Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Balduin Möllhausen >

Westliche Fährten

Balduin Möllhausen: Westliche Fährten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorBalduin Möllhausen
booktitleWestliche Fährten
titleWestliche Fährten
publisherVerlag von Otto Janke
year1873
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070411
projectid705ed2fa
Schließen

Navigation:

Auf dem Ufer des Kaskaskia

Der Kaskaskia, der sich ungefähr zwei Tagereisen weit unterhalb St. Louis dem Mississippi zugesellt, durchschneidet in seiner ganzen Länge einen der anmuthigsten Theile des Staates Illinois.

Eilfertig und brausend strömt er zur Zeit des hohen Wasserstandes einher; träge rieselt er zwischen zahllosen Treibholzklippen und Wurzeln hindurch, sobald der Hochsommer die schlammigen Niederungen mit einer festen, vielfach geborstenen Rinde überzieht, und der Herbst, wie ein planlos vor seiner Staffelei tändelnder Künstler, die wunderbarsten Schattirungen und grellsten Farbencontraste über die sich ruhig und majestätisch ausdehnenden Waldungen hinstreut.

Doch ob hoch oder niedrig, ob brausend oder geheimnisvoll murmelnd, überall hin trägt er dem von ihm gleichsam beherrschten Gebiete reichen Segen zu, erhält er dem Boden eine unverwelkliche Frische. In den Bottomländereien ragen die Bäume, unter welchen sich fast alle Gattungen des nordamerikanischen Continentes vertreten finden, so hoch und kernig empor, als vermöchten sie mit Bequemlichkeit Jahrtausenden zu trotzen; auf den angrenzenden Prairien äußert sich die Zeugungskraft des fetten Erdreichs in einer unglaublich dicht und üppig emporgeschossenen Decke nahrhaften Grases und duftender Kräuter; wo aber die keilförmige Stahlaxt dem seufzenden Urwalde tiefe Wunden schlug, das Schüreisen knirschend die zähe Narbe aufriß und fleißige Hände goldglänzende Saat in den gelockerten Boden streuten, da erscheint es, als habe die Natur seit lange ungeduldig darauf geharrt, den Sterblichen die Unerschöpflichkeit ihrer Kraft zu beweisen, ihr Füllhorn des Segens nach Herzenslust überströmen zu lassen.

Der Kaskaskia ist selbst bei hohem Wasserstande nur auf eine kurze Strecke für Dampfbote von geringem Tiefgange schiffbar. Es fehlt ihm also eine Haupteigenschaft, welche die Anlage und das Aufblühen von Städten auf seinen Ufern begünstigt; das hindert indessen nicht, daß sein Stromgebiet von Ackerbauern reich bevölkert wurde, die Jahr aus Jahr ein ihre Bodenerzeugnisse in großen Massen auf den Markt bringen.

Vielfach trat zwar bereits das mit weiß angestrichenen Brettern zierlich verkleidete Farm- oder Balkenhaus an Stelle der grauen Blockhütte, doch überwiegt die Zahl der Letzteren noch immer bei weitem die der Ersteren. Es scheint fast, als ob einzelne Besitzer, selbst nachdem sie sich allmählich in einen gewissen Wohlstand hineingearbeitet, dem poetischen Zauber, welcher die Blockhütte gleichsam charakterisirt, zu sehr unterworfen gewesen, um diese mit größeren und bequemeren, sie jedoch nicht anheimelnden Räumlichkeiten zu vertauschen. Sie überlassen die Neuerungen ihren Nachkommen und leben zwischen ihren schweren Blockwänden und unter dem bemoosten Schindeldach so glücklich und zufrieden, daß der »Hauptbewohner des weißen Hauses« (Präsident der Vereinigten Staaten) in Washington sie um ihr Loos beneiden möchte.

Fühlen sich nun wohlhabende Leute in ihren einfachen Blockhütten glücklich und zufrieden, so ist es ihnen kaum zu verdenken, wenn sie zur Heranbildung ihrer Jugend und zur Wohnung von deren Lehrern ebenfalls das Blockhaus kostspieligeren Baulichkeiten vorziehen; wenigstens so lange, bis in ihrer Nachbarschaft einmal eine Stadt entsteht, wo auf die Anlage von Schulhäusern mehr Sorgfalt und Zeit verwendet werden kann. In den meisten Fällen mögen noch sehr viele Jahre darüber hingehen; bis dahin aber bleiben sie ihrer Gewohnheit treu: sich mit ihren Nachbaren zu Gesellschaften von zwanzig bis dreißig Familien zu vereinigen, um in der Mitte ihres Kreises ein Schulblockhaus zu errichten und zu unterhalten, den dazu gehörigen Lehrer zu besolden und es diesem dann zu überlassen, so viel Gelehrsamkeit in die mit einem starken Freiheitshauch angefüllten jugendlichen Häupter hineinzupredigen, wie eben noch Platz in denselben hat, oder die etwas unbändige Genossenschaft geneigt ist, gutwillig in sich aufzunehmen.

Weit oberhalb des äußersten Endes der gelegentlichen Schiffbarkeit des Kaskaskia, auf einer überaus lieblichen Stelle des hohen Lehmufers, lag – und liegt vielleicht heute noch – eine derartige Schule. Bei der Wahl des Platzes zur Gründung derselben war offenbar nicht allein die ungefähre Mitte zwischen den zusammengehörigen Farmen maßgebend gewesen, sondern auch die Beschaffenheit des Bodens. Dieser erhob sich nämlich hoch genug über die zum Theil sumpfigen Bottomländereien, um nicht durch aufsteigende Dünste schädlich beeinflußt zu werden, außerdem konnte er von allen Gehöften aus zu jeder Zeit des Jahres trockenen Fußes erreicht werden, und endlich hatte das Vorhandensein einer etwa vier Morgen großen, von allen Seiten durch hohe Waldung geschützten Wiesenfläche das beschwerliche Niederholzen zum Zweck der Anlage eines Gartens überflüssig gemacht, wie die Nähe des Kaskaskia die bedächtigen Gründer und Erbauer der westlichen Schulanstalt der Mühe des Ausgrabens eines Brunnens überhob.

Ja, sehr nahe floß der Kaskaskia vor dem kleinen Schulgehöft vorüber, so nahe, daß wenn man von der andern Seite des Flusses hinüberblickte, die beiden grauen Hütten sich wunderbar lieblich in den beweglichen Fluthen spiegelten und man die trügerischen Bilder auf der Wasserfläche hätte für die umgestürzte Fortsetzung ihrer sich auf fester Grundlage behaglich spreizenden Originale halten mögen.

