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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 25
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
year1857
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Der gläserne Berg.

Es war ein Vater, der drei Kinder hatte; zwei waren Knaben, eins ein Mädchen. Nach dem Tode ihrer rechten Mutter bekamen sie eine Stiefmutter. Die Stiefmutter hatte die Kinder nicht lieb, besonders die zwei Knaben nicht. So oft sie die Knaben ansah, gab sie ihnen Schimpfnamen, und verwünschte sie, indem sie zu sagen pflegte: »Daß Ihr doch zu Raben würdet!« Der Mann ermahnte sie oft: »Weib, verwünsche meine Kinder nicht! Es könnte ihnen oder Dir selbst etwas Böses widerfahren.« Allein sie achtete nicht darauf, und als sie die Knaben wieder einmal ansah, rief sie wieder: »Daß Ihr doch zu Raben würdet!« Kaum hatte sie's gerufen, so wurden sie wirklich zu Raben. Sie setzten sich auf einen Baum vor dem Hause, und harrten, bis die Schwester heimkäme. Als sie kam, krächzten sie traurig, und nahmen Abschied von ihr.

Die Schwester wußte sogleich, daß sie auf den gläsernen Berg verwünscht seien, nur wußte sie nicht, wo der gläserne Berg wäre. Sie machte sich auf den Weg, um die Brüder zu suchen. Lange ging sie. Endlich kam sie zum Sonnenherrn, und fragte ihn, ob er nicht von dem gläsernen Berg wisse, auf den eine Zauberin ihre zwei Brüder verwünscht habe. Der Sonnenherr antwortete: »Ich leuchte den ganzen Tag, allein auf den gläsernen Berg hab' ich noch nie geleuchtet. Weißt Du was, geh' zu meinem Bruder, dem Mondherrn, und frag' ihn! Hier aber geb' ich Dir zum Andenken ein Kleid. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie nahm das Kleid, verwahrte es in einer Nußschale, bedankte sich und ging zum Mondherrn. Als sie hinkam, sprach sie: »Mich schickt Dein lichter Bruder, der Sonnenherr, damit ich Dich, den Mondherrn, frage, ob Du nicht von dem gläsernen Berg wissest, auf den eine Zauberin meine zwei Brüder verwünscht hat.« Der Mondherr antwortete: »Ich leuchte des Nachts auf häßliche und auf liebliche Orte, auf hohe Felsen und in tiefe Schlünde; allein von dem Berge weiß ich nicht. Ich will Dir aber rathen. Geh' zu meinem Vetter, dem Windherrn, und frag' ihn! Hier geb' ich Dir zum Andenken ein Kleid. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie nahm das Kleid, verwahrte es in einer Nußschale, bedankte sich und ging zum Windherrn. Der Mondherr leuchtete ihr in der Dunkelheit. Als sie hinkam, sprach sie: »Mich sendet Dein Vetter, der Mondherr, damit ich Dich, den Windherrn frage, ob Du nicht wissest, wo der gläserne Berg ist, auf den eine Zauberin meine zwei Brüder verwünscht hat. Gern ging' ich hin; o sei so gut mir zu rathen!« Der Windherr antwortete: »Ich blase schon Jahrhunderte, allein so weit hab' ich noch nie geblasen. Wart' ein wenig, ich will gehen und blasen. Blas ich hin, so sei gewiß, daß ich Dir helfe!« In einer Weile kam er wieder und sagte: »Ich habe bis hin geblasen. Deine Brüder sind am Leben und befinden sich wohl. Du kannst zu ihnen kommen; doch mußt Du thun, wie ich Dir rathe. Hier hast Du einen Windsattel; setz' Dich auf ihn und ich werde blasen. Hier hast Du auch runde Steinlein. Vermag ich nicht mehr zu blasen, leg', ein Steinlein auf den gläsernen Berg, es wird kleben bleiben; tritt darauf, sonst glitscht Dir der Fuß aus. Hab' ich ausgeruht, so reiten wir weiter. Und hier hast Du auch ein Kleid; es wird Dir gute Dienste leisten. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie verwahrte das Kleid in einer Nußschale, setzte sich auf den Sattel und ritt. Zuletzt begann der Windherr zu ermatten. Sie legte ein rundes Steinlein auf den gläsernen Berg, und stand darauf, bis der Windherr ausgeruht. So rastete sie einige Male, so daß am Ende kein Steinlein mehr übrig war. Da klagte der Windherr, er vermöge nicht weiter zu blasen; allein in dem Augenblicke trat sie auf den Gipfel des gläsernen Berges. Sie dankte dem Windherrn, und er kehrte zurück. Die beiden Brüder, die Raben, erkannten die Schwester sogleich, und riefen: »Herzgeliebte Schwester, wie hast Du uns hier gefunden?« Die Schwester entgegnete: »Ich war bei dem Sonnenherrn, dem Mondherrn und dem Windherrn, und der Letzte blies mich her. Ich bin gekommen, Euch zu fragen, wie ich Euch helfen könnte.« – »O das bist Du nicht im Stande!« meinten die Brüder. »Was uns retten könnte, ist ein zu schweres Werk!« – »Ich gelob' Euch, daß ich's vollbringe!« rief die Schwester. Da gaben sie ihr einen Pelz aus Mäusefellen, und sagten zu ihr: »Wohlan! Du darfst drei Jahre kein Wörtlein sprechen, stumm mußt Du leiden, und Dein Schicksal tragen, selbst wenn Du an den Galgen kämst. Und nun geh' als Bettlerin in die Welt!« Sie schritt vom Berge hinab, indem ihr die Brüder beistanden.

