Herr, reitet geschwind fort, geschwind in den Wald!« rief der Breite und begann sich aufzublähen.

Der Königssohn wußte nicht, warum er davonreiten solle; allein da er sah, daß der Lange mit Hast zum Walde laufe, spornte er sein Roß, und eilte ihm nach. Und es war hohe Zeit davonzureiten, sonst hätte der Breite ihn und sein Roß erdrückt, so schnell wuchs sein Bauch nach allen Seiten; es war auf einmal alles voll von ihm, als ob sich ein Berg herangewälzt. Dann hörte der Breite auf, sich aufzublähen, blies die Luft aus sich heraus, daß sich die Wälder bewegten, und wurde wieder so, wie er gewesen.

»Du hast mich durchgehetzt!« sprach der Königssohn, »aber so einen Kerl find' ich nicht alle Tage, komm mit mir!«

Sie zogen nun weiter. Als sie den Felsen nahe kamen, begegneten sie Einem, der die Augen mit einem Tuch verbunden hatte.

»Herr, das ist unser dritter Kamerad,« sagte der Lange, »den solltet Ihr auch in Eure Dienste nehmen; er würde wahrlich sein Brot nicht umsonst essen.«

»Wer bist denn Du?« fragte ihn der Königssohn, »und warum hast Du die Augen verbunden? Du siehst ja nicht den Weg.«

»Hoi, Herr, umgekehrt; gerade weil ich zu scharf sehe, muß ich mir die Augen verbinden. Ich sehe mit verbundenen Augen, wie ein Anderer mit unverbundenen, und wenn ich das Tuch wegnehme, so blick' ich überall durch und durch, und seh' ich auf etwas scharf hin, so fängt es Feuer, und was nicht brennen kann, zerspringt in Stücke. D'rum heiß' ich der Scharfäugige.« Dann kehrte er sich zu dem gegenüberstehenden Felsen, nahm das Tuch ab, und heftete die feurigen Augen auf ihn; und der Felsen begann zu prasseln, und die Stücke flogen nach allen Seiten, und in einer kleinen Weile war von dem Felsen nichts übrig als Sand. In dem Sande glänzte etwas wie Feuer. Der Scharfäugige ging und brachte es dem Königssohn. Es war gediegenes Gold.

»Hoho. Du bist ein unbezahlbarer Kerl!« sprach der Königssohn; »ein Thor, der sich Deiner nicht bedienen wollte! Aber, wenn Du ein so gutes Auge hast, sieh doch, und sag' mir, wie weit wir noch zu dem eisernen Schlosse haben, und was jetzt dort vorgeht?«

»Wenn Ihr allein rittet, Herr,« antwortete der Scharfäugige, »so würdet Ihr vielleicht in einem Jahre nicht hinkommen; aber mit uns seid Ihr heute noch dort – eben bereiten sie für uns das Nachtmahl.«

»Und was macht dort meine Braut?«

»Hinter eisernem Gitter
Des Zaub'rers Macht
In hohem Thurme
Sie streng bewacht.«

Und der Königssohn sprach: »Wer mein Freund ist, der helfe mir sie befreien!«

Und sie versprachen ihm Alle, daß sie ihm helfen würden. So fühlten sie ihn zwischen den Felsen durch den Durchbruch, den der Scharfäugige mit seinen Augen gemacht, und durch die Felsen über hohe Berge und durch dichte Wälder weiter und weiter, und wo ein Hinderniß im Wege war, da räumten es die drei Gesellen sogleich bei Seite. Und als die Sonne sich zum Untergang neigte, begannen die Berge niedriger, die Wälder dünner zu werden, und die Felsen sich zwischen Haidekraut zu verbergen; und als der Sonnenuntergang nahe war, sah der Königssohn nicht weit vor sich das eiserne Schloß; und als die Sonne unterging, ritt er über die eiserne Brücke zum Thor hinein, und nachdem die Sonne untergegangen, hob sich die eiserne Brücke von selbst empor, die Thore schlossen sich plötzlich, und der Königssohn und seine Gesellen waren in dem eisernen Schlosse gefangen.

Als sie im Schloßhof sich umgesehen, gab der Königssohn sein Roß in den Stall – Alles war schon für sie eingerichtet – und dann gingen sie in das Schloß. Im Hof, im Stall, im Schloßsaale und in den Gemächern sahen sie in der Dämmerung viel reichgekleidete Leute, Herren und Diener; aber Niemand von ihnen rührte sich – Alle waren versteinert. Sie gingen durch mehrere Gemächer, und kamen in das Speisezimmer. Das war hell erleuchtet, in der Mitte ein Tisch, auf ihm der guten Gerichte und Getränke in Fülle, und gedeckt war für vier Personen. Sie warteten und warteten, dachten, es werde Jemand kommen; allein, als lange Niemand kam, setzten sie sich und aßen und tranken, so viel ihnen schmeckte.