Die beiden Hütten, eine größere und eine kleinere, waren mit den Giebeln durch einen schmalen Zwischenraum von einander geschieden. Beide hatten nach der Wasserseite hinaus zwei Fensterchen und in der Mitte der Wand eine etwas windschief aus der Balkenlage ausgeschnittene Thüröffnung; beide besaßen auf dem nördlichen Giebel einen von Außen angebauten Schornstein, der nach innen in ein geräumiges Kamin mündete, und endlich waren von beiden kaum noch die roh behauenen Blöcke der Wände zu erkennen, so dicht hatten sorgfältig gepflegte Schlinggewächse und üppig wuchernde Weinranken diese bezogen.

Den freien Platz zwischen dem Kaskaskia und den Gebäuden bedeckte dicht ein kurzer, niedergetretener Rasen. Derselbe bildete den Spielplatz der muntern Schuljugend. Mehrere roh ausgearbeitete Bänke, deren Füße als lange Pfähle tief in die Erde hineinragten, zogen sich vor den Hütten hin, während ein etwa vier Fuß hohes, aus drei Balken hergestelltes und mit zahlreichen Holzpflöcken versehenes Gerüst auf dem Giebel der größeren Hütte im Schatten eines mächtigen Ahornbaumes stand und zur Aufnahme der Pferde solcher Schulbesucher diente, die zu weit abwärts wohnten, um den Weg jedesmal zu Fuße zurücklegen zu können.

Der Garten, in der Größe eines Morgens, lag hinter den Hütten. Eine feste Einfriedigung von gespaltenen und im Zickzack übereinander geschichteten Latten schützte ihn gegen das schädigende Wild und die frei im Walde umherstreifenden Viehheerden. Die Eintheilung in Beete und Felder war wenig künstlerisch, dagegen entdeckte man leicht, daß der zeitige Bewohner des Schulgehöftes sehr große Sorgfalt auf Blumenzucht verwendete und mit eben so großem Geschick wie Fleiß eine kleine Baumschule hegte und pflegte. Bildete doch der Verkauf von Sämereien und jungen Obstbäumen einen erheblichen Theil seiner ihm ein gemächliches Leben sichernden Einnahme, wie er auch die wilde Biene sich dienstbar zu machen gewußt hatte und von ihr mehr süße Beute bezog, als er bei seinen bescheidenen Ansprüchen für sich selbst bedurfte.

So lag also die echt westliche Schulanstalt mit dem dazu gehörigen Garten auf der traulichen Waldeslichtung da. Die Sonne eines heißen Sommernachmittages brannte unbarmherzig auf die grauen, leicht bemoosten Schindeldächer und auf den stillen Wald nieder. Die Natur schien zu träumen, kein Blatt regte sich; eine unbezwingliche Trägheit schien sich aller Gegenstände bemächtigt zu haben. Selbst die Pferde, die mit gesenkten Köpfen zu beiden Seiten des alten Gerüstes standen, waren zu bequem, die langen Schweife zum Abwehren der lästigen Fliegen zu, benutzen. Verschlafen blinzelten sie mit den Augen, nur gelegentlich, wie eben aus tiefem Traume erwachend, biß das eine oder das andere auf den im Bereich seiner Zähne befindlichen, bereits stark benagten Balken, um ein Splitterchen loszureißen und demnächst wieder in den behaglichen Halbschlummer zurückzusinken.

Das Schulgehöft mit seiner ganzen Umgebung bot daher ein Bild lieblicher Waldeinsamkeit, belebt durch das melodische Gurgeln und Murmeln des um gestrandete Treibholzstämme eilfertig herumrieselnden Flüßchens. Tiefe Stille herrschte ringsum; aber wenn das Ohr aufmerksam lauschte, dann vernahm es ein endloses Schwirren und Summen, welches in geheimnisvoller Weise die regungslose Atmosphäre erfüllte. Beutebeladene Bienen und solche, die auf Beute auszogen, eilten im pfeilgeschwinden Fluge ab und zu. Goldbeschwingte Käfer surrten planlos hierhin und dorthin; den bronzeschillernden Schmetterlingen ähnlich flatterte der funkelnde Kolibri rastlos von Blume zu Blume, während Kardinal und Waldtaube im Schatten dicht belaubter Bäume rasteten und Drosseln auf dem feuchten Erdboden Kühlung suchten.

Fenster und Thüren beider Hütten waren dicht geschlossen, um erst nach Sonnenuntergang der erquickenden Nachtluft geöffnet zu werden. Aus der größeren Hütte drang eine wohlklingende Männerstimme gedämpft ins Freie hinaus. Die eigentliche Schulstunde hatte längst ihr Ende erreicht; Herr Albert unterhielt indessen seine aufmerksamen Zuhörer noch immer durch lehrreiche Erzählungen, um ihnen die Heimkehr dadurch zu erleichtern, daß er das Ende der höchsten Sonnengluth abwartete.

Es war ungefähr sechs Uhr, und seit Vormittag um zehn Uhr hatte sich die muntere Schuljugend, freilich mit einer mehrstündigen Unterbrechung des Lernens, auf dem Gehöft befunden, als die Männerstimme plötzlich verstummte und ein wirres Geräusch lachender, plaudernder und sich lebhaft durcheinander tummelnder Kinder an deren Stelle trat. Bald darauf öffnete sich die Thüre und heraus stürmte ein so toller Haufe sonnverbrannter, englisch und deutsch sprechender und scherzender Mädchen und Knaben, wie nur je eine Gesellschaft junger Republikaner auf dem freien Boden Amerikas die Geduld ihres Lehrers auf die Probe stellte.

Gleich hinter den Kindern trat der Lehrer ins Freie. Derselbe, ein bleicher, schlanker, junger Mann mit überaus wohlgebildetem und gutmüthigem Antlitz, beobachtete mit sichtbarer Freude die ausgelassene Schaar, wie sie sich auf dem freien Platze vor den Hütten zerstreute und theils vollen Laufs auf den verschiedenen Pfaden dem nahen Walde zueilte, theils zu den angebundenen Pferden hinsprang, um mit kundiger Hand den willigen Thieren die Trensen aufzulegen, in den Sattel zu klettern und sich reisefertig zu machen.

»Herr Albert, mich zuerst!« »Nein, mich zuerst!« drang es aus dem Gewirre bei den Pferden mit sopranen Stimmchen zu dem Lehrer hinüber, und Herr Albert, ein freundliches Lächeln in den sanften, blauen Augen, trat mitten unter die Gesellschaft, und die Arme nach den kleinern Kindern ausstreckend, wie sie ihm gerade am nächsten zur Hand waren – die größeren befanden sich ja bereits im Sattel – hob er sie eins nach dem andern auf die Rücken der geduldigen Thiere, je nachdem ihm die einzunehmenden Plätze bezeichnet wurden.

Die von ihm emporgehobenen jugendlichen Reiter kamen meist hinter die Sättel zu sitzen, wo sie, die Arme kunstgerecht um ihren Vordermann – gewöhnlich der ältere Bruder oder die Schwester – geschlungen, sich vollständig zu Hause fühlten und lustig mit den kurzen Beinchen die Seiten ihrer bedächtigen Pferde bearbeiteten, um sie dadurch zu einer andern Gangart, als den langweiligen Schritt, zu zwingen.

