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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Werner oder Das Erbe

George Gordon Noël Byron: Werner oder Das Erbe - Kapitel 8
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typedrama
authorGeorge Byron
titleWerner oder Das Erbe
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfter Act.

Erster Auftritt.

Großer und prächtiger gothischer Saal auf Burg Siegendorf, geschmückt mit Trophäen, Fahnen und Waffen der Familie. Arnheim und Meister, Dienstleute des Grafen von Siegendorf, treten auf.

Arnheim. Macht schnell! Der Graf kommt gleich zurück. Die Damen,
Sind schon am Thor. Habt nach dem Manne, den
Er sucht, Ihr Boten ausgesandt?

Meister. Ich that's
In jeder Richtung über Prag hinaus,
So weit des Mannes Kleidung und Gestalt
Nach Eurer Schild'rung zu erspähen war.
Der Henker hol' die Aufzug' und Bankete!
Den ganzen Spaß davon hat der Beschauer
– Wenn Spaß dabei! – wir aber sicher nicht,
Die sich zur Schau gestellt.

Arnheim. Die Gräfin kommt!
Paß auf!

Meister. Ich wollte lieber Tage lang
Auf einer abgetrieb'nen Mähre jagen,
Als in dem Schweife eines großen Herrn
Bei solchen Possen gehn.

Arnheim. Mach' daß du fort-
Kommst und schimpf' drin! (Beide ab.)

Gräfin Josephine von Siegendorf und Ida von Strahlenheim treten auf.

Josephine. Jawol, dem Himmel sei
Gedankt, daß dieses Schaugepräng' vorbei!

Ida. Wie kannst du so was sagen! Niemals träumt'
Ich größ're Herrlichkeit! Das grüne Laub,
Die Blumen, Fahnen, Edelleute, Ritter,
Juwelen, Federhüte und Costüme,
Die glücklichen Gesichter und die Rosse,
Der Weihrauch und die Sonne, die durch die
Gemalten Fenster brach, die Gräber selbst,
Die so in Frieden lagen, und die Hymnen,
Die eher von des Himmels Blau herab
Zu rauschen schienen als empor zu steigen,
Der Orgel Schall, der wie harmon'scher Donner
Von Oben kam, die weißen Festgewänder,
Die Blicke, die nach Oben sahn, die Welt
In Frieden und die Menschen alle auch!
O theure Mutter! (Umarmt Josephine.)

Josephine. Mein geliebtes Kind!
Denn das, so hoff' ich, wirst du bald jetzt sein.

Ida. Ich bin es schon! Fühl', wie das Herz mir schlägt.

Josephine. Ja, ja, es schlägt, mein Kind! Mög's niemals pochen
Um ein betrübter Ding!

Ida. Das soll es nicht.
Wie könnt' es auch? Was könnt' uns Kummer machen?
Ich lieb' es nicht, von Gram auch nur zu hören.
Wie können wir auch traurig sein, da Eins
Das Andere so innig liebt? Ihr und
Der Graf und Ulrich und auch Eure Ida!

Josephine. Du armes Kind!

Ida. Beklagst du mich?

Josephine. Nein, ich
Beneide dich; und zwar in Schmerz, nicht in
Dem Sinn, in dem dies allgemeine Laster
– Wenn eines allgemeiner sein kann als
Ein anderes – die Welt versteht.

Ida. Ich will
Kein Wort vernehmen gegen eine Welt,
Die Euch und meinen Ulrich noch enthält.
Saht je Ihr etwas, das ihm ähnlich war?
Wie ragte er aus Allen heut' empor!
Wie folgten alle Blicke ihm! die Blumen
Ergossen schneller sich, sie regneten
Aus jedem Gitter fast ihm zu und wie
Mich dünkte, dichter als den andern Allen,
Und wo er schritt, da möcht' ich schwören, wachsen
Sie weiter noch und werden niemals welken.

Josephine. Du wirst ihn ganz verderben, Schmeichlerin
Wenn er dich hört.

Ida. Das aber wird er nie!
Ich wage nicht, zu ihm so viel zu sagen.
Ich fürchte ihn.

Josephine. Warum? Er liebt dich doch.

Ida. Und dennoch kann ich, was ich von ihm denke,
In Worten nie so deutlich an ihn richten,
Und überdies: er macht mir manchmal Angst.

Josephine. Wie so?

Ida. 'S geht über seine blauen Augen
Oft plötzlich eine Wolke hin; doch sagt
Er nichts.

Josephine. O das macht nichts! Den Männern allen,
Besonders in den jetz'gen trüben Zeiten,
kommt oft so Manches, was zu denken gibt.

Ida. Und ich kann gar nichts denken als nur ihn.

Josephine. Doch gibt's noch andre Männer, die die Welt
Für ebenso vortrefflich hält. Zum Beispiel
Der Graf von Walddorf, jener junge Mann,
Der kaum das Auge von dir ließ.

Ida. Ich sah ihn nicht, sah Ulrich nur. Bemerktet
Ihr nicht, wie ich geweint, da Alle knieten?
So dicht und warm die Thränen mir da flossen.
Glaubt' ich gesehn er lächle sanft mir zu.

Josephine. Ich sah den Himmel nur, nach dem mein Auge
Gerichtet war, wie alles Volkes Blick.

Ida. Auch ich dacht' den Himmel, doch ich sah
Auf Ulrich nur.

Josephine. Komm jetzt! laß uns hinein!
Sie werden bald zu dem Banket erscheinen.
Wir wollen uns der schwanken Federhüte
Entledigen der schweren Kleiderschleppen.