Als sie sich sattgegessen, begannen sie sich umzusehen, wo sie schlafen würden. Da flog plötzlich die Thüre auf und in das Zimmer trat der Zauberer, ein gebückter Greis in langem, schwarzem Gewand, das Haupt kahl, den grauen Bart bis an's Knie, anstatt des Gürtels drei eiserne Reife um den Leib. An der Hand führte er eine schöne, wunderschöne Jungfrau, die weiß angezogen war; um den Leib hatte sie einen Silbergürtel und eine Perlenkrone auf dem Haupte, aber sie war bleich und traurig, als wäre sie aus dem Grab gestiegen. Der Königssohn erkannte sie sogleich, sprang auf, und ging ihr entgegen; doch eh' er noch ein Wort sprechen konnte, hub der Zauberer zu ihm an: »Ich weiß, warum Du gekommen; diese Königstochter willst Du von hier fortführen. Wohl denn, es sei, Du darfst sie Dir nehmen, wenn Du sie durch drei Nächte so zu hüten weißt, daß sie Dir nicht entschlüpft. Entschlüpft sie Dir, so wirst Du sammt Deinen drei Dienern zu Stein, wie Alle, die früher kamen, als Du.« Dann wies er der Königstochter einen Sitz, daß sie sich setze, und entfernte sich.

Der Königssohn konnte von der Jungfrau die Augen gar nicht abwenden, so schön war sie. Er begann zu ihr zu sprechen, und fragte sie Verschiedenes; allein sie antwortete nicht, lächelte nicht und sah auf Niemanden, als ob sie von Marmor wäre. Er setzte sich neben sie, und gedachte die ganze Nacht nicht zu schlafen, damit sie nicht entschlüpfe; und zu größerer Sicherheit streckte sich der Lange wie ein Riemen aus, und wand sich um das ganze Zimmer an der Wand herum der Breite setzte sich zwischen die Thür, blähte sich auf und verstopfte sie so, daß nicht einmal ein Mäuslein hätte durchkriechen können, und der Scharfäugige stellte sich zur Säule mitten im Zimmer auf die Wacht. Doch in einer Weile begannen Alle zu schlummern, schliefen ein und schliefen die ganze Nacht, als ob man sie in's Wasser geworfen hätte.

Als es Morgens zu dämmern anfing, erwachte der Königssohn zuerst; doch ihm war, als ob ihm Jemand ein Messer in's Herz stieße – die Königstochter war verschwunden. Und alsbald weckte er die Diener, und fragte, was zu thun sei.

»Seid unbesorgt, Herr,« sprach der Scharfäugige, und blickte zum Fenster hinaus, »schon seh' ich sie! Hundert Meilen von hier ist ein Wald und inmitten des Waldes eine alte Eiche, und auf der Eiche oben eine Eichel – und die Eichel ist sie. Der Lange soll mich auf die Schulter nehmen, und wir bekommen sie.« Und der Lange lud ihn sich auf, streckte sich aus und ging – ein Schritt zehn Meilen, und der Scharfäugige zeigte den Weg. Und es verstrich nicht so viel Zeit, als Jemand braucht, um herumzukommen um eine Hütte, und schon waren sie wieder da, und der Lange reichte dem Königssohn die Eichel und sprach: »Herr, laßt sie auf den Boden fallen!« Der Königssohn that's, und in demselben Augenblicke stand die schöne Königstochter neben ihm.

Und als sich die Sonne hinter den Bergen zu zeigen anfing, flog die Thür krachend auf, und der Zauberer trat in's Zimmer, und lachte tückisch; doch als er die Königstochter erblickte, sah er finster, brummte – und krach! sprang ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei und fiel ab. Dann nahm er die Jungfrau bei der Hand, und führte sie hinweg.

Den ganzen Tag über hatte der Königssohn nichts zu thun; er ging im Schloß umher und um das Schloß herum, und sah, was es da Besonderes gebe.

