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Westliche Fährten

Balduin Möllhausen: Westliche Fährten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorBalduin Möllhausen
booktitleWestliche Fährten
titleWestliche Fährten
publisherVerlag von Otto Janke
year1873
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070411
projectid705ed2fa
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Erster Band.

Der Fallensteller.

I.

Wie die lose zusammengeballten, bis zum leichtesten specifischen Gewicht ausgedörrten Artemisiastauden und wilden Kürbisranken vor den wechselnden Luftströmungen die californischen Sandebenen, bald langsam und gemessen, bald in lustigen Sprüngen nach allen Richtungen hin durchschwärmen, so ist die Richtung, welche der planlos umherstreifende Jäger des Westens verfolgt, mehr als bei jedem anderen Menschen von äußern Zufälligkeiten und Einflüssen abhängig.

Einem solchen, kaum nennenswerthen Zufalle verdankte auch ich es, daß ich einst an einen der lieblichsten Punkte des Neoschothales, nach dem sogenannten »Berathungshain«, verschlagen wurde.

Der Neoscho, ein Nebenfluß des Arkansas, nähert sich diesem in fast südlicher Richtung. Seine Quellen liegen in geringer Entfernung von dem Kansasstrome, und obwohl in seiner ganzen Länge ebenes Prairieland durchschneidend, zeichnet sein Thal sich durch dichte Waldung aus, in welcher sich fast alle Laubhölzer des nördlichen Amerika in reichem Maße vertreten finden.

Der Berathungshain oder Council-Grove, eine Thalerweiterung des Neoscho, liegt kaum eine Tagereise weit von den Quellen dieses Flusses und etwa fünf gute Tagereisen südwestlich von Fort Leavenworth, einer jungen, überraschend schnell aufblühenden Stadt, die sich auf dem rechten Ufer des Missouri erhebt. Heute kann also Council-Grove als innerhalb der Grenzen der vorgeschrittenen Civilisation liegend bezeichnet werden, obwohl erst eine kurze Reihe von Jahren darüber hingegangen ist, daß die Häuptlinge und Abgeordneten der wilden Prairie-Indianer daselbst zeitweise zusammentrafen, um vor bedächtig geschürten Zauberfeuern über die Gerechtsame ihrer Nationen zu berathen.

Nähert man sich, gleichviel, ob von Osten oder Westen, auf der alten Santa-Fé-Straße Council-Grove, so überrascht es unendlich wohlthuend, wenn man, am Rande der Thalsenkung des Neoscho angekommen, plötzlich statt der unabsehbaren baumlosen Ebene eine über alle Beschreibung liebliche, abwechselungsvolle Landschaft vor sich sieht. Der dichte, lebensfrische Wald mit seinen scharfbegrenzten wunderlichen Außenlinien entzieht zwar das Flüßchen selbst den Blicken, doch wenn man niederschaut auf die Kronen der stattlichen Eichen und Hickories, der hundertjährigen Sykomoren und Cottonwoodbäume, die sich mit ihren prachtvollen Farbenabstufungen wie zu einem einzigen Teppich zusammendrängen; wenn man beobachtet, wie die Schatten kleiner Federwolken träge, aber doch belebend über die Waldfläche dahingleiten und das heitere Grün der Bäume auf Minuten verdunkeln, dann fühlt man sich mächtig angezogen von so viel Lieblichkeit, und selbst dem rastlosesten Abenteurer drängt sich der, wenn auch nur flüchtige Gedanke auf, mit dem Rufe: »Hier will ich meine Hütte bauen!« die Axt in den nächsten Baum zu schlagen.

Weit abwärts und aufwärts vermögen die Blicke die Windungen des Neoscho zu verfolgen, weit abwärts und aufwärts, bis dahin, wo bläulicher Duft die holzreichen Niederungen und rasenbedeckten Höhen schleierartig verhüllt.

Rauchsäulen entwinden sich hin und wieder den verborgenen Lichtungen; doch nicht mehr von rothhäutigen Kriegern werden die Feuer genährt, welche weithin sichtbar die Anwesenheit von Menschen verrathen, sondern von weißen freien Ansiedlern, die daselbst bereits ihre Heimat gründeten. Lugen doch aus den Winkeln des Waldrandes, wo ihnen Holz, Wasser und baumloses Wiesenland gleich nahe, graue Blockhäuser idyllisch hervor, während auf den benachbarten grünen Abhängen scheckige Rinderheerden statt der frühern langbärtigen Bisons weiden, und statt der scheuen Mustangs kräftige Arbeitspferde in dem hohen Grase rastend ihre Glieder dehnen.

Wo die Santa-Fé-Straße den Neoscho kreuzt, ist eine größere Ansiedlung entstanden, welche zur Erinnerung an die ersten freien Besitzer der Grassteppen den Namen »Council-Grove« führt. Mehrere Häuserreihen, eingefriedigte Gärten und Maisfelder begrüßen daselbst freundlich das von dem ewigen Einerlei ermüdete Auge des ankehrenden Prairiewanderers. Auf der Straße spielen Kinder, bellen Hunde und krähen Hähne; laut erschallt der regelmäßige Schlag des Hammers, der, geführt von kräftiger Faust, schwer auf das sprühende Eisen und den klingenden Amboß fällt, und wie um den Reisenden doppelt eindringlich zum Verweilen einzuladen, spreizt sich auf der am meisten ins Auge fallenden Stelle ein mit prahlender Aufschrift versehenes Gasthaus.

Die in einem westlichen Gasthause gebotenen Annehmlichkeiten vermochten nicht, mich lange zu fesseln; es bedurfte nur der Aufforderung, um mich zu entschließen, eine Gesellschaft heiterer Farmerburschen auf einem größeren Ausfluge stromaufwärts zu begleiten. Der Ausflug durfte ein größerer genannt werden, weniger mit Rücksicht auf die Entfernung, als auf die Zeitdauer, welche er beanspruchte. Meine neuen Gefährten hatten sich nämlich vereinigt, um einem weiter oberhalb eingetroffenen Ansiedler möglichst bald unter Dach und Fach zu helfen, und sich zu diesem Zweck, außer mit den dort noch üblichen Waffen, Jeder mit einer Axt, einer Decke und Lebensmitteln auf etwa acht Tage ausgerüstet. Meine Vorbereitungen erforderten nur kurze Zeit, und kaum eine Stunde nach meiner ersten Bekanntschaft mit den neuen Gefährten befand ich mich abermals auf einer Wanderung, die mit Fug und Recht die Frucht eines wunderlichen Zufalls genannt werden durfte.

Ein Ritt von etwa zwei Stunden im Thale des Neoscho brachte uns an Ort und Stelle. Vielleicht noch ebenso lange hatte die Sonne zu scheinen, als wir auf einer lieblichen Lichtung, inmitten mehrerer Zelte und Laubhütten, zweier schwerer Wagen und aller zu einer einfachen Häuslichkeit nothwendigen Haus- und Ackergeräthe von dem Besitzer der umliegenden Ländereien herzlich willkommen geheißen wurden. Gleich nach diesem, einer derben, wettergebräunten Farmergestalt, reichte uns dessen Gattin, eine rüstige Vierzigerin, die Hand grüßend entgegen, und dieser wieder folgten in bunter Reihe acht oder neun junge Burschen und Mädchen von zwanzig und einigen bis zu sieben Jahren herunter, die durchaus keiner mündlichen oder schriftlichen Beglaubigung bedurften, um auf den ersten Blick die ehrenwerthen Nachkommen ihrer beiden noch ehrenwertheren und in ihnen so reich gesegneten Aeltern zu erkennen.

Der Hauptzug, der uns aus allen diesen guten, freundlichen Gesichtern entgegenstrahlte, war der einer glücklichen, zufriedenen Gemüthsstimmung, ein Ausdruck, der so recht zum Herzen sprechend bekundete, daß Furcht vor den Leiden und Mißgeschicken des Lebens ihnen etwas Fremdes sei, und die Sorge um den kommenden Tag bei ihnen nicht einmal das Gewicht eines Moskitos erreiche, deren eben mehr, als gerade unumgänglich nothwendig, den schattigen Wald belebten.

Mit Leuten, wie die genannten, ist schnell und leicht Bekanntschaft geschlossen. Ein Blick ins Auge, ein fester Händedruck, und man bewegt sich so frei und vertraut unter einander, als ob man seit Jahren in freundschaftlichstem Verkehr gelebt hätte. Nach Stand und Namen wurde ich nicht gefragt; mein längeres Verweilen in ihrem Kreise schienen die guten Leute als selbstverständlich zu betrachten, wogegen ich meine Arme zum Holzfällen und Zurichten der Blöcke zur Verfügung stellte, in welchen Arbeiten ich kein Neuling mehr war. Als dann endlich der Abend hereinbrach, da hatte ich schon Sitz und Stimme im Rathe erhalten, der sich vorzugsweise damit beschäftigte,, auf welchem Punkte die neue Häuslichkeit wohl am geeignetsten zu errichten sei.

Wie ein rosenfarbiges duftiges Gewebe hing es vor den malerischen Baumgruppen, als die Sonne sich dem westlichen Waldstreifen näherte, um hinter demselben in das ewige Grasmeer hinab zu tauchen. Eine liebliche Landschaft, deren Charakter vorzugsweise durch die wunderbar schöne Beleuchtung bestimmt wurde, lag vor mir, eine Landschaft, in der Ferne hauchähnlich verschwimmend, wie sie ein Claude de Lorrain vor Augen gehabt haben mag, als er sich in der Ausübung seiner Kunst für eine bestimmte Richtung entschied. Lustig zirpend tummelten sich bereits die Fledermäuse im Abendsonnenschein, während der Ziegenmelker die dämmerigen Waldseiten und Lichtungen aufsuchte und mit scheinbar trägem Flügelschlage, jedoch seltsam schnellen und unberechenbaren Bewegungen den tanzenden Insekten nachstellte. Süßer Friede und abendliche Ruhe lagerten auf der ganzen Umgebung; soweit die Blicke reichten nicht einmal ein Farbenton, der das Auge unfreundlich berührt hätte, und als ob die Stimmung der Natur sich den Menschen mitgetheilt hätte, erschienen auch diese, trotz einer vielfach durchbrechenden harmlosen Heiterkeit, ernster, nachdenkender und feierlicher in ihrem Wesen, milder in ihrem Urtheil über ihre Mitmenschen und rücksichtsvoller gegen deren Wünsche und Neigungen geworden zu sein.

Auf mit duftenden Kräutern reich durchwehtem Rasen liegend, hatten wir das zwar einfache, dafür aber um so nahrhaftere Abendbrod eingenommen, als Hooker, das Haupt der zugewanderten Ansiedler-Familie, uns aufforderte, ihn auf einem kurzen Spaziergange zu begleiten und das letzte Tageslicht dazu zu benutzen, das von ihm zu seiner neuen Heimat bestimmte Plätzchen in Augenschein zu nehmen. Mit größter Bereitwilligkeit leisteten wir der Aufforderung Folge, und wohl selten hat sich eine heitrere und zufriedenere Gesellschaft auf der äußersten Grenze der Zivilisation zusammengefunden, als wir bildeten, indem wir, sechszehn oder achtzehn junge Männer an der Zahl, des alten Farmers fliegende Häuslichkeit verließen und die von ihm angedeutete Richtung einschlugen.

Unser Ziel war eine wenig umfangreiche, jedoch prächtig bewaldete Bodenerhebung auf einer ringsum von schattigen Hainen begrenzten Wiesenfläche, die indessen hoch genug lag, ohne Besorgniß vor nachtheiligen Ueberschwemmungen, mit verhältnißmäßig leichter Mühe in Ackerland verwandelt zu werden.

Nach wenigen Minuten erreichten wir den Rand der Lichtung, als Hooker uns durch sein Beispiel veranlaßte, stehen zu bleiben.

»Dort will ich mein Haus bauen«, hob er an, und indem er nach der Anhöhe hinüberwies, glitt es wie ein Schimmer freudiger Zufriedenheit über sein biederes Antlitz, »von dort aus vermag ich frei um mich zu schauen, das Wasser ist kaum zweihundert Ellen weit entfernt, und wenn im ganzen Stromgebiet des Neoscho eine anmuthigere Stelle, als jener Hügel, ausgekundschaftet wird, will ich nicht mit Ehren Abraham Hooker heißen.«

So sprechend setzte er sich wieder in Bewegung, und um ihn besser zu verstehen, schlossen wir uns dichter an ihn an.

»Dies ist das vierte Mal«, fuhr der alte Farmer nach einer kurzen Pause fort, »das vierte Mal, seit ich als zwanzigjähriger Bursche unter mein eigenes Dach trat – es war freilich kümmerlich genug – daß ich mir einen neuen Herd gründe. Nicht Rastlosigkeit oder unbesiegbare Sucht nach Gewinn hat mich dazu bewegt, meinen Wohnsitz so oft zu wechseln, – nein, denn um reich zu werden, hätte ich auf meiner ersten Landscholle sitzen bleiben müssen, anstatt umher zu schweifen, wie ein rollender Stein, der kein Moos ansetzt. Es liegt aber nun einmal in meinem Blute, daß ich, um mich glücklich zu fühlen, die Wildniß vor meiner Thür haben muß. Große Städte und Eisenbahnen mögen recht gut sein, allein ich liebe sie nicht; sie bringen zu viele Neuerungen, und unheimlich ist mir zu Muthe in ihrer Nähe. Ja ja, es muß im Blut liegen, denn meine Vorfahren haben einst am atlantischen Ocean den Anfang gemacht – ich glaube, es war im Staate Connecticut – und westlich und immer westlich sind sie gezogen, bis mein Großvater endlich noch in seinen alten Tagen den Mississippi erreichte und dort das Weiterwandern seinen Nachkommen hinterließ.

»So Gott will, soll dieses indessen das letzte Mal sein, daß ich die Art an den Schwellenbaum meines eigenen, neu zu gründenden Hauses lege. Meine Söhne mögen es machen, wie es ihnen am besten gefällt; ich dagegen will hier leben und sterben, und wenn die Eisenbahn sich erst durch das Thal des Neoscho hinzieht, ruhen meine Gebeine wohl längst in einem traulichen Waldwinkel.

»Dort auf der Mitte des Hügels, gerade da, wo jetzt noch die alte Eiche so hoch und stolz über die andern Bäume emporragt, gedenke ich den Grundbalken zu meiner Hütte zu legen. Den größten Theil des nöthigen Bauholzes finden wir auf dem Hügel selbst, der dadurch zugleich gelichtet wird. Nur vor dem Hause möchte ich zehn oder zwölf der gesundesten und schönsten Bäume stehen lassen, zur Zierde, wie auch zum Schütze gegen die Sonnengluth des Hochsommers und die winterlichen Stürme. Hinter dem Hause soll ein kleiner Hain geschont werden, in welchen sich bei Unwetter das Vieh zurückziehen kann. Es geht in der That nichts über solchen natürlichen Schutz – aber beim heiligen Georg! Wenn das eins von meinen Thieren ist, will ich die längste Zeit mit Ehren Abraham Hooker geheißen haben!« unterbrach der Farmer hier seine Betrachtungen, indem er auf ein grasendes Pferd wies, welches eben hinter dem Waldhügel hervor sichtbar wurde.

Dasselbe war klein, jedoch sehr kräftig und gedrungen gebaut. Lange Mähnen hingen ihm von Stirn und Hals nieder, ebenso waren seine Beine nach unten zu lang behaart, gewissermaßen bekundend, daß es einst als wilder Mustang die Prairien durchstreifte, dann aber eingefangen und zum Dienste des Menschen abgerichtet worden war. Ein von Wildleder geflochtener Lasso war lose um seinen Hals geschnürt und schleifte in der Länge von etwa dreißig Fuß auf dem Erdboden nach, wie breite, die Sattellage kennzeichnende Schweißflecke darauf hindeuteten, daß man es erst in jüngster Zeit scharf geritten hatte.

Als wir uns dem Pferde näherten, blickte es mit einem sprechenden Ausdrucke des Mißtrauens zu uns auf, dann aber wieherte es, wie warnend, worauf es wieder zu grasen begann.

»Ein richtiger westlicher Herumtreiber«, bemerkte Hooker bei den Bewegungen des Pferdes, »wachsam, wie ein Hofhund, und besser angelehrt, als mancher Farmer von seinen leibeigenen Kindern behaupten kann. Laß nur«, wendete er sich darauf an seine jüngeren Söhne, die sich des Pferdes bemächtigen wollten, »es hilft Euch doch zu nichts; kenne diese Sorte; die Bestie läßt Euch mit der Miene eines Lammes bis auf drei Schritte herankommen, worauf sie schleunigst die Flucht ergreift und Euch höchstens einen hinterlistigen Hufschlag mit in den Kauf giebt. Hm, hm, ich will nicht hoffen, auf meinem Grund und Boden mit Squattern zusammen zu treffen, die sich anmaßen, ein älteres und daher besseres Anrecht an meine hundertundzwanzig Morgen zu besitzen.«

Wir waren in die Waldung des Hügels eingetreten, die einen Flächenraum von etwa drei Morgen bedeckte. Das dicht bestandene Gesträuch und umgefallene, vermodernde Baumstämme, die das Vordringen erschwerten, verursachten zugleich, daß auch die Unterhaltung stockte; dafür spähte Jeder um so aufmerksamer nach dem Eigenthümer des geheimnißvollen Pferdes, ohne indessen auf eine Spur desselben zu stoßen.

Näher nach der Mitte des Hügels hin wurde das Holz lichter und nach wenigen Schritten befanden wir uns unter der hohen Eiche, die Hooker als auf der Stelle stehend bezeichnet hatte, auf welcher er seine Blockhütte zu errichten gedachte.

»S'ist 'n alter, schöner Baum«, begann dieser indem er die Arme über der Brust verschränkte, »allein ich kann ihn nicht retten; er ist zu hoch und anscheinend auch schon hohl, also kein guter Nachbar für eines ehrlichen Mannes Haus, dem er alle Blitze des Himmels auf den Hals locken würde. Ja, ja, seine Zeit ist abgelaufen, er muß fallen.« »Er muß nicht fallen«, antwortete es hinter der Eiche hervor und zugleich trat eine männliche Gestalt um den mächtigen Stamm herum und gerade vor den überraschten Farmer hin.

Da die ganze Gesellschaft, einer patriarchalischen Sitte folgend, bisher dem Ansiedler, ohne ihn zu unterbrechen, das Wort gegönnt hatte, so machte auch jetzt Niemand Miene, für ihn einzutreten; dagegen beobachtete jeder Einzelne mit um so höherer Theilnahme den Fremden, der so plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, vor uns erschienen war.

Die Sonne hatte vielleicht noch zehn Minuten oder eine Viertelstunde zu scheinen. Es war also selbst unter den Bäumen noch hell genug, die Gesichtszüge des Fremdlings, in welchem wir sogleich den Eigenthümer des gezähmten Mustangs vermutheten, in allen Theilen genau unterscheiden zu können. Dieselben waren vom Alter und durch klimatische Einflüsse tief gefurcht, gewissermaßen verhärtet, ohne daß dadurch ein milder Ausdruck verdrängt worden wäre, der vorzugsweise durch ein Paar schöner, ernster blauer Augen bestimmt wurde. Ein langer weißer Vollbart verbarg die untere Hälfte des Greisenantlitzes, ebenso zeigten die schlicht auf die Schultern niederfallenden Haupthaare nur noch wenige, die ihre ursprüngliche dunkelblonde Farbe trugen.

Trotz der siebenzig Jahre, die verwitternd über den greisen Fremdling hingezogen sein mochten, verrieth derselbe in seinen Bewegungen noch einen höheren Grad von Rüstigkeit, wogegen seine etwas geneigte Haltung, namentlich das Einengen der Brust durch die breiten Schultern, seiner Erscheinung den Charakter von Lebensmüdigkeit verliehen. Seine Rüstigkeit fand gewissermaßen ihre Erklärung in einem Anzuge, der darauf hindeutete, daß ein Leben unausgesetzter Thätigkeit, ein Leben voller Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren den Geist in ununterbrochener Spannung, den Körper aber in beständiger, die Kräfte stählender Uebung erhalten hatte. An seiner Bekleidung hätte man vergeblich nach Theilen gesucht, die an die Civilisation erinnerten; Alles bestand aus indianisch gegerbtem Leder, dem einzigen Stoffe, der den westlichen Jägern und Fallenstellern in den abgeschiedenen Wildnissen zu Gebote steht. Ein abgetragener Lederrock hing lose um den Oberkörper; wildlederne Gamaschen schlossen sich nach unten an diesen an, wie auch die Füße durch indianische Halbstiefel von weich gegerbtem Bisonleder geschützt wurden. Auf dem Kopfe trug er als Bedeckung den abgegriffenen Balg einer jungen Fischotter, der kunstlos in Hutform gedörrt worden war. Sein Tabacksbeutel, der von dem breiten Ledergurt bis auf seine Kniee niederhing, bestand aus dem prächtig gezeichneten und mit größter Vorsicht abgestreiften Balg des Stinkthiers, wogegen er zu seiner Kugeltasche fast unzerstörbares rohes Leder vom Bison gewählt hatte. Auf der Kugeltasche hing ein großes Ochsenhorn, welches mit geringer Nachhülfe in einen Pulverbehälter verwandelt worden war; ein kurzes Beil und ein breites Jagdmesser beschwerten auf der andern Seite seinen Gurt, während eine lange Kentucky-Büchse nachlässig in seinem rechten Arme ruhte.

Erscheinungen, wie der so unerwartet vor uns hintretende Trapper oder Fallensteller sie bot, sind an den äußersten Grenzen der Civilisation nichts Ungewöhnliches; die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich daher auch nach der ersten Ueberraschung fast ausschließlich dem Gespräche zu, welches zu eröffnen die beiden alten Männer im Begriff standen.

Auf die mit ruhiger Entschiedenheit geäußerte Bemerkung des Fremdlings, daß die Eiche nicht fallen müsse, betrachtete Hooker diesen eine Weile mit stummen Erstaunen. Es erschien ihm unbegreiflich, daß ein Unbekannter sich auf dem von ihm in gesetzlicher Form erstandenen Boden ein derartiges Recht anmaßen könne, und offenbar hielt nur das hohe Alter des Fallenstellers ihn ab, seinen Gefühlen in herausfordernden Worten Raum zu geben.

»So, Ihr meint also, der Baum müsse nicht nothgedrungen fallen?« antwortete er endlich mit schlecht verhehltem Unwillen.

»Das sind meine eignen Worte«, entgegnete der Greis, während ein schwermüthiges Lächeln seine Züge flüchtig erhellte.

»Hm, Ihr könntet wohl recht haben«, bemerkte Hooker nachdenklich, »der Baum braucht allerdings nicht zu fallen, wenn ich es für gut befinde, mein Haus etwas weiter abwärts zu bauen. Da ich aber einmal meinen Willen dahin ausgesprochen habe, meine Hütte gerade hier zu errichten, so fällt der Baum und käme der Präsident der Vereinigten Staaten selber, um mich an meinem Vorhaben zu hindern.«

»Und ich sage Euch, der Baum wird noch manches Jahr grünen«, erwiderte der Greis mit derselben ruhigen Sicherheit, »er wird noch grünen, wenn Eure und meine Gebeine längst in feuchter Erde modern.«

»Ihr scheint Eurer Sache sehr gewiß zu sein«, versetzte Hooker spöttisch, »sollte man doch fast meinen, Ihr wäret hier, um ein besseres Recht, als das meinige ist, zu vertheidigen.«

»Ein besseres Recht, wenn die Todten überhaupt noch ein Recht haben, ein Stückchen Erde, sechs Fuß lang und drei Fuß breit für sich zu beanspruchen«, bemerkte der Trapper mit einem milden Vorwurf im Tone seiner Stimme.

»Die Todten?« fragte Hooker ungläubig zurück, »was haben die Todten mit dieser Eiche zu schaffen, die außer uns wohl kaum ein Anderer in der Nähe gesehen hat?«

»Und dennoch schlummert Jemand in ihrem Schatten, der, wenn er noch lebte, nur seine Augen zu den Eurigen zu erheben brauchte, um Euch zu jedem Opfer zu bewegen«, antwortete der Greis schwermüthig, und ich glaubte zu bemerken, daß ein tieferes Roth seine verwitterten Züge auf Secunden überzog.

Hooker, durch die Worte und das Wesen des Fremdlings seltsam berührt, blickte mit einer Anwandlung von Verlegenheit um sich.

»Hier?« fragte er endlich gedehnt, und wie sich entschuldigend, fügte er hinzu: »Ein Hügel müßte ja die Grabstätte bezeichnen, und so weit ich sehen kann, entdecke ich weder ein Merkmal in der alten zähen Grasnarbe, noch eine Unebenheit des Erdreichs.«

»Vierzig und mehr Jahre ebnen den Hügel, der über einem festen Sarge aufgeworfen wurde, um wie viel schneller verwischen sie die Spuren, wenn nur Zweige des Sumachs, Sassafrasblätter und Prairieblumen dem Todten den Sarg nothdürftig ersetzten?« entgegnete der Trapper leise, wie zu sich selbst sprechend.

»Vierzig und mehr Jahre«, wiederholte Hooker, indem er den Greis mit wachsender Theilnahme betrachtete, »also beinahe ein halbes Jahrhundert! Welch lange Zeit; zu lang, um eine Stelle in der unbegrenzten Wildniß genau wieder zu erkennen, es sei denn, man wäre alljährlich nach derselben hin gewallfahrtet.«

»Es sind wohl achtundzwanzig Winter verstrichen, seit mein Weg mich zum letzten Mal an den Neoscho führte«, bemerkte der Greis träumerisch; »ich hatte einen Schwur zu lösen; es war ein grausamer Schwur, allein er mußte erfüllt werden. Eine gedörrte Kopfhaut nagelte ich auf jenen Stamm, und dann zog ich wieder meines Wegs.«

Von den seltsamsten Gefühlen beschlichen, betrachtete ich den greisen Fremdling, dessen letzte Aeußerung einen so eigenthümlichen Contrast zu seinem sonstigen milden und freundlichen Wesen bildete. Auch Hooker mußte sich derartigen Betrachtungen hingegeben haben, denn noch theilnahmvoller, als er bisher gethan, antwortete er:

»Behüte mich Gott, daß ich meine Hütte wissentlich auf dem Grabe eines Menschen aufschlage, dessen Freunde ihn noch in gutem Andenken behalten haben. Allein Ihr selbst müßt einräumen, alter Mann, daß vierzig Jahre eine sehr lange Zeit sind, eine Zeit, in welcher viele Bäume absterben und vom Sturme niedergebrochen werden, andere wieder kräftig emporschießen und die entstandenen Lücken ausfüllen. Wer vermöchte nach vierzig, oder auch nur nach achtundzwanzig Jahren eine Waldstelle wieder zu erkennen, auf welcher er einst rastete? Der Wald sieht hier nicht anders aus, als dort drüben, und Hügel, wie derjenige, auf welchem wir uns jetzt befinden, erheben sich weit abwärts und aufwärts auf den Wiesenflächen des Neoschothales.«

Etwa eine Minute betrachtete der Fallensteller den Ansiedler ernst, jedoch nicht unfreundlich.

»'s ist wahr, Ihr könnt dergleichen Erfahrungen nicht gemacht haben, oder Ihr würdet anders sprechen«, hob er an, indem er die Büchse vor sich hinstellte und, wie ermüdet, sich auf dieselbe stützte. »Hättet Ihr, wie ich, einen Theil Eurer Seele, Euer eigenes, krampfhaft zückendes Herz zu einem geliebten Todten in die Erde gelegt, dann würdet Ihr mich begreifen und keine Zweifel in meine Worte setzen. Ja, glaubt mir, wo man die einzige Lebenshoffnung und einzige Lebensfreude in die Gruft senkte, da bedarf es keiner äußeren Zeichen, um die alte Stelle wieder zu erkennen. Und hätte der wilde Prairiebrand diesen Hügel gestreift, hätte er jene Eiche bis in die Wurzel hinein in Staub und Asche verwandelt, hätte Euer Pflug die Erde nach allen Richtungen hin aufgerissen, bedeckte weit und breit üppiges Getreide diese Thalniederung, oder stände gar Euer Haus gerade hier vor uns, ich würde sie gefunden haben, gleichviel, ob in dunkler Nacht oder am hellen Mittage; gleichviel ob unter bleichenden Saathalmen, unter einer Schneedecke oder unter der Schwelle Eures Hauses. Wie der Vogel nach langer, langer Abwesenheit ohne Hülfe des Compasses die alte, von den Winterstürmen zerzauste Brutstelle nicht verfehlt, so würde mein Gefühl mich führen – doch warum verliere ich so viele Worte, da es doch in meiner Macht liegt, Euch zu überzeugen?« unterbrach sich der Greis, nachdem er sich unbewußt in ein gewisses jugendliches Feuer hineingeredet hatte. »Ja, warum verliere ich so viele Worte?« wiederholte er, indem er seine Blicke flüchtig über die achtungsvoll schweigende Versammlung hingleiten ließ. Dann die Büchse an den Stamm der Eiche lehnend, schritt er auf die Ostseite derselben herum, worauf er das Beil aus seinem Gurt zog.

Wir Alle, der alte Hooker an der Spitze, hatten uns ihm nachgedrängt, und als er seine Hand in der Höhe von etwa fünf Fuß an den Stamm legte, bemerkten wir neben derselben eine breite Narbe in der geborstenen korkigen Rinde, die indessen mit feinem Moos dicht bewachsen war. Die Narbe selbst nahm sich aus, als habe ein niederschmetternder Nachbarbaum vor Jahren den Stamm der Eiche gestreift und deren Rinde verletzt, oder auch ein Wetterstrahl sie gerade auf dieser Stelle leicht berührt. Die Länge der Narbe betrug ungefähr einen Fuß, wogegen ihre Breite kaum die Breite einer Hand erreichte. Daß dieselbe einst größer gewesen, entdeckte man leicht, wenn man die Bruchenden der Rinde aufmerksam prüfte, die sich von allen Seiten, wie ein fester Teig, über das entblößte harte Holz hingeschoben hatte.

Indem der Fallensteller die Hand auf die bezeichnete Stelle legte, wendeten sich seine Blicke eben dahin. Ein Schauder schien seine Gestalt zu durchrieseln und zu beugen; dann aber richtete er sich mit einem tiefen Seufzer empor.

»Mein Herz blutet, als sei erst ein Sonnenlauf seit jener Zeit verflossen, während die kleine Fläche hier von beinahe einem halben Jahrhundert zu erzählen weiß«, sprach er halblaut für sich. »Sechsundvierzig Jahre; welche lange Zeit, und dennoch wie kurz!« Dann sich nach uns umwendend, wies er auf einen schlanken Hickory-Nußbaum.

»Jenen Baum«, fuhr er lebhafter fort, pflanzte ich vor sechsundvierzig Jahren zu Füßen der theuern Leiche, während hier, genau zwei Ellen vom Stamme dieser Eiche, wo die Wurzeln das Eindringen in den Boden nicht mehr hinderten, das geliebte Haupt ruht. Ich ahnte nicht, hoffte und wünschte auch nicht, das schwanke Reis, welches ich damals mit meinen heißen Thränen benetzte, noch einmal als Baum wieder zu sehen; noch weniger hielt ich für möglich, daß meine Hand zum zweiten Male die Rinde von dieser Eiche entfernen würde. Doch ich bin es Euch, ich bin es mir selber schuldig«, fügte er lauter hinzu, und sich hastig umwendend, begann er ohne Säumen mit seinem Beil in viereckiger Form eine Kerbe um die Narbe herum in die nachgiebige Rinde zu hauen.

Erfüllt vom innigsten Mitgefühl beobachtete ich das Verfahren des alten Mannes. Niemand sprach ein Wort und gespannt hafteten alle Blicke an der Narbe, die sich unter den rasch auf einander folgenden und mit großer Gewandtheit geführten Hieben schnell erweiterte, indem die Rinde, so weit sie nicht ursprünglich mit dem Holze verbunden gewesen, sich leicht von demselben trennte.

Als der Greis nach wenigen Minuten eine Fläche von ungefähr zwei Fuß Breite und anderthalb Fuß Höhe bloßgelegt hatte, rieb er das Moos von der Mitte derselben, worauf er uns aufforderte, näher heran zu treten und die Stelle genauer zu betrachten.

Der letzte Tagesschimmer leuchtete uns noch hinlänglich, um eine tief in das feste Holz eingemeißelte Inschrift zu erkennen, die, obwohl verwittert, noch mit geringer Mühe entziffert werden konnte.

Gerade in der Mitte, also auf der Stelle, die nichts unter dem Schutze der überwachsenden Rinde gewesen, war ein langes Kreuz sichtbar. Dasselbe hatte durch atmosphärische Einflüsse und Mooswuchs bereits gelitten. Um so deutlicher traten dafür die Worte hervor, die zu beiden Seiten des Kreuzes mit einem scharfen Instrument eingegraben worden waren.

»Margaretha Urbano, gest. am 10. Juni 1808«, las ich still für mich, und mit mir lasen es alle vor dem Baum Versammelten.

Kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Selbst als Jeder schon längst Kenntniß von der einfachen Inschrift genommen hatte, hafteten die Blicke noch an den alten Zeichen, die den Geist mit unwiderstehlicher Gewalt so weit in eine uns Allen unbekannte ferne Vergangenheit zurückführten und die seltsamsten Bilder vor die angeregte Phantasie heraufbeschworen.

Die Sonne hatte ihr Tagewerk vollbracht, und fast gleichzeitig mit ihrem Untergange stellte sich unter den reich belaubten Bäumen ein sich schnell verdichtendes Dämmerlicht ein.