»Adieu, Herr Albert! Good bye, Mr. Albert!« hieß es hier und dort, und im schwerem Trab und Galopp stob die muntere Schaar nach allen Richtungen auseinander.

»Vorsichtig, vorsichtig, Kinder,« rief Albert den tollen Reitern nach, die zu zweien und dreien die Rücken der Pferde beschwerten. Muthwilliges Jauchzen und heftigeres Arbeiten der kurzen Beinchen war die Antwort auf seine Warnung, und gleich darauf hatte der Wald die Davonstäubenden in sich aufgenommen.

Mit einem besorgten Kopfschütteln wendete Herr Albert sich den Hütten zu, als seine Blicke ein Pferd streiften, welches, einen Damensattel auf dem Rücken und am äußersten Ende des Gerüstes angebunden, höchst verwundert nach der Richtung hinüberschaute, in welcher seine Gefährten verschwunden waren.

Ein flüchtiges Roth eilte über das stille, bleiche Antlitz, ein schwermüthiges Lächeln, fast eben so flüchtig, folgte dem seltsamen Erröthen nach, und dann schritt er hastiger der Thür des Wohnhäuschens zu.

Er hatte den zwischen den beiden Hütten liegenden Gang erreicht, der zugleich den nächsten Weg in den Garten bildete, als ihm aus demselben eine schlanke Mädchengestalt entgegentrat, die in der einen Hand eine Gießkanne, in der andern einen leeren Eimer trug und offenbar im Begriff war, zum Fluß hinabzusteigen und Wasser zu schöpfen.

Beim Anblicke Alberts blieb sie stehen, und ihm ihr schönes, jugendfrisches, von schwarzem Haar eingerahmtes Antlitz zuwendend, verneigte sie sich anmuthig, worauf sie ihn in dem lieblichsten, fremdländisch klingenden Deutsch anredete: »Ich hoffe, Herr Albert, Sie gestatten mir, Ihre Blumen und Bäumchen zu begießen.«

»Eigentlich sollte ich es nicht zugeben,« versetzte dieser freundlich, indem er die Hand nach dem Eimer ausstreckte, welchen zu ergreifen das junge Mädchen ihn durch eine geschickte Wendung hinderte, »denn abgesehen davon, liebe Ella, daß ich nur dazu berufen bin, meine Schüler und Schülerinnen zu belehren, nicht aber Dienstleistungen von ihnen entgegenzunehmen, dürfte auch Dein Verfahren von den Leuten kaum gebilligt werden.«

Die dunkelbraunen Augen des jungen Mädchens funkelten hell auf.

»Wer dürfte sich erlauben, mein Verfahren einer besonderen Begutachtung zu unterwerfen?« fragte Ella trotzig, und sie machte Miene, an den Fluß hinabzusteigen, als Alberts Stimme sie abermals zurückhielt.

»Ich meine nur, mein liebes Kind, man wird Dich zu Hause erwarten,« bemerkte er halb entschuldigend, halb vorwurfsvoll.

»Ich bin meine volle sechzehn Jahre alt,« antwortete Ella, sich stolz emporrichtend, »also kein Kind mehr; dies wissen meine Eltern eben so gut, als alle anderen Leute. Wenn ich es für gut befinde, Ihnen im Garten zu helfen, so hat Niemand das Recht, sich darum zu kümmern.«

»Du erinnerst mich daran, liebe Ella, daß Du kein Kind mehr bist,« entgegnete Albert, und im Tone seiner Stimme lag ein eigenthümliches Bedauern, »zugleich aber mahnst Du mich, daß es mir kaum noch zusteht, Dich als meine Schülerin zu betrachten und als solche anzureden – dies vorausgeschickt, weiß ich wirklich nicht, ob es nicht angemessener für Dich wäre, den Schulbesuch endlich ganz aufzugeben.«

»Spreche ich etwa fertig deutsch?« fragte Ella mit einem Gemisch von Hochmuth und kindlicher Ehrerbietung.

»Für eine geborene Amerikanerin jedenfalls fertig genug,« lautete Alberts Antwort.

»Nun, ich möchte es aber noch besser lernen, und darum besuche ich die Schule so lange es mir gefällt.«

»Aber, mein Gott, liebe Ella,« fiel Albert dem lieblichen Mädchen freundlich in die Rede »anstatt selbst noch zu lernen, hilfst Du mir, die jüngeren Schüler unterrichten – und dann – bedenke, Du bist sechzehn Jahre alt, es muß wohl sein Ende erreichen, daß ich Dich, als meine Schülerin, mit dem vertraulichen Du anrede, während –«

»Lernt man nicht beim Lehren?« fragte Ella lachend zurück, »und dies berücksichtigend bleibe ich dabei: So lange es mir zusagt, besuche ich die Schule, und wenn ich mein Schulgeld regelmäßig entrichte, haben selbst Sie keine Veranlassung, mich zurückzuweisen. Was aber endlich unser Verhältniß als Lehrer und Schülerin anbetrifft, da frage ich einfach: Wie lange wohnen Sie bereits hier?«

»Vier Jahre, liebe Ella; ich war erst vierundzwanzig Jahre alt, als mir, dem unbekannten deutschen Fremdlinge, das Amt eines Lehrers anvertraut wurde.«

»Wie lange war ich ihre Schülerin?«

»Ebenfalls vier Jahre.«

»Sie haben mich also als Kind kennen gelernt, und hoffentlich gab ich Ihnen keinen Grund, heute etwas Anderes in mir zu erblicken. Ich bin und bleibe Ihre Schülerin; wollen Sie aber meine geringe Hülfe in Anschlag bringen, so wissen Sie zugleich, daß ich reichlich für meine Mühe entschädigt werde. Nicht wahr, Herr Albert,« fügte sie darauf holdselig bittend hinzu, »Sie nehmen auch heute die Geige mit in den Garten, und während ich Ihre Blumen und Bäume pflege, spielen Sie mir einige Ihrer schönen vaterländischen Melodien vor?«

»Ja liebe Ella, die schönsten Melodien, die ich kenne, will ich spielen,« antwortete Albert, vor Freude hoch erröthend, »und nicht nur einmal, nein, so oft in der That, wie Du es wünschest, – vorher aber helfe ich Dir Wasser tragen, und wundern sollst Du Dich über die liebliche Begleitung, welche das Plätschern des Wassers zu den Tönen meiner Geige, meiner alten, lieben, treuen Freundin bildet.«

Ella stieg nunmehr hastig zu dem Flusse hinab; Albert holte schleunigst zwei andere Gefäße herbei, und dann begannen sie mit einem Fleiße Wasser zu tragen, als ob sie es contractlich übernommen hätten, das im Garten aufgestellte alte Syrupfaß binnen kürzester Frist zu füllen.

