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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Werner oder Das Erbe

George Gordon Noël Byron: Werner oder Das Erbe - Kapitel 5
Quellenangabe
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typedrama
authorGeorge Byron
titleWerner oder Das Erbe
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Act.

Erster Auftritt.

Saal im gleichen Palast. Idenstein und Andre treten ein.

Idenstein. Sehr schöne Dinge! Saubre Dinge, das!
Ein Reichsbaron beraubt in einem Fürstenschloß!
Wo man bis heut' von so was nie gehört.

Fritz. Das war auch nicht wohl möglich, wenn die Ratten
Den Mäusen nicht Tapetenfetzen raubten.

Idenstein. O daß ich leben mußt', um diesen Tag
Zu schaun! Die Ehre unsrer Stadt ist nun
Für ewig hin!

Fritz. Ganz gut! Jetzt aber ist
Die Frag', wie man den Uebelthäter faßt.
Der Herr Baron will diese Summe nicht
So ohne weiteren Versuch verlieren.

Idenstein. Ich auch nicht, nein!

Fritz. Auf wen habt Ihr Verdacht?

Idenstein. Verdacht? Auf alle Welt! sei's draußen, drin,
Sei's droben, drunten! – Himmel, steh' mir bei!

Fritz. Gibt's keinen andern Zugang in das Zimmer?

Idenstein. Ich wüßt' nicht wo!

Fritz. Seid dessen Ihr gewiß?

Idenstein. Gewiß! Von Kindheit auf hab' ich im Schloß
Gelebt, gedient. Gäb's einen solchen, hätt'
Ich doch davon gehört.

Fritz. Dann müßte Einer
Ins Vorgemach gekommen sein.

Idenstein. Natürlich!

Fritz. Der Mann, der Werner heißt, ist arm.

Idenstein. Arm wie
Ein Hund! Doch wohnt er so weit weg von hier
Im andern Flügel, der mit des Barons
Gemach in keinerlei Verbindung steht,
Daß das nicht sein kann. Ueberdies bot ich
Fast tausend Schritt von hier ihm gute Nacht
Im Saal, der nur nach seiner Stube führt,
Und zwar zur selben Zeit, da dieser Raub,
Dies schändliche Verbrechen Allem nach
Hier ward verübt.

Fritz. 'S ist noch ein Andrer da,
Der fremde Herr!

Idenstein. Der Ungar?

Fritz. Der, der aus
Der Oder den Baron half fischen.

Idenstein. Nun!
Nicht unwahrscheinlich wär's. – Doch halt! könnt's nicht
Auch Einer vom Gefolg' gewesen sein?

Fritz. Was? wir, Herr?

Idenstein. Nein, nicht Ihr, doch einer von
Den niedern Dienern. Der Baron, sagt Ihr,
Schlief in dem großen Stuhl, dem Sammetstuhl,
In seinem reichgestickten Nachtgewand,
Vor ihm die Toilette ausgelegt
Und auf dem Tisch ein Kästchen mit Papieren
Und ein'gen Rollen Golds; von diesen sei
Nur eine wegstipizt. Die Thüre war
Nicht abgeschlossen und der Zutritt leicht.

Fritz. Mein lieber Herr! seid nicht so rasch! Die Ehre
Der Leute, die zum Haushalt des Barons
Gehören, ist vom Küchenjungen an
Bis zu dem Haushofmeister tadellos.
Da wird nur ehrlicher Profit gemacht
An Rechnungen, an Maß, Gewicht, im Keller,
In Speisekammer, wo ein Jeder sich
Was macht; auch an dem Briefporto, beim Zins,
Wenn man ein Gastmahl hält, und dadurch, daß
Man mit den Handwerksleuten sich versteht,
Die für die Edelleute Etwas liefern.
Doch jene kleinliche, wegschnappende
Und offne Dieberei verachten wir
So sehr, wie's Tafelgeld. – Und dann, hätt' Einer
Von unsern Leuten es gethan, so wär'
Er doch kein solcher Tropf gewesen,
Daß er den Hals um eine Rolle wagte;
Der hätte alle mitgenommen und
Das Kästchen auch, wenn es nur tragbar war.

Idenstein. Darin liegt ein'ger Sinn.

Fritz. Nein, lieber Freund,
Seid überzeugt, 's war keiner von den Unsern,
Vielmehr ein kleinlicher, erbärmlicher
Langfinger ohne Geist und Kunst. Es fragt
Sich nur – wer anders daran konnte als
Der Ungar, und – Ihr selbst?

Idenstein. Ihr meinet doch
Nicht mich?

Fritz. Nein, Herr! von Eurer Fähigkeit
Halt' weit mehr ich –

Idenstein. Und meiner Ehre, Hoff' ich.

Fritz. Natürlich! Doch zur Sach'! Was ist zu thun?

Idenstein. Nichts – nichts! Doch läßt sich viel darüber sagen.
Wir wollen einen Preis ausschreiben, Himmel
Und Erde in Bewegung setzen, und
Die Polizei – obschon die nächste die
In Frankfurt ist – und weil kein Drucker hier,
Die Nachricht schriftlich an die Ecken schlagen
Und meinen Schreiber dazu stellen, daß
Er vor sie liest – denn Niemand außer ihm
Und mir kann das. Wir wollen Kerls aussenden,
Die Bettler ausziehn, leere Taschen schütteln,
Ein jed' Zigeunerweib verhaften, auch
Die Schlechtgekleideten und Schmutz'gen all.
So werden wir Gefangene bekommen,
Wenn auch den Schuld'gen nicht; und was das Gold
Des Freiherrn anbelangt, erwischt man's nicht,
So soll er die Befriedigung doch haben,
Daß, um den Geist der Rolle zu citiren,
Ihr Inhalt zwei Mal schmelzen wird. Da habt
Ihr Alchymie für Eures Herrn Verlust!

Fritz. Er hat schon eine bessere gefunden.

Idenstein. Und wo?

Fritz. In einem ungeheuern Erbe.
Der Graf von Siegendorf, sein ferner Vetter,
Ist nah bei Prag auf seiner Burg gestorben
Und nun ist mein Gebieter auf dem Weg,
Sich in Besitz von diesem Erb' zu setzen.

Idenstein. War sonst kein Erbe da?

Fritz. O ja! Doch der
Entschwand schon längst dem Aug' der Welt, vielleicht
Auch ganz der Welt: so ein verlor'ner Sohn,
Der zwanzig Jahre lang des Vaters Fluch
Ertrug, der ein gemästet Kalb für ihn
Nicht schlachten wollt'. Wenn Der daher noch lebt,
Muß er noch immer an den Träbern nagen;
Und käme er zum Vorschein jemals wieder,
So würde der Baron schon Mittel finden,
Zum Schweigen ihn zu bringen. Der ist klug
Und hat viel Einfluß an gewissen Höfen.

Idenstein. Da ist er glücklich.

Fritz. Allerdings ist noch
Ein Enkel da, den der verstorb'ne Graf
Von seinem Sohn sich geben ließ, und den
Als seinen Erben er erzog. Doch ist
Der Mensch von zweifelhaftem Blut.

Idenstein. Wie so?

Fritz. Sein Vater schloß 'nen dummen Ehebund
Zur linken Hand, aus Lieb', mit einer Welschen,
Der Tochter eines ausgewies'nen Herrn,
Der, wie es heißt, zwar adlich war, jedoch
Dem Hause Siegendorf nicht ebenbürtig.
Der Alte konnte die Verbindung nie
Verdaun und nie veranlaßt werden, daß
Das Paar er sah. Doch nahm er ihren Sohn
Zu sich.