Ueberall war's, als ob das Leben in einem Augenblick erstorben wäre. In einem Saale sah er eine» Königssohn, der mit beiden Händen ein Schwert geschwungen hielt, als wollt' er wen entzwei hauen; doch er hatte den Hieb nicht zu Ende geführt, er war versteinert. In einem Zimmer war ein versteinerter Ritter, als ob er ängstlich vor Jemandem flöhe, an der Schwelle anstieße und fallen wollte; doch war er noch nicht ganz zu Boden gefallen. An einem Kamin saß ein Diener, und hielt in der einen Hand ein Stück Braten vom Nachtmahl, mit der andern wollt' er's in den Mund stecken, bracht' es aber nicht so weit: als er's schon beim Munde hatte, ward er versteinert. Und noch viel andre Versteinerte sah er da, jeden so und in der Stellung, in welcher er war, als der Zauberer sprach: »Werde zu Stein!« Auch gewahrte er da viel versteinerte, schöne Pferde, und im Schlosse und um das Schloß herum war Alles wüst und todt. Bäume gab's, doch ohne Blätter; Wiesen gab's, doch ohne Gras; ein Fluß war da, allein er floß nicht; nirgend war ein Vöglein, das gesungen hätte, nirgend ein Blümlein, das geblüht Hütte, noch ein Fischlein, das im Wasser wär' geschwommen.

Früh, zu Mittag und des Abends fand der Königssohn mit seinen Gesellen im Schloß ein gutes und reiches Mahl: die Speisen trugen von selbst sich auf, und der Wein schenkte von selbst sich ein. Als das Nachtmahl vorüber war, öffnete sich die Thür wieder und der Zauberer führte die Königstochter herbei, damit sie der Königssohn hüte. Aber obwohl Alle entschlossen wann. sich mit aller Macht des Schlafes zu erwehren, so half es ihnen doch nichts, sie schliefen wieder ein. Und als früh in der Dämmerung der Königssohn erwachte und sah, daß die Königstochter verschwunden sei, sprang er empor, und rüttelte den Scharfäugigen an den Schultern: »Hei, steh auf, Du Scharfaug'! Weißt Du, wo die Königstochter ist?'

Der rieb sich die Augen, schaute und sagte: »Schon seh' ich sie! Zweihundert Meilen von hier ist ein Berg, und in dem Berg ein Felsen, und in dem Felsen ein Edelstein, und der Edelstein ist sie. Wenn mich der Lange hinträgt, bekommen wir sie.«

Der Lange nahm ihn sogleich auf die Schulter, streckte sich aus und ging – ein Schritt zwanzig Meilen. Der Scharfäugige heftete hierauf seine feurigen Blicke auf den Berg, und der Berg zerstob, und der Felsen in ihm zersprang in tausend Stücke, und zwischen ihnen erglänzte der Edelstein. Den nahmen sie und brachten ihn dem Königssohn, und sobald er ihn auf die Erde fallen ließ, stand die Königstochter wieder da. Und als dann der Zauberer kam und sie da sah, funkelten seine Augen vor Galle – und krach! sprang wieder ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei, und fiel ab. Er brummte und führte die Königstochter aus dem Zimmer. An diesem Tage war wieder Alles, wie am vorigen. Nach dem Nachtmahl führte der Zauberer die Königstochter wieder herbei, blickte dem Königssohn scharf in's Auge, und warf höhnisch die Worte hin: »Es soll sich zeigen, wer mehr vermag: ob Du siegst oder ich!« und hiermit entfernte er sich. Und es gaben sich diesmal Alle noch größere Mühe, um sich des Schlafes zu erwehren; sie wollten sich nicht einmal setzen, wollten die ganze Nacht hindurch gehen; aber Alles umsonst, es war ihnen angethan: Einer nach dem Andern schlief gehend ein, und die Königstochter entschlüpfte ihnen dennoch.

Des Morgens erwachte der Königssohn wieder, zuerst, und als er die Königstochter nicht gewahrte, weckte er den Scharfäugigen: »Hei, steh' auf, Du Scharfaug'! Sieh, wo die Königstochter ist!«

