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Westliche Fährten

Balduin Möllhausen: Westliche Fährten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorBalduin Möllhausen
booktitleWestliche Fährten
titleWestliche Fährten
publisherVerlag von Otto Janke
year1873
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070411
projectid705ed2fa
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Der Christabend in der Blockhütte.

In langen Athemzügen fuhr der Nordweststurm über die winterliche Prairie. Fallenden und gefallenen Schnee trieb er in Wolken vor sich her. Hier füllte er tiefe Thalsenkungen aus, dort trieb er Flocken und seine Eiskrystalle in mächtige Bänke zusammen, um sie demnächst wieder auseinander zu jagen und von Neuem auf die Wanderung zu schicken. Weit, sehr weit kamen viele dieser kleinen kaltherzigen Reisenden schon her: manche aus der Nachbarschaft der Rocky-Mountains und vom oberen Yellow-Stone-Flusse, manche aus dem Quellgebiet des Nebraska und von den Abhängen der Black-Hills. Auf den unabsehbaren, weißen Flächen, wo durch mehrfachen Wechsel des Wetters eine spiegelglatte Bahn entstanden war, stäubten sie vor dem erstarrenden Lufthauche mit rasender Schnelligkeit einher, daß die von den Wolken gespendeten und vom Winde getragenen frischen Flocken kaum gleichen Schritt mit ihnen zu halten vermochten. Sie legten binnen wenigen Tagen Wegesstrecken zurück, zu welchen ein gut berittener Wanderer mindestens eben so viele Wochen gebraucht hätte.

Erst in der Nähe des Missouri, wo Haine und zusammenhängende Waldungen dem Sturme trotzig die Stirne boten, gelangten sie zur Ruhe, um erst wieder von der warmen Frühlingssonne aus ihrer Erstarrung wachgerufen und in befruchtende Feuchtigkeit verwandelt zu werden. Bis zum Märzmonat war es indessen noch sehr lange hin, und dazu heulte und tobte der unbändige Nordwester, als hätte er die Oberherrschaft in den Prairien und den angrenzenden Territorien bis in die Ewigkeit hinein ausdehnen wollen. Vorzugsweise waren es die abgesonderten Haine, an welchen er seine Kraft erprobte, und die Farmen, die auf der äußersten Grenze der Civilisation spärlich zerstreut auf solchen Punkten errichtet worden waren, wo neben einem nie versiegenden Wasservorrath, culturfähiges Wiesenland und Brenn- und Baumaterial lieferndes Gehölz das Ansiedeln begünstigten.

In der Entfernung einer Tagereise von der auf dem rechten Ufer des Missouri emporblühenden Stadt Kansas, von der nächsten Farm aber durch eine Strecke von sieben oder acht englischen Meilen getrennt, lag ein derartiges einsames Gehöft. Wie groß dasselbe und wie weit der Besitzer es durch Fleiß und Sparsamkeit schon gebracht hatte, war unter dem tiefen Schnee nicht genau zu verfolgen; konnte doch die mächtige Schneebank, welche sich hinter der kleinen Blockhütte und dem dazu gehörenden Schuppen und vor dem Schutz gewährenden Haine aufthürmte, eben so gut eine Reihe von Ställen und sonstigen landwirthschaftlichen Einrichtungen verbergen, wie eine Gruppe gefällter und mit Bedacht angesengter Bäume, Brombeerranken und dichtes Hasel- und Sassafrasgebüsch. Ein kundiges Auge hätte vielleicht aus dem mäßigen Umfange des sich auf der Ostseite des schmalen Waldstreifens ausdehnenden Ackers, dessen Grenzen nothdürftig an den Einfriedigungsstützen erkennbar, berechnet, daß hier nur zwei Hände und zwei Händchen, und zwar erst seit wenig mehr als Jahresfrist sich zur schweren Arbeit treu vereinigten. –

Zwei Hände und zwei Händchen, das war Alles, was die Blockhütte belebte, was den in dem engen Schuppen sicher untergebrachten drei Zugochsen, der einzigen Kuh und den beiden Pferden das Futter reichte, was die anderthalb Dutzend Hühner pflegte, das Holz spaltete, das Feuer in dem von Feldsteinen wenig künstlerisch aufgeführten Kamin unterhielt und endlich die Speisen herbeischaffte und zubereitete, welche dem daselbst hausenden jungen Ehepaar zur Nahrung dienten.

Zwei Hände und zwei Händchen; zwei Herzen, die in Liebe für einander schlugen und in dem gegenseitigen Besitz ihr einziges Glück, ihren einzigen Trost für die ihnen auferlegten harten Prüfungen fanden. Um sie herum aber mit den vor Heißhunger sich den Ansiedlungen nähernden Wölfen um die Wette, heulte an diesem Abend der Sturm, wirbelten die leicht beweglichen Schneemassen und krachten und zersplitterten die dürren Zweige der Bäume und diese selbst, wenn ihr alterndes Mark dem gewaltigen auf sie ausgeübten Druck keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegen zu stellen vermochte.

Es war eine schauerliche Nacht. Selbst das verhangene Mondlicht, welches der schneerfüllten Atmosphäre eine bleiche Färbung verlieh, hatte in diesem Kampfe der aufgeregten Elemente nichts Tröstliches; es diente vielmehr dazu, den Charakter gefahrdrohender Vereinsamung in dem wilden Chaos zu erhöhen, die Brust mit Angst zu erfüllen. –

In dem geräumigen Kamin der Blockhütte loderte ein helles Feuer, welches, von kernigen Hickoryblöcken ausströmend, eine behagliche Wärme verbreitete.

Das durch einen Vorhang in zwei ungleiche Hälften geschiedene einzige Gemach war niedrig, indem außer dem Schindeldach eine mit Brettern, Zweigen und Heu beschwerte Balkenlage dasselbe von oben her schützte. Die Spalten und Fugen zwischen den Mauerbalken waren dagegen sorgfältig verstopft und verkittet worden, während man das einzige kleine Fenster, um die Zugluft auszuschließen, ringsum mit Papier verklebt und die Thüre mit einem festgeflochtenen Strohkranz umgeben hatte. Aus dem einfachsten Material zusammengefügte Sessel und ein größerer Tisch bildeten die Hauptmöbel; Pflöcke, in die Wände eingetrieben, und darüber hingelegte Bretter vertraten die Stellen von Schränken und Kommoden. Andere Pflöcke trugen eine Guitarre, mehrere Aexte, zwei Gewehre und sonstige Jagdgeräthschaften; in den Ecken lehnten Schaufeln und Hacken, wogegen der an die Rückwand gestellte kleinere Tisch als Küchenspind diente und zugleich der Bibliothek eingeräumt worden war. Letztere bestand aus einer nur geringen Anzahl von Bänden, höchstens fünfundzwanzig, aber es waren Werke, bei deren bloßem Anblick das Herz eines Deutschen, namentlich in fernen fremden Landen, sich gehoben fühlt und welche immer und immer wieder zu lesen er nicht leicht ermüdet.

Einen eigenthümlichen Zuwachs erhielt die Bibliothek durch den immerwährenden Kalender, der mittelst Kreide sinnig oberhalb des Tisches auf die glatt behauenen Balken aufgetragen worden war. Da sah man nämlich auf einer durch längeres Benutzen bereits weißgefärbten Fläche das Wort »Dezember«. Unterhalb dieses reihten sich an einander die Anfangsbuchstaben der sieben Wochentage, die wieder die Zahlen von einundzwanzig bis siebenundzwanzig krönten.

Es war die Weihnachtswoche; mehrere Tage waren seit dem Sonntage verstrichen, aber noch immer standen die sieben Zahlen unter den sieben Buchstaben. Es schien, fast, als hätte man den sonst mit so viel Gewissenhaftigkeit geführten Kalender vergessen, oder als hätten die Hand und das Händchen eine heimliche Scheu empfunden, sich dem doppelt unterstrichenen Weihnachtsfest zu nähern, welches so einsam am Rande einer endlosen Wildniß verbracht werden sollte.

Die Hand und das Händchen! Beide wurden grell beleuchtet von den polternden und knisternden Flammen. Auf dem Händchen ruhte ein liebliches, braungelocktes, jedoch von Trauer und banger Erwartung scharf gezeichnetes Haupt, welches wehmüthig sinnend in die helle Gluth schaute. Auf die männlich kräftige Faust dagegen stützte sich ein jugendlich bärtiges Antlitz, dessen dunkelblaue Augen mit einer gewissen Theilnahme die Funken beobachteten, die unter der von der andern Faust gehaltenen Schürstange in den schwarzen Schlot hinaufwirbelten.

Minuten waren verronnen, seit die beiden jungen Eheleute das letzte Wort wechselten. Da hob die Frau, als ob sie durch einen in den Rauchfang hinabheulenden Windstoß aus ihrem Sinnen wach gerufen worden wäre, plötzlich das Haupt empor, und das etwas bleiche Antlitz dem Gatten zukehrend, fragte sie mit ängstlichem Ausdruck, worüber er so ernst nachdenke.

»Worüber ich nachdenke?« fragte dieser, wie zerstreut, zurück, aber aus seinen Augen, indem er dieselben auf die Gattin richtete, strahlte eine ganze Welt voll Liebe und Wehmuth; »solltest Du nicht ahnen, was mir am nächsten liegt, Du liebe, treue, Du gesegnete Marie?«

Frau Marie sah erröthend vor sich nieder. Eine liebliche Vision schien vor ihrem Geiste vorüberzuziehen, der indessen fast augenblicklich ein schmerzliches, beängstigendes Gefühl nachfolgte.

»Ich weiß, Gerhard, o, ich weiß es,« flüsterte sie mit einem tiefen Seufzer, »Du gedenkst des holden Gastes, der bei uns einzukehren verspricht; Du vergegenwärtigst Dir, wie wenig wir ihm außer unserer zärtlichsten Liebe zu bieten haben; Du erwägst alle Möglichkeiten, alle bösen Zufälle, denen wir ausgesetzt sind –«

»Nicht doch, nicht doch, Marie,« bat Gerhard aufmunternd, indem er der Gattin Hand mit Innigkeit drückte, »ich gedenke nur der schönsten Möglichkeiten; aber auch Du solltest zuversichtlich hoffen, daß die Zeit Rath bringt.«

»Aber die Zeit ist ja gar nicht mehr ferne,« versetzte die junge Frau, und Thränen drangen unaufhaltsam in ihre schönen dunkeln Augen.

