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Westliche Fährten

Balduin Möllhausen: Westliche Fährten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorBalduin Möllhausen
booktitleWestliche Fährten
titleWestliche Fährten
publisherVerlag von Otto Janke
year1873
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070411
projectid705ed2fa
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Zweiter Band.

Fleur rouge.

»Dann seid Ihr gewiß oft genug in recht unangenehme Lagen gerathen?« fragte ich meinen alten Gefährten Chatillon.

»In die verdammtesten Klemmen, die je von einer Christenseele erdacht wurden,« antwortete Chatillon gleichmüthig, und dann rauchte er seine Tonpfeife mit einem Eifer und stierte er in die prasselnde Gluth des breiten Kamins, als ob er für Alles, was außerhalb dieser beiden Beschäftigungen lag, abgestorben gewesen wäre.

Ich sah ein, daß ich es anders anfangen müsse, um den alten Jagdgenossen zum Erzählen zu bewegen; und reichlichen Stoff dazu lieferten die dreißig Jahre, die er jagend, pelztauschend und fallenstellend zwischen dem Missouri und den Rocky-Mountains zugebracht hatte; es gehörte eben nur dazu, daß es glückte, die Schleusen seiner Rückerinnerungen zu öffnen, worauf sich das Weitere von selbst fand. Der Abend aber war wie eigens zum Erzählen geschaffen, in der zugigen Blockhütte, hoch oben am Missouri, wo weder Bücher noch Zeitungen zu Gebote standen, die langen Abendstunden auszufüllen, und selbst die einzige, von dem Höllenfeuer in dem Kamin ausströmende Beleuchtung bei weitem nicht ausreichend für den feinen Druck der amerikanischen Riesenzeitungen gewesen wäre. Draußen aber stürmte es, bei zwölf bis sechszehn Grad Kälte, daß es eine Lust war, und um das Schneien vom Himmel herab zu ersetzen, fegte der eisige Nordwestwind den losen Schnee von der angrenzenden Prairie wolkenweise über die Councilbluffs fort in das breite Thal des Missouri und auf den mit einer massiven Eislage bedeckten Strom selbst hinab.

Ja, Abend und Ort waren so recht zum Erzählen geschaffen: Draußen der Schneesturm; um mich herum die schweren Blockwände, Anhäufungen von gedörrten Büffel-Häuten und kostbarerem Pelzwerk; auf der Erde, wie die Häringe nebeneinander geschichtet, ein Trupp Omaha-Indianer; vor mir das prasselnde Feuer; mir gegenüber ein steinalter Ottoe-Krieger, der nur noch Kine-Kinick (indianisches Surrogat für Taback) anzufertigen vermochte, und endlich rechts neben mir Freund Chatillon, ein so geriebener Jäger, wie nur je einer dem grauen Gebirgsbären eine Kugel in den Haarwirbel auf der Brust hineinkünstelte, eine Ente aus luftigen Höhen mit einer guten Schrotladung niederholte, oder eine lustige Geschichte aus seiner Vergangenheit zu erzählen wußte, das heißt, wenn der alte Bursche eben nüchtern war. Und nüchtern war er an jenem Abend, darauf kann ich schwören, denn wir befanden uns auf dem Indianer-Territorium, wo ein paar Quart Whisky über indianische Lippen geflossen die größte Gefahr für uns Weiße heraufbeschwören konnten, in Folge dessen wir die Berechtigung besaßen, Jeden niederzuschießen, der Feuerwasser über den Missouri brachte, um mittelst desselben vortheilhafte Tauschgeschäfte mit den Eingeborenen abzuschließen. Allerdings hörte ich nie, daß ein Jäger oder Pelztauscher von diesem Recht den umfassendsten Gebrauch gemacht hätte, dagegen war ich mehrfach Zeuge, daß man derartige Uebertreter des Gesetzes willkommen hieß und ihnen, der Sicherheit halber, schleunigst den Whisky-Vorrath vertilgen half, bevor eine indianische Nase Kenntniß von dem Vorhandensein desselben erhielt. Doch wie schon angedeutet, Chatillon war an diesem Abend vollkommen nüchtern, womit indessen nicht gesagt sein soll, daß er es nicht liebte, gelegentlich eine ganze Menge Gläser über einen sehr respectablen Durst zu trinken. Wanderte er doch oft zehn bis vierzehn Tage, um eine solche Gelegenheit herbeizuführen, und hatte er sie gefunden, so gab er sich dem Genüsse berauschender Getränke mit ganzer Seele bis zur Betäubung hin, schlief zweimal vier und zwanzig Stunden durch, schwor auf ewige Zeiten dem Whisky ab und kehrte als der verständigste und zuverlässigste Mensch in die Wildniß zurück, bis er sich nach sechs Wochen oder zwei Monaten entsann, daß sein Körper, um den andauernden Strapazen gewachsen zu sein, wieder einmal einer kleinen Erschütterung bedürfe.

Diese kleine Liebhaberei abgerechnet, war Chatillon ein gutmüthiger und brauchbarer Bursche, der sich mit Eingeborenen und Weißen vortrefflich stand und es sogar nicht übel vermerkte, wenn er seinen Genossen als Zielscheibe für deren Neckereien diente. Als eine Eigenthümlichkeit von ihm verdient hervorgehoben zu werden, daß er stets glatt rasirt einherging, um sich dadurch als Gentleman auszuweisen; ebenso trug er gewöhnlich einen langen hellfarbigen Gehrock und einen weißen Cylinderhut, lauter Gegenstände, die, obwohl sehr abgenutzt, einen seltsamen Contrast zu der langen Büchse, dem Gurt mit dem Messer und Revolver, den indianischen Gamaschen und Mokassins bildeten. Auf der andern Seite verrieth er dagegen eine große Vorliebe für grelle Farben, die er wohl, seinem langjährigen Verkehr mit den Eingeborenen verdankte und vielleicht auch dem Umstande, daß er mit einer vollblütigen Sioux- oder Dacotah-Squaw verheirathet gewesen, die indessen schon vor vielen Jahren zu ihren Vätern in die glückseligen Jagdgefilde eingegangen war. Mir gestattete der ehrliche Chatillon ausnahmsweise, ihn nicht nur Papillon zu nennen, sondern auch, mit Rücksicht auf diesen Beinamen, seinem Hute und dem Rücken seines gelben Rockes mittelst indianischer Leimfarben große bunte Schmetterlinge aufzutragen, die von den Eingeborenen natürlich sehr bewundert, von den halbwilden Weißen dagegen mit einem lustigen Lachen begutachtet wurden.

»Wo die Farbe sitzt, hält das Zeug länger,« bemerkte Chatillon sehr ernst, »und wenn Jemand mir den ganzen Rock anstriche und dadurch wasserdicht machte, wär's mir um so angenehmer.«

Dieser alte wunderliche Jäger war also außer mir die einzige fühlende Brust in dem bezeichneten Blockhause unter einem Rudel Omaha-Indianer, die für eine lebhafte Abendunterhaltung gerade so viel Sinn hatten, wie die ringsum an den Wänden aufgestapelten Büffelhäute, Bärenpelze, Biberbälge und wer weiß was sonst noch für westliche Handelsartikel. –

Mein erster Angriff auf Chatillons Erzählertalent war abgeschlagen; ob seine Erfahrungen ihn dazu berechtigten, gerade »Christenseelen« eine besondere Virtuosität im Erdenken übler Lagen zuzuschreiben, lasse ich unerörtert; jedenfalls diente seine ausweichende Antwort nicht dazu, mich zu befriedigen. Ich fuhr daher nach kurzem Sinnen fort:

»Ihr seid verheirathet gewesen, lieber Papillon?«

»Volle zwölf Jahre, und meine Frau war die niedlichste Sioux-Squaw, die je aus einem Argali-Fell ein gutes Jagdhemde schnitt,« lautete die ruhige Antwort, und ich war wiederum abgefunden.

»Keine Nachkommen?« fragte ich weiter.

»Nichts von der Sorte.«

»Aber die Erinnerung an glücklich verlebte Tage?«

»Hm, 's macht sich.«

»War damals das Einschmuggeln des Whisky in die Indianer-Territorien schon verboten?«

Chatillon reckte sich aus, reichte seine Pfeife dem greisen, Ottoe, um sie frisch füllen und anrauchen zu lassen, worauf er begann:

»Ja, es war verboten, allein 's ging damals, wie heute, wer Durst hatte, nahm sich 'n Quantum mit, und war's ihm und seinen Pferden zu schwer zu tragen, so vergrub er hier ein Fäßchen und da ein Fäßchen, und kehrte er von der Herbstjagd heim, dann wußte er verdammt genau, wohin er sich zu begeben hatte, um 'n paar Tage wie 'n König zu leben und seinen Körper wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Sacré-mille-tonnerre! Reines Gift, das Feuerwasser; ist mir verhaßt, wie 'ne Pay-Ute-Seele, und wär's nicht der Constitution wegen, und aus Dankbarkeit – Sacré-mille-tonnerre!«

»Aus Dankbarkeit?« fragte ich schnell, denn es bedurfte nur noch einer kleinen Nachhülfe und Freund Chatillon war im Gange.

