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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 3
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
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Die Geschichte von den Nasen.

Ein Vater hatte drei Söhne. Er sagte zu dem Aeltesten, er solle sich einen Dienst suchen; es sei ihm nicht möglich, alle zu Hause zu ernähren. Der Aelteste machte sich auf und ging. Er kam zu einem Bauer und bat ihn, daß er ihn aufnehme. Der Bauer sagte: Ja, allein er dürfe bei ihm nicht böse werden; wenn er böse würde, so würde er ihm die Nase abschneiden; dagegen könnte er ihm dasselbe thun, wenn er, der Bauer, böse würde. Bis der Kuckuk rufe, sei ein Jahr um! – Der Bursche blieb bei ihm, und der Bauer schickte ihn auf die Tenne dreschen. Er drosch mit den anderen Dreschern. Als die Zeit zum Frühstück kam, wurden die übrigen Drescher gerufen; er sollte dort bleiben, um Acht zu geben. So bekam er kein Frühstück; Mittagmahl bekam er auch keins, und Abendbrot gleichfalls keins. Des folgenden Morgens ward er wieder in die Scheuer geschickt. Da er wieder kein Frühstück bekam, ward er böse. Der Bauer nahm sein Messer, schnitt ihm die Nase ab, und entließ ihn aus dem Dienste. Er kam nach Hause zurück, doch seine Nase brachte er nicht mit. Da sagte der Vater: »Da Du so schön gedient, daß Du keine Nase mitbringst, so wird der Jüngere dienen gehe», und Du bleibst zu Hause!«

Der Zweite machte sich auf und ging. Er kam zu demselben Bauer, bei dem der Aelteste gedient. Sie schlossen wieder einen Vertrag, wie der erste gewesen. Der Bauer schickte den Burschen auf die Tenne. Er drosch einen ganzen Tag und erhielt nichts zu essen. Des folgenden Morgens erhielt er kein Frühstück. Da ward er böse und verlor gleichfalls seine Nase, wie sein Bruder, und dann entließ ihn der Bauer aus dem Dienste.

Als der Zweite ohne Nase nach Hause kam, meldete sich der Jüngste. Den hielten sie für dumm und pflegten ihn zu verlachen. Er verlangte dessenungeachtet, sie möchten ihm sagen, wo der Bauer wohne; er wollt es versuchen. Sie sagten's ihm, und verlachten ihn im voraus, daß es ihm eben so ergehen werde wie ihnen. Er aber machte sich auf, kam zu dem Bauer, und fragte ihn, ob er ihn aufnehmen wolle. Der Bauer willigte ein. Sie schlossen wieder einen Vertrag, daß weder der Bauer auf den Burschen, noch der Bursche auf den Bauer böse werden dürfe; wer böse würde, der sollte die Nase verlieren. Der Bursche sagte: »'s mag sein!« und fragte gleich, was er zu thun habe. Der Bauer entgegnete: »Du wirst auf die Tenne dreschen geh'n!« Als die Zeit zum Frühstück kam, wurden die anderen Drescher gerufen, er nicht. Er füllte Getreide in einen Sack, ging es verkaufen, und kaufte sich ein gutes Frühstück für das Geld. Der Bauer, der nichts davon wußte, fragte ihn nach dem Frühstück: »Aergerst Du Dich? Bist Du böse?« – »Pah,« versetzte der Bursche, »warum sollt' ich mich eines Frühstücks wegen ärgern! Das thut nichts!«

Des Mittags riefen sie ihn nicht zum Mittagmahl. Er füllte Getreide in zwei Säcke, und trug es wieder zum Verkaufe; denn er dachte, er müsse doch besser mittagmahlen als frühstücken, müsse also mehr Getreide nehmen. Nach dem Mittagmahl fragte ihn der Bauer wieder, ob er böse sei, »Was sollt' ich böse sein!« entgegnete der Bursche, »hab' ja besser gemittagmahlt als Ihr!«

Des Abends riefen sie ihn nicht zum Abendbrot, sondern hießen ihn in der Scheuer Acht geben.» Er füllte nur in einen Sack Getreide, verkaufte es und schaffte sich sein Abendbrot. Der Bauer erfuhr endlich, daß der Bursche Getreide verkaufte und sagte zu seinem Weibe: »Weib, das ist ein Schelm! Wir müssen ihm doch zu essen geben, sonst würd' er uns alles Getreide verkaufen!« Der Bursche fragte nun den Bauer, ob er böse sei. »Pah,« versetzte der Bauer, »was liegt an einem Bischen Getreide! Was sollt' ich deshalb böse sein!« – Des nächsten Tages gab er ihm schon zu essen.