Idenstein. Wenn dieser Bursche Feuer hat,
So kann er Euch den Anspruch schwer bestreiten
Und ein Gewebe weben, das der Herr
Baron nicht leicht entwirrt.

Fritz. Nun Feuer hat
Der Bursche wol genug. Man sagt, er sei
Ein glücklich Mischwerk von den Eigenschaften
Des Vaters und des Ahn, so ungestüm
Wie jener und so schlau wie dieser. Doch
Das Seltsamste ist, daß auch er vor ein
Paar Monden jäh verschwand.

Idenstein. Den Teufel auch!

Fritz. Jawol! der muß ihm's eingegeben haben,
Daß er gerade vor des Alten Tod,
Deß Herz dadurch gebrochen ward, verschwand.

Idenstein. Und hat man keinen Grund dafür genannt?

Fritz. O freilich viele! schwerlich wol den wahren.
Der meinte: um die Eltern aufzusuchen;
Der: weil der Alte ihn zu streng gehalten.
– Das konnt's nicht sein, Der war in ihn vernarrt –
Der schwur: er habe Kriegsdienst' nehmen wollen;
Doch da man Frieden bald darauf geschlossen,
So könnte längst zurück er sein, war dies
Der Grund. Noch Andre meinten liebevoll:
Es lieg' in ihm etwas so Wildes, Finstres,
Daß er in seines Wesens Ueppigkeit
Vielleicht den schwarzen Banden sich gesellt,
Die in der Lausitz hausen, in den Bergen
Von Böhmen, Schlesien, seitdem der Krieg
Herunterkam zu einem Räuberwesen,
Wo jede Bande ihren Hauptmann hat,
Die alle gegen Land und Leute wüthen.

Idenstein. Das kann nicht sein! Ein junger Erbe, der
Für Reichthum und für Luxus ward erzogen,
Sollt' Ehr' und Leben in die Schanze schlagen
Mit Soldateska und Banditenvolk!

Fritz. Das weiß nur Gott! Allein es gibt Naturen,
Die Unternehmungslust so wild entflammt,
Daß sie Gefahr wie ein Vergnügen suchen.
Ich hörte sagen, daß den Kannibalen,
Den Tiger Nichts zu zähmen sei im Stand,
Und wäre er von Jugend auf mit Milch
Und Honig nur genährt. Und eigentlich
War euer Wallenstein und euer Tilly
Und Gustav Adolf, Banner, Torstenson
Das gleiche Ding in großem Maßstab nur.
Da diese todt und Frieden ist verkündet,
Muß, wer den alten Zeitvertreib will pflegen,
Es nun auf eig'ne Rechnung thun. – Da kommt
Der Freiherr und der fremde Herr aus Sachsen,
Der gestern ihm hauptsächlich half heraus
Und der heut' Morgen erst das Bauernhaus
Am Oderfluß verließ.

Strahlenheim und Ulrich treten auf.

Strahlenheim. Da jede Art
Erkenntlichkeit Ihr ablehnt, edler Fremdling,
Und nichts wollt nehmen als nur Dankesworte,
So drängt Ihr diese fast zurück und laßt
Die Unzulänglichkeit des Worts mich fühlen
Und mich erröthen über meinen Dank,
Der im Vergleich mit dem, was Euer Muth
Für mich gethan, so dürftig nun erscheint.

Ulrich. Ich bitt' Euch, sprecht nicht weiter von der Sache.

Strahlenheim. Doch kann ich Euch nicht irgend Dienste leisten?
Ihr seid noch jung, und von dem edeln Zeug,
Aus dem man Helden macht, schön von Gesicht,
Brav, wie mein Dasein es bezeugt, und würdet
Mit solchem Aeußern, solchem Herzen sicher
Dem Krieg so ruhmbegierig in das Auge,
Das wilde, schaun, wie einen dunkeln Tod
Ihr selbst gewagt, um einen fremden Mann
Aus einem gleich gefährlichen, wenn auch
Ganz andern kühlen Element zu retten.
Ihr seid für's Dienen wie gemacht; auch ich
Hab' einst gedient und durch Geburt und Dienst
Mir Rang und Freunde viel verschafft, die nun
Die Euern sind. Wol ist es wahr, der Frieden
Begünstigt spärlich solche Laufbahn jetzt,
Allein er wird nicht dauernd sein; zu sehr
Bewegt ist stets der Menschengeist, und nach
Den dreißig Jahren Kampf ist Friede nur
Ein, kleiner Krieg, wie man in jedem Wald
Jetzt sieht, ein bloser Stillstand unter Waffen.
Krieg wird von Neuem seine Rechte fordern,
Und in der Zwischenzeit mögt einen Posten
Erlangen Ihr, der einen höhern bald
Euch sichern würd', wie Euch mein Einfluß bürgt.
Ich spreche hier von Brandenburg, wo mir
Der Kurfürst hold. In Böhmen bin ich fremd
Und wir befinden uns an seiner Grenze.

Ulrich. Ihr seht an meinem Kleid, daß ich ein Sachse;
Natürlich schuld' ich meinem eig'nen Herrn
Den Dienst. Doch wenn ich Euer Anerbieten
Ablehnen muß, geschieht's mit dem Gefühl,
Womit Ihr es gemacht.

Strahlenheim. Das heiß' ich Wucher!
Ich danke Euch mein Leben, und Ihr wollt
Den Zins der Schuld nicht einmal anerkennen.
So häuft Ihr nur noch mehr Verbindlichkeit
Auf mich, die mich zu Boden drücken muß.

Ulrich. Ihr mögt das sagen, wenn ich Zahlung heische.

Strahlenheim. Gut denn! wenn Ihr nicht wollt – Ihr seid von Adel?

Ulrich. Mein Vetter sagte so.

Strahlenheim. Und Eure That
Beweist's. Darf ich um Euern Namen bitten?

Ulrich. Ulrich!

Strahlenheim. Und Euer Haus?

Ulrich. Wenn dessen werth
Ich einmal bin, werd' ich Euch Antwort geben.

Strahlenheim. (bei Seite). Vermutlich ist's ein Oesterreicher, dem
Die böse Zeit verbeut, sich seines Bluts
In diesem wilden Landesstrich zu rühmen,
Wo seines Vaterlandes Namen wird
Gehaßt. – (Laut zu Fritz und Idenstein.)
War't glücklich Ihr in Eurem Forschen?

Idenstein. So ziemlich, Excellenz.

Strahlenheim. So darf ich hoffen,
Daß man den Räuber hat erwischt?

Idenstein. Nun ja –
Das heißt, nicht ganz.

Strahlenheim. So ist man wenigstens
Ihm auf der Spur?

Idenstein. Ja, sehr viel auf der Spur.

Strahlenheim. Wer ist es denn?

Idenstein. Wißt Ihr's nicht, gnäd'ger Herr?

Strahlenheim. Wie sollt' ich? Ich schlief fest.

Idenstein. Ich auch, und das
Ist auch der Grund, warum ich mehr nicht weiß
Als Eure Excellenz.

Strahlenheim. Du Schöps!