Da nahm Hooker wieder das Wort, indem er auf den greisen Fallensteller zutrat und dessen Hand ergriff.

»Ich bin unumschränkter Herr auf diesem Boden«, hob er mit rauher Herzlichkeit an, die Hand des Fremdlings derbe schüttelnd, »ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch verspreche, daß bei meiner und meiner Söhne Lebzeiten keine Axt gegen diesen Stamm geschwungen werden soll. Mein Haus kann einige Schritte abwärts stehen, so daß die Grabstätte in meinen Garten zu liegen kommt, und Schmach über die Hand, die es jemals wagt, die Ruhe der Todten zu stören!«

»Ich bin zufrieden«, antwortete der Fallensteller, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung, »es ist Alles, was ich hoffte und wünschte, und mehr, als ich erwartete.«

»Aber nun kommt mit nach meinem Lager, 's ist keine fünfhundert Schritte von hier«, bat Hooker freundlich, »kommt, seid mein Gast, so lange Ihr wollt, und wäre es bis dahin, daß es mir oder meinen Kindern gestattet wäre, Euer letztes Bett ebenfalls unter dieser Eiche zu bereiten; bei Gott, ein behagliches Plätzchen, so wahr ich Hooker heiße; möchte mich wahrhaftig selbst einmal hierher legen lassen.«

»Ein behagliches Plätzchen«, wiederholte der Fallensteller, indem er sinnend mit dem Kopfe nickte, »wohl muß es sich sanft ruhen an ihrer Seite – arme, arme, süße Margareth – aber ich kann nicht bleiben, ich muß weiter, weiter; ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen« –

»Nun, das wird sich finden«, fiel ihm Hooker ins Wort, »kommt, meine Frau und Töchter sollen es Euch bequem machen, und habt Ihr erst in meinem Lager dreimal die aufgehende Sonne begrüßt, ist's noch immer früh genug, an den Aufbruch zu denken.«

Der Fallensteller schien eine Weile nachzudenken.

»Warum sollte ich Eure Gastfreundschaft zurückweisen?« sagte er endlich, und zugleich trat er an Hooker's Seite, »wäre es mir doch traurig, von Euch zu scheiden, ohne vorher Salz und Brod mit Euch gegessen zu haben. Ja, ja, es ist besser, wir lernen einander genauer kennen, 's ist wegen der Erinnerung in einsamen Stunden – aber ich bin nicht allein, mein Pferd weidet in der Wiese, und nicht weit davon habe ich den Sattel und meine übrigen geringen Habseligkeiten niedergelegt.«

»Kümmert Euch nicht um Euer Pferd oder die Sachen«, fiel Hooker wieder aufmunternd ein, »meine Söhne werden Beides zu finden wissen und sicher unterbringen; auf ein paar Maiskolben für den armen Schelm von Mustang soll es mir ebenfalls nicht ankommen.«

Der Fallensteller nickte im Weiterschreiten wieder in seiner sinnenden Weise, dann wendete er sich halb nach den jungen Leuten um, die sich anschickten, ihres Vaters Befehle auszuführen.

»Nähert Euch dem Pferde von der rechten Seite, hebt die Arme auf und redet den alten Burschen mit Jack an, oder es möchte Euch kaum gelingen, seiner habhaft zu werden«, sagte er in belehrendem Tone, »habe ihm diese Art beigebracht, der Sicherheit wegen; möcht' ihn ungern missen, den treuen Gefährten, und die Rothhäute fragen nicht viel nach Eigentumsrecht oder eines alten Mannes Freude.«

Die Söhne des Ansiedlers entfernten sich mit einigen heiteren, jedoch achtungsvollen Bemerkungen, während wir Uebrigen uns dem Fallensteller anschlossen, der nunmehr hinter Hooker getreten war und diesem auf dem Fuße nachfolgte.

Die in einer noch unangetasteten Urwaldung gewöhnlichen Hemmnisse brachten die Unterhaltung ins Stocken. Aber auch als wir uns wieder auf der Wiese befanden, verharrte die ganze Gesellschaft noch immer in Schweigen. Es war ersichtlich, Alle beschäftigten sich im Geiste mit der merkwürdigen Grabschrift und der geheimnißvollen Geschichte desjenigen, der dieselbe einst in das harte grünende Eichenholz meißelte und dadurch seinem unheilbaren Kummer ein dauerndes Denkmal geschaffen hatte.

II.

Mrs. Hooker, eine stattliche, etwas lebhafte Matrone, unterstützt von ihren Töchtern, drei so freundlichen und hübschen Farmermädchen von zwölf, fünfzehn und siebzehn Jahren, wie nur je welche eine reife Maiskolbe aus der Strohhülle lösten und dabei ihrem bevorzugten Mitarbeiter die rosigen Lippen zum Kusse darreichten, hatte es dem Fallensteller so behaglich und bequem gemacht, wie die ihr zu Gebote stehenden Mittel es nur immer erlaubten.

Die ihm von allen Seiten gezollten Aufmerksamkeiten, berührten den vereinsamten Greis augenscheinlich wohlthuend; auf seinen tiefgefurchten Zügen ruhte wenigstens ein Ausdruck, der für nichts Anderes genommen werden konnte. Offenbar sann er über irgend etwas nach, denn mehrfach blieben die Fragen, die der Eine oder Andere aus dem um ihn herum lagernden Kreise an ihn richtete, unbeantwortet; und dennoch betrafen die Fragen nur höchstens seine jüngste Reise. Auf seine Vergangenheit anzuspielen wagte Niemand, theils aus Achtung vor dem hochbetagten Fremdlinge selbst, theils um nicht unmännliche Neugierde zu verrathen. Sogar Mrs. Hooker und ihre Töchter legten sich einen gewissen Zwang auf und schienen, wenn auch mit manchem verstohlenen Seitenblick auf den fremden Gast und manchem heimlichen Geflüster, für weiter nichts Sinn zu haben, als für ihre Obliegenheiten. Der stille Greis übte durch seine Gegenwart überhaupt einen seltsamen Einfluß auf die sonst so lebenslustigen Leute aus; denn jene Heiterkeit, die in gewöhnlichen Fällen das Zusammentreffen friedlicher Menschen im fernen Westen charakterisirt, fehlte gänzlich. Unzufriedenheit oder Mißvergnügen war es indessen nicht, was die Gemüther bewegte; weit eher hätte man glauben mögen, daß dieselben durch die merkwürdigen Umstände, welche das erste Begegnen mit dem Fremdlinge begleiteten, empfänglicher für die Eindrücke der Natur geworden wären und sich gleichsam deren träumerische Ruhe angeeignet hätten.

Obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war, herrschte doch nicht eigentliche Finsterniß; denn zu dem milden Lichte der Gestirne gesellte sich jener geheimnißvolle Schimmer, der in den kurzen Sommernächten, als letzter Rest des ersterbenden Abendroths, sich von Westen nach Norden und Osten langsam herumschiebt, um endlich wieder mit dem entstehenden Morgenroth zusammen zu fallen.

Ein zum Theil mit grünem Reisig und Blätterwerk genährtes Feuer war so angelegt worden, daß der schwache Luftzug den streng duftenden Rauch über die Zelte und die vereinzelten Lagerstätten hinwälzte und die lästigen Mosquitos aus deren Nähe verscheuchte.

Um das Feuer herum lagerten im Kreise die Familie des Ansiedlers und Diejenigen, die erst vor wenigen Stunden zur Hülfeleistung eingetroffen waren. Der Fallensteller hatte den Ehrenplatz zwischen Hooker und dessen Gattin erhalten. Wie die meisten der Anwesenden rauchte auch er ein kurzes Thonpfeifchen. Seine Blicke waren dabei starr auf den kleinen Gluthügel gerichtet, als hätte er zwischen den glimmenden Kohlen nach besonderen Zeichen gesucht, oder als wären durch die liebliche Sommernacht seine Erinnerungen doppelt angeregt und Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor seinen Geist hingezaubert worden. Leise, ganz leise und heimlich flüsterte und rauschte es in den Wipfeln der nahen Baumgruppen. Ueber den feuchten Wiesenniederungen bildeten sich weiße Nebelstreifen; aus denselben empor tauchte zerstreutes Buschwerk, die seltsame Täuschung erzeugend, als ob die wunderlichsten Thiergestalten, auf einem verzauberten See schwimmend, plötzlich zu regungslosen Massen erstarrt worden wären. Die Pferde und Rinder des Ansiedlers hatten sich nach den höher gelegenen Abhängen hinaufgezogen; ihr behagliches Stöhnen, auch wohl zuweilen ein verschlafenes Wiehern drang deutlich zu uns in's Lager herüber. Weit abwärts, wie um an die Nachbarschaft der unbegrenzten Wildniß zu erinnern, hatten sich scheue Prairiewölfe zu einem Rudel vereinigt, mit ihrem Jauchzen und Kläffen die stille Nacht in weitem Umkreise erfüllend; in entgegengesetzter Richtung, dort wo die nächsten Ansiedlungen lagen, ließ sich das Bellen wachsamer Hofhunde vernehmen, während nahebei der Wald von der kleineren Thierwelt eigenthümlich, aber nicht unfreundlich belebt wurde.

In einer abgesonderten Baumgruppe hatten sich Tausende von Locustgrillen zusammengefunden, ihre rasselnden Triller zu einem endlosen, geheimnißvoll rauschenden Chor vereinigend; von den Bäumen herab, deren schattige Kronen sie nach mühevoller Wanderung erreichten, sangen munter die zierlichen Laubfrösche; in den sumpfigen Niederungen erschallten die glockenreinen Stimmen der Unken und das gelegentliche Brüllen des riesenhaften Ochsenfrosches.

Lustig knisterten die grünen Reiser auf dem Gluthaufen, indem sie ätzenden Rauch ausströmten, und leiser flüsterten die um denselben Herumlagernden.

Da klopfte der greise Fallensteller sein Pfeifchen aus, und als ob man seine Absicht errathen hätte, richteten sich alle Blicke auf ihn, während erwartungsvolles Schweigen eintrat.

»Das Geringste, was ich thun kann, um mich für die mir gezollte freundliche Rücksicht und Gastfreundschaft dankbar zu beweisen«, begann er mit weicher Stimme, ohne seine Blicke von den kleinen, züngelnden Flammen zu erheben, »ist, daß ich Euch die Geschichte der alten Inschrift erzähle, Euch erkläre, in welchem Verhältniß ich zu derselben stehe. Es ist das Geringste und zugleich das Höchste, was ich zu bieten habe. Sechsundvierzig Winter sind seit jenem Tage verstrichen, an welchem ich die Inschrift ausmeißelte, und in dieser langen Reihe von Jahren habe ich kein einziges Mal Gelegenheit gehabt, jener Zeiten vor einem andern menschlichen Ohr zu gedenken. Wäre die Gelegenheit mir aber geboten gewesen, würde mir die Neigung gefehlt haben, meine Erlebnisse zum Gegenstande eines Gespräches mit Andern zu machen. Es liegt nun einmal in mir – und weiß Gott, ich habe Ursache dazu – meine Erfahrungen als mein ausschließliches Eigenthum zu betrachten und dieselben nicht, wie so Viele thun, öffentlich preiszugeben.

»Heute ist es ein Anderes. Meines Bleibens ist nicht hier; ich bin zu sehr an die Einsamkeit gewöhnt. Gehe ich wieder fort, so ist es kaum denkbar, daß ich noch einmal zurückkehre. Wem siebenzig Winter den Rücken beugen, der hat wohl Ursache, sich zu jeder Stunde zur letzten Reise bereit zu halten. Da möchte ich Euch denn vorher mit der Geschichte des einsamen Grabes dort drüben vertraut machen, damit Ihr wißt, daß Diejenige, die unter der alten Eiche schlummert, im höchsten Grade die Schonung verdient, die Ihr den paar Quadratfuß Erde hinfort wollt angedeihen lassen. Sollte sich aber nach meinen Mittheilungen Jemand bewogen finden, aus freundlicher Theilnahme im Vorbeigehen eine Blume auf die liebe theure Stätte zu legen, dann seid überzeugt, daß der Engel, der mir noch jetzt in meinem hohen Alter zur nächtlichen Stunde in meinen Träumen erscheint, die Kunde Eures freundlichen Handelns mir zuträgt und ich Euer Andenken noch mit meinem letzten Athemzuge segnen werde.«

Hier neigte der Greis, wie in wehmüthige Betrachtungen versunken, das Haupt auf die Brust. In seltsamem Contrast standen die mit einem Anfluge von jugendlicher Wärme gesprochenen Worte zu dem grauen Haar und den gerunzelten Zügen. Nachdem er sechsundvierzig Jahre hindurch die Erinnerung an eine tief in sein Leben einschneidende Begebenheit gleichsam eifersüchtig in seinem Innern verschlossen gehalten hatte, übersprang er, indem er sich zum ersten Mal zu eingehenderen Mittheilungen entschloß, im Geiste gewissermaßen die lange Reihe von Jahren, und die Gefühle eines Jünglings bewegten, wenn auch nur flüchtig, seine Brust. Er bekundete dies noch verständlicher durch seine eigene Erklärung, als er nach kurzem Sinnen fortfuhr:

»Fast nur junge Gesichter sind es, die mich umgeben; überall Frohsinn und des Lebens schönste Hoffnungen. Wie lange ist's her, und wie nahe scheint's zu liegen, daß auch ich einen solchen Ausdruck zeigte! Wäre mein Haar nicht gebleicht, hätten meine Kräfte mich nicht zum großen Theil verlassen, dann möchte ich sagen, es war erst gestern, als ich meine Hände blutig kratzte, um zwischen Wurzeln und Gestein eine Gruft zu scharren, tief genug –«

Wie ein Schauder erschütterte es die morsche und auch doch wieder so zähe Gestalt des Greises, und spähend flogen seine Blicke im Kreise herum.

Als ob die theilnahmvolle Spannung, die er überall entdeckte, ihn in seinem Entschlusse bestimmt hätte, strich er leicht mit der Hand über seine Augen; sein Oberkörper richtete sich straffer empor, und mit einer Stimme, der jede Spur von Unsicherheit und Schwäche fehlte, nahm er seine Erzählung wieder auf:

»Wie eine Ewigkeit liegen die kommenden Jahre vor dem Jünglinge; wie eine Ewigkeit erscheint den Meisten von Euch, die ich hier um mich sehe, die Zukunft. Doch geduldet Euch, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr auf die zurückgelegte Lebensbahn wie auf einen flüchtigen Traum hinblickt. Was der Eintagsfliege zwölf Stunden Sonnenlicht, werden Euch der Jahre siebenzig sein, wenn ein höherer Wille Euch nicht vorher abberuft. Ja ja, sorglos und leichtfertig ist die Jugend, sie begreift nicht den Ernst des Lebens, so lange nicht schwere Prüfungen an sie herangetreten sind. Auch ich verlebte eine sorglose, heitere Jugend, eine Jugend so heiter und glücklich, wie es eben nur auf der Grenze der Civilisation möglich, wo der Körper nicht durch ununterbrochene geistige Anstrengungen in seiner Ausbildung gehemmt wird, sondern sich durch zuträgliche Uebungen, gleichviel ob mit der Axt in der Faust oder der Büchse auf der Schulter, abzuhärten und zu stählen vermag. Die Grenze der Civilisation lag damals noch weit auf jener Seite des Missouri. Wo heute Städte, Dörfer und Ansiedelungen sich erheben, da jagte ich als Knabe den virginischen Hirsch und den schwarzen Bären; sogar zerstreute Büffelheerden verloren sich damals noch bis an den Mississippi und bis über den Mississippi hinaus, und weit brauchte ich von der elterlichen Hütte aus nicht zu wandern, um dem Biber und der Fischotter Fallen zu stellen.

»Glückliche Jugendzeit! Nachdem ich kümmerlich lesen und schreiben gelernt hatte, hielt ich mich für hinreichend ausgebildet, die Stelle eines Präsidenten der Vereinigten Staaten auszufüllen, und da es weit und breit keinen Farmerburschen gab, der es beim Holzfällen oder Pferdebändigen, im Schnelllaufen oder im Gebrauch der Büchse mit mir aufgenommen hätte, so erlangte ich bald jenes tolle Selbstbewußtsein, mit welchem man glaubt, die ganze Welt erstürmen und beherrschen zu können. Dabei besaß ich aber auch wieder einen bescheidenen Sinn, denn die einfache Blockhütte meiner Eltern mit ihrer fast ärmlichen inneren Einrichtung schien mir der Inbegriff alles irdischen Glückes zu sein, und nie beneidete ich Menschen, die mit irdischen Gütern reicher gesegnet waren.

»Die Hütte meiner Eltern, von festen Blöcken errichtet, lag im Staate Iowa auf dem Ufer eines fischreichen Flüßchens. Ich mochte wohl zehn Jahr alt sein, als meine Eltern mit mir und zwei älteren Brüdern daselbst eintrafen. Die achtzig Morgen Waldland, die wir unser Eigenthum nannten, waren in vollwichtigen Dollars an die Regierung bezahlt worden, wir fühlten uns daher auf unserm Grund und Boden so frei, wie nur je ein König auf seinem goldenen Throne.

»Anfangs ging's freilich kärglich genug; doch Gottes Segen ruhte auf unserer Hände Arbeit, und nach Ablauf einiger Jahre sahen wir uns im Besitze eines Viehstandes, freilich nur klein, aber doch so gut und ausgesucht schön, daß der reichste Pflanzer der Louisiana sich desselben nicht hätte zu schämen brauchen. Auch unser Gärtchen lieferte uns einigen Gewinn, nicht zu gedenken der zwanzig Morgen fetten Waldbodens, die wir allmählich unter den Pflug gebracht hatten.

»Unsere nächsten Nachbarn waren wohl an die sechs vollen englischen Meilen entfernt, das nächste Städtchen sogar zwei gute Tagereisen, doch was waren uns Entfernungen? Unsere guten Pferde brachten uns schnell zusammen, wenn wir einander sehen wollten, und Doktor und Apotheker? Pah! Ein paar Fieberpillen war Alles, was wir gelegentlich gebrauchten, und daß uns die nicht ausgingen, dafür sorgten die Pedlars, die regelmäßig bei uns vorsprachen und uns nicht nur mit Heilmitteln, sondern auch mit Stiefeln und sonstigen Leibes- und Lebensbedürfnissen reich versorgten. Es war damals, wie es heute noch auf der Grenze ist – nur ein Bischen bequemer sind die Leute geworden, und wo damals ein trockener Maiskuchen ausreichte, soll's heute zuweilen eine Obsttorte sein.

»Das war also meine Heimat. Es ist mir jetzt Alles wie ein Traum; indem ich aber davon spreche, tritt sie mir so lebhaft vor die Seele, als ob ich sie in Wirklichkeit vor mir sähe. Ich muß mein spärliches Scheitelhaar betasten, einen Blick auf meine dürren, kraftlosen Hände werfen, um von dem Gefühl befreit zu werden: als möchte ich hineilen zu den theuren guten Alten, als möchte ich sie in meine Arme schließen und ihnen, wie ich so oft gethan, die erste, beste Arbeit abnehmen und dieselbe lustig und im Fluge beendigen. Ich möchte hinausschleichen auf unbemerkbaren schattigen Waldpfaden nach einer lieblichen Lichtung, welche der Hirsch, wenn er zum Wasser geht, gern überschreitet. Ich möchte daselbst harren und lauschen auf das Geräusch im Dickicht – ich höre es knacken; es sind dürre Zweige, die unter scharfen Hufen brechen; auf einer Stelle, auf welcher das Gesträuch nicht so verworren in einander verschlungen, theilen sich die Zweige auseinander; der zottige Kopf und die funkelnden Augen eines eisengrauen Mustangs werden sichtbar, und die letzten Hindernisse mit einem Sprunge besiegend, eilt er halb stolpernd, halb galoppirend, bis auf die Mitte der Lichtung vor. Er ist aufgezäumt, der eisengraue Mustang, aufgezäumt auf einfache Farmerart. Die flatternden Mähnen entziehen mir den Anblick des Reiters, der außerdem den Kopf auf den Hals seines Thieres gelegt hat, um beim Vordringen nicht schmerzhaft von den niedrig hängenden Zweigen berührt und gestreift zu werden. Erst nachdem der Mustang freieren Boden gewonnen, richtet der Reiter sich empor und – arme, arme kleine Margareth!« schloß der Greis fast flüsternd mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer, und zugleich neigte er wieder, wie erschöpft, das Haupt tief auf die Brust.

Ringsum im Kreise herrschte lautloses Schweigen. Ergraute Erfahrung wie jugendliche Heiterkeit und kindlicher Frohsinn, Alles war in gleichem Grade dem Eindruck unterworfen, welchen der Fallensteller durch sein seltsames Wesen, ohne es zu beabsichtigen, ausübte. Es war, als ob sein Herz, während der Körper alterte, ein halbes Jahrhundert hindurch im Scheintode erstarrt gewesen wäre und nunmehr, sobald er für seinen lang und still getragenen Kummer Sprache gefunden, plötzlich unverändert mit allen, sonst nur der Jugend eigenthümlichen Empfindungen und Regungen zu neuem Leben erwacht sei. Klangen seine kurz abgebrochenen Schilderungen doch wie die eines von den süßesten Hoffnungen beseelten Jünglings, und als er am Schlusse gleichsam ersterbend den Namen Derjenigen aussprach, die einst einen so entscheidenden Einfluß auf sein Leben ausübte, da schwebte es vor meinem geistigen Auge wie ein Bild, in welchem die üppigste Jugendkraft, vom Wetterstrahl des Geschickes unbarmherzig, unheilbar getroffen, ohnmächtig mit den finsteren Dämonen wahnsinnartiger Verzweiflung ringt.

»Theure, theure kleine Margareth«, wiederholte der Fallensteller nach einer längeren Pause, und ein glückliches Lächeln erhellte flüchtig die tiefgerunzelten Züge, während die unstet flackernden Flammen sich in zwei Thränen spiegelten, die langsam über die eingefallenen Wangen in den weißen Bart hinabrollten. »Ich nenne sie kleine Margareth, und doch war sie nichts weniger als klein; im Gegentheil, sie war hoch und schlank gewachsen, schlank wie eine Palme in den mexicanischen Wildnissen, in deren Schatten ich Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen suchte, schlank, wie die schönste Edeltanne, weit oben im kalten Oregon, deren niederhängende Zweige mir zur Zeit der grausigen Schneestürme ein willkommenes Obdach gewährten. Theure kleine Margareth, ich sage klein, weil ich sie wohl tausend Mal so nannte und sie es gern von mir hörte, und ich nannte sie klein aus unvergänglicher, ewiger, treuer Liebe und weil, als sie auf ihrem Mustang in gebückter Stellung zum ersten Mal in den Bereich meiner Augen trat, sie mir in der That nicht sehr groß erschien. Eine gewisse ängstliche Besorgniß, die aus ihrem Wesen sprach, mochte mit zu dieser Täuschung beitragen. Jedenfalls aber glaubte ich, nie etwas Lieblicheres und Schöneres gesehen zu haben, als die junge Fremde, die auf der Mitte der Lichtung ihren grauen Mustang anhielt und mit wachsender Aengstlichkeit um sich spähte.

»Mich sah sie nicht, ich stand zu tief verborgen im Gebüsch. Und ich wieder? Ich war durch den Anblick der wunderbaren Erscheinung so bezaubert, daß ich mich weder von der Stelle zu bewegen, noch durch einen Laut meine Anwesenheit kund zu geben vermochte.

»Trotz meiner Verwirrung erkannte ich an der Art, in welcher sie die Zügel hielt, daß sie eine Reiterin war, die in der Führung des Pferdes nicht leicht übertroffen werden konnte; und dann die langen Flechten, in welche sie ihr schwarzes Haar geordnet hatte, die dunkeln, diamantklaren Augen, und der Mund so klein und so lieblich, o, wie alles dieses sie wunderbar kleidete, sie in meinen Augen so hoch, so unendlich hoch über alle andern Menschen erhob! Arme, süße Margareth! Sie schläft friedlich im Schatten der alten Eiche; und ich?« Des greisen Erzählers Blicke glitten flüchtig über seine hageren Hände hin, wie um sich im Geiste wieder in die Gegenwart zurück zu versetzen. Es war ersichtlich, er strebte mit Gewalt gegen das fast unbesiegbare Verlangen, seine Mittheilungen immer und immer wieder durch die Schilderungen seiner armen Margareth zu unterbrechen; er fürchtete offenbar, seine Zuhörer zu ermüden, und dennoch ergriff er so unbeschreiblich gern jede Gelegenheit, der Geliebten seiner Jugend lobend und preisend zu erwähnen. Es war als ob er vor einem frisch aufgeworfenen Grabhügel gekniet und, ähnlich den sagenhaften Helden der Vorzeit oder nach der Weise der um einen gefallenen Häuptling trauernden rothhäutigen Jagdgenossen, seine Klagen und Lobpreisungen zu einem mit schillernden Blüten durchflochtenen Cypressenkranz vereinigt habe.

»Es ist 'ne merkwürdige Sache um die Religion, noch merkwürdiger um die Lehre von der Auferstehung«, begann er gleich darauf wieder. »Werden wir auferstehen in derselben Gestalt, in welcher wir diese armselige Erde verlassen haben? Wer hat je den Schleier der Zukunft gelüftet? Dich, Margareth, würde ich dann wiedersehen als einen Engel der holdesten Jugendschönheit, während du mich als hochbetagten, schwachen Greis fändest. Du würdest in dem tiefgebeugten alten Mann den Freund deines Herzens vielleicht nicht wieder erkennen – und dennoch, wenn ich dir sagte, wie unwandelbar ich dich mein ganzes Leben hindurch geliebt, wenn ich dir schilderte die namenlosen Schmerzen, die ich erduldete und die trotz der vielen langen Jahre nie alterten oder das Gefühl abstumpften, dann würden deine Augen sich vor Wehmuth mit Thränen füllen, du würdest dich mir zuneigen, mein armes Herz mit deinen süßen Schmeichelworten aufs neue erwärmen, mit deiner treuen Hand die Furchen von meiner Stirn streichen, mich in deine Arme schließen, so innig, so heiß, deine Lippen meinem Ohr nähern und innig flüstern – wie damals – Dein auf ewig! Dein!

»Verzeiht mir die vielen Worte«, unterbrach der Fallensteller seine Mittheilungen, die allmählich den Charakter eines Selbstgespräches angenommen hatten, und zugleich lächelte er wieder schwermüthig, »habe ich selbst doch nicht gewußt, daß ich so redselig sei; 's ist ein neues Zeichen meines hohen Alters. Ich glaubte verlernt zu haben, meine geheimsten Gedanken in laute Worte zu kleiden und jetzt, da ich einmal begonnen, mich vor Euch auszusprechen, weiß ich kein Ende zu finden. Ja, ja, das Alter ist redselig; der Anblick der Inschrift, die ich wieder ans Tageslicht zog, und Euer gütiges Versprechen, die geweihte Stätte freundlich zu schonen, haben mir die Zunge gelöst, und so nehmt denn hin, was ich, als einen Beweis meiner Dankbarkeit Euch weiter anvertraue.«

Statt einer Antwort reichte Hooker dem Greise die Hand mit einem aufmunternden Kopfnicken. Kein Anderer im Kreise wagte eine Bemerkung laut werden zu lassen. Die Laubfrösche sangen in alter, unveränderter Weise; die Grillen schmetterten ihre endlosen Triller in die Nacht hinaus, und jauchzend jagten weit abwärts die Prairiewölfe ihre flüchtige Beute. Das grüne Holz auf dem Gluthaufen zischte und knisterte; eine weiße Rauchsäule wälzte sich träge über die nahen Zelte und Lagerstätten hin. Die Atmosphäre begann sich vor dem emporsteigenden Monde zu erhellen, der Fallensteller aber, nachdem er eine Weile sinnend vor sich niedergeschaut, fuhr fort:

»Wohl fünf Minuten hatte die junge Reiterin, bald aufmerksam horchend, bald ängstlich spähend auf der Lichtung gehalten, als ich mich hinlänglich von meinem Erstaunen erholt hatte, sie von meiner Anwesenheit in Kenntniß setzen zu können.

»Gewiß habt Ihr Euern Weg verloren?« fragte ich so freundlich, wie es in meiner Macht lag, meine Stimme kaum über das gewöhnliche Maaß erhebend.

»Die Reiterin spähte scharf nach dem Dickicht hinüber, welches mich ihren Blicken entzog.

»Wer Ihr auch sein mögt«, antwortete sie darauf, »anstatt Euch versteckt zu halten, solltet Ihr offen vortreten und eine verirrte Wandrerin über die Richtung des Weges belehren, den ich in der That bereits vor einer Stunde verlor.«

Einer zweiten Aufforderung bedurfte es nicht; ich drängte mich schnell ins Freie hinaus und gewahrte zu meiner nicht geringen Genugthung, daß die Fremde, anstatt scheu vor mir zu fliehen, wie ich anfangs befürchtet hatte, den Ausdruck von Besorgniß verlor und mit unverkennbarer Freude zu mir herüberschaute. Sie trieb sogar ihr Pferd an und sich mir nähernd, reichte sie mir zutraulich die Hand entgegen.

»O, diese liebe kleine Hand, sie verschwand fast in der meinigen, und ihre Stimme klang so süß, daß ich meinte, nie einen lieblicheren Ton gehört zu haben. Die sanften Melodien der Spottdrossel, denen ich so gern zu lauschen pflegte, ach, was waren sie gegen ihre Stimme? Und doch hatte ich nur wenige Worte von ihr vernommen.

»Wie kommt Ihr in diese Gegend, und dazu noch so ganz allein?« fragte ich jetzt furchtlos, denn je länger ich in die freundlichen dunklen Augen schaute, um so mehr fühlte ich die Verwirrung schwinden, die sich meiner bemächtigt hatte.

»Wie anders, als auf dem Rücken meines Grauschimmels?« lautete die halb neckische, halb verlegene Gegenfrage, und zu meinem Erstaunen duldete die junge Fremde, fast noch ein Kind, daß ich ihre Hand unausgesetzt in der meinigen hielt.

»Dann müßt Ihr weit geritten sein«, entgegnete ich, »denn aus unserer Gegend seid Ihr keinen Falls.«

»Nun, es käme darauf an, was Ihr Eure Gegend nennt«, bemerkte das Mädchen lächelnd.

»Zwei Tagereisen im Umkreise«, antwortete ich schnell.

»So weit?« fragte die Fremde verwundert, und mit sichtbarem Ergötzen fügte sie hinzu: »dann bin ich allerdings aus Eurer Gegend, denn drei Stunden ist es kaum her, als ich mein heimatliches Dach verließ, und den größten Theil dieser Zeit habe ich noch mit Umherirren verloren.«

»In welcher Richtung liegt Euer heimatliches Dach?« fragte ich erstaunt.

»Das ist es ja eben, was mir genau zu beschreiben ich Euch bitten wollte«, erwiderte die Fremde heiter, »ich wohne auf Hallers Farm, und die guten Leute dort würden gewiß sehr besorgt um mich sein, kehrte ich nicht vor Einbruch der Nacht heim.«

»Auf Hallers Farm?« fragte ich wiederum, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, mit einem tadelnswerthen Ausdruck der Ungläubigkeit; »sprach ich doch erst vor zwei Wochen daselbst vor, ohne weder von Euch, noch von Euerm Mustang eine Spur zu entdecken.«

»Und dennoch ist Haller's Farm meine Heimat«, bekräftigte das Mädchen, ein muthwilliges Lachen unterdrückend.

»Dann seid Ihr wohl eine Miß Haller, eine Tochter oder Verwandte unserer Nachbarn.«

»Weder eine Miß Haller, noch eine Tochter, wohl aber eine Verwandte des alten Haller. Mein Name ist Marguerita Urbano, doch werde ich dort nur einfach Margareth genannt. Aber, nun sagt mir endlich, in welcher Richtung Hallers Farm liegt und wie lange ich wohl zu reiten habe, um dahin zu gelangen. Mein Grauer ist ein Paßgänger; fünf englische Meilen legt er bequem in einer Stunde zurück.«

»Wohlan«, versetzte ich darauf schnell, dann könnt Ihr Euer Ziel in höchstens anderthalb Stunden erreichen. Da die Sonne aber mindestens noch drei Stunden scheint, so habt Ihr durchaus keinen Grund, Euch zu übereilen. Was nun endlich die Lage Eures Ziels betrifft, da möchte ich vorschlagen, daß ich Euch begleite. Keine fünfhundert Ellen von hier werden unsere Pferde, einen Sattel gebrauche ich nicht, ein gewundener Weidenzweig vertritt mir sehr oft die Stelle einer Trense, und wolltet Ihr nur einige Minuten verziehen, würdet Ihr mich binnen kürzester Frist reisefertig sehen.«

»Wohnt Ihr weit von hier?« fragte Margareth jetzt, und zwar, wie ich deutlich bemerkte, etwas enttäuscht.

»Die Wiese, auf welcher die Pferde weiden, liegt ungefähr in der Mitte zwischen hier und dem Hause meines Vaters«, gab ich stotternd zur Antwort, denn ein Gefühl beschlich mich, als ob ich einen Verstoß gegen die gebotene Höflichkeit begangen hätte. Und es war in der That so. denn nach kurzem Sinnen fuhr Margareth fort:

»Das wäre eben nicht so sehr weit – durch den Ritt bin ich recht durstig geworden.«

»O, Miß Margareth«, unterbrach ich das holde Kind hastig, und ich fühlte, daß die Beschämung mir das Blut bis in die Schläfen hinauftrieb, »hätte ich geahnt daß Ihr, mein Anerbieten nicht zurückweisen würdet, dann hätte ich Euch längst gebeten, mit in das Haus meiner Eltern zu kommen. Zürnt mir daher nicht, daß ich die ersten Pflichten der Gastfreundschaft verabsäumte, sondern laßt Euch herbei, in unser Haus einzukehren, wo ein Glas Milch oder Cider, und Maisbrot und frischer Honig schneller vor Euch aufgetragen werden sollen, als Ihr bis zehn zu zählen vermögt.«

»Mit einem freundlich vergebenden Blicke schaute Margareth auf mich nieder. Offenbar fand sie Wohlgefallen an meiner einfachen Redeweise – wo hätte ich auch vornehmeren Anstand lernen sollen? – und an der aufrichtigen Herzlichkeit, mit welcher ich meine Einladung vorbrachte.