Als ausgedroschen war, sagte der Bauer zu dem Burschen: »Bursche, Du wirst Mist fahren!« Der Bursche fragte: »Wohin?« Der Bauer sprach: »Der Hund wird mit Dir gehen und Dir den Platz zeigen. Wo er sich hinlegt, dort lade den Mist ab!« Der Bursche führte Mist, und der Hund ging mit ihm. Der Hund kam zu einer vom Wasser ausgewaschenen Grube und legte sich hinein, weil es heiß war und er nicht bis auf das Feld zu laufen vermochte. Der Bursche lud den Mist in die Grube ab. Als er abgeladen, fuhr er zurück, um wieder aufzuladen und so fuhr er vierzigmal Mist hin. Der Bauer ging zuletzt, sich das Feld anzuschauen, und sah soviel Mist in der Grube am Wege liegen, und auf dem Felde keinen. Er eilte nach Hause und schalt den Burschen aus, daß er ihm soviel Schaden gemacht; der Mist sei in der Grube, und auf dem Felde nichts. Der Bursche sagte: »Wo mir's der Hund gezeigt, und wo er sich hingelegt, dort lud ich den Mist ab, wie Ihr mir's befohlen. Aber sagt mir, seid Ihr deshalb böse?« – »Pah.« versetzte der Bauer, »was sollt' ich böse sein des Mistes wegen!«

Es kam der Sonntag. Der Bauer und die Bäuerin schickten sich an, in die Kirche zu gehen, und befahlen dem Burschen: »Du wirst indeß das Essen kochen! Stell' das Fleisch zum Feuer und gieb Kartoffeln in die Suppe, auch Petersilie dazu!« – Der Bursche kochte das Essen. – Sie hatten einen kleinen Hund, der Petersilchen hieß; er nahm ihn, schlug ihn todt und ließ ihn mit dem Fleische kochen. Als sie nach Hause kamen, trug die Bäuerin dem kleinen Hunde sein Essen hin; doch der Hund fand sich in seiner Hütte nicht vor. Sie fragte, wo Petersilchen hingerathen. Der Bursche sagte, sie habe ihm ja befohlen, den Hund mit dem Fleische zu kochen. Da schrie sie wehklagend, sie habe ihm befohlen, Petersilie aus dem Garten zum Fleisch zu geben, nicht aber Petersilchen den Hund, das liebe, schöne, gute Thier! – Der Bursche fragte den Bauer, ob er böse sei. »Pah,« versetzte der Bauer, »was sollt' ich böse sein des Hundes wegen!«

Ein anderes Mal war ein aufgehobener Feiertag. Ein aufgehobener Feiertag. Wie bekannt, bestanden früher bei den Katholiken mehr Feiertage, als gegenwärtig. An solchen Tagen arbeitet das Volk, besucht aber hier und da gleichwohl die Kirche. Der Bauer ging mit der Bäuerin in die Kirche und sagte zu dem Burschen: »Wenn die Messe aus ist, und Du siehst, daß Andere arbeiten, thu' desgleichen!« Zum benachbarten Bauer kamen Zimmerleute, sein Dach neu zu decken, und warfen die alten Schindeln hinab. Als der Bursche dies sah, nahm er die Leiter, kroch auf das Dach, und warf auch von seines Bauers Dache die Schindeln hinab; diese aber waren erst neu gelegt. Als der Bauer aus der Kirche kam, war bereits das ganze Dach abgedeckt. Er rief: »Was hast Du mir da für Schaden gethan!« Der Bursche entgegnete! »Ihr hattet mir ja befohlen, wenn Andere arbeiteten, solle ich desgleichen thun; beim Nachbar warfen sie die Schindeln hinab, ich that desgleichen, wie Ihr befohlen. Aber sagt mir, seid Ihr böse?« – »Nu – nein – pah!« versetzte der Bauer. »Was sollt ich deshalb böse sei»! Das macht mich noch nicht arm!«