»Der Schnee muß vorher geschmolzen sein,« erwiderte Gerhard freundlich tröstend, »und die ersten Frühlingsblumen müssen blühen, damit in ihrer Gesellschaft uns die beiden neuerschlossenen Augensternlein entgegen lächeln.«

Die beiden Händchen, durch ungewohnte, jedoch mit seltener Willenskraft ausgeführte Arbeiten leicht gebräunt, führten die schwielige Hand an die weichen Lippen. Zwei Thränen fielen auf dieselbe. Frau Marie bezwang sich indessen, und dem Gatten schwermüthig zulächelnd, deutete sie auf den immerwährenden Kalender.

»Weißt Du genau, welches Datum wir heute schreiben?« fragte sie schüchtern, wie sich fürchtend vor den auf sie einstürmenden Rückerinnerungen.

Gerhard warf einen trüben Blick auf die noch unberührt gebliebene Zahlenreihe.

»Ich vergaß, den verflossenen Tag jedesmal auszustreichen,« antwortete er mit erzwungenem leichtem Tone, »wir müssen heute – wenn ich nicht irre« –

»Den vierundzwanzigsten December schreiben,« fiel Marie mit unverkennbarer Anstrengung ein.

»Nein, nein, ich glaube nicht,« versetzte Gerhard hastig, »wir haben heute entweder den fünfundzwanzigsten oder den sechsundzwanzigsten. Der heilige Abend ist vorübergegangen, ohne daß wir ihn beachtet haben.«

»Du wünschest, er möchte unbeachtet vorübergegangen sein,« wendete Marie ein, indem sie ihrem Gatten tief ergriffen um den Hals fiel, »Du willst mir die lebhafte Erinnerung an die entschwundenen Zeiten ersparen, mir die Gelegenheit rauben, mich in trübe Betrachtungen zu versenken; ach, nur darum und darum allein vernachlässigtest Du Deine sonst so gewissenhafte Kalenderführung. O, ich verstehe Deine Absicht; Du hältst mich für schwach, ohne zu erwägen, daß selbst in den traurigsten Rückerinnerungen ein, wenn auch schmerzlicher Genuß liegt. Ja, heute ist der heilige Abend, derselbe Abend, an welchem ich so oft durch den im hellsten Lichterglanz strahlenden Weihnachtsbaum entzückt und beglückt wurde – freilich, hier auf der Grenze der Wildniß wird kein Baum mehr für mich geschmückt, dafür aber habe ich Dich und neben Dir noch eine süße Hoffnung, und wenn wir in früheren Jahren durch mancherlei Geschenke und Überraschungen erfreut wurden, so wollen wir uns heute in der Erinnerung einen Weihnachtstisch aufbauen und selbst die Thränen willkommen heißen, welche uns durch diese Rückblicke in die Augen getrieben werden.«

Sie erhob sich. In ihren guten Augen glänzten wirklich Thränen. Entschlossen trat sie vor den Tisch hin und den Zipfel eines an der Wand hängenden Tuches ergreifend, vernichtete sie bedächtig die drei ersten Zahlen des Kalenders bis zur vierundzwanzig.

Mit tiefer Rührung beobachtete Gerhard seine Gattin. Ihm war, als hätte sein Herz brechen müssen, indem diejenige, von der er alle traurigen Eindrücke fern zu halten wünschte, gerade die Rückerinnerungen herausforderte, offenbar um ihm zu beweisen, wie fremd ihr jeder Gedanke an einen Vergleich der Gegenwart mit einer verhältnismäßig glänzenden Vergangenheit sei.

»Heute ist also Weihnachtsabend,« fuhr Marie gleich darauf fort, und sie lächelte unter Thränen, indem sie auf die Vierundzwanzig wies; »feiern wir ihn daher auf unsere Art und so gut es in unsern Kräften steht. Ich setze mich so recht warm an Deine Seite, meine Hand ruht in der Deinigen, so daß ich den Schlag Deines treuen Herzens fühle; dann schauen wir in die Flammen, die im Aufflackern so wunderliche Figuren zeichnen, und dabei gestatten wir der Phantasie, zu wandern, weit fort, so weit sie nur immer will, ohne ihr Schranken zu ziehen. Je schöner die Bilder sind, welche wir aus der hellen Gluth herauslesen, um so besser für uns; schleichen sich aber einzelne traurige mit ein, dann wollen wir ihnen ohne Scheu begegnen und ihnen recht aufrichtige Thränen weihen. Zu sprechen, ich meine zu schildern, was das geistige Auge jedesmal sieht, brauchen wir nicht; nur gelegentlich, wenn ein feierliches Gefühl in uns erwacht, wie vor Zeiten beim Klange der Glocken, die summend zum Abendgottesdienst riefen, ja, dann wollen wir uns gegenseitig anvertrauen, was uns entweder schmerzlich oder freudig und hoffnungsvoll bewegt. So, mein guter, guter Mann,« fuhr die liebliche junge Frau fort, indem sie, halb lächelnd, halb weinend, sich zutraulich an den Gatten anschmiegte, ihm schmeichelnd das blonde Lockenhaar von der Stirn strich und eine Thräne von seiner Wange küßte, »nun habe ich Dir mit meinen Worten einen Weihnachtstisch gedeckt; denke, es sei die freundliche Ueberraschung, von welcher Du so lange geheimnißvoll sprachst, eingetroffen, und nun laß uns in die Flammen schauen, so lange und so ernst, bis wir wähnen, plötzlich in eine andere Welt versetzt zu sein.«

»Ja, die Ueberraschung, von der ich sprach,« erwiderte Gerhard, kaum noch fähig, die Rührung zu verbergen, welche sich bei dem erzwungen heiteren Wesen der Gattin um sein Herz legte; »wenn nur der Pedlar gekommen wäre.«

»Erwartetest Du ihn?«

»Da es doch einmal zu spät ist, will ich es einräumen: Ja, ich erwartete ihn, um durch seinen Beistand Dir eine Freude zu bereiten, welche Dich an Deine früheste Jugendzeit erinnern sollte.«

»Mir?«

»Ja, Dir, meiner lieben, herzigen Marie. Draußen im Schuppen, verborgen zwischen Stroh und Heu, liegt ein Tannenbäumchen, welches ich schon vor vierzehn Tagen heimlich herbeischaffte. Dies Bäumchen wollte ich Dir ausschmücken mit Lichten und sonstigen der Gelegenheit entsprechenden Gegenständen, welche vor dem heutigen Abend zu bringen, Wesel mir feierlich zugesagt hatte, und nun ist er nicht gekommen.«

»Das Wetter wird ihn zurückgehalten haben,« bemerkte die junge Frau mit unverkennbarer Trauer, doch fuhr sie tröstend fort: »Nehmen wir indessen an, unser alter Freund habe trotz Sturm und Schnee seinen Weg zu uns herausgefunden und Dir die Mittel zu einer freundlichen Überraschung an die Hand gegeben. Was aber die Überraschung selbst betrifft, mein lieber, lieber Gerhard, da wollen wir jetzt wirklich in die Flammen schauen und in Gedanken einen Weihnachtstisch vor uns hinzaubern, wie er noch nie schöner und lieblicher das Auge eines Sterblichen entzückte. Nichts, nichts soll auf demselben fehlen, weder der Baum, noch die Lichte, noch – noch –« Ihre Stimme war leiser und inniger geworden, als ob sie bereits in Bewunderung der vor ihr in der Gluth entstehenden Bilder versunken gewesen wäre; und doch erfüllte sie in diesem Augenblick nur das einzige Streben, ihre wahren Gefühle vor dem Gatten zu verbergen, ihn nicht noch trauriger zu stimmen, wie sie wußte, daß er bereits in seiner Seele war. Aber auch Gerhard fürchtete, durch Fortsetzung des begonnenen Gespräches immer neue Saiten zu berühren, welche in der Brust seiner Marie einen schmerzlichen Nachhall fanden, und wie diese spähte auch er nunmehr schweigend in die Flammen, die indessen nur von glänzenderen Zeiten und sorgenfreieren Tagen zu erzählen wußten und daher am wenigsten zu der erhofften Aufheiterung der einsamen jungen Eheleute beitrugen. –

Der Sturm heulte unterdessen in seiner alten, unveränderten Weise weiter. Er spielte mit Schneeflocken, hartgefrorenen und knisternden Baumzweigen; er spielte mit der Rauchsäule, die dem niedrigen Schornstein der Blockhütte entstieg und bei ihrem Erscheinen über der Esse sogleich in die allerkleinsten Theile zerstob. Er spielte sogar mit den Flammen in dem breiten Kamin, indem er gelegentlich in den Schornstein hineinhauchte und das unheimliche Geräusch vervollständigte, welches eine angemessene Begleitung zu dem Knistern und Poltern der Flamme bildete und so sehr den Bildern entsprach, welche die beiden Gatten aus dem sich beständig verändernden Gluthhaufen herauslasen.

O, diese Bilder! sie erzählten von einer langen, langen Bekanntschaft, von einer Liebe, die, bei kindlichen Spielen gekeimt und durch unerschütterliche Treue geweiht, endlich nach manchem herben Kampfe gegen ein wenig freundliches Geschick zu ihrer Vereinigung geführt hatte. Sie erzählten von einer Reihe schöner, lieber Weihnachtsbäume und von treuen zärtlichen Augen, die mit Wohlgefallen die Neigung der beiden Nachbarskinder beobachteten und ihnen still und heimlich eine glückliche Zukunft verhießen. Aber auch Trauerbilder zauberten die bald hell leuchtenden, bald sich verdunkelnden Kohlen vor die schwermüthig zu ihnen niederschauenden Augen hin; Bilder, deren Mittelpunkt ein im Tode erkaltetes Mutterherz, um welches sich weinend alle diejenigen schaarten, die so lange den reichen Segen desselben genossen hatten. Schwarz schimmerten die von den glimmenden Kloben losbröckelnden Theile, schwarz, wie der Sarg, in welchem die irdischen Ueberreste der treuen und sorgsamen Gattin und Mutter zu Grabe getragen wurden. Der Sturm heulte, das brennende Holz knisterte; in Marie's Ohren klang es wie das Rasseln von Lehmschollen und Steinen auf hohl liegende Bretter. Heiße Thränen rannen über ihre Wangen und fester drückten die beiden schlanken Händchen die zwischen ihnen ruhende Hand.