Der Scharfäugige sah lange hinaus: »Hoho, Herr!« sagte er, »sie ist weit, gar weit! Dreihundert Meilen von hier ist das schwarze Meer, und mitten im Meer auf dem Boden liegt eine Muschel, und in der Muschel ein goldner Ring – und dieser Ring ist sie. Allein sorgt nicht, wir bekommen sie doch! Heut aber muß der Lange auch den Breiten mit sich nehmen, wir werden ihn brauchen!« Der Lange, nahm auf eine Schulter den Scharfäugigen, auf die andere den Breiten, streckte sich aus und ging – ein Schritt dreißig Meilen. Und als sie zu dem schwarzen Meere kamen, zeigte ihm der Scharfäugige, wohin er nach der Muschel in's Wasser langen solle. Der Lange streckte die Hand aus, so viel er vermochte, allein bis zum Boden konnte er doch nicht reichen. »Wartet, Kameraden, wartet ein wenig, will Euch schon helfen!« sprach der Breite, und blähte sich auf, so viel es sein Bauch zuließ; dann legte er sich ans Ufer und trank. In einer kleinen Weile fiel das Wasser so, daß der Lange leicht zum Boden reichte, und die Muschel aus dem Meere holte. Er nahm den Ring heraus, lud die Kameraden auf die Schultern und eilte zurück. Allein auf dem Wege ward es ihm doch zu schwer, mit dem Breiten zu laufen, weil dieser noch das halbe Meer im Bauche hatte; er schüttelte ihn also in einem Thale von der Schulter ab .Das plumpste, als ob ein Sack von einem Thurme fiele, und augenblicklich stand das ganze Thal unter Wasser und glich einem großen See; der Breite selbst kroch kaum aus ihm heraus. Inzwischen war im Schloß dem Königssohne arg zu Muthe. Das Morgenroth begann sich hinter den Bergen zu zeigen, und die Diener waren noch nicht zurück, und je flammender das Licht emporstieg, je größer wurde seine Bangigkeit; Todesschweiß bedeckte seine Stirn. Bald darauf erschien die Sonne im Osten wie ein dünner Feuerstreif – und da sprang die Thür plötzlich donnernd auf, und auf der Schwelle stand der Zauberer und sah rings im Zimmer umher, und als er die Königstochter nicht gewahrte, kicherte er abscheulich und trat in's Zimmer. Doch in dem Augenblicke zersplitterte das Fenster in Stücke, und der goldene Ring fiel auf den Boden, und die Königstochter stand wieder da.

Der Scharfäugige nämlich hatte gesehen, was im Schlosse vorging, und in welcher Gefahr sein Herr sich befand, und sagte es dem Langen; der Lange machte einen Schritt, und warf den Ring durchs Fenster in das Zimmer. Der Zauberer brüllte vor Zorn, daß das Schloß erbebte, und krach! da borst sein dritter eiserner Reif und siel ab, und der Zauberer ward ein Rabe und flog durch das zerbrochene Fenster davon.

Und da redete die schöne Jungfrau sogleich und dankte dem Königssohn, daß er sie befreit habe, und ward roth, wie eine Rose. Und im Schlosse und rund um das Schloß umher belebte sich Alles: Der, welcher im Saale das Schwert geschwungen hielt, hieb damit durch die Luft, daß es pfiff, und steckte es dann in die Scheide; Der, welcher an der Schwelle angestoßen, fiel auf den Boden, stand aber gleich wieder auf, und faßte sich an der Nase, um zu fühlen, ob sie noch ganz sei; Der, welcher am Kamin saß, steckte das Stück Braten in den Mund und aß weiter; und so that ein Jeder jedes zur Genüge ab, was er begonnen und wo er aufgehört. In den Ställen stampften und wieherten die Pferde lustig; die Bäume um das Schloß grünten wie das Immergrün, auf den Wiesen war alles voll von bunten Blumen, hoch in der Luft trillerten Lerchen und in dem schnellen Flusse schwammen Schaaren kleiner Fische. Alles Leben, Alles Fröhlichkeit!

Inzwischen kamen in dem Zimmer, wo sich der Königssohn befand, viele Herren zusammen, und alle dankten ihm für ihre Befreiung. Er aber sprach: »Nicht mir habt Ihr zu danken; wären meine treuen Diener nicht gewesen, der Lange, der Breite und der Scharfäugige, so wär' ich jetzt gleichfalls Das, was Ihr gewesen.« Und gleich darauf machte er sich auf den Heimweg zu seinem Vater, dem alten König, mit seiner Braut und seinen Dienern, dem Langen und dem Scharfäugigen, und alle die Herren begleiteten ihn. Unterwegs begegneten sie dem Breiten und nahmen ihn gleichfalls mit.

Der alte König weinte vor Freude, daß sein Sohn so glücklich gewesen; er dachte schon, daß er nicht mehr wiederkehre. Bald darauf war fröhliche Hochzeit; sie währte drei Wochen, und alle Herren, die der Königssohn befreit hatte, waren geladen, Als die Hochzeit vorüber war, zeigten der Lange, der Breite und der Scharfäugige dem jungen König an, daß sie wieder in die Welt wollten, Arbeit zu suchen. Der junge König redete ihnen zu, sie möchten bei ihm bleiben. »Ich will Euch Alles bis zu Eurem Tode geben, was Ihr bedürft; Ihr braucht nichts zu arbeiten.« Aber ihnen gefiel solch faules Leben nicht; sie nahmen Urlaub von ihm und gingen, und bis auf den heutigen Tag tummeln sie sich wo in der Welt herum.

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