»Sie lächelte gütig, dann legte sie ihre Hand auf meine Schulter und im nächsten Augenblick stand sie neben mir auf der Erde.

»Wer durch langes Reiten ermüdet ist, ruht sich während des Gehens wieder aus, sagte sie mit der Zutraulichkeit eines Kindes. Wandern wir daher die kurze Strecke bis zu Euerm elterlichen Hause zu Fuße, wo ich mir dann herzlich gern die Gastfreundschaft gefallen lassen werde.

»Ich wußte nichts zu antworten; mir war, als sei ich plötzlich in eine mir fremde und schönere Welt versetzt worden. Selbst ihr in's Antlitz zu schauen, wagte ich nicht mehr, aus Furcht, meine Augen eben so schnell niederschlagen zu müssen; denn da ich in meinem Leben noch nie die Blicke vor Jemand gesenkt hatte, glaubte ich Mißtrauen dadurch zu erwecken. – Armer, ungeschulter Knabe, der ich war! Als halb verwilderter Bursche trat ich zum ersten Male vor sie hin, und wie habe ich mich später unter ihrer treuen Leitung geändert! Denn sie war nicht nur ein Engel an Milde und Sanftmuth, sondern sie besaß auch einen reichen Schatz an Kenntnissen, und was sie mir nur einmal in ihrer lieben belehrenden Weise sagte, das prägte sich mir, wie mit feuriger Schrift, unauslöschlich in Herz und Gedächtniß ein. Arme, theure kleine Margareth! Selbst in meiner langen Einsamkeit warst Du mir noch immer Lehrerin, hast Du meinen Geist beschäftigt, hat die Erinnerung an Dich mich geleitet und gehalten, oder ich hätte vor Verzweiflung sterben oder auf die niedrigste Stufe der rohsten Eingeborenen, meiner gelegentlichen Gefährten und Jagdgenossen, hinabsinken müssen!

«Ja, ja, 's war ein seltsamer Einfluß, welchen die arme kleine Margareth schon in der ersten Viertelstunde unserer Bekanntschaft auf mich ausübte. Ich wußte nicht und hatte nie gelernt, daß es außer der gewöhnlichen Gastfreundschaft und Höflichkeit auch noch einen höheren Grad von Zuvorkommenheit gebe; allein als wir von der Lichtung langsam meinem elterlichen Hause zuwanderten, da schritt ich ihr beständig vorauf, und die Zweige bog ich zurück, daß sie ihr liebes Haupt nicht streiften, obwohl sie mir betheuerte, an die Unbequemlichkeiten des Waldlebens gewöhnt zu sein; und die ebensten Stellen suchte ich aus, wohin sie ihre Füße setzen sollte; selbst von ihrem niedlichen Mustang verjagte ich mit einem blätterreichen Zweige die Mosquitos, die den armen Burschen bei den langsamen Bewegungen grimmig anfielen. Glaubte ich doch in meiner Einfalt, daß auch sie jede ihrem Pferde zugefügte Verletzung fühlen müsse.

»Und so wanderten wir dahin; ich in steter ängstlicher Besorgniß, sie wieder mit stillem Wohlgefallen die eifrigen Bemühungen des jungen Hinterwaldriesen – wie sie mich später nannte – beobachtend, bis wir endlich in der Hütte von meinen Eltern und Brüdern willkommen geheißen wurden.

»Wie ich, so zeigten sich auch die Meinigen nicht nur innig erfreut über den unerwarteten Besuch, sondern auch besorgt, daß demselben das Beste, was unsere einfache Häuslichkeit aufzuweisen hatte, vorgesetzt werde. Ich entsinne mich noch genau, wie eine Art von Eifersucht mich erfüllte und ich die junge Fremde durchaus selbst bedienen wollte. Und sie nahm meine Dienste mit freundlichem Lächeln entgegen, und zutraulich sprach sie mit meinen Eltern und Brüdern, wobei sie betheuerte, daß sie, eine an Arbeit gewöhnte Tochter des »fernen Westens«, nicht gewohnt sei, wie eine vornehme Dame verzärtelt zu werden, wodurch die letzte Scheu verloren ging, welche wir bis dahin gehegt hatten. Denn noch keine Viertelstunde befand sie sich unter unserm Dache, da plauderten und scherzten wir so harmlos, als ob wir lauter Kinder gewesen wären. Die Zeit verrann uns unter den Händen, und wie ein schreckliches Urtheil tönte es mir in den Ohren, als Margareth sich plötzlich hastig erhob und, auf den Stand der Sonne deutend, bemerkte, daß es die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.

»Und ich reite mit! rief ich halb jubelnd, halb trotzig aus, bevor meine Eltern oder Brüder ein Wort zu entgegnen vermochten. Ich hegte nämlich die Besorgniß, daß der Eine oder der Andere mir mit einem ähnlichen Anerbieten zuvorkommen könne.

»Margareth fühlte indessen das Ungehörige meiner Heftigkeit, denn sie richtete einige entschuldigende, sich auf unser Uebereinkommen beziehende Bemerkungen an meine Eltern. Dann dankte sie mit wunderbar klingenden Worten für die ihr erwiesene Gastfreundschaft; sichtbar erfreut leistete sie das Versprechen, unsere Hütte in nächster Zeit wieder zu besuchen, und unterstützt von meinem Vater schwang sie sich gewandt in den Sattel.

»Während der letzten Abschiedsworte hatte ich Sattel und Zaumzeug hervorgesucht und auf die Schulter genommen, und bald darauf bewegten wir uns neben einander der Wiesenfläche zu, auf welcher die Pferde meines Vaters weideten.

»Anfangs wechselten wir nur kurze Bemerkungen mit einander. Ich glaube, Margareth nahm Rücksicht darauf, daß ich daß Reitzeug trug – arme kleine Margareth, als ob zehn Reitzeuge eine Last für mich gewesen wären – sobald ich aber ebenfalls auf dem Rücken eines kräftigen Pferdes saß und neben ihr herritt, wurden wir in unserer Unterhaltung freier, und mit Bedacht suchte ich die Bewegungen der Thiere zu mäßigen, um so lange, wie nur irgend möglich, in ihrer Gesellschaft zu weilen und ihren Worten zu lauschen.

»Ja, diese Worte! sie haben sich so tief in meine Seele eingegraben, daß alle die langen Jahre sie nicht zu verwischen vermochten. Ich könnte sie wiederholen, eins nach dem andern, aber die Nacht schreitet vor, und Eure und meine Stunden der Rast sind gemessen. 's ist ja auch genügend, wenn Ihr wißt, welche Bewandniß es mit der alten Eiche drüben hat. Meine Erfahrungen und Erlebnisse sollt Ihr kennen lernen, meine Trauer aber? Ach! nur Du hättest sie zu würdigen gewußt – arme, theure kleine Margareth!« –

Düster starrte der greise Erzähler vor sich in die Glut. Er saß da, wie er Jahre und Jahre in abgeschiedenster Wildniß zugebracht, wenn im Umkreise vieler Tagereisen kein anderes Leben, als das beutegieriger Bestien und scheuen Wildes sich regte. Heute dagegen umgaben ihn freundlich gesinnte Menschen, aufmerksam lauschend seinen Schilderungen und den fremden Kummer gleichsam unbewußt, bis zu einem gewissen Grade mit empfindend.

Der alte Mann schien indessen den Unterschied nicht zu bemerken; er hatte nur in Worte gekleidet, was er wohl tausend Male in Gedanken wiederholte und immer wieder von neuem im Geiste durchlebte.

Theilnahmvoll betrachtete ich die morsche sterbliche Hülle, den schwachen Rest, der von dem einst in üppigster Jugendfrische strotzenden »jungen Hinterwaldriesen« zurückgeblieben war. Mit nicht geringerer Teilnahme beobachtete ich auch den Kreis der Zuhörer, wie jeder Einzelne derselben, wenn auch mit Ungeduld, doch mit achtungsvollem Schweigen der Fortsetzung der Erzählung entgegenharrte. Es war nicht Neugierde oder das natürliche Verlangen nach Unterhaltung, die sich jedenfalls hin und wieder durch Bemerkungen und Fragen Bahn gebrochen hätten, was die allgemein feierliche Stimmung erzeugte, sondern der tiefe Eindruck, hervorgerufen durch den seltsamen Contrast, welchen die gebeugte Greisengestalt zu den mit jugendlicher Wärme geschilderten Empfindungen bildete und die vor beinah einem Menschenalter stattgefundenen Begebenheiten gewissermaßen in die nächste Vergangenheit versetzte. Niemand wunderte sich mehr über die in einem hochbetagten westlichen Jäger zum mindesten befremdende Gewähltheit der Sprache und Ausdrucksweise. Wie bei mir, so entstanden auch bei den übrigen Zuhörern vor der angeregten Phantasie Bilder aus fast verschollenen Zeiten, welche durch das eigenthümliche Wesen und Benehmen des Erzählers bestimmtere Formen und Leben erhielten, nur daß ich selbst vielleicht in Gedanken die Ursachen und Wirkungen eingehender prüfte und daher in um so höherem Grade gefesselt wurde. Schien es mir doch zuweilen, als ob er die sechsundvierzig Jahre, deren er erwähnte, wirklich verträumt habe und plötzlich auf jene Grenze zurückgekehrt sei, auf welcher er einst, gebrochenen Herzens, dem Verkehr mit anderen Menschen auf ewig den Rücken kehrte. Wie anders wäre es zu erklären gewesen, daß er, der ursprünglich nur kurze Schilderungen zu geben beabsichtigte, sich zu ausführlicheren und umständlicheren Geständnissen hinreißen ließ?

III.

Mehrere Minuten hatte der Fallensteller still vor sich niedergeschaut, als er das Haupt wieder langsam emporrichtete. Ein milder Ernst thronte auf dem gefurchten Antlitz, indem er die Blicke im Kreise umhersandte. Offenbar gewährte es ihm eine freudige Genugthuung, überall den Ausdruck regen, wohlwollenden Mitgefühls zu entdecken. Auch im Ton seiner Stimme und der Form seiner ferneren Mittheilungen verriethen sich derartige Empfindungen, denn zusammenhängender wurden seine Berichte und seltener gab er sich den flüchtigen Ausbrüchen seines lange getragenen Kummers hin.

»Ich begleitete Margareth nach Hause,« nahm er endlich wieder das Wort. »Es war ein schöner Abend, ein Abend, dem ich eine ewige Dauer hätte wünschen mögen. Margareth plauderte so heiter und dabei doch so verständig, als hätte sie mich bereits seit vielen Jahren gekannt. Freimüthig erzählte sie mir sogar ihre ganze Lebensgeschichte, die mir so wunderbar erschien, daß ich vor Spannung kaum zu athmen wagte und keinen Blick von ihrem Antlitz wendete.

»Marguerita Urbano war die Schwestertochter unseres Nachbars Haller. Ihr Vater, ein mexicanischer Handelsmann, hatte ihre Mutter nach Santa-Fé gebracht, wo er seinen Hausstand gründete. Vorzugsweise trieb er Geschäfte mit den Eingeborenen und weißen Pelzjägern, die von den Prairien und den Rocky-Mountains aus jene abgelegene Stadt besuchten, um daselbst die Erfolge ihrer Jagden auf angemessene Art zu verwerthen. Aber auch nach den Vereinigten Staaten, und zwar nach St.-Louis oder nach Texas hinunter begab er sich alle Jahre einmal mit einem langen Wagenzuge, um das eingehandelte Pelzwerk abzusetzen und dafür neue Tauschwaaren mit in den »fernen Westen« hinauszunehmen. Solche Reisen erforderten jedesmal einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten, also beinahe die ganze offene Jahreszeit, je nachdem man an den Bestimmungsorten schnell abgefertigt wurde und auf den Prairien mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Und Schwierigkeiten gab es damals dort draußen noch mehr, als jetzt, indem die Handelsleute, die der Sicherheit halber ihre Wagenzüge zu großen Karavanen vereinigten, oft genug gezwungen waren, ihr Eigenthum, namentlich ihr Zugvieh, gegen die Angriffe der räuberischen Comanches, Apaches und Kiowas zu vertheidigen.

»Margareth's Vater hatte während der ersten zehn Jahre viel Glück. Wenn auch zuweilen mit kleinen Verlusten, traf er doch stets wohlbehalten bei Weib und Kind ein, um mit ihnen die harten Wintermonate auf die behaglichste Weise zu verleben. Ueberhaupt unterschied Urbano sich in mehr als einer Beziehung vortheilhaft von seinen gewissermaßen im Herzen der Wildniß lebenden Landsleuten, die größtentheils aus verwildertem und gesetzlosem Gesindel bestanden. Namentlich zeichnete er sich dadurch aus, daß er zur Zeit seiner Anwesenheit in Santa-Fé nur seiner Gattin und seiner einzigen jungen Tochter lebte, die wieder mit unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen. Ich habe ihn freilich nie kennen gelernt, allein ich begreife, daß er mit dem Anstande eines geborenen Mexicaners auch einen hohen Grad von Bildung in seiner Person vereinigt haben muß, oder es wäre nicht möglich gewesen, daß Margareth, die nie andere Lehrer, als eben ihre Eltern, besessen, so weit gekommen wäre, um selbst wieder belehrend und lenkend auftreten zu können.

»Zehn oder zwölf Jahre waren der kleinen Familie in ungetrübtem Glück dahingegangen, als ihr so beneidenswerth erscheinendes Loos plötzlich einen entsetzlichen Abschluß erhielt. Urbano war wieder in St.-Louis gewesen und hatte nach schneller Erledigung seiner Geschäfte mit schwer beladenen Wagen die Heimreise angetreten, als ihn in der Nähe des oberen Arkansas-Stromes sein grausames Geschick ereilte. Von einer vereinigten Bande der Kiowas und Comanches zur nächtlichen Stunde überfallen, wurde die ganze Karavane aufgerieben und vernichtet, und statt des mit heißer Sehnsucht erwarteten Gatten und Vaters traf erst mehrere Wochen später die verbürgte Nachricht von seinem traurigen Untergange ein.

»Die arme Mutter überlebte den harten Schicksalsschlag nicht lange. Etwa ein Jahr hindurch litt sie noch, eben sowohl in Folge körperlicher Schwäche, als weil sie bis zum letzten Augenblick den wahren Stand ihrer äußeren Verhältnisse zu verheimlichen suchte und auf einen glücklichen Wechsel hoffte. Mit dem reich beladenen Train, der in die Hände der Eingeborenen fiel, war nämlich auch Urbano's im Laufe der Jahre mühsam errungenes Vermögen bis auf einige ausstehende, kaum nennenswerthe Summen verloren gegangen, so daß nach dem Tode der Mutter kaum genug blieb, um Margareth's bescheidene Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Und dennoch würde das kleine Erbtheil schwerlich ausgereicht haben, wenn nicht ein Bruder Urbano's, der ebenfalls in Santa-Fé ansässig war, sich des armen verwaisten Kindes erbarmt und dasselbe in sein Haus und seine Familie aufgenommen hätte.

»Margareth stand damals in ihrem elften Jahre; sie befand sich also in dem glücklichen Alter, in welchem das Gemüth durch empfangene Schicksalsschläge weniger nachhaltig berührt wird und sich, wenn auch noch so tief bedrückt, leichter wieder aufrichtet. 's ist eben der hohe Vorzug der Jugend, daß die derselben geschlagenen Wunden sich nicht nur schnell schließen, sondern auch so verharschen und vernarben, daß wenigstens keine schmerzhaften Male zurückbleiben. So gewöhnte auch Margareth sich bald an ihre neue Lage, und von allen Seiten begegnete man dem lieben Kinde mit so viel aufrichtigem Wohlwollen, daß es eben nur in dem elterlichen Hause hätte besser aufgehoben sein können.

»Jahre gingen wieder dahin; Margareth war zur lieblichen Jungfrau erblüht, als Umstände eintraten, die sie bitter bereuen machten, jemals in das Haus ihrer Verwandten eingezogen zu sein. Ihr Onkel besaß nämlich einen Sohn, der, obwohl um sieben oder acht Jahre älter, als sie selbst, anfänglich ein freundlicher und zuvorkommender Spielgefährte für sie gewesen, dann aber plötzlich sein Benehmen völlig änderte und sie auf Schritt und Tritt mit seinen zudringlichen Anträgen verfolgte. Margareth hatte nie etwas Anderes, als verwandtschaftliche Zuneigung zu ihrem Vetter Tomaso empfunden, und auch diese hatte in den letzten Jahren einen empfindlichen Stoß erlitten, als sie allmählich einsehen lernte, daß derselbe, wie die meisten der dortigen jungen Leute, einen Lebenswandel führte, der nichts weniger als dazu geeignet war, ihm die Achtung seiner Mitmenschen zu verschaffen. Er kam oft durch den Genuß geistiger Getränke berauscht nach Hause; wo kleine Zwistigkeiten in blutigen Kampf ausarteten, bei welchem Pistolen und Bowiemesser die Hauptrolle spielten, konnte man darauf rechnen, daß er sich auf die eine oder andere Art betheiligt hatte, kurz und gut, er durfte mit vollem Recht zu den bösesten und gefährlichsten Charakteren von Santa-Fé gezählt werden, die nur je zur nächtlichen Stunde die Straßen einer Grenzstadt unsicher machten. Arme, kleine Margareth; weiter reichte ihre Erfahrung nicht; aber aus ihren Schilderungen ging deutlich hervor, daß Tomaso auch vor schwereren Verbrechen nicht zurückschreckte, wenn dieselben zur Befriedigung seiner thierischen, wild aufgeregten Leidenschaften führten. Arme kleine Margareth, daß konntest Du freilich nicht ahnen, nicht errathen, denn Du warst ein Engel der Unschuld und der Vergebung. –

»Im Uebrigen stand Thomaso's Leben nicht im Widerspruch zu den dortigen Verhältnissen: Er trieb sich jagend in den Gebirgen umher, verkehrte viel mit den Eingeborenen, mit denen er im Auftrag seines Vaters handelte und tauschte, doch wollte man bemerkt haben, daß für bloße Tauschgeschäfte sein Verkehr mit denselben fast ein zu inniger geworden. Zunächst entsprang hieraus der Verdacht, daß er von manchen an den Weißen verübten Räubereien der Apaches und Comanches mehr wisse, als mit der Ehre und dem Gewissen eines rechtschaffenen Mannes verträglich.

»Der Vater war mit der Lebensweise seines Sohnes allerdings nicht einverstanden; doch wie wollte er seinen Einfluß geltend machen in einem Lande, in welchem die Knaben, sobald sie die Büchse zu heben vermögen, sich als freie Herren betrachten und sich von dem Einflusse ihrer Eltern lossagen?

»So lange Tomaso nicht daheim war, hatte Margareth keinen Grund, sich zu beklagen oder mit ihrer Lage unzufrieden zu sein, kehrte er aber nach Hause zurück, so war sie keine Stunde vor seinen hinterlistigen Nachstellungen sicher; denn er hatte nicht so bald erkannt, daß mit gleißnerischer Güte und Schmeicheleien bei seiner jungen schönen Verwandten nichts auszurichten sei, als er sich die Aufgabe stellte, durch List oder Gewalt dennoch an das verwerfliche Ziel zu gelangen.

»Sein Vater war nicht blind für seine verbrecherischen Absichten; er durchschaute dieselben ohne Zweifel besser und genauer, als es die arme, unschuldige Margareth vermocht hätte; aber erst als ihm die untrüglichsten Beweise geworden waren, daß der Tochter seines leiblichen Bruders gerade in seinem eigenen Hause die größte Gefahr drohte, entschloß er sich dazu, sie aus seiner Familie zu entfernen.

»Eine kurze Abwesenheit des alten Urbano war nämlich von einer Bande Comanche-Indianer dazu benutzt worden, zur Nachtzeit in sein Haus einzudringen und sich Margareths zu bemächtigen. Nur seine unerwartete Heimkehr verhinderte, daß seine Schutzbefohlene in die Gebirge und dann wer weiß, wohin entführt wurde. Die Indianer, die er möglichen Falls zum Sprechen gebracht hätte, entkamen leider, doch er sowohl wie Margareth bezweifelten keinen Augenblick, daß der Entführungsversuch nur auf Anstiften Tomaso's unternommen worden sei. Tomaso aber befand sich zu derselben Zeit schon seit Wochen auf einem seiner Streifzüge, wie man anfänglich glaubte, und kehrte, offenbar um den Verdacht von sich abzuwälzen, erst nach Verlauf von drei oder vier weiteren Wochen in's elterliche Haus zurück. Als er in Santa-Fé eintraf, war die erste Nachricht, die ihn erreichte, daß sein Vater sich einer Karavane zur Reise nach den Vereinigten Staaten angeschlossen und seine Brudertochter mitgenommen habe. Ueber das Endziel von seines Vaters Reise vermochte ihm Niemand Auskunft zu ertheilen, doch wußte er leider nur zu genau, daß Margareth kaum wo anders, als in dem Hause ihrer Verwandten mütterlicher Seits, also bei unserm Nachbar Haller, eine Zufluchtsstätte gefunden haben könne.

»Und so verhielt es sich in der That. An jenem Tage, als ich Margareth zum ersten Male sah, hatte sie seit einer Woche bei Haller ihren Wohnsitz aufgeschlagen und sich nicht nur mit seltener Fügsamkeit bereits an die ihr fremden Verhältnisse gewöhnt, sondern auch die Herzen Aller, die mit ihr in Berührung kamen, gleichviel, ob Verwandte oder Bekannte, für sich gewonnen.

»Der alte Urbano dagegen befand sich schon wieder auf dem Heimwege. War es ihm auch schwer geworden, sich von dem lieben Kinde zu trennen, so gewährte es ihm auf der andern Seite eine innere Befriedigung, Margareth allen ferneren Nachstellungen entrückt und bis zu einem gewissen Grade deren Zukunft sicher gestellt zu haben.

»Außer dem grauen Mustang, den Margareth schon in Santa-Fé vielfach geritten hatte, händigte ihr Onkel ihr beim Abschied noch einige hundert Dollars, als den letzten Rest ihres väterlichen Erbtheils, ein. Ich habe indessen Veranlassung, zu glauben, daß Urbano das Geld aus eigenen Mitteln zahlte, um seinen Liebling wenigstens einigermaßen unabhängig von andern Menschen hinzustellen. Jedenfalls verdiente er die treue Anhänglichkeit, welche Margareth ihm auch in der Ferne bewahrte, wie ich selber seiner, obwohl er längst in Staub und Asche zerfiel, bis zu meinem letzten Athemzuge mit Dankbarkeit und Hochachtung gedenken werde.

»Dies wäre also Margareth's Lebensgeschichte bis zu dem Tage, an welchem sie mir auf der lieblichen Waldblöße erschien,« schaltete der Fallensteller mit ruhiger, fast rauher Entschiedenheit ein. »Was ich eben erzählte, erfuhr ich von ihr selbst, als ich sie auf ihrem Heimwege begleitete. Was sie nicht offen aussprach, errieth ich, und was ich nicht gleich errieth, reimte ich mir später zusammen, so daß sich keine Ungenauigkeit in meinen Bericht eingeschlichen haben kann. Für mich aber waren ihre Mittheilungen eine Quelle inniger Freude, indem ich begriff, daß nur das ungebundenste Vertrauen sie dazu bewegte, so offen und rückhalslos vor mir zu sprechen. Wohl warf ich mir die Frage auf, ob sie einen andern Menschen nach einer Bekanntschaft von wenigen Stunden in derselben Weise bevorzugt haben würde, doch erstickte ich dergleichen Gedanken schnell wieder, weil ich fühlte, daß mein Blut dabei in Wallung gerieth und ich keinem andern Sterblichen einen solchen Vorzug gönnte.

»Ja, wir plauderten wie die Kinder mit einander; sie in schöner, gewählter Weise, als ob sie ihre Worte aus einem Buche abgelesen hätte, und ich wieder einfach und derb, wie ich es in Wald und Flur nicht anders gelernt hatte. Daß sie den zwischen uns bestehenden Unterschied nicht merkte oder wenigstens großmüthig übersah, brachte mich schnell über die erste Schüchternheit hinaus, und indem sich meine Scheu verlor, wuchs auch meine Ueberlegung, so daß ich mich nach ihr zu bilden und meine Gedanken eifrig in die bestmöglichsten Formen zu kleiden suchte. Meine Versuche mögen freilich schwach genug ausgefallen sein, sie würden sogar die Spottlust manches andern Menschen herausgefordert haben, allein auf ihrem lieben, theuren Antlitz war nichts von Spottlust zu entdecken. Wohl lächelte sie zu meinen Bemerkungen, aber es war ein gütiges, aufmunterndes Lächeln, ein Lächeln, welches mir warm bis in die Seele eindrang und mich zu neuen Versuchen und Anstrengungen ermuthigte. Dann sagte ich ihr, daß ich Samuel heiße, welchen Namen sie sehr schön fand, und um meinen guten Willen zu beweisen, betheuerte ich, daß sie in unserer Gegend gegen alle feindlichen Nachstellungen so sicher sei, als schwimme sie in einer Arche hoch oben auf den rothgoldenen Abendwolken, und daß ich sie beschützen wolle gegen alle Vettern und Indianer der Erde. Ferner hob ich hervor, daß ich auf hundert Ellen dem Hirsch das Auge aus dem Kopfe schieße, mein Messer durch ein zölliges Brett stoße und auf einen Hieb mit meiner Axt jeden Baum von der Dicke eines starken Mannesarmes wie einen Strohhalm durchschneide. Ja, solch Zeug schwatzte ich, und zu jeder neuen Bemerkung hatte sie ein neues, herziges Lächeln, und jedes neue Lächeln machte meinen Muth wachsen, so daß es mir zuletzt unerklärlich erschien, wie ich überhaupt nur die geringste Scheu hatte empfinden können. Ging meine Kühnheit doch endlich so weit, daß, als wir beim Einbruch der Dämmerung Haller's Farm vor uns liegen sahen, ich plötzlich mein Pferd anhielt und sie bat, ein Gleiches zu thun.

»Theure kleine Margareth! Meiner Aufforderung leistete sie Folge, als ob es gerade so und nicht anders hätte sein müssen, und furchtlos ihre wunderbar klaren Augen auf mich richtend, fragte sie, ob ich schon umkehren wolle.

»Nein, Miß Margareth, antwortete ich frei, obwohl mir das Herz heftig schlug, und zugleich riß ich den abgetragenen Filzhut von meinen verwilderten langen Locken, was ich zu offenbaren habe, kann zwar jeder Mensch wissen, allein ich bin nicht im Stande, es noch eine Minute länger bei mir zu behalten. Miß Margareth! wiederholte ich noch einmal, Ihr seht mich unbedeckten Hauptes vor Euch; es ist sonst nicht meine Art, den Hut vor den Leuten zu ziehen, ich thue es aber jetzt, weil mir ist, als spräche ich vor dem lieben Gott. Und so sage ich Euch denn, daß von allen Menschen, die ich je in meinem Leben sah, – 's sind freilich nicht viele, die ich kennen lernte – ich Euch am meisten liebe und verehre; ja, ich liebe Euch so sehr, daß Ihr mein Leben von mir fordern dürft, ohne dabei zu befürchten, eine Fehlbitte zu thun. Ihr seid schön, Ihr seid lieblich, doch das ist's nicht allein, was mich drängt, meine Gedanken über Euch auszusprechen, sondern die Großmuth, mit der Ihr auf einen armen Farmerburschen niederblickt, der so tief unter Euch steht, wie der Mond und alle die lieben Sterne von uns entfernt sein mögen. Ja, Miß Margareth, nur das wollte ich Euch sagen; denkt darum nicht schlechter von mir, denn indem ich meine Gedanken offen vor Euch darlege, bezwecke ich weiter nichts, als Euch den höchsten, in meiner Macht liegenden Beweis zu liefern, daß Ihr in allen Wechselfällen des Lebens, was es auch immer betreffen möge, unbedingt auf mich rechnen könnt. Betrachtet mich als Euern Freund, als Euern Diener, und wenn Ihr nicht wünscht, daß ich glauben soll, mich Euch gegenüber ungebührlich betragen zu haben, so laßt es heute nicht das letzte Mal gewesen sein, daß Ihr mein elterliches Haus betratet.

»Als ich dieses mit einer mir heute noch unerklärlichen Geläufigkeit gesagt hatte, richtete ich meine Blicke noch fester auf Margareth's Augen. Ein Gefühl des Erstaunens und des Schreckens über meine Kühnheit ergriff mich, und kaum würde es mich überrascht haben, wenn Margareth, anstatt mir zu antworten, in Verachtung ihr Pferd gewendet und schweigend davon geritten wäre. Ich begann mit mir zu hadern, weil ich befürchtete, durch meine anmaßende Zudringlichkeit jeden weiteren Verkehr mit dem lieben Mädchen unmöglich gemacht zu haben. Elender Wicht, sprach ich zu mir selbst, während meine Blicke unausgesetzt mit ängstlicher Spannung an der lieblichen Gestalt hingen, elender Wicht, der Du es wagst, Dich aus dem Staube Deiner Niedrigkeit so hoch zu erheben, daß Du in solcher Weise vor einem durch vornehme Erziehung veredelten Wesen Deine Gedanken offenbarst! Elender Farmerbursche, aufgewachsen in halber Wildniß, unbekannt mit den Gebräuchen besserer und gebildeterer Menschen; nicht einmal schreiben und kaum lesen kannst Du, was in den Kreisen, in welche sie hineingehört, einem zehnjährigen Kinde zur Schande gereichen würde!

»Dann aber gewahrte ich trotz der Dämmerung, daß ein zufriedenes Lächeln den Ausdruck ängstlicher Besorgniß, der anfangs auf dem theuren Antlitz zum Durchbruch gekommen war, schnell verdrängte und Margareth mir gütig die Hand bot.

»Lieber Samuel, begann sie freundlich, warum sollte ich schlecht von Euch denken? Etwa deshalb, weil Ihr treuherzig bekennt, daß Ihr mein Freund sein wollt? Glaubt mir, bis jetzt ist es mir noch nicht widerfahren, daß ein Fremder mich mit so viel wahrer, aufrichtiger Zuneigung begrüßte; doppelt aber muß mich dies erfreuen, weil es gerade da geschieht, wo ich eine neue Heimat gefunden habe, und wo, ich gestehe es offen, eine gewisse Beklemmung sich meiner bemächtigte, wenn ich mir zuweilen die Aufnahme zu vergegenwärtigen suchte, die mir von meinen neuen Nachbarn zu Theil werden würde. Ich nehme Eure Freundschaft aus vollem Herzen an, ich sichere Euch sogar meine eigene Freundschaft zu, und wenn es Euch Freude gewährt, es zu hören, so bekenne ich gern, daß ich von dem vollsten Vertrauen zu Euch beseelt bin und in den schlimmsten Lagen des Lebens keinen Augenblick zögern würde, mich unter Euern Schutz zu stellen. Ja, ja, fügte sie dann noch mit einem bezaubernden Lächeln hinzu, einen so tiefen Eindruck hat gerade Eure einfache Redeweise auf mich gemacht.

»Dann ritten wir schweigend auf die Farm zu. Margareth schwieg, weil sie errathen mochte, daß ich unfähig zu einer zusammenhängenden Unterhaltung sei, und ich wieder fand keine Worte, weil Alles in meinem Kopfe durcheinander schwirrte und ich keinen Gedanken lange genug festzuhalten vermochte, um ihn auszusprechen.

»Erst auf Hallers Vorhof, wo wir von allen Bewohnern der Farm freudig willkommen geheißen wurden, denn man war in der That schon besorgt um Margareth gewesen, kam ich wieder zur Besinnung.

»Trotz der wiederholten dringenden Einladungen war ich indessen nicht dazu zu bewegen, abzusteigen. Es trieb mich fort, in den Wald, wo ich wußte, daß ich allein sei. Ich mußte mein Entzücken in die Nacht hinausjubeln, damit es mir nicht die Brust zersprengte; ich mußte es den Bäumen, den Wiesen, den Blättern und Blüthen verkünden, von denen ich wußte, daß sie mein Geheimniß bewahrten; denn als ob ich wirklich im Besitz eines großen Geheimnisses gewesen wäre, vermied ich scheu, den Blicken meiner alten Freunde zu begegnen. Dennoch, worin bestand mein ganzes Geheimniß? Armer, niedriger Bursche, der ich war; elender Wicht, der Du Deinen Empfindungen nicht einmal einen Namen zu geben vermochtest!

»Nachdem ich von Allen Abschied genommen, von Margareth aber noch das freiwillige Versprechen ihres baldigen Besuches im Hause meiner Eltern empfangen hatte, ritt ich meines Weges.