Sausend fuhr es jetzt wieder in den Schornstein hinab, und wie durch Zauber strahlten die eben noch scheinbar erlöschenden Kohlen in gleißnerischem Feuer. Ja, diese Feste, die auf das friedliche stille Leben in dem elterlichen Hause folgten! Sie galten derjenigen, die eingezogen war, dem vereinsamten Manne die Gattin, der verwaisten Tochter die Mutter zu ersetzen. Sie war eingezogen lächelnden Antlitzes, wie um Alles ringsum zu beglücken; lächelnden Antlitzes trat sie zwischen den Vater und die sich lieblich entfaltende Tochter, das zwischen ihnen bestehende Vertrauen untergrabend und sie einander entfremdend. Lächelnd suchte sie auch, sich zwischen die bange hoffende Jungfrau und deren Jugendfreund zu drängen und nach eigener Maßgabe über die Hand der Stieftochter zu Gunsten eines entfernten Verwandten zu verfügen. Doch was ihr bei dem Vater glückte, das schlug fehl gegenüber den beiden Herzen, die nicht mehr von einander lassen konnten noch wollten; gegenüber den beiden Herzen, die sogar den Zorn eines aufgebrachten Vaters nicht scheuten und, um den Preis ihrer Vereinigung, der Heimat entsagten und sich für ein beschwerliches und abgeschiedenes Leben in fernen fremden Landen entschieden.

Zwischen dem Vater und der Tochter und deren Gatten stand aber auch jetzt noch immer die kalt lächelnde Stiefmutter. Das eisige Lächeln prägte sich sogar in den spärlich einlaufenden Nachrichten aus und in den mit dem Gift falscher Freundlichkeit umhüllten Zurückweisungen der über das Weltmeer fort dem Vater zugesendeten Liebesgrüße. Da traf ein Brief von dem Vater selbst ein. Es war der erste und zugleich der letzte. Er enthielt in seinen wenigen Zeilen die ganze Bitterkeit, die ganze Unversöhnlichkeit, welche die von einer plötzlichen tödtlichen Krankheit dahingeraffte zweite Gattin ihm in ihren letzten Lebensstunden gleichsam als ein Vermächtniß übertragen hatte. Er war wieder vereinsamt, vereinsamter, denn je; und so tief hatte ihn dieser neue Verlust erschüttert, daß er es dem Andenken der Verstorbenen schuldig zu sein glaubte, auch fernerhin seine väterlichen Gefühle niederzukämpfen und eine noch unübersteiglichere Scheidewand zwischen sich und die Tochter zu ziehen, die sich gegen seinen Willen auf Nimmerwiederkehr von ihm getrennt hatte.

O, dieser Brief! Vor wenigen Monaten erst eingetroffen, hatte er der jungen Frau zahllose heimliche Thränen gekostet.

Gerhard aber beobachtete mit unsäglichem Weh, wie das Andenken an den Vater den Frohsinn und den Lebensmuth der Gattin untergrub und ihren Wangen die sonst so frische Farbe der Gesundheit raubte. Und sie hatten auf diesen letzten Brief geantwortet, sie hatten geschrieben, wie Menschen, die sich in einer sorgenfreien Lage befinden; nicht gebettelt um Beihülfe in ihrer Bedrängniß, nicht gefleht um Verzeihung für einen Schritt, welchen gethan zu haben Keiner von ihnen bereute. Aber zu trösten hatten sie versucht und um freundliche Aufnahme der unter heißen Thränen niedergeschriebenen Liebesworte gebeten, und Andeutungen mit diesen verflochten, welche an süße Hoffnungen und geheiligte Mutterfreuden erinnerten. Aber Monate waren seitdem verstrichen und noch immer harrte man vergeblich auf eine Antwort, auf die man doch mit so viel Zuversicht gerechnet hatte.

Wie brechende Augen, die sich matt öffnen und schließen, wechselten die Kohlen ihr aschiges Schwarz mit feurigem Roth und umgekehrt; die noch safthaltigen massiven Holzblöcke zischten und krachten. Tiefer hatten sich die beiden jungen Leute dem Feuer zugeneigt, wie um von der ihnen entgegenstrahlenden Hitze die Thränen trocknen zu lassen, die sich auf ihre Wangen stahlen. Die Hände und die Händchen ruhten ineinander und bange klopften die Herzen. Dazu brauste der Sturm und tanzten die Schatten in dem grauen Gemach auf den Blockwänden, als habe ein Heer schadenfroher Kobolde das traurige Ehepaar umschwärmt, es verhöhnend, weil es ihm so schlecht gelang, den prasselnden Flammen tröstliche Gedanken zu entwinden.

Da knurrte der Hund, der seitwärts vom Kamin in einer mit Heu ausgefutterten Kiste lag. Unwillig den zottigen Kopf erhebend, spähte er mißtrauisch nach der Thüre hinüber.

Gerhard und Marie sahen besorgt empor.

»Wer kann das sein?« fragte Letztere ängstlich flüsternd.

»Vielleicht der Pedlar,« antwortete Gerhard, den, Hund aufmerksam beobachtend.

»Schwerlich wird er sich bei dem bösen Wetter hinausgewagt haben,« wendete Marie ein.

»Der Hunger quält die Wölfe,« entgegnete Gerhard, seine innere Unruhe verbergend, »vielleicht hat sich eine dieser Bestien bis hierher verirrt.«

»Sind unsere Rinder gefährdet?«

»Nein, in der Nähe menschlicher Wohnungen wagen die räuberischen Thiere sich nicht an größeres Vieh. Besäßen wir Schafe, wären wir vielleicht gezwungen, sie zu uns herein zu nehmen.«

»Unser Wohnsitz weicht in manchen Dingen doch sehr von der Farm ab, wie wir eine solche als das Ideal unserer Wünsche auszumalen pflegten,« bemerkte Marie, sich auf das erneute Knurren des Hundes dichter an ihren Gatten anschmiegend.

»Gegenwärtig entspricht unser Leben wohl kaum den Bildern, welche wir einst hoffnungsvoll von demselben entwarfen,« erwiderte Gerhard, wie zerstreut, »aber glaube mir, die Tage werden kommen, in welchen wir auf die jetzigen zurückblicken, wie auf« –

Der Hund, der plötzlich emporsprang und laut bellend auf die Thüre zustürmte, unterbrach ihn. Zugleich ertönte draußen die Stimme eines Mannes, der mit unverkennbarer Angst Einlaß begehrte.

»Wesel!« »der Pedlar!« riefen Gerhard und Marie erleichterten Herzens aus, und sogleich eilten sie nach der Thüre, um zu öffnen.

Sie trafen in demselben Augenblick ein, in welchem der Ankömmling sich von außen mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Thür lehnte, so daß er, als Gerhard den Holzriegel zurückschob, bis in die Mitte des Gemaches hineinstolperte und dort kraftlos in die Kniee sank.

»Mein Gott, welches Unglück hat Sie betroffen?« riefen Gerhard und Marie, sobald sie die vertraute Gestalt des Hausirers erblickten, wie derselbe bleich und mit dem Ausdruck des Entsetzens um sich spähte, als hätte er sich darauf besonnen, wohin er gerathen sei.

»Ich habe Euch erschreckt,« antwortete der Pedlar endlich, indem er sich schwerfällig erhob und nach Athem rang, »allein ich konnte nicht anders. Ich bin einer furchtbaren Gefahr entronnen, und an Euch ist es, mir beizustehen, daß nicht andere unschuldige Häupter ein Opfer dieser Gefahr werden – aber Wasser gebt mir – Wasser, und dann will ich weiter sprechen.«

Bis jetzt hatten die beiden Gatten wie betäubt dagestanden; der Anblick des bleichen, mit Blut überströmten Antlitzes, welches ein wirrer Bart und, statt der Kopfbedeckung, ebenso wirres und von Blut klebendes Haar einrahmten, schien sie des Denkvermögens beraubt zu haben. Erst als der Pedlar sich erschöpft auf einen Stuhl vor dem Kamin niederließ und um einen Trunk bat, wich die Erstarrung, welche sich um ihre Herzen gelegt hatte, und angsterfüllt beeilten sie sich, seinen Wunsch zu befriedigen. Längere Zeit dauerte es indessen, bevor der Pedlar Worte fand, sein seltsames und Unheil verkündendes Auftreten zu erklären, dagegen entging es Gerhard nicht, daß er seine Frau mit eigenthümlich zweifelnden und bedauernden Blicken betrachtete und über irgend einen Gegenstand ernst nachzudenken schien.

Plötzlich kehrte er sich mit einer hastigen Bewegung Gerhard zu, und seine Hand ergreifend, fragte er mit fast krankhafter Dringlichkeit, ob er um den Preis eines Menschenlebens sich dazu entschließen könne, seine Gattin auf einige Stunden zu verlassen und ihn auf dem Wege, welchen er gekommen, eine Strecke zurück zu begleiten.

Die junge Frau erbleichte.

»Gerhard, höre, wie es stürmt,« sprach sie leise und mit stockender Stimme, »der Schnee treibt in verschüttenden Massen. Bedenke, wenn Du Dich verirrtest, es wäre Dein Tod und der meinige, und dann der Tod –«

»Ein Verirren ist bei Männern, die vertraut mit jedem Stein auf Tagereisen im Umkreise sind, unmöglich,« fiel der Pedlar noch dringender ein. »Die Straße führt hart am Rande der Waldung hin; die Nacht ist hell, wir brauchen nur die Bäume im Auge zu behalten, um sicher ans Ziel zu gelangen; und den Weg, welchen ich allein zurücklegte, werden wir zu zweien gewiß nicht verfehlen – entscheidet Euch daher schnell, keine Minute ist zu verlieren –«

»Ich soll meine Frau zurücklassen?« unterbrach Gerhard den Redefluß des Pedlars, »allein in dieser schrecklichen Nacht?«

»Gerade die schreckliche Nacht sichert sie gegen jede Störung, und es wäre das erste Mal nicht, daß sie einige Stunden einsam verbrächte.«

»Aber unter andern und gefahrlosen Verhältnissen,« betheiligte Marie sich wieder an dem Gespräch, »und dann auch nur in den allerdringendsten Fällen.«

»Gäbe es wohl einen dringenderen Fall, als einen solchen, bei welchem es sich um die Rettung eines Menschenlebens handelt?« versetzte der Pedlar, indem er sich erhob und statt der verlorenen Kopfbedeckung ein Tuch um sein blutiges Haupt wand.

»Sie wollten fort, ohne Ihrer Verwundung die erforderliche Aufmerksamkeit zugewendet zu haben?« fragte Marie fast tonlos, denn ihr Herz bebte bei dem Gedanken, daß Gerhard sich vielleicht dennoch in die unheimliche Nacht hinauswagen müsse.

