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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Werner oder Das Erbe

George Gordon Noël Byron: Werner oder Das Erbe - Kapitel 7
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authorGeorge Byron
titleWerner oder Das Erbe
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
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Vierter Act.

Erster Auftritt.

Ein gothischer Saal auf Burg Siegendorf bei Prag.

Erich und Heinrich, Dienstleute des Grafen, treten auf.

Erich. So zog denn eine bess're Zeit hier ein,
Und neue Herrn und prächtige Gelage
Erfüllen nun der alten Mauern Raum.
Es war auch hohe Zeit.

Heinrich. Ja mit den Herrn
Mag's sein für die, die Neues stets ersehnen,
Wenn's auch durch neue Gräber nur entsteht;
Doch auf dem Feld der Feste will mich dünken,
Daß schon der alte Graf von Siegendorf
So flotte Gastlichkeit von je gepflegt,
Wie irgend ein Gewaltiger des Reichs.

Erich. Ja, was die Schüssel anbelangt, den Becher!
Da fuhren allerdings wir seither auch
Nicht schlecht. Doch Unterhaltung, Lust und Scherz,
Die erst dem Mahl die rechte Würze geben,
War' uns bis jetzt höchst kärglich zugemessen.

Heinrich. Der alte Graf war selbst kein Freund vom Schwärmen,
Seid Ihr versichert, daß es dieser ist?

Erich. Bis jetzt war er so mild wie generös
Und Alle lieben ihn.

Heinrich. Doch währt sein Reich
Ein Jahr kaum länger als der Honigmond,
Und eines Herrschers erstes Jahr ist stets
Ein Flitterjahr. Bald werden wir sein wahr
Gemüth, den ächten Herrschergeist erfahren.

Erich. Der Himmel gebe, daß er treu sich bleibt!
Und dann sein wackrer Sohn Graf Ulrich. – ist
Das nicht ein ächter Ritter? Schade nur,
Daß jetzt kein Krieg mehr ist!

Heinrich. Wie so?

Erich. Seht ihn
Nur an, und gebt Euch dann die Antwort selbst.

Heinrich. Er ist sehr jugendlich und stark und schön
Wie nur ein Tiger.

Erich. Kein Vergleich ist das
Für einen treuen Unterthan.

Heinrich. Jedoch
Ein richtiger vielleicht.

Erich. 'S ist Schade, wie
Gesagt, daß jetzt' der Krieg zu End'. Wer zeigt
Zu Haus so wohl getrag'nen Stolz, der Furcht
Einflößt, doch nicht verletzt? Wer gleicht ihm auf
Der Jagd, wenn mit dem Speer er in der Hand
Den Bären hetzt, der, seine Hauer wetzend
Und rechts und links die armen Hunde schlitzend
Zum Dickicht eilt? Wer lenkt ein Roß, wer trägt
Den Falken, schwingt das Schwert wie er? Weß Feder
Wallt fürstlicher herab?

Heinrich. Nicht Eines, ich
Geb's zu! Glaubt mir, wenn allzu lang Krieg auf
Sich warten läßt, ist er der Mann, der selbst
Ihn macht, – wenn er's nicht schon gethan!

Erich. Wie das?

Heinrich. Ihr könnt nicht läugnen, daß der Schwanz von Herr'n,
Der mit ihm zieht, von denen Wen'ge nur
In unsrem Land geborne Leute sind,
Zu einer Art von Junkern zählt, die – (Hält inne.)

Erich. Was?

Heinrich. – Der Krieg, den Ihr so liebt, uns hinterließ.
Wie andre Eltern thun, verdirbt auch er
Die schlimmsten Kinder noch.

Erich. Unsinn! es sind
Nur tapfre eisenköpfige Gesellen,
Wie sie der alte Tilly mocht'.

Heinrich. Und wer
Hat Tilly denn gemocht? fragt das einmal
In Magdeburg. Auch Wallenstein mögt Ihr
In dieser Richtung nennen. Beide sind –

Erich. In Ruhe nun! und was darüber ist,
Zu untersuchen, ist nicht unsre Sache.

Heinrich. Ich wollte nur, sie hätten etwas noch
Von ihrer Ruhe hinterlassen uns.
Das Land, dem Namen nach in Frieden, ist
Noch voll von Gott weiß was für Volk. Sie ziehn
Bei Nacht umher und schwinden mit der Sonne.
Doch bringen sie nicht wen'ger Jammer uns
Als selbst der offenbarste Krieg – ja mehr.

Erich. Jedoch, Graf Ulrich, was hat alles Das
Mit ihm zu thun?

Heinrich. Mit ihm? er könnt's verhindern.
Wie Ihr gesagt, er liebt den Krieg. Warum
Bekriegt er diese Raubgesellen nicht?

Erich. Das fragt Ihr besser wol ihn selbst.

Heinrich. Ich früg'
Den Löwen grad so gut, warum er Milch
Nicht leckt.

Erich. Da kommt er selbst.

Heinrich. Den Teufel! schweigt.

Erich. Was werdet Ihr so blaß?

Heinrich. Nichts – aber schweigt.

Erich. Ich will für mich behalten, was Ihr sagtet.