»Wie ich an jenem Abend nach Hause kam, weiß Gott allein. Ich weiß nur, daß ich anfangs sehr langsam ritt, dann aber, sobald ich mich außerhalb der Hörweite von Hallers Farm wußte, mit einem wilden Jauchzen mein Pferd zur größten Eile antrieb und mich plötzlich vor der Thüre meines elterlichen Hauses wiederfand. Wie ein Schatten muß ich durch Wald und Flur dahin gestürmt sein, wie ein von toller Kampfeslust beseelter Dacotah mit durchdringendem Gellen das Echo ringsum wachgerufen haben; denn als ich mein schäumendes Pferd absattelte und auf die Weide hinaus jagte, da hämmerte mir der Pulsschlag des Blutes noch immer mächtig in den Schläfen, und dabei war ich so weich gestimmt, daß ich meiner Mutter an die Brust hätte sinken und wie ein hülfloses Kind weinen mögen. O, wie hatte sich in dem kurzen Zeitraum von wenigen Stunden der verwegenste und unbändigste aller Farmerburschen geändert! 's lag aber in der Natur der Sache: In demselben Augenblick, in welchem ich zu dem Bewußtsein meiner Niedrigkeit gelangte, war ich durch Margareth's gütige Worte so hoch emporgezogen worden, daß mir förmlich schwindelte und ich an weiter nichts mehr dachte, als alles in meinen Kräften Stehende aufzubieten, mich auch, ohne zu straucheln, auf dieser Höhe zu erhalten.

»Ja, die theure kleine Margareth hatte eine wunderbare Wandlung in mir bewirkt,« wiederholte der Fallensteller mit einer seltsamen, tief zum Herzen dringenden Innigkeit, »arme, kleine, süße Margareth,« fuhr er fast flüsternd mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit fort, als hätte die Geliebte seiner Jugend in aller Frische und geschmückt mit den holdesten Reizen des Lebensfrühlings vor seinen halbgeschlossenen Augen dagestanden, »süße Margareth, Du hattest bereits in meinem Herzen gelesen und duldetest gern die wahrhaft reine Zuneigung des jungen, unbändigen Grenzbewohners. Ich konnte dies freilich nicht ahnen, ich konnte nur ein unsägliches Entzücken darüber empfinden, daß sie mir gestattete, mich ihren Freund nennen zu dürfen. 's war auch besser so; wer weiß, im Bewußtsein meines Glückes wäre ich vielleicht weniger eifrig in meinem Bestreben gewesen, ihr ähnlich zu werden, mich zu der Höhe, auf der sie stand, empor zu schwingen. Arme kleine Margareth, Du warst mein guter Engel, damals wie diese vielen langen Jahre hindurch; Du wirst als mein guter Engel mir zur Seite stehen, wenn sich diese alten müden Augen endlich auf ewig schließen.«

Hier schwieg der greise Erzähler; ich bemerkte wieder, daß Thränen ihm in den weißen Bart hinabrollten. Die Laubfrösche und Grillen sangen aus Leibeskräften; die Unken erzeugten nach bestem Vermögen ein in der Ferne geheimnisvoll verhallendes Grabgeläute. Der Mond hatte sich über die östliche Waldung erhoben, mit bläulichen Lichtreflexen alle in seinen Bereich tretenden Gegenstände zauberisch schmückend. Im Kreise der Zuhörer herrschte ehrerbietiges Schweigen. Es war als ob ein Heer von Geistern über die malerisch um das Feuer lagernden Gruppen hingezogen wäre, mit dem leisen Säuseln des Abendwindes vereinigend wunderbare Schilderungen aus ferner Vergangenheit. In gleichem Grade aber fühlten sich von den Schilderungen ergriffen das ernste, der eigenen glücklichen Vergangenheit gedenkende Alter und die von Jugendmuth und Lebenslust schwellende Brust.

Der Fallensteller schwieg. Es war ersichtlich, indem er von den sein ganzes Dasein so tief berührenden Begebenheiten sprach, waren dieselben immer lebhafter vor seinen Geist hingetreten; seine Mittheilungen hatten dadurch allmählich den Charakter der in tiefer Einsamkeit und Abgeschlossenheit mit Vorliebe gehegten Betrachtungen angenommen; wie unbewußt und gleichsam mechanisch verriethen die Lippen noch eine Weile seine Gedanken, bis dieselben endlich in seinem Schweigen gewissermaßen ihre Fortsetzung fanden.

Nachdem wohl fünf Minuten verstrichen waren, ohne daß Jemand die Stille zu unterbrechen gewagt hätte, legte Hooker plötzlich seine Hand auf des Greises Schulter.

»Guter alter Sam,« begann er mit rauher Treuherzigkeit, als der Fallensteller wie erschreckt zu ihm aufschaute, »guter alter Sam, laßt jetzt die Vergangenheit ruhen; ich begreife sehr wohl, die Erinnerung an dieselbe muß wie ein schartiges Messer in Eurer Brust wühlen; behaltet daher den Rest Eurer Geschichte für Euch selbst. Das Grab dort drüben soll geschont und gepflegt werden als ob es das meiner eigenen leiblichen Mutter wäre. Sprechen wir von heiteren Dingen, denn Niemand soll sagen, der alte Hooker habe sich so wenig auf die Gastfreundschaft verstanden, daß er sich an dem Kummer eines vor seinem Feuer rastenden Fremden weidete; ja, das ist meine Meinung, oder ich will meinen Namen nicht mit Ehren tragen.«

So lange der Farmer sprach, beobachtete der Fallensteller sein Gesicht mit einer Art von Spannung; als er aber geendigt, flog ein dankbares, wehmüthiges Lächeln über seine gerunzelten Züge. »Ihr wollt mir schmerzliche Betrachtungen ersparen,« hob er an, »'s ist dies rechtschaffen und freundlich von Euch gedacht; allein glaubt Ihr etwa, daß wenn ich schweige, auch meine Gedanken stille stehen; oder wenn wir unsere Unterhaltung auf andere Dinge überlenken, meine Gedanken meinen Worten folgen? Nein, nein; sechsundvierzig Jahre hindurch sind die traurigen Rückerinnerungen mein einziger Genuß gewesen; sie sind mir zur Gewohnheit, zur Nothwendigkeit geworden, und wenn ich dieselben jetzt offenbare, so ist's kaum etwas Anderes, als daß ich laut denke, wie ich in meiner Abgeschiedenheit wohl tausend Mal gethan. Und dann wollte ich Euch dadurch auch einen Beweis meiner Dankbarkeit liefern. 's ist zwar noch viel, was ich mitzutheilen hätte, aber die Nacht ist milde und freundlich, und dann möchte ich auch gern – 'n alter Mann hat manchmal seine eigenen Ansichten – daß wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile und der Eine oder der Andere von Euch wandelt bei der morschen Eiche vorüber und seine Blicke streifen den theuren Namen, daß er ihr und mir einen freundlichen Gedanken schenke, sich einzelne meiner Erlebnisse, wenn auch nur flüchtig, in's Gedächtniß zurückrufe.«

Hooker gab nunmehr offen sein Verlangen zu erkennen, die Geschichte zu Ende zu hören; ein beifälliges Murmeln bekundete, daß alle Anwesenden mit dem Ansiedler einverstanden seien, und der Fallensteller, nachdem Ruhe eingetreten war, nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf.

IV.

»Am folgenden Tage, als ich noch darüber grübelte, wann und wo ich Margareth das nächste Mal wiedersehen würde, traf sie selbst vor unserer Blockhütte ein. Ich sprang hinzu, um ihr aus dem Sattel zu helfen, doch bevor ich sie erreichte, stand sie auf der Erde, mir mit frohem Lachen die Zügel des grauen Mustang zuwerfend.

»Ihr mögt ihn immerhin absatteln und zu Eurer Heerde jagen, sagte sie freundlich, denn nicht ohne Vorbedacht bin ich so früh gekommen! Und sich zu meinen Aeltern und Brüdern wendend, fuhr sie in derselben heitern Weise fort: Ich beabsichtige nämlich, heute etwas länger hier zu verweilen; Ihr seid unsere nächsten Nachbarn, und da wünsche ich einen engeren geselligen Verkehr zwischen den beiden Farmen herzustellen; ich könnte ja sonst zu dem Glauben gelangen, ich sei in den abgeschiedensten Winkel der Rocky-Mountains verschlagen worden. Und dann bedenkt nur den langen Winter, wie einförmig und langweilig würde er uns dahin schleichen, wollten mir wöchentlich nicht mehrere Male zusammen kommen.

Mit solchen Worten begleitete Margareth ihren Eintritt in unser Haus. Wie herzlich dieselben aber aufgenommen wurden, das bewiesen die große Lebhaftigkeit meines gewöhnlich sehr ernsten Vaters, mit der er Margareth's Vorschlag begrüßte, und die Thränen der Freude und der Rührung, die in den Augen meiner alten Mutter glänzten, als sie, gemäß einer jetzt fast vergessenen Sitte, das liebe Mädchen umarmte und küßte.

Ja, eine solche Erscheinung, wie Margareth sie bot, war für uns auf der Grenze der Wildniß ein Ereigniß; durch ihr liebevolles Wesen aber rief sie den Eindruck hervor, als ob ein Engel unter uns getreten wäre, uns nicht nur erfreuend, sondern auch belehrend und den Geist erfrischend. Denn bei diesem ersten Besuche aus freien Stücken blieb es nicht, sondern dieselben wiederholten sich so oft – bald bei uns, bald bei Haller – wie nur immer die gerade fälligen Arbeiten es gestatten, bis es zuletzt den Anschein gewann, als waren die beiden Familien in Eine verschmolzen gewesen. Doch wo wir auch zusammentreffen mochten, Margareth war und blieb der segensreich wirkende Mittelpunkt, um den sich Alles bewegte und der jeden Einzelnen, gleichsam unbewußt, lenkte und leitete und damit auch bildete. Wie wäre es uns früher wohl eingefallen, uns an der lieblichen Vertheilung von Wald und Prairie anders, als mit Rücksicht auf die zur Urbarmachung günstige Lage zu ergötzen? Wie hätten wir uns der Bewunderung einer schönen Blume, oder der Beobachtung des merkwürdigen kleineren Thierlebens hingegeben, wenn Margareth uns nicht auf Alles aufmerksam gemacht hätte? Und dies geschah nicht etwa in der Weise eines Lehrers, nein, gewiß nicht; aber wenn sie sich freute, glaubte Jeder, sich mitfreuen zu müssen, und bevor noch der erste Eindruck abgeschwächt war, fragten wir uns verwunderungsvoll, wie in aller Welt wir so lange blind und unempfindlich gegen die uns umgebenden zahllosen Naturschönheiten hatten sein können. Selbst das rauhe Aeußere, welches sich von dem Grenzleben nur schwer trennen läßt, büßte viel von seinem unfreundlichen Charakter ein und wich mehr und mehr vor milderen Sitten. Der Zwang, den wir uns anfangs Margareth gegenüber auferlegten, verlor schnell das Unbequeme, um endlich zur Gewohnheit, zur andern Natur zu werden. Ja, derartig war der Einfluß, den Margareth auf Alle, die mit ihr in Berührung kamen, ausübte, daß wer von ihr sprach oder ihrer auch nur gedachte, dem schwebte gewiß ein frommer Wunsch auf den Lippen für sie, durch deren sinniges Walten das Leben für uns eine ganz andere, eine edlere Bedeutung gewonnen hatte.

»So verstrich der erste Sommer.

»Wenn auch Alle mehr oder minder von dem Beispiele Margareth's Vortheil zogen, so gab es in unserm Kreise doch Keinen, der es mir im Begreifen und Lernen zuvor gethan hätte. Freilich, wie ich konnte Keiner die kleine Margareth lieben und verehren, konnte Keiner mit ängstlicher Sorgfalt in ihren Augen zu lesen, ihre Wünsche zu errathen suchen. Meine Brüder und die Haller'schen Leute zu übertreffen, wäre zwar schon allein Grund genug für mich gewesen, alle meine Kräfte in der Verfolgung meines Zieles aufzubieten, denn ich besaß mehr Eitelkeit, als sich vielleicht für einen armen Farmerburschen geziemte; allein ich hätte es nie so weit gebracht, wäre ich nicht wachend und träumend von dem unerschütterlichen Verlangen beseelt gewesen, nur der kleinen Margareth Wohlgefallen zu erwerben. Und sie verstand mich; sie las in meinem Herzen, und mehr als mit allen Andern beschäftigte sie sich mit meiner Ausbildung, ohne jemals Ungeduld oder Mißvergnügen zu verrathen.

»Der Sommer und ein Theil des Herbstes gingen dahin. Es stellten sich die langen Abende und die kurzen Tage winterlicher Ruhe ein, und mit diesen die Zeit, die sich am meisten zum Lernen und Nachdenken eignet. 's war 'ne schöne Zeit; selten, daß durch böses Wetter unsere regelmäßigen Zusammenkünfte gestört wurden; wir waren ja abgehärtet, und um die kleinste Belehrung von Margareth zu empfangen, hätte ich mit Freuden im tollsten Schneesturm einen Ritt um die ganze Welt herum gewagt. So lernte ich denn auch sehr schnell schreiben, wie ich mich im Lesen vervollkommte und das, was ich las – wir hatten freilich nur eine kleine Auswahl von Büchern – zu verstehen mich befleißigte. Doch das war es nicht allein, womit ich mein Wissen bereicherte, sogar meine Sprache und mein Benehmen suchte die kleine Margareth zu bilden und zu verfeinern. Aber auch darin beobachtete sie gütig die unverdientesten Rücksichten. Eine angemessene und dankenswerthe Zurechtweisung betrachtete sie selbst als Härte; sie wollte meine Gefühle schonen, als ob ein niedriger, halbwilder Farmerbursche viel Zartgefühl besessen hätte – und wo sie an mir Etwas zu tadeln fand, da kleidete sie ihre Ausstellungen in Gleichnisse, indem sie mir von andern Leuten erzählte, wie dieselben sich in einem ähnlichen Falle benommen hätten. Und mit redlichem Eifer beherzigte ich derartige Ermahnungen, und wie sie selbst zugab, mit dem besten Erfolg, denn als das erste Frühlingsgrün den letzten schwindenden Schnee durchbrach, da hatte ich mich so sehr verändert, daß selbst meine Freunde mich nicht wieder erkannt haben würden, wären sie nicht in unserm täglichen Verkehr ganz allmählich mit dieser Wandlung vertraut geworden. Wenn ich jetzt, nach sechsundvierzig Jahren mühevollen Umherirrens in den unwirklichsten Wildnissen, trotzdem ich selten einen andern Menschen, als Eingeborene sah, nicht wieder in meine ursprüngliche Derbheit zurückgesunken bin, so kann das nicht befremden: Die Lehren, die ich während meines Zusammenseins mit Margareth empfing, hatten sich zu tief in meine Seele eingeprägt; und vergessen? Wie hätte ich vergessen können, was ich wahrend eines beinah halben Jahrhunderts mir täglich wiederholte! Trotz meiner Einsamkeit, trotz meines seltenen Verkehrs mit weißen Menschen ist mir Alles, was ich einst von ihr lernte, nur noch geläufiger geworden. Arme, kleine Margareth! Wenn sie jetzt vor mich hinträte, würde sie gewiß meinen Ausspruch bekräftigen, gewiß mit der Art zufrieden sein, in welcher ich ihre Unterweisungen beherzigte und heilig hielt. War sie doch schon damals mit mir zufrieden; denn als wir eines Abends lustwandelnd über die bekannte liebe Lichtung schritten – die Bäume standen in ihrem schönsten Blätterschmuck, die Luft war erfüllt vom Duft der Blumen, und gerade wie heute sangen die Frösche und Grillen im lustigen Chor – da ergriff sie freundlich meinen Arm, und sich zutraulich an mich anschmiegend, sprach sie folgende Worte: »Lieber Sam, es ist jetzt beinahe ein Jahr, daß Du, Deinem Versprechen getreu, mein aufrichtiger Freund gewesen bist; ich bin aber auch nicht minder Deine aufrichtige Freundin geblieben. Wie lieb Du mich gehabt, das hast Du am deutlichsten dadurch bewiesen, daß Du Deine rauhen Sitten ablegtest und Dich dadurch auch für andere Lebensverhältnisse, als die eines Grenzers, befähigtest. Ich bin weit entfernt davon, Dir ein anderes Loos, als das eines Farmers, zu wünschen; aber auch dem westlichen Ansiedler gereicht ein höherer Grad von Bildung nicht nur zur Zierde, sondern auch zum Vortheil. Ja, Sam, aus dem etwas rauhen Waldriesen ist ein Mann geworden, der sich nicht zu scheuen braucht, in die höchsten Gesellschaften einzutreten. Es giebt wohl gelehrtere Menschen, allein keinen, der seine Stellung in der Welt so gut ausfüllte, als Du. Du hast von mir gelernt, ich weiß es, aus Liebe zu mir hast Du gelernt; nun aber kann ich nicht länger Deine Lehrerin sein. Aber Deine Frau kann ich werden, lieber Sam, Deine treue Frau, die Freud und Leid gewissenhaft mit Dir theilt und nicht aufhört, Dich bis an ihr Lebensende zu lieben, das heißt, Sam, wenn es Dir recht ist.

»So sprach Margareth, und ihre Stimme bebte, daß sie die letzten Worte kaum hervor zu bringen vermochte. Ich selbst aber, als sie nach der herzinnigen Einleitung darauf hindeutete, daß sie aufhören müsse, meine Lehrerin zu sein, fühlte, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. Erst als sie mir vorschlug, mein Weib zu werden, ein Glück, welches in meinen heißesten Gebeten vom lieben Gott zu erflehen ich nicht gewagt haben würde, durchzuckte es mich wieder wie neu erwachendes Leben.

»Kaum weiß ich mir noch meinen nächsten Gedanken zu vergegenwärtigen, nur das weiß ich, daß ich vor ihr auf den Knieen lag, meine Hände, wie vor dem Altar des Herrn erhebend, und daß sie mich zu sich emporzog und – o Margareth, Margareth! Warum konnte ich nicht mit Dir gehen!« rief der Fallensteller hier plötzlich so schmerzerfüllt aus, daß es mich, und gewiß auch die andern Anwesenden eisig kalt durchrieselte.

Mehrere Minuten verrannen, während welcher der Greis sichtbar nach Fassung rang; dann aber seinen zusammengesunkenen Körper mit einer heftigen Bewegung emporrichtend, fuhr er mit seltsamer, fast unheimlich gedämpfter Stimme fort:

»Arm in Arm wandelten wir der elterlichen Hütte zu. Wir sprachen nur wenig; ich war so tief bewegt, als ob ich mich in einer Kirche befunden hätte; ich konnte mein Glück nicht fassen, nicht begreifen, daß gerade ich dazu auserkoren sei, Margareth einst mein Weib nennen zu dürfen. In dieser Weise sprach ich mich auch ihr gegenüber aus; Margareth aber küßte mich innig, und ihre Arme um meinen Hals legend flüsterte sie mir zu: »Denkt mein ungläubiger Waldriese denn, ich wolle sein Weib werden, nur um ihn, und ihn allein glücklich zu machen? Nein, auch ich will glücklich sein, und das kann ich nur durch Dich, Du guter, treuer, Du aufrichtiger Sam.« Und dann küßte sie mich wieder, und weiter wanderten wir der alten trauten Blockhütte zu.

»Wir hatten keinen Grund, uns des zwischen uns getroffenen Uebereinkommens zu schämen; daher war denn auch unser Erstes, daß wir uns meinen Eltern als Brautleute vorstellten, um von ihnen dafür unter Freudenthränen und den heißesten Segenswünschen in die Arme geschlossen zu werden. Sie sowohl als auch meine Brüder und Bekannte mußten es indessen schon geahnt haben, denn aus den Reden Aller leuchtete hervor, daß ihnen das glückliche Ereigniß nicht so überraschend komme, wie vor allen Dingen mir selber.

»Und dennoch, wie schnell und wie leicht fand ich mich in die neue Lage! Als ich Margareth noch an demselben Abend nach Hause begleitete, sprachen wir so ruhig über unser neues Verhältniß, als ob wir schon seit Monden verlobt gewesen wären. Nur ihre Hand hielt ich auf dem ganzen Wege, und ihr Mustang und mein Brauner schritten so bedächtig neben einander her, daß man hätte glauben mögen, unser Uebereinkommen sei ihnen nicht fremd gewesen und sie hätten die wohlüberlegte Absicht gehabt, uns die innige Annäherung nach besten Kräften zu erleichtern. Und dabei war es rührend, zu beobachten, mit welcher freundlichen Hingebung Margareth sich bestrebte, das Gefühl einer gewissen Unterwürfigkeit, welches ich immer noch nicht ganz besiegen konnte, aus meiner Brust zu verscheuchen. Sie sprach, als ob nicht ich, sondern sie selbst die größte Ursache gehabt hätte, einem gütigen Geschick für die glückliche Fügung aus tiefstem Herzensgrunde zu danken. Sie betheuerte, daß es stets ihr sehnlichster Wunsch gewesen, eine Farmerfrau zu werden, und daß sie dafür, daß ich unsere Hauptarbeitskraft liefere, ein paar hundert Dollars besitze, die uns zum Ankauf eines Streifens Prairielandes und zur ersten Einrichtung sehr zu Statten kommen sollten. Und dann wies sie darauf hin, daß sie allein in der Welt dastehe, keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister besitze, denen sie ihre Liebe habe zuwenden können, daß ich ihr fortan Eltern und nähere Angehörige ersetzen, und dafür ihr ungeteiltes Herz mir ewig und unveränderlich angehören würde. Während sie dies sagte, perlten die hellen Thränen über ihre Wangen, aber ihr Mund lächelte und ihre Augen strahlten, daß ich den warmen Glanz derselben in meiner Seele fühlte und, überwältigt durch so viel Glück, ebenfalls die Thränen der Rührung nicht zurückzuhalten vermochte; und bei Allem, was ihr und mir heilig, schwur ich, sie zu lieben, so lange der Athem mir vergönnt sei, sie zu lieben über das Grab hinaus, sie zu lieben bis in alle Ewigkeit.

»Das war der erste Abend nach unserm feierlichen Verlöbniß, und an diesen Abend schlossen sich Tage und Wochen an, die jenem an irdischer Glückseligkeit nicht nachstanden. Im Gegentheil, in demselben Grade, in welchem das gegenseitige Vertrauen wuchs, gewann das neue Verhältniß an Innigkeit, vermochten wir tiefer und klarer Einer in des Andern Herz zu blicken, wo wir nichts entdeckten, als lautere, reine Liebe. Fürchteten wir doch zuweilen, unser Glück sei zu groß, um Bestand haben zu können. In solchen Augenblicken lagerte es sich wohl wie eine traurige Ahnung aus unsere Gemüther, allein flüchtig, wie die zerrissenen Wolken vor dem abwärts fliehenden Gewittersturm, verschwanden dieselben wieder, und es blieb uns der klare, sonnige Himmel unaussprechlichen Entzückens, der uns endlos, unbegrenzt erschien, wie der Himmel, der sich über der Prairie wölbt.

Einen schärferen Ausdruck, jedoch ohne bestimmtere Formen anzunehmen, erhielten die uns damals kindisch erscheinenden Befürchtungen beim Beginn des Sommers. Wie gewöhnlich, wenn Margareth uns besucht hatte, begleitete ich sie eines Abends nach Haller's Farm zurück, und wie gewöhnlich ließen wir auch an diesem Abend unsere Pferde nur langsam einherschreiten. Wie in unseren Herzen und der zwischen uns gepflogenen Unterhaltung, ruhte auch auf der in nächtliches Dunkel gehüllten Landschaft ein unendlich süßer Frieden. Die Sterne blickten freundlich auf uns nieder, als hätten sie sich in unser Gespräch mischen wollen; regungslos standen die hohen Baumgruppen da, daß sie sich ausnahmen wie ebenso viele Hügel und schroffe Bergabhänge. Ich hatte noch nie einen Berg gesehen, ausgenommen Grabhügel, die vielleicht vor Hunderten von Jahren indianischen Häuptlingen errichtet wurden; allein Margareth sagte, daß sie durch die über den fernen Wiesenflächen auftauchenden Waldmauern lebhaft an einzelne Hügelketten bei Santa-Fé erinnert würde. Durch die Erinnerung an ihre Geburtsstadt waren offenbar Betrachtungen über ihre Vergangenheit wach gerufen worden, denn sie wurde plötzlich still. Ich hatte bereits gelernt, daß im stillen Nachdenken oft ein hoher Genuß liegt, und vermied daher, den Ideengang Margareth's zu unterbrechen. Wußte ich doch zu genau, daß nach ihrem Erwachen aus einem derartigen Sinnen sie sich jedesmal mit um so größerer Zärtlichkeit mir zuneigte, als ob bei einem Vergleich früherer Abschnitte ihres Lebens mit der Jetztzeit sie so recht von inniger Zufriedenheit durchdrungen gewesen wäre. Die Pferde schritten in ihrer gewohnten Weise einher. Das Ohr hatte sich so sehr an den regelmäßigen, durch das im Wege wuchernde Gras gedämpften Hufschlag gewöhnt, daß er für uns nicht mehr die herrschende Stille unterbrach. Die Natur schien in einen tiefen Schlaf versunken zu sein; selbst die Thiere des Waldes waren an diesem Abende säumiger, als sie sonst zu sein pflegten. Nur einen Prairiehahn hörte man hin und wieder glucksen, wogegen die Leuchtkäfer ein wahres Fest feierten und in so großer Zahl vor dem schwarzen Buschwerk vorüberschossen, als seien in verborgenen Waldwinkeln Feuer geschürt, die Funken derselben aber von einem kräftigen Windstoße nach allen Richtungen hin zerstreut worden.

»Sechsundvierzig Jahre! Welch' lange Zeit! Dennoch, wie klar und deutlich schwebt mir jener Abend jetzt vor der Seele! Mein Gemüth, jugendlich frisch, war eben geöffnet und für äußere Eindrücke empfänglich gemacht worden, denn bedeuteten die Leuchtkäfer mir vor wenigen Monaten nicht mehr, als der Staub in der Straße, so war mir an jenem Abend, als sei der unendliche sternenbesäete Raum meine Seele gewesen, in welchen die leuchtenden Insekten mit Feuerschrift die Geheimnisse der Natur einzeichneten, mich zugleich auffordernd, in diese Geheimnisse einzudringen und sie zu lösen. Armer Bursche, der ich war! Nachdem ich mir Margareth's Liebe erworben, glaubte ich, daß es nichts Unmögliches mehr für mich gebe, Himmel und Erde mir unterthan sein müßten – armer verblendeter Bursche!

»Wie lange wir in dem feierlichen Schweigen dahin geritten waren, weiß ich nicht; doch mochten wir uns wohl noch gegen tausend Schritte weit von Hallers Farm befinden, als der graue Mustang plötzlich unruhig wurde. Auch mein Pferd schnaubte heftig und schien die größte Lust zu hegen, umzukehren; dabei spähten beide Thiere ängstlich nach rechts, also nach meiner Seite hinüber. Wir hielten an und lauschten aufmerksam, ohne einen Laut zu vernehmen, der das augenscheinliche Mißtrauen der Pferde gerechtfertigt hätte.

»Es wird ein schwarzer Bär oder ein Wolf über den Weg gegangen sein, sagte ich endlich ruhig, doch gebrauchte ich die Vorsicht, das Beil, welches ich gewöhnlich bei mir führte, von meinem Sattelknopf zu lösen und in die rechte Hand zu nehmen.

»Margareth bemerkte die Bewegung nicht, dagegen äußerte sie auf meine Erklärung, daß sie weit eher glaube, ein Indianer befinde sich in der Nähe. Sie kenne ihr Thier zu genau, und mehrfach habe sie beobachtet, daß dasselbe bei ihrem früheren Zusammentreffen mit Eingeborenen sich ähnlich geberdete.

»Indianer, obgleich die eigentlichen Stämme bereits weiter westlich gedrängt worden, waren in unserer Gegend keine seltene Erscheinung. Einzeln wie auch in größeren Trupps sprachen sie zuweilen vor, um Mehl und Mais gegen Pelzwerk von uns zu beziehen. Sie traten immer sehr friedlich auf; einestheils hatten sie nicht über Unfreundlichkeit oder Hartherzigkeit von unserer Seite zu klagen, und dann wieder mochten sie die Ueberzeugung hegen, daß jede von ihnen verübte Unbilde eine Schaar kühner Farmerburschen auf die Beine bringen würde, die sich nicht gescheut hätte, ihnen bis in das Herz der Rocky-Mountains hinein nachzufolgen. Als Margareth der Eingeborenen erwähnte, suchte ich sie zu überzeugen, daß wir keinen Grund hätten, einiger, vielleicht im Gebüsch übernachtender Indianer halber in Besorgniß zu gerathen. Dann ritten wir weiter, unsere Pferde beruhigten sich schnell wieder, und harmlos plaudernd gelangten wir bis dahin, wo aus Hallers Blockhütte uns Licht zwischen den Bäumen hindurch entgegen schimmerte. Da drang der gellende Ruf der großen Ohreule zu uns herüber. Er schien von der Stelle zu kommen, auf welcher wir angehalten hatten.

»Der häßliche Eulenruf, bemerkte Margareth, ich liebe ihn nicht, ohne daß ich einen Grund dafür anzugeben wüßte. Manche Menschen legen ihm eine üble Vorbedeutung bei.

»Wiederum erschallte der unheimliche Ruf, aber lauter noch und gedehnter, als das erste Mal.

»Das war kein Eulenruf! rief ich unbedachtsamer Weise aus, allein ich war meiner Sache so gewiß und zugleich in so hohem Grade überrascht, daß ich die Rücksichten vollständig vergaß, die ich Margareth schuldig war.

»Sie erschrack denn auch in der That, jedoch mehr über den Ton, in welchem ich gesprochen hatte, als über den Inhalt meiner Worte selbst.

»Was sollte es aber sonst gewesen sein? fragte sie ängstlich, indem sie ihr Pferd dichter an das meinige herandrängte.

»Wäre ich in der Kunst der Täuschung erfahren gewesen, würde es mir vielleicht gelungen sein, Margareth's erwachende Besorgnisse zu verscheuchen. So aber verschlimmerte ich die Sache nur durch meinen mißglückten Versuch, das seltsame Signal auf einen natürlichen und harmlosen Grund zurück zu führen; denn nachdem ich mir selbst mehrfach widersprochen, sah ich endlich keinen andern Ausweg, als offen einzuräumen, daß ich den Eulenruf für das Signal eines Indianers halte, der sich da verborgen haben müsse, wo unsere Pferde scheuten.

»Bevor Margareth etwas zu entgegnen vermochte, wiederholte sich der Ruf zum dritten Male und zwar, wie es mir erschien, noch durchdringender, als die beiden ersten Male, worauf er mit einem hohlen Lachen abschloß, wie es der Uhu auszustoßen pflegt, wenn er die Schwingen ausbreitet und zur Jagd seinen Horst verlaßt.

»Nein, kein Eulenruf, pflichtete Margareth mir bei; dann schwieg sie, aufmerksam mein Benehmen beobachtend.

»Wir hatten unsere Pferde angehalten und lauschten. An eine unmittelbare Gefahr dachten wir nicht, um so weniger, als Hallers Farm im Bereiche unserer Stimmen lag; allein selbst ich, für den indianisches Gellen nicht drohender, als Eulenruf und Wolfsgeheul, fühlte mich von einem mir unerklärlichen Argwohn beschlichen. 's ist seltsam, und oft habe mir zu enträthseln gesucht, warum gerade dieses Signal einen so eigenthümlichen Eindruck auf mich ausübte. An Ahnungen habe ich nie recht geglaubt, und dennoch, was war es, das mich an jenem Abend bis ins Herz hinein wie ein Kind erbeben machte?

»Wir waren eben im Begriff, unsern Weg fortzusetzen, als aus weiter, weiter Ferne, in der Richtung von meines Vaters Farm her, durch die Entfernung zwar gedämpft, aber deutlich vernehmbar, ein ähnlicher Ruf zu uns herüber drang, der sich in kurzen Pausen ebenfalls dreimal wiederholte.

»Wie erleichtert, wenn auch gegen heimlichen Argwohn ankämpfend, seufzte ich auf, und indem ich die Pferde antrieb, bemerkte ich sorglosen Tones: »'s sind wieder Rothhäute in der Nachbarschaft eingetroffen; ohne Zweifel alte Bekannte, die sich, ähnlich einer zerstreuten Heerde Prairiehühner, zusammenlocken.

»Und Du fürchtest sie nicht? fragte Margareth beruhigter.

»Warum sollte ich sie fürchten? rief ich lachend aus; die Iowa's und Missouri's, die zuweilen unsere Gegend durchstreifen, haben, so lange ich zu denken vermag, noch nie ernste Veranlassung zu Mißtrauen gegeben. Sie kommen und gehen wohl etwas geheimnißvoll, allein abgerechnet, daß sie uns einige Dutzend Hirsche fortschießen, belästigen sie uns in keiner Weise.

Margareth gab sich mit meiner Erklärung zufrieden, doch bestand sie bei meinem Abschied daraus, ich möge nicht auf demselben Wege zurückreiten, sondern einen Umweg einschlagen, auf dem ich sicher sei, den ungebetenen Gästen nicht zu begegnen. Ich versprach es heilig, wofür ich das Gegenversprechen erhielt, daß sie sich in nächster Zeit nicht ohne männlichen Schutz von der Farm fortbegeben wolle. Außerdem theilte ich Haller und seinen Söhnen unsere Entdeckung mit, woran ich, für sie sehr befremdend, die dringendsten Mahnungen zur Wachsamkeit und Vorsicht schloß. Meine Aengstlichkeit erklärten sie lachend dadurch, daß ich Margareth noch wenige Wochen vor der Hochzeit zu verlieren fürchte. Im Uebrigen billigten sie meine Umsicht; trotzdem wagte ich nicht, sie um eine Büchse zu bitten; ich fürchtete, verspottet zu werden.