»Dazu ist Zeit, wenn wir heimkehren,« entgegnete der Pedlar, »und Sie kennen mich lange genug, um zu wissen, daß ich nie zu einem Unternehmen rathen würde, dem die entsprechende Wichtigkeit mangelt oder bei welchem unser Untergang zu befürchten stände.«

»So sagen Sie wenigstens, um was es sich handelt,« versetzte Gerhard, der allmählich begriff, daß eine heilige Pflicht gebieterisch das schwere Opfer einer kurzen Trennung von seiner Gattin fordere.

»Das ist sehr bald geschehen,« erwiderte der Pedlar schnell, »rüsten Sie sich unterdessen, denn ich wiederhole: Das Leben eines Menschen hängt vielleicht von der nächsten Minute ab; ja, das Leben eines Menschen. Ich verließ nämlich um die Mittagszeit Kansas zu Schlitten und in Begleitung eines Mannes, der, auf seiner Reise nach dem Norden, hier zu übernachten wünschte. Munter und guter Dinge traten wir die Fahrt an; trotz des Schneegestöbers fanden wir gute Bahn, und mein Brauner eilte mit seiner Last dahin, als ob sie nicht schwerer als eine Feder gewesen wäre. Wir kamen sehr schnell vorwärts und erreichten vor etwa einer Stunde die alte Regenschlucht – Ihr kennt sie ja – wo der Weg auf eine kurze Strecke hart am Rande des schroffen Abhanges hin führt. Alles war verschneit, der Weg wie die Schlucht, und nur an den auf dem Rande des Abhanges stehenden Eichen vermochte ich durch das Gestöber hindurch die inne zu haltende Richtung zu berechnen. Der Sicherheit halber bog ich etwas weiter abwärts, als plötzlich das Pferd zu schnauben begann, sich hoch empor bäumte, ungeachtet meiner gewaltigen Anstrengungen gerade auf den Abhang zustürmte und den Schlitten sammt seinem ganzen Inhalte in denselben hinabriß,. Mir schwanden die Sinne, indem ich mit dem Kopfe heftig gegen einen unter dem Schnee verborgenen harten Gegenstand geschleudert wurde. Erst als ich nach einigen Minuten aus meiner Betäubung erwachte, erkannte ich den Umfang des Unheils, welches mich betroffen hatte. Mein Pferd lag halb im Schnee vergraben und kämpfte ohnmächtig, wieder festen Fuß zu fassen; der Schlitten war umgeschlagen und sein Inhalt im Schnee verstreut, oben am Rande der Schlucht heulten die Wölfe, die das ganze Unglück verschuldeten, in erschreckender Weise, ohne sich indessen zu uns herab zu wagen; das Mißlichste aber blieb, daß mein Reisegefährte sich durch den Sturz eine Verstauchung des Fußes zugezogen hatte und sich nicht zu erheben vermochte. Nach einigen vergeblichen Bemühungen, dem Pferde empor zu helfen und mittelst dieses den Verunglückten hierher zu schaffen, entschloß ich mich endlich schweren Herzens, Mann und Pferd vorläufig ihrem Schicksal zu überlassen und Sie um Ihren Beistand zu bitten. Was zur Sicherheit meines Begleiters beitragen konnte, habe ich übrigens gewissenhaft gethan: ich hüllte ihn in die vorhandenen Decken und brachte ihn in eine bequemere und sichere Lage; auch meinen Revolver gab ich ihm, um sich gegen die Wölfe zu vertheidigen, die sich in drohender Weise näherten, und dann begab ich mich auf den Weg, so schnell, wie es meine Kräfte nur erlaubten.«

Als der Pedlar des Angriffs der Wölfe gedachte, hielt Gerhard, der bereits begonnen hatte, sich zu rüsten, plötzlich inne.

»Man hat bis jetzt nie gehört, daß die Bestien sich in dieser Gegend an Menschen gewagt hätten,« bemerkte er zweifelnd, sobald jener schwieg.

»Gerhard, ich fürchte mich nicht, einige Stunden allein zu bleiben,« bemerkte Marie mit einer gewissen Entschiedenheit, denn sie schrieb ihres Gatten Zögern seiner Besorgniß um sie zu, »begleite unsern Freund in Gottes Namen, und verliert keine Zeit, den armen Mann aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien. Ich werde unterdessen Alles herrichten und ihm eine seinem Zustande entsprechende Aufnahme bereiten. Ja beeilt Euch, und jetzt, da ich weiß, daß keine unmittelbare Gefahr Euch bedroht, will ich mich während Eurer Abwesenheit allein dem Gefühl der Besorgniß für den Unglücklichen hingeben, der gewiß unter Todesangst Eurer Ankunft entgegensieht.«

Während Marie mit inniger Wärme, wenn auch nicht ohne Bangigkeit, so zu ihrem Gatten sprach, hatte der Pedlar Gelegenheit gefunden, Gerhard unbemerkt einen bezeichnenden Blick zuzuwerfen, durch welchen er ihn aufforderte, keine weiteren Erörterungen herbeizuführen.

Dieser begriff, daß Wesel, um die junge Frau nicht zu ängstigen, irgend einen besondern Umstand verheimlichte, und anstatt seinen Einwand zu wiederholen, fragte er, ob es rathsam sei, Pferde mitzunehmen.

»Nein, nein, keine Pferde,« antwortete der Pedlar unruhig, »wir würden in dem Schneegestöber Gefahr laufen, sie zu verlieren, oder durch die ihnen zu zollende Aufmerksamkeit bei unserer Arbeit gehindert zu werden. Ist mein eigenes Pferd unfähig geworden, so legen wir den armen Mann in seine Decken gehüllt auf die nackten Schlittenbalken, die bei dem Sturz glücklicher Weise unversehrt geblieben sind, und mit dem Teufel müßte es zugehen, wollten wir nicht, wenn wir selbst uns vorspannen, schneller mit unserer Last hierher gelangen, als mit Benutzung eines vorher aufzuschirrenden und bei dem Schneetreiben vielleicht unwillig gehorchenden Pferdes.«

Gerhard küßte seine Gattin, die ihm behülflich gewesen, sich durch warme Kleidungsstücke gegen das Unwetter zu schützen; dann nahm er die beiden Gewehre, von welchen er das eine dem Pedlar darreichte, und nachdem sie der jungen Frau auf ihre ängstlichen Ermahnungen zur Vorsicht eine glückliche Heimkehr versprochen, traten sie auf den Hof hinaus, wo der wirbelnde Schnee und die Dunkelheit sie alsbald in sich aufnahmen.

Eine Weile blieb Marie neben der wieder verriegelten Thüre stehen, die besorgten Blicke nachdenklich auf den Hund gerichtet, der sich an ihrer Seite befand und welchen mitzunehmen der Pedlar sich ausdrücklich geweigert hatte. Wie eine Centnerlast legte es sich auf ihre Brust; doch nicht als ob das Alleinsein sie mit Furcht erfüllt hätte; aber indem der Sturm über die Blockhütte hinheulte und sie ihres dem Unwetter ausgesetzten Gatten gedachte, beschlich es sie wie bange Ahnungen ihm drohender Gefahren.

Endlich ermannte sie sich.

»Gott wird nicht zulassen, daß ihm ein Leid geschieht,« verriethen die sich leise bewegenden Lippen ihre Gedanken, »und zu Hause bleiben durfte er nicht, wollte er sich nicht eines schweren Vergehens an einem unglücklichen Mitmenschen schuldig machen.«

Getröstet und beruhigt durch solchen Ideengang, begab sie sich an den Kamin zurück, wo sie mit kundigen Händen das Feuer schürte, daß die Flammen gierig in den schwarzen Schlot hineinschlugen und das Gemach bis in seine äußersten Winkel hinein erhellten. Darauf begann sie geschäftig alle diejenigen Vorkehrungen zu treffen, welche ihr zur Aufnahme eines verunglückten und im Schnee halb erstarrten Reisenden als unerläßlich erschienen. – – –

Wesel, der seit Jahren in der Nachbarschaft von Kansas das einträgliche Gewerbe eines Hausirers betrieb und weit und breit bei allen Landbewohnern als ein zuverlässiger Geschäftsmann bekannt war, hatte wirklich alle die ihm von Gerhard übertragenen Einkäufe besorgt, welche, natürlich den Verhältnissen entsprechend, dazu dienen konnten, die in tiefer Abgeschiedenheit lebende junge Frau zu erfreuen und den Christabend nach guter alter deutscher Sitte zu verherrlichen. Kurz vor Mittag trat er, um sich zur Reise durch das Schneegestöber zu stärken, in ein Kosthaus, als plötzlich seine Aufmerksamkeit durch einen alten Herrn gefesselt wurde, der mit ängstlicher Hast in gebrochenem Englisch zwei andere Männer zur Eile trieb. Derselbe war, wie Wesel aus einzelnen Bemerkungen entnahm, in der Frühe erst mit der von St. Louis heraufkommenden Post eingetroffen und hatte große Ungeduld verrathen, seine Reise so bald als möglich fortzusetzen. Auf seine Fragen und Nachforschungen nach einer Fahrgelegenheit hatten sich ihm ein Amerikaner und ein Halbindianer vorgestellt, die sich bereit erklärten, da ihr Ziel mit dem seinigen fast in derselben Richtung liege, ihm und seinen Sachen gegen eine entsprechende Entschädigung einen Platz auf ihrem zweispannigen Schlitten einzuräumen und ihn bald nach Einbruch der Dunkelheit auf Gerhards Farm abzusetzen. Die geschäftige Eile, mit welcher der alte Herr sich nunmehr zur Reise rüstete, hinderte ihn, sich gegen Andere über seine Zwecke zu äußern oder seinen Namen zu nennen, wie Andere wieder wenig geneigt waren, sich viel um einen durchreisenden Fremden oder seine Zwecke zu kümmern. Nur die beiden Männer, denen er sich angeschlossen hatte, beobachteten ein gefälligeres Wesen und erleichterten ihm nach besten Kräften den Verkehr in dem fremden Orte, wogegen er ihnen mit einer sonst nicht landesüblichen Offenherzigkeit sein volles Vertrauen schenkte und sie durch rückhaltlose Schilderung seiner Familienverhältnisse zur größten Eile anzuspornen suchte. Und sie beeilten sich wirklich, den Wünschen ihres Fahrgastes entgegenzukommen, namentlich sobald sie des Pedlars ansichtig wurden, wie derselbe von der Hausthüre des Kosthauses aus ihren bereits bespannten und mit dem Gepäck des Reisenden beladenen Schlitten betrachtete. Als er aber Miene machte, mit dem Fremden ein Gespräch anzuknüpfen, leerten sie schnell ihre Gläser, worauf sie, den alten Herrn gleichsam mit sich fortreißend, hinauseilten und in dem Schlitten Platz nahmen. Schnell, wie alle Bewegungen ausgeführt wurden, fand der Pedlar doch Gelegenheit, den Namen auf einem kleinen, festgearbeiteten Tragekoffer zu lesen, dessen hohen Werth der alte Herr dadurch bekundete, daß er ihn nicht aus der Hand legte, sondern beim Niedersitzen unterhalb der Decken auf seine Knie schob. Der Name überraschte den Pedlar und er trat hastig hinaus, um den Besitzer desselben anzureden. Der Halbindianer, welcher Zügel und Peitsche führte, errieth indessen seine Absicht, und bevor Wesel seine Frage, wohin der Herr Wolter sich zu begeben gedenke, ausgesprochen hatte, lehnten die mit Heftigkeit angetriebenen Pferde sich in ihre Geschirre und gleich darauf war der Schlitten in dem Schneegestöber verschwunden.