Ida. Vor Allem diese drückenden Juwelen,
die auf der Stirne mir, im Gürtel funkeln
Und mir nur Kopf- und banges Herzweh machen.

Graf Siegendorf kommt im Festkleid von den Feierlichkeiten, mit ihm Ludwig.

Siegendorf. Man hat ihn nicht entdeckt?

Ludwig. Man sucht mit Eifer
Und überall nach ihm. Wenn er in Prag
Sich noch verweilt, wird man ihn sicher finden.

Siegendorf. Wo ist mein Sohn?

Ludwig. Er schlug den andern Weg
Mit ein'gen jungen Edelleuten ein;
Doch er verließ sie bald und irr' ich nicht,
Vernahm ich eben erst, wie der Herr Graf
Durch's Westthor galopirte mit Gefolg,

Ulrich, reich gekleidet, tritt auf.

Siegendorf (zu Ludwig). Sieh' zu, daß man nicht aufhört, nach dem Mann,

Den ich beschrieb, zu fahn. (Ludwig ab.) O Ulrich, wie
Hab' heut' ich mich nach dir gesehnt!

Ulrich. Dein Wunsch
Ist nun erfüllt, du siehst mich hier.

Siegendorf. Ich sah
Den Mörder heut'.

Ulrich. Wen? wo?

Siegendorf. Den Ungar, der
Den Strahlenheim erschlug.

Ulrich. Du träumst.

Siegendorf. Ich leb',
Und wie ich lebe, sah ich, hört' ich ihn.
Er wagte es, bei Namen mich zu nennen.

Ulrich. Bei welchem?

Siegendorf. Werner, der war mein!

Ulrich. Er soll
Es nicht mehr sein, vergesse ihn!

Siegendorf. Nie, nie!
Mein ganz Geschick ist mit dem Wort verwebt;
Es wird dereinst nicht auf mein Grab gesetzt,
Doch mag es sein, daß mich's dahin noch bringt.

Ulrich. Zur Sache – jener Ungar –?

Siegendorf. Hör'! Die Kirche
War voll von Volk. Man sang die Friedenshymne
Te Deum! scholl von Völkern mehr als Chöre
In einem großen Ruf: Gelobt sei Gott
Für einen Friedenstag nach dreißig Jahren
Wovon eins blut'ger als das andre war!
Als mit den andern Edeln ich mich nun
Erhob und von der Galerie, die reich
Mit unsern Wappen war geschmückt und Fahnen,
Auf die Gesichter sah, die aufwärts schauten,
Da wie ein Blitz – denn einen Augenblick
Nur sah ich nicht hin, nicht mehr – taucht Etwas auf
Was blind mich macht' für jedes andre Ding;
Des Ungarn Antlitz! Mir vergehn die Sinne.
Und wie ich aus dem Nebel wieder zu
Mir kam, der meinen Geist umfing, und wieder
Hinunterschau', erblick' ich ihn nicht mehr.
Der Gottesdienst war aus, wir kehrten heim
Im Zug.

Ulrich. Mach fort!

Siegendorf. Als wir die Moldaubrücke
Erreicht und oben froh die Menge wogte,
Zahllose Barken unten, reich bemannt
Mit frohem Volk im bunten Festgewande,
Durch schimmernde Gewässer schossen hin,
Konnt' weder dies noch die geschmückte Straße,
Der lange Zug, die schmetternde Musik,
Der ferne Donner schwerer Artillerie,
Die jetzt ein Lebewohl zu sagen schien
Dem alten Werk, die wehenden Standarten,
Das Stampfen, Summen dieser Tausende,
Dies Alles, Alles konnte nicht das Bild
Des dunkeln Manns aus meiner Seele scheuchen,
Wenn er auch meinen Sinnen faßbar nicht
Mehr war.

Ulrich. So sahst du nicht mehr ihn?

Siegendorf. Ich sah
Mich um nach ihm, wie nur ein sterbender
Soldat nach einem Trunke Wassers schaut.
Doch sah ich ihn nicht mehr, wol aber –

Ulrich. Nun?

Siegendorf. Mein Auge fiel auf deines Helmbuschs Wallen;
Als höchster auf dem höchsten schönsten Haupt
Ragt' er empor aus diesem Federnstrome,
Der sich durch alle Straßen Prags ergoß –

Ulrich. Und was ist's mit dem Ungarn nun?

Siegendorf. Ich hatte
Fast über meinem Sohn ihn schon vergessen,
Doch als die Artill'rie nun schwieg und die
Musik verstummte und die Menge bald
Zum Jauchzen überging, da hörte ich,
Wie eine tiefe Stimm', die aber stärker
Und schneidender mir in die Ohren drang
Als der Kanonan Schall, den Namen Werner –

Ulrich. Wer sprach's?

Siegendorf. Er, er! Ich wandte mich und sah,
Und fiel in Ohnmacht.

Ulrich. Und weshalb? Sah man
Dich dort?

Siegendorf. Der Leute vielgeschäft'ge Sorgfalt,
Die meine Ohnmacht sahn, doch ihren Grund
Nicht ahnten, brachte mich hinweg. Auch du
Warst zu entfernt im Zug – da man die Alten
Von ihren Kindern ja geschieden hatte –
Um Beistand mir zu leisten.

Ulrich. Aber jetzt
Vermag ich's wol.

Siegendorf. Bei was?

Ulrich. Beim Suchen nach
Dem Menschen oder – sprich! was soll mit ihm
Geschehn, wenn er gefunden ist?

Siegendorf. Das weiß
Ich nicht.