»Nach kurzer Rast begab ich mich auf den Heimweg. Anfangs mich auf Seitenpfaden haltend, bog ich doch sehr bald in den Hauptweg ein, wo ich mein Pferd zur größten Eile antrieb. Mir war, als ob mir Jemand zugeflüstert und gerathen habe, die Gangart meines Pferdes zu beschleunigen, um baldmöglichst nach Hause zu gelangen. Der Gedanke an eine drohende Gefahr war immer fester in mir geworden, und nicht eher fühlte ich mich von dem auf mir lastenden Bann befreit, als bis ich auf unsern Hof sprengte und in der Hausthür meine Eltern und Brüder mir entgegentraten.

»Sie sprachen ihr Befremden über meine unsinnige Hast aus, und selbst als ich ihnen über die Anwesenheit von Eingeborenen berichtete, erntete ich nur Neckereien für meine übergroße Aengstlichkeit ein.

»Weißt Du von Indianern zu erzählen, hieß es, so haben wir dafür Besuch von einem Weißen gehabt, mit dem wir während Deiner Abwesenheit ein Stündchen auf's Angenehmste verplauderten.

»Auf meine Frage nach dem Fremden erfuhr ich, daß ungefähr zu derselben Zeit, zu welcher ich den ersten Eulenruf vernahm, ein Reisender auf den Hof geritten sei und um eine Erfrischung für sich und sein Pferd gebeten habe.

»Dem Pferde hatte man einige Maiskolben vorgeworfen, den Fremden selbst dagegen hereingenöthigt und gebeten, sich an der gemeinschaftlichen Abendmahlzeit zu betheiligen.

»Freimüthig, wie die Gastfreundschaft angeboten wurde, war dieselbe auch angenommen worden. Der Fremde setzte sich mit den Manieren eines gebildeten Mannes zu meinen Eltern an den Tisch, und nicht lange dauerte es, da hatten sie sich in ein so lebhaftes Gespräch vertieft, wie mein Vater sich nicht entsann, seit vielen Jahren geführt zu haben. Merkwürdiger Weise waren, wie ich aus den Mittheilungen der Meinigen entnahm, vorzugsweise die Verhältnisse meines Vaters Gegenstand der Unterhaltung gewesen, wogegen der Fremde seine eigene Lage gar nicht berührte und nur höchstens einige politische Nachrichten von geringer Wichtigkeit vortrug. So war es denn gekommen, daß man von ihm weiter nichts wußte, als daß er im Staate Ilinois lebe und auf dem Wege nach St.-Louis sei, um daselbst einen Verwandten zu besuchen. Im Uebrigen beschrieb man ihn mir als einen noch jungen Mann, von kleiner, untersetzter Gestalt, mit pechschwarzem gelocktem Haar, lebhaften und sehr klugen schwarzen Augen und auffallend dunkler Gesichtsfarbe, die indessen nichts mit dem Braun der Abkömmlinge der Negerrace gemein hatte. Auch wollte man in seiner Aussprache einen gewissen fremdländischen Accent bemerkt haben, der indessen bei seinem freundlichen und zuvorkommenden Wesen mehr eine Zierde, als ein störender Mangel für ihn gewesen sei.

»Nachdem er wohl eine Stunde bei meinen Eltern verweilt hatte, war er, trotz der dringenden Einladungen, zu übernachten, aufgebrochen. Er gab vor, noch in derselben Nacht das nächste Städtchen erreichen zu müssen, wo eine passende Gelegenheit zur Weiterreise seiner harre.

»Im Begriff, davon zu reiten, hatte er sich noch einmal an meinen Vater gewendet, ihm die herzlichsten Glückwünsche für das ihm leider unbekannt gebliebene Brautpaar übertragend.

»Ja, so genau hatte der Fremde mit seinem einschmeichelnden Wesen meine Eltern ausgeforscht, und was er noch nicht wußte, das verstand er mit durchtriebener Schlauheit sogar im Augenblick des Scheidens aus ihnen herauszulocken, nämlich den Zeitpunkt der Hochzeit, die, je nachdem es die Feldarbeiten gestatteten, gleich nach Errichtung der neuen Blockhütte folgen sollte.

»Auch auf Haller und seine Familie war das Gespräch gelenkt worden, und auf Margareth, die meine Mutter dem Fremden als einen Engel an Schönheit und Herzensgüte schilderte.

»Nun, vielleicht erscheine ich unverhofft zu der Festlichkeit, um eine Stelle als Trauzeuge zu übernehmen! hatte der Fremde im Davonreiten ausgerufen.

»Nicht viel Festlichkeit! hatte mein Vater geantwortet; eine heitere Fahrt zur Stadt zum ersten besten Notar, und die Geschichte ist abgemacht!

»Der Fremde spornte sein Pferd und verschwand gleich darauf im Walde, mit sich aber nahm er eine genaue Kenntniß unserer ganzen Familienverhältnisse, während wir nicht einmal seinen Namen erfahren hatten.

»Innerlich tadelte ich wohl die Offenherzigkeit meiner Eltern, doch besaß ich zu viel Ehrerbietung vor den guten Alten, als daß ich gewagt hätte, meine Mißbilligung laut auszusprechen. Und was konnte es im Grunde schaden, daß man sich in Ausübung der Gastfreundschaft zu weit hatte fortreißen lassen? Auch würde ich schwerlich etwas Auffälliges darin gefunden haben, wäre meine Stimmung nicht bereits durch das Vorhergegangene beeinflußt gewesen. Ich konnte mich nämlich von dem Verdacht nicht lossagen, daß der Eulenruf in näherer Beziehung zu dem seltsamen Besuch gestanden, und aus der ganzen Wegesstrecke zwischen den beiden Farmen Indianer auf Rufesweite vertheilt gewesen, um dem Fremden zu verkünden, wann er, ohne von mir gestört zu werden, bei meinen Eltern einkehren könne. Klang mir doch das geheimnißvolle Signal die ganze Nacht hindurch in den Ohren, und in meinen Träumen verfolgte mich, wie ein drohendes Gespenst, die furchtbare Schreckensgestalt des unbekannten Fremden.

»Erst als ich am folgenden Tage wieder zu Hallers hinüberritt, legte sich meine Aufregung einigermaßen. Ich hatte unterwegs wirklich die Spuren mehrerer Eingeborenen entdeckt, die sich augenscheinlich zusammengelockt hatten und dann in entgegengesetzter Richtung von der, welche der Fremde eingeschlagen, davon gewandert waren. Ich theilte dies Margareth mit, um auch ihre Besorgniß zu verscheuchen. Sie lachte laut und schalt sich selbst, daß sie sich überhaupt zu Aeußerungen des Schreckens habe hinreißen lassen. Als ich ihr aber von dem Fremden erzählte und denselben, so weit ich nach den Schilderungen meiner Eltern und Brüder im Stande dazu war, beschrieb, da gewahrte ich, wie sie plötzlich erbleichte und ein heftiges Zittern ihre Gestalt erschütterte.

»Tomaso, flüsterte sie mit bebenden Lippen, sollte er mir nachgespürt und meinen Zufluchtsort entdeckt haben?

»Ich erschrak, doch weniger über Margareths Befürchtungen, als über den Ausdruck des Entsetzens, welcher sich über das liebe Antlitz ausgebreitet hatte. Auf mein Flehen, auf meine Betheuerungen, daß ihre Besorgnisse völlig grundlos seien, daß es viele Menschen mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzem Lockenhaar gebe, und ihr Verwandter ohne Zweifel zuerst auf Hallers Farm nach ihr geforscht haben würde, beruhigte sie sich zwar wieder äußerlich, aber in ihren Augen las ich, daß trotz des lieblichen Lächelns noch eine heimliche Angst in ihr fortlebte, die ich nicht ganz zu verscheuchen vermochte. Die theuere, kleine Margareth, mir zu Liebe lächelte sie; sie wußte, wie unendlich schmerzlich es mir war, ihre guten, treuen Blicke auch nur leise getrübt zu sehen.

»Obwohl ich nach besten Kräften jede Furcht als unberechtigt, ja sogar als thöricht hinzustellen suchte, bestand ich doch ernstlich darauf, daß sie hinfort nicht mehr allein größere Ausflüge unternehmen sollte. Sie versprach, sich meinen Wünschen zu fügen, sie versprach es mit dem hingebenden Vertrauen eines folgsamen Kindes, und sie hat auch Wort gehalten – arme kleine Margareth! Sie hat Wort gehalten – nur zu gut Wort gehalten!

Ein verzweiflungsvolles, fast höhnisches Lachen erschreckte alle Zuhörer. Der Fallensteller hatte einen Feuerbrand ergriffen und störte wild in der Glut, daß ein dichter Funkenregen sich erhob und mit dem wirbelnden Rauch abwärts zog. Die glimmenden Kohlen und einzelne emporzüngelnde Flämmchen warfen eine rothe Beleuchtung auf das reich durchfurchte Greisenantlitz. Ich blickte scharf auf dasselbe hin; es erschien mir krampfhaft verzerrt; nichts mehr war auf demselben zu entdecken, was an die ernste, beinahe kalte Ruhe erinnert hätte, mit welcher er den letzten Theil seiner Erzählung vorgetragen hatte.

Alle Stadien zwischen fünfzehnjähriger Jugend und fünfzigjährigem Alter waren in dem lauschenden Kreise vertreten. Tiefe Theilnahme leuchtete aus allen Augen; aufrichtige Ehrerbietung, nicht allein bestimmt durch weißes Haar, war auf allen Zügen ausgeprägt.

O, wie verschiedenartig, wenn auch durch dieselben Ursachen bedingt, mochten die Gefühle sein, welche in dem bunten Kreise Platz ergriffen hatten und die Gedanken gleichsam lenkten!

V.

Nach einer längeren Pause richtete der Fallensteller sich wieder empor. Seine Augen waren geröthet, als sei ein hervortretender Thränenstrom in denselben versengt und festgetrocknet gewesen; sein Antlitz aber war bleich, bleich wie der Tod. Indem er seine Blicke im Kreise herumsandte, belebte sich dasselbe indessen wieder; ein Lächeln, welches man hätte dankbar nennen mögen, dankbar für die ihm gezollte Aufmerksamkeit und freundliche Rücksicht, kam zum Durchbruch.

Wie zweifelnd wiegte er sein ehrwürdiges Haupt und dann bemerkte er mit leiser, jedoch schnell an Umfang und Ausdruck gewinnender Stimme:

»Sechsundvierzig Jahre! Die kleine Margareth ist längst in Staub zerfallen, und dennoch vermag ihr Andenken selbst bei Menschen, die sie nie kannten, Trauer zu erwecken! Wer hätte das gedacht! Aber es thut meinem alten Herzen wohl, dies zu erfahren. Wie lange bin ich der Einzige gewesen, der ihrer noch in Liebe gedachte; denn von Denen, die einst in die guten, treuen Augen schauten, bin ich allein übrig geblieben. Auch meine Zeit ist bald abgelaufen, und da ist es mir denn ein rechter Trost, mir sagen zu können, daß auch dann noch bei dem Einen oder Andern ihr Andenken fortleben wird; o, ich täusche mich darin nicht, und wenn je ein menschliches Wesen verdiente, daß man sich seiner freundlich erinnert, so ist es die kleine, liebe Margareth. –

»Genau drei Wochen waren seit jenem Abende verstrichen. Der geheimnisvolle Besuch und der Eulenruf waren beinahe vergessen, indem sich nichts ereignete, was vielleicht an die bezeichneten Vorgänge mahnte und als in Beziehung zu denselben stehend hätte betrachtet werden können. Ein Gefühl der Sicherheit hatte sich in Folge dessen wieder dem ununterbrochenen Freudenrausch zugesellt, in welchem meine Seele schwelgte. Und dennoch wurden nie die Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen, welche ich mit Margareth verabredet hatte. Wenn häusliche Beschäftigungen, denen sie mit rührendem Eifer oblag, sie nicht gerade fesselten, und sie unternahm auf ihrem grauen Mustang Ausflüge in die weitere Umgebung der Farm, dann sah man sie nie allein; entweder der alte Haller selbst, oder einer von seinen Söhnen befanden sich in ihrer Begleitung – denn auch sie waren ja ängstlich besorgt um das liebe Kind – doch geschah dies nur selten, indem sie in den meisten Fällen auf meine Ankunft harrte. Wir durchstreiften dann den Wald und die Grasfluren nach allen Richtungen, uns lebhaft mit der Zukunft beschäftigend und die lieblichsten Stätten aufsuchend, um dieselben schließlich, zum Zweck der Gründung unseres häuslichen Heerdes, auf die engere Wahl zu bringen.

»Leidenschaftlicher Jäger, wie ich war, beobachtete ich während des Reitens, oft nur aus alter Gewohnheit, den Boden, über welchen wir uns hinbewegten; ich entsinne mich indessen nicht, jemals andere Spuren entdeckt zu haben, als die des Wildes oder unserer umherstreifenden Rinder. Es war also Alles dazu angethan, jeden Argwohn einzuschläfern und endlich ganz zu ersticken. Ging es doch so weit, daß wir einst, als wir in der Richtung, in welcher meines Vaters Hütte lag, eine schwere Rauchsäule aufsteigen sahen, nur an ein zufällig entstandenes Feuer und an nichts weniger, als daran dachten, daß dasselbe durch böswillige Hände angelegt sein könne.

»Es war kurz vor Abend, als wir die Rauchsäule entdeckten. In Margareths Gesellschaft von einem Spazierritt heimkehrend, befanden wir uns nicht weit von Hallers Farm auf einer größeren Lichtung, von welcher aus wir die schwarzen Dampfwolken genauer beobachten konnten, die bei dem schwachen Winde fast steil zu den Wolken emporwirbelten. Ein Waldbrand konnte es nicht sein, das erkannte ich auf den ersten Blick, die Rauchsäule war zu schmal und bewegte sich nicht von der Stelle; aber mein älterliches Haus und die zu demselben gehörigen Schuppen und Strohfutteranhäufungen lagen in derselben Richtung, und mich ergriff die Furcht, daß, durch Unvorsichtigkeit hervorgerufen, ein schweres Unglück mich und die Meinigen heimgesucht habe.

»Mehrere Minuten verharrte ich sprachlos vor Entsetzen; es war mir nie in den Sinn gekommen, daß ein derartiges Mißgeschick über uns hereinbrechen könne. Dann aber wendete ich mich mit erzwungener Ruhe Margareth zu.

»Margareth, sagte ich, dem lieben Mädchen die Hand reichend, ist es mein älterliches Haus, welches dort den Rauch emporsendet, so werden wir sehr dadurch zurückgebracht werden. Ich muß hin und retten helfen; bedenke, jedes Stück, welches uns durch die Flammen entrissen wird, kann nur schwer und sehr langsam wieder ersetzt werden. Reite du daher schnell heim, vielleicht daß der Eine oder der Andere von Hallers Leuten sich dazu berufen fühlt, zu unserm Beistande herbeizueilen.

»Margareth war bei der traurigen Entdeckung nicht weniger entsetzt, als ich selbst. Betrachtete sie sich doch bereits als ein Mitglied der Familie meines Vaters. Ihre erste Regung war, mich zu begleiten; nur durch dringendes Zureden vermochte ich sie dazu, sich nach Hallers Farm zu begeben, die in geringer Entfernung sichtbar vor uns lag.

»Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte mich begleitet; doch wer kann es wissen? Wo das Schicksal sich gegen das Lebensglück der Sterblichen verschworen hat, da weiß es sie auch zu finden, und vergeblich suchen diese ihm auszuweichen.

»Wir trennten uns. Margareth flog auf ihrem grauen Renner der nahen Farm zu, während ich mein Pferd in wilder Hast, immer in geradester Richtung, auf die schwarze Rauchsäule zutrieb. Ich flog dahin, wie auf den Schwingen einer Waldtaube; und dennoch, wie lang, wie endlos erschien mir der Weg, den ich vor wenigen Stunden erst so heiter, so zufriedenen Herzens zurückgelegt hatte! O, es ist schmerzlich, Das in Asche zerfallen zu sehen, woran man so viele Jahre hindurch arbeitete und sparte! So dachte ich während meines wilden Rittes im Sinne meiner armen Eltern; und dennoch, was sind selbst schwer ersetzliche irdische Güter gegen das Leben eines einzigen Menschen?

»Kaum drei Viertelstunde mochte verflossen sein, als ich vor dem Hofe meiner älterlichen Hütte von dem schäumenden Pferde sprang. Der Abend war bereits hereingebrochen, aber weithin erhellten die brennenden Trümmer von Stall und Haus die Umgebung. Nur ein Schuppen, in welchen wir den Hauptfuttervorrath zur Ueberwinterung unseres Viehstandes untergebracht hatten, stand noch. Wurde dieser ein Raub der Flammen, dann stand uns ein trauriger Winter bevor, indem wir gezwungen gewesen wären, uns eines großen Theils unseres Viehs zu entäußern.

»Schon aus der Ferne erkannte ich meinen Vater und meine Brüder, sogar meine alte Mutter, wie Alle ihre Kräfte vereinigten, wenigstens diesen letzten Rest unseres schwer erworbenen Eigenthums zu retten. Mit Eimern und sonstigen Gefäßen eilten sie zwischen dem nahen Bache und der Brandstätte hin und her, um die dampfenden Holzwände des seit mindestens zwölf Jahren ausgedörrten Schuppens immer wieder zu befeuchten und dem schließlichen Aufflammen desselben vorzubeugen. O, es war eine entsetzliche Scene, die rauchenden Trümmer, der rothe Schein und dazu die verzweiflungsvollen Gesichter meiner Eltern und Brüder! Und unsere Rinder und Pferde waren herbei geeilt und starrten brüllend und schnaubend in die Flammen, als hätten sie mit uns über den jähen Untergang unseres Wohlstandes trauern und, um unser Unglück zu vervollständigen, sich blindlings in die Gluth stürzen wollen. Und dann meine Mutter, die gute, alte, zärtliche Frau, wie sie über ihre Kräfte arbeitete und aus ihren treuen Augen eine so wilde Verzweiflung sprach, eine zu wilde Verzweiflung, als daß sie vermocht hätte, durch lautes Jammern ihrem sich zusammenschnürenden Herzen Luft und Bewegung zu verschaffen! Gute alte Frau, Dein Bild, wie Du mir damals erschienst, hat mir ebenfalls in meinen nächtlichen Träumen vielfach vorgeschwebt, es schwebte mir ebenfalls vor, als ich« – – –

Hier stockte der greise Erzähler wieder; ein heftiges Beben durchlief ihn; doch diese Anwandlung von Schwäche gewaltsam niederkämpfend, fuhr er mit leiser, gedämpfter Stimme fort, als ob er in ein Selbstgespräch vertieft gewesen wäre:

»Die Rache ist süß, aber nicht edel; mag es darum sein. Meinen Eid mußte ich halten; über die Verräther ist ihr eigenes Blut gekommen.

»Als ich auf der Brandstätte eintraf, erfüllte mich nur der eine Gedanke: zu helfen und zu retten, und schon, in der nächsten Minute hatte ich einen Eimer ergriffen, mich mit Aufbietung aller meiner Kräfte an der Arbeit des Löschens betheiligend. Schwerlich würde es uns indessen geglückt sein, den Schuppen unversehrt zu erhalten, wäre das Blockhaus nicht bereits zu einem glühenden und dampfenden Scheiterhaufen niedergebrannt gewesen, und wäre der Abendwind, der uns am meisten bedrohte, nicht allmählich eingeschlummert. Die Aussicht auf Erfolg aber stählte unsere Kräfte, und als eine halbe Stunde später Haller mit seinen Söhnen eintraf, da bedurfte es keiner großen Anstrengungen mehr, das Feuer vollständig zu bewältigen.

»'s ist seltsam, wir hatten, ausgenommen unseren Viehstand, fast unsere ganze bewegliche Habe verloren, und dennoch hätten wir laut aufjubeln mögen, wenigstens noch so viel vor dem Verderben bewahrt zu haben. Doch so ist der Mensch in seiner Kurzsichtigkeit; er hadert mit der Vorsehung und jubelt zugleich, unbekümmert darum, daß in demselben Augenblick, nur auf einer andern Stelle, vielleicht der Wetterstrahl mit vernichtender Gewalt auf ihn niederfährt.

»Obwohl wir die Gefahr von dem Schuppen abgewendet hatten, gönnten wir uns während der ganzen Nacht weder Rast noch Ruhe. Jeder von der Hitze emporgewirbelte Funke konnte den Brand aufs Neue entzünden; außerdem waren wir genöthigt, unsere Aufmerksamkeit den Thieren zuzuwenden, die, von panischem Schrecken ergriffen, die Brandstätte wild umtobten. Erst gegen Morgen, als schwerer Thau sich auf die verkohlenden Balken senkte und nur noch selten einzelne Flämmchen über dem schwarzen Schutt tanzten, kamen wir so weit zur Besinnung, daß wir über die Entstehungsart des Brandes unsere Vermuthungen aussprachen.

»Das Unglück war zwar geschehen und es änderte nichts an der Sache, ob wir die Ursache des Feuers kannten oder nicht, allein man sucht sich doch gern zu überzeugen, daß tadelnswerthe Fahrlässigkeit nicht der Grund des erlittenen Schadens gewesen ist. Nach manchem Hin- und Herreden stellte sich heraus, daß Niemand einen Vorwurf verdiente. Niemand hatte sich mit Feuer außerhalb des Hauses befunden, und aus dem Schornstein konnten keine Funken gezündet haben, indem dieselben sonst eine Strecke gegen den Wind hätten stiegen müssen. Der Brand war nämlich auf der Windseite des Hauses in einer großen Anhäufung trockenen Maisstrohs entstanden, die leider so nahe den Blockwänden lag, daß diese binnen kurzer Frist davon ergriffen werden mußten. Meine Eltern und Brüder aber befanden sich um diese Zeit innerhalb des Hauses bei ihrer Abendmahlzeit; es genügte daher der Zeitraum von etwa einer Viertelstunde, den Brand entstehen und zu einem solchen Umfang anwachsen zu lassen, daß sie, als sie nach der ersten Entdeckung ins Freie hinausstürzten, sogleich die Unmöglichkeit einsahen, das Haus nebst den meisten in demselben befindlichen Gegenständen zu retten. –

»Als es heller geworden war, begaben wir uns gemeinschaftlich nach der Stelle hin, auf welcher das Feuer ausgebrochen sein mußte. Eine bestimmte Absicht leitete uns dabei nicht; wie hätten wir auch in dem Aschenhaufen, zu welchem das Maisstroh zusammengesunken war, noch irgend einen Aufschluß über die Entstehungsart des Feuers zu finden erwarten können? Und dennoch, als wir auf die zugängliche Seite des Aschenhaufens herumtraten, entdeckten wir Etwas, das uns mit einem unheimlichen Gefühl des Grauens erfüllte. Ein Bündelchen dürren Grases lag hart am Rande des Aschenhaufens; dasselbe war halb verkohlt und versengt; nur der Riemen, der fest um dasselbe geschnürt gewesen, hatte bewirkt, daß der dem Winde zugekehrte Theil unversehrt geblieben war. Es waltete also kein Zweifel mehr: Böswillige Hände hatten das Feuer angelegt. Stumm vor Schreck und Erstaunen betrachteten wir diesen Beweis der uns von unbekannter Seite her nachgetragenen feindlichen Gefühle; hatten wir doch nie mit Jemandem in Unfrieden gelebt, daß wir uns eine derartige Handlung zu erklären vermocht hätten.

»Traurigen Herzens setzten wir unsere Forschungen fort, und wären wir noch von Zweifel befangen gewesen, so hätten sie bis auf den letzten schwinden müssen, als wir gleich darauf die Knieabdrücke eines Mannes entdeckten, der behutsam bis zu dem Maisstroh herangekrochen war und dann, nach Ausführung seiner schmachvollen That, sich in derselben Weise rückwärts entfernt hatte. Erfüllt von den bösesten Ahnungen folgten wir der kaum bemerkbaren und durch das beunruhigte Vieh vielfach vernichteten Fährte bis an das nächste Gesträuch, hinter welchem der freche Räuber aufgesprungen und davongeeilt war. Die Spuren der Kniee hatten uns keinen sicheren Anhaltepunkt geboten; dagegen erwarteten wir von den Fußspuren nähere Aufklärungen, und zwischen uns Allen bestand das stillschweigende Uebereinkommen, dem Frevler nachzusetzen und ihn für seinen hinterlistigen Angriff zur Rechenschaft zu ziehen.

»Als wir das Gesträuch erreichten, fiel uns auf, daß der heimliche Feind mit sehr wenig Vorsicht zu Werke gegangen war und, offenbar zufrieden damit, nicht auf der That entdeckt worden zu sein, sich nicht weiter um die von ihm hinterlassenen Merkmale gekümmert hatte. Er wähnte sich also entweder außerhalb des Bereiches unserer Verfolgung, oder er fühlte sich auch stark genug, uns Trotz bieten zu können. Er war nämlich mit beiden Füßen zugleich aufgesprungen, wodurch sich dieselben tief in das lockere Erdreich eindrückten, und dann in langen Sätzen entflohen. Die Abdrücke zeigten die glatten Sohlen indianischer Mokassins; an Indianer dachten wir indessen auch jetzt noch immer nicht, weil die Weißen in unserer Gegend, wegen der Entfernung der Städte, mehr aber noch aus Sparsamkeit, derartige Fußbekleidungen trugen. Als wir aber nach einigen Schritten einen Pfeil neben der Fährte liegen sagen, der dem Fliehenden bei seinen heftigen Bewegungen wahrscheinlich aus dem Köcher geglitten war, da begriffen wir, daß wir es mit den Eingeborenen, den verschlagensten aller Feinde, zu thun hatten.

»Seit einer langen Reihe von Jahren in friedlichem Verkehr mit den Indianern lebend, wirkte die erste Entdeckung von dem Ausbruche von Feindseligkeiten förmlich betäubend auf uns; erst als der alte Haller den Pfeil aufmerksam prüfte und dabei äußerte, daß derselbe nicht die Stammeszeichen, der unsere Gegend durchstreifenden Eingebornen trage, stellte sich die ruhige Ueberlegung wieder ein.

»Von welchem Stamme kann der Pfeil denn herrühren? fragte ich hastig.

»Nun, antwortete Haller, wenn ich die Kiowas und Comanches nicht Hunderte von Meilen entfernt wüßte, würde ich behaupten, daß kein Anderer, als ein Krieger einer dieser Nationen den Doppelhaken in diese Spitze wetzte, die gewundene Blutrinne in den Schaft schnitzte, die Federn des texanischen Mäusehabichts so sauber mittels der feinen, grün gefärbten Sehnen mit dem Holze verband, und endlich die obere Hälfte des Geschosses in eine durch Klapperschlangengift in Gährung versetzte Wildleber tauchte.

»Bei dieser Erklärung, von welcher die Uebrigen weniger berührt wurden, stand ich eine Weile wie erstarrt da. Als ob plötzlich die Gabe des Hellsehens über mich gekommen wäre, erhielt Alles, was ich theils von Margareth erfahren, theils in ihrer Gesellschaft erlebt hatte, eine ganz neue und bisher ungeahnte Bedeutung für mich. Als ich dann endlich die Sprache wiederfand, da rief ich unter dem Eindruck solcher Gefühle verzweiflungsvoll aus:

»Wer ist zum Schutze Margaretes auf der Farm zurückgeblieben!«

»Zum Schutze? fragte Haller zurück, doch verrieth der Ton seiner Stimme, daß auch er nicht ganz frei von Besorgniß sei. »Zum Schutze? wiederholte er noch einmal. Was sollte uns in unserer sicheren Gegend wohl dazu bewegen, den Frauen noch einen besonderen Schutz beizugeben?

»Und Ihr errathet's nicht? gab ich zur Antwort, und ich fürchte, mit mehr, als gerechtfertigter Härte; Ihr errathet noch immer nicht, auf wessen Veranlassung Feuer an meiner armen Eltern Haus gelegt wurde? Errathet nicht, wer vor einigen Wochen, durch den Eulenruf von der Sicherheit der Umgebung oder vielmehr von meiner Abwesenheit in Kenntniß gesetzt, dort in das niedergebrannte Haus zu meinen Eltern eindrang, um sie über alle, Margareth betreffende Verhältnisse hinterlistig auszuforschen? Errathet nicht, wer es war, der Euch durch den Feuerschein hierher lockte und Euch bewegte, die Frauen schutzlos zurückzulassen? Wohlan denn, so will ich es Euch sagen und erklären: Tomaso Urbano ist es gewesen, Tomaso Urbano, der schon einmal durch seine indianischen Raubgenossen Margareth entführen ließ! Tomaso Urbano, der, eingedenk seiner wilden Leidenschaft für das verwaiste Kind, mit eben denselben Raubgenossen gekommen ist, um uns den guten Engel unserer Familien zu entreißen und auf verbrecherische Art zu opfern!

»Wäre der Himmel unter den Posaunenstößen des jüngsten Gerichts über uns niedergebrochen, so hätte die Wirkung keine erschütterndere sein können, als diejenige, welche meine Worte hervorriefen. Doch von Todesangst ergriffen, nahm ich mir nicht Zeit, diese Wirkung zu beobachten. Unbekümmert um die rauchenden Trümmer meiner Heimat, unbekümmert um das, was den Zurückbleibenden vielleicht bevorstand, stürzte ich dahin, wo unsere Pferde jetzt wieder ruhig weideten, und einige Minuten später jagte ich in toller Hast durch den Wald Hallers Farm zu.

»Unsere Hausthiere betrachtete ich sonst immer gewissermaßen als treue Arbeitsgenossen, und um keinen Preis hätte ich denselben Qual oder Schmerzen bereitet. An diesem Tage aber galt mir das Leben meines Lieblingspferdes nichts. Obwohl es mich mit aller Eile, deren es fähig, dahintrug, war ich doch nicht zufrieden; eine Gerte, die ich im Vorbeireiten von einem Baume gerissen, schwang ich unbarmherzig auf die dampfenden Seiten des armen Thiers, und hätte ich sein, ja mein eigenes Leben dafür hingeben können, plötzlich nach Hallers Farm versetzt zu werden, mit Freuden würde ich Beides geopfert haben.

»Ja, so fest war die Ueberzeugung in mir gewurzelt, daß das furchtbarste aller Mißgeschicke über mich und Margareth hereingebrochen sei.

»Und meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht, mein Herz mich nicht betrogen. Der Beweis wurde mir, noch bevor ich die Farm erreichte, denn anstatt daß auf den schnellen Galopp meines Pferdes Hallers Hunde mich heulend angemeldet hätten, Margareth und ihre Hausgenossinnen in der Thür erschienen und mir entgegengeeilt wären, lag die Farm in dumpfer, unheimlicher Stille da. Nichts rührte sich auf dem Hofe; nur die Hühner scharrten in altgewohnter Weise, während auf der Außenseite der Einfriedigung die Milchkühe sich ungeduldig herandrängten und von der sie quälenden Ueberladung befreit zu werden wünschten.

Bei diesen entsetzlichen Anzeichen war mir, als hätte ich vom Pferde sinken müssen. Meine Gedanken verwirrten sich, ich öffnete den Mund, um Margareth zu rufen, allein nur die erste Silbe ihres Namens brachte ich heraus, denn der Ton meiner eigenen Stimme machte mich bis ins Mark hinein erbeben.

Was werde ich sehen, was werde ich erleben! stöhnte ich in mich hinein, und dann erst fand ich meine Fassung einigermaßen wieder. Blitzschnell sprang ich vom Pferde; ich nahm mir nicht Zeit die Hofpforte zu öffnen, sondern die linke Hand auf die Einfriedigung legend, schwang ich mich über dieselbe fort. Indem meine Füße aber den Erdboden berührten, glitt ich aus, und als ich das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, entdeckte ich, daß eine Blutlache die Ursache meines Strauchelns gewesen. Um meine Augen legte es sich, wie ein schwarzer Schleier, doch meine Willenskraft war jetzt stärker, als alle anderen Regungen; mit jeder, neues Unglück verheißenden Entdeckung fühlte ich meinen Muth und meine Ueberlegung wachsen. Ich spähte um mich. Hallers großer Hofhund lag nur zwei Schritte weit von mir; ein Pfeil steckte ihm zwischen den Rippen, das geronnene Blut aber rührte davon her, daß man dem sterbenden Thiere, wahrscheinlich um es stumm zu machen, die Kehle durchgeschnitten hatte.

Ich zögerte nun nicht länger; in zwei Sprüngen erreichte ich die Thüre; dieselbe war nur angelehnt und mich leicht vor einem Fußtritt, mit welchem ich sie ins Haus hinein warf; dann aber rief ich Margareths Namen so laut, daß sie, wenn sie sich überhaupt noch lebend auf dem Grundstück befand, es überall hätte hören müssen. Ich wollte vor allen Dingen ihren Zufluchtsort kennen lernen, um ihr zuerst zu Hülfe zu eilen.

Nachdem ich gerufen, lauschte ich eine Secunde. Alles ringsum blieb still, nur von dem Verschlage her, der durch eine Bretterwand von dem Hauptgemach der Hütte getrennt wurde, glaubte ich leises, klägliches Aechzen zu vernehmen. Der Verschlag bildete das Schlafgemach der Frauen des Hauses, während die Männer gewohnt waren, auf dem Boden ihren nächtlichen Aufenthalt zu nehmen. Ohne die grenzenlose Unordnung zu beachten, die in dem Hauptgemach herrschte, begab ich mich schleunigst nach dem Verschlage hin, doch mußte ich die Fensterladen aufstoßen, bevor es mir möglich war, denselben in allen seinen Theilen zu übersehen. Und eine erschütternde Scene war es, die sich mir bot, eine Scene, die mir abermals den Verstand zu verwirren, mir die gesunde Vernunft zu rauben drohte. Zwar war es kein Blut, was meinen Augen begegnete, allein ein flüchtiger Blick genügte, mich zu überzeugen, daß meine schwärzesten Befürchtungen eingetroffen, daß Margareth mir entrissen worden war, um einem furchtbaren, einem grausamen Schicksale entgegen zu gehen.