Ein Weilchen blickte der Pedlar argwöhnisch in die Richtung, in welcher der Halfbreed und sein Genosse ihren Gast entführt hatten, dann begab er sich in das Kosthaus zurück, jedoch nur, um sich zu überzeugen, daß Niemand über den erst vor wenigen Stunden eingetroffenen Fremden und noch weniger über die ihn leitenden Zwecke unterrichtet war. Er konnte also spurlos verschwinden, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, Nachforschungen nach ihm anzustellen. Eine unbesiegbare Unruhe bemächtigte sich seiner. Er kannte den Halfbreed und seinen weißen Genossen als Leute, welchen das Schlimmste zugetraut werden durfte. Sie lebten mit einem Trupp marodirender Kansas-Indianer und erfreuten sich eines derartigen Rufes, daß Jeder gern den näheren Verkehr mit ihnen mied und ihnen so weit wie möglich aus dem Wege ging. Einen Augenblick war er geneigt, seine Befürchtungen Anderen mitzutheilen; gleich darauf aber erwog er den dadurch herbeigeführten Zeitverlust und daß die Spuren der zu Verfolgenden binnen kurzer Frist verweht sein würden, und muthig und entschlossen, wie er war, entschied er sich schnell, das Unternehmen auf eigene Hand zu wagen.

Eine Viertelstunde war kaum nach seiner flüchtigen Begegnung mit dem fremden alten Herrn verstrichen, da bestieg Wesel seinen einspännigen Schlitten, und gleich darauf trabte der unverwüstliche braune Mustang mit ihm durch den stäubenden Schnee, als hätte er innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden die Quellen des Missouri erreichen wollen. Nach Ablauf einer weiteren halben Stunde traf er auf der Stelle ein, auf welcher die Straße sich theilte. Leicht überzeugte er sich, daß kaum noch erkennbare Schlittenspuren in nördlicher Richtung standen, wogegen die südliche, gänzlich verwehte Straße sich durch nichts von dem Wiesenlande auszeichnete, durch welches sie hinführte. Auf's Neue erhielt der kraftvolle Braune nunmehr die Peitsche, und wie ein gehetztes Stück Wild stürmte er dem tollen Wetter entgegen, immer am Rande der nahen Waldung hin, bis in später Nachmittagsstunde die vor ihm hinlaufenden Schlittenspuren deutlicher wurden und Wesel endlich durch das Gestöber hindurch eine sich flüchtig einherbewegende, schattenähnliche, formlose Masse entdeckte und in Folge dessen die Eile seines unermüdlichen Pferdes vorsichtig mäßigte.

Wohl zwei Stunden verfolgten die beiden Schlitten jetzt ihren Weg, ohne daß die zwischen ihnen bestehende Entfernung merklich vergrößert oder verringert worden wäre; dagegen erschlafften allmählich die Bewegungen der fast über ihre Kräfte angestrengten Thiere unter der Wirkung des ihnen entgegenstehenden Sturmes. Die Nacht war längst hereingebrochen; theils dem Instinct der Pferde, theils dem Umstande, daß die verschneite Straße sich dicht am Waldesrande hinzog, war es zu verdanken, daß die Schlitten in der Schnee-erfüllten und durch den Vollmond nur matt erhellten Atmosphäre nicht von ihrer Bahn abirrten.

Dicht in seine Decken eingehüllt saß Wolter hinter den beiden Männern, welchen er sich und sein Eigenthum anvertraut hatte. Kälte und Sturm hinderten ihn, mit jenen ein Gespräch anzuknüpfen. Nur gelegentlich richtete er die Frage an sie, ob sie nicht vom rechten Wege abgewichen wären, woran er gewöhnlich die Bemerkung schloß, daß sie vielleicht verständiger gehandelt hätten, den folgenden Tag oder eine Aenderung des Wetters in der Stadt Kansas abzuwarten.

Auf die Aeußerungen seiner erwachenden Besorgniß wurde ihm jedesmal die im sorglosesten Tone ertheilte Versicherung, er habe durchaus gar nichts zu befürchten und werde die Nacht in einem guten Bette zubringen. Dabei befremdete ihn aber, daß der Halfbreed mehrfach anhielt und rückwärts spähte, als ob er von dorther Jemand erwartet hätte. Dann sprach er wieder zu seinem Genossen, wovon er indessen kein Wort verstand, dagegen errieth er aus dem Wesen Beider, daß sie Dinge von der ernstesten Wichtigkeit verhandelten.

Sie waren eben an einer tiefen, halb verschneiten Regenschlucht vorbeigekommen, aus welcher hin und wieder die entlaubten Kronen hoher Bäume emporragten, als der Halfbreed seinem Genossen plötzlich die Zügel reichte und unter dem Vorwande, einen Sack mit Lebensmitteln verloren zu haben, aus dem Schlitten sprang. Der Amerikaner, anstatt anzuhalten, fuhr weiter, und erst als Wolter ihn nach Zurücklegung von etwa zweihundert Schritten an seinen Gefährten erinnerte, brachte er die Pferde zum Stehen, worauf er aufmerksam lauschte und in sichtbarer Unruhe sich auf seinem Sitze hin und her wand. Nach einigen Minuten, während welchen kein auffälliges Geräusch das dumpfe Brausen des Windes unterbrochen hatte, traf der Halfbreed wieder beim Schlitten ein. Er schien den Sack nicht gefunden zu haben, denn seine Hände waren leer; dagegen schwang er sich mit einem gleichsam frohlockenden: »Alles recht!« auf seinen Sitz, und Peitsche und Zügel ergreifend, trieb er mit unbarmherzigen Schlägen die Pferde zu verdoppelter Eile.

Höchstens sieben oder acht Minuten war der Halfbreed von dem Schlitten getrennt gewesen, doch hatte diese Zeit für ihn ausgereicht, ein mit teuflischer Bosheit ersonnenes Verbrechen zu begehen.

Er war nämlich nur so weit zurückgeeilt, wie das abschüssige Ufer der Regenschlucht den Weg berührte, wo er sich wenige Fuß weit von der noch offenen Schlittenspur in den tiefen Schnee niederkauerte. In seiner Berechnung hatte er sich nicht geirrt, denn schon in der nächsten Minute tauchten vor seinen scharf spähenden Augen die dunklen Formen von des Pedlars Einspänner aus dem grauen Chaos, wie derselbe mit stürmischer Eile den Spuren des zweispännigen Schlittens nachfolgte. In gleiche Höhe mit ihm gelangt, begann der braune Mustang plötzlich unwirsch zu schnauben. Der Pedlar, in dem Glauben, das kluge Thier habe die Nähe der gefährlichen Schlucht gescheut, trieb es mit der Peitsche an; indem er aber der Sicherheit halber etwas weiter von der gefährlichen Stelle fortlenkte, sprang der Halfbreed mit der Gewandtheit eines Panthers hinter ihn auf die Schlittenlehne, und fast eben so schnell schwanden seine Sinne unter dem Schlage, welchen der hinterlistige Mörder mit einem kurzen Beile nach seinem Haupte führte. Seine letzte Bewegung war ein krampfhaftes Zerren an den Zügeln gewesen, wodurch der Mustang zum Stehen gebracht wurde; als das erschreckte Thier sich aber gleich darauf zur Flucht anschickte, stand der Halfbreed vor ihm, es mit Gewalt der Schlucht zudrängend, in welche es nach kurzem Kampfe hinabstürzte, den Schlitten sammt seinem Inhalte mit sich fortreißend.

Das Weitere wartete der Halfbreed nicht ab: er lebte der Ueberzeugung, den unglücklichen Pedlar sicher genug getroffen zu haben, und daß der Sturz, der erstickende Schnee und die Kälte sein begonnenes Werk auf alle Fälle beendigen würden, und bevor der Pedlar durch die Berührung mit dem kalten Schnee das Bewußtsein zurückerhielt, saß er längst wieder neben seinem Genossen, ihm mit schadenfrohem Lachen das Ergebniß seines Unternehmens schildernd. – –

Nur seiner dicken Pelzmütze verdankte Wesel, daß des Halfbreeds Waffe ihm nicht den Schädel zerschmetterte, einer wunderbaren Fügung dagegen, daß er beim Sturz in die Tiefe nicht seinen Tod fand. Was den Halfbreed veranlaßt hatte, die mörderische Hand gegen ihn zu erheben, begriff er leicht; ebenso blieb er keinen Augenblick in Zweifel über das Loos, welches den unglücklichen Reisenden bedrohte, wenn es ihm nicht gelang, binnen kürzester Frist Hülfe herbei zu schaffen. Er dachte an Gerhard, dessen Farm ungefähr zwei englische Meilen weit entfernt war, und nachdem er sich überzeugt, daß der Schlitten der Mörder vom Wege abgebogen war und die Richtung nach einer nicht allzufernen verlassenen Schmiede eingeschlagen hatte, eilte er, so schnell seine Füße ihn zu tragen vermochten, zu seinen Freunden, bei denen er, wie er wußte, nicht vergeblich um Beistand bitten würde. –

Lange bevor Wesel Gerhards Farm erreichte, waren die Räuber mit ihrem Opfer vor der Schmiede eingetroffen. Dieselbe lag gegen tausend Schritte weit von der eigentlichen Landstraße in einem Haine, also weit genug von dem Hauptverkehrswege, um durch die Viehheerden der Emigrantenzüge nicht zu sehr belästigt zu werden, und doch nahe genug, um den Auswanderern Gelegenheit zu bieten, einzelne noch rechtzeitig entdeckte Schäden und Mängel an ihren Wagen ausbessern und abstellen zu können, wozu ihnen später nur die eigenen mitgeführten Hülfsmittel zu Gebote standen. Da die Schmiede nur so lange bewohnt war, wie Karavanen den Missouri verließen, also während des Frühlings und der ersten Hälfte des Sommers, so hatte ihr Besitzer sich mit der Anlage einer Blockhütte und eines gegen Osten offenen Schuppens begnügt, Beides Baulichkeiten, wenig darauf berechnet, der Kälte und den Schneestürmen des Winters zu begegnen. Ueberall fand das Wetter seinen Weg zwischen den schlecht aufeinander passenden und gar nicht verkitteten Balken hindurch, so daß man in den unzureichend geschützten Räumen wenig besser daran war, als im Freien zwischen dichtem Gestrüpp oder in einer Schneehöhle; es sei denn, man hätte Decken und Wildhäute genug besessen, die Wetterseite im Innern der Blockhütte nothdürftig zu verkleiden.