Idenstein. Nun, wenn
Ihr, gnäd'ger Herr, den man beraubt, den Schelm
Nicht kennt, wie soll denn ich, den man ja nicht
Beraubt, den Dieb erspähen aus so Vielen?

Im Haufen – wenn es Euer Excellenz
Gefällt – sieht Euer Dieb genau so wie
Die Andern aus, vielleicht sogar noch besser;
Nur vor Gericht und im Gefängniß kennen
Die Weisen Euern Gauner an den Zügen.
Ich wett', wenn man ihn dort nur einmal sieht,
Wird sein Gesicht, ob er als schuldig nun
Erfunden wird, ob nicht, ein schuld'ges sein.

Strahlenheim (zu Fritz). Ich bitte, Fritz, berichte mir, was man
Gethan hat, um den Schuft herauszubringen.

Fritz. In Wahrheit, gnäd'ger Herr, noch nicht viel mehr
Als muthgemaßt.

Strahlenheim. Ganz abgesehen vom
Verlust – der übrigens gerade jetzt
Mich auch empfindlich trifft – möcht' ich den Kerl
Im allgemeinen Interesse finden,
Denn ein so abgeführter Dieb, der mitten
Durch meine Diener schleicht und durch so viele
Bewohnte, lichterhellte Zimmer und
Vor meinem kaum geschloss'nen Auge mir
Das Gold wegnimmt, der würde Euer Städtchen,
Herr Castellan, bald gründlich räumen aus.

Idenstein. Ja, das ist wahr – wenn etwas nämlich hier
Zu räumen wäre, gnäd'ger Herr.

Ulrich. Was heißt
Das Alles denn?

Strahlenheim. Ihr kamt erst heute früh
Zu uns und habt noch nicht gehört, daß man
Mich heute Nacht beraubt?

Ulrich. Nur ein Gerücht
Traf mich, als ich die äußeren Gemächer
Im Schloß durchschritt, doch Näh'res weiß ich nicht.

Strahlenheim. Es ist ein eigner Handel. Der Cast'lan
Kann Euch die Sache nach der Hand erzählen.

Idenstein. Sehr gern! So wißt –

Strahlenheim (ungeduldig). Verschiebt doch die Geschichte,
Bis Ihr gewiß seid, daß der Hörer hört.

Idenstein. Das kann man durch die Probe nur erproben.
So wißt –

Strahlenheim (unterbricht ihn wieder und wendet sich gegen Ulrich).
Kurz denn: ich schlief auf meinem Stuhl
Vor meinem Pult, wo oben ein'ges Gold
– Mehr als ich gern verliere, traf's auch nur
'Nen Theil – und so gelang es einem Schelm
Durch alle meine Diener sich zu schleichen
Und die des Hauses – und mir so ein hundert
Dukaten abzuführen, die ich nun
Gern wieder finden möchte. Das ist Alles!
Vielleicht – da ich zu schwach noch bin – Ihr würdet
Zu Eurer gestrigen Verbindlichkeit
Noch diese klein're, doch nicht kleine fügen,
Den Leuten hier, die allzu lau mir scheinen,
Beim Wiederfinden etwas beizustehn?

Ulrich. Sehr gern, wir wollen gleich daran. (Zu Idenstein.)
Kommt, Freund!

Idenstein. Ei solche Hast fand selten noch Erfolg
Und –

Ulrich. Starre Unbeweglichkeit noch nie!
Drum laßt uns gehn. Wir sprechen unterwegs.

Idenstein. Allein –

Ulrich. Zeigt nur den Ort, dann hör' ich Euch.

Fritz. Sogleich, wenn Seine Excellenz erlaubt.

Strahlenheim. Ja! – Nehmt den alten Esel mit.

Fritz. Voran!

Ulrich. Komm, alt's Orakel, laß dein Räthsel hören.

(Ab mit Idenstein und Fritz.)

Strahlenheim (allein). Ein braves feuriges Soldatenherz!
Wie Herkules vor seinem ersten Werk
So schön, und von gedankenvoller Stirn,
Die nicht zu seinen Jahren paßt, so lang'
Er schweigt; bis sich sein Aug' entflammt, wenn er
Euch Antwort gibt. Ich wollt', ich könnt' ihn fesseln.
Ich brauche solche Herzen jetzt um mich,
Denn dieses Erb' ist einen Kampf wol werth,
Und bin ich gleich der Mann, der ohne Kampf
Zurückweicht, nicht, so sind auch die es nicht,
Die zwischen mich und meine Wünsche treten.
Der Knabe, sagen sie, sei kühn; allein
In einer Stunde toller Laune hat
Den Abenteurer er gespielt und es
Dem Glück anheim gestellt, sein Recht zu schützen.
So ist es recht! Der Vater, dem ich lang',
Ohn' ihn zu sehen, nachgespürt, und nur
Nach dem Geruch, wie es ein Bluthund thut,
Entwischte erst, doch hab' ich ihn jetzt hier,
Und das ist besser noch. Er muß es sein;
Ein jeder Umstand deutet darauf hin.
Arglose Stimmen, die den Grund nicht ahnen,
Warum ich forsch', bestärken mich hierin.
Ja, ja, der Mann, sein Wesen, das Geheime,
Wie er hier angelangt, die Zeit, auch die
Beschreibung, die der Castellan mir von
Dem würdigen, doch fremden, seltnen Aeußern
Der Frau gemacht, die ich noch nicht gesehn;
Der Widerwillen selbst, womit wir uns
Begegnet hier, wie Leu und Schlange thun,
Im heimlichen Instinkt, daß Todfeind Beide,
Doch von Natur sich nicht bestimmt zur Beute,
Dies Alles macht es meiner Brust gewiß.
Wir werden gleichwol hart zusammenringen.
In wenig Stunden kommt von Frankfurt der
Befehl, wofern das Wasser nicht noch steigt
Und dieses Wetter bringt sein rasches Fallen –
Dann hab' ich sicher ihn in einem Kerker;
Dort mag er Stand und Namen nur enthüllen.
Auch hat's dann weiter nichts auf sich, wenn als
Ein Andrer, denn ich mein', er sich entpuppt.
Auch dieser Diebstahl – abgesehen vom
Verlust – kommt ganz geschickt, denn er ist arm,
Das ist verdächtig schon; ist unbekannt;
So nimmt sich, Niemand seiner an. Wahr ist's,
Wir haben keinen Schuldbeweis, allein
Hat er Beweise seiner Unschuld denn?
Käm' meiner Hoffnung er nicht in die Quere,
Möcht' ich die That vom Ungarn eher glauben,
Der etwas an sich hat, was ich nicht mag,
Und außer dem Cast'lan, sowie des Fürsten
Und meiner Dienerschaft, allein von Allen
Vertrauten Eintritt in mein Zimmer hatte.

Gabor tritt auf.

Wie geht's Euch, Freund?

Gabor. Wie Einem, dem es gut
Geht überall, wenn er gegessen und
Geschlafen hat, gleichviel wie gut – und Euch,
Mein gnäd'ger Herr?

Strahlenheim. Im Schlafe besser als
Im Beutel, Herr! Es scheint, dies Wirthshaus kommt
Mich hoch zu stehn.

Gabor. Ich hab' von dem Verlust
Gehört, der Euch betroffen; doch ist dies
Ja eine Kleinigkeit für einen Herrn
Wie Ihr.

Strahlenheim. So dächtet schwerlich Ihr, wenn Euch
Der Unfall träf'.