Heinrich. Ich meinte nichts damit, Ihr könnt mir's glauben.
'S war nur ein Wortscherz, weiter nichts! Und wär'
Es anders auch: er ist der Bräutigam
Ida's von Strahlenheim, der Lieblichen,
Der Erbin des verstorbenen Barons.
Sie wird gewiß zu mildern wissen, was
Die Wuth des letzten langen Bürgerkriegs
In alle Herzen goß, in die zumal,
Die drin geboren wurden, die der Mord
Auf seinem Schooß erzog und gleichsam schon
Mit Blut getauft. Ich bitt', schweigt über Alles,
Was ich gesagt.

Ulrich und Rudolf treten auf.

Heinrich. Graf Ulrich, guten Morgen!

Ulrich. Mein lieber Heinrich, guten Tag! – Erich,
Ist Alles für die Jagd bereit?

Erich. Die Hunde
Sind schon zum Wald hinabgeschickt. Die Treiber
Durchstreifen das Gebüsch; der Tag verspricht
Etwas. Soll das Gefolg' herbei ich rufen?
Und welchen Renner wollt Ihr heute reiten?

Ulrich. Den Schwarzbraun Wallenstein.

Erich. Ich fürchte sehr,
Er hat sich von des Montags Mühn noch nicht
Erholt. Das war 'mal eine edle Jagd!
Ihr stießt mit eigner Hand vier Bären nieder.

Ulrich. Da habt Ihr Recht! Ich hatte es vergessen.
So soll's der Graue sein, der alte Ziska.
Er war seit vierzehn Tagen nicht mehr draußen.

Erich. Er wird sogleich gesattelt sein. Wer soll
Von dem gewöhnlichen Gefolge heut'
Mit Euch?

Ulrich. Das überlaß ich Weilburg, dem
Bereiter. (Erich ab.) Rudolf!

Rudolf. Gnäd'ger Herr!

Ulrich. Das ist
'Ne dumme Nachricht von – (Rudolf deutet auf Heinrich)
Nun, Heinrich, was
Ist los? Was zögert Ihr?

Heinrich. Ich wart', ob nicht
Mein gnäd'ger Herr was zu befehlen hat.

Ulrich. Geh' mal zu meinem Vater und vermeld'
Ihm meinen ehrerbiet'gen Gruß, und hör',
Ob, eh' zu Pferd ich steig', er noch was von
Mir will. (Heinrich ab.) Es heißt, daß unsre Freunde jüngst
An Frankens Grenze einen Stoß erlitten;
Und die Colonne, die auf sie marschirt,
Soll jetzt Verstärkung noch erhalten. Ich
Muß bald dahin.

Rudolf. Ich wartete auf weit're
Und sicherere Nachricht erst.

Ulrich. So denk'
Ich auch. Die Sache hätte wahrlich nicht
Zu einer Zeit erfolgen können, die
Feindsel'ger wäre allen meinen Plänen.

Rudolf. Es wird sehr schwer sein, Euer Fernesein
Vor Eurem Vater zu entschuldigen.

Ulrich. Wol wahr, doch der noch unentwirrte Stand
Von unserm Gut im obern Schlesien
Wird einen Grund zu meiner Reise leihn.
Wenn mit der Jagd wir dann beschäftigt sind,
Zieht ihr die achtzig Mann, die Wolff führt, weg
Und haltet unterwegs Euch in den Wäldern.
Ihr kennt den Weg?

Rudolf. So gut wie in der Nacht,
Da wir –

Ulrich. Davon jetzt nichts, bis wir das Gleiche
Mit gleichem Glück bald wiederholen können.
Wenn Ihr zu Rosenberg gestoßen seid,
Gebt ihm den Brief. (Gibt ihm einen Brief.)
Und setzt hinzu: ich schicke
Ihm diesen kleinen Zuwachs mit Euch selbst
Und Wolff, als Bürgen meines Kommens, wenn
Ich gleich sie jetzt nur schwer entbehren kann,
Da zahlreich Volk mein Vater in der Burg
Zu halten liebt, bis jene Hochzeit erst
Mit ihren Festen, ihren Narretheien,
Mit jenem dummen hochzeitlichen Bimmeln
Verklungen ist.

Rudolf. Ihr liebtet, glaubte ich.
Baronin Ida.

Ulrich. Wol! ich liebe sie;
Doch daraus folgt noch nicht, daß meine Jugend,
Die besten Jahre, die so kurz und warm,
An einer Dame Gürtel binden möcht',
Und wär's der Venus selbst. Doch lieb' ich sie
Wie eine Frau geliebt sein sollt': allein
Und wahr.

Rudolf. Und treu?

Ulrich. Ich glaube so, weil ich
Sonst Niemand lieb'. Doch hab' ich keine Zeit
Zu solchen Herzenspossen. Großes muß
Jetzt bald geschehn, drum eile, eile, Rudolf!

Rudolf. Und kehr' ich wieder, ist Baronin Ida
In Gräfin Siegendorf wol aufgegangen?

Ulrich. Vielleicht, da es mein Vater wünscht. Es ist
Auch keine üble Politik, weil solch
Ein Ehebündniß mit dem letzten Sprößling
Des gegnerischen Zweigs die Zukunft bindet
Und das Vergang'ne tilgt.

Rudolf. Lebt wohl!

Ulrich. Doch halt!
'S wird besser sein, wir bleiben noch beisammen,
Bis erst die Jagd beginnt. Dann ziehst du ab
Und thust wie ich gesagt.