Wohl eine Viertelstunde hatten sie gearbeitet, ohne daß viele Worte zwischen ihnen gewechselt worden wären, als das Faß überzulaufen begann. Es war dies für Albert das Zeichen, seine Geige und einen Stuhl herbeizuholen. Letzteren stellte er so hin, daß Ella sich während des Gießens fast beständig m seiner Nähe befand, und dann erst, nachdem er das Instrument gestimmt hatte, tauchte Ella die Gießkanne in das übersprudelnde Faß.

»Die Bäumchen bedürfen zumeist der Erquickung,« bemerkte Albert auf Ella's fragende Blicke, »ihre Wurzeln sind am durstigsten. Die armen Dinger sind nicht so gut daran, wie die Blumen dort, die ihre Wurzeln beschatten und die dörrenden Sonnenstrahlen von dem sie tragenden Erdreich abhalten. Außerdem nenne ich die Blumen auch meine ungetreuen Kinder, die mich im Herbste jedesmal verlassen, während die Bäumchen von Jahr zu Jahr wachsen und, trotzdem sie dieselben alten Freunde bleiben, mir alljährlich durch die Verstärkung ihrer Stämmchen und die Verzweigung ihrer Kronen einen neuen Anblick bieten. Die jüngsten Reihen zuerst, liebe Ella, auf jeden Schößling etwa ein Quart; es ist in der Baumschule, wie drinnen in der Schulstube: Die Jüngsten sind immer die Ungeberdigsten, sie müssen zuerst befriedigt werden, um allmählich Geduld zu lernen.«

Ella war mit der natürlichen Anmuth einer Fee zwischen die bezeichneten Reihen getreten, und als Albert seine Unterweisungen geendigt, senkte sie das Rohr der Gießkanne behutsam auf das erste Bäumchen.

Das Wasser plätscherte und gleichzeitig fuhr der Bogen langsam über die straffen Saiten, einen glockenreinen, schwermüthigen Ton erzeugend.

Das der engen Röhre entströmende Wasser plätscherte weiter, und Ton reihte sich an Ton zu einer bekannten heimatlichen Weise. Ella hatte die Blicke auf die Vertiefungen gerichtet, aus welchen die zarten Stämmchen emporragten. Ihre Ohren lauschten aufmerksam der getragenen Melodie, von welcher ihre ganze Seele erfüllt zu werden schien. Albert dagegen wendete seine Augen nicht von der lieblichen Gärtnerin, die, als holdes Bild der Gegenwart seinen Geist weit in die Vergangenheit zurückführte.

Ihre sittigen, anmuthigen Bewegungen, ihr scharf ausgeprägter Sinn für Musik, ihre dunkeln Augen und ihr schwarzes Haar, o, wie sie seinem Gedächtniß zu Hülfe kamen und so entzückende, beseligende Visionen vor ihr hinzauberten!

Kanne auf Kanne holte Ella herbei, langsam und geräuschlos. Das Wasser plätscherte; der einen Melodie folgte eine andere, und dann war es, als ob Alberts Gedanken und Betrachtungen selbst sich in Musik verwandelt hätten.

In den Tönen, die er so rein und zart seinem Instrumente entlockte, lagen ja Worte, lag die Beschreibung eines Lebens, reich an wonnigen Stunden, aber auch reich an unsäglicher Trauer.

Ella verstand die einzelnen Worte zwar nicht, aber die Musik drang ihr zum Herzen, tief und innig, als hätte Albert wirklich im verhaltenen Klageton zu ihr gesprochen, ihr geschildert treu und wahr alle die Bilder, die ihm so ergreifend vorschwebten und aus seiner Brust in die schwermüthigen Phantasien übergingen.

Das Wasser plätscherte; es klang fast wie das Murmeln einer Quelle im fernen, fernen Heimatlande. Neben der Quelle erhob sich eine einfache Rasenbank, beschattet von hohen Eichen und Akazien. Diese Bank war es, auf welcher ein liebliches Engelsbild, mit schwarzen Locken und dunkeln, schwärmerischen Augen, die zarte, weiße Hand in die eines Jünglings legte und ihm versprach, bis in die Ewigkeit hinein ihm angehören zu wollen. Der Jüngling prangte im lustigen Studentenkleide; blau waren seine Augen, blond das in dichten Locken sein Haupt umwallende Haar. Kühne Hoffnungen schwellten seine Brust, und indem er das holde Geständniß treuer Gegenliebe von den rosigen Lippen küßte, meinte er, den Himmel erstürmen, der ganzen Welt Trotz bieten zu können, wenn es gälte, das liebliche Engelsbild ganz für sich zu gewinnen.

Abgebrochene Noten, klar und rein wie Silberton, entströmten den Saiten. Sie erinnerten an den Gesang der Nachtigall; eine Nachtigall hatte in den Zweigen über der Rasenbank ihr melancholisches Lied in den stillen Abend hinausgesendet, während unter ihr heiße Schwüre ewiger Liebe und Treue gewechselt wurden.

Dann schallte es wie ein Jubelgesang durch den Garten, wie Jubelgesang, angestimmt zum Lobe und zum Preise der jungen, glücklichen Liebe, die mit beseligendem Vertrauen in die Zukunft blickt. Doch nur kurz von Dauer waren diese Klänge der Freude; ein tiefer Klageton, schmerzlich vibrirend, schloß sie ab.

Das Wasser plätscherte auf die lechzenden Wurzeln der jungen Bäumchen nieder, eintönig und melancholisch. Melancholisch waren auch die Phantasieen, die sich dem Jubelgesange anschlossen. Tief und zitternd, daß man es mit fernem Grabgeläute hätte vergleichen mögen, entstanden die Töne unter den kunstgeübten Händen.

Ernster schaute Ella auf die jungen Pfleglinge nieder, leise schlich sie zur Wassertonne und zurück, wie um durch das Knirschen des Sandes unter ihren leichten Füßen nicht die ergreifende Musik zu stören und zu unterbrechen. Tiefer hatte Albert das Haupt auf die Brust geneigt, keinen Blick wendete er von der freundlichen Schülerin, die sich geräuschlos vor ihm einher bewegte; vor seinem Geiste aber zogen Scenen und Bilder vorüber, die der Gegenwart nicht angehörten:

Er sah einen offenen Sarg und in demselben einen schlafenden Engel. Schwarzes Haar wallte um das marmorbleiche Antlitz; die dunkeln Augen waren geschlossen. Frische Myrthengewinde schmückten die seidenweichen Locken, um ein Myrthensträußchen hatten sich die erkalteten zarten Hände geschlossen.