Gabor. Ich hatt' – auf einmal – so
Viel Geld noch nie in meinem ganzen Leben,
Drum kann ich nicht entscheiden, ob's so ist. –
Ich kam Euch aufzusuchen. Eure Boten
Sind schon zurück. Ich überholte sie,
Als ich zurückgekehrt.

Strahlenheim. Ihr? Nun?

Gabor. Ich ging
Mit Tagesanbruch aus, zu sehen ob
Das Wasser schon gefallen sei, da ich
Gern meine Reise weiter fortgesetzt.
Doch Euern Boten ging's wie mir: der Fluß
Litt's nicht. Und da ich sehe, daß die Sache
Unthunlich ist, will ich hier warten bis
Dem Strom 's beliebt.

Strahlenheim. Ich wollt', sie lägen drin!
Warum versuchten sie's nicht durchzukommen?
Befahl ich's nicht auf jegliche Gefahr?

Gabor. Wenn Ihr dem Fluß befehlen könnt, daß er
Sich theil', wie Moses einst dem rothen Meer
Gethan – das schwerlich röther war, als der
Geschwoll'nen Oder Flut – und er es thut,
Dann können sie es wagen – anders nicht.

Strahlenheim. Da muß ich selber sehn, die Hund', die Sklaven!
Sie sollen büßen mir dafür! (Strahlenheim ab.)

Gabor (allein). Da geht
Mein edler, eigenwilliger Baron,
Ein Rest von jener tapfern Ritterschaft,
Den edeln Herrn der guten alten Zeit!
Noch gestern hätt' er seine Länderei'n
– Wenn welche er besitzt – ja noch weit mehr:
Die sechzehn Felder seines Wappenschilds
Für so viel frische Luft, als eine Blase
Zum Schwimmen hält, getauscht, da schnappend er
In seiner umgestürzten Kutsche lag
Und durch das Fenster spie. Jetzt wüthet er
Auf ein halb Dutzend arme Teufel, weil
Auch sie ihr Leben lieben! Er hat Recht!
Warum auch lieben sie's, da solch ein Kerl
Sie zwingen darf, es auf das Spiel zu setzen,
Wie's ihm beliebt? O Welt, du traur'ger Spaß! (Gabor ab.)

Zweiter Auftritt.

Das Zimmer Werner's in dem Palast.

Josephine und Ulrich treten auf.

Josephine. Bleib' steh« und laß dich noch einmal betrachten!
Mein Ulrich! theurer Sohn! Ist es denn möglich?
Zwölf Jahre sind's!

Ulrich. Geliebte Mutter!

Josephine. Ja!
Mein Traum ist nun erfüllt, und – o wie schön!
Weit schöner, als ich es ersehnt. O Himmel!
Nimm einer Mutter Dank und Freudethränen.
Fürwahr, dein Werk ist dies. In dieser Stunde
Kommt er als Sohn nicht nur, als Retter auch.

Ulrich. Wenn solche Freude meiner harrt, muß sie
Verdoppeln was ich fühl', und von mir nehmen
Ein Stück der langen Schuld der Pflicht, doch nicht
Der Lieb' – denn diese hielt ich nie zurück –
Der lange Aufschub war nicht meine Schuld,
Vergib!

Josephine. Ich weiß. Doch kann ich jetzt nicht mehr
An meinen Kummer denken; ja ich zweifle,
Ob jemals solchen ich gefühlt; dies Glück
Hat mir aus dem Gedächtniß ihn gewischt.
Mein Sohn!

Werner tritt auf.

Werner. Wer ist da? Wieder Fremde?

Josephine. Nein!
Sieh ihn nur an! Was siehst du?

Werner. Einen Jüngling –
Zum ersten Mal –

Ulrich (kniet). Ja, nach zwölf langen Jahren!
Mein Vater!

Werner. Gott!

Josephine. Er fällt in Ohnmacht!

Werner. Nein,
Es ist mir besser. Ulrich! (Umarmt ihn.) Sohn!

Ulrich. Mein Vater!
Graf Siegendorf!

Werner (erschrocken). Still, Knab'! Die Mauern könnten.
Den Namen hören.

Ulrich. Und was dann?

Werner. Nun! dann –
Doch davon reden wir jetzt gleich. Merk dir!
Man darf mich hier als Werner einzig kennen.,
Komm noch einmal in meine Arme, komm! –
Ja, du siehst ganz, wie ich hätt' aussehn sollen
Und es nicht that. – O Josephine, 's ist
Nicht Vaterzärtlichkeit, was mich verblendet,
Doch hätt' ich unter tausend Jünglingen
Den herrlichsten – den Jungen hier gesehn,
Ihn hätt' mein Herz zum Sohne sich erwählt.

Ulrich. Und doch hast du mich nicht erkannt.

Werner. Ach Sohn!
Ich hatte auf der Seele was, das mich
Auf Jeden läßt mit einem Auge schaun,
Das auf den ersten Blick nur Schlimmes sieht.

Ulrich. Mir diente das Gedächtniß freundlicher.
Ich habe nichts vergessen. Oftmals blickte
Ich aus den stolzen fürstlichen Gemächern
Von – doch ich nenn' sie nicht, da du es für
Gefährlich hältst. Ja mitten in dem Prunk
Des stolzen Ahnenhauses, blickte ich
An manchem Abend nach den böhm'schen Bergen
Und weinte, daß ein neuer Tag vorbei,
Wo diese mächt'gen Berge uns getrennt.
Sie sollen uns nicht länger trennen mehr.

Werner. Das weiß ich nicht. Ist dir bekannt geworden,
Daß todt mein Vater ist?

Ulrich. O Himmel! ich
Verließ ihn noch im frischen Greisenalter.
Er sah wie eine Eiche aus: gebeugt,
Doch fest noch in dem Wettersturm, indeß
Weit jüng're Baume zahlreich um ihn fielen.
'S ist kaum drei Monde her.

Werner. Warum gingst du
Von ihm?

Josephine (umarmt Ulrich). Wie kannst du fragen? Ist er denn
Nicht hier?

Werner. 'S ist wahr, er suchte seine Eltern
Und fand sie auch – doch wie! in welchem Zustand!

Ulrich. Das soll jetzt Alles besser werden. Was
Zu thun wir haben, ist: voranzugehn
Und zu behaupten unser Recht, vielmehr
Das deine nur, denn ich verzicht' auf Alles,
Wofern dein Vater über seine Güter
In solcher Weise nicht Verfügung traf,
Daß meine Rechte oben stehn und ich
Der Form zu lieb sie für mich wahren muß.
Doch hoffe ich, daß Alles dir gehört.

Werner. Sprich! Hast du nichts von Strahlenheim gehört?

Ulrich. Ich rettete ihm gestern erst das Leben.
Auch er ist hier.

Werner. So hast die Schlange du,
Die Alle uns noch stechen wird, gerettet.

Ulrich. Du sprichst in Räthseln. Was geht Strahlenheim
Uns an?

Werner. Nur allzu viel! Er ist's, der auf
Die Güter unsres Vaters Anspruch macht:
Ein ferner Vetter – unser nächster Feind.