Rudolf. Gut so! – Doch um
Auf die Baronin jetzt zurückzukommen:
Es war vom Grafen, Eurem Vater, schön,
Sehr schön gethan, daß er nach Königsberg
Geschickt und jenes schöne Waisenkind
Herkommen ließ, um sie als Tochter nun
Ins Haus zu nehmen.

Ulrich. Einzig schön! Zumal
Bis dahin wenig Liebe zwischen uns
Bestand.

Rudolf. Der jüngst verstorbene Baron
Erlag dem Fieber? nicht?

Ulrich. Woher soll ich
Das wissen, Freund?

Rudolf. Ich habe flüstern hören,
'S sei nicht mit rechten Dingen zugegangen
Bei seinem Tod. Man weiß nicht einmal recht,
Wo er geschah.

Ulrich. In irgend einem Dorf
An Sachsens oder Schlesiens Grenze 'rum.

Rudolf. Er hinterließ kein Testament? kein Wort
Des Abschieds? wie?

Ulrich. Ich bin nicht Beichtiger,
Noch auch Notar, und weiß drum nichts.

Rudolf. Das Fräulein!

Ida von Strahlenheim tritt auf.

Ulrich. Ihr seid früh aus den Federn, schöne Base.

Ida. Doch nicht zu früh, mein theurer Ulrich – außer
Wenn ich Euch stören sollte. – Doch warum
Heißt Ihr mich Base?

Ulrich. Seid Ihr's etwa nicht?

Ida. Wol! Doch ich mag den Namen nicht; er klingt
So kalt, als ob an unsern Stammbaum Ihr
Gedacht und unser Blut gewogen nur.

Ulrich (erschrocken). Blut? Blut?

Ida. Warum entflieht das Eure so
Von Euern Wangen?

Ulrich. Thut es das?

Ida. Jawol!
Doch nein! jetzt stürmt es wieder wie ein Strom
Bis zu der Stirn' empor.

Ulrich (faßt sich). Und wenn es floh,
Geschah es nur, weil Eure Gegenwart
Es nach dem Herzen jagte, das für Euch,
Geliebte Base, schlägt.

Ida. Schon wieder »Base«!

Ulrich. So will ich Euch denn »liebe Schwester« nennen.

Ida. Den Namen lieb' ich wen'ger noch. Ich wollt',
Wir wären nicht verwandt.

Ulrich (düster). Ich wollt' es auch.

Ida. O Himmel! Ihr wünscht das?

Ulrich. Geliebte Ida!
War's nicht das Echo Eures Wunsches nur?

Ida. Ja Ulrich! Doch mit solchem Blick wünscht' ich
Es nicht und wußte selbst kaum, was ich sagte.
Indeß, ob ich Euch Schwester bin, ob Base,
Wenn ich nur Etwas für Euch bin.

Ulrich. Ihr sollt
Mir Alles, Alles sein!

Ida. Und Ihr seid' das
Mir schon. Doch ich kann warten.

Ulrich. Theure Ida!

Ida. Nennt Ida, Eure Ida mich, denn Euer
Und niemand And'rem möcht' ich sein – ich habe
Ja Niemand sonst, seitdem mein armer Vater – (sie hält inne.)

Ulrich. Ihr habt den meinen, Ihr habt mich.

Ida. Mein Ulrich!
O daß mein Vater doch mein Glück noch schaute!
Nur dies fehlt noch.

Ulrich. Ja, ja!

Ida. Er hätte Euch,
Ihr ihn geliebt, denn Brave lieben sich
Ja stets. Er war dem Anschein nach zwar kalt,
Sein Geist gar stolz, das Vorrecht seines Standes!
Doch unter diesem strengen Aeußern schlug – –
O hättet ihr doch Euch gekannt! Wärt Ihr
Auf seiner Reise nur ihm nah gewesen,
Dann wäre er nicht ohne Freund gestorben,
Der seine letzten einsamen Minuten
Ihm noch versüßt.

Ulrich. Wer sagte das?

Ida. Was?

Ulrich. Daß
Er einsam starb?

Ida. Die allgemeine Sage
Und das Verschwinden seiner Diener, die
Niemals zurückgekehrt. Höchst tödtlich war
Das Fieber wol, daß Alle hingerafft.

Ulrich. Wenn sie ihm nahe waren, starb er doch
Nicht so allein, verlassen, unbeachtet.

Ida. Was ist ein Knecht an einem Todtenbette,
Wenn der getrübte Blick vergebens rings
Nach dem sucht, was er liebt. Die Leute sagen,
Daß er am Fieber starb.

Ulrich. Die Leute sagen?
Es war ja so!

Ida. Mir träumt zuweilen anders.

Ulrich. Ach Träume sind nicht wahr.

Ida. Doch seh' ich ihn,
Wie Euch ich sehe.

Ulrich. Wo?

Ida. Im Schlaf. Ich seh',
Wie blaß er daliegt, blutend, und ein Mann
Steht mit erhob'nem Messer neben ihm –

Ulrich. Und seht Ihr dessen Antlitz auch?

Ida. (sieht ihn an). O nein! –
Mein Gott! seht Ihr ihn?

Ulrich. Warum fragt Ihr so?

Ida. Weil grad' Ihr ausschaut, als ob einen Mörder
Ihr säht!