Die Räuber, der Lage ihres Zieles gewiß, hatten sich der Schmiede bis auf einige Hundert Schritte genähert, als der Amerikaner sich zu seinem Fahrgast umwendete und ihm verkündigte, daß es bei dem bösen Wetter unmöglich sei, heute noch Gerhards Farm zu erreichen, und sie daher gezwungen seien, auf dem ersten besten Gehöft einzukehren. Wolter, der schon längst bedauerte, die Reise überhaupt angetreten zu haben, und bereits die Wirkung der Kälte empfindlich fühlte, erklärte sich mit dem Vorschlage einverstanden und gleich darauf hielt der Schlitten vor der halb verschneiten Blockhütte. Mit rauher Zuvorkommenheit halfen ihm die beiden Männer von seinem Sitz; der Amerikaner belud sich mit einem Theil seiner Sachen und watete ihm voran durch den tiefen Schnee auf die verschlossene Hausthüre zu, wogegen der Halbindianer den Schlitten in den offenen Schuppen hineinfuhr, die Pferde ausspannte und so an den Schlitten befestigte, daß sie nach Willkür von den zwischen den Sitzen verstreuten Maiskloben und dem Heu zu fressen vermochten.

Auf des Amerikaners lautes Klopfen wurde die Thür von innen geöffnet, und wenn auch schon vorbereitet durch den zwischen den Balken hindurch ins Freie dringenden Lichtschein, überraschte es Wolter doch freudig, sich plötzlich in einem zwar theilweise mit Schnee angefüllten Raume zu sehen, in welchem aber ein verschwenderisch mit trockenem Holze genährtes Kaminfeuer eine starke Wärme verbreitete. Weniger Zutrauen erweckend erschienen ihm dagegen zwei braune, in Decken gehüllte Weiber, die bei seinem Eintritt erstaunt zurückprallten, auf einige ihm unverständliche Erklärungen seines Begleiters sich ihm sogleich wieder näherten und ihn lachend und in zudringlicher Weise seines beschneiten Mantels zu entledigen begannen. Anfangs sträubte er sich wohl gegen diese Art von Dienstleistungen, als indessen der Amerikaner das seltsame Verfahren damit entschuldigte, daß Indianerinnen nicht mit den Sitten der Weißen vertraut sein könnten, beruhigte er sich wieder, doch äußerte er unverhohlen sein Befremden, in der Hütte eine Gesellschaft vorzufinden, die augenscheinlich in näherer Beziehung zu den beiden Männern stand.

»Sie gehören zu unserm Hausstande,« entgegnete der Amerikaner sorglos; »auf unserm Wege zur Stadt setzten wir sie hier ab, um sie jetzt wieder mitzunehmen. Wären unsere Pferde nicht zu erschöpft, würdet Ihr Euch binnen zwei Stunden überzeugen, daß die beiden Frauen eben so willkommene Gäste auf Gerhards Farm sind, als wir Männer. Vielleicht ist es dem Gerhard und seiner jungen Frau sogar lieber, wenn wir nach Tagesanbruch bei ihnen eintreffen, anstatt sie um Mitternacht aus ihrer Ruhe zu stören; denn ohne uns etwas Warmes vorgesetzt zu haben, werden sie wohl nicht gestatten, daß wir unsere Reise fortsetzen. Ihr kennt die jungen Leute, wenn ich Euch recht verstand?«

»Ich kenne sie von Europa her,« antwortete Wolter nunmehr wieder vollständig beruhigt, indem er auf einem für ihn neben das Kaminfeuer hingerollten Holzblock Platz nahm und den Tragekoffer vor sich zwischen seine Füße stellte; »ja ja, ich bin sehr bekannt mit ihnen,« wiederholte er sinnend, und über sein alterndes, vom Schnee fast blutrünstig gepeitschtes Gesicht flog ein schmermüthiges Lächeln.

»So erwarten sie Euch wohl gar?« fuhr der Wegelagerer mit treuherzigem Ausdruck fort, während seine Blicke lauernd auf dem nachdenklich in's Feuer schauenden Fremden ruhten.

»Nein, sie erwarten mich nicht,« entgegnete dieser offenherzig, »sie wissen nicht einmal, daß ich mich auf diesem Continente befinde.«

»Aber Ihr müßt doch außer ihnen noch andere Bekannte in diesem Lande haben?« versetzte der Amerikaner mit seltsamer Spannung, die dem alten Herrn entging, weil er sich so gänzlich seinen durch das Gespräch wachgerufenen Betrachtungen hingegeben hatte.

»Keinen Freund oder Bekannten,« hieß es ernst zurück, »ich stehe überhaupt ziemlich vereinsamt auf Erden. Vor drei Wochen landete ich erst in New-York, und auf mich allein angewiesen und bei meiner geringen Kenntniß der Landessprache hatte ich Mühe genug, mich bis hierher durchzuschlagen.«

Der Amerikaner vermochte seine Freude über die vernommenen Mittheilungen nicht ganz zu unterdrücken. Wie heller Triumph leuchtete es aus seinen verschmitzten Augen, indem dieselben flüchtig den kleinen Handkoffer streiften. Bevor er indessen das Gespräch wieder aufnahm, trat der Halbindianer ein, einen Sack mit Lebensmitteln vor die braunen Weiber hinwerfend, worauf er einen mit Flaschen gefüllten Korb neben den alten Herrn hinstellte.

»Hier, mein Freund,« redete er diesen mit eigenthümlicher Vertraulichkeit an, nachdem er einen ihn offenbar zufriedenstellenden Blick des Einverständnisses mit seinem Genossen gewechselt hatte, »wenn unsere Squaws Euch binnen kurzer Frist ein gut geröstetes Stück Fleisch vorsetzen, so werdet Ihr uns dafür einen stärkenden Trunk nicht versagen. Ich rechne, daß sich etwas Stärkeres, als Wasser, in den Flaschen befindet.«

Wiederum flog ein Ausdruck von Besorgniß über das Antlitz des Fremden, jedoch eine heitere Miene erzwingend, antwortete er freundlich: »Der Inhalt der Flaschen ist zwar für Leute bestimmt, die gewiß recht lange keinen Wein getrunken haben, aber mit Freuden stelle ich ihn denjenigen zur Verfügung, die mir durch die Erleichterung meiner Reise einen so großen Dienst leisteten.«

»Wein?« fragte der Halfbreed geringschätzig, »verdammt! Nur daran zu denken, bei dem Hundewetter solch sauren Stoff über die Zunge zu gießen! Habt Ihr keinen Whisky oder sonst etwas von dieser Sorte?«

»Eine Flasche Cognac,« entgegnete Wolter immer schüchterner, »und auch diese biete ich Tuch mit Freuden an – vielleicht wenn man den Cognac mit Wein vermischte und aufwärmte; Zucker ist ebenfalls hier – ein heißer Punsch –«

»Ja ja, ein heißer Punsch,« fiel der Halfbreed ihm wild lachend in's Wort, »'s ist 'ne gute Idee, alter Bursche, und da Ihr dergleichen zu verstehen scheint, so rathe ich Euch, einen solchen herzustellen. Verdammt! Ich möchte denjenigen sehen, der uns wehren wollte, trotz Schnee und Kälte eine lustige Nacht zu feiern.«

Hier wendete er sich plötzlich seinem weißen Genossen zu, der ihn leise angestoßen hatte und mit unterdrückter Stimme einige indianische Worte an ihn richtete. Dieselben übten offenbar einen sein Verhalten bestimmenden Eindruck auf ihn aus, denn er kehrte sich alsbald dem Fremden wieder zu, dessen unverkennbare Besorgniß er nunmehr durch höflicheres Wesen zu verscheuchen suchte, »'s ist nicht so böse gemeint, alter Gentleman,« bemerkte er lachend und seine gierig funkelnden schwarzen Augen durch die Lider halb verschleiernd, »wollt Ihr 'nen heißen Grog aufstellen, so ist das Eure Sache; 's kommt Euch eben so sehr zu gute, wie Einem von uns, und in dieser löcherigen Baracke ist's wahrhaftig kalt genug, um einen warmen Trunk vor dem Einschlafen wenigstens wünschenswerth zu machen. Halloh, Ihr alten Hexen!« rief er den braunen Weibern zu, die den Fremden so lange mit unverschämter Neugierde betrachtet hatten, »scheert Euch an die Arbeit und schafft etwas zu essen, wenn Ihr nicht draußen bei den Pferden an den Schlitten festgebunden werden wollt!« Dann warf er sich vor dem Kaminfeuer auf eine ausgebreitete Decke, worauf sein Genosse zwischen ihm und dem Fremden Platz nahm, augenscheinlich um in seiner Unterhaltung mit ihm beruhigend auf Letzteren einzuwirken. Und es gelang ihm dies um so leichter, als Wolter, bereits eingeschüchtert, mit einem gewissen Eifer jede Gelegenheit ergriff, die größte Zufriedenheit mit seiner Lage zu verrathen und durch herzliches Entgegenkommen, ja, durch billigendes Lachen und munteres Eingehen auf jedes Gespräch sich die Freundschaft und Nachsicht seiner Umgebung zu erwerben, gleichsam zu übertäuben die bösen Ahnungen, welche ihn zeitweise zu übermannen drohten. So kostete es ihn auch keine Ueberwindung, die von den unsauberen Weibern flüchtig zubereiteten Speisen zu genießen, in einem dem Aeußeren seiner Besitzerinnen entsprechenden blechernen Gefäß das sorgfältig gemischte Getränk zu sieden, die unermüdlich kreisende Blechtasse an die Lippen zu führen und es seinen unheimlichen Gastfreunden im Trinken gleich zu thun. Indem er aber in seiner Rathlosigkeit dem berauschenden Stoffe zusprach und sein Blut schneller zu kreisen begann, fühlte er auch seinen Muth wachsen. Sein Vertrauen in die Rechtschaffenheit der verwilderten westlichen Charaktere erstarkte, und dankbar erkannte er es an, als endlich, da die Müdigkeit ihn zu übermannen drohte, alle Hände sich regten, ihm ein recht bequemes Lager für die Nacht zu bereiten und dieses noch ganz besonders, zum Schutz gegen den eindringenden Schnee, mit einer Art von Schutzwehr von Brettern und Balkenresten zu umgeben. Mit einem Gefühl der Behaglichkeit streckte er sich auf seine Decken aus, den Handkoffer als Pfühl unter seinen Kopf schiebend. Nur noch kurze Bemerkungen wechselte er mit seinen Gastfreunden, die ebenfalls Vorkehrungen trafen, sich zur Ruhe zu begeben; wie in einem Traume sah er ein Weilchen die Flammen in den Schornstein hinaufschlagen; wie im Traume hörte er, daß der Halfbreed kleinere Holzstücke und Späne in die Fugen der ihn auf der Wetterseite schützenden Brustwehr schob; wie im Traume sah er die vier Gestalten sich lagern und vernahm er das tiefe Athmen und Schnarchen, welches verrieth, daß auch bei ihnen nach des Tages Beschwerden der Körper sein Recht fordere, und von den letzten Besorgnissen befreit, gab er sich der willkommenen Rast, einem tiefen, todähnlichen Schlafe hin. –

