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Westslawischer Märchenschatz

Josef Wenzig: Westslawischer Märchenschatz - Kapitel 22
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authorJoseph Wenzig
titleWestslawischer Märchenschatz
publisherVerlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
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Die bekehrten Faulenzer.

Christel und Steffel waren zwei gute Freunde. Sie hatten Beide geheirathet; aber das Arbeiten behagte ihnen nicht, sie wollten ein bequemes Leben führen. »Bruder,« sagte einst Christel zu Steffel, »da draußen in der Welt muß es doch besser sein, als bei uns daheim; die Welt ist so weit und schön. Laß uns hinaus ziehen, und einen Dienst suchen, der nicht hart wäre, und wobei wir doch genug zu leben hätten!« – »Das wär' schon recht,« meinte Steffel, der etwas gewissenhafter und überlegter war, »aber unsre Weiber und Kinder!« – »I nu,« sagte Christel, »die Kinder müssen den Weibern folgen, und um das Uebrige werden sich die Weiber schon bekümmern. Ersparen wir was, so können wir's ihnen ja schicken.« Steffel ließ sich überreden. Die Weiber waren untröstlich, als sie den Entschluß ihrer Männer erfuhren; allein es half nichts. sie vermochten die Männer nicht zurück zu halten. »So geht denn,« riefen ihnen die Weiber beim Abschied ärgerlich nach, obwohl sie sonst herzensgute Weiber waren, »so geht denn, Euer Glück zu versuchen! Aber hütet Euch, daß Ihr keiner Hexe in die Hände gerathet, die Euch was anthue, damit Ihr lernt, es sei daheim doch besser, als in der Fremde!«

Als sie so in's Blaue hineingingen, da fühlte sich Christel wohl, wie der Vogel in der Luft. »Nun, Bruder,« rief er, »ist das nicht eine Lust, die ganze Welt sein zu nennen, und sorgenfrei dahin zu ziehen?« – »Das wär' schon recht,« meinte Steffel, »wenn uns nur die Weiber nicht mit der Hexe gedroht hätten« .»Man weiß nicht, was dahinter steckt. Die Hexen sind auch Weiber, und ein Weib hilft dem andern.« – »Pah,« versetzte Christel, »haben wir nur erst einen guten Dienst, das Uebrige macht mir nicht bange!«

Sie suchten mehrere Tage, ohne einen Dienst zu finden nach ihrem Wunsch. Eines Abends ziemlich spät gelangten sie zu einer Hütte, wo noch Licht brannte. Sie pochten an die Thür. In der Hütte war nur ein altes Mütterchen, das sie, als es ihnen öffnete, baten, es möchte sie übernachten lassen. Das Mütterchen gestattete es, brachte eine Schüssel, brockte Brot ein, goß warme Milch darauf, und sagte, sie sollten essen. Nach dem Essen erzählten sie, daß sie einen Dienst suchten. »Wenn Ihr Lust hättet.« sprach das Mütterchen, »könntet Ihr bei mir dienen. Ich hab' blos eine Kuh, die könnte Einer von Euch auf die Weide führen, und der Andere könnte ihren Stall ausmisten. Ich will Euch gut halten, und Euch ehrlichen Lohn zahlen.« Christel und Steffel beriethen sich mit einander. Der Arbeit, meinten sie, werde nicht viel sein, die Kost nicht schlecht, dazu noch Lohn. Sie willigten ein, und blieben bei dem Mütterchen im Dienst.