»Ja, aus Dankbarkeit und Pietät, wie's ja wohl heißt,« versetzte dieser eben so schnell, und wie um seinen Ausspruch zu bekräftigen, stieß er mit dem Fuß gegen die glimmenden Blöcke, daß diese einen wahren Funkenregen in den Schornstein hinaufsandten; »denn einem Fäßchen Whisky allein verdanke ich es, daß ich meinen Skalp so lange mit mir herumgetragen habe, bis er grau geworden ist, und demselben Fäßchen Whisky, daß ich überhaupt Gelegenheit fand, mich zu verheirathen, Sacré-mille-tonnerre! und meine Fran war wohl werth, daß man ihretwegen seinen Skalp aufs Spiel setzte; und hätte ich deren ein halbes Dutzend besessen, immer einen über den andern, sollte es mir nicht darauf angekommen sein, sie alle daran zu geben. Ihr wundert Euch vielleicht über mich, müßt indessen bedenken, daß ich damals fünfundzwanzig Jahre jünger war, als heute, und 'n Herz besaß ich, mit welchem man einen grünen Wald hätte anzünden können! Aber still, das ist 'n lange Geschichte, und wenn ich wüßte, daß Ihr nicht müde würdet –«

»Nein, Papillon, müde werde ich nicht, darauf mein Wort!« rief ich lachend aus, und um ihn bei gutem Muthe zu erhalten, reichte ich ihm, nach westlicher Sitte, die Spitze meiner Pfeife dar, um ihn einige Züge aus derselben thun zu lassen.

Nachdem er einige Dampfwolken durch die Nase von sich geblasen, reichte er mir die von dem Ottoe in Brand gesetzte Pfeife, aus der ich ihm würdevoll Bescheid rauchte; dann schürten wir das Feuer, schleppten einige Packete Büffelhäute herbei, um sie als Rückenlehnen zu benutzen, und sobald wir uns auf diese Weise behaglich untergebracht hatten, begann ich zu meinem Gefährten gewendet:

»Die Ehre des Whisky wäre also gerettet?«

»Gerettet,« versetzte Chatillon, mit einem an ihm ungewöhnlichen Ernste in die Flammen schauend, »gerettet, so wahr und wahrhaftig, wie draußen ein Wetter herrscht, daß man keinen Hund vor die Thüre jagen möchte.«

Die letzten Worte klangen, wie die Antwort auf den lang anhaltenden tiefen Ton, mit welchem der Sturm in den Schornstein blies und eine Ladung Rauch in das Gemach hineindrängte, denselben aber, bevor er uns lästig wurde, über unsere Köpfe fort wieder an sich sog.

»Ja, ein Höllenwetter draußen,« wiederholte Chatillon, »wie war's dagegen sommerlich schön und warm, als ich damals – nun, 's sind wohl gute fünfundzwanzig Jahre seitdem verflossen – den Oglala Dacotahs einen Besuch abstattete. Sacre-mille-tonnerre! 's ging in jenen Tagen nicht so leicht, wie heute, mit dem Fallenstellen; waren nämlich Zwistigkeiten zwischen den weißen Jägern und den Sioux ausgebrochen, und wer nicht gerade mit den Dacotahs gemeinschaftliche Sache gemacht hatte, und er besuchte die Black-Hills dort oben, der handelte sehr weise, den Boden vor sich genau zu prüfen, bevor er seinen Fuß darauf stellte, um nicht kopfüber in irgend eine beliebige Kriegsabtheilung der Sioux hineinzufallen. Sacré-mille-tonnerre! Ich sage Euch, Ihr war't Euren Skalp los, bevor Ihr bis drei zähltet, von einem Ohr bis zum andern, wobei die Ohren gewöhnlich noch mit in den Kauf genommen wurden.

»War selbst damals noch 'ne junge Hand – vier oder fünf Jahre befand ich mich erst beim Geschäft – doch nahm ich's mit manchem Alten im Fallenstellen auf, und wo nur 'n Biber sich spürte, gleichviel ob vereinzelte Vagabonden in Flußufern oder heerdenweise in regelmäßigen Dörfern auf zugedämmten Niederungen, heran mußten sie, bis nur noch die Art davon übrig blieb. Kein Wunder, daß Jeder gern mit mir jagte; stand ich doch meinen Mann, bei dem Andere im Compagniegeschäft nicht zu kurz kamen.

»Das Pelzwerk hatte schon seinen Winterwerth erhalten, als ich mit zwei Kameraden, vier Pferden, den nöthigen Decken und Lebensmitteln auf der Südseite der Black-Hills eintraf. Seit mehreren Wochen waren wir am Südarme des Scheyen-Flusses hingezogen, ohne sonderlich etwas ausgerichtet zu haben. Hin und wieder 'nen Hirsch, etliche Waschbären und gelegentlich 'nen Grauen, kaum genug getrocknete Häute und gedörrtes Fleisch, um 'nen zweijährigen Mustang vollzuladen. Hätten wohl bessern Erfolg gehabt, wären wir den kleinen Nebengewässern mehr nachgefolgt, doch dies stand nun einmal nicht mit unserm ursprünglichen Plan im Einklang. Wir wünschten, vor Einbruch des Winters das Gebirge zu erreichen, einestheils um uns daselbst häuslich einzurichten, dann aber auch kannte ich in euer Gegend ein Biberdorf, in welchem wir, wenn uns nicht Jemand zuvorgekommen war, auf 'n paar Pferdeladungen guter Bälge rechnen durften. In der besten Laune trafen wir also an Ort und Stelle ein; so viel gedörrtes Fleisch, daß vorläufig keine Noth zu befürchten war, besaßen wir, von der Jagd konnten wir immer neuen Vorrath erwarten, und richteten wir daher unser Augenmerk hauptsächlich darauf hin, in der Nachbarschaft des Biberdorfes ein geschütztes Plätzchen zu entdecken, welches sich mit einiger Nachhülfe, vielleicht durch Hineinwühlen in eine Uferwand und durch Einflechten von Baumzweigen in ein gutes Winterquartier verwandeln ließ. Ein eigentlicher Liebhaber von gutem Whisky bin ich mein Lebelang nicht gewesen, allein ich erhob keine Einwendungen, wenn mir Jemand an 'nem kalten Wintertage einen wohlgemischten Grog mit 'nem wohlgemeinten Toast darreichte. So wie ich, dachten auch meine Genossen; Keiner von uns war unmäßig, was ich nicht nur beschwören, sondern sogar beweisen kann.

»Für 'nen richtigen Biberfänger giebt's keinen höheren Genuß, als im Winter auf gutem Jagdgrunde einzuschneien – vorausgesetzt, daß man keine Noth zu leiden braucht, – und so zu zweien oder dreien, bald jagend, bald fangend, bald rauchend und schlafend vor 'nem guten Feuer in 'ner Erdhöhle die Tage verstreichen zu lassen. Sacré-mille-tonnerre! solch Leben nach dem Tode, und ich beneide unsern Herrgott selber nicht. Hat man aber Gelegenheit, die Einförmigkeit des Wassers zuweilen durch 'nen Schluck gewichtigeren Stoffes aufzufrischen, so ist die Seligkeit vollständig. So calculirten auch wir, als wir uns vom Missouri aus auf den Weg begaben und jeder 'n Fäßchen Whisky, – ungefähr zehn Quart haltend, – auf seinen Sattel schnallte. Waren wir unmäßig, würden wir nicht weit mit unserm Vorrath gekommen sein, so aber gelangten wir angesichts der Black-Hills, ohne daß auch nur ein Fingerhut voll abgezapft worden wäre. Ungefähr zwei Tagereisen weit von der Stelle, auf welcher wir zu überwintern gedachten, vergruben wir das erste Fäßchen. Am nächstfolgenden Abend nach zurückgelegtem Marsch cashten wir das zweite, und da wir uns gegenseitig angelobt hatten, unsern Vorrath nicht anzugreifen, bevor die ersten zwölf Biberbälge getrocknet sein würden und der erste Schnee fiele, so scharrten wir um Mittag des folgenden Tages das letzte Fäßchen ebenfalls noch ein. Es war dies eine Vorsicht, zu welcher wir mit durch Spuren von indianischem Schuhwerk veranlaßt wurden, von welchen wir indessen auf dem steinigen Erdboden nicht genau das Alter und den Stamm auszumachen im Stande waren. An große Gefahr dachte dabei Keiner von uns, wir wünschten aber, unsern Whisky für uns zu behalten und nicht in die Hände der einfältigen Wilden fallen zu lassen, von denen, wenn sie sich einen kleinen Rausch angetrunken haben – und vertragen kann das Gesindel nichts – das Allerschlimmste zu befürchten steht.