Des Abends beriethen sich der Bauer und sein Weib, was für eine Arbeit sie dem Burschen auferlegen sollten, damit er davonliefe; sie meinten, daß er ein Schurke sei, und daß er ihnen noch vielen Schaden anrichten würde, bevor ein Jahr zu Ende gehe. Ihr Plan war geschmiedet, und der Bauer ging und sagte zu dem Burschen: »Wir haben einen äußerst morastigen Hof, Du wirst eine Brücke über den Hof machen, doch so, daß immer ein Tritt hart, der andere weich ist.« Der Bauer dachte sich: »Die Brücke wird er nicht zu Stande bringen!« Allein der Bursche sagte: »Das kann gescheh'n; mir ist's eins, was ich zu thun bekomme. Bis morgen sollt Ihr die Brücke fertig haben.« Der Bauer ging schlafen, und der Bursche überlegte, woraus er die Brücke machen solle. Der Bauer hatte hundert Stück Schafe im Stalle. Der Bursche sprach zu sich: »Die werden für die Brücke recht sein!« Er schlachtete alle Schafe und schnitt ihnen Füße und Köpfe ab; ein Schaf kehrte er immer mit dem Rücken nach oben, das andere mit dem Bauche, und sprach zu sich: »So wird's gut sein; das eine Schaf giebt einen harten, das andere einen weichen Tritt. So werd' ich's wohl dem Bauer recht machen!« Als er alle Schafe verbraucht und die Brücke hergestellt hatte, ging er schlafen; die Füße und Köpfe jedoch vergrub er in den Mist, damit sie nicht sichtbar wären, und die Lücken zwischen den Schafen verschmierte er mit Lehm, um das Ganze unkenntlich zu machen.

Des Morgens fragte ihn der Bauer, ob die Brücke fertig sei. Der Bursche sagte: »Die Brücke ist schon längst fertig; ich hab' seitdem vortrefflich ausgeschlafen. Kommt und seht, ob ich's Euch recht gemacht!« Der Bauer ging sammt der Bäuerin, um zu seh'n, wie's mit der Sache sei. Als sie auf die Brücke traten, war wirklich ein Tritt hart, der andere weich, nur wußten sie nicht, was das für eine Bewandtniß habe. Der Bursche fragte den Bauer, ob er zufrieden sei. Der Bauer entgegnete: »In der That, Du verdienst alles Lob!« Hierauf kam der Hirt um die Schafe auf die Weide zu treiben. Es fand sich kein einziges Schaf im Stalle vor. Da erhob der Bauer ein Geschrei, wohin die Schafe gerathen! Der Bursche sprach: »Ihr habt sie ja alle im Hofe auf der Brücke. Das eine ist mit dem Rücken nach oben gekehrt und das ist der harte Tritt; das andere ist mit dem Bauche nach eben gekehrt und das ist der weiche Tritt. Anders war's nicht möglich.« – »Mein Gott und Herr!« rief der Bauer, »daß Du mir solchen Schaden gemacht! Wo denkst Du hin?« – Der Bursche fragte: »Seid Ihr etwa böse?« – »Nu– nein–pah!« versetzte der Bauer. »Was sollt' ich deshalb böse sein. Werde schon wieder Schafe bekommen!«

Des Abends beriethen sich der Bauer und sein Weib, wie sie den Burschen aus dem Hause schaffen könnten, es sei hohe Zeit dazu. Das Weib sprach: »Ich will zeitig früh auf den Birnbaum kriechen und wie der Kuckuk rufen, und Du sag' ihm, es sei schon ein Jahr um, bezahl' ihn und entlass ihn aus dem Dienste!« Zeitig früh that sie so, kroch auf den Birnbaum und fing an wie der Kuckuk zurufen. Der Bauer beschied den Burschen und sprach: »Komm, Bursche, der Kuckuk ruft schon, das Jahr ist um, ich will Dich bezahlen und Du kannst geh'n.« – »Ich will mir nur den Kuckuk beschauen,« versetzte der Bursche, »hab' noch mein Lebtag keinen geseh'n.« Er lief zu dem Birnbaum, schüttelte, und die Bäuerin fiel herunter und brach sich das Bein. Als sie aufschrie, rannte der Bauer herbei, sah die Bäuerin auf dem Boden liegen, hörte wie sie fortwährend schrie, daß sie das Bein gebrochen, trug sie in die Stube und fing nun an zu weinen, daß ihm der Bursche so viel Schaden zugefügt, und auch noch sein Weib krumm gemacht. Der Bursche fragte: »Seid Ihr etwa böse?« – »Wer sollte nicht böse sein bei solcher, solcher Kränkung!« rief der Bauer ärgerlich. Der Bursche nahm sein Messer, schnitt ihm die Nase ab und sagte: »Gebt auch die Nasen meiner zwei Brüder her!« Der Bauer gab sie ihm und der Bursche ging nach Hause, brachte den Brüdern ihre Nasen und sprach: »Ihr seid gescheidt und ich bin dumm. Da habt Ihr Euere Nasen und die Nase des Bauers dazu!«

Die Brüder nahmen nun die Nasen und setzten sie sich an. Die Nasen hielten und so war's wieder gut. Dann trug der Bursche dem Bauer seine Nase zurück; der setzte sie sich an, die Nase hielt, und so war's gleichfalls wieder gut. Und der Bäuerin, die das Bein gebrochen, heilte das Bein, daß sie grad ging wie zuvor, und so war's ebenfalls wieder gut. Und hiermit hat die Geschichte von den Nasen ein Ende.

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