Eine Viertelstunde verrann, während welcher in der Blockhütte kein anderes Geräusch vernehmbar, als das tiefe Athmen der Schläfer, das hohle Brausen des Sturmes in dem die Schmiede umgebenden Hain und das unheimliche Singen, mit welchem der Luftzug seinen Weg zwischen den unverkitteten Balken hindurchsuchte und zahllose feine Eiskrystalle in dem abgeschlossenen Raume umherstreute. Da richtete der Amerikaner sich behutsam empor, und seine Hand mit leichtem Druck auf die Brust des neben ihm ruhenden Fremden legend, forderte er ihn auf, sich zu ermuntern. Dieser antwortete nicht. Was die Mühseligkeiten des Tages eingeleitet hatten, wurde durch die Wirkung des heißen Getränkes vollendet; wie eine Betäubung hatte es sich um seine Sinne gelegt, es hätte ganz anderer Mittel bedurft, ihn zu wecken. Als der Amerikaner sich nach dieser Probe umwendete, begegneten seine triumphirenden Blicke dem Halfbreed und den beiden Weibern, die sich ebenfalls aufgerichtet hatten und mit einer eigentümlich drohenden Gier sein Verfahren beobachteten.

»Alles in Ordnung,« murmelte er selbstzufrieden, »'s hätte nicht besser eingeleitet werden können.«

Der Halfbreed hob das im Bereich seiner Hände befindliche Beil empor und schwang es mit einem fragenden Blicke um's Haupt.

»Nein, nein, das ist nicht der Weg,« versetzte sein Gefährte bedenklich, »wenn die Hütte auch niederbrennt und ihm's Fleisch von den Knochen röstet, könnte doch sein zersplitterter Schädel zum Verräther an uns werden. Der Teufel hat manchmal sein Spiel, und die benachbarten Farmer und die Männer von Kansas verstehen keinen Spaß, sind mit dem Richter Lynch zur Hand, bevor man sich dessen versieht, und wer weiß, ob der Schädel des Pedlars nicht schon zum Ankläger wird.« »Goddam!« erwiderte der Halfbreed mit einem feindseligen Lachen, »ich traf ihn mit dem Hammer, anstatt mit der Schneide, und denjenigen möchte ich sehen, der es verstände, zu unterscheiden, ob die Risse in seinem Schädel von einem guten Beilhiebe, oder vom Aufschlagen auf einen Stein oder Baumzacken herrühren.«

»Besser ist besser,« entgegnete der Amerikaner, indem er sich geräuschlos von der Erde erhob, »ein Strick läßt im Feuer keine Spuren zurück, und sollte er während unserer Vorbereitungen erwachen, ist's ja noch immer früh genug, zum Beil zu greifen. Aber vorwärts jetzt; bevor der Tag anbricht, müssen die Schlittengeleise verschneit sein; hoffentlich hält das Wetter lange genug an, um den Rauch der brennenden Baracke zu verbergen und die verkohlten Balken mit einer gehörigen Lage Schnee zu bedecken. In den Schlitten also mit den Sachen und die Pferde vorgespannt,« wendete er sich darauf an die Weiber, die bereits begonnen hatten, die umherliegenden Gegenstände zusammenzuschnüren, »nehmt auch des alten zutraulichen Burschen Gepäck mit, denn er wird es schwerlich noch einmal in diesem Leben gebrauchen.«

Ein dämonisches Grinsen verzerrte bei diesen Worten sein häßliches Gesicht und er kehrte sich dem Halfbreed wieder zu, der die Zeit nicht erwarten zu können schien, in welcher er sich über den ahnungslos schlummernden alten Mann würde hinstürzen können. »Sein Kopfkissen werde ich ganz zuletzt an mich nehmen, um ihn nicht in seinem süßen Schlummer zu stören,« fuhr er höhnisch fort, »und während ich Feuer an sein Bett lege, werdet Ihr wohl fertig mit ihm werden.«

Der Halfbreed nickte zustimmend; die Mordlust und seine Gier nach dem Tragekoffer hatten ihm die Sprache geraubt. Seine Augen funkelten und seine Hände zitterten, indem er von einem der noch umherliegenden Bündel einen von ungegerbtem Büffelleder geschnittenen und abgerundeten Riemen löste und in Schlingenform zusammenlegte. Der Amerikaner kauerte vor dem Kamin und setzte ein in seiner rechten Hand befindliches Bündel Späne in Brand. Seine Blicke schweiften dabei mit kalter, berechnender Grausamkeit zu dem alten Herrn hinüber, welchen er hinterlistig in eine gräßliche Falle gelockt hatte, und der jetzt so fest schlief und so ruhig athmete, als hätte er sich daheim unter einem sichern Dache im Kreise der Seinigen befunden. Nichts störte seinen Schlummer; kein freundlicher Traum führte vor seinen Geist die entsetzliche Gefahr, in welcher er schwebte, verborgen blieben ihm die furchtbaren Vorbereitungen, die zu seinem unabweislichen Verderben getroffen wurden.

Da kehrten die Weiber geräuschlos in die Hütte zurück, um den Rest der Sachen zu holen und damit das Zeichen zum Abschluß des scheußlichen Verbrechens zu geben. Bei ihrem Erscheinen trat der Halfbreed sogleich zu dem schlummernden Fremden, so daß derselbe sich zwischen seinen Füßen befand, und mit teuflischer Lust öffnete er die geschmeidige Lederschlinge, als einige von den Weibern geflüsterte Worte ihn veranlaßten, inne zu halten und sich ihnen zuzukehren.

»Spuren von Menschen, frisch und tief, um den Schuppen und bei dem Schlitten,« raunten ihm die beiden Megären zu.

Der Amerikaner richtete sich wild empor; der Halfbreed knirschte mit den Zähnen und drohend hob er die Faust, wie um die beiden Weiber niederzuschmettern.

»Goddam!« entwand es sich zischend seinen Lippen, »seid Ihr nicht mehr im Stande, die Spur des weißen Wolfs von der eines Menschen zu unterscheiden?«

»Die Pferde würden die Nähe der Wölfe gewittert und verkündet haben,« versetzte der Amerikaner leise und mit sichtbarer Besorgniß, die bereits brennenden Späne so haltend, daß sie nicht zu schnell von den Flammen verzehrt wurden.

»So geht um's Haus herum und überzeugt Euch!« schnaubte der Halfbreed giftig den Weibern zu, und als er seine Blicke dem Fremden wieder zukehrte, gewahrte er, daß dieser eben die Augen aufschlug und, wie von einem wirren Traume umfangen, sprachlos zu ihm emporstarrte.

»Legt Feuer an die Baracke in des Teufels Namen!« rief der Halfbreed laut und dringend seinem Genossen zu, der sogleich mit dem Feuerbrand hinter die hölzerne Schutzwehr sprang, und jetzt erst begriff Wolter, daß er in die Hände von Leuten gefallen war, die kein Mitleid, keine Barmherzigkeit kannten, und unter deren Händen er vielleicht schon in der nächsten Minute sein Leben aushauchen mußte. Ein dumpfer Schrei der Todesangst, in welchem zugleich ein herzzerreißendes Flehen um Schonung und ein verzweiflungsvolles Aufgeben der letzten Hoffnung ergreifend ausgedrückt waren, entwand sich seiner Brust; gleich darauf aber röchelte er entsetzlich unter der Schwere des Halfbreeds, der mit einem wilden Fluche auf ihn stürzte und die Schlinge über das Haupt des sich ohnmächtig Windenden zu streifen suchte. Fast gleichzeitig faßten aber auch die Späne zwischen dem Holzwerk Feuer, eine rothe Flamme emporsendend und das Gemach bis an seine äußersten Grenzen erhellend.

»Gnade! Barmherzigkeit! Nehmt Alles, was ich besitze!« flehte der von einer furchtbaren Todesangst ergriffene alte Mann, indem er sich von der Schlinge zu befreien suchte.

»Jetzt ist's Zeit!« ließ sich eine männliche Stimme auf der Außenseite der nächsten Blockwand vernehmen.

Der Amerikaner sprang auf und stierte wild um sich; der Halfbreed hielt inne und starrte nach der Stelle hinüber, von welcher der Ton der fremden Stimme zu ihm gedrungen war. Er entdeckte eine unbestimmte Bewegung in einer der weit klaffenden Fugen zwischen dem Holzwerk; bevor er aber über den Zweck derselben klar geworden, erschütterte ein lauter Knall die Blockhütte, und eine beinahe noch in Kugelform zusammengehaltene Ladung Rehposten zerschmetterte ihm das Gesicht und mit diesem das Gehirn. Mit letzter schwindender Kraft schnellte der Elende auf die Füße empor; dann sank er schwerfällig zur Seite und mit dem Oberkörper in das Kaminfeuer hinein, welches sogleich gierig sein langes schwarzes Haar und die Kleidungsstücke verzehrte.