Ulrich. Ich hab' den Namen nie bis heut' gehört.
Der Graf sprach manchmal wol von einem Vetter,
Der, wenn sein eigner Stamm erlöschen sollte,
Entfernt sich an dem Erb' betheil'gen könnte;
Doch nannte nie er seine Titel nur.
Was thut das auch? Sein Recht muß unsrem weichen,

Werner. Jawol in Prag, doch hier ist er allmächtig.
Er hat mir Schlingen lang' genug gelegt,
Und wenn bis jetzt ich ihnen noch entging,
So war's mein Glück, nicht seine Gunst.

Ulrich. Kennt er
Persönlich dich?

Werner. Das nicht, doch er ist schlau
Und hat mich im Verdacht, wie gestern er
Verrieth, und deshalb nur bin ich vielleicht
In Freiheit noch, weil er noch nicht gewiß.

Ulrich. Du thust ihm Unrecht wol – verzeih' dies Wort!
Doch Strahlenheim ist der nicht, den du meinst,
Und wär' er's auch, so schuldet er mir Dank
Für das Vergang'ne und die Gegenwart.
Ich rettete das Leben ihm; er hat
Deshalb mir sein Vertraun geschenkt. Er ist
Bestohlen worden seit er hier verweilt;
Ist krank, hier fremd und deshalb außer Stand,
Dem Schuft, der ihn beraubte, nachzuspüren.
Ich habe ihm versprochen, dies zu thun,
Und dies Geschäft hauptsächlich hat mich her-
Geführt, doch als nach fremden Schlacken ich
Gesucht, fand ich den eignen höchsten Schatz:
Euch, meine Eltern, euch!

Werner. (gereizt). Wen nennst du Schuft?
Wer lehrte dich den Namen?

Ulrich. Gibt's 'nen bessern
Für so gemeinen Dieb?

Werner. Wer lehrte dich,
Den unbekannten Mann mit diesem Maal
Der Hölle zu belegen?

Ulrich. Mein Gefühl
Lehrt mich den Schuft nach seiner That benennen.

Werner. Du langgesuchter, schlimm gefund'ner Knab'!
Wer sagte dir, daß mich der eig'ne Sohn
Beschimpfen dürfte ungestraft?

Ulrich. Ich sprach
Von einem Schuft. Was hat mit solchem Menschen
Mein Vater je gemein?

Werner. Nur jede Faser!
Der Schuft – es ist dein Vater!

Josephine. O mein Sohn,
Glaub' ihm kein Wort – und doch – (sie stockt).

Ulrich. (erschrickt, blickt erst auf Werner und sagt dann langsam).
Und du gestehst's?

Werner. Ulrich! eh' deinen Vater du verachtest,
Lern' seine Handlungen verstehn, beurtheln.
Kannst du, der du so jung, so neu im Leben,
Und in dem Schooß der Ueppigkeit erzogen,
Die Macht der Leidenschaft ermessen, die
Versuchung bitt'rer Noth? Wart' erst! – nicht lang',
'S kommt wie die Nacht und plötzlich – wart' erst, wart',
Bis deine Hoffnungen zerstört wie meine,
Bis Gram und Schande täglich dich bedienen,
Bis Noth und Hunger deine Gäste sind,
Dein Bett Verzweiflung theilt – dann stehe auf
Doch nicht vom Schlaf und richt'! – Wenn je der Tag
Erscheint, wo du die Schlange dann, die sich
Um Alles was dir lieb und theuer schlingt,
Auf deinem Weg im Schlafe liegen siehst,
Und dich vom Glück nur ihre Ringeln trennen,
Wenn der, der einzig lebt, um dir den Namen
Und Hab' und Gut, das Leben selbst zu nehmen,
Dir Preis gegeben ist und Glück dich führt,
Dich Mitternacht mit ihrem Mantel deckt,
Das bloße Messer in die Hand dir drückt
Und Alles schläft, sogar dein ärgster Feind,
Und er zum Tödten reizt, weil er wie todt
Fast sieht, und nur sein Tod dich retten kann,
So danke Gott, wenn du wie ich, zufrieden
Mit kleinem Raub, dich abseits kehrst – ich that's.

Ulrich. Allein –

Werner (schnell). Hör' mich, ich halte es nicht aus,
Die Stimme eines Menschen anzuhören.
Kaum wag' ich's auf die eigene zu lauschen
– Wenn die noch menschlich ist – hör' mich! Du kennst
Den Mann noch nicht, ich kenne ihn. Er ist
Gemein, betrüglich, geizig. Weil du jung
Und tapfer bist, hältst du für sicher dich.
Doch Niemand ist vor der Verzweiflung sicher,
Nur Wenige vor Selbstbetrug. Mein Feind,
Mein ärgster! Strahlenheim lag in dem Haus,
Im Bett des Fürsten unter meinem Messer.
Ein Augenblick – ein Regen nur – ja der
Geringste Anstoß nahm ihn von der Erde
Hinweg mit aller meiner Furcht. Ich hatte
Ihn ganz in der Gewalt, mein Messer war
Erhoben schon. Ich zog's zurück und bin
In seiner jetzt – bist du's nicht etwa auch?
Wer sagt dir, daß er dich nicht kennt? Wer weiß,
Ob nicht hierher er dich gelockt, um dir
Den Garaus hier zu machen, oder dich
Mit deinen Eltern in ein Loch zu werfen? – (Er hält inne.)

Ulrich. Fahr' fort! fahr' fort!

Werner. Mich hat er stets erkannt
Und mich durch jede Aenderung der Zeit,
Des Namens und des Glücks gehetzt; warum
Nicht jetzt auch dich? Bist in den Menschen du
Erfahrener? Um mich wand Schlingen er,
Warf Nattern mir in' Weg, die ich als jung
Hinweggestoßen hätt'; jetzt füllte sie
Ein Stoß mit frischem Gift. – Wirst du etwa
Geduld'ger sein, mein Sohn? O Ulrich, 's gibt
Verbrechen, die verzeihlich sind, weil die
Gelegenheit sie macht, Versuchungen,
Die die Natur nicht überwinden kann.

(Ulrich sieht erst ihn an, dann Josephine.)

Ulrich. O meine Mutter!

Werner. Ich hab' mir's gedacht.
Du hast jetzt nur noch sie, und ich verlor
Den Vater und den Sohn, und bin allein.

(Werner eilt aus dem Zimmer)

Ulrich. So bleib' doch!

Josephine (zu Ulrich). Folg' ihm nicht, bis dieser Sturm
Der Leidenschaft vorbei. Glaubst du, wenn dies
Ihm gut gethan, ich wär' ihm nicht gefolgt?

Ulrich. Ich folg' dir, Mutter, aber schweren Herzens.
Doch meine erste Handlung hier soll nicht
Ein Werk des Ungehorsams sein.

Josephine O er
Ist gut! Verdamm' ihn nicht nach seinem Wort!
Nein! glaube mir, die schon so viel mit ihm
Und für ihn trug: dies ist die Außenfläche
Von seiner Seele nur, die Tiefe ist
An bessern Dingen reich.

Ulrich. So ist dies nur
Des Vaters Ansicht, seine Denkungsweise?
Und meine Mutter denkt nicht ebenso?

Josephine Auch er spricht nicht so, wie er denkt. Ach Gott!
Der langen Jahre Gram macht hie und da
Ihn so.

Ulrich. Erklär' den Anspruch Strahlenheims
Mir deutlicher, damit, wenn ich die Sache
In ihrem wahren Wesen seh', ich leichter
Ihr gegenübertret' und wenigstens
Aus eurer jetzigen Gefahr euch rette.
Ich bürg' dafür, daß dies mir möglich ist;
Ich wollte nur, daß ein'ge Stunden früher
Ich kam.