Ulrich. (aufgeregt). Ida! Das sind ja Kinderei'n!
Zu meiner Schande steckt Euer Wahn mich an,
Wie freilich jed' Gefühl, das Euch bewegt,
Auch mich erregt. Ich bitt' dich, liebes Kind,
Von etwas Andrem –

Ida. Kind? Ei ei! ich zähle
Doch fünfzehn Sommer schon! (Ein Horn ertönt.)

Rudolf. Hört, gnäd'ger Herr!
Das Horn!

Ida. (ärgerlich zu Rudolf). Was braucht Ihr das ihm noch zu sagen?
Kann er's nicht ohne Euer Echo hören?

Rudolf. Verzeiht mir, schöne Baroness'.

Ida. Nein! Ich
Verzeih's Euch nicht, wenn Ihr es damit nicht
Verdient, daß Ihr mir helft, Graf Ulrich heut'
Das Jagen auszureden.

Rudolf. Dazu braucht
Ihr, hohe Dame, meinen Beistand nicht.

Ulrich. Ich darf es heute nicht versäumen.

Ida. Doch!
Ihr sollt's!

Ulrich. Ich soll?

Ida. Ja, oder seid Ihr mir
Kein rechter Ritter. – Lieber Ulrich! gebt
Mir nach für diesen einen Tag. Es sieht
So düster aus, und Ihr seid vorhin schon
So bleich geworden, so verstört.

Ulrich. Ihr scherzt.

Ida. Ich scherze nicht. Fragt Rudolf nur.

Rudolf. In Wahrheit,
Ihr habt in dieser Viertelstunde öfter
Die Farb' gewechselt, gnäd'ger Herr, als ich's
In Jahren sah.

Ulrich. 'S ist nichts! und wär' es so,
So würde bald die Luft mich wieder heilen.
Ich bin ein wahr Chamäleon und lebe
Nur an der Luft. Die Feste in der Burg,
Die lärmenden Bankets sind keine Nahrung
Für meinen Geist. Ein Waidmann bin ich, ein
Besteiger steiler Bergesspitzen, wo
Ich Alles liebe, was der Adler liebt.

Ida. Nur seinen Raub nicht, wie ich hoffen will.

Ulrich. Wünscht eine gute Jagd mir, holde Ida,
Ich bring' dafür sechs Bärenköpfe Euch
Als Beute heim.

Ida. So wollt Ihr denn nicht bleiben?
Ihr sollt nicht fort. Ich will Euch – kommt! – was singen.

Ulrich. Ihr werdet niemals ein Soldatenweib.

Ida. Ich will auch keines werden, denn ich glaube,
Daß dieser Krieg vorbei und Ihr in Frieden
Fortan auf Euern Gütern leben werdet.

Werner als Graf Siegendorf tritt auf.

Ulrich. Ich grüß' Euch, Vater; und es thut mir leid,
Daß dieser Gruß so kurz. Ihr hörtet wol
Das Horn; die Leute harren mein.

Siegendorf. So laß
Sie warten. Du vergaßest ganz, daß morgen
Das Friedensfest in Prag gefeiert wird.
Du könntest leicht die Jagd so heiß betreiben,
Daß heute kaum zurück du davon kehrtest,
Und wenn zurück, dann allzu sehr ermüdet,
Um morgen neben andern Edelleuten
Dort unser Haus mit Würde zu vertreten.

Ulrich. Du mußt die Stelle von uns Beiden füllen,
Ich bin kein Freund von solchen Kindereien.

Siegendorf. Nein, Ulrich, nein! es wär' nicht wohl bedacht,
Wenn du allein vom ganzen jungen Adel –

Ida. Und weit der adligste im Aeußeren, im
Benehmen –

Siegendorf. (zu Ida). Ja, so ist's, mein liebes Kind.
Klingt auch dein Wort für eine Schöne fast
Zu kühn. – Doch Ulrich, denk' an unsre Stellung,
Die wir erst kürzlich wieder uns errungen.
Glaub' mir, von jedem Hause würd's bemerkt,
Vor Allem doch vom unsrigen, wenn Einer
Zu solcher Zeit an solchem Orte fehlte.
Auch hat der Himmel, der das Unsre uns
Zurückgestellt und über Alle Frieden
Zugleich gestreut, dadurch ein doppelt Recht
Auf unsern Dank: einmal für unser Land
Und dann, weil hier wir stehn, und dieses Glücks
Theilhaftig sind.

Ulrich. (bei Seite). (Jetzt auch noch fromm!) – Gut, Vater!
Ich folge dir. (Zu einem Diener).
Ludwig, entlaß die Leute!
(Ludwig ab.)

Ida. So gebt Ihr ihm sofort in Etwas nach,
Um was ich stundenlang vergebens Euch
Könnt' flehn.

Siegendorf. (lächelnd). Du wirst doch hoffentlich auf mich
Nicht eifersüchtig sein, mein reizender
Rebell? Du würd'st wol jeden Ungehorsam
Entschuldigen, nur den nicht gegen dich?
Doch fürchte nichts, du sollst ihn künftig ja
Mit holderer und fest'rer Macht beherrschen.

Ida. Doch möcht' ich auch schon jetzt Etwas beherrschen.

Siegendorf. Ja, deine Harfe, die im Damenzimmer
Dein harrt; die Gräfin klagt, daß du
Recht lässig deine Musica betreibst.
Sie wartet dein.

Ida. Dann guten Morgen, Vetter!
Wirst du erscheinen, Ulrich, und mich hören?

Ulrich. Ich komme gleich.