In dem Verschlage befanden sich vier einfache Bettstellen, von denen eine der neuen Hausgenossin zum Nachtlager angewiesen worden war. Diese letztere nun, obwohl die Decken verriethen, daß Margareth am vorhergehenden Abend sich noch zur Ruhe begeben hatte, stand leer, während die übrigen von Hallers Gattin und Töchtern eingenommen waren.

Margareths Abwesenheit wirkte so niederschmetternd auf mich ein, daß ich nicht gewahrte, in welcher traurigen Verfassung sich die Mutter und ihre beiden Töchter befanden.

»Margareth! Wo ist Margareth?« rief ich auf dem Gipfel meines Entsetzens mit einer Stimme aus, die den Aermsten mindestens vorwurfsvoll geklungen haben muß; denn mir war in jenem Augenblicke, als hätte ich das Recht besessen, Margareth von ihnen zurück zu fordern. Als aber wiederum nur klägliches Wimmern als Antwort ertönte und ich in Folge dessen schärfer hinüber spähte, entdeckte ich, daß allen Dreien in grausamster Weise mittels Knebel der Mund geschlossen war und man ebenso ihre Körper an die Bettstellen festgeschnürt hatte. Die Unglücklichen, es war ihnen jegliche Möglichkeit genommen gewesen, sich zu befreien oder auch nur ihre Lage zu erleichtern, und wie zum Hohne hatte man die Decken über sie hingeworfen, damit ein zufällig Eintretender nicht sogleich den ganzen Umfang der unmenschlichen Mißhandlung erkenne.

Beim Anblick der unsäglichen Leiden, denen die alte Frau und die beiden Mädchen unterworfen waren, vergaß ich auf Augenblicke meine Angst um Margareth. Mit schnellen Schnitten löste ich die Banden und Knebel, allein was half es? Die Unglücklichen befanden sich in Folge der furchtbar durchlebten Nacht in einem solchen Zustande, daß sie nur in kaum verständlichen Andeutungen über ihre Erlebnisse zu berichten, noch weniger aber sich zu erheben vermochten. Nur so viel erfuhr ich, daß Margareth unverletzt geblieben und von indianischen Kriegern gewaltsam entführt worden sei.

»Ich war dem Wahnsinn nahe; hätte ich meiner ersten Eingebung Folge geleistet, dann wäre ich blindlings davongestürzt, um auf den hinterlassenen Spuren den grausamen Räubern nachzueilen und zu spät einzusehen, daß es mir ohne die entsprechenden Mittel nie möglich sein würde, dieselben einzuholen oder ihnen ihre Beute streitig zu machen. Außerdem drangen mir aber auch die Klagen der drei Frauen zu Herzen, die, noch immer hülflos, in Mitleid erregender Weise nach Wasser verlangten.

»Die Bitten und das Jammern der armen Opfer brachten mich wieder einigermaßen zur Besinnung, gaben mir jenes Gefühl von Theilnahme zurück, welches Angesichts des eigenen, unersetzlichen Verlustes von mir gewichen war. Und dennoch führte ich alle meine Bewegungen taumelnd aus, als hätte ich mich unter dem Einflusse sinnberauschender Getränke befunden. Ich holte Wasser und sonstige Erfrischungen herbei, welche die kleine Häuslichkeit aufzuweisen hatte, und so verging wohl eine halbe Stunde, als lautes Pferdegetrappel mich nach der Hausthür hinrief, wo meine Lebensgeister durch das Eintreffen meiner Brüder mit Haller und dessen Söhnen wieder einigermaßen angeregt wurden. Das Fehlen meines Vaters begriff ich; er war bei der Mutter und zum Schutze des Restes unserer Habe zurückgeblieben, wogegen die Uebrigen, das Zutreffende meiner Befürchtungen einsehend, sich gleich nach mir auf den Weg begeben hatten.

»Die Scene, welche nunmehr folgte, war eine ergreifende. Doch wozu soll ich Alles wiederholen, was an jenem verhängnißvollen Morgen verhandelt und gesprochen wurde? Wozu die Befürchtungen und Hoffnungen, Ermuthigungen und Trostesgründe noch einmal aufzählen, die sich von allen Seiten kreuzten und vielfach gegenseitig widerlegten? Für mich gab es keinen Trost mehr! Und Hallers? Bei allen Verlusten, die auch sie erlitten hatten, erfüllte sie das beglückende Bewußtsein – mochten um Margareth auch heiße Thränen fließen – daß keins ihrer näheren Familienmitglieder fehlte, und Alle, wenn auch krank und erschöpft, dem Leben und den Ihrigen erhalten geblieben waren. O, in jener Stunde, als die Männer sich mit zärtlicher Besorgniß und ängstlicher Liebe um Gattin, Mutter und Schwestern bewegten, empfand ich so recht, wie unendlich, wie namenlos elend ich geworden war! Meine Klagen dagegen waren verstummt; um meine Brust hatte es sich wie Eis gelegt, mein Herz war erstarrt; nur einen Gedanken kannte ich noch, den Gedanken, Margareth zu retten, sie wiederzugewinnen und furchtbare, blutige Rache an Denjenigen zu nehmen, die störend in ihr und in mein Lebensglück eingegriffen hatten, blutige Rache für jedes Haar welches auf ihrem theuren Haupte gekrümmt werden würde. Errieth ich doch den Urheber so vielen Jammers; Tomaso Urbano und seine indianischen Genossen und kein Anderer konnte es gewesen sein; und sie zu finden? Hahaha! Ich würde ihr Versteck errathen haben, und wäre ich über ihre hundert Ellen tief vergrabenen Leichen hingeschritten!«

Indem der Fallensteller dies mit fast kreischender Stimme ausrief, wanderten seine seltsam glühenden Blicke im Kreise herum. Seine wettergebräunten Züge hatten sich tiefer geröthet; fester umspannte die rechte Faust den zufällig in seiner Hand befindlichen Feuerbrand, und denselben hoch emporschwingend, zeigte er das Bild eines Mannes, der im Begriff steht, einen sich vor ihm windenden Feind zu vernichten, zu zerschmettern.

Athemlos blickten Alle zu dem wild aufgeregten Greise hinüber; Niemand wagte, seinen Ideengang zu unterbrechen oder beruhigende Worte an ihn zu richten. Als ob die vor sechsundvierzig Jahren empfundenen Regungen, in welche er sich so lebhaft hineingedacht hatte und die ihn heute wie damals zu überwältigen drohten, Allen geheiligt gewesen wären, herrschte ringsum achtungsvolles Schweigen.

VI.

Allmählich ging die Wildheit, die sich in des Greises Zügen ausprägte, in einen weichen Ausdruck über. Seine Hand begann zu zittern, sein Haupt neigte sich schwer auf die Brust, und ein kleines Heer von Funken empor sendend, fiel der glimmende Feuerbrand auf die flackernden und kohlenden Reiser.

»Jahre kommen, Jahre gehen«, begann er nach kurzem Sinnen mit einer Stimme, die seinem wehmüthigen Gesichtsausdrucke entsprach, »bergab fließen die Wasser, ihre schmalen Rinnen zu breiten Schluchten erweiternd, und langsam aber sicher bröckelt die Zeit die lehmigen Vorgebirge der Rocky-Mountains nieder. Meine Augen sahen den »Schornstein-Felsen« um fünfzig Fuß höher, als er heute noch ist; die Zeit ändert und verändert Alles, nur auf mich hat sie nicht einzuwirken vermocht. Wer hätte es gedacht? Ich glaubte, das Gefühl des Rachedurstes sei mit der Stillung desselben auf ewig schlafen gegangen, und nun muß ich alter Mann erleben, daß es noch einmal mit derselben Gewalt emporlodert, wie damals bei dem verzweifelnden Jünglinge! Die sechsundvierzig Jahre, wo sind sie geblieben? Sie waren nur ein Tag meines Lebens, aber ein langer, trüber, düster umwölkter Tag. –

Doch die Bilder, die ich heraufbeschworen, müssen herunter von meiner Seele. Es giebt mir Erleichterung; nur nachdenken werde ich zuweilen müssen, um jedesmal die richtigen Worte zu treffen, und scharf muß man spähen, um die Fährte eines Comanche von der eines Kiowa zu unterscheiden und das Alter derselben aus der Lage des niedergedrückten Grases und der Größe der an demselben haftenden Thautropfen zu berechnen – aber ich träume wieder«, schaltete der Fallensteller hier schwermüthig lächelnd ein, »mein Geist weilte am Fuße der Rocky-Mountains – ich wollte erzählen und mich meiner Pflicht gegen Euch entledigen.«

Dabei hob er halb drohend, halb abwehrend seine magere Hand empor, um Hooker, der ihn unterbrechen wollte, am Sprechen zu hindern, und dann fuhr er fort:

»Wenn uns damals irgend Etwas eine gewisse Beruhigung gewähren konnte, so war es der Umstand, daß, wie die sorgfältigsten Nachforschungen ergaben, weitere Gefahren den Ansiedelungen nicht drohten. Nachdem der teuflische Plan geglückt war und man sich Margareths bemächtigt hatte, lag kein Grund mehr vor, eine Gegend länger unsicher zu machen, die man alle Ursache hatte, ängstlich zu meiden. Die streitfähigen jungen Leute unserer Farmen waren daher zu Hause überflüssig geworden, und noch heute erwärmt es mein altes Herz, wenn ich mir vergegenwärtige, mit welchem Eifer sich alle sogleich bereit erklärten, mich in der Verfolgung der hinterlistigen Räuber zu unterstützen, und demnächst schleunigst ihre Vorbereitungen trafen. Scheidend hatten wir noch die Beruhigung, zu sehen, daß die Mißhandlungen, denen die Frauen unterworfen gewesen, von keinen nachhaltigeren traurigen Folgen begleitet waren, denn als wir zwei Stunden später vollständig ausgerüstet und bewaffnet unsere Pferde bestiegen, da bewegten sich alle wieder frei im Hause umher.

Wir waren unserer fünf, nämlich meine beiden Brüder, die beiden jungen Hallers und ich, also Leute in der Blüthe ihrer Jugendkraft, die zugleich an Entbehrungen und schwere Arbeit gewöhnt, und ebenso vertraut mit der Führung des Pferdes als der Handhabung der Büchse und der Axt waren. Daß uns eine lange Reise bevorstand, wenn dieselbe überhaupt von Erfolg gekrönt werden sollte, begriff Jeder von uns, wenn wir auch unter dem Eindrucke des ersten Entsetzens unsere quälenden Zweifel und Befürchtungen nicht auszusprechen wagten. Nicht minder stimmten wir darin überein, daß nur unter des jungen Urbano Führung die schmähliche That begangen sein könne und unsere Verfolgung vielleicht erst in Santa-Fé ihr Ende erreiche. Im letzteren Falle aber hatten wir eine Strecke von mindestens neunhundert englischen Meilen in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. Trotzdem wankte ich nicht in meinem Entschluß: weder meinem alten Vater noch meiner zärtlichen Mutter unter die Augen zu treten, bevor ich nicht Margareth gefunden, die Räuber aber für ihre Ruchlosigkeit furchtbar gestraft hatte. Meine Gefährten dachten ähnlich, denn alle liebten und verehrten das verlorene holde Kind, nur daß für mich Margareths Leben mein eigenes Leben bedeutete. Sie hatte die milderen und edleren Regungen aus meiner Brust mit sich fortgenommen, an deren Stelle dann ein unersättlicher Rachedurst, ein unauslöschlicher Haß für ihre Verderber getreten war. Als ob ich im Verlaufe weniger Stunden um zwanzig Jahre gealtert wäre, hatte eine gefährliche Entschlossenheit Besitz von mir ergriffen. Kein Laut der Klage kam mehr über meine Lippen; ich war sogar herrisch gegen meine Freunde und Brüder. Nur beseelt von dem einzigen Gedanken, dem einzigen Willen: wieder mit Margareth vereinigt zu werden, schien mein Fassungsvermögen zu wachsen, schienen meine Sinne an Schärfe zu gewinnen.

Unter solchen Verhältnissen konnte es kaum überraschen, daß meine Gefährten, obwohl die meisten mir an Jahren überlegen waren, sich mir unterordneten und mein Wille sie fortan in ihren Bewegungen lenkte. Und so mußte es sein; denn wo durch Nichtübereinstimmung des Handelns die Kräfte sich zersplittern, kann nie ein Unternehmen gelingen, dessen Verlauf, seiner Gefährlichkeit halber, oft von den geringfügigsten, Nebenumständen abhängt.

Ohne von meinen Aeltern Abschied genommen zu haben, brachen wir also auf, begleitet von den heißen Segenswünschen und Gebeten der Zurückbleibenden. Die Richtung aufzufinden, welche die Flüchtlinge eingeschlagen hatten, gelang leicht, indem sie beritten waren und sich keine Zeit genommen hatten, ihre Spuren zu verbergen. Nachdem sie bewirkt, daß mindestens zwölf Stunden bis zur Entdeckung ihres Ueberfalls verrinnen mußten, blieb ihnen ja nur die eine Aufgabe: den zwischen sich und ihren Verfolgern bestehenden Zwischenraum nach Möglichkeit zu vergrößern. Vorsichtiges Vermeiden auffälliger Spuren wäre zu zeitraubend für sie gewesen, zeitraubender, als für uns das Auskundschaften derselben; an einer Verfolgung aber konnten sie nicht zweifeln, wenn sie auch nicht ahnten, daß unsere Vorbereitungen so unglaublich schnell von Statten gehen würden. Trotz alledem mußten wir den Vorsprung, den sie gewonnen hatten, auf mindestens sechzehn Stunden rechnen, was, bei der schnellen Gangart ihrer Pferde, fünf Meilen auf die Stunde gerechnet, eine Strecke von mindestens fünfzig Meilen betrug. Daß aber ihre Thiere dauerhaft, flink und bei frischen Kräften waren, das lasen wir aus deren Hufschlag, und schwerlich dürften sich auf der Welt Reiter finden, die ihre Pferde gewandter und sicherer zu führen verstehen, als die Comanches und Mexicaner. Pah! gebt einem Comanche ein Pferd, welches Ihr bis zur vollständigen Erschöpfung abgetrieben habt, und er wird es mit Leichtigkeit noch drei Meilen weiter bringen; dann aber setzt einen Mexicaner hinauf, und Ihr erlebt das Wunder, daß er es noch drei Meilen weiter reitet! Es ist dies ein altes Sprichwort, allein es enthält viel Wahres, und gewiß diente es nicht zu unserer Ermuthigung, gerade Comanches und Mexikaner vor uns zu wissen. Unsere Feinde in Gewaltmärschen einholen zu wollen, wäre ein thörichtes Beginnen gewesen; wir kamen daher überein, haushälterisch mit den Kräften unserer Thiere zu verfahren und vorläufig nur darnach zu trachten, den uns von den Räubern trennenden Zwischenraum nicht noch mehr anwachsen zu lassen. Wir bauten darauf, daß die Zeit kommen müsse, in der sie, sich vor weiterer Verfolgung sicher wähnend, die Eile ihrer Flucht mäßigen würden, und das war die Zeit, die Kräfte unserer Pferde bis auf's Aeußerste anzuspannen. Doch wo lag diese Zeit, wo lag die Scholle, auf der das Zusammentreffen stattfinden sollte? Vielleicht Hunderte und Hunderte von Meilen weit. Aber gleichviel, ob nahe oder in weiter Ferne, stattfinden mußte es, und wären wir gezwungen gewesen, den ganzen Continent nach ihnen abzusuchen.

Kaum eine halbe Tagereise weit waren wir geritten, da kannten wir die Stärke unserer Feinde. Es waren ihrer zwölf; außerdem führten sie zwei Packthiere bei sich, die mit den Köpfen an die Schweife zweier Reitpferde befestigt waren und von zwei in ihren Spuren folgenden Reitern nachgetrieben wurden. Margareth war auf ein starkes mexikanisches Pferd gesetzt worden, welches beständig neben einem beschlagenen Pferde einherschritt und offenbar von dem Reiter des letzteren am Zügel geführt wurde. Margareths grauer Mustang dagegen wurde von einem Indianer geritten, der sich die größte Mühe gab, seinen Spuren einen Ausdruck zu geben, als ob Margareth selbst im Sattel gesessen habe und, anfangs mit Widerstreben, dann aber endlich freiwillig und guter Dinge sich ihren Entführern angeschlossen habe.

Die Elenden! Wäre es ihnen wirklich gelungen, meine Augen zu täuschen, mein Herz zu täuschen wäre nicht möglich gewesen, und hätten Himmel und Hölle sich mit ihnen gegen mich vereinigt!

Westlich, immer westlich standen die Fährten, auf die unsere Aufmerksamkeit unausgesetzt gerichtet blieb; westlich auf spärlich gebahnten Wegen, westlich durch Wald und Flur, westlich durch Bäche und Flüsse, und ihnen nach folgten mit finsterer Entschlossenheit fünf junge Männer, brütend über ihre Rache, aber Augen und Ohren geöffnet und lesend in jedem geknickten Grashalm, in jedem Zweige, der im Vorbeiziehen von den Pferden mit scharfem Zahn abgebissen oder vom Anstreifen des Sattelzeugs entblättert worden war. Vielfach theilten sich zwar die Spuren, als hätten die Flüchtlinge sich nach verschiedenen Richtungen hin getrennt und einzeln ihre Flucht fortgesetzt, doch nur das erste Mal wurden wir dadurch zu einer kurzen Zögerung veranlaßt. Wir erriethen, daß man uns hatte täuschen und aufhalten wollen; bei den erneuten Verzweigungen der Fährten gaben wir uns daher nicht mehr die Mühe, dieselben zu zählen. Wir folgten derjenigen Fährte nach, die in geradester Richtung zu stehen schien, und stets hatten wir die Genugthuung, oftmals erst nach Zurücklegung von Meilen, daß dieselbe sich wieder mit den andern vereinigte, was namentlich da geschah, wo man fließende Gewässer überschritten hatte.

So zogen mir dahin Tag für Tag. Der erste Morgenschimmer, der uns gestattete, die vor uns liegenden Spuren zu unterscheiden, traf uns im Sattel, und erst, wenn die Sonne im Westen hinabgesunken war und die Dämmerung sich verdichtete, stellten wir die Verfolgung ein. Nur kurze Zeit rasteten wir im Laufe des Tages um die Kräfte der Pferde zu schonen und je nachdem wir auf Wasser stießen; wir selbst dagegen? Pah! Wer von uns hätte die Ermüdung empfunden oder wäre nicht bereit gewesen, bis zum letzten Athemzuge im Sattel zu verharren?

Der Anfang unserer Reise war nur wenig ermuthigend. Erst am Mittage des folgenden Tages erreichten wir die Stelle, auf welcher die Räuber zum ersten Mal gerastet hatten, und leicht berechneten wir, daß der Vorsprung, den sie vor uns hatten, noch um fünf oder sechs Meilen vergrößert worden war. Sie genossen eben den Vortheil, die Nächte mit zu Hülfe nehmen zu können, während wir nur auf die Tageszeit angewiesen waren, ein um so größerer Unterschied, als die Tage sehr heiß waren und sich mehr, als die Nächte, zur Rast eigneten.

So gelangten wir an den Mississippi, ohne daß wir den Räubern auch nur um eine Meile naher gerückt wären. Zwar fanden wir immer noch glühende Kohlen auf ihren verlassenen Feuerstellen, allein was wollte das sagen? Zwölf bis vierzehn Stunden waren jedes Mal verstrichen, seit sie scheidend die Aschenhaufen auseinander gerissen hatten, und sechs bis sieben Stunden mußten wir unabweislich unsern Thieren Ruhe gönnen, bevor wir unsere Arbeit wieder aufnehmen durften. Erst am Missouri gewannen wir etwa fünf Stunden gegen sie, was darauf zurückzuführen, daß ihnen das Ueberschreiten des Stromes größere Mühe verursachte, als uns, die wir ohne Gepäck denselben mit geringem Zeitverlust kreuzten.

»Bis dahin hatten wir vergeblich nach Merkmalen geforscht, die Margareth vielleicht für uns zurückgelassen hätte. Wir wunderten uns darüber nicht, da es keinem Zweifel unterlag, daß das arme Kind auf's Schärfste bewacht wurde und jedes von ihr herrührende Erkennungszeichen von ihren Peinigern wieder sorgfältig vernichtet worden war.

»Beim Überschreiten des Missouri hatte sie indessen dennoch Gelegenheit gefunden, ihre Wächter zu täuschen. Auf dem Treibholzfloß, welches man augenscheinlich zum Uebersetzen ihrer Person über den Strom flüchtig zusammengefügt, und welches wieder zu zerstören oder in die Strömung zurückzuschieben man der Zeitersparnis wegen unterlassen hatte, entdeckte ich einen schmalen Streifen ihres Kleides, welchen sie, nur wenig auffällig, um einen halb ins Wasser hineinragenden Zweig geschlungen und festgeknüpft hatte.

»Die gute kleine Margareth! Sie wußte, daß ich ihr bis ans Ende der Welt nachfolgen würde; ebenso wußte sie, daß sie mir eine unendliche Freude durch dieses einfache Zeichen bereitete. Anders dachten ihre Peiniger. Da sie so lange unbelästigt geblieben waren, wähnten sie unstreitig, daß wir umgekehrt seien, denn deutlich erkannten wir, daß nach Überschreitung des Missouri, offenbar um ihre Pferde zu schonen, sie eine bedeutend gemäßigtere Gangart gewählt hatten. Dagegen beobachteten sie die Vorsicht, bei ihrem jedesmaligen Aufbruche eine Schildwache auf der verlassenen Lagerstelle oder auf einem in der Nähe befindlichen höheren Punkte aufzustellen, die sich ihnen erst nach Ablauf mehrerer Stunden wieder anschloß. Letzteres diente dazu, auch unsere Vorsicht zu verdoppeln; denn gelang es dem feindlichen Späher, einen Blick auf uns zu erhaschen, so waren wir verrathen, und sie auf ihren besseren Pferden auf der unabsehbaren Ebene einzuholen wäre zur Unmöglichkeit für uns geworden. So weit unsere Blicke auf der endlosen Prairie reichten, reichten auch die unserer Feinde, nur genossen wir den Vortheil, nicht mehr streng an die uns leitenden Spuren gebunden zu sein. Wir kannten die von ihnen innegehaltene Richtung, und da genügte es, ihre Fährten nur gelegentlich zu berühren; im Uebrigen durften wir den unseren Zwecken entsprechenden Wasserläufen nachfolgen, deren zum größten Theil bewaldete, freilich nur schmale Thalsenkungen uns den besten Schutz gegen Späheraugen boten.

Etwas nördlich von der jetzigen Stadt Independence, jedoch noch südlich von der Mündung des Kansas war unser Uebergang über den Missouri erfolgt, der durch eine mitten im Strome liegende breite Sandbank erheblich erleichtert worden war, und in Gewaltmärschen näherten wir uns dem Neoscho, wo nur immer thunlich, seine Nebenflüßchen als Wege benutzend. Fünf Tagereisen brachten uns bis auf ungefähr zwölf Meilen von dieser Stelle hier und ebenso nahe an unsere Feinde heran. Der zwischen uns bestehende Zwischenraum konnte indessen noch besonders dadurch als abgekürzt betrachtet werden, daß sie später, als wir, ihr Lager bezogen hatten. Wurden wir nicht entdeckt, so mußte der Zusammenstoß in nächster Zeit erfolgen, und um den ersten Angriff mit ungeschwächten Kräften zu unternehmen, beschlossen wir, uns mit dem Aufbruch nicht zu übereilen.

Wenn Ihr dies Thal verlaßt und jene Höhe ersteigt, werdet Ihr gegen Osten einen bläulichen, kaum erkennbaren Waldstreifen bemerken«, schaltete der Fallensteller ein, der, so lange seine Schilderungen nur seinen Ritt betrafen, immer ruhiger geworden war.

»Der Waldstreifen bezeichnet den Lauf eines Baches, der weiter unterhalb in den Neoscho mündet. An diesem Bache hatten wir übernachtet, während unsere Feinde kaum fünfhundert Schritte von hier ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie konnten daselbst erst nach Mitternacht eingetroffen sein, denn die Spuren ihrer Pferde, die wir auf der Uebergangsstelle des Baches prüften, waren da, wo Wind und Sonne sie nicht berührten, noch nicht vollständig ausgetrocknet. Wir befanden uns daher schon längst im Sattel, als jene vielleicht noch, wenn auch nur der armen Margareth und der Pferde wegen, vor dem Feuer lagen und gedörrtes Büffelfleisch nothdürftig rösteten und mit Nierenfett und Beinmark beträufelten. Nach kurzem Ueberlegen beschlossen wir, das Thal des Baches nicht zu verlassen und demselben bis dahin nachzufolgen, wo es sich mit dem Neoscho vereinigt. Machten wir dadurch einen Umweg von ungefähr fünf Meilen, so lag dafür die Möglichkeit nahe, daß wir die Räuber, im Falle sie die heißen Stunden im Lager verbrachten, noch daselbst überraschten, oder, einem von der andern Seite dem Neoscho zufließenden Bache aufwärts folgend, vor sie gelangten, oder endlich auch fast gleichzeitig mit ihnen des Nachts auf der neuen Lagerstätte eintrafen und die erste Verwirrung zu unsern Gunsten benutzten.

»Auf Alles gefaßt und unsere Waffen zum augenblicklichen Gebrauch bereit, bewegten wir uns auf dem hindernißreichen Wege einher. Kein Wort wurde zwischen uns gewechselt, eine finstere Entschlossenheit hatte sich Aller bemächtigt; Jeder begriff den Ernst der Lage, in der wir uns befanden, ebenso aber auch, daß von unserer Umsicht allein die Rettung der armen Margareth abhänge.

»Zwei Stunden waren wir ohne Unterbrechung dahingeritten. Die Sonne strahlte lieblich vom Himmel nieder, den Thau hatte sie bereits von der Prairie fortgetrunken, während in der schattigen Niederung, in der wir uns hielten, feuchtes Kraut und Ranken die Seiten unserer Pferde streiften und sie noch lange erfrischten. Ob die Vögel an jenem Morgen sangen? Wer kann's wissen? Wir hatten nur Augen und Ohren für jedes Geräusch, welches wir in Beziehung zu unseren Feinden zu bringen vermocht hätten; alles Andere war für uns todt, todt, wie jede Spur von Mitleid oder Erbarmen in meiner von den furchtbarsten Qualen gefolterten Brust.

»Bevor wir den Neoscho berührten, stießen wir auf einen Bach, der sich von Norden her der von uns verfolgten Thalsenkung zugesellte. Es ist der letzte Wasserlauf, welchen die Straße vom Missouri her vor dem Neoscho durchschneidet und der mit dem Neoscho einen spitzen Winkel hochgelegener Prairie begrenzt.

»Wir wollten eben an der Mündung dieses Baches vorüberreiten, als aus dem schmalen Thale desselben zwei flüchtige Hirsche vor uns einbogen und mit langen Sprüngen dem Neoscho zueilten. Wir Alle waren als Jäger geübt genug, auf den ersten Blick zu erkennen, daß weder ein Luchs noch ein Bär oder Wolf sie aufgescheucht hatte, sie würden sonst den Waldstreifen verlassen und ihr Heil auf der freien Prairie gesucht haben. Also nur ein Mensch, gleichviel ob absichtlich oder unabsichtlich, hatte sie in Schrecken gesetzt, für uns der triftigste Grund, auf der Hut zu sein und keinen Schritt mehr vorwärts zu thun, bevor der vor uns liegende Boden abgespäht war.

»Wenige Winke und Worte genügten, ein Einverständniß zwischen uns zu erzielen. Wir stiegen ab, und während meine Brüder und Freunde mit den Thieren zurückgingen, um sie an geeigneter Stelle zu pflöcken, schlich ich selbst behutsam nach der Fährte der Hirsche hin, der ich sodann ohne Säumen aufwärts nachschlich. Wohlweislich vermied ich, die Spuren zu betreten und zu vernichten, und bald genug erhielt ich den Beweis, daß meine Vorsicht nicht übertrieben gewesen. Wohl gegen sechshundert Schritte weit mochte ich von meinen Gefährten entfernt sein, als ich vor mir eine Hirschkuh erblickte, die, in liegender Stellung halb von Kraut und Gras verborgen, den schwankenden Kopf rückwärts gewendet hatte, als nach der Richtung hin, aus welcher sie augenscheinlich die Annäherung einer Gefahr befürchtete. Das Thier war verwundet, es konnte kein Zweifel darüber walten; selbst wenn der befiederte Pfeilschaft nicht über das Kraut emporgeragt hätte, würde ich errathen haben, von wessen Händen dasselbe zum Tode getroffen worden war. Einen Schuß hatten wir ja nicht gehört, daß aber der fremde Jäger statt der sicheren Büchse eine unvollkommenere Waffe wählte, sprach unbestreitbar dafür, daß er durch den Knall die Aufmerksamkeit nicht hatte auf sich ziehen wollen, er also nur ein Mitglied der von uns verfolgten Bande sein konnte. Wie weit er noch entfernt war, konnte ich freilich nicht ahnen; hätte ich wagen dürfen, näher zu dem verwundeten Thiere heranzutreten, so wäre ich sicher im Stande gewesen, aus der Wunde zu berechnen, wie lange es gelaufen, bis das Schneiden der Pfeilspitze es gezwungen, sich niederzulegen.

»Ich sann noch über das von mir zu beobachtende Verfahren nach, als der Hirsch größere Zeichen von Unruhe von sich zu geben begann. Er machte sogar einen Versuch aufzuspringen, dann aber, als dies nicht gelingen wollte, streckte er sich lang aus, wobei er, wie um sich zu verbergen, den Kopf unter die nächsten Ranken schob. Er hatte also den Jäger gesehen oder gewittert – denn der Wind stand ihm zu – vielleicht auch das Geräusch vernommen, mit welchem derselbe durch das Gestrüpp brach.

»Ich befand mich hart an dem schroffen Uferrande des Bächleins und vielleicht dreißig Schritte weit von dem verwundeten Hirsch. Als ich die verdächtige Bewegung desselben gewahrte, durchzuckte mich wie ein Blitz der einzige Gedanke: daß schon die nächsten Minuten über den Ausgang unseres Unternehmens und zugleich über der armen Margareth Schicksal entscheiden müßten: denn wurde ich von dem herbeischleichenden Indianer entdeckt, so war, vorläufig wenigstens, Alles verloren. So viel Zeit, wie ich gebrauchte, dies zu überlegen, ebenso viel Zeit und nicht mehr gebrauchte ich, mich zu verbergen, denn noch in derselben Minute lag ich unten in dem seichten Bächlein, meinen Kopf nur so weit erhebend, wie nöthig war, zwischen Halmen und Gestrüpp hindurch das verwundete Thier zu beobachten und sogar noch eine Strecke über dasselbe hinaus zu spähen.

»Es war ein ärmliches Versteck in Anbetracht der scharfen indianischen Augen, allein wie hätte ich mir anders helfen können? Außerdem rechnete ich darauf, daß der nichts Arges ahnende Jäger mehr auf die Fährte seiner Beute, als auf die Sicherheit seiner Umgebung achtete. Gern wäre ich dem Hirsch noch um zwanzig Schritt näher geschlichen, dies durfte ich jedoch nicht wagen, indem das Glücken meines schnell gefaßten Planes einzig und allein darauf beruhte, daß ich unentdeckt blieb.

Noch keine Minute hatte ich mich in meinem Versteck befunden, als ich die erste Aussicht auf den Indianer erhaschte, wie derselbe sich behutsam durch das Gebüsch drängte und dabei beständig seine Blicke auf den Erdboden geheftet hielt. Gelegentlich betrachtete er auch einzelne in seinen Bereich hineinragende Blätter, als ob er das Blut hätte prüfen wollen, welches der Hirsch im Vorbeistreichen auf dieselben gespritzt. Er mußte ein gewandter Bogenschütze sein, denn da der Pfeil, trotz der jähen Flucht durch das Dickicht nicht geknickt oder abgebrochen war, konnte er nur schräge hinter den kurzen Rippen eingedrungen sein und durch schwere Verletzung der Lungen einen so starken Blutverlust erzeugt haben.

Mehrere Minuten dauerte es indessen noch, bevor das dichte Strauchwerk mir einen vollen Anblick des geheimnißvollen Jägers gestattete; dann aber überzeugte ich mich leicht, daß derselbe nur ein Raubgenosse des verrätherischen Tomaso sein konnte.

Schon mancher Rothhaut war ich in unsern Wäldern begegnet, schon manches Wigwam hatte ich besucht und mit deren Bewohnern mich befreundet, denn damals gab es noch mehr Eingeborene, als heute, allein ich entsann mich nicht, jemals einen Indianer gesehen zu haben, der im Aeußeren diesem ähnlich gewesen wäre. Von ungewöhnlich dunkler Gesichtsfarbe, erhielt er dadurch besonders einen wilden, grausamen Ausdruck, daß die fast bis zu seinen Knieen niederreichenden Haupthaare seine Augen halb verschleierten und er, wie ein Bison unter seiner Mähne hervor, zwischen denselben hindurch um sich spähte. Als Bekleidung, so weit ich dieselbe zu erkennen vermochte, trug er eine hellblaue Decke von leichtem Baumwollstoff, dergleichen ich ebenfalls noch nicht gesehen hatte, während seine Füße und Beine, wie sich später herausstellt, durch Mokassins und Leggins von ziegelfarbig gegerbtem Leder geschützt waren. Auf der Schulter trug er eine lange Kentuckybüchse, wogegen an breitem Bande von Otterpelz der gegerbte Balg eines jungen Panthers an seiner Seite niederhing, der zur Aufnahme eines Bündels Pfeile und eines Elkhornbogens diente.