Ulrich. Weshalb dann suchen?

Siegendorf. Weil ich nicht
Mehr ruhen kann, bis er gefunden ist:
Sein Schicksal, Strahlenheims und unsres scheint
Verwoben tief und nicht entwirrbar, bis –

Ein Diener tritt auf.

Diener. Ein fremder Herr möcht' Eure Erlaucht sprechen.

Siegendorf. Wer ist's?

Diener. Er sagte keinen Namen.

Siegendorf. Laß
Ihn gleichwol ein. (Der Diener führt Gabor ein und geht).
Ah!

Gabor. Also Werner doch!

Siegendorf (vornehm). Derselbe, den als solchen Ihr gekannt.
Und Ihr?

Gabor (sieht sich um). Ja, ich erkenn' euch beide wieder:
Den Vater, wie es scheint, und Sohn. – Ich hörte,
Daß Ihr nach mir gefahndet, Graf. Nun bin
Ich hier.

Siegendorf. Ich suchte Euch, und fand Euch – ja!
Ihr seid – und Euer Herz wird es Euch sagen,
Weshalb? – so schrecklichen Verbrechens an-
geklagt daß ich – (Hält inne.)

Gabor. Sprecht Euch nur aus, und dann
Werd' ich die Folgen auf mich nehmen.

Siegendorf. Ja.
Das sollt' Ihr auch.

Gabor. Zuerst – wer klagt mich an?

Siegendorf. Euch? Alle Dinge, wenn nicht alle Leute,
Die allgemeine Stimme und mein eigen
Zugegensein an Ort und Stell' – die Zeit –
Der kleinste Umstand selbst trägt dazu bei,
Die That Euch beizumessen –

Gabor. Und nur mir?
Bedenkt's, eh' Ihr mir Antwort gebt. Ist denn
Kein andrer Namen noch bei diesem Werk
Befleckt?

Siegendorf. Armsel'ger Bösewicht! Was spielst
Du so mit deiner Schuld? Von allen Menschen
Kennst du die Unschuld Dessen wol am besten,
Auf den du blut'gen Schimpf jetzt hauchen möchtst.
Doch länger red' ich nicht mit einem Schuft,
Nicht länger als Gerechtigkeit es heischt.
Antwortet jetzt geradezu und ohne
Daß Ihr mit Worten spielt, auf meine Anklag'.

Gabor. Sie ist nicht wahr!

Siegendorf. Wer sagt das?

Gabor. Ich!

Siegendorf. Wie wollt
Ihr sie entkräften?

Gabor. Durch den Mörder selbst.

Siegendorf. So nennet ihn!

Gabor. Verschiedne Namen führt
Er wol. Auch Ihr, Herr Graf, habt's einst gethan.

Siegendorf. Wenn mich Ihr meint, so kann ich Trotz Euch bieten.

Gabor. Das könnet Ihr in aller Ruh'. Ich kenn'
Den Mörder wohl.

Siegendorf. Wo ist er?

Gabor (deutet auf Ulrich). Neben Euch.

(Ulrich stürzt auf Gabor los, Siegendorf tritt dazwischen.)

Siegendorf. Du lügnerischer Teufel! Doch man soll
Dich hier nicht tödten. Diese Mauern sind
Noch mein, in ihnen bist du sicher.
(Wendet sich gegen Ulrich). Ulrich!
Weis' die Verleumdung nur zurück wie ich.
Wol lautet sie so ungeheuerlich,
Daß aus der Hölle nur sie stammen kann.
Doch bleibe kalt, sie widerlegt sich selbst.
Berühr' ihn nicht. (Ulrich ist bemüht, sich zu fassen.)

Gabor. Seht ihn nur an, Herr Graf!
Und dann hört mich.

Siegendorf (der sich zuerst gegen Gabor wendet, blickt dann auf Ulrich).
Ich höre dich. – Mein Gott!
Du siehst ja –

Ulrich. Wie?

Siegendorf. Wie in der Schreckensnacht,
Da wir im Garten uns getroffen.

Ulrich. Es
Ist nichts.

Gabor. Ihr müßt mich hören, Graf. Ich kam
Hierher, nicht weil ich Euch, nein! weil Ihr mich
Gesucht. Als unterm Volk dort in der Kirche
Ich niederkniete, dacht' ich nicht, den Werner,
Den armen Mann im Sitz der Senatoren,
Der Fürsten zu erblicken. Doch Ihr rieft
Mich und wir haben uns getroffen.

Siegendorf. Weiter!

Gabor. Eh' ich es thu', erlaubt mir, daß ich frage:
Wer hat durchs Ende Strahlenheims gewonnen?
War ich es, der so arm ist wie zuvor,
Ja mehr, da meinen Namen traf Verdacht?
Bei seinem letzten Unglück büßte der
Baron nicht Edelsteine ein, noch Gold,
Nur auf sein Leben war es abgesehn,
Ein Leben, das vor Andrer Anspruch stand
Auf Rang und Güter, die fast fürstlich sind.

Siegendorf. 'Ne leere schwankende Verdächtigung,
Die ebenso auf mich wie meinen Sohn
Kann gehn!

Gabor. Ich kann's nicht anders machen. Doch
Die Folgen mögen Den von uns nur drücken,
Der selbst sich schuldig fühlt. Ich sprech' zu Euch,
Graf Siegendorf, weil Eure Unschuld mir
Bekannt und weil ich für gerecht Euch halte.
Doch eh' ich weiter rede, sagt: wagt Ihr's
Mich zu beschützen? wagt Ihr zu befehlen,
Daß fort ich fahren soll?