Ida. Glaub' mir, ich mach' es besser
Als eure Hornmusik. Drum bitt' ich, sei
Gleich pünktlich auch auf meiner Noten Ruf.
Ich werde König Gustav's Marsch dir spielen.

Ulrich. Warum nicht den des alten Tilly?

Ida. Nein!
Von diesem Ungeheuer Nichts! Mir wär',
Als quölle grauses Stöhnen, nicht Musik
Aus meinen Saiten, tönte Etwas drin
Bon ihm. – Komm nur recht bald! Die Mutter sehnt
Sich stets so sehr nach dir. (Ida ab.)

Siegendorf. Mein Ulrich, hör',
Ich spräche gern mit dir allein.

Ulrich. Ich steh'
Mit meiner Zeit dir stets zu Dienst. (Bei Seite zu Rudolf.) Rudolf!
Geh' nun und thu, wie ich befahl. So schnell
Wie möglich will von Rosenberg ich Antwort.

Rudolf. Habt Ihr noch etwas zu befehlen, Graf?
Ich muß ein wenig jenseit unsrer Grenze.

Siegendorf. (erschrickt). Ah so! Wohin? Nach welcher Grenze hin?

Rudolf. Der schlesischen, auf meinem Weg – (Bei Seite zu Ulrich.)
Wo sag'
Ich hin?

Ulrich. (bei Seite zu Rudolf). Nach Hamburg, sag'! (Für sich.) Dies
Wort, denk' ich,
Soll schon ein Schloß vor weitre Fragen legen.

Rudolf. Nach Hamburg, Graf.

Siegendorf. (aufgeregt). Nach Hamburg? – Nein! ich hab'
Dort nichts zu thun, und bin in keiner Weise
Mit dieser Stadt verknüpft. Gott sei mit Euch!

Rudolf. So lebt denn wohl, Graf Siegendorf. (Rudolf ab.)

Siegendorf. Ulrich!
Der Mann, der eben von uns ging, ist Einer
Der seltsamen Gesellen, über die
Ich ein vernünftig Wort mit dir möcht' sprechen.

Ulrich. Er ist von Adel, Vater, und aus einem
Der ersten Häuser Sachsens obendrein.

Siegendorf. Ich red' von seiner Herkunft nicht, vielmehr
Bon seiner Lebensart. Man spricht nichts Gut's
Von ihm.

Ulrich. Das thut man von den Meisten ja.
Selbst der Monarch ist nicht vor der Verleumdung
Des eig'nen Kämmerlings geschützt, nicht vor
Dem Spott des schlecht'sten Höflings, den er groß
Und – undankbar gemacht.

Siegendorf Wenn offen ich
Soll sein, so spricht die Welt mehr als nicht gut
Von ihm. Man sagt, daß er den schwarzen Banden,
Die unsre Grenze immer noch verheeren,
Verbrüdert sei.

Ulrich. Und glaubst du denn der Welt?

Siegendorf In diesem Falle ja.

Ulrich. In jedem Fall,
Dächt' ich, sollt'st du sie besser kennen, um
Beschuldigung für Wahrheit gleich zu nehmen.

Siegendorf Sohn, ich verstehe dich, du spielst auf – ach!
Mein Schicksal hat sein Spinngewebe so
Um mich gelegt, daß ich nur flattern kann,
Der armen Fliege gleich, doch 's nicht zerreißen.
Nimm dich in Acht, mein Sohn! du hast gesehn,
Wohin mich Leidenschaft geführt. Sie tilgten
Selbst zwanzig Jahre nicht der Noth und Schmach,
Und zwanzigtausend werden künftig kaum
(Ja hier schon, in Momenten, die als Jahre
Uns gelten können auf der Uhr der Angst!)
Die Schmach, den Wahnsinn eines Augenblicks
Auslöschen, sühnen können! – Ulrich! laß
Dich warnen von dem Vater. Ich ward's einst
Von meinem nicht. Drum siehst du so mich hier.

Ulrich. Ich seh' den glücklichen Graf Siegendorf,
Den Grundherrn eines fürstlichen Besitzes,
Geliebt, geehrt vom Volk, das er beherrscht,
Wie auch von seinen Standsgenossen.

Siegendorf Ach!
Was nennst du glücklich mich, da ich für dich
Doch fürcht'? Und was geliebt, da du mich ja
Nicht liebst? Ein jedes Herz mag freundlich für
Mich schlagen hier, das meines Sohns bleibt kalt!

Ulrich. Wer wagt dies zu behaupten?

Siegendorf Niemand als
Nur ich, der's sieht, der's fühlt, und tiefer als
Dein Feind, der dies zu sagen wagte, Dein
Schwert fühlte in der Brust. Die meinige
Ach! überlebt den Stich!

Ulrich. Du irrst. Mir ist
Ein äußres Zärtlichthun von der Natur
Versagt. Wie könnt' es anders sein, da ich
Zwölf Jahre lang die Eltern nicht mehr sah.

Siegendorf Und brachte nicht auch ich zwölf schwere Jahre
In ähnlichem Entbehren zu? Jedoch
Vergeblich wär's dich zu bestürmen, denn
Natur wird durch Ermahnung nicht zurück
Geholt. Wir wollen nun von Andrem sprechen.
Ich wünsche, daß du wohl bedenkst, wie diese
So heft'gen jungen Herrn von hohen Namen
Doch dunkeln Thaten (ja den dunkelsten,
Wenn Alles, was die Sage meldet, wahr)
Mit denen du verkehrst, auch dich verleiten –

Ulrich (ungeduldig). Ich lasse mich von keinem Manne leiten!