Ella war mit dem Begießen der Bäumchen fertig geworden und wollte mit den Blumen beginnen, als es wie ein tiefes Weh ihre Seele durchzog. Eine Welt voll Schmerz drang aus den harmonisch geordneten, jedoch wild klagenden Tönen hervor und schmiegte sich eng an ihr Herz an. Albert schien nicht zu bemerken, daß sie die Arbeit eingestellt hatte, obwohl seine Blicke unausgesetzt auf ihr ruhten. Durchdringender, schmerzlicher schallte die ergreifende Melodie in die warme Abendluft hinaus; sie erzählte von einer geöffneten Gruft, von einer geliebten Todten, die man in den Schooß der Erde hinabsenkte.

Ein schriller Accord, ähnlich einem Schmerzensschrei, schlich sich plötzlich mit ein. Er klang wie das hohle Rasseln von Sand und Steinen auf einen geschlossenen Sarg.

Das Wasser plätscherte nicht mehr; dafür aber rannen helle Thränen aus Ella's Augen. Als ob die heiligen Thautropfen lindernd auf des armen Albert wundes Herz gefallen wären, folgten auf den Weheruf liebliche, schwermüthige Modulationen, die man mit stillen Gebeten und heimlichen Thränen hätte vergleichen mögen, mit Thränen, die einem entschwundenen Erdenglück, dem letzten Abschied von der trostlosen, vereinsamten und doch so theuern Heimat galten.

»Fort, fort in die Welt hinaus!« schienen die schwellenden Töne und Accorde verzweiflungsvoll auszurufen; »weit in die Ferne, wo nach den zerschellten Jugendhoffnungen des Waldes stille Einsamkeit winkt! Einsam liegt die freundliche Lichtung mit den Blockhütten da, einsam, wie das Herz –«

Eine Saite zersprang. Wie aus tiefem Traume erwachend richtete Albert sich empor. Er wußte nicht, wie lange er gespielt hatte, eben so wenig wie Ella, die bei dem plötzlichen Mißton erschreckt zusammenfuhr.

Die Sonne berührte die Wipfel der westlichen Waldriesen. Die Spottdrossel sang ihr süßes Lied, die Heimchen zirpten, Locustgrillen und Laubfrösche vereinigten ihre schnarrenden Stimmen zum geheimnißvollen Chor. Im Abendsonnenschein tummelten sich Fledermäuse, vereinzelte Schwalben und der langbeschwingte Ziegenmelker; vor den Thüröffnungen der festgeflochtenen Körbe rastete nach vollbrachtem Tagewerke in dichten Haufen das Bienenvolk.

Alberts Gesicht war bleich, bleicher als gewöhnlich; Ella's Antlitz dagegen überströmte eine tiefere Gluth.

»Ihre Bäumchen sind begossen und ich muß heimwärts eilen,« brach Letztere nach kurzem Sinnen zögernd das Schweigen, »wer weiß, man ist vielleicht schon besorgt um mich.«

»Ja, liebe Ella, Du hättest um diese Zeit längst zu Hause sein müssen,« versetzte Albert gedankenvoll, und dann wandelten sie in feierlicher Stimmung der Stelle zu, wo Ella's Pferd stand.

Albert führte das Thier zum Flusse hinab, um es zu tränken; gleich darauf sprengte Ella dem Walde zu. Kaum daß Lehrer und Schülerin einen Scheidegruß gewechselt hatten. Bevor die junge Reiterin in den Wald einbog, schaute sie noch einmal zurück, aber nur ganz flüchtig, denn sie bemerkte, daß Albert ihr von der Ecke seiner Blockhütte aus nachblickte. Hinter den nächsten Sträuchern hervor spähte sie wiederum rückwärts; Albert stand noch immer regungslos auf derselben Stelle. Er schien vergessen zu haben, daß seine Blumen ihrer gewöhnlichen Abenderquickung ungeduldig entgegenharrten. – –

Ein Ritt von etwa zehn Minuten brachte Ella aus der bewaldeten Thalsenkung des Kaskaskia auf eine umfangreiche Ebene, auf welcher nach allen Richtungen hin kleinere und größere ländliche Gehöfte emportauchten. Träumerisch blickte sie nach der eigenen heimatlichen Farm hinüber, die sich in der Ferne durch eine hohe Baumgruppe auszeichnete, als sie den Galopp eines Pferdes vernahm, welches sich ihr seitwärts von dem Waldrands her näherte. Sobald sie den Reiter, einen stattlich gebauten jungen Farmer aus der Nachbarschaft, erkannte, hielt sie ihr Pferd an und zugleich trat ein zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen.

»O, William,« rief sie dem Herbeieilenden in englischer Sprache zu, »in Euch erkennt man wenigstens einen treuen Nachbarn; ich setze nämlich voraus, daß Ihr gekommen seid, mich nach Hause zu begleiten.«

»Freilich, Miß Ella,« antwortete der junge und aus seinem übermüthigen Gesicht leuchtete ein hoher Grad von Mißvergnügen hervor; »allein keine zehn Minuten länger hättet Ihr bei dem Schulmeister weilen dürfen, und Ihr wäret gezwungen gewesen, ohne meine Begleitung heimzureiten.«

»Was ich Eurer Gesellschaft wegen gewiß sehr bedauert hätte,« antwortete Ella, ihre Hand zutraulich in die dargebotene Williams legend, »im Übrigen aber wäre es kein Unglück gewesen; einen Weg, den ich tausendmal allein ritt, würde ich auch heute ohne Euren Beistand gefunden, haben.«

Die Pferde hatten wohl hundert Schritte nebeneinander zurückgelegt, als William von neuem anhob:

»Zwei Stunden habe ich mindestens dort drüben am Waldessaume auf Euch geharrt.«

»Ich wiederhole noch einmal, lieber William,« entgegnete Ella mit einer Anwandlung von Ungeduld, »ich bedaure sehr, daß ich nicht pünktlicher war, allein ich wurde durch das bezaubernde Spiel des Herrn Albert so sehr gefesselt, daß ich das Enteilen der Zeit nicht merkte. Uebrigens war ich nicht müßig; während der gute Herr Albert spielte, begoß ich seine Bäume.«

William lächelte spöttisch. »Miß Ella« bemerkte er darauf in tadelndem Tone, »Ihr solltet nicht vergessen, daß es der Tochter Eures Vaters nicht geziemt, bei einem deutschen Schulmeister Mägdedienste zu verrichten.«

»Seid Ihr etwa gekommen, um mich über meine Handlungen zur Rede zu stellen?« fragte Ella scharf, und ihre Augen funkelten vor verhaltenem Zorn, »ich sollte denken, ich sei alt genug, um eines unberufenen Vormundes entbehren zu können.«

»Ella, Ella,« versetzte William schnell und höflicher, »es liegt wahrhaftig nicht in meiner Absicht, Euch zu kränken, allein da Ihr selbst Eures Alters erwähnt, erlaubt Ihr mir wohl, darauf hinzuweisen, daß Ihr der Schule allmählich entwachsen sein dürftet und die Zeit der kindlichen Spiele weit hinter Euch liegt.«