(Siegendorf sieht erst auf den Ungar und dann auf Ulrich, der seinen Säbel abgeschnallt hat und mit demselben Linien auf dem Boden zieht, doch ihn noch in der Scheide haltend.)

Ulrich. (sieht auf seinen Vater). Laß ihn nur reden.

Gabor. Graf, ich bin waffenlos, laßt Euern Sohn
Den Säbel niederlegen.

Ulrich. (bietet ihm denselben mit Verachtung hin). Nehmt ihn, da!

Gabor. Nein! es genügt, wenn unbewehrt wir beide,
Ich möchte keine Waffe an mich nehmen,
Die mit noch andrem Blut befleckt sein kann
Als dem der Schlacht.

Ulrich. (wirft mit Verachtung den Säbel hin). Die oder eine solche
Verschonte Euer Leben, als es mir
Einst wehrlos preisgegeben war.

Gabor. Wahr! Ich
Vergaß es nicht. Ihr spartet damals mich
Für Eure eig'nen Zwecke auf, damit
Ich eine Schuld, die nicht die meine, trüg'.

Ulrich. Fahrt fort. Das Märchen, sicherlich! ist des
Erzählens werth. Doch darf's mein Vater wol
Anhören ferner noch?

Siegendorf (faßt ihn bei der Hand). Mein Sohn! ich weiß,
Daß schuldlos ich und zweifle nicht an dir,
Doch hab' Geduld ich diesem Mann gelobt.
Er fahre fort.

Gabor. Ich will Euch damit, daß
Ich von mir selbst viel rede, nicht ermüden.
Früh' trat ich in das Leben ein und ward,
Wozu die Welt mich schuf. In Frankfurt an
Der Oder, wo ich einen Winter still
Verbracht, hört' ich im letzten Februar
An Orten öffentlicher Lustbarkeit,
Die ich zuweilen, doch nicht oft besuchte,
Ein seltsam Ding. Ein Truppendetachement,
Vom Staat entsendet, hatte eben sich
Nach starkem Widerstande einer Schaar
Verzweifelter bemächtigt, die man erst
Für feindliche, entlauf'ne Plünd'rer hielt;
Die aber, wie sich bald herausgestellt,
Vielmehr Banditen waren, die der Zufall,
Vielleicht auch wol ein größer Unternehmen
Von ihrem Sitz, wo sie gewöhnlich hausten,
Den Wäldern, die um Böhmen her sich ziehn,
Bis in die Lausitz hatte fortgeführt.
Es hieß, vornehme Herren seien drunter
Und damals schlief das Kriegsgesetz noch sehr.
Sie wurden endlich außer Lands geschafft
Und unter das Gericht der freien Stadt
Frankfurt gestellt. Von ihrem weitern Schicksal
Vernahm ich nichts.

Siegendorf. Was geht dies Ulrich an?

Gabor. Es hieß, daß unter ihnen sich ein Mann
Von seltener Begabung fand: Geburt,
Vermögen, Jugend, Kraft und eine Schönheit,
Die fast so unvergleichlich wie sein Muth,
Maß ihm die öffentliche Stimme bei;
Und seine Macht, nicht über die ihm zu-
Gesellten blos, nein! seine Richter selbst
Ward zauberischen Kräften zugeschrieben.
So war sein Einfluß. Aber Zauberkräfte
Trau' Niemand ich als nur dem Golde zu.
Ich hielt ihn drum für reich. Doch trieb mich mehr
Als ein Grund an, dies Wunder aufzusuchen,
Sei es auch nur, um es mir anzuschaun.

Siegendorf. Und es gelang?

Gabor. Ihr sollt es sogleich hören.
Der Zufall war mir hold: es setzte Händel
Und eine Menge Volks strömt' nach dem Markt.
Von jenen Fällen war es einer, wo
Der Leute Seelen frei aus ihnen schaun
Und so sich geben, wie sie sind, selbst im
Gesicht. In diesem Augenblicke traf
Mein Auge seins. Ich rief: das ist der Mann!
Obschon er damals sich wie später auch
Im Kreis der Edeln jener Stadt befand.
Ich war gewiß, daß ich mich nicht geirrt
Und lange musterte ich ihn und scharf.
Ich merkte mir Gestalt, Geberden, Züge
Und Größe, Haltung und durch Alles durch,
Durch jede Gabe der Natur und Bildung
Sah klar ich, wie mir schien, des Mörders Blick
Und des Gladiators Herz.

Ulrich (lächelt). Das Märchen klingt
Ganz gut.

Gabor. Es wird noch besser klingen. Hört!
Er schien ein Mann mir jener selt'nen Sorte,
Vor denen selbst das Glück, weil sie so kühn,
Sich beugt, an die auch Andrer Schicksal oft
Sich kettet noch; und überdies zog mich
Ein unbeschreibliches Gefühl zu ihm,
Wie wenn mein Glückstern auch ausgehen müßt'
Von ihm. Hierin hatt' ich nicht Recht.

Siegendorf. Wie wol
Auch sonst.

Gabor. Ich folgte ihm, bewarb mich drum,
Von ihm bemerkt zu werden, und erreicht's;
Doch seine Freundschaft nicht. Es war sein Plan,
Die Stadt ganz im Geheimen zu verlassen.
Wir gingen mit einander fort und kamen
Bis in das Städtchen, wo sich Werner barg
Und wo wir Anfangs Strahlenheim gerettet.
Jetzt komm' ich dran. Wagt Ihr's, noch mehr zu hören?

