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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 23
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
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Die zwei Gevattern.

Es waren zwei Schuster, und die waren Gevattern. Der eine war reich, der andere arm. Der reiche hatte keine Kinder, der arme hatte ihrer vier. Der reiche schlachtete eine Kuh. Da ging der arme zu ihm, und sagte: »Ich bitt' Euch, Gevatter, schenkt mir ein Stück von dem Fleische! Die Kinder möchten essen, und ich hab' ihnen nichts zu geben.« Der reiche weigerte sich. Der arme bat: »Ich bitt' Euch um Gottes willen! Ihr habt ja eine Kuh geschlachtet, die ganz Euer ist. Schenkt mir nur etwas davon!« Da hieb der reiche Gevatter verdrießlich ein Stück Fleisch ab, reichte es ihm, und sagte: »Nun da, und geht zum Teufel!«

Der arme Schuster ärgerte sich darüber, nahm das Fleisch, und ging gerade zur Hölle. Als er zum Höllenthore kam, sah er einen kleinen Teufel, der Wache stand. Der rief ihn an: »Was willst Du da?« Der Schuster erwiederte: »Ich komm' zur Hölle mit einem Stück Fleisch, das mir mein Gevatter geschenkt hat.« – »Zu wem trägst Du's?« fragte das Teufelchen. »Zu wem sollt' ich's tragen, als zu Euch Teufeln!« entgegnete der Schuster. Da sprach das Teufelchen: »Weißt Du was, ich will Dir rathen. Geh' mit dem Fleisch zu Lucifer, und verlang' dafür von ihm den rothen Hahn, den er bei sich sitzen hat.« – Als der Schuster zu Lucifer kam, fragte ihn dieser: »Was willst Du hier?« Der Schuster erwiederte: »Ich bring' Dir das Stück Fleisch, das mir mein Gevatter geschenkt hat, und verlang' dafür den rothen Hahn, den Du bei Dir sitzen hast.« Lucifer nahm das Fleisch, und gab ihm den Hahn. Als der Schuster wieder bei dem kleinen Teufel vorbeikam, fragte ihn dieser: »Was wirft Du nun anfangen mit dem Hahn?« Der Schuster sagte: »Das weiß ich nicht.« Da sprach das Teufelchen: »Weißt Du was, ich will Dir rathen. Setz' ihn zu Hause auf den Tisch, und befiehl ihm zu krähen! So oft er kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel.«

Wer war froher, als der Schuster! Als er nach Hause kam, fand er Weib und Kinder vor Hunger halb todt. »Ach Mann, mein Mann,« rief sein Weib, »wo kommst Du her? Ich und die Kinder warten auf Dich mit Schmerzen.« Der Schuster sprach: »Seid außer Sorgen, meine Lieben! Wir werden bald zu leben haben.« Ersetzte den Hahn auf den Tisch, und gebot: »Hahn kräh'!« Und der Hahn krähte, und sogleich fiel ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er krähte auf des Schusters Geheiß so lange, bis er eine solche Menge Ducaten heraus gekräht, daß sie von dem Tische niederrollten. »Nun, Weib, werden wir nicht zu leben haben?« fragte der Schuster. Er schickte seine Tochter zum Gevatter, dieser möchte ihm ein Viertelmaaß leihen; denn er wollte die Ducaten messen, die ihm der Hahn heraus gekräht. Die Tochter brachte das Viertelmaaß, sie maßen die Ducaten, und maßen ihrer sechs Viertel. Hierauf schickte der Schuster das Maaß dem Gevatter zurück. Das Viertel war alt, es krochen hier und da Nietnägel durch. Hinter einem Nietnagel war ein Ducaten stecken geblieben. Das Mädchen brachte ihn dem Gevatter ohne davon zu wissen. Der Gevatter nahm das Viertel, fand den Ducaten hinter dem Nietnagel, und fragte: »Was habt Ihr da gemessen?« Das Mädchen versetzte: »Der Vater brachte Geld, das maßen wir.« Da verfügte sich der Gevatter in aller Eile zu dem Schuster. »Ei Gevatter,« hub er an, »wie mich däucht, habt Ihr tüchtig Geld gebracht.« – »Nicht doch,« entgegnete der Schuster. »Gesteht es nur, gesteht es nur!« sagte der Gevatter. »Ich werd' Euch von dem Eurigen nichts nehmen.« Der Schuster leugnete, allein der böse Gevatter sprach: »Gesteht Ihr's nicht, so klag' ich Euch an, daß Ihr Jemanden beraubt habt. Ihr seid ja verrathen! Eure Tochter hat in dem Viertel einen Ducaten übersehen, und mir vertraut, daß Ihr Geld gemessen.« Der Schuster konnte nicht länger leugnen, und sprach: »Lieber Gevatter, ich will's Euch bekennen. Ich war in der Hölle bei Lucifer. Ich bracht' ihm das Stück Fleisch, das Ihr mir geschenkt, und womit Ihr mich zum Teufel geschickt, und er gab mir einen rothen Hahn. So oft der Hahn kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er kräht so lang', als ich's ihm befehle.« Auf des Gevatters Verlangen und Dringen mußte der Schuster den Weg zur Hölle genau beschreiben.

Freudenvoll lief der Gevatter nach Hause zu seinem Weibe. »O höre, Weib, höre!« sprach er. »Unser Gevatter war bettelarm, wie Du weißt; jetzt ist er der reichste Mann. Er ging in die Hölle zu Lucifer, und bekam von ihm einen rothen Hahn. So oft er kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er kräht so lang', als es ihm der Gevatter befiehlt. Und den Hahn bekam der Gevatter für ein Stückchen Fleisch, das er Lucifer brachte. Weißt Du was, nehmen wir alles Fleisch, was wir haben, und bringen wir's ihm! Wer weiß, was er uns giebt!« Wie gesagt, so gethan. Mit Fleisch beladen gingen Beide zur Hölle. Als sie zum Thore kamen, fanden sie den kleinen Teufel auf der Wache. Der begrüßte sie mit folgenden Worten: »Gut, daß Ihr kommt; wir warten lang auf Euch. Und gut, daß Ihr das Fleisch mit Euch genommen; Ihr habt in Eurem Leben Niemandem ein so reiches Geschenk gemacht, als uns. Dafür sollt Ihr den verdienten Lohn erhalten! Tretet nur ein!« Der kleine Teufel verzerrte kichernd sein Gesicht, öffnete das Höllenthor und ließ sie ein; und niemehr hat Jemand etwas von ihnen vernommen, sie blieben sammt dem Fleisch in der Hölle.

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