Josephine Ach wärst du das!

Gabor und Idenstein mit Dienern treten auf.

Gabor (zu Ulrich). Ich suchte Euch,
Kam'rad! – Dies also ist mein Lohn!!

Ulrich. Was meint
Ihr denn?

Gabor. Ha daß ich das erleben muß!
(Zu Idenstein). Wärt Ihr so alt nicht und so dumm, ich wollt' –

Idenstein. Zu Hilfe! Hände weg! Vergreift Euch nicht
An einem Schloßcast'lan!

Gabor. O glaubet nicht,
Daß ich die Ehr' Euch anthun wolle, Euch
Den Hals vom Rabenstein zu retten, und
Euch selbst zu würgen. Nein!

Idenstein. Ich danke für
Die Galgenfrist, doch gibt es Leute, die
Sie nöth'ger hätten als ich selbst.

Ulrich. Enträthselt
Dies niedrige Gebalge mir.

Gabor. Wolan!
Man hat den gnäd'gen Herrn beraubt, und nun
Geruht der würd'ge Meister hier, auf mich
Den freundlichen Verdacht zu lenken – mich,
Den gestern er zum ersten Male sah.

Idenstein. Hätt' meine eig'nen Freunde ich etwa
Verdächt'gen sollen? Wißt: mein Umgang ist
Doch bess'rer Art.

Gabor. Ihr sollt den besten bald
Und letzten aller Menschen haben: Würmer!.
Du böser gift'ger Hund! (Gabor ergreift ihn.)

Ulrich. (tritt dazwischen). Halt! nicht Gewalt!
Er ist ein Greis und unbewaffnet, Gabor!
Drum mäßigt Euch!

Gabor. (laßt Idenstein fahren). Da habt Ihr Recht! Ich bin
Ein Narr, daß ich mich so vergesse, weil
Ein Narr für einen Schelm mich hält. Das ist
Ja Schmeichelei.

Ulrich. (zu Idenstein). Wie geht es Euch?

Idenstein. Zu Hilfe!

Ulrich. Ich half Euch ja.

Idenstein. Bringt ihn erst um, dann sag'
Ich so.

Gabor. Jetzt bin ich ruhig. – Leb' nur zu!

Idenstein. Ihr sollt das nicht, wenn es in Deutschland noch
Ein Recht und Richter gibt. Der Herr Baron
Entscheid'.

Gabor. Hat er etwa Euch aufgereizt,
Mich zu beschuldigen?

Idenstein. Hat er es nicht?

Gabor. Dann soll der Bursche wieder sinken und
Ich laß mich hängen, wenn ich vom Ersaufen
Ihn rett'. Da kommt er grad'!

Strahlenheim tritt auf.

Gabor (tritt auf ihn zu). Mein edler Herr!
Da bin ich.

Strahlenheim. Schön!

Gabor. Wollt Ihr etwas von mir?

Strahlenheim. Was sollt' ich wollen denn von Euch?

Gabor. Wenn Euch
Das Wasser gestern das Gedächtniß nicht
Hinweggewaschen hat, so wißt Ihr's wol.
Doch das ist Nebensache jetzt. Ich werd'
In unzweideut'gen Redensarten von
Dem Castellan hier angeklagt, Euch in Person
Beraubt zu haben oder Euer Zimmer.
Kommt die Beschuldigung von ihm, kommt sie
Von Euch?

Strahlenheim. Ich schuld'ge Niemand an.

Gabor. So sprecht
Ihr mich von der Beschuld'gung frei, Baron?

Strahlenheim. Ich wüßte nicht, wen ich beschuldigen,
Freisprechen oder nur verdächt'gen sollte.

Gabor. Doch solltet wenigstens Ihr wissen, wen
Ihr nicht verdächt'gen sollt. Man hat mich hier
Beschimpft, das Dienervolk hat mich bedrängt.
Ich schau' auf Euch um Schutz, lehrt dies Gesindel,
Was seine Schuldigkeit. Bei ihnen selbst
Sich nach dem Diebe umzuschauen wär'
Ein Theil hievon, wenn Ihr sie richtig lehrtet.
Mit Einem Wort: will Einer mich beschuld'gen,
So sei's ein Mann, der eines Manns wie ich
Bin, werth; denn ich bin Eures Gleichen.

Strahlenheim. Ihr?

Gabor. Ja höher selbst steh' ich, Ihr wißt warum.
Jedoch fahrt fort; ich frage nicht nach Winken,
Annahmen und Verhältnissen, Beweisen.
Ich weiß zu sehr, was ich für Euch gethan
Und was Ihr schuldig mir, um jedenfalls
Weit eher Eure Zahlung abgewartet
Als selber mich bezahlt gemacht zu haben,
Wenn ich nach Eurem Golde gierig war.
Ich weiß auch, daß, wär' ich der Schelm sogar,
Für den man mich hier hält, der Dienst, den ich
Euch kürzlich that, Euch nicht gestatten würde,
Mich so zu Tod zu hetzen, denn ein so
Verächtlich Thun müßt' Euern Wappenschild
Durchstreichen ja. Doch das ist nichts. Ich will
Schutz gegen Euer schnödes Dienerpack
Von Euch; will, daß mit eig'nem Mund Ihr sagt,
Daß ihre Frechheit nimmermehr Ihr billigt.
So viel seid Ihr dem Unbekannten schuldig,
Der mehr ja nicht verlangt, und niemals ahnte,
Daß jemals er nur Das verlangen müßte.

Strahlenheim. Der Ton mag wol der Unschuld Stimme sein.

Gabor. Zum Teufel! wer darf Solches noch bezweifeln,
Wenn nicht ein Schuft, der nie die Unschuld kannte?

Strahlenheim. Ihr werdet hitzig, Herr!

Gabor. Soll ich gefrieren,
Weil Hunde mich begeifern und ihr Meister?

Strahlenheim. Ulrich! Ihr kennt den Mann; ich fand in Eurer
Gesellschaft ihn.

Gabor. Wir fanden Euch im Strom;
Ich wollt', wir hätten Euch gelassen dort!

Strahlenheim. Ich sag' Euch meinen Dank.

Gabor. Den hab' ich jetzt.
Doch hätt' von Andern ich wol mehr erhalten,
Wenn Eurem Schicksal ich Euch überließ.

Strahlenheim. Ulrich! Ihr kennt den Mann?

Gabor. Nicht mehr als Ihr,
Wenn meine Ehre er nicht anerkennt.

Ulrich. Ich anerkenne Euern Muth, und in
So weit man bei so kurzem Umgang kann,
Auch Eure Ehr'.

Strahlenheim. Dann bin zufrieden ich
Gestellt.

Gabor (ironisch). Sehr schnelle, wie mich dünkt. Wo liegt
Der Zauber denn, der sein Behaupten besser
Als meines macht?

Strahlenheim. Ich sagte nur, ich sei
Zufrieden jetzt, nicht Ihr seid freigesprochen.

Gabor. Schon wieder! Bin ich angeschuldigt oder
Bin ich es nicht?

Strahlenheim. Laßt's sein! Ihr werdet mir
Zu frech. Wenn mancher Umstand, wenn der Leute
Verdacht sich ausspricht wider Euch, bin ich
Dran Schuld? Ist's nicht genug, wenn jede Frage
Ob schuldig oder nicht, ich von mir weise?