Siegendorf. Ich muß es – oder hab' zu viel gehört.

Gabor. Ich sah in Euch den Mann von höh'rem Stand,
Und wenn auch nicht so hoch, als ich jetzt finde,
Erkannt' ich dennoch damals schon, daß ich
Auch bei den Höchstgestellten dieser Welt
Kaum einen Mann von gleicher Seelengröße
Gesehen hatte. Ihr war't arm, es fehlte
Fast nur des Bettlers Rock. Ich bot die Börse,
So schwach sie selbst beschaffen war, Euch an:
Ihr schlugt sie aus.

Siegendorf. Macht meine Weigerung
Zu Eurem Schuldner mich, daß Ihr so drängt?

Gabor. Wol schuldet Ihr mir was, doch dafür nichts.
Ich – schuldete Euch meine Sicherheit,
– War sie auch scheinbar nur – als jene Schergen
Von Strahlenheim mich aus dem Grund verfolgten,
Weil ich den Mann bestohlen haben sollte.

Siegendorf. Da barg ich Euch – ich, den und dessen Haus
Ihr nun verklagt, als Viper, die von Neuem
Hier aufgelebt.

Gabor. Ich klage Niemand an,
Wenn ich mich nicht vertheid'gen muß. Ihr, Graf,
Habt Euch zu meinem Kläger hier gemacht
Und Richter, Euer Saal ist mein Gerichtshof
Und Euer Herz mein Tribunal. Seid Ihr
Gerecht, so will ich gnädig sein.

Siegendorf. Ihr gnädig,
Ihr niedriger Verleumder?

Gabor. Ich! Bei mir
Wird es zuletzt doch stehen, es zu sein.
Ihr bargt mich damals in geheimen Gängen,
Die, wie Ihr sagtet, Niemand als nur Euch
Bekannt. In todtenstiller Nacht, ermüdet
Vom Wachen in der Dunkelheit, im Zweifel,
Ob ich den Weg nach rückwärts finden würde,
Sah ich den Schimmer eines Lichtes blinken
Von ferner Ritze her. Ich ging drauf los
Und kam an eine Thüre, die verborgen
Nach einem Zimmer ging, wohin, nachdem
Ich leise und behutsam erst die Fuge
Zu einer Spalte aufgesperrt, ich durch
Und auf ein rothes Bette sah, – und hier
Lag Strahlenheim.

Siegendorf. Im Schlaf? Und Ihr erschlugt
Ihn, schlechter Mensch!

Gabor. Er war bereits erschlagen
Und blutete gleich einem Opferlamm!
Mein eigen Blut ward mir zu Eis.

Siegendorf. Jedoch
Er war allein? Ihr saht sonst Niemand dort?
Ihr saht den – ( Hält vor Aufregung inne.)

Gabor. Nein! Der, den Ihr nicht könnt nennen
Und den auch ich nicht wieder kennen möchte,
Er war nicht im Gemach.

Siegendorf. O dann, mein Sohn,
Bist du doch ohne Schuld! Du bat'st mich einst,
Ich möchte selbst mich schuldlos nennen. – O
Sag's du auch jetzt!

Gabor. Geduld! Ich kann nicht mehr
Zurück, und stürzten selbst die Mauern ein,
Die finster auf uns schaun! – Ihr werdet Euch
Erinnern – oder Euer Sohn, daß an dem Tag,
Der dieser Nacht vorausging, alle Schlösser
Verändert unter seiner Aufsicht wurden.
Wie er hereinkam, weiß er selbst am besten!
Doch in dem Vorgemach, deß Thüre halb
Geöffnet war, sah einen Mann ich, der
Die blut'gen Hände wusch und oft mit finstrem
Und angstbewegtem Blick auf jenen Mann
Im Blut zurücksah. – Doch der regte sich
Nicht mehr.

Siegendorf. O Gott der Väter!

Gabor. Da erst sah
Ich seine Züge, wie ich Eure seh';
Doch Eure waren's nicht, so sehr sie Euch
Auch ähnlich sahn. – Schaut in Graf Ulrich's sie!
So deutlich, wie ich sie erblickt, ist auch
Der Ausdruck jetzt nicht, wie er damals war.
Doch war er so, als ich zum ersten Mal
Ihn des Verbrechens zieh' – vorhin!

Siegendorf. Dies ist
So –

Gabor ( unterbricht ihn.) Nein! – Hört mich zu Ende nur. Jetzt müßt
Ihr es. – Ich hielt mich für verrathen erst
Durch Euch und ihn (denn ich erkannte jetzt,
Daß zwischen Euch ein Band besteh'). Ich glaubte,
Ihr habet mich in das angebliche
Asyl gelockt, daß ich das Opfer würd'
Von Eurer Schuld. Mein erst Gefühl war Rache.
Doch war ich gleich mit einem Dolch bewehrt,
– Da draußen ich mein Schwert gelassen hatte –
So war ich doch niemals gewachsen ihm,
Nicht an Gewandtheit, nicht an Kraft, wie sich
An jenem Morgen wies. So kehrt' ich um
Und floh im Dunkel fort. Durch Zufall mehr
Als durch Geschicklichkeit gewann ich die
Geheime Thür und dann das Zimmer, wo
Ihr schlieft; und hätt' ich wachend Euch gefunden,
So weiß der Himmel nur, zu was Verdacht
Und Rache mich verleitet hätte. Doch
Nie schlief die Schuld, wie Werner damals schlief.