Des andern Tags führte Christel die Kuh auf die Weide, Steffel blieb zu Hause, den Stall auszumisten. »Bis ich die Kuh auf der Weide habe,« dachte Christel bei sich, »will ich mich hinlegen, und mir's recht bequem machen.« Christel führte die Kuh langsam, wie er selbst war, die Kuh wollte schneller gehen; er zerrte sie, da wurde sie unruhig, und sie wurde desto unruhiger, je mehr er sie zerrte, bis sie endlich auf dem Weideplatz selbst wie wüthend herumstieß und herumrannte, und Christel über Felder und Raine schleppte. Er war bereits halb lahm; gern hätte er sie losgelassen, allein er fürchtete, sie könnte ihm davonlaufen. Da strengte er seine letzten Kräfte an, und betete, die Sonne möchte bald untergehen, und dachte bei sich: »Steffel hat gut den Stall ausmisten. In einer kleinen Weile ist er fertig, und dann streckt er sich hin, so lang und breit er ist. Aber wart', morgen soll er die Kuh ausführen, und ich will den Stall ausmisten!« Wie erging es indeß Steffel? Als Christel die Kuh ausgeführt, dachte Steffel bei sich: »Bis ich den Stall ausgemistet, will ich mich hinstrecken, und mir recht gütlich thun.« Er fing an auszumisten, allein weil er langsam zugriff, ging die Arbeit nicht vorwärts. Es war schon nach der Mittagszeit, und noch war des Mistes nicht viel weniger. Steffel schwitzte vor lauter Faulheit, und dachte bei sich: »Christel hat gut werden. Der liegt gewiß wo im Schatten, und schaut in den Himmel hinein, wenn er nicht gar die Augen zu hat und schnarcht. Aber wart', morgen soll er den Stall ausmisten, und ich will die Kuh weiden!« Er war mit der Arbeit noch nicht ganz zu Ende, als er Christel mit der Kuh heranrennen hörte. Schnell warf er die Mistgabel weg, und that, als ob nichts wäre. »Nun, Bruder,« fragte Christel, »wie ist Dir's ergangen?« – »O vortrefflich, Brüderchen!« erwiederte Steffel. »Die Arbeit ist nicht der Rede werth, hab' dazwischen zweimal ausgeschlafen. Doch morgen, zur Abwechselung, will ich die Kuh ausführen, und Du kannst zu Hause bleiben.« Christel willigte mit Freude ein. Des Abends fühlten sich Beide so erschöpft, daß sie kaum essen konnten. »Nun, Bruder,« sagte Christel, »warum lässest Du Dir's nicht schmecken? Iß zu, um mich brauchst Du Dich nicht zu kümmern; ich bin satt, ich habe die Fülle zu essen mit mir gehabt, und noch von den Andern auf der Weide bekommen.« In Wahrheit jedoch hatte Christel seit früh keinen Bissen in den Mund gethan, denn auch sein Essen hatte er verloren, als ihn die Kuh so unbarmherzig herumschleppte.– Des folgenden Tags blieb Christel zu Hause, und Steffel führte die Kuh auf die Weide. Allein Steffel erging es aus demselben Grunde mit der Kuh ebenso, wie Christel, und Christel, dem ohnehin die Glieder wie zerschlagen waren, mit dem Ausmisten ebenso, wie Steffel. Als Steffel Abends mit der Kuh nach Hause kam, sah er sich nicht ähnlich, und Christel nach dem Ausmisten sich gleichfalls nicht. Beide konnten vor Müdigkeit nicht reden. Endlich. da sie schlafen gingen, gestanden sie sich gegenseitig ihre Leiden. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« behauptete Steffel, »die Alte ist eine Hexe, und die Kuh ist verhext.« – »Und der Mist auch,« pflichtete Christel ihm bei. »Sagt ich Dir's nicht,« fuhr Steffel fort, »als uns unsre Weiber mit der Hexe drohten? Die Weiber sind mit der Hexe unter einer Decke, ein Weib hilft dem andern.« – »Potz,« rief Christel, »Du magst Recht haben!« – »Drum mein' ich, Bruder,« fuhr Steffel noch weiter fort, »wir kündigen der Alten den Dienst, nehmen unsern Lohn, und gehen zu unsern Weibern heim. Wer weiß, was uns noch Aergeres begegnen könnte!« Christel willigte ein. Des nächsten Morgens kündigten sie den Dienst, nahmen ihren Lohn, und schieden von dem Mütterchen. »Ist mir leid, daß Ihr schon geht,« sprach das Mütterchen; »Ihr wär't mir bei meinem Alter gut zu Händen gewesen. Es zieht Euch wohl zu Euren Weibern. Nun, so grüßt sie von mir, und geht in Gottes Namen!« Der aufgetragene Gruß bestärkte die Beiden in der Meinung, daß ihre Weiber mit der Alten im Bunde seien.

Nach einigen Tagen näherten sich Christel und Steffel dem heimatlichen Dorfe. und sahen ihre Weiber von fern auf dem Felde arbeiten. Als Christel wieder heim sollte, bereute er's fast, daß er nicht in der weiten, schönen Welt geblieben, und er sagte zu Steffel: »Ob's nur doch seine Richtigkeit hat, daß unsre Weiber mit der Hexe unter einer Decke sind?« – »Das wird sich bald zeigen,« meinte Steffel. Sobald die Weiber die Kommenden erblickten, riefen sie zugleich mit einer Stimme: »I was Tausend! Seid Ihr schon wieder da? Das war eine kurze Fahrt, Euer Glück zu versuchen!«– »Sind so lang' ausgeblieben, als es uns eben gefallen hat,« versetzte Christel kurz. »Lirum, larum,« meinten die Weiber, »Euch ist's gewiß nicht gut ergangen, daß Ihr so schnell wiederkehrt!« – »Merkst Du's?« wisperte Steffel dem Christel zu, indem er ihn mit dem Ellbogen stieß. »Ei was, nicht gut ergangen!« sagte Christel ärgerlich. »Warum sollt' es uns denn nicht gut ergangen sein?« Die Weiber waren gescheidt, und rochen den Braten. »Nun,« riefen die Weiber lachend, »weil Euch eine Hexe was angethan, um Euch zu lehren, daß es nirgend so gut ist als daheim, und daß Ihr künftig hübsch bei Euren Weibern bleiben sollt.« Und die Weiber lachten fort, daß sie gar kein Ende fanden zu lachen. Jetzt waren Christel und Steffel überzeugt, daß ihre Weiber mit der Alten unter einer Decke steckten, und Diese brauchten nicht viel Mühe, ihren Männern die Erzählung des Abenteuers zu entlocken. Die Weiber verstanden sich auf ihren Vortheil, sie ließen die Männer vorläufig bei dem Glauben, den sie hatten, und die beiden Faulenzer blieben hübsch daheim, arbeiteten fleißig mit ihren Weibern, und wurden ganz zufriedene Hausväter.

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