»Ich sehe das Verständige Eurer Bemerkung nicht ein,« erwiderte Ella hochmüthig, während sie tändelnd mit der Reitgerte die Mähnhaare ihres Pferdes emporsträubte, »seid daher so gut und erklärt Euch näher, damit ich entsprechend antworte.«

»Wohlan denn,« fuhr der junge Mann versöhnlicher und milder fort, »Ihr fordert eine Erklärung von mir, und ich bin bereit, Euch eine solche nach meinem besten Wissen und Vermögen zu ertheilen, und wenn ich aufrichtig sein soll, muß ich bekennen, daß ich sogar eigens zu diesem Zwecke hierherritt und eigens zu diesem Zwecke auf Euch wartete. Wir sind lange Nachbarn gewesen, theure Ella, so lange in der That, wie Ihr zu denken vermögt, und ich glaube, Ihr könnt nicht ableugnen, daß Euch seit Eurer frühesten Kindheit fast täglich die Beweise meiner treuen, aufrichtigen Anhänglichkeit wurden.«

»Das leugne ich nicht, William,« antwortete Ella, ihre großen dunkeln Augen mit kindlicher Offenheit auf den Gefährten richtend, »aber auch ich habe Euch immer sehr, sehr lieb gehabt, obwohl Ihr hin und wieder wohl etwas von meinen tollen Launen leiden mußtet.«

»Ganz recht, liebe Ella, und gerade das Bewußtsein, von Euch stets mit freundlicher Zuneigung betrachtet worden zu sein, ist Ursache, daß ich heute wage, in einer andern Weise, als der eines Spielgefährten zu Euch zu sprechen.«

Ella blickte befremdet auf ihren Begleiter; sie schien den Inhalt seiner Worte nicht zu begreifen. Dieser aber nahm nach einer kurzen Pause mit wachsender Wärme seine Erklärungen wieder auf.

»Wenn ich nun als Kind schon mit wahrer Zärtlichkeit an Euch hing, theuerste Ella, so beseelt mich heute eine Liebe zu Euch, so heiß, so innig, daß ich nicht zu viel sage, wenn ich behaupte, daß von Eurer mir auf meine Frage zu ertheilenden Antwort mein ganzes Lebensglück abhängt.«

»Meine Antwort?« fragte Ella verwunderungsvoll und unbefangen, »was kann meine Antwort mit Eurem Lebensglück zu schaffen haben? Ihr betheuert, daß Ihr mich liebt, ich versichere Euch, daß ich Euch ebenfalls liebe, bedarf es da weiterer Fragen und Antworten, unser gutes altes Freundschaftsverhältnis aufrecht zu erhalten?«

»Ja, theuerste Ella, es bedarf weiterer Fragen,« versetzte William mit ängstlicher Spannung, es bedarf der Frage, ob Ihr bei der zwischen uns bestehenden Liebe einwilligt, über kurz oder lang die Meinige zu werden; ob Ihr Euch entschließen könnt, mir zu Liebe den überflüssigen Schulbesuch abzubrechen und in die Reihe derjenigen jungen Mädchen zu treten, denen sich mit einem solchen treu und ehrlich gemeinten Antrage zu nähern, jeder Ehrenmann berechtigt ist.«

»Wenn ich Euch nicht falsch verstehe, lieber William,« fiel Ella mit halb scherzhaftem, halb besorgtem Ausdruck dem Gefährten in die Rede, »dann wünscht Ihr, daß ich Eure Frau werde? Wäre ich nun wirklich nicht abgeneigt auf Euren Vorschlag einzugehen, müßte ich dann aber nicht gleichzeitig vor einem Schritte zurückbeben, durch welchen ich mich geradehin zu Eurer Sklavin machte? Geht Ihr doch jetzt schon so weit, mir den Besuch der Schule verleiden zu wollen, mir also eine Hauptfreude zu rauben. Nein, nein, theuerster William und liebte ich Euch noch so sehr, so könnte ich Euretwegen meinen Schulbesuch nicht aufgeben. So lange ich aber die Schule besuche, müßt Ihr mich nothgedrungen als ein Kind betrachten und mir daher mit scherzhaften oder ernstlichen Heirathsanträgen fern bleiben. Wartet zehn Jahre, und habe ich dann noch Keinen gefunden, den ich mehr liebe, als Euch, so soll meine Antwort auf Eure etwaige Frage eine zustimmende sein.«

»Also doch?« fragte William erbleichend und seine Stimme zitterte leicht, wie vor verhaltener Wuth; dann aber mit Gewalt eine äußere Ruhe erheuchelnd und die Blicke fest und argwöhnisch auf Ella gerichtet, fuhr er fort: »Zehn Jahre ist eine lange Zeit; es wäre ein unersetzlicher Verlust an unserm Leben, es kann daher Euer Ernst nicht sein, liebe Ella – und dann – bedenkt, was vermag der deutsche Schulmeister Euch, der sechzehnjährigen Jungfrau, noch zu lehren, was Euch für Eure Mühe des Hin- und Herreitens zu bieten? Laßt daher ab von Eurem thörichten Beginnen, ich bitte Euch darum, Ella, und seid Ihr erst ein Weilchen dem Einfluß entzogen, welchen der Schulbesuch auf Euch ausübt, werdet Ihr meinen Antrag von einem ganz andern Standpunkte aus betrachten.«

Ella hatte ihren Gefährten ruhig aussprechen lassen; als er aber geendigt, wendete sie sich ihm mit einer kurzen heftigen Bewegung zu. Ihre Augen funkelten, das tiefe Roth ihrer Wangen dehnte sich bis zu den klaren, blaugeaderten Schläfen hinauf aus, und aus dem Tone ihrer Stimme klang hervor, daß sie sich in ihrer Selbstständigkeit tief verletzt fühlte.

»Was kümmert es Euch, ob es ein Deutscher oder ein Amerikaner ist, welchen ich zu meinem Lehrer gewählt habe?« fragte sie unwillig, »und was kümmert es Euch, ob ich geneigt bin, mehr zu lernen, als die meisten jungen Mädchen unseres Bezirks? Aber ich will offen sein: Und wäre es auch nur, daß ich Gelegenheit fände, Herrn Alberts liebliches Geigenspiel zu hören, zu beobachten, wie er mit zärtlicher Sorgfalt seine jungen Obstbäumchen hegt und pflegt, so würde ich mich dadurch allein schon hinreichend belohnt fühlen. Ja, William, das ist es vorzugsweise, was mich Tag für Tag zu den Blockhütten hintreibt, und ich mache kein Hehl daraus, daß ich beabsichtige, noch lange Jahre hindurch meine altgewohnte Lebensweise fortzusetzen ohne auch nur im Mindesten Eure oder eines andern Menschen Urtheile und Wünsche zu berücksichtigen!«