Siegendorf. Und gleichwol hatt' ich fürchterliche Träume
Und kurzen Schlaf. Die Sterne standen noch,
Als ich erwacht'. – Warum schlugst du mich nicht?
Ich träumt' von meinem Vater – ach mein Traum
Ist aus!

Gabor. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich
Ihn ausgelegt. – Ich floh und blieb verborgen.
Der Zufall warf mich nach so langer Zeit
Hierher und zeigte in Graf Siegendorf
Den Werner mir, den ich umsonst in Hütten
Gesucht, in einem fürstlichen Palast.
Ihr suchtet mich und habt mich nun gefunden.
Jetzt kennt Ihr mein Geheimniß und mögt wägen,
Wie viel es werth.

Siegendorf ( nach einer Pause). Jawol!

Gabor. Ist's Rache, ist's
Das Rechtsgefühl, was Euern Geist bewegt?

Siegendorf. Von Beiden keines: ich erwog wie viel
Wol dies Geheimniß werth.

Gabor. Das sollt Ihr hören.
Als Ihr noch arm wart und ich selbst, wenngleich
Auch arm, – doch reich genug, um Eure Armuth,
Die meine neiden konnt', zu unterstützen,
Bot ich die Börse Euch. Ihr wolltet sie
Nicht theilen. Ich will freier sein mit Euch:
Ihr seid im Wohlstand, edel, hoch in Gunst
Beim kaiserlichen Hof – versteht Ihr mich?

Siegendorf. Gewiß.

Gabor. Nicht ganz. Ihr haltet mich für feil
Und kaum für wahr. Nicht wen'ger wahr ist es
Jedoch, daß mein Geschick zu Beidem jetzt
Mich hat gemacht. Ihr sollt mir weiter helfen.
Ich hätte Euch geholfen – und mein Namen
Ward auch ein wenig leck, als Euern ich
Und Den des Sohns gerettet. Wäget wohl,
Was ich gesagt.

Siegendorf. Wollt das Ergebniß Ihr
Von kurzer Ueberlegung hier erwarten?

Gabor ( blickt auf Ulrich, der gegen einen Pfeiler lehnt).
Und wenn ich's thät'?

Siegendorf. Ich bürg' für Euer Leben
Mit meinem Euch. Hier tretet in den Thurm.
( Oeffnet die Thür nach dem Thurme.)

Gabor ( zögert). Dies ist das zweite sichere Asyl,
Das Ihr mir zeigt.

Siegendorf. War nicht das erste sicher?

Gabor. Das weiß ich jetzt noch nicht, doch will' das zweite
Erproben ich. Noch einen andern Schutz
Hab' ich: ich reiste nicht allein nach Prag,
Und würde ich wie Strahlenheim zur Ruh'
Gebracht, so leben ein'ge Zungen noch,
Die sich um meinetwillen rühren werden.
Entscheidet Euch drum rasch.

Siegendorf. Das will ich auch.
Unwiderruflich, heilig ist mein Wort
In diesen Mauern; weiter schützt es nicht.

Gabor. Ich will es dafür nehmen.

Siegendorf ( deutet auf Ulrich's Schwert, das noch am Boden liegt).
Nehmt auch das!
Ich seh', Ihr blicket dies mit heißem Wunsch
Und Den mit Mißtraun an.

Gabor ( nimmt das Schwert). Ich will's und so
Mit Etwas vor mich sehn, womit mein Leben
– Nicht wohlfeil! – ich erkaufen kann.

( Gabor geht in den Thurm, den Siegendorf schließt.)

Siegendorf. Zu uns,
Graf Ulrich, nun! Denn Sohn darf ich dich nicht
Mehr nennen. Was sagst du dazu?

Ulrich. Was er
Erzählt', ist wahr.

Siegendorf. Wahr, Ungeheuer?

Ulrich. Ganz!
Und Ihr habt wohl daran gethan, mein Vater,
Daß Ihr ihn angehört. Vor dem, was uns
Bekannt, vermögen wir uns auch zu hüten.
Man muß den Mann zum Schweigen bringen.

Siegendorf. Ja.
Und wenn's die Hälfte meiner Güter kostet!
Ja auch die andre Hälfte gäb' ich hin,
Könnt' er, könnt'st du die Unthat widerrufen.

Ulrich. Es ist jetzt keine Zeit zu kindischem
Geschwätz und Heuchelei. Ich sagte dir,
Was er erzählt, sei wahr. Man muß auch ihn
Zum Schweigen bringen.

Siegendorf. Wie?

Ulrich. Wie Strahlenheim.
Bist du so blöd, daß vorher nie darauf
Du kamst? Als wir im Garten uns getroffen,
Was anders als Entdeckung bei der That durch Euch
Konnt' mich bewegen, seinen Tod zu künden?
Und hätt' ich erst das Hausgesind' gerufen,
Wär' dann dem Fremdling überlassen worden
Die Polizei herbeizuschrein? Sollt' ich
Auf halbem Wege etwa stehen bleiben?
Konnt' Werner – Ihr! – das Ziel von des Barons
Befürchtungen und Haß entfliehn, wenn es
Nicht manche Stunde vorher schon geschah,
Eh' noch Verdacht entstand? Ich prüfte dich
Bis auf den Grund, weil ich nicht wußte, ob
Du falsch seist oder schwach. Ich sah, daß du
Das letzt're warst und doch fand ich dich so
Vertrauensvoll, daß ich zuweilen doch
Nicht wußte, ob du wirklich seist so schwach.

Siegendorf. O Vatermörder und gemeiner Mörder!
Was that ich und was dacht' ich je, daß du
Mich tauglich wähnen konnt'st, dein Spießgesell
Zu sein?