»Das Biberdorf fanden wir also unentweiht, weder Büchse noch Eisen hatten den Landfrieden in demselben gestört; in der Nachbarschaft unter der überhängenden Felswand einer mit kurzen Tannen bewaldeten und wasserhaltigen Schlucht entdeckten wir eine unseren Anforderungen entsprechende Stelle, und machten wir uns daher ohne Säumen an die Arbeit, unser Hauptquartier, halb Höhle, halb Hütte auszubauen. Und ein behagliches Plätzchen war es, doppelt behaglich, weil die Pferde in der Niederung reichlich Gras und Schilf fanden, zur Zeit der Schneestürme aber in ein Weidendickicht getrieben werden konnten, wo wir nur die Cottonwoodbäume zu fällen brauchten, um ihnen in deren Rinde und Knospen ausreichendes Futter zu bieten.

»Ja, 's war 'n reines Paradies, die alte Schlucht, aber – Sacrè-mille-tonnerre! wir sollten bald genug aus unserem Paradiese vertrieben werden!

»Der erste Tag verstrich in ungestörter Ruhe; wir hatten die nächste Nachbarschaft abgespäht und nirgend verdächtige Zeichen bemerkt, wir fühlten uns daher so sicher, als ob wir die einzigen Menschen auf der Welt gewesen wären; kein Wunder, daß die Arbeit schnell und leicht von Statten ging und schon am zweiten Tage der Hauptbau fertig wurde.

»An eben diesem zweiten Tage arbeiteten wir nur bis gegen Mittag. Unser frisches Fleisch neigte sich nämlich seinem Ende zu, den gedörrten Vorrath wollten wir noch nicht angreifen, weshalb wir übereinkamen, daß zwei von uns ausgehen sollten, um 'nen Hirsch oder 'nen Truthahn zu schießen, während der dritte – obwohl es uns überflüssig erschien – als Wache im Lager zurückblieb.

»Wie bei allen solchen Gelegenheiten, entschied auch hier das Loos; Lewis, so hieß der eine Kamerad, folgte jagend der Schlucht aufwärts, Baptist, der andere, trat ins Freie hinaus und schlug die Richtung um die feuchte Niederung herum ein, und ich endlich machte mich im Lager nützlich, putzte die Stahlfallen, sah nach den Pferden, schaffte Brennholz herbei, kurz, ich spielte die Hausfrau so gut, wie es die Gelegenheit und unsere Mittel nur immer erlaubten.

»Es mochte bald drei Uhr sein; die Tage hatten schon sehr abgenommen, doch schien die Sonne noch so warm auf die grauen Felsen, auf die dunkelgrünen Tannen und auf das herbstlich gelbe Gras nieder, daß mir das Herz vor Freude in der Brust lachte. Ich war zwar immer ein Freund der lieben freien Natur, aber nie fühlte ich mehr, als gerade an jenem Nachmittage, was es eigentlich heißt, ein Freitrapper zu sein, der keinen andern Herrn über sich anerkennt, als eben nur den lieben Herr Gott. –

»Die Stahlfallen waren so glatt und blank, wie die Seiten einer frisch gefangenen Forelle; die Decken lagen ausgebreitet da, daß man sich nur auf sie hinzuwerfen brauchte, und Kohlen hatte ich gebrannt, so sauber und frei von Asche, daß ein Kaiser sich nicht hätte zu scheuen brauchen, 'nen saftigen Hirschrücken von denselben herunterzuessen.

»Wenn nur 'n Stück Wild da wäre, sprach ich in Gedanken, und indem ich meine Pfeife angezündet hatte, wanderte ich die Schlucht abwärts, um nach den Pferden auszuschauen, die, das lange Schilf der Niederung verschmähend, die kleinen süßen Grasbüschel auf den Abhängen zusammenstoppelten. Ging allmählich an den Pferden vorbei; sah mir die Sonne an, die höchstens noch 'ne Stunde und 'ne halbe vor sich hatte; spähte rückwärts, nach der Richtung hinüber, in welcher unser Feuer brannte, und überzeugte mich, daß nicht so viel Rauch, wie hier aus meiner Tabackspfeife fliegt, die Lage desselben verrieth, und dann schlenderte ich weiter und immer weiter, bis ich die Pferde aus den Augen verloren hatte und mich plötzlich vor der Mündung einer andern Schlucht befand.

»War mein ganzes Lebelang ein vorsichtiger Bursche gewesen, und hatte mir in Folge dessen einen Gang angewöhnt, der nicht geräuschvoller war, als der Flügelschlag einer Nachteule, zumal ich kein anderes Schuhwerk auf meinen Füßen litt, als 'nen richtigen indianischen Halbstiefel von weich gegerbtem Büffelleder.

»Will noch 'n par Schritte weiter gehen, als das leise Schnauben eines Pferdes aus der Schlucht zu mir herausdringt, auf mich fast den Eindruck ausübend, als ob 'n halbes Loth Blei vor meinem Gesicht vorübergeflogen wäre. Sacré-mille-tonnerre! Das Schnauben war noch nicht verhallt, da verhielt ich mich regungslos, als sei ich mit dem Boden unter mir aus einem Stück gegossen gewesen; nur die Augen arbeiteten sicher und schnell, daß ich heute noch nicht begreife, wie es mir gelang, Alles ringsum auf einmal so genau aufzufassen. Und was meint Ihr, das ich sah? Bei allen rothhäutigen Teufeln, die jemals die Prairien unsicher machten! Es war 'ne Erscheinung, auf die ich zweimal hinschauen mußte, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träumte.

»In der Schlucht selbst, keine hundert Schritte weit von mir, graste nämlich ein Pferd, ein richtiges Medicinpferd, wie die Eingeborenen die Schecken nennen, und zwar zeichnete sich dasselbe nicht nur durch die schöne braune und weiße Farbe aus, sondern auch durch den zierlichen Kopf, die prächtigen Mähnen und das schlanke Beinwerk – kurz 's war 'n Gaul, wie 'n der Präsident der Vereinigten Staaten in seinem Leben nicht schöner, wenn auch vielleicht etwas größer geritten haben mag. Und dabei war das Thier gesattelt, freilich echt indianisch, aber doch nicht häßlich. Alles Scharlach, die große Satteldecke, wie das breite Zaumzeug, der Halskragen, wie das Hinterzeug, und Alles gestickt mit Porzellanperlen und Stacheln vom Stachelschwein, gerade wie gemalt, und dazwischen kleine Schellen und lange feine Riemen, daß es bei jeder Bewegung des Schecken klirrte und klingelte, wie auf 'nem mexikanischen Fandango.

»Mit dem einen Auge hatte ich kaum den kleinen Medicinmustang entdeckt, als das andere auch schon auf dem zu demselben gehörigen Reiter oder vielmehr der Reiterin haftete, die hoch oben auf dem Abhange kauerte, die spähenden Blicke dahin gerichtet, wo unsere Pferde grasten. Mich hatte die seltsame Fremde offenbar noch nicht gesehen, indem ich so lange dicht am Fuße der steilen Felsabhänge einhergeschlichen war, und hätte sie mich entdeckt, würde sie selbst schwerlich meiner Aufmerksamkeit entgangen sein und unstreitig lange vor meinem Eintreffen das Weite gesucht haben. Jetzt befand sie sich dagegen in meiner Gewalt, denn bevor sie von dem Abhange herunterkletterte, konnte ich den Medicinmustang zweimal erreichen, sie hätte denn gerade ihren Schecken aufgeben und leichtfüßig, wie sie war, ihr Heil weiter aufwärts suchen müssen, wohin ihr nachzufolgen mir sehr schwer geworden wäre.

»Meine erste Ueberraschung war wunderbarer Weise eine unangenehme, der unangenehmen folgte indessen beim genauen Hinblick auf das Mädchen sogleich eine freudige nach. Erst als ich kaltblütiger überlegte, daß die junge Squaw schwerlich ohne Begleitung in die Black-Hills gekommen sein dürfte, beschlichen mich so allerlei Gedanken an Sioux-Krieger, geschwungene Tomahawks und Messer, und unwillkürlich griff ich nach meinem Skalp, um zu untersuchen, ob derselbe noch keinen Schaden genommen habe. Diese Anwandlung von Schwäche verlor sich aber sehr bald wieder, und da ich, außer meinem Messer, keine Waffen bei mir trug, so mußte ich eben auf Mittel sinnen, solche auf andere Art zu ersetzen. Mein Entschluß war schnell gefaßt und beinahe eben so schnell ausgeführt. Einige Schritte genügten, mich außerhalb des Gesichtskreises der jungen Indianerin zu bringen, im Falle dieselbe zufällig rückwärts schaute, und dann dicht an den Felsen hinschleichend, gelangte ich binnen zwei Minuten in die Nähe des Medicinmustangs, doch zögerte ich, ins Freie hinauszutreten, wo ich natürlich sogleich entdeckt werden mußte. Plötzlich gab der Mustang dadurch den Ausschlag, daß er unruhig wurde und, mich durch die lange Stirnmähne hindurch mißtrauisch betrachtend, leise wieherte.