Williams Pferd schien zu stolpern, so heftig und unerwartet hatte er in die Zügel gegriffen. Es war, als hätte er das unschuldige Thier die ihm von Ella ertheilte Antwort entgelten lassen wollen. Aber wiederum kämpfte er seinen aufstammenden Zorn über die dem deutschen Schulmeister nachgetragenen freundlichen Gesinnungen nieder, und wenn auch innerlich kochend, versetzte er doch äußerlich ruhig:

»Bedenkt Ihr aber auch, liebe Ella, wie die Leute über Euer Verhältnis zu dem Fremdlinge urtheilen? Daß Ihr Euch den übelsten Nachreden aussetzt, wenn Ihr –«

»Was frage ich nach den Leuten und ihrem Gerede?« fiel Ella ihm hastig ins Wort; »überhaupt klingt es wunderbar, daß mein Schulbesuch übel gedeutet werden könnte. Es liegt etwas Ungereimtes in Euren Folgerungen; es geht aus denselben hervor, daß Ihr Herrn Albert hasset, während er, so viel besser als Ihr, nie einen unfreundlichen Gedanken weder gegen mich, noch gegen irgend einen andern Menschen hegt.«

»So zieht Ihr wohl gar den deutschen Träumer mir vor?«

»Ohne Zweifel, wenn Ihr fortfahrt, in solch ungerechtfertigter Weise zu mir zu sprechen.«

»Dann würdet Ihr ihn schließlich auch lieber heirathen als mich?« fragte William, vor Grimm seiner Sinne kaum noch mächtig.

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht,« erwiderte Ella verwirrt, jedoch ebenfalls erregt, »wenn Ihr indessen nicht inne haltet, mich mit derartigen Fragen zu peinigen, dürfte bei einer etwaigen Wahl die Entscheidung schwerlich zu Euren Gunsten ausfallen.«

»Halloh!« hohnlachte William, »die Gerüchte, die über Euch in Umlauf sind, entbehren also doch nicht jeglichen Grundes.«

»Welche Gerüchte?« fragte Ella zornbebend.

»Nun, daß die Tochter eines gewissen begüterten Farmers ihr Herz an einen menschenscheuen deutschen Abenteurer gehängt habe und die Schule nur besuche, um ihrem Lehrer dadurch ihre Leidenschaft so recht klar vor Augen zu legen.«

Ella hielt ihr Pferd an. Ihre zornglühenden Augen maßen den Gefährten mit einem sprechenden Ausdrucke namenloser Verachtung.

»Für so schlecht hätte ich Euch nicht gehalten,« entwand es sich endlich langsam ihren bebenden Lippen, »aber ich danke Euch, daß Ihr mir die Augen sowohl über Euch, als auch über die mich betreffenden Gerüchte geöffnet habt. Ich werde morgen' in aller Frühe zu Herrn Albert hinüberreiten und als Schülerin Abschied von ihm nehmen – ich sehe es ein, ich bin der Schule entwachsen, ich sehe es ein, nachdem Ihr mich in so gehässiger Weise darauf aufmerksam gemacht habt. Durch Euren bösen Willen bin ich also eines hohen, eines harmlosen Genusses beraubt worden. Es läßt sich nicht mehr ändern; ob Ihr aber dadurch Vortheile errungen habt, mögt Ihr selbst entscheiden, denn dies ist die letzte Zusammenkunft zwischen uns Beiden – von nun an kenne ich Euch nicht mehr.«

So sprechend wendete sie sich ab und ihr Pferd antreibend ritt sie hastig davon.

William hielt noch immer auf derselben Stelle; seine Zähne knirschten laut auf einander; seine Augen glühten unheimlich, indem er der sich Entfernenden sprachlos nachstarrte.

Endlich erschallte ein gräßlicher Fluch und drohend hob er die Faust.

Ella sah es nicht; kein einziges Mal schaute sie zurück; das Haupt sinnend geneigt, verfolgte sie ihren Weg der heimatlichen Farm zu.

»Der deutsche Schulmeister!« rief William von thierischer Wuth befallen aus, »ich werde ihn lehren, was es bedeutet, sein Amt zu mißbrauchen und sich in das Herz seiner Schülerin einzuschleichen!«

Dann spornte er unbarmherzig sein Pferd, und querfeldein galoppirte er, als ob die wild empörten sträflichen Leidenschaften in seiner Brust sich als eine hetzende Meute an seine Fersen gehangen hätten. – –

Die ersten Strahlen der über die östliche Waldung auftauchenden Sonne spiegelten sich in den zahllosen Thautropfen auf dem Rasenplatze vor den beiden Schulgebäuden, als Ella auf dem gewohnten Wege ihr Pferd nach der Lichtung hinauflenkte. Ein trüber trauriger Ausdruck lagerte auf ihrem sonst so lebenslustigen, heitern Antlitz, und wie unbewußt mäßigte sie den schnellen Schritt ihres Thieres. Es war, als hätte sie den Zeitpunkt des Abschieds von den lieben Blockhütten so weit wie möglich hinausschieben wollen. Suchend schweiften ihre Blicke über den Garten; nirgends entdeckte sie ein Zeichen von Leben. Ein gleichsam sonntägliche Stille ruhte auf Wald und Flur; nur die Drosseln und Blaukehlchen sangen im Dickicht, während die Grillen und Heimchen sich vergeblich bemühten, ihren vom Thau befeuchteten Trommelfellchen die gewöhnlichen schrillen und rasselnden Wirbel zu entlocken.

Ella war an diesem Morgen taub für die Stimmen der Natur, kaum daß sie ihr Pferd beachtete, als dasselbe, vertraut mit dem so vielmals zurückgelegten Wege, vor den Hütten vorüberschritt und sich nach dem alten benagten Gerüst hinbegab.

Die Thüre der kleinen Hütte stand offen; eben so waren die beweglichen, zum Verschluß des Gartens dienenden Holzplanken zurückgezogen worden, von Albert dagegen entdeckte sie nirgend eine Spur. Es befremdete sie dies wohl, doch beschleunigte sie immer noch nicht ihre Bewegungen, als sie die Zügel über einen der nächsten Pflöcke warf und demnächst gewandt zur Erde sprang.

Langsam schritt sie nach der geöffneten Hausthüre hin.

»Herr Albert!« rief sie hinein, und als keine Antwort erfolgte, begab sie sich ohne Säumen zwischen den beiden Hütten hindurch nach dem Garten.

Auch hier spähte sie ein Weilchen vergeblich nach dem Gesuchten, bis sie, in den Hauptweg einlenkend, ihn endlich auf dem andern Ende des Gartens tief gebeugt auf einem Holzschemel sitzen sah.

Mit der ihr angeborenen Leichtigkeit näherte Ella sich ihm. Aber erst als sie dicht vor ihm stand, wurde er sie gewahr, und indem er sich mit einem schwermüthigen Lächeln der Ueberraschung emporrichtete, bemerkte Ella, daß er geweint hatte.