Sein Genosse, welchen der empfundene Schrecken förmlich lähmte, und der sogar vergessen hatte, daß er selbst mit Messer und Revolver bewaffnet war, wartete das Weitere nicht ab; einen scheuen Blick warf er auf die Balken, zwischen welchen die Mündungen zweier Gewehre sich drohend regten, offenbar um in gleiche Richtung mit ihm zu gelangen, dann stürzte er den Weibern nach, die laut heulend und jammernd ins Freie hinausgeeilt waren. Bei dem Schlitten holte er sie ein, und sich zu ihnen in denselben hineinschwingend, ergriff er Zügel und Peitsche, um in schleuniger Flucht sein Heil zu suchen. Doch nur die Pferde rührten sich von der Stelle, wogegen der Schlitten stehen blieb, und jetzt erst entdeckte er, daß die Stränge der Geschirre durchgeschnitten worden waren.

Da knallte wiederum ein Schuß von der Hütte herüber und sausend gruben sich eine Anzahl starker Schrotkörner in die wenig geschützten Körper der beiden Megären und des Amerikaners. Erstere antworteten auf den Schuß mit gellendem Klageruf und entflohen, den Schlitten eilfertig verlassend, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten; der Amerikaner hingegen, nachdem er, um die Verfolger zurückzuscheuchen, zwei Schüsse aus seiner Drehpistole abgefeuert hatte, warf sich auf eins der zusammengeschirrten Pferde und verschwand mit beiden in Nacht und Schneegestöber.

»Lassen wir sie laufen,« bemerkte der Pedlar zu Gerhard, der, das abgeschossene Doppelgewehr in den Händen, jetzt erst zu dem Bewußtsein der eben stattgefundenen Scenen zu gelangen schien, »dem fliehenden Feinde soll man goldene Brücken bauen, und der da drinnen wird sich darnach sehnen, über seine Lage aufgeklärt und beruhigt zu werden.

Wie ein Träumender folgte Gerhard dem Pedlar nach. Als sie in die Hütte eintraten, hatten die Flammen schon zu weit um sich gegriffen, um noch an Rettung des leicht brennbaren Gebäudes denken zu können. Vor ihnen aber stand Wolter, noch immer das Bild einer namenlosen Todesangst, und bange erwägend, ob er, auf der Flucht vor den Flammen, den Mördern nicht gerade in die Arme laufe. Der Anblick des Pedlars mit dem um's Haupt gewundenen blutigen Tuche beruhigte ihn nicht. Erst als derselbe ihn in deutscher Sprache anredete und versicherte, daß er und sein Freund nicht fünf Minuten später hätten eintreffen dürfen, und als dann eine seit vielen Jahren ihm vertraute männlich kräftige Gestalt vor ihn hintrat, schweigend seine Hand ergriff und krampfhaft drückte und ihm mit seltsamer Spannung in die Augen schaute, begriff er, daß er gerettet sei, er nichts mehr für sein Leben zu fürchten habe.

»Wo ist Marie?« fragte Wolter endlich, wie zweifelnd an der Wirklichkeit des Wechsels seiner Lage.

»Ihre Tochter befindet sich wohlauf,« antwortete Gerhard, fast überwältigt durch dies wunderbare Zusammentreffen und das Entzücken, welches ihm aus dem sich allmählich wieder röthenden Antlitz des alten Mannes entgegenstrahlte; »binnen einer Stunde mögen Sie dieselbe in Ihren Armen halten, wenn Sie sich stark genug fühlen, noch einige Meilen durch den Schnee zurückzulegen.«

»Ich bin bereit,« versetzte Wolter schnell, indem er sich hastig der Thür zudrängte. Gleich darauf trat er wieder zurück; der Tragekoffer, welchen er bisher nie aus den Händen gelassen und stets wie seinen Augapfel behütet hatte, war ihm bei Gerhards Anblick entfallen, und der Inhalt desselben durfte ja nicht verloren gehen, sollten die Weihnachtsfreuden, zu deren Zweck er seine Reise so sehr beschleunigte, vollständig sein. Nachdem Gerhard den Koffer in Empfang genommen hatte, säumten sie nur noch so lange, bis Wolters Reiseeffecten an leicht zu findender Stelle im Schnee vergraben worden waren. Dann beluden sie sich mit solchen Gegenständen, welche sie, ohne dadurch in ihren Bewegungen gehindert zu werden, mit fortzuführen vermochten, worauf sie die Richtung des Windes genau aufnahmen und zuerst dem Waldesrande und demnächst der heimatlichen Farm zuwanderten. Kaum hundert Schritte weit waren sie von der Stelle entfernt, auf welcher sie so Schreckliches erlebten, da erkannten sie dieselbe, rückwärts schauend, nur noch an dem rothen Schein, der in der Schnee-erfüllten Atmosphäre über der brennenden Blockhütte einen großen runden Hof bildete. Das Grausen, welches sie empfanden, indem sie des unter dem Gluthhaufen vergrabenen Mörders gedachten, wurde gemildert durch die freudige Erwartung der kommenden Scenen des Glücks.

»Ein wahrer Christabend,« sagte Gerhard scheidend, als er in der Nähe der Farm seinen Gefährten vorauseilte, um die mit wachsender Besorgniß seine Heimkehr herbeisehnende Gattin zu beruhigen und sie auf das unverhoffte Wiedersehen vorzubereiten.

»Christabend?« fragten Wolter und der Pedlar befremdet.

»Ist er schon vorbei?« fragte Gerhard ebenso überrascht zurück.

»Nein, vorbei nicht,« erklärte der Pedlar, »ich wäre ja zu spät eingetroffen mit meinen Waaren, die freilich erst nach Tagesanbruch aus dem Schnee gegraben werden müssen. Gebe Gott, daß mein armer Gaul im Walde ein geschütztes Plätzchen fand – doch die Mustangs sind nicht verweichlicht.«

Die letzten Worte vernahm Gerhard nicht mehr. Er war in die Thüre getreten, welche Marie auf seinen bekannten jauchzenden Ruf geöffnet hatte, um an des Heimkehrenden Brust zu sinken. –

Wenige Minuten später, da hielten andere Arme sie umschlungen. Dieselben Arme, die sie einst jubelnd emporgehoben, als sie zum ersten Male das Tageslicht begrüßte. Marie aber weinte heiße Thränen der Freude; sie konnte ihr Glück nicht fassen, nicht glauben, daß nunmehr alle Noth und Sorge von ihnen genommen seien, schmerzliche Bilder fortan ihre Rückerinnerungen nicht mehr trüben würden.

Auf diese schauerliche Nacht folgte für Gerhard und den Pedlar ein Tag harter Arbeit, bei welcher sie indessen durch stilles klares Frostwetter begünstigt wurden. Die Verluste beschränkten sich glücklicherweise auf einige Gegenstände von geringem Werthe, die im Schnee abhanden gekommen waren. Den Mustang entdeckte man nach kurzem Umherspüren im Walde; er stand hinter einem Schutz gewährenden Dickicht, wo er gierig die Spitzen der aus dem Schnee hervorragenden Weidenschößlinge abnagte. Wie um die letzten Spuren des hinterlistigen Mordanfalls zu vernichten, hatte der Sturm die Flammen von der Blockhütte nach dem Schmiedeschuppen hinübergetrieben, dessen ausgedörrte Holzwände trotz des heftigen Schneefalls leicht Feuer fingen und über dem verkohlenden Schlitten in Asche zusammensanken.

Die näheren Umstände, unter welchen man ihren Vater aufgefunden hatte, erfuhr die junge Frau nicht; sorgfältig hielt man Alles von ihr fern, wodurch ihre Stimmung hätte unfreundlich berührt werden können. War es doch die Hand ihres Gatten, welche im letzten entscheidenden Augenblicke dem hinterlistigen Mörder den Tod gegeben hatte.

Auf den Tag der Arbeit folgte ein Abend, wie wenige glücklicher und behaglicher auf Gerhards Farm verlebt worden waren. In dem geräumigen Kamin prasselte ein mächtiges Feuer. Der Tisch war von der Wand mitten in das Gemach hineingerückt worden und auf demselben prangte die frische grüne Tanne, welche Gerhard, froh des in seiner Kalenderführung begangenen Irrthums, zwischen dem Stroh in seinem Stalle hervorgesucht hatte. Durch Gerhards und des Pedlars Fürsorge war es Frau Marie möglich gewesen, den Baum sinnig mit Lichtern zu schmücken. Um denselben reihten sich reiche Geschenke, welche dadurch, daß ihr Vater sie aus der fernen Heimat mitgebracht hatte, doppelten Werth erhielten. Es waren in der That schöne Geschenke; manche befanden sich unter denselben, welche in nächster Beziehung zu Frau Mariens süßesten Hoffnungen standen und ihr Thränen der innigsten Rührung in die freundlichen Augen trieben. Sie zeugten davon, daß die starre Rinde, die einst künstlich um das Herz ihres Vaters gezogen worden war, dem holden Geheimniß, welches sie ihm brieflich anvertraute, keinen Widerstand zu leisten vermocht hatte. Sie war geschmolzen, wie der letzte Schnee vor den warmen Strahlen der Frühlingssonne, um in der Brust des vereinsamten alten Mannes ein heißes Sehnen nach seinen Kindern und Kindeskindern mit unwiderstehlicher Gewalt zum Durchbruch gelangen zu lassen. War er doch gekommen, um sich nicht wieder von ihnen zu trennen; dagegen hatten seine jüngsten Erlebnisse den Entschluß in ihm zur Reife gebracht, im Laufe des Sommers die Grenze der Wildniß zu verlassen und mit den Seinigen nach einem bevölkerteren Districte überzusiedeln, wozu ihm mehr, als die ausreichenden Mittel zu Gebote standen. –

Es war ein wunderbar schöner Christabend. Still lag die Natur unter der tiefen Schneedecke. Friedlich funkelten die Sterne vom Himmel nieder, ihr milder Glanz wurde noch gedämpft und theilweise verdrängt durch den Mond, der, wie vor tausend Jahren, gewissenhaft seine alte Bahn verfolgte. Im warmen Stalle stöhnten behaglich die gesättigten Pferde und Rinder. Feierlich brannten die Lichter an dem Weihnachtsbaum, zu ihrem Schein gesellte sich die Beleuchtung der, eine starke Wärme ausströmenden Flammen in dem Kamin. Vier treue Menschen saßen im Halbkreise um das liebliche Symbol der Freude und des Friedens. Wie auf einen geweihten Altar richteten sich drei Augenpaare auf die ruhig brennenden Lichter. Die grauen Blockwände, geschmückt mit Axt und Büchse, wölbten sich über ihnen zum heiligen Tempel. Wolters Augen waren gesenkt auf ein altes Buch, welches auf seinen Knieen ruhte. Seine Lippen regten sich und ernst und feierlich hallte es durch das Gemach:

»Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« – – –

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