»Einige vorsichtig gedämpfte Laute von oben belehrten mich, daß die geheimnißvolle Fremde sich umgewendet hatte und ihr Pferd zu beschwichtigen suchte; gleich darauf vernahm ich aber auch das Klappern von leichten Steinen, welche sich, indem sie niederwärts stieg, unter ihren Händen und Füßen lösten und ihr auf dem ziemlich hindernißreichen Wege voranrollten. Der Schecke wurde unterdessen immer unruhiger und schien nicht übel Lust zu haben, die Flucht zu ergreifen; ich machte es daher kurz, sprang nach dem an des Pferdes Kopf befestigten Lasso hin, dessen Windungen lose auf der Erde lagen, und ihn schnell um einen Felsblock schlingend, begann ich, das sich gewaltig sträubende Thier zu mir heranzuziehen. Bei dieser Arbeit verlor ich die junge Squaw aus den Augen, doch erfuhr ich sehr bald, daß sie mich dafür um so schärfer beobachtete, denn der leise Ausruf des Schreckens, welchen sie ausstieß, war kaum verklungen, als auch kurz hinter einander zwei Pfeile so dicht an meinem Kopf vorbeischwirrten, daß ich sie bequem mit der Hand hätte zur Seite schlagen können. War's ein Mann, der mich von oben herab so wenig freundschaftlich begrüßte, hätte er mir, anstatt auf meinen festen Filzhut zu zielen, ohne Zweifel die beiden Pfeile in den Leib geschickt, Sacré-mille-tonnerre! und mit Bruder Chatillon wär's vorbei gewesen. Aber auch das Mädchen wäre mir wohl noch gefährlich geworden, hätte sich nicht nach Abschickung des Zweiten Pfeiles, der Schecke mit mir in derselben Richtung befunden, in Folge dessen die wilde Katze ihr Thier zu treffen fürchtete. Meinen Vortheil begriff ich eben so schnell, wie er sich mir bot, denn ohne das Mädchen zu beachten, schnürte ich den Lasso um den Stein fest, worauf ich den Mustang am Kopfe ergriff und durch einen heftigen Stoß so weit herum warf, daß nicht nur der Lasso seine Spannung verlor, sondern das Thier selbst mich auch mit seinem Körper bis auf den Kopf vollständig deckte. Das Thierchen zitterte und sank unter der Gewalt meines Druckes – ich war damals ein verdammt kernfester Bursche – hinten fast zu Boden; ich aber, wohl wissend, daß ein scheckiges Pferd für einen Indianer werthvoller, als hundert einfarbige, riß das Messer aus dem Gurt, es mit der Spitze dem Mustang in die Höhlung auf der Brust setzend.

»No no no! rief die junge Squaw aus, sobald sie mein Verfahren gewahrte, und den Bogen von sich werfend, streckte sie mir beide Hände flehend entgegen.

»Also no? wiederholte ich lachend, und dann betrachtete ich die Indianerin, die sich in gerader Richtung kaum dreißig Schritte von mir befand, mit der ganzen Bewunderung, welche sie verdiente und deren mein sechs- oder siebenundzwanzigjähriges Herz nur fähig war.

»Von ihrem scharlachfarbigen Rock, der hellblauen Jacke, den bunten Gamaschen und Mokassins, Alles reich gestickt mit Perlen und behangen mit Messingschellen, will ich gar nicht sprechen, aber in ein braunes Gesicht schaute ich, wie ich vorher und nachher nie ein zweites gesehen. Sacré-mille-Diables, die Haut wie Atlas, Zähne so weiß, als hätte sie dieselben als Pathengeschenk von einem Luchs erhalten; nichts von vorstehenden Backenknochen, breitem Mund oder zottigem Haar! Alles glatt, sauber, zierlich – und erst die Augen und die Gluth und die Angst, die aus denselben sprühten! Armes kleines Ding, wie lange ist's her, seit ich Dich zum ersten Mal sah, und wie frisch und lebendig schwebst Du meinem Gedächtniß noch vor. Ja, Alles ist vergänglich, und wie lange wird's dauern, und von den schweren Blöcken hier im Kamin ist nur noch ein Häufchen Asche übrig.«

Die letzten Worte des alten Pelztauschers klangen traurig, doch nur nach Sekunden konnte diese Regung berechnet werden, denn wie um sich derselben zu erwehren, stieß er wieder mit dem Fuße gegen die brennenden Blöcke, daß sie, Tausende von Funken emporsendend, übereinanderstürzten. – Nachdem er sodann dem greisen Ottoe die Pfeife abermals zum Füllen dargereicht, fuhr er in seiner ruhigen Weise fort:

»Ja, 's war 'n schönes Mädchen, die junge Squaw, so schön, daß ich mich den Henker darum kümmerte, ob sie eine Sioux oder Pawnee; dachte ich doch gleich bei ihrem ersten Anblick, daß es gar nicht so einfältig wäre, die junge wilde Katze zu ehelichen. Was ich aber dachte, das stand ganz gewiß auf meinem Gesicht geschrieben, denn anders läßt es sich nicht erklären, daß meine Gegnerin plötzlich ihre Furcht verlor und mich zuerst in der Sioux- und dann, als ich ein verneinendes Zeichen gab, in der Pawnee-Sprache anredete.

»Weißer Mann, gieb mir mein Pferd, war der ungefähre Inhalt ihrer Worte, gieb mir mein Pferd, und ich gebe Dir ein Wort zu Deiner Freude.

»Her mit dem guten Wort! rief ich so Vertrauen erweckend aus, wie es in meinen Kräften stand, und dann nimm Dein Pferd, wenn Du es nicht vorziehst, das Pferd sammt Deiner hübschen Person als mein Eigenthum zu erklären!

»Ich sprach französisch, Pawnee und etwas Ottoe durcheinander, hoffend, daß sie wenigstens das eine oder das andere Wort auffangen würde. Ob sie meine Rede wirklich verstand, weiß ich nicht, jedenfalls hatte sie aber wohl aus meinen Mienen und Geberden herausgelesen, daß sie mir gefiel; denn nachdem sie noch einmal mißtrauisch um sich gespäht, nahm sie ihren Bogen wieder auf, und von der Felswand niederkletternd, trat sie furchtlos vor mich hin, wobei ich zu bemerken glaubte, daß sie mich mit besonderem Wohlgefallen betrachtete.

»Willst Du mit mir ziehen und meine Frau sein? fragte ich alsbald, meine Hand auf das schöne, dichtbehaarte Haupt legend – und dies soll die letzte Pfeife Taback sein, die ich in meinem Leben rauche, wenn ich's nicht ernstlich meinte, bekräftigte Chatillon seine Worte, indem er von dem Ottoe die brennende Pfeife entgegennahm.

»Wohin? fragte mich das Mädchen, und wenn in ihrem Ausdruck nicht schon eine halbe Zustimmung lag, lügt die ganze Natur mit Allem, was d'rum und d'ran hängt.

»An den Missouri, Mädchen, an den Missouri! rief ich erfreut aus, aber bei allen Teufeln, Mädchen, Du sprichst ja ein so reines Pawnee, als ob Du im Dorfe der Wölfe groß geworden wärest?

»Meine Mutter war eine gefangene Wolfs-Pawnee, mein Vater ist ein großer Sioux-Krieger, antwortete die junge Squaw, und aus ihren schwarzen Diamantaugen leuchtete neben einer freundlichen Zuneigung auch ein hoher Grad von Unruhe hervor.

»Um so besser, rief ich aus, die langen schwarzen Haare liebkosend von ihrer Stirne streichend, denn der Anblick des braunen Kindes umnebelte meine Sinne derartig, daß ich gar keinen Werth auf ihre ohne Zweifel in der Nähe befindliche Sioux-Verwandschaft legte; ja, um so besser, dann kannst Du im Frühling Deine Pawnee-Vettern besuchen, fügte ich noch hinzu, und da der Schecke sich beruhigt hatte, legte ich meinen Arm zutraulich um ihren Hals.

»So weit duldete sie meine zärtlichen Aufmerksamkeiten; hätte ich ihr weniger gefallen und wäre ihr weniger an mir gelegen gewesen, würde sie dieselben entweder noch länger geduldet haben, oder mir auch entschlüpft sein. Sie trat nämlich einen Schritt zurück, und ihre schwarzen Augen mit einem wunderbaren, unbeschreiblichen Ausdruck auf mich heftend, sprach sie leise und mit unverkennbarer Besorgniß:

»Die Sioux stellen den Weißen nach; nicht für zehn Pferde giebt mein Vater mich einem von den Pawnees kommenden Jäger, wohl aber gräbt er ihm das Kriegsbeil ins Gehirn. Möge mein weißer Freund daher schnell zu seinem Pferde eilen und gegen Sonnenaufgang fliehen.