Gabor. Mein gnäd'ger Herr! Das sind nur eitel Kniffe!
Ein niedrig Wortverdrehn! Ihr wißt recht gut,
Daß Eure Zweifel für die andern Alle
Gewißheit sind und Eure Blicke Worte,
Ja Eurer Stirne Runzeln ein Verdammen.
Ihr übet Eure Macht an mir, weil Ihr
Sie habt; doch hütet Euch, Ihr wisset nicht,
Auf wem herumzutreten Euch beliebt.

Strahlenheim. Du drohst?

Gabor. So schwer nicht als Ihr mich beschuldigt.
Ihr deutet die gemeinste Handlung an
Und ich vergelt' mit offner Warnung Euch.

Strahlenheim. Wie Ihr gesagt, ich schulde Ein'ges Euch,
Wofür Ihr, scheint's, bezahlt Euch machen wollt.

Gabor. Doch nicht mit Eurem Gold.

Strahlenheim. Mit eitler Grobheit.
(Zu Idenstein und den Dienern). Ihr braucht nicht weiter zu belästigen
Den Mann. Laßt ihn nur gehn. Ulrich, behüt'
Euch Gott! (Strahlenheim, Idenstein und Diener ab.)

Gabor. (folgt). Ich will ihm nach und –

Ulrich (hält ihn auf). Keinen Schritt.

Gabor. Wer soll mich hindern?

Ulrich Eure eigene
Vernunft, wenn Ihr's nur einen Augenblick
Bedenkt.

Gabor. Soll so was ich ertragen?

Ulrich Still!
Wir Alle müssen dessen Uebermuth
Ertragen, der gewaltiger als wir.
Die Höchsten können Satan nicht beherrschen,
Die Niedrigsten nicht dessen Stellvertreter.
Ich sah, wie Ihr den Elementen trotztet
Und Dinge trugt, wovor der Seidenwurm
Die Haut abwarf; jetzt kommt Ihr außer Euch
Zweideut'gen Lächelns, bitt'rer Worte halb.

Gabor. Soll ich für einen Dieb mich halten lassen?
Hielt man für einen Räuber mich im Wald,
Ich hätt's ertragen: 's liegt was Flottes drin!
Doch Geld zu stehlen einem Schlafenden –

Ulrich Es scheint also, daß Ihr nicht schuldig seid?

Gabor. Was?! hör' ich recht? Auch Ihr?

Ulrich Ich fragte nur.

Gabor. Wenn mich ein Richter fragte, sagt' ich Nein!
Doch Euch antwort' ich so! (Er zieht.)

Ulrich (zieht). Mir grade recht!

Josephine. Heda ihr draußen! Hilfe! Hilfe! Hilfe!
O Gott, 's gibt einen Mord! (Josephine schreiend ab.)
(Gabor und Ulrich fechten. Gabor wird in dem Augenblick entwaffnet, wo Strahlenheim,
Josephine, Idenstein etc. wieder eintreten.

Josephine. Dem Himmel Dank!
Er lebt!

Strahlenheim.( zu Josephine). Wer lebt?

Josephine. Mein –

Ulrich (unterbricht sie mit einem finstern Blick und wendet sich gegen Strahlenheim). Ja, wir beide thun's.
Es war hier nicht viel los.

Strahlenheim. Wer war denn Schuld
Daran?

Ulrich. Ich glaube Ihr, Baron! Doch da
Es ohne Folgen blieb, laßt's Euch nicht grämen.
– Gabor! hier Euer Schwert! Zieht Ihr es wieder,
So thut es nicht mehr gegen Eure Freunde.

(Ulrich spricht die letzten Worte langsam und nachdrücklich, doch mit gedämpfter Stimme zu Gabor.)

Gabor. Ich dank' Euch wen'ger für mein Leben als
Für Euern Rath.

Strahlenheim. Der Zank muß enden hier.

Gabor (hebt sein Schwert auf). Er soll's! Ihr habt mir weh' gethan,
mein Freund,
Durch Eure schimpflichen Gedanken mehr
Als Euer Schwert, und lieber wollt' ich, dies
Stäk' mir im Herzen als in Eurem jene.
Ertragen könnt' ich noch die abgeschmackten
Verdächtigungen jenes Edelmanns.
Unwissenheit und alberner Verdacht
Sind ja sein Erb', und werden länger ihm
Verbleiben als sein Grundbesitz. Doch krieg'
Ich schon noch ihn! Ihr überwandet mich;
Ich war in meiner Leidenschaft so toll,
Zu glauben, daß mit Euch ich kämpfen könnte,
Den ich in größeren Gefahren schon
Als meine Klinge birgt, als Mann erfunden.
Wir mögen uns wol wieder mal begegnen.
Doch sei's in Freundschaft nur. (Gabor ab.)

Strahlenheim. Das trag' ich länger nicht. Der Friedensbruch,
Den er auf die Beschimpfungen, vielleicht
Die Schuld hier folgen ließ, hat ausgelöscht,
Was ich ihm etwa noch für seinen Beistand,
Den er zu Eurem wirksamern gefügt
Und stets so prahlend vorhält, schuldig war.
– Ihr seid doch nicht verletzt?

Ulrich. Im mindsten nicht.

Strahlenheim. (zu Idenstein). Hört, Castellan! Trefft Eure Anstalt nur,
Des Kerls Euch zu versichern. Meine Milde
Nehm' ich zurück. Sobald das Wasser fällt
Soll mit Bedeckung man nach Frankfurt – merkt
Es Euch! – ihn senden.

Idenstein. Seiner sich versichern!
hat den Degen ja zurück erhalten
Und scheint zu wissen, mit ihm umzugehn,
Sein Handwerk ist's vermutlich – ich bin Bürger.

Strahlenheim. Du Narr! ist jenes Schock Vasallen, das
Dir auf der Ferse nachläuft, nicht genug,
Ein Dutzend solcher Bursche aufzugreifen?
Fort, fort! Ihm nach!

Ulrich. Baron! ich bitte Euch –

Strahlenheim. Gehorsam will ich sehn; kein Wort mehr weiter.

Idenstein. Gut! wenn es sein muß. – Marsch, Vasallen, marsch!
Ich führe Euch, doch bleib' ich bei dem Nachtrab.
Ein kluger General soll nie sein Leben,
Das theure, auf dem Alles ruht, riskiren.
Ich liebe diesen Kriegsartikel sehr. (Idenstein mit den Dienern ab.)

Strahlenheim. Komm her, mein Ulrich! – Doch was will das Weib?
Ah jetzt erkenn' ich sie: es ist die Frau
Des Manns, den man hier »Werner« heißt.

Ulrich. So heißt er.

Strahlenheim. Wirklich? – Ist Euer Gatte, schöne Dame,
Nicht sichtbar?

Josephine. Sucht ihn wer?

Strahlenheim. Nein, vorerst nicht.
– Doch möcht' ich gern mit Euch allein was reden,
Ulrich!

Ulrich. Ich geh' mit Euch.

Josephine. Nicht doch! Ihr seid
Der letzte Fremde hier und habt deshalb
Auch über alle Räume zu verfügen.

(Bei Seite zu Ulrich, während sie hinausgeht)

Ulrich! nimm dich in Acht! Bedenk', wie viel
An einem unvorsicht'gen Worte hängt.

Ulrich (zu Josephine). Fürcht' nichts! (Josephine ab.)