Siegendorf. Und leitest keinen auch, laß mich es hoffen?
Um der Gefahren deiner Jugend dich,
Und deines stolzen Geistes zu entheben,
Hab' ich für gut befunden, daß du dich
Mit Ida sollt'st verbinden, um so mehr,
Als du sie auch zu lieben scheinst.

Ulrich. Ich sagte,
Daß deinem Wunsche ich gehorchen wolle
Und müßt' ich mich mit Hekate vermählen.
Kann wol ein Sohn versprechen mehr?

Siegendorf. Er thut
Zu viel, wenn so viel er verspricht. Es liegt
Nicht in dem Wesen deiner Altersstufe
Noch deines Bluts, noch deines Temp'raments,
So kalt zu sprechen, und so unbekümmert
In Etwas zu verfahren, was die Blüte,
Doch auch der Mehlthau oft des Menschenglücks
(Denn ruhelos ist selbst des Ruhmes Kissen,
Wenn Liebe nicht die Wange darauf legt).
Es ist dir dienstbar irgend eine Kraft,
Ein Erzfeind, der dich irre leitet, weil
Du ihn für deinen Sklaven hältst und doch
Ihm die Gedanken alle dienstbar machst.
Sonst sagtest offen du: »Ich liebe Ida
Und will zum Weib sie nehmen« – oder auch:
»Ich lieb' sie nicht und keine Macht der Welt
Soll mich zu dieser Heirath zwingen.« – So
Hätt' ich gesagt.

Ulrich. Du hast aus Liebe dich
Vermählt.

Siegendorf. Jawol, und 's war in manchen Nöthen
Mein einz'ger Trost.

Ulrich. Doch deine Nöthen wären
Nie ohne diesen Liebesbund gekommen.

Siegendorf. Noch immer gegen Jahre und Natur!
Wer sprach mit zwanzig Jahren jemals so?

Ulrich. Hast du nicht selber mich gewarnt, es nicht
Wie du zu machen?

Siegendorf. Kindischer Sophist!
Mit einem Worte: Liebst du Ida – oder
Liebst du sie nicht?

Ulrich. Was macht das, wenn bereit
Ich bin, zum Weibe sie zu nehmen?

Siegendorf. Nichts,
Soweit es dein Gefühl betrifft, doch Alles
Für sie; denn sie ist jung, vergöttert dich,
Ist schön, mit Eigenschaften reich begabt,
Ein Glück zu geben, das gemeines Leben
Zu einem Traume macht, wie eure Dichter
Ihn zu ersinnen nicht vermögen und
(Wär's Weisheit nicht, die Tugend nur zu lieben)
Wofür Philosophie die Weisheit gab'
Dahin. Und wer so viel des Glückes gibt,
Verdient auch ein'ges wieder zu erhalten.
Ich möchte nicht, daß ihr um einen Mann,
Der selbst kein Herz besitzt, das ihre bräche,
Daß sie verwelkte wie die blasse Rose,
Die von dem Vogel schnöd verlassen wird,
Den sie für eine Nachtigall gehalten,
Wie uns das Märchen sagt. Sie ist –

Ulrich. Das Kind
Des todten Strahlenheim, der einst dein Feind.
Ich werde gleichwol mich mit ihr vermählen,
Obwol ich, frei gesagt, gerade jetzt
Nicht heftig für Verbindungen der Art
Begeistert bin.

Siegendorf. Doch liebt sie dich.

Ulrich. Und ich
Lieb' sie, und möcht' es zweimal drum bedenken.

Siegendorf. Ach Liebe that das nie!

Ulrich. Dann ist es Zeit,
Daß sie damit beginnt, die Binde von
Den Augen nimmt und aufschaut, eh' sie springt.
Bis jetzt ist sie im Dunkeln zugesprungen.

Siegendorf. Doch stimmst du zu?

Ulrich. Ich that's und thu' es noch.

Siegendorf. Nun, so bestimm' den Tag.

Ulrich. Gebrauch ist's sonst
Und artig jedenfalls, daß ihn die Dam'
Bestimmt.

Siegendorf. Ich stehe für sie ein.

Ulrich. Das würd'
Für keine Frau ich thun; und da ich das,
Was ich bestimm', gern unerschüttert säh',
Soll meine Antwort sie empfahn, so bald
Sie ihre gibt.

Siegendorf. Jedoch die Werbung muß
Von dir ausgehn.

Ulrich. Graf! Diese Heirath ist
Ganz Euer Werk, so werbet denn auch Ihr.
Doch um Euch angenehm zu sein, will ich
Die Mutter jetzt, wo wie Euch ja bekannt
Baronin Ida weilt, nach Pflicht begrüßen.
Was wollt Ihr denn? Ihr habt mir untersagt,
Mich außerhalb der Mauern dieses Schlosses
Mit männlichem Vergnügen zu befassen.
Ich hab' gehorcht. Jetzt wollt Ihr noch, daß ich
Zum Stubenhocker werde, Handschuh' hole,
Und Fächer halt', Stricknadeln heb' vom Boden,
Auf Lieder lausche, um ein Lächeln buhle,
Mich an Geschwätz erfreu' und einem Weib
Tief in die schönen Augen seh', als wären's
Die Sterne, die auf unsern Wunsch am Morgen
Vor einer Weltschlacht früh zurück sich ziehn. –
Was kann ein Sohn, ein Mann noch weiter thun?