»Halloh, meine junge, wilde Katze, entgegnete ich lachend, obwohl mir etwas unheimlich zu Muthe wurde, denkst wohl, mich auf diese Art los zu werden! Deinen Vater fürchte ich nicht, ihn so wenig, wie sein Kriegsbeil.

»Er ist nicht allein, versetzte das Mädchen noch ängstlicher, vierzehn seiner Leute mit starken Herzen befinden sich bei ihm, alle bemalt mit den Farben des Krieges, und ich bin die einzige Squaw, denn ich reite das Medicinpferd.

»Hol' der Teufel die starken Herzen sammt Deinem Vater, gab ich munter zurück, denn auch ich bin nicht allein; zwei so gute Büchsen –

»Mein weißer Freund ist allein, fiel mir das Mädchen hastig ins Wort, seine beiden Genossen liegen gefesselt im Lager der Sioux. Fliehe mein weißer Freund, und ist das Kriegsbeil erst wieder vergraben, mag er mit vollen Händen zu meinem Vater kommen; ich bin bereit, mit ihm zu ziehen.

»Sacré-mille-tonuerre! Der Schlag gab Feuer, bemerkte Chatillon wohlgefällig, wie zu sich selbst sprechend, und ein wehmüthiges Lächeln flog über sein glattrasirtes Gesicht, »und wäre ich noch zehnmal so bethört durch die äußeren Reize der jungen Indianerin gewesen, bei ihren letzten Worten hätte ich so nüchtern werden müssen, wie 'n Methodisten-Pfaffe vor der Predigt. Anfangs sträubte ich mich wohl etwas, die Geschichte zu glauben, ich suchte mir sogar einzureden, daß mich das Mädchen narre, aber das dauerte nur noch so lange, bis ich ihr noch einmal in die schwarzen Augen geschaut hatte, dann aber wußte ich, daß jede einzelne Silbe ihrer Behauptung so wahr sei, wie'n Vers aus dem Katechismus.

»So forschen sie auch wohl nach mir? fragte ich endlich, nachdem ich mein erstes, gerade nicht angenehmes Erstaunen niedergekämpft hatte.

»Wenn die Sonne in die Berge gegangen, werden sie meinen Freund finden, antwortete die hübsche Sioux ängstlich.

»Aber beim Satan, Mädchen, wer hat ihnen unser Lager verrathen? fuhr ich zornig auf.

»Die junge Sioux hob beide Hände zum Himmel empor, schüttelte sie leicht und sprach nur das Wort Rauch.

»Jetzt begriff ich allerdings, – wir hatten hin und wieder auch 'nen grünen Zweig in die Flammen geworfen – daß mir kein anderer Ausweg bleibe, als das Weite zu suchen. Denn daß meine Kameraden sich hatten einfangen lassen, war für mich kein Grund, ihre Gefangenschaft zu theilen. So lange ich mich aber noch auf freiem Fuß befand, konnten sie sich wenigstens einer schwachen Hoffnung auf Rettung hingeben, wogegen sie andern Falls höchstens das Vergnügen hatten, mich in ihrer Gesellschaft skalpirt zu sehen, und damals war das Skalpiren etwas mehr in Mode, als heut zu Tage.

»Auf mein dringendes Zureden kletterten wir noch einmal nach dem gegenüberliegenden Bergabhange hinauf, und während meine niedliche Führerin sich frei und aufrecht hinstellte, lugte ich verstohlen über den Felsrand nach der mir genau bezeichneten Richtung hinüber, in welcher ich in der That in einem etwa eine halbe englische Meile entfernten Thalkessel die ganze Dacotah-Gesellschaft entdeckte. Meine Augen waren von je her sehr gut, ich fand daher leicht meine beiden Kameraden heraus, die sich dummer Weise, ohne einen Schuß zu thun, von dem kleinen Trupp hatten überlisten lassen und nunmehr mit gefesselten Armen und Beinen, einem gerade nicht beneidenswerthen Schicksal entgegensehend, abseits von den wilden Kriegern auf der Erde saßen.

»Sacrè-mille-tonnerre! Wie wurde mir bei diesem Anblick! Doch die Sache ließ sich nicht ändern, und wollte ich nicht ebenfalls abgefangen werden, mußte ich mich baldmöglichst auf die Strümpfe machen. Ich zählte die einzelnen Gestalten, rechnete indessen statt der angekündigten fünfzehn nur dreizehn heraus, ein Umstand, welcher meine Begleiterin, sobald ich sie darauf aufmerksam machte, in nicht geringe Verwirrung setzte. Sie schöpfte, gleich mir, den Verdacht, daß sich die beiden fehlenden Männer zum Spioniren auf den Weg nach unserem Lager begeben hätten, für mich eine Mahnung, keine Minute mehr zu zögern.

Wie wir den Abhang hinuntergekommen sind, weiß ich heute noch nicht, wohl aber weiß ich, daß sich die junge Dacotah, nachdem sie ihren Schecken bestiegen, nicht von mir trennte, sondern bis zur nächsten Schlucht so an meiner Seite ritt, daß ich, im Falle weiter unterhalb Jemand in's Freie trat, nicht gleich entdeckt werden konnte.

»Wie heißt das schöne Dacotah-Mädchen mit dem guten Kinderherzen? fragte ich meine Begleiterin, bevor wir schieden.

Fleur-rouge, hieß es leise zurück.

Wohlan, Fleur-rouge, sagte ich, ihr die Hand herzlich drückend, komme ich glücklich durch, dann sollst Du mich wiedersehen.

Der Schecke trabte lustig davon, ich aber eilte in die Schlucht hinein, so schnell ich einen Fuß vor den andern zu setzen vermochte, und nicht eher hielt ich inne, um Athem zu schöpfen oder um mich zu spähen, als bis ich unser Lager erreicht und meine Büchse zur Hand genommen hatte.

's ist seltsam, was 'ne gute Büchse für 'nen Einfluß auf 'nen Mann hat; ich fühlte nämlich kaum das Gewicht der meinigen in der Faust, und kaum hatte ich mich überzeugt, daß Stein und Pfanne in Ordnung, als auch mein Herz bei Weitem nicht mehr so heftig hämmerte und ich meine Lage mit Ruhe überdachte. Um mich gegen Verfolgung sicher zu stellen, begann ich sogleich Alles, was auf die Anwesenheit eines dritten Jägers deutete, in ein Bündel zu schnüren; ich hoffte dadurch zu erreichen, daß man nicht lange nach meiner Fährte forschte und mit den zwei Gefangenen zufrieden sei. Dann lud ich Bündel und Sattel auf den Rücken, als ich plötzlich durch das ängstliche Schnauben unserer Pferde dazu bewegt wurde, Alles wieder niederzulegen und mich vorher von der Sicherheit meiner Umgebung zu überzeugen. Behutsam schlich ich nach dem nächsten Vorsprunge der Schluchteinfassung hin, von wo aus ich die Pferde sehen konnte, doch wer beschreibt meinen Schrecken, als ich, vorsichtig um die Ecke herumlugend, einen Sioux-Krieger entdeckte, der offenbar die Absicht hegte, unser Lager auszukundschaften, auf das Schnauben der Thiere aber regungslos stehen geblieben war und mißtrauisch lauschte. Er befand sich in guter Schußweite von mir und hielt seine kurze Büchse zum augenblicklichen Gebrauch bereit, der sicherste Beweis, daß er nicht gezögert haben würde, mich niederzuschießen, wenn ich, weniger vorsichtig, anstatt an dem Gestein hinzuschleichen, unvermuthet in seinen Gesichtskreis getreten wäre.

»Du oder ich, sprach es in meinem Herzen, während mein Athem länger und schwerer wurde; Du oder ich, wiederholten meine Lippen unwillkürlich ganz leise, indem ich die Mündung meiner Büchse an den äußersten Rand des mich deckenden Felsens lehnte, Du oder ich, dachte ich noch einmal, und dann war mein Blut so ruhig, als hätte sich's um 'ne Antilope gehandelt. Ich zielte lange und bedächtig; das roth angestrichene Gesicht bot mir 'ne prächtige Scheibe, – es begann nämlich schon zu dämmern, – und als dann endlich der Schuß krachte, da sank mein Freund Dacotah zusammen, als wär's 'n Bündel Lederflicken gewesen. Daß ich ihn gut getroffen hatte, wußte ich; ich nahm mir daher nicht die Zeit, ihn zu untersuchen – hätte ihn auch nicht ansehen können, den ersten Menschen, dem ich das Leben raubte – sondern schnell meinen Sattel und die übrigen Habseligkeiten herbeiholend, eilte ich zu meinem Pferde hin, welches ich sogleich aufzäumte und mit Allem, was ich mein nannte – viel war's freilich nicht – beschwerte. Bevor ich mich in den Sattel schwang, lud ich meine Büchse, um mich nicht unvorbereitet finden zu lassen, und als ich einige Minuten später im vollen Galopp die Schlucht verließ, da hatte die Dämmerung sich bereits so sehr verdichtet, daß man auf fünfhundert Ellen 'nen Mustang nicht mehr von 'nem jungen Büffel zu unterscheiden vermochte. Sobald ich aber erst das freie Feld gewonnen hatte, Sacré-mille-tonnerre! Da trieb ich meinen Gaul an, was das heilige Zeug halten wollte, immer gegen Osten, als hätte ich noch vor Aufgang der Sonne den Missouri erreichen müssen.«

»Und ließet Eure Freunde in den Händen ihrer unerbittlichen Feinde?« fragte ich, als Chatillon längere Zeit schwieg, obwohl ich wußte, daß er einer solchen Handlung nicht fähig gewesen.