»Das war also der Jäger, den ich von meinem Versteck aus beobachtete. Indem ich ihn genau beschreibe, tritt er mir wieder lebhafter vor die Seele; ich sehe jede einzelne seiner Bewegungen; ich sehe das unheimliche Glühen seiner Augen und den seltsamen Zug unerbittlicher Grausamkeit, der um seine schmalen Lippen spielte und welchen sogar die Freude über sein Jagdglück nicht zu verdrängen vermochte. Aber auch das Klopfen meines Herzens fühle ich wieder, ein schnelles lautes Klopfen; aber nicht Furcht oder bange Zweifel lagen demselben zu Grunde, sondern eine wilde Blutgier, wie sie wohl der graue Gebirgsbär empfinden mag, wenn man ihm hinterlistig die Jungen raubte.«

Bei diesen Worten blickte der greise Fallensteller wieder ernst im Kreise herum. Sein Antlitz, welches ich unausgesetzt mit regster Theilnahme betrachtete, zeigte nichts mehr von der Milde und Weichheit, die dasselbe noch kurz vorher ausgezeichnet hatte, und fast befremdend erschien es, daß er, der doch nur von seinem lange getragenen Kummer sprechen wollte, den die Erinnerung an seine Jugendliebe zuweilen zu übermannen drohte, so ausführlich und klar über die einzelnen Abschnitte der Nachstellung seiner Feinde berichtete.

Der Ausdruck reger Spannung, dem er nach allen Richtungen hin begegnete, übte offenbar eine aufmunternde Wirkung auf ihn aus, denn schneller folgten seine Worte auf einander, indem er in seiner Erzählung fortfuhr; lebhafter, fast jugendlich blitzten seine Augen, und hin und wieder ging seine Erregung sogar so weit, daß er seine Schilderungen mit lebhaften Handbewegungen begleitete.

»Was ich in jenen entscheidenden Minuten dachte, ist mir nie recht klar geworden«, erzählte er weiter, »ich weiß nur noch, daß ich bei jedem Schritte, der mir meinen Feind näher brachte, meine Entschlossenheit und Ueberlegung wachsen fühlte. Vorsichtig legte ich die Büchse zur Seite, denn um keinen Preis hätte ich durch den Knall derselben die Aufmerksamkeit der übrigen Feinde auf mich ziehen mögen, und nachdem ich das Messer in die linke Hand genommen, meine rechte dagegen mit dem Beil bewaffnet hatte, harrte ich kalten Blutes und ruhigen Herzens des Augenblicks, den ich als zum Handeln günstig erkennen würde.

»Der Comanche war unterdessen bis auf zehn oder zwölf Schritte an den Hirsch herangekommen, bevor er ihn entdeckte. Anstatt aber sogleich auf denselben einzuspringen, betrachtete er ihn mehrere Sekunden sehr scharf, worauf er die Büchse leise neben sich niedersinken ließ und zu Bogen und Pfeil griff. Mit Gedankenschnelligkeit zog er die Sehne straff, und fast gleichzeitig haftete der Pfeil im Nacken seiner Beute. Das getroffene Thier versuchte emporzuspringen, doch es kam nicht mehr auf die Füße. Der Comanche hatte es ergriffen, und ehe es noch einige Klagelaute auszustoßen vermochte, war ihm dessen scharfes Messer durch die Kehle gefahren.

Diesen Augenblick benutzte ich, einige Schritte näher zu gleiten, eine Bewegung, die ich noch einmal wiederholte, als der Indianer triumphirend den Hirsch betrachtete, der im Verenden geräuschvoll mit den Füßen um sich schlug. In meiner Erwartung, daß er mir jetzt Gelegenheit zum Angriff geben würde, fand ich mich indessen getäuscht; denn anstatt sich sogleich mit seiner Beute zu beschäftigen, wendete er sich nach der Richtung, aus welcher er gekommen war, und sich in zitternder Bewegung mit der Hand auf die Kehle klopfend, stieß er ein helles, durchdringendes Jauchzen aus. Bei dieser Andeutung, daß er nicht allein sei, erschrack ich, doch behielt ich Geistesgegenwart genug, mich während des Gellens abermals um einige Schritte auf ihn zuzubewegen, worauf ich, gleich ihm, athemlos lauschte.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; ein ähnliches Jauchzen erschallte, aber gedämpft und aus weiter Ferne, anscheinend von der höher gelegenen Prairie her.

Kaum war das Gellen verhallt, da kehrte der Comanche sich mir zu. Ich glaubte, er hege die Absicht, sich durch einen Trunk aus dem Bache zu erquicken, denn sorglos schritt er gerade der Uferstelle zu, hinter welcher ich nunmehr auf den Knieen lag. Ich sah, ein Zusammenstoß war jetzt unvermeidlich, und indem ich meine Waffen fester umspannte, trachtete ich nur noch darnach, mir alle Vortheile, die mir aus meiner gedeckten Stellung erwuchsen, bis ins Kleinste zu Nutze zu machen. O, wie segnete ich in jener Stunde die Gewandtheit, die ich mir in früheren Jahren durch tägliche Uebung angeeignet hatte, denn nur dieser verdankte ich, daß ich in jenem, meinem ersten tödtlichen Kampfe nicht unterlag.

Schneller, als ich im Stande bin, es zu erzählen, hatte der Comanche das etwa drei Fuß hohe Ufer erreicht. Ich hörte seine Schritte, ich vernahm das leise Rauschen des Grases, ich sah, wie die unter seinen Füßen knickenden Halme sich über mich hinneigten. Nur noch eine halbe Secunde und er mußte mich in der fast hülflosen Stellung entdecken. Allein ich war auf meiner Hut; die zuletzt nieder gebeugten Halme schwankten noch, da stand ich neben dem überraschten Feinde, meine rechte Hand mit dem Beil zum Schlage weit ausholend. Aber auch der Indianer war kein Neuling in gefährlichen Lebenslagen, ich erkannte es an der Geschwindigkeit, mit welcher er zurücksprang und den Tomahawk aus seinem Gurt riß, um den Schlag von sich abzuwehren. Ich war ihm indessen in meiner Bewegung um einen Athemzug voraus, und bevor er noch Herr seiner Waffe geworden, schleuderte ich, da er sich außer dem Bereiche meines Schlages befand, das Beil mit vollster Kraft nach ihm. Wohl einsehend, daß er versuchen würde, auszuweichen, hatte ich meiner Waffe eine tiefere Richtung gegeben, und verwundete ich ihn auch nicht, so war ich doch glücklich genug, ihn dergestalt mit dem Heft vor die Stirne zu treffen, daß er taumelnd abermals einen Schritt zurückprallte.

»Es war nur eine Secunde, die ich dadurch gewann, aber eine entscheidende Secunde, eine Secunde, die mich an seine Seite brachte, und schneller, als er an Verteidigung zu denken vermochte, hatte ich ihm mein Messer bis an das Heft in die Brust gestoßen. Lautlos brach er zusammen und vor mir lag eine Leiche.

»Wie hatte ich mich doch geändert! Ich, der ich sonst beim Anblicke der Leiden selbst eines vernunftlosen Geschöpfes von tiefem Mitgefühl ergriffen wurde, stand vor einem durch meine Hand gefallenen Menschen, von dem ich nicht einmal genau wußte, ob er wirklich zu meinen Feinden zählte, ohne auch nur die leiseste Regung von Reue oder Bedauern zu empfinden. Im Gegentheil, ich fühlte Angesichts der blutenden Todeswunde meinen Rachedurst gleichsam zur Tollwuth anwachsen. Hätte die zu beobachtende Vorsicht es mir erlaubt, ich würde sogar einen Jubelruf ausgestoßen haben, weil ich nunmehr die Raubbande, in deren Gewalt die arme kleine Margareth sich abhärmte, um ein furchtbares Mitglied vermindert wußte.

»Wollte Gott, Deine Genossen lägen an Deiner Seite, murmelte ich zähneknirschend, und dann wendete ich dem todten Comanche den Rücken.

»Wir hatten in den letzten Tagen vielfach gegen Noth zu kämpfen gehabt, indem wir unsere Büchsen nicht auf Wild abzufeuern wagten und vorzugsweise von Wurzeln und zur nächtlichen Stunde gefangenen Fischen lebten. Aber als ob sich mein Haß auch auf den von dem Indianer erlegten Hirsch ausgedehnt hätte, schritt ich an demselben vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

»Das gedämpfte Jauchzen drang wieder aus der Ferne zu mir herüber und brachte mich zu dem Bewußtsein meiner gefährlichen Lage. Ich antwortete in derselben Weise, wie ich kurz vorher von dem Indianer gehört hatte, und dann beflügelte ich meine Schritte, um zu meinen Gefährten zu stoßen. Die Entdeckung meiner That war unvermeidlich, daß begriff ich sehr wohl, sie konnte sogar schon in der nächsten halben Stunde stattfinden; es blieb mir daher nur die einzige Wahl: die Comanches in ihrem Lager zu überfallen, bevor die Kunde von dem Tode eines der Ihrigen sie erreichte. Daß sie aber noch nicht aufgebrochen waren, unterlag kaum einem Zweifel, weil sich annehmen ließ, daß sie die Heimkehr der beiden ausgesendeten Kundschafter oder Jäger abwarteten.

Meine Gefährten traf ich auf der verabredeten Stelle in höchster Spannung; sie hatten das Jauchzen vernommen und schon für mich gefürchtet. Um so mehr überraschte und erfreute es sie daher, als sie mich nicht nur wohlbehalten vor sich sahen, sondern auch den Bericht meiner jüngsten Erlebnisse hörten.

Unsere Berathung war kurz; ohne Säumen bestiegen wir die Pferde, um einen möglichst großen Vorsprung vor dem Kundschafter zu gewinnen, den wir, nachdem er seinen erschlagenen Gefährten gefunden, am meisten zu fürchten hatten. Waren wir selbst doch gezwungen, den Umweg bis an den Neoscho zurückzulegen und die Windungen von dessen Thal zu halten, während er in geradester Richtung über die von allen Hemmnissen freie Prairie forteilte. Ehe wir indessen aufbrachen, stieß ich, um den feindlichen Jäger zu täuschen, noch einmal das indianische Gellen aus, und dann drangen wir unaufhaltsam, immer quer durch die uns vielfach hindernden Gebüsche.

Der Neoscho war bald erreicht, und zu unserer freudigen Ueberraschung fanden wir unter den sein Thal bedeckenden hohen Waldbäumen günstigen Boden für die Hufe unserer Pferde. Wir gelangten schnell vorwärts, und wohl fünf Meilen legten wir mit unverminderter Hast zurück, bis wir daran dachten, nach der Stellung unserer Feinde zu forschen. Wir kannten ja einigermaßen die Richtung, in welcher wir sie zu suchen hatten.

Kaum eine halbe Meile von dieser Stelle war es, wo wir unsere schäumenden Thiere anhielten und ich durch das hohe Gras des Thales bis zum obersten Rande der Prairie hinaufkroch, auf welchem mir eine weite Aussicht über die Ebene offen stand. Behutsam schob ich meinen Kopf über den Rand hinaus, und ich glaubte vor Schreck erstarren zu müssen, als ich das Lager der Comanches in der Entfernung von einer viertel Meile vor mir sah.

Augenscheinlich der größeren Sicherheit wegen hatten sie ihr Lager, anstatt unten im Thale, oben auf der Prairie aufgeschlagen, wo eine Gruppe verkrüppelter Eichen ihnen Schutz gegen die sengenden Strahlen der Sonne gewährte. Ich hatte erwartet, in weiter Ferne nur die Pferde zu sehen, die im Allgemeinen das kurze Gras der Höhen den saftreicheren, jedoch weniger schmackhaften langen Halmen der Niederungen vorziehen; statt dessen erblickte ich die ganze Raubbande in solcher Nähe, daß wenn ich sie angerufen hätte, der Ton meiner Stimme bis zu ihr durchgedrungen wäre. Meine krankhafte erste Aufregung verwandelte sich alsbald in kalte Ueberlegung, denn nicht genug damit, das Lager ausgekundschaftet zu haben, kam es jetzt vorzugsweise darauf an, die Bodengestaltung sorgfältig zu prüfen und einen Angriffsplan zu entwerfen, von dem sich ein glücklicher Ausgang erwarten ließ.

»In dem feindlichen Lager schien man sich rücksichtslos einem Gefühl der Sicherheit hinzugeben, denn die wilden Gestalten lagen nachlässig umher, ihre nackten Körper wollüstig den glühenden Sonnenstrahlen preisgebend. Nahe bei ihnen sendete ein kleines Feuer kaum bemerkbare Rauchwölkchen empor. Dasselbe war vernachlässigt, wahrscheinlich weil man in nächster Zeit aufzubrechen gedachte und nur noch auf das Eintreffen der beiden abwesenden Krieger harrte. Ihre Pferde weideten eine kurze Strecke abwärts, dieselben waren gesattelt und bepackt, so daß der Aufbruch noch in derselben Minute mit dem dazu gegebenen Zeichen erfolgen konnte. Auch den grauen Mustang erkannte ich, das liebe, gute Thier; es bewegte sich so frei und harmlos unter seinen Genossen, als ob durchaus nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei und es sich auf dem besten nur denkbaren Wege befinde. O, ich hätte dem armen unschuldigen Burschen eine Kugel durch den Kopf jagen mögen für seine Fühllosigkeit.

»Ja, dies Alles sah ich mit ruhigem, kaltem Blute; das aber, wonach ich am schärfsten spähte, entdeckte ich erst zuletzt, als ich die Hoffnung, es zu finden, bereits aufzugeben begann.

»Auf der andern Seite der Baumgruppe bemerkte ich eine leichte Bewegung, und als ich länger darauf hinstarrte, trennten sich allmählich die Formen zweier menschlichen Gestalten von dem niedrigen Gestrüpp, welches sie in geringeren und größeren Zwischenräumen umgab.

»Ja, ich starrte darauf hin, bis ich glaubte, daß meine Augen erblinden müßten; mein Herz aber zog sich krampfhaft zusammen vor unnennbarem Weh, während meine Zähne sich knirschend auf einander reibend, und meine Finger sich vor ohnmächtiger Wuth in die feuchten Wurzeln des Rasens eingruben.

»Ich sah einen hell schimmernden Strohhut, wie ihn die Mexicaner zu tragen pflegen; ich sah eine hellfarbige Decke, die nach mexicanischer Sitte von den Schultern eines mittelgroßen Mannes niederhing, und »Tomaso Urbano« stöhnte ich in mich hinein, indem ich Thränen des giftigsten Rachedurstes in meine Augen dringen fühlte.

Ich spähte weiter und sah eine zusammengekauerte Gestalt fast zu den Füßen des Mannes, der mit lebhafter Geberde zu derselben sprach. Die Gestalt verhielt sich regungslos, sie schien das Haupt auf die Hände zu stützen und ohne Empfindung gegen die an sie gerichteten Worte zu sein.

Ha! Wer war es, wer konnte es nur sein?« rief der Fallensteller schmerzerfüllt aus, indem er seine zitternden Hände zum Himmel emporhob; »wer anders konnte es sein, als die arme kleine Margareth, die dort vor ihrem Peiniger saß und vielleicht schon den Tod für sich herbei wünschte, weil sie an meiner Treue zweifelte, weil sie es aufgegeben hatte, daß es mir gelingen würde, sie aus ihrer entsetzlichen Lage zu retten! Arme kleine Margareth! Wie Dein Anblick mir das Herz zerriß und zerfleischte; wie selbst mein Rachedurst, mein Haß verstummte Angesichts der Leiden, die Du erduldetest. Arme kleine Margareth, ich sah Dich nicht lange, denn Thränen verschleierten meine Augen, und ich bat den lieben Gott, daß er uns vereint möge sterben lassen, und hätte mein Gebet Erhörung gefunden, ohne Haß und Groll gegen meine Feinde wäre ich in jener Stunde hinüber gegangen, ja, so sehr liebte ich Dich, Du gute, Du treue, Du herzige Margareth!«

Die letzten Worte des Fallenstellers waren wieder leiser geworden, bis sie endlich in ein kaum vernehmbares Flüstern endigten. Die zitternden Hände lagen auf seinen Knien, und matt und schwer ruhte das greise Haupt auf der breiten, knochigen Brust.

Sein Geist wanderte wieder in den unendlichen Räumen der Vergangenheit; wie damals, vor beinahe einem halben Jahrhundert, war auch jetzt jede Spur von Gehässigkeit von ihm gewichen; er kannte nur noch den Schmerz und die Trauer um die verlorene Geliebte.

VII.

Wohl zehn Minuten verstrichen in tiefem Schweigen. Wäre der siebenzigjährige Greis ein Jüngling in der Blüthe seiner Kraft gewesen, der verzweiflungsvoll die unersetzlichen Verluste beklagte, die er erst am vorhergehenden Tage erlitten, die Theilnahme seiner Zuhörer hätte nicht inniger, nicht tiefer, nicht achtungsvoller sein können.

Es war bereits um Mitternacht. Hoch oben am Himmel zog der Mond auf seiner ewigen Bahn einher, ähnlich einer getrübten Sonne die Landschaft ringsum matt erhellend. Gedämpft erschallte das endlose Rasseln der Locustgrillen, deren tönende Trommelfellchen durch den fallenden Thau ihren schmetternden Klang verloren hatten, gedämpft, wie die den kriegerischen Marsch regelnden Instrumente, wenn sie einen Kameraden auf seinem letzten Wege zur stillen Gruft begleiten. Glühwürmer krochen in unzähliger Menge im feuchten Grase umher, jeder einzelne seine Umgebung in geringem Umkreise mit phosphorischem Feuer milde beleuchtend, als ob die Sterne, deren Glanz das Mondlicht verdrängte, sich träumerisch auf die Erde gesenkt hätten.

Nach einer Weile blickte der Fallensteller wieder empor. Seine Augen wanderten langsam über das Thal des Neoscho, bis sie endlich an den dasselbe begrenzenden Hügeln haften blieben.

»Wie der Mond so hell scheint«, hob er an, »ist's doch, als wollte er mir noch einmal alle jene Punkte zeigen, auf welchen einst – doch warum greife ich in meiner Erzählung vor? Früh genug werde ich den Abschnitt meines Lebens berühren, der meine Seele tödtete und nichts zurückließ, als eine elende Hülle, die einzig und allein dem Gram zur Wohnung angewiesen wurde.

»Als ich von dem Abhange zurückschlich, von welchem aus ich in das feindliche Lager gespäht hatte, überblickte ich von der Höhe herab noch einmal das Thal des Neoscho, und ebenso schnell hatte ich auch einen Plan zum Angriff entworfen, der, wenn nicht besondere Umstände gegen uns waren, kaum fehlschlagen konnte.

»Nach wenigen Minuten befand ich mich wieder bei meinen Gefährten. Was ich entdeckt und erfahren hatte, mochte auf meinem Gesicht ausgedrückt sein, denn anstatt Fragen an mich zu richten, nahmen sie stumm meine Anweisungen entgegen; doch bemerkte ich, daß ihre Blicke zuweilen mit seltsamer Theilnahme auf mir ruhten, als ob sie mich zugleich bedauert und, meiner eisigen Ruhe wegen, bewundert, fast gefürchtet hätten. Ja, ich war ruhig, aber in meiner Brust loderte ein heller Brand und vor meinen Augen flimmerte rauchendes warmes Blut. Es waren meine Brüder und Nachbarn, die sich bei mir befanden, allein hätte Einer von Ihnen Einsprache gegen meine Anordnungen erhoben, ich weiß nicht wessen ich fähig gewesen wäre. Betrachtete ich doch jedes überflüssig gesprochene Wort als einen Zeitverlust, der durch nichts in der Welt, ersetzt oder eingeholt werden konnte.

Bald nach meinem Eintreffen standen unsere Pferde, gesattelt und bepackt wie sie waren, im Neoscho auf einer seichten Stelle, und zwar so gefesselt und versichert, daß sie das Gras vom Uferrande abzunagen, sich indessen in keiner andern Weise zu rühren vermochten. Nachdem wir darauf unsere Waffen noch einmal geprüft, Messer und Beile so in die Gürtel geschoben hatten, daß sie zur Hand waren, stiegen wir in den Strom hinab. Bei seinem seichten Sande übertönte das Sprudeln der Fluthen das von uns erzeugte Geräusch; wir bewegten uns daher mit aller nur möglichen Hast auf dem durch Buschwerk und hohe Bäume geschützten und überdachten Wege stromaufwärts.

Trotz der Umwege, zu welchen uns die Windungen des Flusses zwangen, war noch keine Viertelstunde entflohen, als wir uns der Stelle näherten, auf welcher nach meiner Berechnung unsere Feinde den Neoscho durchschreiten mußten.

Dort konnten sie uns nicht mehr entgehen, selbst dann nicht, wenn sie, durch den heimkehrenden Jäger gewarnt, sich sogleich zur Flucht wendeten.

Doch es war, als ob sich Alles verschworen gehabt hätte, uns das gewagte Unternehmen zu erschweren. Wir waren nämlich nur durch eine halbe Flußwindung von dem Punkte getrennt, der durch die wandernden Bisonheerden in eine erträgliche bequeme Furt verwandelt worden war – Ihr könnt die Stelle von hier aus deutlich dort drüben an den hohen Platanen erkennen, deren Wipfel der Mond so weiß beleuchtet, – als ich, scharf durch das Unterholz spähend, zwei lange Geierfedern bemerkte, welche der leise Wind in träge schwankender Bewegung erhielt. Daß dieselben mittelst feiner Riemen nur auf dem Skalpwirbel eines indianischen Kriegers befestigt sein konnten, begriff ich eben so schnell, und meine Hand rückwärts emporhebend, brachte ich meine Gefährten augenblicklich zum Stehen. Behutsam schob ich mich ganz nach dem Ufer hinauf, und meine weiteren Forschungen ergaben, daß einer der wilden Räuber sich behaglich auf dem Uferrande niedergelassen hatte und regungslos eine Angelschnur beobachtete, die von seiner Faust nach einer tieferen Stelle des Stromes niederreichte. Zu unserm Glück gereichte, daß die Büffel beim Durchschreiten des Flusses und durch Wälzen in demselben die freie Strömung gehemmt hatten, so daß die gestauten Fluten nicht nur eine günstige Angelstelle boten, sondern sich auch rauschend und gurgelnd ihren Weg zwischen den vielen Hindernissen hindurchsuchten. Schwerlich wäre es uns sonst möglich gewesen, unentdeckt so nahe an den Angler heranzukommen. Jetzt aber, da wir um seine Anwesenheit wußten, war die größte Gefahr abgewendet, indem wir unsere weiteren Bewegungen bei vergrößerter Behutsamkeit leicht hinter das Rauschen des Wassers gleichsam zu verbergen vermochten. Ueber die zunächst zu beobachtende Handlungsweise einigten wir uns, ohne ein Wort zu wechseln; wenige Blicke und Zeichen genügten, uns zu verständigen, über den sorglosen Angler aber das Todesurtheil zu sprechen.

»Niemand versuchte es, mir den gefährlichsten Theil des Unternehmens streitig zu machen – man kannte mich ja zu genau – und da ich mich bereits auf dem Ufer befand, wäre jeder fernere Tausch nur sträflicher Zeitverlust gewesen. Wie bei meinem ersten Zusammentreffen mit den Räubern, ließ ich auch jetzt meine Büchse zurück; nur mit Messer und Beil bewaffnet schlich ich in geradester Richtung auf den Comanche zu, sorgfältig darauf achtend, daß ich hinter ihn gelangte. Wohl kreiste mein Blut fieberhaft, indem ich meine Blicke fest auf mein Opfer gerichtet hielt, da ich aber meine ungetheilte geistige Kraft, meine ganze körperliche Gewandtheit aufbot und vereinigte, unentdeckt zu bleiben, so hätte keine Schlange geräuschloser einherkriechen können, als ich, indem ich mich zwischen Gestrüpp und Ranken hindurchwand. O, wie segnete ich in jenen verhängnißvollen Minuten das Rauschen des Wassers und selbst die Bestien, die durch ihre eigentümlichen Gewohnheiten die erste Veranlassung zu demselben gegeben hatten; wie aber segnete ich meine eigene Gelenkigkeit, denn als ich kaum fünf Schritte weit hinter dem wilden Krieger unter einer Gruppe breitblätteriger Pflanzen liegen blieb, da starrte derselbe noch immer gerade so regungslos vor sich nieder, wie er gethan hatte, als ich ihn zuerst bemerkte; nur die beiden Geierfedern schwankten und wiegten sich leise, als hätten sie mir das Ziel bezeichnen wollen, auf welches ich meine Waffe zu senken habe.

»Wohl eine Minute verrann; das Wasser rauschte und gurgelte, und auf meiner Stirn perlte kalter Schweiß. Da neigte der Indianer sich plötzlich vorn über. Mein ältester Bruder, der sich unter dem Schutze des ausgehöhlten Ufers leise bis auf wenige Schritte herangeschlichen hatte, lenkte, gemäß unserer Verabredung, durch lauteres Plätschern des Indianers Aufmerksamkeit auf sich, ohne selbst sichtbar zu werden.

»Lauter wiederholte sich das Plätschern, und weiter neigte sich der Comanche nach vorne, wobei er, wie von einem unbestimmten Argwohn ergriffen, mechanisch das Kriegsbeil aus seinem Gurt zog.

Leise erhob ich mich; des Comanche Aufmerksamkeit war zu sehr durch das Plätschern in Anspruch genommen, um auf das zu achten, was hinter ihm vorging; und als er erst den Fall meiner Füße vernahm, indem ich auf ihn zusprang, da war es zu spät für ihn, noch eine Bewegung zu seiner Rettung auszuführen.

Wohl versuchte er, emporzuspringen, allein es geschah nur, um mit seinem Haupte der Schneide meines mit vollster Gewalt geschwungenen Beils zu begegnen, und im nächsten Augenblick sank er schwerfällig über das Ufer in den Neoscho hinab, dessen Fluthen seinen letzten Todesschrei erstickten.

Ich hatte ihm den Schädel gespalten; weithin röthete sein Blut die abwärts eilenden Wellen.

Das wäre der Zweite, sagte ich triumphirend, als meine Gefährten Einer hinter dem Andern in meinen Gesichtskreis schlichen. Ja, triumphirend sagte ich es, denn nachdem mir zweimal hinter einander ein so gewagter Angriff geglückt war, glaubte ich den günstigen Ausgang unseres Unternehmens nicht mehr bezweifeln zu dürfen.

Meine Gefährten, über welche ich nunmehr eine unumschränkte Gewalt ausübte, sahen bewundernd zu mir empor.

's ist Einer weniger dort oben, antworteten die treuen Burschen, und aus ihren Augen leuchtete eine wilde Kampfeslust, als ob der Anblick des frischen Blutes einen bezaubernden Einfluß auf sie ausgeübt hätte. War ich selbst doch wie berauscht, und hätte ich in jenem Augenblick meinen Gedanken nur eine andere Richtung zu geben vermocht, würde mir gewiß die Grausamkeit erklärlich gewesen sein, mit welcher die wilden Steppenkrieger oftmals ihre noch nicht völlig todten Feinde verstümmeln.

's ist Einer weniger dort oben, wiederholte ich ruhig, und wir müßten keine echten Grenzbewohner sein, sollte auch nur Einer von ihnen mit dem Leben davon kommen. Die Comanches für Euch, Tomaso Urbano für mich, fügte ich hinzu, und dann traf ich meine Anordnungen so ruhig, als ob ich mich daheim auf dem gelichteten Acker meines Vaters befunden hätte. Ja, 's war seltsam, so lange ich Margareth nicht sah, oder, um klar urtheilen zu können, sie gleichsam mit Gewalt aus meinen Gedanken verbannte, war ich ein Anderer und Gott weiß es, gewiß kein besserer Mensch.

Nachdem wir uns, ohne den erschlagenen, größtentheils von den Fluthen bedeckten Indianer auch nur eines Blickes zu würdigen, auf dem Ufer zusammengefunden hatten, trennten wir uns wieder von einander, um, eine möglichst lange Kette bildend, das feindliche Lager von mindestens drei Seiten einzuschließen. Ich selbst nahm die Mitte; die Andern dagegen vertheilten sich so, daß ich auf jeder Seite zwei von ihnen hatte. Entfernungen von siebenzig bis hundert Ellen trennten uns von einander, doch geschickte Schützen, wie wir waren, wurde dadurch Keinem die Möglichkeit geraubt, seinen Mann, noch bevor man die Nähe der Gefahr ahnte, niederzustrecken.

»Als wir aus dem Schutze der Stromeinfassung traten, befanden sich die Wipfel der Baumgruppe, unter welcher die Comanches lagerten, in unserm Gesichtskreise. Ständen die Bäume noch, würden wir sie von dieser Stelle aus sehen können; sie waren aber wohl den Stürmen und den Prairiebränden zu sehr ausgesetzt dort oben, und beide haben sich vereinigt, sie zu tödten und endlich ihre letzten Spuren ganz zu vernichten. Damals dienten die grünen Wipfel dazu, uns in unsern Bewegungen zu lenken und zu bestimmen. Jeder wählte daher seine Richtung, je nachdem ihm dieselbe mit Rücksicht auf die Einschnitte in den Hügelabhängen am vorteilhaftesten erschien, und vollen Laufes stürmten wir bis an den Fuß der Hügelreihe heran. Nachdem wir so lange gezögert, wie nothwendig war, uns zu überzeugen, daß wir unentdeckt geblieben, begannen wir die Abhänge schnell, jedoch geräuschlos zu ersteigen, um gleichzeitig auf der Höhe einzutreffen. Mein Plan war nämlich, die ersten fünf Schüsse von unserm Hinterhalte aus abzugeben, die darauf folgende Verwirrung zum Laden unserer Büchsen zu benutzen, und dann erst offen aufzutreten, und Jeden, der sich in Margareths Nähe wagen würde, niederzuschießen.

»Alles schien unsern Erwartungen entsprechen zu sollen, und es machte sich bei dem Gedanken, daß ich Margareth bald wieder in meine Arme schließen würde, wieder ein Gefühl der Milde, der Versöhnung in meiner Brust geltend; doch wer vermöchte den Wandlungen eines tückischen Geschickes vorzugreifen oder sie auch nur zu ahnen? Hahaha! Was sind wir Sterbliche gegenüber einem unbegreiflichen, mächtigen Willen? Und dennoch sollen wir uns, ob bis in die Seele hinein qualvoll getroffen, oder erhoben bis auf den höchsten Gipfel irdischer Glückseligkeit, in Demuth und Dankbarkeit beugen? Pah! Giebt es noch Schlimmeres, das mir widerfahren könnte? Haha –!«

Das letzte höhnische Lachen, welches den mit wilder Verzweiflung ausgestoßenen Worten folgte, verstummte plötzlich, und ein heftiger Schauder, wie ihn wohl die meisten Zuhörer bei dem unheimlichen Wesen des Greises empfunden haben mögen, erschütterte sichtbar des Fallenstellers zähe und doch wieder so hinfällige Gestalt. Er fühlte augenscheinlich, daß er in seiner Erzählung bis dahin gelangt war, wo es seine ungetheilten geistigen Kräfte erforderte, seine äußere Ruhe nur einigermaßen zu bewahren. Denn längere Zeit währte es, bevor er sein bleiches, im Mondlicht geisterhaft schimmerndes Antlitz wieder erhob und mit eisiger, fast beängstigender Kälte, obwohl seiner Stimme eine gewisse Innigkeit nicht fehlte, fortfuhr:

»Herr, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe; und habe ich gegen Dich gefrevelt, so vergieb mir um der namenlosen Qualen willen, die ich erduldet. Und Qualen waren es, die zu ertragen mir auferlegt wurde, und die dann erst ihren eigentlichen Anfang nahmen, als wir fast den Rand der Prairie erreicht hatten.

»Ja, kaum zwölf Fuß hatte ich noch aufwärts zurückzulegen, um meine Blicke in das feindliche Lager zu werfen, als ein aus der Ferne zu mir herüberdringendes Gellen eines einzelnen Mannes mir das Blut in den Adern erstarren machte.

»Der Späher ist eingetroffen und verkündet das Geschick seines Gefährten, sagte ich mir, von namenlosem Ersetzen erfüllt, und im Fluge überwand ich die letzte Strecke des Abhanges. Ebenso hatten sich meine Gefährten beeilt, möglichst bald den Eindruck kennen zu lernen, welchen die Botschaft des Jägers auf seine Genossen ausüben würde.

»Wir armen Verblendeten! Wie fanden wir uns getäuscht! Als ob die Comanches, die den herbei eilenden Jäger auf der ununterbrochenen Ebene längst wahrgenommen haben mußten, dessen Eintreffen ruhig in ihrem Lager abgewartet, oder auf dessen weithin erkennbare Warnungszeichen uns noch Zeit zum Angriff gelassen hätten? Zwar hatten sie mit ihrem Aufbruch gezögert, indem sie nicht wußten, nach welcher Richtung sie sich zu wenden haben würden, allein zu ihren Pferden waren sie hingeeilt, die sie theils schon bestiegen hatten, theils zu besteigen im Begriff waren. Sogar die arme Margareth saß bereits im Sattel, auf welchen sie von den Schändlichen offenbar mit Gewalt gehoben worden war, und neben ihr hielt auf seinem mexicanischen Renner, die Zügel des grauen Mustangs in der Faust, Tomaso Urbano, mein Todfeind.