Ulrich. Mein Vater! weck' den Teufel nicht,
Den jetzo du nicht zwischen uns darfst bringen!
Es ist jetzt Zeit für ein gemeinsam Handeln,
Nicht für Familienzank. Wie konnte ich,
Da ich gequält dich schaute, ruhig sein.
Glaubst du, ich habe dieses Manns Erzählung
Ganz fühllos angehört? Du lehrtest mich,
Für dich und mich auch fühlen, und weshalb,
Für wen hast du mich Soldes denn gelehrt?

Siegendorf. O meines todten Vaters Fluch! er wirkt!

Ulrich. Er wirke nur! Das Grab wird ihn schon hemmen.
Die Asche ist ein schwacher Feind, weit leichter
Ist's, sie verhöhnen als den Maulwurf äffen,
Der seinen dunkeln, doch lebend'gen Gang
Grad' unter deinem Fuße wühlt. – Doch hör'
Mich an! Willst du verdammen mich, denk' dran,
Wer mich dereinst gelehrt auf ihn zu hören,
Und nur zu oft! Wer mir gesagt, daß es
Verbrechen geb', die die Gelegenheit
Verzeihlich mach'? Daß Leidenschaft Natur
Uns sei? Daß Himmelsglück begleite stets
Der Erde Glück? Wer zeigte mir, daß nur
Durch seine Nerven seine Menschlichkeit
Gesichert sei? Wer nahm mir jede Macht,
Mich und mein Haus am hellen Tag zu rächen
Durch sein Geschick, das mich zum Bastard fast,
Ihn zum Verbrecher stempeln konnt'? – Der Mann,
Der hitzig und doch schwach zugleich, zu Thaten,
Die gern er thät und doch nicht wagt, mich reizte.
Ist es so seltsam, daß ich ausgeführt,
Was denken du gekonnt? – Wir haben jetzt
Mit Recht und Unrecht abgemacht. Von nun
An müssen wir die Wirkung nur erwägen,
Nicht das, was sie erzeugt. – Dem Strahlenheim
Hab' ich als unbekannt aus freier Regung,
Wie einem Bauern, einem Hund ich's that,
Das Leben erst gerettet; als bekannt
Erschlug ich ihn, weil unser Feind er war,
Doch nicht aus Rachbegier. Er war ein Felsen
Auf unsrem Weg, den ich durchbohrt, wie ihn
Ein Keil durchbohrt, weil zwischen uns er stand
Und unsrem Ziel – und nicht für nichts und nichts.
Als Fremden rettete ich ihn; er dankte
Sein Leben mir: als diese Schuld verfiel,
Zog ich sie ein. Er, du und ich, wir standen
An Abgrunds Rand; ich stürzte unsern Feind
Hinab. Du hast die Fackel erst entfacht,
Du zeigtest mir den Weg. Nun zeige den
Der Rettung mir – wo nicht, so laß mich machen!

Siegendorf. Ich bin zu Rand mit diesem meinem Leben!

Ulrich. Wir wollen das zu Rande lieber bringen,
Was uns am Leben frißt: Familienhader,
Vorwürfe über Dinge, die wir doch
Nicht ungeschehen machen – eitle Klagen!
Wir haben nichts zu hören mehr, zu bergen.
Ich kenne keine Furcht und habe hier
In diesen Mauern selbst Gesellen, die –
Du zwar nicht kennst, doch die, das Letzte wagen.
Du hast am Hofe einen hohen Stand;
Was hier geschieht, wird dort nicht allzu sehr
Die Neugier rege machen. Wahre nur
Dein eigenes Geheimniß gut. Behalt'
Ein sich'res Auge, rühr' dich nicht, sei stumm!
Das Uebrige vertraue mir: Wir dürfen
Nicht dritte Schwätzer haben zwischen uns. (Ulrich ab.)

Siegendorf. (allein). Bin ich denn wach? ist dies der Väter Halle?
Und der – mein Sohn? – Mein Sohn! Der Sohn von mir,
Der Schliche stets und Blut verabscheut hat
Und nun in beider tiefster Hölle sitzt!
Ich muß mich eilen, sonst wird mehr vergossen,
Des Ungarn noch! Ulrich hat Spießgesellen,
Wie's scheint, ich hätt' mir's denken können.
Ich Thor! Die Wölfe schwärmen ja in Heerden.
Er hat, wie ich, den Schlüssel zu dem Thor,
Das von der andern Seite führt zum Thurm,
Wohlan! zur That! Sonst werde ich der Vater
Von neuer Missethat, wie ich's schon bin
Vom Missethäter. Gabor! Gabor! He!

(Ab in den Thurm, dessen Thüre er hinter sich schließt.)

Zweiter Auftritt.

Das Innere des Thurms.

Gabor und Siegendorf.

Gabor. Wer ruft?

Siegendorf. Ich! Siegendorf! Nehmt dies und flieht.
Verliert nicht einen Augenblick!

(Reißt sich einen Diamantstein und andere Juwelen ab und drückt sie Gabor in die Hand.)

Gabor. Was soll
Ich damit thun?

Siegendorf. Was Ihr nur wollt! Verkauft
Sie! hebt sie auf! macht Euer Glück damit,
Doch zögert nicht, sonst seid verloren Ihr.

Gabor. Ihr setztet doch für meine Sicherheit
Die Ehre ein.