»Und ließ meine Kameraden in den Händen ihrer grausamen Feinde,« wiederholte Chatillon ruhig, dann warf er mir einen halb lustigen, halb vorwurfsvollen Blick zu.

»Möchte wissen, was Ihr an meiner Stelle gethan hättet,« hob er alsbald wieder an, »wohl schwerlich das, was ich mir in Gedanken zurecht gelegt hatte. Aber hört mich zu Ende: Was die Dacotahs sagten, als sie ihren erschossenen Gefährten fanden, welche Vermuthungen sie aufstellten und wie meine beiden Kameraden die Nacht verlebten, könnt Ihr Euch denken; jedenfalls diente das Auffinden des Erschossenen nicht dazu, den Gefangenen ihre Lage zu erleichtern. Doch von diesem Allen sah und hörte ich nichts; ich ritt und ritt, und die Sonne hatte sich erst durch einen schmalen rothen Streifen im Osten angemeldet, da scharrte ich mit Händen und Messer das Fäßchen Whisky, welches wir vor drei Tagen erst gemeinschaftlich vergraben hatten, aus seinem dunkeln Versteck, und als die Sonne ihre ersten Strahlen nach den Gipfeln der Black-Hills hinaufsandte, da nahm ich, meiner Kameraden gedenkend, den ersten herzhaften Schluck aus dem geöffneten Spundloch zu meiner Stärkung. Mein Pferd ließ ich darauf noch eine Stunde rasten und grasen, und dann das Fäßchen vor mich auf den Sattel nehmend, ritt ich eiligst denselben Weg zurück, welchen ich gekommen war. Ich mußte mich nämlich beeilen, indem es höchst fraglich, was die Dacotahs mit ihren Gefangenen aufstellen, oder ob sie überhaupt noch länger zwischen bekannten Schluchten verweilen würden. Trotz der schnellen Gangart, zu welcher ich mein erschöpftes Pferd zwang, erreichte ich erst kurz vor Abend die Stelle, auf welcher wir das letzte Fäßchen im Flußsande verscharrt hatten. Mit leichterer Mühe zog ich dieses an's Tageslicht, und dann beide mittelst des Lassos zusammenbindend, hing ich sie quer über den Sattel, worauf ich mein Pferd am Zaum ergriff und mit der unschuldigsten Miene von der Welt gerade dahin wanderte, wo ich die Dacotahs vermuthete.

Sehr bald gewann ich die Ueberzeugung, daß sie die Gegend noch nicht verlassen hatten, dagegen bewies der hell beleuchtete obere Rand der nächsten Schlucht – die Nacht war allmählich hereingebrochen – und wiederholtes durchdringendes Klagegeheul, welches dem Erschossenen galt, daß die Bande ihr Quartier aus dem Thalkessel nach dem von uns mit so viel Mühe wohnlich eingerichteten Felsenwinkel verlegt hatte. Wo sie sich befand, konnte mir freilich gleichgültig sein, wenn sie überhaupt noch nicht fortgezogen war und meinen Kameraden noch kein Leid zugefügt hatte. Ueber Letzteres vergewisserte ich mich sehr bald, denn das Erste, was ich entdeckte, als ich, die Schlucht aufwärts wandernd, in den Schein des vor unserm alten Quartier brennenden mächtigen Feuers trat waren meine alten Freunde Baptist und Lewis, die auf eine niederträchtige Art gefesselt, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt auf der Erde saßen, und gerade keine Gesichter schnitten, als ob sie noch von großen Hoffnungen beseelt gewesen wären. Die Dacotahs dagegen hatten es sich recht bequem gemacht; sie kauerten im Kreise um das Feuer, abwechselnd redend und gellend und gelegentlich drohende Blicke auf ihre Gefangenen werfend. Es waren ihrer vierzehn, und lauter Gestalten, Sacré-mille-tonnerre! als hätte sich eine Gesellschaft bemalter Teufel aus der Hölle dorthin verirrt gehabt. Auch die kleine Fleur-rouge entdeckte ich; sie saß abseits im Schutz der Hütte, und schien sich nicht viel um das zu kümmern, was um sie her vorging. 's ist merkwürdig, beim Anblick des Mädchens fühlte ich meinen Muth seltsam wachsen – denn ehrlich gestanden, recht leicht war mir nicht um's Herz, als ich bedachte, wie die Sache wohl endigen würde, und eine ähnliche Gefahr, wie diejenige, in welche mich zu stürzen ich eben im Begriffe war, hatte ich noch nicht kennen gelernt; aber was thut man nicht, 'nem Freunde aus der Klemme zu helfen.

Also Muth gefaßt, dachte ich, und die Zähne fest aufeinander beißend, schritt ich getrost auf das Feuer zu, meinen Gaul hinter mir herziehend, meine Blicke fest auf die grimmigen Gestalten gerichtet, von denen ich in nächster Zeit eine endgültige Entscheidung über meine Zukunft erwarten sollte. Bis auf dreißig Ellen war ich heran, als man mich erst gewahr wurde. Ich glaube, wenn mir darum zu thun gewesen wäre, hätte ich, bei dem tollen Lärm, mitten unter sie treten können, bevor man mich entdeckt hätte. Das Geräusch, mit welchem der beschlagene Huf meines Pferdes gegen einen Stein stieß, gab das Signal, daß die vierzehn Dacotahs, wie von Bogensehnen geschnellt, emporsprangen, nach ihren Waffen griffen und aus dem verrätherischen Schein des Feuers in den Schatten zu gelangen trachteten. Im ersten Schrecken befürchteten sie offenbar, daß eine Anzahl weißer Jäger einen Ueberfall vorbereitet habe, um ihnen die beiden Gefangenen zu entreißen. Erst als die Beleuchtung mich und mein Pferd schärfer streifte und meine beruhigenden Zeichen erkannt wurden, näherte man sich mir mit scheinbarem Vertrauen; dagegen bemerkte ich, daß nach kurzem Gespräch unter sich vier oder fünf Krieger verschwanden, ohne Zweifel, um auszukundschaften, ob ich allein gekommen sei, oder auf Schutz von Freunden gerechnet habe. Ueber Letzteres suchte ich sie schon selbst mit erheuchelter Einfältigkeit zu beruhigen, indem ich mit wohlberechneten, unbeholfenen Bewegungen erklärte, daß ich ihnen alle, alle, alle und noch mehr und viele Biberhäute abzutauschen wünsche und bereit sei, für jeden Otter oder Biber einen guten Becher voll vom feurigsten Feuerwasser zu verabreichen.

Zu meinem Vorschlage, der vollkommen begriffen wurde, wozu die an dem Sattel hängenden Fäßchen natürlich das Meiste beitrugen, lachte man höhnisch. Daß die Weißen gern Feuerwasser als Mittel wählten, die Eingebornen zu übertölpeln, war eine zu bekannte Thatsache, als daß die Dacotahs nicht ein gewisses Mitleid mit meiner Dummheit empfunden hätten. Scheinbar stimmten sie indessen zu; sie versprachen mir ganze Berge Pelzwerk für meinen Whisky, aber während sie dies thaten, blitzte schon eine unbezähmbare Gier aus ihren Augen, welche die verhaltene Schadenfreude über den an mir zu verübenden Betrug gar nicht so recht zum Durchbruch kommen ließ. Lächerlich war es dabei, wie sie sich bemühten, immer noch einen Schein von Vorsicht zu beobachten, obwohl ihre Köpfe bereits durch den bloßen Gedanken an das in Aussicht stehende Zechgelage umnebelt waren. Sie fragten mich nämlich, ob ich beim Bauen der Hütte behülflich gewesen wäre, und als ich dies verneinte, stellten sie mich meinen Kameraden gegenüber, um aus unserm Benehmen zu ermessen, ob wir bekannt mit einander seien oder gar zusammen gehörten. Sie erreichten denn auch weiter nichts, als das Baptist, Lewis und ich die Achseln zuckten, uns gegenüber stumm und kalt in die Augen schauten, worauf ich, um die Täuschung zu vervollständigen, mich mit allen Zeichen der größten Bewunderung Fleur-rouge zuwendete und zu verstehen gab, daß ich noch nie in meinem Leben solch unvergleichlich schöne Squaw gesehen habe.