( Ulrich ab.)

Siegendorf. Das ist zu viel – zu viel der Pflicht und all
Zu wenig Lieb'! Er zahlt mich in der Münze,
Die er nicht schuldet, heim. Denn so war mein
Verkehrt Geschick: ich konnte nicht bis heut'
Des Vaters Pflicht an seiner Seite üben.
Doch Liebe schuldet er mir viel; niemals
Ließ mein Gedanke von ihm ab, in Thränen
Sehnt' ich mich stets, mein Kind zu sehn. Nun hab'
Ich's wol gefunden, aber wie? Gehorsam,
Doch kalt; treu seiner Pflicht vor meinen Augen,
Doch interesselos, geheimnißvoll,
Zerstreut, mir fremd, abwesend viel und da,
Wo Niemand weiß, in enger Freundschaft mit
Den wildesten von unsern jungen Edeln,
Wenn er auch nie – was wahr ist, bleibe wahr! –
Herab sich läßt zu ihren niedern Freuden.
Ein innig Band jedoch ist zwischen ihnen,
Das ich nicht lösen kann. Sie schaun zu ihm
Empor, sie holen Rath bei ihm und drängen
Sich fast wie um ein Oberhaupt um ihn.
Mir aber schenkt er sein Vertrauen nicht.
Ach kann ich das auch hoffen nach – – ? Erstreckt
Sich meines Vaters Fluch bis auf mein Kind?
Ist jener Ungar wieder in der Näh', um mehr
Des Blutes zu vergießen? Oder – Oh
Wenn's möglich wär'! O Geist von Strahlenheim.
Schwebst du um diese Mauern, um den Mann
Und all die Seinen zu verderben, der
Zwar dich nicht schlug, doch dir des Todes Thor
Eröffnet hat? Es war nicht unsre Schuld
Und ist nicht unsre Sünd', du warst mein Feind;
Doch schont' ich dich, als mein Verderben noch
Auf deinem Kissen schlief, um – würd'st du wach –
Zugleich mit zu erwachen. Ach! ich nahm
Nur – O verfluchtes Gold! du liegst wie Gift
Mir in der Hand. Ich wag's nicht, dich zu brauchen,
Noch auch von dir zu scheiden, denn du kamst
Auf solche Art zu mir, daß du vielleicht
Wie meine – jede Hand beflecken würdst.
Doch that ich, um dich, schlechtes Gold, zu sühnen
Und deines todten Herren Mord (wenngleich
Der nicht durch mich, noch durch die Meinen, fiel),
Was ich, wenn ich sein Bruder war, nur konnte.
Ich nahm bei mir die Waise Ida auf
Und liebte sie als Eine, die einst mein
Sein, wird.

Ein Diener tritt auf.

Diener. Der Abt, nach dem Ihr habt gesandt
Will, wenn es Eurer Erlaucht so gefällt,
Euch grüßen.

Prior Albert tritt auf.

Prior. Friede sei mit diesen Mauern
Und Allen, die darin.

Siegendorf. Willkommen, Vater,
Und möge dein Gebet Erhörung finden.
Die Menschen haben es ja Alle Noth
Und ich –

Prior. Ihr habt den ersten Anspruch auf
Die wärmsten Bitten unsrer Brüderschaft,
Denn unser Kloster, das einst Eure Ahnen
Gestiftet, wird von deren Kindern noch
Beschützt.

Siegendorf. Ja, guter Vater! fahre fort
In dieser trüben Zeit voll Ketzerei
Und Blut, für uns zu bitten jeden Tag,
Wenn auch der ketzerische Schwede Gustav
Nun heimgegangen ist.

Prior. Zu jener Wohnung
Der Glaubenslosen, wo ein ewig Weh'
Und Zähneklappern ist, und blut'ge Thränen
Und ewig Feuer und der Wurm, der nie
Erstirbt.

Siegendorf. Ja, Vater! und um diese Pein
Von Einem abzuwenden, der zwar unsrer
Höchst makellosen heil'gen Kirche lebte,
Doch ohne jene Sacramente starb,
Die durch das Fegefeuer sicher helfen –
Der Seele, biete demuthsvoll ich dies
Geschenk zu Seelenmessen für den Mann.

(Siegendorf gibt ihm das Gold, das er bei Strahlenheim genommen.)

Prior. Wenn ich es nehme, Graf, geschieht's nur, weil
Ich zu wohl weiß, daß eine Weig'rung Euch
Beleid'gen würd'. Seid überzeugt, daß dies
Geschenk zu milden Gaben nur verwendet
Und deshalb jede Messe für den Todten
Dennoch gesungen wird; denn unser Haus
– Dank Eurem, das es einst so reich bedacht –
Bedarf Geschenke nicht, wird aber doch
Euch und den Eurigen in allen Dingen,
Die schicklich sind, Gehorsam gerne leisten.
Für wen soll ich die Messen lesen lassen?

Siegendorf (stockend). Für – für – den Todten, Vater!

Prior. Und sein Name?

Siegendorf. Nicht von dem Namen möcht' ich, von der Seele
Das ewige Verderben wenden, Vater!