»Dies war der erste Anblick, der sich mir bot, als ich meine Augen in gleiche Linie mit dem obersten Rande der Prairie brachte. Obwohl an achtzig Ellen weit von der Stelle, auf welcher er gelagert hatte, hielt der ganze Trupp doch noch in dem Bereiche unserer Kugeln. Daß der erste von uns abgefeuerte Schuß aber das Signal zur wilden Flucht sein würde, begriff Jeder von uns; nicht minder sahen wir ein, daß wir mit unsern ermatteten und abgetriebenen Thieren, die außerdem erst herbeigeschafft werden mußten, ebenso leicht eine südwärts eilende Wandertaube eingeholt hätten, als die ausgesuchten Renner der Comanches. Meine Hoffnung beruhte daher allein darauf, daß die Räuber, nachdem ihnen die Kunde von der Unsicherheit ihrer Lage geworden, die Flucht in ihrer alten Richtung fortsetzen würden, in welchem Falle sie gerade in unsere Hände gestürmt wären.

Wir hatten es indessen mit keinen gewöhnlichen Feinden zu thun; denn anstatt blindlings das Weite zu suchen, verharrte die ganze Bande, die sich, nunmehr auch noch der leeren Pferde der beiden Erschlagenen bemächtigt hatte, regungslos auf derselben Stelle und, obwohl mißtrauisch umherspähend, doch die Geberden des sich vollen Laufs nähernden Jägers überwachend.

Als derselbe endlich bis auf etwa vierhundert Ellen herangekommen war, wiederholte er in einer mir unverständlichen Weise seine Warnung; um so verständlicher waren mir dafür seine Armbewegungen, indem er nordwärts deutete, als nach der Richtung, in welcher nur noch Rettung zu finden sei. Der Hund, nicht zufrieden damit, den erschlagenen Genossen gefunden zu haben, hatte, um im Lager berichten zu können, von welcher Seite her die Gefahr drohe, uns eine Strecke nachgespürt, wodurch unser Angriffsplan natürlich umgeworfen wurde.

Die Wirkung dieser Mittheilungen war fast augenblicklich, denn es trennte sich alsbald ein Reiter, der ein gesatteltes Pferd an der Hand führte, von dem Trupp und ritt in gestrecktem Galopp dem Späher entgegen, um ihn möglichst bald beritten zu machen, während die übrigen acht oder neun Krieger, Tomaso und die arme Margareth an der Spitze, sich gegen Norden langsamer in Bewegung setzten.

Sie befanden sich mir gerade gegenüber, wie sie auch vor den beiden links von mir lauernden Gefährten in der Entfernung von etwa zweihundert Ellen vorüber mußten. Die rechts von mir aufgestellten Gefährten verloren dagegen mit jedem Schritt immer mehr die Möglichkeit, bei dem bevorstehenden kurzen Kampfe thätlich einzugreifen.

Alles verloren! keuchte ich verzweiflungsvoll, während ich Thränen des Jammers und der Wuth in meine Augen dringen fühlte. Doch keine Secunde dauerte diese Regung, die, wie ein glühendes Messer, meinen Körper durchzuckte. Im nächsten Augenblicke kniete ich oben auf der Prairie, und nachdem ich mit aller Kraft das Wort »Feuer« ausgerufen, hob ich meine Büchse empor, mit wahrer Todesangst auf die Wirkung der Schüsse meiner Freunde harrend, um dann erst mein Opfer zu erspähen. Ich befürchtete nämlich, daß derselbe Comanche von zwei Kugeln getroffen werden könne, was eine unersetzliche Vergeudung der uns zu Gebote stehenden Streitmittel gewesen wäre.

Die nächsten beiden Secunden, während welcher die Comanches ihre Pferde im Galopp setzten, erschienen mir endlos, und im Herzen der Saumseligkeit meines Bruders und des jüngsten Haller fluchend, stand ich schon im Begriff, mein Ziel zu wählen, als ein Schuß von rechts zu mir herüberkrachte und gleichzeitig der hinterste Comanche kopfüber von Pferde sank und im Fallen sich dergestalt in seinen Lasso verwickelte, daß er von dem erschreckt seitwärts davonstürmenden Pferde nachgeschleift wurde. Trotz der dadurch entstandenen Verwirrung und des wilden Kriegsgeheuls der Flüchtlinge, knallte meines Bruders Büchse, noch bevor der Dampf von der Mündung von des jungen Hallers Gewehr gewichen war, und ein zweiter Krieger rollte mit seinem tödtlich getroffenen Pferde in einen Haufen zusammen.

Jetzt war meine Zeit gekommen. Meine Absicht, Tomaso niederzuschießen, mußte ich indessen aufgeben, indem der hinterlistige Schurke seinen Körper beständig so durch der armen, und wie ich jetzt erst sah, gefesselten Margareth Gestalt zu decken wußte, daß ein Angriff auf ihn auch von den größten Gefahren für das arme Kind begleitet gewesen wäre; aber einen Krieger, der ebenfalls eine Büchse trug, nahm ich zum Ziel, einen Krieger, der mir der Häuptling und zugleich der Gefährlichste der Bande zu sein schien. Als es knallte, warf er seine Augen hoch empor, ohne seinen Sitz zu verlieren; doch nur wenige Sprünge machte sein Pferd, bis es merkte, daß sein Reiter die Gewalt über es verloren hatte, worauf es die Last abschüttelte und ebenfalls, von panischer Furcht ergriffen, in entgegengesetzter Richtung davonstürzte.

Tomaso's Pferd! Tomaso's Pferd! schrie ich darauf den links von mir verborgenen Schützen zu. Margareth! Margareth, ich komm. Suche Dein Pferd zu halten! fügte ich auf dem Gipfel meines Entsetzens laut und durchdringend hinzu. Was ich weiter noch hätte ausrufen mögen, wurde durch den vierten Schuß abgeschnitten, der abermals einen Krieger vom Pferde warf, und wie gebannt und zu Stein erstarrt beobachtete ich athemlos, welche Wirkung der letzte augenblicklich zu unserer Verfügung stehende Schuß haben würde.

Das Pferd, das Pferd; wenn es stürzt, ist Margareth gerettet! Meine Seligkeit für den Tod des unglückseligen Pferdes! drängte es sich röchelnd über meine trockenen Lippen. An das Laden meines Gewehres dachte ich nicht mehr; ich hatte nur Sinne für Tomaso's edles Roß, an dessen Seite der graue Mustang lustig einhersprengte, für die Regenschlucht dort drüben, der sich Beide mit rufender Schnelligkeit näherten, und endlich für den älteren von Hallers Söhnen, der aufgerichtet dastand und mit der Mündung seiner angelegten Büchse den Bewegungen der beiden Thiere folgte.

»Die Indianer mochten beim Anblick des jungen Haller und den rasch auf einander folgenden Schüssen glauben, daß das ganze Thal des Neoscho mit sicheren Schützen besetzt sei, denn ohne an Verteidigung zu denken zerstreuten sie sich nach allen Richtungen über die Ebene. Nur Tomaso, wahrscheinlich den Kräften seines eigenen Pferdes und der Gewandtheit des grauen Mustangs vertrauend, suchte auf dem näheren, dafür aber um so gefährlicheren Wege den Neoscho zwischen sich und seine Verfolger zu legen. Ha! Der Verräther! Er wußte, daß, einmal auf der andern Seite des Flusses auf der Ebene, er für uns unerreichbar sein würde. Vielleicht rechnete er auch darauf, daß wir, aus Besorgniß, Margareth zu treffen, ihm keine Kugel nachsenden würden. Ich bin sogar überzeugt, wäre der nächste Abhang ins Thal hinab nicht so steil gewesen, er hätte versucht, mitten zwischen uns durchzubrechen. In der Regenschlucht dagegen – heute ist sie freilich bis zur Unkenntlichkeit niedergewaschen – stand ihm ein verhältnißmäßig bequemer Weg zum Flusse hinab offen, wenn die erste Abstufung auch nur von sehr sicheren und gewandten Pferden in schleuniger Flucht überwunden werden konnte.

»Dieser Schlucht also näherte sich Tomaso mit rasender Eile; nur noch wenige Sekunden, und er mußte in derselben verschwinden, um nach einigen Minuten erst weit hinter uns im Thale wieder zum Vorschein zu kommen, wo er sicher vor uns war. Denn wer hätte wagen mögen, auf größere Entfernung auf ihn zu schießen, solange die arme Margareth sich hart an seiner Seite befand?

»Margareth, Margareth, wirf Dich vom Pferde! versuchte ich dem lieben Mädchen nachzurufen, allein der Ton meiner Stimme erreichte sie nicht, sie war zu heiser. Vielleicht habe ich auch gar nicht gerufen; wer weiß es? Hätte Margareth aber meine Worte vernommen, so würde sie nicht im Stande gewesen sein, denselben Folge zu leisten, denn sie war ja grausam gefesselt, das arme Kind.

»Am Rande der Schlucht angekommen, setzte Tomaso's edler Renner sogleich zum Sprunge an, während der graue Mustang vor der Tiefe zurückprallte, aber dennoch durch Tomaso mit hinabgerissen wurde. Diesen Augenblick nun hatte der junge Haller erspäht. Die Büchse krachte, die beiden Pferde aber, als seien sie unberührt geblieben, verschwanden in weitem Bogen hinter dem Uferrande.

Fluch Deiner Ungeschicklichkeit! schrie ich jetzt von wilder Verzweiflung ergriffen dem nach meiner Ueberzeugung unglücklichen Schützen zu, und gleichzeitig stürmten wir vollen Laufs der Mündung der Schlucht zu, um dem Räuber meiner Seligkeit den Weg zu verlegen.

Elender Wicht, der ich war, indem ich glaubte, mit meinen schwachen Kräften nicht nur die flinken Pferde einholen, sondern sogar einen Vorsprung vor ihnen gewinnen zu können! O, wo bleibt die Gnade Gottes, wenn sie duldet, daß unschuldige Menschen....«

Die letzten Worte des Greises waren immer hastiger und gepreßter geworden, bis sie endlich mit einem verzweiflungsvollen, hohl klingenden Lachen abschlossen. Sein Gesicht nahm einen leichenhaften Ausdruck an, und indem das Haupt sich neigte, die eben noch krampfhaft geschlossenen Fäuste sich matt öffneten, gewann es den Anschein, als ob plötzlich die letzte Probe von Lebenskraft aus der morschen irdischen Hülle gewichen sei, der Athem nur noch ersterbend die eingeengte Brust gehoben und gesenkt habe.

Niemand sprach ein Wort; tief erschüttert blickten Alle auf die gebeugte Greisengestalt, und lange dauerte es, bis dieselbe wieder Zeichen von zurückkehrendem klarem Bewußtsein gab.

Als der Fallensteller endlich wieder emporschaute, erschrak ich fast über den Ausdruck kalter Theilnahmlosigkeit, der sich über das tiefgefurchte Antlitz ausgebreitet hatte. Schien es doch, als wäre dasselbe versteinert gewesen, als hätten die eingesunkenen Augen die Sehkraft verloren gehabt. Einem solchen Ausdrucke entsprach auch der klanglose Ton seiner Stimme, als er, augenscheinlich mit großer Anstrengung, fortfuhr:

»Ich befand mich wohl noch gegen hundert Ellen weit von der Schluchtmündung entfernt, während zwei meiner Gefährten dieselbe beinahe erreicht hatten, als Margareths Stimme aus dem oberen Theile der Schlucht laut und durchdringend zu uns herüberschallte. Es war ein Schmerzensschrei, den sie ausstieß; auch meinen Namen rief sie, derselbe erstarb aber auf ihren Lippen.

Margareth, ich komme! antwortete ich von Todesangst ergriffen, und gleich meinen Gefährten stürzte ich vollen Laufs der Stelle zu, von woher der Hülferuf zu uns herübergedrungen war.

Die Hälfte der Entfernung hatten wir kaum zurückgelegt, als ich zu meinem neuen Entsetzen den grauen Mustang gewahrte, wie derselbe weiter oberhalb sich kräftig nach der gegenüber liegenden steilen Uferwand hinaufarbeitete und dann schleunigst das Weite suchte. Aber nicht Margareth saß auf seinem Rücken, sondern Tomaso Urbano, der, wie uns verhöhnend, seinen Strohhut um's Haupt schwang.

Eine grauenvolle Ahnung durchzuckte mich bei diesem Anblick; meine Knie wankten, meine Arme erlahmten, und um nicht hinter meinen Gefährten zurückzubleiben, war ich gezwungen, meine Büchse von mir zu werfen.

Keuchend erreichten wir die verhängnißvolle Stelle; unbekümmert um die eigene Sicherheit und die uns in der Ferne noch immer umschwärmenden Wilden, stürzten wir in die Schlucht hinab, und vor uns sahen wir eine Scene, über die der Himmel hätte vor Jammer zusammenbrechen mögen.

Dicht vor uns lag in den letzten Todeszuckungen Tomaso's Renner, welchen des jungen Hallers Kugel in's Herz getroffen hatte – wenige Schritte weiter saß Margareth zusammengekauert auf dem von Blut gerötheten Rasen. Ihre gefalteten und noch immer gefesselten Hände hatte sie weit von sich gestreckt; ihr Haupt ruhte auf den Armen und den emporgezogenen Knien. Sie schien zu schlafen, die gute, kleine Margareth, und sie schlief auch, sie schlief, um nie, nie wieder zu erwachen, nie wieder ihre treuen Augen zu öffnen, um mir, wie sie so oft gethan, in unwandelbarer Liebe zuzulächeln.

In ihrer noch lebenswarmen Brust steckte Tomaso's Messer. Um sich meiner Rache zu entziehen und den ihm nicht bestimmten Schatz keinem Andern zufallen zu lassen, hatte der Feigling das liebe, unschuldige Kind, seine eigene Verwandte, einen Engel an Tugend und Schönheit, erbarmungslos gemordet.

O, der Verbrecher, dem tausendfacher Fluch bis in die Ewigkeit hinein nachfolgen möge, er wählte ein sicheres Mittel, uns von weiterem Nachsetzen abzuhalten! Aber einen Schwur leistete ich, einen Schwur, indem ich meine Hand auf das theure Haupt meiner gemordeten Margareth legte, einen Schwur, ernst und furchtbar – und ich habe ihn gehalten, treu und redlich, mögen auch Jahre darüber hingegangen sein, bevor es mir gelang, ihn zu lösen. –

Arme kleine Margareth, mein Jammer war zu groß, als daß ich bei Deinem Anblick hätte weinen können. Ich liebkoste Deine zarten Wangen, ich tändelte mit Deinen Locken und küßte Deine lieben Hände, als ob Du es noch gefühlt hättest. Ich sprach zu Dir, wie zu einer Lebenden, und als dann endlich meine Brüder und Freunde mich baten, von meinem seltsamen, sie beängstigenden Treiben abzulassen, da war es Nacht. Ich verstand sie nicht; ich sprach zu dem Monde, der hell vom Himmel niederstrahlte, ich sprach zu den funkelnden Sternen, zu den Bäumen, zu dem duftenden Rasen, und ängstlich fragte ich das leise Rauschen des Windes, wann meine arme Margareth erwachen würde. Als meine Gefährten mich dann wieder baten, zu mir selbst zu kommen, da sandte die Sonne ihre glühenden Strahlen über Wald und Prairie hin, ich aber hielt noch immer die kleine Margareth in meinen Armen.

»Hast Du Deinen Racheschwur vergessen? fragte mich endlich mein Bruder, als alles Flehen und alle Vorstellungen nicht fruchteten und ich unausgesetzt zu der geliebten Leiche wie zu einer Lebenden sprach.

»Es war ein hartes Mittel, welches mein Bruder wählte, zugleich aber ein wirksames, denn kaum hatte ich das Wort Rache vernommen, als ich erschreckt emporfuhr und sogleich zum vollen Bewußtsein der Gegenwart gelangte.

»Ja, meine Rache! wiederholte ich heftig, indem ich emporsprang, sie soll gerächt werden, wie nur je ein unschuldig geopfertes Menschenleben gerächt wurde! Dann aber möge Gott mir nur die einzige Gnade gewähren und die schreckliche, unerträgliche Lebenslast von meinen Schultern nehmen.

»Darauf weinte ich bitterlich über meiner armen Margareth, ich weinte, bis der Mond wieder am Himmel stand und das bewaldete Thal des Neoscho, gerade wie heute, friedlich beleuchtete. Dann aber wies ich den mich übermannenden Schmerz in seine Schranken zurück; ruhig und gefaßt erhob ich mich, und mich zu meinen treuen Gefährten wendend, ertheilte ich ihnen nach alter Weise meine Anordnungen.

»Zwei von ihnen ließ ich als Wache bei der theuren Todten zurück; die andern Beiden forderte ich auf, mir zu folgen. Sie begleiteten mich nach der Eiche hin, unter welcher Ihr mich fandet, und dort, im traulichen Schatten des ehrwürdigen Baumes gruben und scharrten wir mit unsern Aexten, Messern und Händen die ganze Nacht hindurch. Als das Frühroth durch die ersten Sonnenstrahlen verdrängt wurde, war das Grab fertig, in welches mein einziges Lebensglück, meine arme Margareth, zur ewigen Ruhe gebettet werden sollte. Grausig, feindlich starrte mir die schwarze Oeffnung entgegen, grausig und kalt, daß ich den Anblick nicht zu ertragen vermochte. Ich wendete mich ab und schweigend folgten meine Freunde mir auf die Wiese nach. Dort pflückten wir Blumen, die schönsten, die zu finden waren, und nur solche wählten wir aus, auf welchen der liebliche Morgensonnenschein die glitzernden Thautropfen liebkoste. Die Thautropfen betrachtete ich als Thränen, den Sonnenschein als Lebenswärme, und in Blumen, Thränen und Lebenswärme wollte ich meine arme Margareth betten, daß sie sanft ruhe und die Erde sie nicht drücke. Und als der holde Engel dann endlich still und friedlich tief unten in kühler Erde lag, die lieben treuen Augen geschlossen, die Hände auf dem todeskalten Herzen gefaltet, da stützte ich Zweige und Aeste über sie hin, so daß sie unberührt blieb, und auf das festgeflochtene Gerüst legte ich grüne Blätter und Blumen, bis sie eine für Sand und Erde undurchdringliche Schicht bildeten, und das theure Antlitz, die ganze liebliche Gestalt frei blieb und nicht eingeengt wurde. Ruhigen und tröstlicheren Gedanken hingegeben, füllte ich sodann den leeren Raum mit Erde aus, dieselbe sorgfältig mit Steinen und Zweigen durchschießend, um das einsame Grab gegen die Angriffe der unvernünftigen Bestien zu sichern. Und den Hügel glättete ich, und mit meinem Messer schnitt ich Rasenstücke los, die ich über den Hügel dicht neben einander schichtete, daß sich das Grab ausnahm, wie die Grüfte, die ich einst in dem Städtchen auf dem Friedhofe gesehen. Zu Füßen aber pflanzte ich ein junges Bäumchen, und mit heißen Thränen befeuchtete ich seine Wurzeln, den lieben Gott aus tiefstem Herzensgrunde bittend, daß er dem schwanken Reis ein glückliches Gedeihen schenken möge, zu Ehren meiner armen todten Margareth. Als ich damit fertig war, entfernte ich die Rinde von dem alten Eichenstamm, der die Lage ihres Hauptes bezeichnete, und in das harte Holz meißelte ich mühsam das, was Ihr mit Euern Augen gesehen und gelesen habt, damit, wenn Jemand zufällig seinen Weg dorthin finden sollte, er von Ehrfurcht vor den Todten erfüllt werden möge und zurückschrecke, die heilige Stätte zu entweihen. Daß ich lange genug leben würde, die Rinde zum zweiten Male entfernen zu müssen, ahnte ich damals nicht; ich konnte es nicht ahnen; zu innig hoffte ich, bald mit meiner unvergeßlichen Margareth vereinigt zu werden.

»Das ist also meine Geschichte und die Geschichte Derjenigen, die dort drüben unter der Eiche schlummert,« fuhr der Fallensteller nach einer längeren Pause trüben Sinnes mit unbeschreiblich trauriger Milde fort; »ein freundliches Geschick lenkte meine Schritte, daß ich rechtzeitig eintraf, um das Fällen der alten Eiche zu verhindern. Ich hörte weit oben am Yellow-Stone-Fluß, daß man mit der Besiedelung des Neoscho begonnen habe, und beeilte mich, hierher zu kommen, um, wenn es noch nicht zu spät sei, das einsame Grab vor Vernichtung zu bewahren. Ich handelte recht; denn ich gehe fort von hier beruhigt über das Einzige, was mir bisher noch recht oft bittere Sorgen bereitete.«

Der alte Hooker nickte bei diesen Worten zustimmend und drückte des Fallenstellers Hand mit Wärme. Dieser aber, nachdem er für das stumme und doch so beredte Versprechen durch ein wehmüthiges Lächeln gedankt, hob von Neuem an:

»Mancherlei könnte ich noch erzählen; ich könnte erzählen, wie ich meine Brüder und Gefährten bis an den Missouri zurückbegleitete und mich dort heimlich von ihnen trennte, um fortan einsam den wilden Westen zu durchstreifen; ich könnte erzählen, wie die Jahre an mir vorüber rollten, ohne daß ich je Sehnsucht nach meiner alten Heimat, meinen tiefbekümmerten Eltern oder dem Verkehr mit anderen Menschen empfunden hätte; ich könnte schildern, wie die Einsamkeit mir endlich zum Bedürfnis wurde und der Anblick weißer Menschen mir fast Scheu einflößte. Ich könnte aber auch Kunde geben von einer blutigen That, von dem wilden Hohne, mit welchem ein seines Lebensglückes schändlich beraubter Jäger, nach vielen Jahren vergeblichen Suchens dem unter seinen Händen sterbenden Räuber seines Glückes den Namen Margareth Urbano in's Ohr schrie, und von dem hellen, jedoch bald ersterbenden Triumph, mit welchem derselbe Jäger vor vielen Wintern eine schwarzgelockte Kopfhaut auf das zum stattlichen Baume herangewachsene Bäumchen nagelte. Ja, das Alles könnte ich ausführlich erzählen, allein was kümmern Euch diese Begebenheiten? Und warum sollte ich die Bilder, die meinem Geiste augenblicklich so lieblich, so tröstlich vorschweben, durch Schilderungen von Thaten verscheuchen, welche die arme Margareth nie gut geheißen hätte? Ach, und dann bin ich auch so müde, so unendlich müde, daß ich schlafen möchte bis in die Ewigkeit hinein. Ja, ja, 's ist schon das Rathsamste, wir gönnen dem Körper sein Recht und suchen einige Stunden der Ruhe. Die schärfste Axt schneidet schlecht unter matten Fäusten, und nach dem Stande des Mondes zu schließen, kann es nicht mehr lange vor Tagesanbruch sein. Gute Nacht daher zu Euch Allen, und zürnt nicht einem alten gebrechlichen Manne, daß er Euch so lange wachhielt.«

Bei den letzten Worten erhob sich der Greis mit schnellen, kräftigen Bewegungen, und ohne auf das theilnahmvolle Gemurmel zu achten, welches durch den Kreis seiner Zuhörer lief, begab er sich nach der abgesonderten Stelle hin, auf welcher er sein aus einer Decke und einer Bisonhaut bestehendes Bett auseinander gerollt hatte. –

Niemand störte ihn in seinem Beginnen, noch wurde ihm Beistand angeboten, als er seinen Sattel als Kopfkissen für sich zurechtschob und sich demnächst hinstreckte. Es war, als ob Jeder gefühlt hätte, daß der fremde Gast den seinem Geiste vorschwebenden Bildern ungestört nachzuhängen wünschte. Eine gewisse achtungsvolle Scheu, seinen eigenthümlichen Ideengang zu unterbrechen, erfüllte Alle. Es äußerte sich dies unverkennbar in der Geräuschlosigkeit, mit welcher der weibliche Theil unserer Gesellschaft sich zurückzog, in der gedämpften Unterhaltung, zu welcher die jüngeren Leute um den alten Hooker zusammenrückten, und in der kaum hörbaren Weise, in der dann endlich auch diese ihre harten Lagerstätten aufsuchten, nachdem eine, den Beifall jedes Einzelnen erhaltende Verabredung getroffen worden war.

Trotz einer leichten Abspannung des Körpers gelang es mir nicht, die Augen zu einem wirklich kräftigenden Schlafe zu schließen. Bald war es die holde Margareth, von der ich mir ein Bild zu schaffen suchte, bald wieder der greise Fallensteller, der, ein Jüngling im Vollgenuß üppigster Jugendkraft, vor meiner aufgeregten Phantasie auftauchte.

Sechsundvierzig Jahre! Welch lange Zeit, und dennoch wie kurz für Denjenigen, dem in der Vergangenheit sich nur ein einziger kurzer Lichtpunkt bietet, an welchen die Seele, alles Uebrige vergessend, sich gleichsam krampfhaft anklammert!

Sechsundvierzig Jahre! Ein Sonnenstäubchen im unendlichen Raume der Zeiten! Eine Ewigkeit im Menschenleben, wenn sie gleichbedeutend mit banger Hoffnung und Erwartung. Die Ereignisse einer Secunde entscheiden über die Geschicke der Sterblichen und ihrer Werke; nur die Natur ist unwandelbar in ihrem nach streng vorgeschriebenen Gesetzen wiederkehrenden Wechsel. Sinnend betrachtete ich von meinem Lager aus den Mond. Wie vor sechsundvierzig Jahren, so beleuchtete er auch heute zauberisch die liebliche, in sommerliches Halbdunkel gehüllte Waldlandschaft. Nur spärlich drängten sich an dem tiefblauen Himmel die kleiner erscheinenden Weltkörper hervor; vereinzelte Meteore mit flüchtiger Leuchtkraft schienen zwischen den verschiedenen Sternbildern vermitteln zu wollen. Mit ungeschwächtem Eifer, jedoch dumpfer rasselten die unermüdlichen Locustgrillen zu dem wetterverkündenden Gesang der Laubfrösche. Wie fernes Grabgeläute ertönte der melancholische Ruf der Unken. Das Gekläffe der Prairiewölfe war verstummt; sie rasteten nach einer vergeblichen, anstrengenden Jagd, oder hüteten neidisch die letzten Reste ihrer Beute. In den Wipfeln der Bäume säuselte leise der aufspringende Morgenwind. –

Die Sonne hatte sich noch nicht über die östlichen Waldstreifen erhoben, da erschallte bereits in der Nachbarschaft des einsamen Grabes der luftige Schlag von scharfen Doppelhieben. Knarren, Krachen und ächzendes Zersplittern gesellten sich gelegentlich zu dieser Lieblingsmusik des westlichen Farmers; dagegen vermißte man die geräuschvollen Scherzreden und Jubelausbrüche, welche die schwere Arbeit des Holzfällens gewissermaßen erleichtern.

Der greife Fallensteller schlief noch immer; die vorhergegangene geistige Aufregung schien seine körperlichen Kräfte in erhöhtem Grade erschöpft zu haben. Er schlief noch, als wir von unserer ersten Morgenarbeit in's Lager zurückkehrten und uns um die dampfenden Schüsseln und Kessel reihten, die von der rüstigen Hausfrau und ihren anmuthigen Töchtern für uns bereit gehalten wurden.

Wir hatten unser Frühmahl beinahe beendigt, als der Fallensteller erwachte und sich zu uns gesellte. Erstaunt betrachtete ich den Greis; die Hinfälligkeit, welche ich vor wenigen Stunden an ihm bemerkt zu haben glaubte, war verschwunden; seine Haltung war aufrecht und verrieth eine außergewöhnliche Zähigkeit des alten ausgewetterten Körpers. Sein Gesicht war ernst und verschlossen, jedoch nicht menschenfeindlich; im Gegentheil, es sprach ein hoher Grad von Herzensgüte aus demselben. Aber auch die Redseligkeit der verflossenen Nacht war von ihm gewichen; kaum daß er mit dürren Worten auf die an ihn gerichteten Fragen anwortete. Die fieberhafte Aufregung, der er beim Anblick des bedrohten Grabes seiner Jugendliebe anheimgefallen war, hatte sich geebnet; er war wieder der menschenscheue Einsiedler der Wüste, als welcher er beinah ein halbes Jahrhundert ununterbrochen- und ungestört gelebt hatte.

Niemand versuchte, die Stimmung des seltsamen Greises zu beeinflussen, und in fast drückender Stille wurde das Mahl beendigt.

Dann aber, als er nach seinem Pferde verlangte und sich reisefertig zu machen begann, wiederholten Hooker und dessen Gattin ihre dringenden Einladungen, länger an ihrem Heerde zu verweilen.

Freundlich, wenn auch entschieden, lehnte der Greis die Einladungen ab. »Ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen,« sagte er milde, »auch duldet's mich nicht lange auf derselben Stelle. Nur noch einen Blick auf die alte Eiche will ich werfen, und im Herzen beruhigt ziehe ich von dannen.«

Im Tone seiner Stimme lag eine solche Unerschütterlichkeit, daß Keiner mehr Einsprache zu erheben wagte. Dagegen suchten Alle ihren Gefühlen dadurch Ausdruck zu geben, daß sie ihm bei seinen Vorbereitungen, hülfreiche Hand leisteten.

Nach Verlauf einer halben Stunde und nachdem der Fallensteller Abschied von den Frauen genommen, wanderten wir gemeinschaftlich mit ihm nach der Grabstätte hinüber. Hookers jüngster Sohn führte den mit Lebensmitteln reich beladenen Mustang bis an den Rand des bewaldeten Hügels, wo er der Rückkehr des Greises harrte.

Langsam drängten wir uns durch das Gebüsch, und gespannt hingen alle Blicke an dem Fallensteller, der an der Spitze des Zuges schritt.

Als wir in der Nähe der Eiche eintrafen, blieb der Fallensteller plötzlich überrascht stehen; aber es war eine freudige Ueberraschung, die er verrieth. Dann die Büchse vor sich niederstellend, faltete er die Hände über der Mündung derselben, während seine Blicke immer und immer wieder die ihm so theure Stätte überflogen, als ob er sich hätte überzeugen wollen, daß seine Augen ihn nicht täuschten.

Die Eiche mit der Grabschrift und der Nußbaum standen zwar noch unangetastet da, allein der Raum zwischen Beiden war von Gestrüpp sorgfältig gesäubert worden. Ueber der armen Margareth aber, deren Lage nach den Schilderungen des Greises leicht festzustellen gewesen, erhob sich ein regelmäßig aufgeworfener Grabhügel, zu welchem man den Rasen aus der Nachbarschaft herbeigeholt hatte. Eine Einfriedigung von frisch gespaltenen Zaunriegeln, nach westlichem Gebrauch fest, wenn auch wenig künstlerisch zusammengefügt, umgab den Grabhügel in einer Weise, daß noch eine zweite Gruft neben der ersten innerhalb des geschützten Raumes gegraben werden konnte. Die verwitterte Inschrift schmückte ein Kranz von Eichenlaub.

»Ich hab's mir gedacht,« sagte der Fallensteller freundlich, jedoch ohne sich nach uns umzuschauen, »ja, ich hab's mir gedacht; daß es aber so bald geschehen würde, hätte ich nicht geglaubt.«

Dann schritt er dicht an die Einfriedigung heran, und die Arme und das Haupt schwer auf dieselbe lehnend, starrte er lange auf den frischen Hügel nieder.

Wohl fünf Minuten verstrichen in lautlosem Schweigen. Als der Fallensteller sich uns wieder zuwendete, waren seine Augen geröthet und Thränen zitterten in seinem weißen Bart.

»Ihr habt einem alten Manne eine rechte Herzensfreude bereitet,« hob er an, uns der Reihe nach zum Abschied die Hand reichend, »Ihr habt es nicht gethan, um Dank dafür einzuernten, und so danke ich Euch denn auch nicht weiter. So viel aber sage ich Euch, ich möchte wohl, daß es mir beschieden wäre, mein müdes Haupt einst auf die leere Stelle hier an ihrer Seite legen zu dürfen.«

»Und wollt Ihr nicht –« fragte Hooker jetzt mit treuherzigem Eifer.

»Nein, nein, die Zeit der Ruhe ist für mich noch nicht gekommen,« fiel der Fallensteller dem Farmer in's Wort, indem er die Hand, wie abwehrend, erhob, »es mögen noch Jahre hingehen, bevor ich mein Ende herannahen fühle, und wer kann wissen, wo mich's dann gerade trifft. Und hier darauf warten? O, ich sagte ja schon, ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen.«

So sprechend kehrte er sich um, die nächste zu seinem Pferde führende Richtung einschlagend.

Wir folgten ihm bis an den Rand der Prairie nach. Wir sahen ihn seinen Mustang besteigen, wir sahen ihn noch eine Strecke im Thale des Neoscho reiten, aber nach uns blickte er kein einziges Mal zurück. Gesenkten Hauptes, die Büchse quer vor sich auf dem Sattel, verfolgte er seinen Weg.

Bald darauf krachten wieder wuchtige Axthiebe auf der zur Anlage der Farm bestimmten Anhöhe, und knarrend und ächzend senkten sich die von ihren Wurzeln getrennten Stämme. Eine solchem Beginnen entsprechende heitere Stimmung wollte indessen lange nicht in der sonst so munteren Gesellschaft zum Durchbruch kommen. Es war fast, als hätten wir einen lange gekannten, verehrten und geliebten Todten zur Erde bestattet und noch immer unter der Nachwirkung der vor der offenen Gruft empfangenen wehmüthigen Eindrücke gestanden.

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