Fleur-rouge warf mir einen Blick zu, als habe sie nicht mehr Theilnahme für mich gehegt, wie für den ersten besten Felsblock; die Krieger verlachten mich, obwohl es ihrer Eitelkeit schmeichelte, daß auch Weiße ihre Stammesgenossin bewunderten, und dann richtete man schließlich die wunderliche Frage an mich, ob ich am vorhergehenden Tage Jemand erschossen habe?

Ich war noch damit beschäftigt, zu verdeutlichen, daß ich solch alberne Frage nicht begreife, als die Späher zurückkehrten und freudestrahlend verkündigten, daß ich wirklich keine Begleitung mitgebracht habe.

Diese Nachricht electrisirte die ganze Bande. Man brachte die Fäßchen herbei, und nachdem man mich gezwungen, die Spunde zu öffnen, forderte man mich auf, aus beiden zu trinken, um dadurch zu beweisen, daß der Inhalt nicht vergiftet sei. Solchen Zumuthungen stellte ich natürlich keine Einwendungen entgegen; ich trank mäßig, hätte indessen vor Freude des Teufels werden mögen, als ich die neidischen, glühenden, fast wahnsinnigen Blicke bemerkte, mit welchen man mir bei dieser mich obenein noch stärkenden Arbeit zuschaute.

Das Feuerwasser war also nicht vergiftet und ich hoffte, daß nunmehr der Kampf um den ersten Trunk beginnen werde, als Fleur-rouge's Vater, ein verdammt schlauer und grimmig darein schauender Häuptling, noch einmal vor mich hintrat. Mit schwunghaften Worten lobte er mich, der ich mit dem kostbaren Stoff zu ihnen gekommen sei, fügte aber hinzu, daß er mir nicht traue und nach Sonnenaufgang meine und meines Pferdes Spuren genau zu verfolgen gedenke, um sich zu überzeugen, daß ich wirklich den Dacotah nicht erschossen habe und nicht zu seinen beiden Gefangenen gehöre. Bis dahin aber müsse er sich meiner Person versichern, denn alle Weiße seien Hunde und Betrüger, und da mir so sehr um Pelzwerk zu thun sei, so wolle er mir bei lebendigem Leibe die Haut vom Kopfe streifen und mich zur Belohnung für mein Feuerwasser mit derselben in der Tasche heimschicken. Ja, so steigerten sich, während er sprach, die freundschaftlichen Gefühle des Häuptlings, und kaum war das letzte Wort seinen Lippen entschlüpft, da lag ich auf dem Rücken, um in einer Weise gefesselt und krumm geschnürt zu werden, daß mir Hören und Sehen verging und ich nicht anders glaubte, als daß es nunmehr zu Ende mit mir sei. Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung gelangte, saß ich zwischen Baptist und Lewis auf der Erde, denen ebenfalls noch einige Riemen um Arme und Beine geschlungen worden waren, worauf man uns untereinander doppelt und dreifach zusammenfesselte und dadurch jeden Gedanken an Rettung durch eigene Kraft zur Unmöglichkeit machte. Und Fleur-rouge, auf die ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte, Sacre-mille-tonnerre! die betrachtete uns mit kalter Neugierde und schien für unsere Qualen gerade so viel Mitgefühl zu besitzen, wie für die trockenen Baumstämme, die zu einem Scheiterhaufen zusammengewälzt und alsbald von den Flammen ergriffen wurden; und dabei war sie die Einzige, die uns retten konnte, wenn sie nicht – nun, 's arme Ding ist lange todt, will daher keinen Scherz mit ihrem Andenken treiben, denn ich kann darauf schwören, daß nie 'n Tropfen Whisky über ihre Lippen kam.

»Die Vorbereitungen zu einem ungestörten Zechgelage waren also getroffen; aber auch jetzt noch zögerte der Häuptling, das Signal zum Trinken zu geben; er mochte wissen, was folgte, wenn nicht Allen zugleich Gelegenheit gegeben wurde, ihre tolle Gier zu befriedigen. Auf einige Worte von ihm brachte Fleur-rouge, unterstützt von den zitternden und ihrer Sinne kaum noch mächtigen Männern Alles herbei, was nur Aehnlichkeit mit einem Gefäß hatte, gleichviel ob von Holz, Leder oder mit Harz verkittetem Flechtwerk, und als er dann dreizehn Behälter vor sich stehen sah – merkwürdig genug waren die Instrumente – da leerte er das eine Fäßchen in dieselben aus, das andere für sich selbst zurückbehaltend.

»Nunmehr aber war er nicht länger im Stande, die thierische Gier seiner Genossen zu zügeln; wie hungrige Wölfe auf ihre Beute, so stürzten sie über die Behälter her; kein Laut wurde dabei gesprochen, und in weniger Zeit, als ich gebrauche, es Euch zu schildern, kauerte jeder abgesondert von den Andern, mit langen Zügen den unverfälschten Whisky in sich hineintrinkend. Sacre-mille-tonnerre! Solch Trinken habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen; kaum daß man hin und wieder absetzte, um durch Einathmen von frischer Luft den Brand zu kühlen, welchen das Zeug in Mund und Kehle erzeugte. Nein, das war kein Trinken mehr, das war ein Schlingen, und so nachsichtig und freundlich ich sonst auch immer über die Wilden gedacht habe, in jener Stunde widerten sie mich an, wie eben so viele unvernünftige Bestien. Ha, Ihr hättet sie nur sehen sollen, wie sie, nachdem Jeder seine dreiviertel Quart hinabgegossen, die nach Branntwein duftenden Gefäße ebenfalls zu verschlingen drohten, und als auch diese endlich den letzten Geschmack verloren hatten, – es mochten kaum zehn Minuten seit dem Beginn des Gelages verstrichen sein, – da stierten sie mit glasigen Augen – bei den Indianern wirkt das Feuerwasser fast augenblicklich – auf ihren Häuptling, während die Fäuste unsicher nach Tomahawk und Messer suchten. War doch der Häuptling der Einzige, der noch trank, und zwar mit einer Hast, als hätte er vorbeugen wollen, den Genossen von seinem kostbaren Schatze mittheilen zu müssen.

»Und er mußte wirklich, denn das Fäßchen wurde ihm mit Gewalt entrissen, und hätte der im Uebermaß verschlungene Whisky nicht bereits seine betäubende Wirkung auf ihn ausgeübt, dann wäre er unbedingt von einem der geschwungenen Messer oder Beile tödlich getroffen worden. Mit Widerstreben und brüllend, gleich einem verwundeten Stier, gab er seinen Schatz auf, und mit dem Ausdruck eines Tobsüchtigen stierte er um sich, gegen wen sich seine Rache zunächst würde kehren können. Da fielen seine blöden Blicke auf uns und gleichzeitig schallte sein durchdringendes Kriegsgeheul durch die Schlucht. Wüthend sprang er empor, indem er den Tomahawk aus seinem Gurt riß; allein er hatte schon zu viel und in der That am meisten von der ganzen Gesellschaft getrunken. Der genossene Branntwein zog ihn zu unserm Heil wieder zu Boden, aber auch jetzt gab er seinen Racheplan noch nicht auf. Sein Gesicht wahrhaft teuflisch verzerrt, in der einen Faust das Messer, in der andern das Beil und sich dennoch auf beide Arme stützend, kroch er auf uns zu; seine Absicht war unverkennbar und ich hatte mich schon darein ergeben, mit meinen Kameraden, wie Hammel abgeschlachtet zu werden, als Fleur-rouge, ähnlich einem wüthenden Jaguar, aus der Hütte hervorschoß und sich zwischen ihren Vater und uns stellte.

Willst Du heute im Traume thun, was Du morgen vergessen haben wirst? fragte sie den alten blutgierigen Krieger ruhig – so erzählte sie mir's nämlich später selbst. Einige Sekunden stierte ihr Vater auf sie hin, als hätte er sie nicht verstanden; dann versuchte er wiederum, sich zu erheben, und wiederum sank er zu Boden, worauf er, aus Wuth über sich selbst, das Beil nach Fleur-rouge schleuderte. Glücklicher Weise fehlten ihm schon die Kräfte, denn seine gewohnte Sicherheit hatte ihn noch nicht ganz verlassen, entgegengesetzten Falls würde die wirbelnde Streitaxt, anstatt nur zu streifen, dem armen Kinde den Schädel zerschmettert haben. Ueber Fleur-rouge's Lippen, obwohl schmerzhaft getroffen, kam kein Laut der Klage, ihr Vater aber, dessen Kräfte durch die letzte Anstrengung vollständig erschöpft waren, brach ohnmächtig zusammen; noch einige krampfhafte Bewegungen, und er befand sich in einem Zustande, daß die Berührung mit glühendem Eisen ihn nicht aus seiner Betäubung geweckt hätte. Einige Schritte weiter dagegen, da tobte noch immer ein scheußlicher Kampf um den letzten Inhalt des letzten Fäßchens, doppelt grausig bei der rothen Beleuchtung, die von dem lodernden Feuer ausströmte. Sacre-mille-tonnerre! Man muß dergleichen gesehen haben, um es zu glauben, und heute noch schauert mir die Haut, wenn ich daran denke. Die dreizehn Männer bildeten im vollen Sinne des Wortes einen Haufen brauner menschlicher Glieder, die sich so eng durcheinander wanden, daß man die einzelnen Gestalten gar nicht von einander zu unterscheiden vermochte. Ich selbst sah nur ausgestreckte bewaffnete Arme, die sich hoben und senkten, unbekümmert darum, wohin sie trafen, dann sah ich scheußlich verzerrte Gesichter mit Augen, die in Betäubung brachen, und lange, blutende Schnittwunden und dazwischen das stets von mehreren Händen gehaltene Fäßchen, welches, je nachdem es gedreht und gewendet wurde, seinen Inhalt über den grausigen Knäuel ergoß, bis er endlich erschöpft war und einer nach dem andern der wilden Krieger verstummte und erschlaffte.