Siegendorf. Und muß sie also lösen.
Flieht, flieht! ich bin, wie's scheint, nicht meiner Burg,
Nicht meiner eignen Leute mehr, ja selbst
Der Mauern hier, nicht Herr! Sonst hieß ich jetzt
Sie auf mich stürzen, mich zermalmen! – Flieht!
Sonst mordet Euch –

Gabor. Ist's so weit? Dann lebt wohl!
Erinnert Euch jedoch, daß dies Begegnen
Ihr selbst gesucht, Herr Graf.

Siegendorf. Ich that's. Doch macht,
Daß es nicht noch unsel'ger werde. Geht!

Gabor. Auf jenem Weg, auf dem ich kam?

Siegendorf. Ja, der
Ist sicher noch. Doch weilet nicht in Prag.
Ihr wißt nicht, wer Euch gegenüber steht.

Gabor. Ich weiß es nur zu gut, und wußte es
Vor Euch, unsel'ger Vater, Ihr! (Gabor ab.)

Siegendorf (allein, lauscht). Er hat
Die Treppe hinter sich! Die Thüre fällt
Laut hinter ihm ins Schloß. Ah er ist sicher!
O meines Vaters Geist! – Mir ist so schwach.

(Lehnt sich in zusammengesunkener Haltung an einen steinernen Sitz.)

Ulrich und andere Bewaffnete treten mit gezogenen Degen ein.

Ulrich. Schnell! hier ist er!

Ludwig. Der Graf ist's, gnäd'ger Herr.

Ulrich (erkennt Siegendorf). Du hier!

Siegendorf. Ja! wenn du noch ein Opfer brauchst,
So stoße zu!

Ulrich (bemerkt, daß jener seiner Juwelen beraubt ist).
Wo ist der Schuft, der Euch
Geplündert hat? – Vasallen! auf! ihm nach!
Ihr seht, es war so, wie ich euch gesagt:
Der Hund nahm meinem Vater Edelsteine,
Die eines Fürsten Erbschaft bilden könnten.
Fort! fort! ich folge Euch sogleich. (Alle ab außer Siegendorf und Ulrich.)
Nun, was
Ist das? Wo ist der Schurk'?

Siegendorf. 'S gibt deren zwei,
Nach welchem fahndest du?

Ulrich. Nichts mehr davon!
Er muß gefunden werden. Du hast ihn
Doch nicht entwischen lassen?

Siegendorf. Er ist fort.

Ulrich. Mit deiner Zulassung?

Siegendorf. Mit meiner vollsten
Und freisten Hilfe.

Ulrich. Dann leb' wohl! (Ulrich will fort.)

Siegendorf. Halt! Ich
Befehl es dir! ich bitte dich! ich fleh'
Dich an! O Ulrich, willst du mich verlassen?

Ulrich. Wie? Soll ich bleiben, um mich angezeigt,
Vielleicht in Ketten fort geschleppt zu sehn?
Und zwar in Folge jener Schwäche, die
Im Blut dir liegt, der halben Menschlichkeit,
Der egoistischen Gewissensangst,
Des Mitleids, das sich nach dem Winde richtet
Und noch dein ganz Geschlecht zum Opfer bringt,
Um einen Schuft zu retten, der gewinnt
Durch unsern Fall? – Nein, Graf! Von nun an habt
Ihr keinen Sohn mehr.

Siegendorf. Niemals hatt' ich einen!
Ich wollt', du hättest nie den Namen, der
So nutzlos jetzt, geführt! Wo willst du hin?
Ich möchte dich nicht ohne Schutz verstoßen.

Ulrich. Das überlasset mir. Ich bin ja nicht
Allein, bin nicht der eitle Erbe nur
Von Eurem Grundbesitz. Nein! mein sind tausend,
Zehntausend Schwerter, Herzen, Arme – mein!

Siegendorf. Das Volk des Walds, bei dem der Ungar dich
Zuerst in Frankfurt fand!

Ulrich. Ja, Männer, die
Des Namens werth! Sag' deinen Senatoren,
Daß sie auf Prag wohl geben Acht! Etwas
Zu früh hat man dies Friedensfest gefeiert.
Der Geister gibt's noch mehr, wie die, die man
Mit Wallenstein ins Grab gelegt.

Josephine und Ida treten auf.

Josephine. Was gibt
Es denn? Mein Siegendorf! Dem Himmel Dank!
So bist du nicht verletzt?

Siegendorf. Verletzt?

Ida. Ja, Vater!

Siegendorf. Nein, nein! ich habe keine Kinder mehr.
Nennt mich bei diesem schlimmsten Namen Vater
Nicht mehr!

Josephine. Was soll dies heißen, lieber Freund?

Siegendorf. Daß einem Teufel du das Leben gabst.

Ida (faßt Ulrich's Hand). Wer darf von Ulrich solches sagen?

Siegendorf. Ida!
Nimm dich in Acht! an dieser Hand klebt Blut!

Ida (bückt sich sie zu küssen). Ich küßt' es weg, selbst wenn es meines wär'.

Siegendorf. Es ist's!

Ulrich. Hinweg! 's ist deines Vaters Blut! (Ulrich ab.)

Ida Allmächt'ger Gott! ich liebte diesen Mann!

(Ida sinkt besinnungslos nieder. Josephine steht sprachlos vor Entsetzen da.)

Siegendorf. Der Unglücksel'ge brachte Beide um! –
O Josephine, wir sind jetzt allein!
Ach wären wir es immer doch gewesen!
Für mich ist Alles nun vorbei. Nun öffne,
Mein Vater, weit dein Grab. Dein Fluch hat's tiefer
Für deinen Sohn in meinem Sohn gegraben!
Zu Ende geht das Haus der Siegendorf!

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