»Mein Gott, was ist vorgefallen?« fragte sie erschreckt, als Albert sich erhob und sie mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes begrüßte. »Ach,« antwortete Albert traurig, und matt wies er mit der Hand über seine Baumschule hin, »die einzige Herzensfreude, zu welcher der einsame, heimatlose Fremdling noch berechtigt war, hat man mir nicht gegönnt.«

Ella sah um sich, und sie glaubte ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie entdeckte, daß alle die jungen, mit so unsäglicher Sorgfalt und Liebe ins Leben gerufenen und gepflegten Bäumchen und Schößlinge, viele Hundert an der Zahl, mittelst eines scharfen Messers dicht über der Wurzel abgeschnitten worden waren.

Lange vermochte sie vor Entsetzen kein Wort hervorzubringen. Als sie sich dann endlich Albert wieder zuwendete, da schwammen ihre Augen in Thränen der Theilnahme und des Zornes.

»Der Elende – er hat es gewagt,« sprach sie mit hochwallendem Busen, »der Verbrecher – einen Mord hätte ich ihm leichter verziehen –«

»Nicht doch, nicht doch, Ella,« fiel Albert dem entrüsteten jungen Mädchen begütigend in die Rede, »wer auch immer diese tadelnswerthe Handlung begangen haben mag, Vortheil kann ihm unmöglich daraus erwachsen sein – freilich – mein Schade ist unersetzlich, doppelt, weil ich nicht den Muth besitze, eine neue Baumschule anzulegen; muß ich doch stets befürchten, meiner lieben, dankbaren Kinder immer wieder beraubt zu werden – und das ist ein großer Schmerz. Ich werde außer meinen Blumen, meiner Musik und meinen Büchern nichts mehr haben, was ich mit treuer Liebe pflegen könnte, und das mich dafür mit so mancher Stunde herzlicher Freude belohnte.«

Indem Albert dies sagte, äußerte sich in seinen Worten wie im Tone seiner Stimme eine so tiefe Niedergeschlagenheit, eine so unendliche Entsagung, daß Ella sich unwillkürlich abwendete, um ihre strömenden Thränen zu verbergen. Einige Sekunden stand sie wie zweifelnd da; dann sich plötzlich entscheidend, schritt sie langsam und gesenkten Hauptes davon. Aber schon in der nächsten Minute befand sie sich wieder vor Albert, und seine Hand mit Hastigkeit ergreifend und ihr vor Verwirrung glühendes Antlitz ihm voll zukehrend, hob sie mit bewegter Stimme an:

»Ich bin heute gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, Herr Albert, ich darf Ihre Schülerin nicht länger bleiben.«

»Auch das noch!« versetzte Albert mit einem schmerzlichen Seufzer, »aber Du hast recht, mein liebes, liebes Kind; wir sprachen bereits gestern darüber. So ungern ich Dich verliere, die Du immer mein Liebling, meine Herzensfreude warst, ich kann Deinen Entschluß nur billigen.« »Und ahnen Sie nicht, wer die Schuld an dieser Verwüstung trägt?« fragte Ella leiser, ihre Augen flüchtig vor den wohlwollenden Blicken ihres Lehrers senkend.

»Ich ahne es nicht, wünsche es auch nicht zu wissen,« antwortete Albert schwermüthig; und schmeichelnd, wie er vor Jahren zu thun pflegte, strich er mit der Hand über Ella's Haupt; »solltest Du indessen genauere Kunde darüber haben, so verschweige es mir. Ich will den Thäter nicht kennen, um ihm, im Falle eines Zusammentreffens, nicht unfreundlicher, als andern Menschen zu begegnen.«

»So hören Sie denn, Herr Albert,« nahm Ella zwar zögernd, jedoch mit einer glühenden Entschlossenheit jetzt wieder das Wort, »wenn ich Ihnen auch den Namen des eigentlichen Thäters verschweige, so darf ich doch nicht verheimlichen, daß ich die unschuldige Ursache des Frevels gewesen bin, den man an Ihnen verübte. Ja, ich war die Ursache, daß man Ihnen die lieben Pfleglinge raubte und daß Ihr Leben Ihnen jetzt doppelt trostlos und vereinsamt erscheint. Ein Bäumchen ist Ihnen aber noch geblieben, Herr Albert, ein schwankes Reis, welches Sie nicht minder liebevoll und sorgfältig pflegten, als alle die kleinen armen Leichen dort; ein schwankes Reis, welches sich auch fernerhin auf Sie stützen und sich von Ihnen pflegen lassen möchte, jedoch nicht mehr als Schülerin – sondern – Herr Albert – ich meine –«

Heftiges Schluchzen erstickte Ella's Stimme; sie wollte entfliehen, allein ihre Hand ruhte noch immer in der Alberts, der dieselbe mit einem unbeschreiblichen Gefühl neu erwachender Lebenswärme umschloß.

»Du, Ella? Du wolltest – das?« fragte er stockend, und wie das Emporglühen eines tröstlichen, glückliche Tage verheißenden Morgenroths, strahlte es aus seinen überraschten Zügen, klang es aus seiner fast schüchternen Stimme hervor.

Ella lächelte unter Thränen. Sprachlos vor jungfräulicher Verwirrung vermochte sie nur, kaum bemerkbar, zustimmend zu nicken.

Da legte sich Alberts Hand wieder auf ihr Haupt. »So segne Dich denn Gott, Du gute, treue Ella,« sprach er tief bewegt, »segne er Dich für Deine Liebe, segne er Dich für jedes von Dir gesprochene Wort, für jeden Deiner frommen Gedanken – Du edles, unschuldiges Herz, – segne er Dich dadurch, daß es mir gelinge, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es jetzt schon durch Dich geworden bin.«

Ella aber war an seine Brust gesunken, ihr holdselig erröthendes Antlitz an seiner Schulter verbergend. Albert wollte weiter sprechen, doch seine Stimme stockte unter der Wucht der ihn fast überwältigenden Empfindungen. Die Gegenwart hielt er so warm, so innig in seinen Armen; über ihm aber schwebte, wie ein süßes Traumgebilde, die Vergangenheit, den neuen Bund mit frommem Spruch segnend und weihend.– –

Als die ersten Herbststürme über den entfärbten Wald hintobten, war Ella bereits als Alberts Gattin in die erweiterte und behaglich eingerichtete Häuslichkeit auf dem Ufer des Kaskaskia eingezogen.

Ihrem Wunsche gemäß blieb Albert seinem Berufe treu; von Allen geliebt und geachtet versieht er vielleicht heute noch auf derselben Stelle gewissenhaft das Amt eines Lehrers der Jugend.

Auch eine neue Baumschule wurde sehr bald wieder angelegt; derselben drohte keine Gefahr mehr, seit William, über sein Thun von Scham erfüllt, die Landschaft verlassen, und sich nach Kalifornien gewendet hatte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.