Strahlenheim. Ich denk', daß ich Euch trauen darf,
Ulrich! Ihr habt das Leben mir gerettet
Und Thaten der Art zeugen unbegrenzt
Vertraun.

Ulrich. So sprecht!

Strahlenheim. Verhältnisse, die dunkel
Und langer Hand, so daß ich jetzt in das
Detail nicht eingehn kann, bewirkten, daß
Der Mann mir schädlich, ja gefährlich ist.

Ulrich. Wer? Gabor, jener Ungar?

Strahlenheim. Nein, der Werner,
Mit seinem falschen Namen und Gewand.

Ulrich. Wie kann das sein? Der Aermste ist's der Armen,
Und Krankheit sitzt in seinen hohlen Augen.
Der Mann ist hilflos selbst.

Strahlenheim. Er ist – gleichviel!
Doch wenn der Mann er ist, der er mir scheint
– Und daß es so, bestätigt Alles mir,
Was ich hier seh', und viel, was nicht hier ist –
So muß man, eh' zwölf Stunden um, sich sein
Versichern.

Ulrich. Was hab' ich damit zu thun?

Strahlenheim. Ich hab' nach Frankfurt an den Gouverneur
Geschickt, der mir befreundet ist (hiezu
Berechtigt eine Vollmacht mich, die ich
Vom Hause Brandenburg erhielt), damit
Er eine schickliche Bedeckung sende.
Doch die verwünschte Flut sperrt jeden Weg
Und wird vielleicht noch stundenlang es thun.

Ulrich. Sie fällt.

Strahlenheim. Das ist sehr gut.

Ulrich. Doch was hab' ich
Damit zu thun?

Strahlenheim. Da Ihr so viel für mich
Gethan, kann Euch, was wicht'ger mir, selbst als
Das Leben ist, das Ihr gerettet habt,
Bedeutungslos nicht sein. – Behaltet ihn
Im Aug'. Der Mann vermeidet mich. Er weiß,
Daß ich ihn kenne. Hütet ihn, wie Ihr
Den wilden Bären hüten würdet, wenn
Er durch der Jäger Reihn sich auf Euch stürzte.
Wie jene muß man ihn durchrennen mit
Dem Speer.

Ulrich. Weshalb?

Strahlenheim. Weil zwischen mir er steht
Und einem schönen Erb'. O könntet Ihr
Das sehn! Jedoch Ihr sollt's.

Ulrich. Ich hoff's.

Strahlenheim. Es ist
Das reichste wol im ganzen reichen Böhmen
Und unversengt durch dieser Kriege Flammen.
Es liegt so nah an Prag, der stärksten Stadt,
Daß Brand und Schwert es leichthin nur berührt,
So daß ganz abgesehn von seiner Fülle,
Zweifachen Werth es jetzt besitzt, wenn man
Mit ganzen Ländern es vergleicht, die nah'
Und fern verwüstet sind.

Ulrich. Ihr malt getreu.

Strahlenheim. Ja könntet Ihr es sehn, Ihr sagtet so;
Doch wie ich schon versprach, Ihr sollt's.

Ulrich. Ich nehm'
Das Omen an.

Strahlenheim. Dann fordert einen Lohn
Von ihm und mir, wie Euer Angebot
Und Eure Dienste es um mich und um
Mein Haus verdienen immerdar.

Ulrich. Und dieser
Unsel'ge, arme Mensch, der milde Wandrer
Steht zwischen Euch und jenem Paradies?
(Bei Seite.) Wie Adam zwischen Satan und dem seinen.

Strahlenheim. So ist's!

Ulrich. Hat er kein Recht?

Strahlenheim. Recht? nein! Er ist
Enterbt – verlorner Sohn, der sein Geschlecht
Wol zwanzig Jahre lang durch jede That
Entehrt, zumal durch seinen Ehebund
Und sein Getreibe unter Bürgersleuten
Und schnöden Krämern auf dem Judenmarkt.

Ulrich. Er hat ein Weib?

Strahlenheim. Es würde leid Euch thun,
Wenn Eure Mutter Die Ihr nennen müßtet.
Ihr saht die Frau ja, die sein Weib er nennt.

Ulrich. Sie ist es nicht?

Strahlenheim. So wenig als er selbst
Je Euer Vater ist! 'Ne Italienerin,
Die Tochter eines ausgewies'nen Manns,
Die mit dem Werner nun von Liebe lebt
Und Bettelbrod.

Ulrich. Sie sind wol kinderlos?

Strahlenheim. Es ist ein Bastard – oder war er – da,
Den jener Greis, der Großpapa – denn Alter
Ist stets in solche Brut vernarrt – sich zu
Erwärmen, an den Busen nahm, als er
Gar eisig kalt dem Grab zuschritt. Allein
Der Bursch steht nicht mehr mir im Weg. Er ist
Entflohn und Niemand weiß, wohin? Doch wär'
Er es auch nicht, so wäre zu verächtlich
Sein Anspruch doch, um gegen mich zu gelten.
– Was lächelt Ihr?

Ulrich. Ob Eurer eiteln Furcht!
Ein armer Mann, den in der Hand Ihr habt
Ein Kind anrüchigen Geblüts schreckt den
Gewalt'gen Herrn!

Strahlenheim. Wo Alles zu gewinnen,
Ist Alles zu befürchten auch.

Ulrich. Gewiß!
Und um zu sichern oder zu gewinnen,
Muß man auch Etwas thun.

Strahlenheim. Ihr habt die Saite,
Die meinem Herzen liegt zunächst, berührt.
Ich kann mich also ganz auf Euch verlassen?

Ulrich. Es wär' zu spät, wenn Ihr dran zweifeln wolltet.

Strahlenheim. Kein thöricht Mitleid rühre Euer Herz
– Denn jammerwürdig sieht der Mann wol aus –
Er ist ein Schuft, dem es so gleich säh, mich
Beraubt zu haben wie dem Kerl, der noch
Verdächt'ger ist. Nur sind die äußern Gründe
Nicht so sehr gegen ihn, da er sehr fern
In einem Zimmer wohnt, das mit dem meinen
Nicht in Verbindung steht; und – grad heraus!
Ich denke von verwandtem Blut zu gut,
Als daß ich glauben könnt', er würde je
Herab zu einer solchen Handlung sinken;
Und überdies war er Soldat, und zwar
Ein tapfrer einst, wenn auch zu hitzig stets –

Ulrich. Und Die, mein gnäd'ger Herr, das wissen aus
Erfahrung wir, berauben nie, eh' sie
Den Schädel nicht erst eingeschlagen haben,
Was sie zu Erben, statt zu Dieben macht.
Die Todten, die nichts fühlen, können auch
Nichts mehr verlieren, noch bestohlen werden.
Ihr Raub ist ein Vermächtniß, weiter nichts.

Strahlenheim. Hört, Mann! Ihr seid ein Schalk. Jedoch versprecht,
Daß Ihr den Mann im Auge wollt behalten
Und mir es melden, wenn er Anstalt trifft,
Sich zu verstecken oder durchzugehn.

Ulrich. Ihr dürft versichert sein, Ihr selber könntet
Ihn strenger nicht bewachen als vor ihm
Ich Schildwach' steh'.

Strahlenheim. Ihr macht zum Eurigen
Mich ganz und gar damit.

Ulrich. Das will ich auch. (Beide ab.)

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