Prior. Ich wollte mich in kein Geheimniß drängen,
Wir werden beten für den Unbekannten,
Wie wenn's der Höchste wär'.

Siegendorf. Geheimniß hab'
Ich keins. Doch, Vater, Der, der starb, mag Ein's
Bei sich getragen haben. Er vermachte
– Das heißt, nicht grade er – doch ich bestimme
Die Summe hier zu einem frommen Zweck.

Prior. Ein solches Werk geziemt sich wol zu thun,
Wenn Freunde von uns gehn.

Siegendorf. Doch Der dahin,
War nicht mein Freund, vielmehr mein tödlichster,
Mein größter Feind.

Prior. Nur um so besser dann!
Den Reichthum dazu brauchen, daß den Himmel
Man für die Seele seines ärgsten Feinds
Gewinnt, ist Eines würdig, der, als er
Gelebt noch, ihm verzieh.

Siegendorf. Doch ich verzieh
Ihm nicht. Ich flucht' ihm bis zuletzt, wie er
Mir that. Auch jetzt lieb' ich ihn nicht, allein –

Prior. Das ist noch mehr, ist reinste Religion.
Ihr hälfet dem, der Euch verhaßt, gern aus
Der Höll'! ein christlich Mitleid! und dazu
Mit Eurem eig'nen Gold.

Siegendorf. 'S ist nicht mein Gold.

Prior. Weß ist es denn? Ihr sagtet doch, 's sei kein
Legat?

Siegendorf. Gleichviel wem es gehört. Deß seid
Gewiß, daß der, dem es gehört, es nicht
Mehr brauchen kann, es sei zu solchen Dingen,
Die man von Eurem Altar sich erkauft;
Euch oder Eurem Altar drum gehört's.

Prior. 'S klebt doch kein Blut daran?

Siegendorf. Nein, aber Schlimm'res:
Endlose Schmach!

Prior. Starb Der in seinem Bett,
Dem es gehörte?

Siegendorf. Ach! er that's!

Prior. Mein Sohn,
Ihr fallt in Euern Rachedurst zurück,
Wenn Ihr des Feinds unblut'gen Tod beklagt...

Siegendorf. Sein Tod war nur zu tief in Blut versenkt.

Prior. Ihr sagtet doch: er starb in seinem Bett,
Nicht in der Schlacht?

Siegendorf. Er starb – ich weiß es selbst
Nicht wie – er ward im Dunkel umgebracht;
Er starb – da habt Ihr's nun! – auf seinem Kissen
An einem – abgeschnitt'nen Hals. – Ach Gott!
Ihr seht mich an? Ich bin nicht dieser Mann,
In dem Punkt kann ich Euern Blick ertragen
Wie Gottes Blick dereinst!

Prior. Er starb auch nicht
Durch Leute, Werkzeug, Mittel, die von Euch
Gestammt?

Siegendorf. Nein! bei dem Gott, der sieht und schlägt.

Prior. Und wißt Ihr nicht, wer ihn getödtet hat?

Siegendorf. Auf Einen könnte ich nur rathen, der
Ein Fremder mir, durch nichts verbunden mir,
Noch auch durch mich bestellt. Ich sah den Mann,
Der in Verdacht gerieth, nur einen Tag.

Prior. Dann seid Ihr frei von Schuld.

Siegendorf ( lebhaft). O bin ich's? Sprecht!

Prior. Ihr habt es selbst gesagt und wißt's am besten.

Siegendorf. Ich sprach die Wahrheit, Vater! nur die Wahrheit,
Wenn auch die ganze nicht. – Doch sagt, daß ich
Nicht schuldig sei, denn dieses Mannes Blut
Drückt so auf mich, als hätte ich's vergossen,
Obwol ich's nicht gethan, ich schwör' es bei
Der Macht, die Blutvergießen stets gehaßt!
Nein! ich verschonte ihn einmal, wo ich
Ihn treffen konnt' – vielleicht auch sollt', denn Nothwehr
Ist, wenn ein übermächt'ger Feind uns drückt,
Stets zu entschuldigen. Doch betet jetzt
Für ihn, für mich, mein ganzes Haus; denn wie
Gesagt, obwol ich schuldlos bin, so fühl'
Ich doch, ich weiß nicht wie es kommt, grad' so
Gewissensbiss', wie wenn durch mich er oder
Die Meinigen gefallen wär'. Drum betet
Für mich, mein Vater! Ach vergebens hab'
Ich selbst gebetet.

Prior. Gut, mein Sohn! ich will's;
Jetzt tröstet Euch: unschuldig' seid Ihr ja
Und solltet ruhige wie die Unschuld sein.

Siegendorf. Doch immer nicht ist mit der Unschuld Ruh'
Vereint. Ich fühl's: sie ist es nicht.

Prior. Allein
Ihr werdet es, wenn Ihr die Wahrheit erst
Des Tatbestands recht zu Gemüth Euch führt.
Denkt an das morgige erhabne Fest,
Wo unter unsre ersten Edeln Ihr
Und Euer braver Sohn Euch reiht, und glättet
Die Stirn. Und bei dem allgemeinen Dank-
Gebet, daß nun die blut'ge Zeit vorbei,
Laßt nicht ein Blut, das Ihr ja nicht vergoßt,
Auf Eure Seele einen Schatten werfen.
Das war' zu peinlich! Tröstet Euch! vergeßt!
Und laßt dem Schuld'gen des Gewissens Biß.

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