Nun ging sie, bis sie zu einem Schlosse gelangte, wo viele Diener waren, und ein großes Fest gefeiert wurde. Der König des Schlosses wollte sich eine Gemahlin wählen. Ebenversammelten sich die Gäste, als auch sie in das Schloß kam, die Bettlerin in ihrem Pelz aus Mäusefellen. Man ließ sie in dem Schlosse, und gab ihr das Federvieh zu besorgen. Als sie gefragt wurde, ob sie den Dienst annehmen wolle, nickte sie blos mit dem Kopfe. Es kam der Abend, wo der König wählen wollte. Sie fühlte Lust, das Fest zu sehen, zog das Kleid des Sonnenherrn an und ging in den Saal. Da sprach bei König zu seiner Schwester: »Traun, die Prinzessin gefällt mir! Welches Königs Tochter mag sie sein?« Doch sie verlor sich bald, hüllte sich wieder in den Mäusepelz, und ging zu ihren Hühnern. Alles wunderte sich, wohin sie gerathen sei; der König aber befahl, man möchte des nächsten Abends Acht haben, wem er zu trinken reichen würde. Des andern Abends zog sie das Kleid des Mondherrn an, und begab sich so in den Saal. Der König erkannte sie sogleich, reichte ihr zu trinken, und ließ seinen Ring in den Becher fallen. Doch sie verlor sich, hüllte sich wieder in den Mäusepelz und ging zu ihren Hühnern. Man konnte sie nicht finden. Da befahl der König: »Habt Acht, ob sie des dritten Abends kommt! Ich wähle keine andre zur Gemahlin.« – »Wir wollen sie kennzeichnen,« sagte einer der Diener. »Sie soll uns nicht verloren gehen!« Des dritten Abends zog sie das schönste Kleid, das des Windherrn, an, und begab sich in den Saal. Der Diener tupfte sie, ohne daß sie es merkte, mit einer Farbe auf die Hand. Als sie sich nun verloren hatte, suchte man überall, bis man zu der Hühnermagd kam, die im Mäusepelz bei ihren Hühnern schlief, und die war's, die das Kennzeichen an der Hand trug. Alles murrte, daß der König ein solches Wesen zur Gemahlin nehmen wolle; allein der König bestand darauf. Er vermählte sich mit ihr. Drei Vierteljahre verstrichen, ohne daß sie ein Wörtlein sprach. Da mußte der König in den Krieg ziehen; sie aber blieb daheim, und gebar von ihm einen Knaben. Die Hebamme nahm den Knaben, ging mit ihm zum Flusse, und wollte ihn ertränken. Auf einem Strauche beim Flusse saß ein Rabe und krächzte. »Du bist mir lieber, als das Wasser,« rief die Hebamme, »Du wirst mich nicht verrathen. Da nimm Dir das Kind!« Dieser Rabe war einer von den verwünschten Brüdern der Königin; er nahm das Kind in seine Krallen und flog davon. Ihr, der Mutter, sagte man, daß sie eine Mißgeburt zur Welt gebracht, die man ihr gar nicht zeigen könne, und verspottete sie. Und als der König aus dem Kriege zurückkehrte, erzählte man ihm dasselbe. Sie aber sprach kein Wörtlein. Nach einiger Zeit mußte der König abermals in den Krieg. Die Königin weinte, denn sie fürchtete, man würde sie aus dem Leben tilgen, bevor der König käme. Sie gebar wieder einen Knaben, und die Hebamme nahm den Knaben wieder, und trug ihn zum Flusse, um ihn zu ertränken. Auf dem Strauche beim Flusse saß ein anderer Rabe, der zweite Bruder der Königin und krächzte. »Vortrefflich!« rief die Hebamme. »Den Ersten hat der erste gefressen, den Zweiten frißt der zweite, ohne daß es wer erfährt.« Und sie gab ihm das Kind, und der Rabe nahm's, und flog mit ihm davon. Der Mutter sagte man, und dem König schrieb man, daß sie wieder eine Mißgeburt zur Welt, gebracht. Traurig kehrte der König aus dem Kriege zurück; er blickte düster und unzufrieden und da man ihm vorwarf, sein häusliches Unglück sei die Strafe dafür, daß er eine stumme, verworfene Bettlerin genommen, verurtheilte er sie zum Galgen. Sie aber sprach kein Wörtlein. Geduldig bereitete sie sich zum Tode. Schon wurde sie zum Galgen geführt, schon ward ihr der Strick um den Hals gelegt. Da kamen plötzlich ihre zwei Brüder zu Rosse gesprengt, ein jeder hatte vor sich einen Knaben mit einem strahlenden Sterne, und mit lauter Stimme riefen sie: »Haltet ein! Schont die Unschuld! Gerechtigkeit!« Und sie sprachen zu ihrer Schwester: »Die drei Jahre sind verflossen, unsere Befreiung ist durch Dich vollbracht. Hier hast Du Deine Kinder; in Rabengestalt haben wir sie aus den Händen der Hebamme gerettet und erzogen. Und nun, herzliebste Schwester, rede!« Und die Königin dankte den Brüdern, und dann warf sie sich dem König zu Füßen und redete. Da enthüllte sich dem König die Wahrheit. Gerührt hob er die Königin vom Boden, und drückte sie mit Wonne an seine Brust. Die Hebamme aber befahl er auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, und ließ auch über die Andern Gericht halten, die ihr gerathen hatten. Und nun lebten der König und die Königin glücklich mit einander, und die beiden Knaben mit den Sternen wuchsen zu stattlichen Jünglingen empor, und machten ihren Eltern Freude und Ehre, bis diese eines seligen Todes starben.

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