»Ich hatte wohl erwartet und gehofft, daß die ganze Gesellschaft sich berauschen würde und darauf den Plan zu meiner Kameraden Rettung gebaut, allein so furchtbar hätte ich es mir nie vorgestellt; dabei dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis die sonst gewiß nicht zu verachtenden Krieger so sinnlos betrunken waren, daß ein sechsjähriger Knabe leichtes Spiel mit ihnen gehabt hätte. Und dennoch, welchen Vortheil hätte es uns gebracht, wäre nicht Jemand zur Hand gewesen, unsere Banden und Fesseln zu lösen; Jemand, in dessen Brust mindestens eben so viel christliches Gefühl wohnte, obwohl von Taufe und Communion nicht die Rede, wie in Manchem, dessen Handwerk es ist, lange Reden über Christenpflichten in die Welt hinauszusenden.

»Die kleine süße Fleur-rouge stand also während der ganzen Zeit des Gelages auf derselben Stelle, bereit, Jedem, der es in seiner thierischen Trunkenheit versuchen würde, uns anzugreifen, den Weg zu vertreten. Ihre Vorsicht erwies sich indessen als überflüssig; im Kampfe um das Feuerwasser hatte man uns völlig vergessen; nur einmal sauste ein Beil zu uns herüber, dasselbe war aber wohl nicht für uns bestimmt; mit schwindender Kraft geschleudert, fiel es harmlos vor uns nieder. Und so sank denn Einer nach dem Andern in dem gräßlichen Gewirre in todtähnliche Betäubung, um nach vierundzwanzig Stunden und noch länger erst wieder zu erwachen. Mehrere haben sich aber wohl verblutet, bevor die Besinnung zurückkehrte, ich bemerkte wenigstens einzelne ungeschickte Schnittwunden, die, obgleich in aller Freundschaft beigebracht, lang und breit genug waren, ein Dutzend Leben hindurchzulassen. Mögen die alten Burschen die ewige Ruhe in den glückseligen Jagdgefilden gefunden haben und St. Peter selber ihnen die besten Wildfährten zeigen, schon allein um der kleinen Fleur-rouge willen, die in ihrem süßen Herzen neben der Gefügigkeit eines Kindes, den Muth und die Berechnungsgabe eines erfahrenen Mannes barg.

»Der letzte Krieger war nämlich kaum regungslos geworden, da trat Fleur-rouge vor uns hin, mich in ungefähr folgender Weise anredend:

»Was würde mein weißer Freund beginnen, wenn ich seine und seiner Gefährten Banden löste?«

»Nun, ich denke, wir würden uns höflichst bedanken und machen, daß wir davon kämen,« erwiderte ich, der ich mich im Geiste bereits gerettet sah.

»Würde mein Freund dulden, daß den muthigen, vom Feuerwasser niedergeworfenen Dacotahs ein Leid geschähe?« fragte sie weiter.

»Nicht 'n verdammtes Haar sollte ihnen gekrümmt werden,« rief ich aus, worin meine Kameraden freilich nur murrend einstimmten.

»Wie würde mein Freund die Verfolgung abwenden,« hieß es weiter.

»Ich würde ihre Pferde tödten,« gab ich zur Antwort, wozu Fleur-rouge billigend nickte.

»Glaubt mein weißer Freund, daß Fleur-rouge, deren Mutter eine Wolfspawnee, der Rache der Dacotahs entginge, entdeckte man, daß ihr Messer es gewesen, welches die Banden der gefangenen Weißen löste?«

»Hat Fleur-rouge vergessen, was ich gestern in ihr Ohr sang?« fragte ich zur nicht geringem Verwunderung meiner Kameraden zurück, »sattle Fleur-rouge ihren Medicin-Mustang, packe sie ihr Eigenthum auf das beste Dacotah-Handpferd, und bevor die Sonne die betäubten Krieger hier bescheint, sind wir auf dem Wege nach dem Missouri; mich aber soll nur der Tod von dem schönen und braven Dacotah-Mädchen trennen.

»Was nun folgte, könnt Ihr Euch an den Fingern abzählen,« fuhr Chatillon nach längerem, ernsten Nachdenken fort, welches augenscheinlich der Erinnerung an die einst so bewunderte Dacotah-Squaw galt; »die Fesseln fielen von unsern Gliedern; in der nächsten Nachbarschaft der wehrlosen Feinde wurde ein kräftigendes Mahl eingenommen, nachdem wir vorher deren Waffen in der Höhle versteckt hatten – sie zu vernichten unterließen wir auf Fleur-rouge's Wunsch – und dann holten wir unsere und der Dacotahs Pferde herbei, von denen wir die vierzehn besten aussuchten, und, zum Ersatz für die verfehlte Biberjagd, als unser Eigenthum erklärten. Die wenigen Zurückbleibenden waren nicht flink genug, um von ihnen eine Verfolgung zu befürchten, wir schenkten ihnen daher das Leben, um die überlisteten armen Teufel nicht ihrer letzten Transportmittel zu berauben. Eine Stunde nahm das Packen, Beladen und Ordnen der Thiere in Anspruch – die erforderlichen Sättel wählten wir aus dem Vorrathe der Dacotahs, wodurch jedes Pferd kaum fünfzig Pfund zu tragen erhielt, und als sieben Stunden später die Sonne ihre ersten Strahlen uns entgegensandte, da befanden wir uns schon so weit von dem Lager der Dacotahs, daß wir uns als vollkommen gesichert betrachten durften, aber noch immer trieben wir unsere kräftigen Thiere im scharfen Paßgange über die herbstlich bereifte Ebene.«

»Und Fleur-rouge?« fragte ich, als Chatillon das Haupt auf seine emporgezogenen Kniee neigte, wie um sich nunmehr dem Schlafe hinzugeben.

»Fleur-rouge?« fuhr Chatillon empor, indem er mir sein Gesicht mit wehmüthigem Ernste zuwendete; »Fleur-rouge? Nun, die ritt auf ihrem Schecken an meiner Seite dem Missouri zu, wo sie meine rechtmäßige Frau wurde. Und was für eine Frau! Sacre-mille-tonnerre! Während der zwölf Jahre unseres beständigen Umherziehens hat sie sich als das Muster einer echten Trapperfrau ausgewiesen, und nie bereuete ich, gerade sie gewählt zu haben. Armes, kleines Wesen, zu ihrer Freude wurde der Friede zwischen den Dacotahs und den Weißen wieder hergestellt, und als wir dann ihren Vater besuchten, da brauchte sie sich wahrhaftig nicht zu schämen, so schön hatte ich sie und ihren Schecken herausgeputzt mit Scharlachflanell, hellblauem Calicot, Perlen und Schellen; ja, ja, sie war, was ihr Name schon sagte, eine schöne, rothe Prairieblume.

»Im zwölften Jahre nach unserer ersten Bekanntschaft starb der Schecke.

»Mache Dich bereit, mich zu verlieren, sagte sie geheimnißvoll zu mir, das Medicinpferd hat mir den Weg gezeigt.

»Ich verlachte sie wegen ihres Aberglaubens; aber sollte man es wohl glauben, sechs Monate nach dem Tode des Schecken wurde sie von den Blattern befallen, die binnen wenigen Stunden ein Ende mit ihr machten. Theures, kleines Herz, mit ihr ging meine einzige Lebensfreude dahin, denn die Genüsse, welche das Trapperleben mir jetzt noch bietet? Sacre-mille-tonnerre! Sie wiegen nicht einen einzigen Blick aus den Augen meiner armen Fleur-rouge auf.«

Bei diesen Worten warf Chatillon die noch brennende Pfeife unwirsch zur Seite und wie ermüdet neigte er das Haupt wieder auf die Kniee. Es lag etwas Achtung Gebietendes in der Weise, in welcher der wunderliche Kauz seinen Schmerz äußerte; ich vermied es daher, ihn in seinen Betrachtungen zu stören, aber lange noch saß ich vor dem lodernden Feuer, in dessen beweglichen Flammen ich allmählich die Physiognomien aller Personen zu setzen glaubte, von welchen Chatillon mir erzählte.

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