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Wenn wir Toten erwachen

Henrik Ibsen: Wenn wir Toten erwachen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorHenrik Ibsen
titleWenn wir Toten erwachen
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen ? Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
editorJulius Elias und Paul Schlenther
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101227
projectidf16b841b
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Zweiter Akt

Gegend bei einem Hochgebirgs-Sanatorium. Die Landschaft erstreckt sich als ein unermeßliches, baumloses Kammplateau auf einen langen Bergsee zu. Auf der andern Seite des Wassers steigt eine Reihe Hochgebirgskuppen, bläulichen Schnee in den Mulden, empor. Im Vordergrund links rieselt ein Bach in geteilten Streifen eine schroffe Felswand hernieder und fließt von da in ebenem Laufe nach rechts über das Plateau. Buschgestrüpp, Pflanzen und Steine längs des Bachlaufes. Im Vordergrund rechts eine Anhöhe mit einer Steinbank auf ihrem Gipfel. Es ist ein Sommernachmittag kurz vor Sonnenuntergang.

In einiger Entfernung auf dem Plateau jenseits des Baches spielt und tanzt ein Haufe singender kleiner Kinder. Sie sind teils in städtischen Kleidern, teils in Volkstracht. Frohes Lachen ist während des Folgenden gedämpft hörbar.

Professor Rubek sitzt oben auf der Bank, ein Plaid über den Schultern, und sieht dem Spiel der Kinder zu.

Bald darauf taucht Frau Maja zwischen Büschen auf dem Plateau links im Mittelgrund auf und späht, die Augen mit der Hand beschattend, umher. Sie trägt eine flache Touristenmütze, einen kurzen aufgesteckten Rock, der nur bis zur Mitte der Wade reicht, und hohe solide Schnürstiefel. In der Hand hat sie einen langen Gebirgsstock.

Frau Maja  entdeckt endlich Rubek und ruft: Hallohoi!

Sie kommt über das Plateau nach vorn, springt mit Hilfe des Gebirgsstockes über den Bach und ersteigt die Anhöhe.

Frau Maja  pustend. Bin ich herumgerannt und hab' Dich gesucht!

Professor Rubek  nickt gleichgültig und fragt: Kommst Du vom Sanatorium herauf?

Frau Maja. Ja, jetzt eben komm' ich da aus dem Fliegenschrank.

Professor Rubek  blickt sie flüchtig an. Du warst nicht bei Tisch, hab' ich bemerkt.

Frau Maja. Ganz recht. Wir zwei, wir hielten unsern Mittag unter freiem Himmel.

Professor Rubek. »Wir zwei«? Was für »zwei« ?

Frau Maja. Na, ich – und dieser greuliche Mensch, der Bärentöter. Wer sonst.

Professor Rubek. Ach so, der.

Frau Maja. Ja. Und morgen früh wollen wir wieder hinaus.

Professor Rubek. Auf Bären?

Frau Maja. Ja. Meister Petz den Garaus machen.

Professor Rubek. Habt Ihr die Spur von einem gefunden?

Frau Maja  überlegen. Ich bitte Dich, hier oben auf dem nackten Kamm gibt's doch keine Bären.

Professor Rubek. Wo denn sonst?

Frau Maja. Tief drunten, an den Berghalden; da, wo der Wald am dichtesten ist und gewöhnliches Stadtvolk überhaupt nicht mehr durchkommt.

Professor Rubek. Und da wollt Ihr morgen hinunter?

Frau Maja  wirft sich in die Heide. Ja, so haben wir verabredet. Aber vielleicht brechen wir auch schon heut abend auf, – vorausgesetzt, daß Du nichts dagegen hast?

Professor Rubek. Ich? Weit entfernt –

Frau Maja  rasch. Übrigens begleitet uns Lars natürlich. Mit der Koppel.

Professor Rubek. Ich habe mich gar nicht erkundigt nach dem Herrn Lars und seiner Koppel. Abbrechend. Aber willst Du Dich nicht lieber ordentlich hier auf die Bank setzen?

Frau Maja  müde. Nein, danke. Ich lieg' so schön in der weichen Heide.

Professor Rubek. Du bist müde, seh' ich.

Frau Maja  atmet tief. Glaub' fast, ich fang's an zu werden.

Professor Rubek. Das kommt eigentlich erst hinterher; – wenn die Spannung vorüber ist –

Frau Maja  in schläfrigem Ton. Ich will nur die Augen ein bißchen zumachen.

Kurze Pause.

Frau Maja  plötzlich ungeduldig. Uh, Rubek, – daß Du das aushalten kannst, immerfort das Gejohle der Kinder mit anzuhören! Und diesen ewigen Bocksprüngen zuzusehen, die sie da machen.

Professor Rubek. Es liegt – in gewissen Momenten – etwas Harmonisches in ihren Bewegungen – eine Art Musik, möcht' ich fast sagen. Mag noch so viel Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit mit unterlaufen. Aber diese einzelnen – immer wiederkehrenden – Momente entschädigen einen dafür.

Frau Maja  lacht ein wenig verächtlich. Hm, Du bist doch immer und ewig Künstler.

Professor Rubek. Und wär' froh, wenn ich's immer bliebe.

Frau Maja  dreht sich auf die Seite, so daß sie ihm den Rücken wendet. Er ist keine Spur von Künstler.

Professor Rubek  aufmerksam. Wer ist kein Künstler?

Frau Maja  wieder in schläfrigem Ton. Er – der andre halt.

Professor Rubek. Der Bärenschütz, meinst Du?

Frau Maja. Ja. Keine Spur von Künstler ist der. Keine Spur.

Professor Rubek  lächelt. Nein, da magst Du, weiß Gott, recht haben.

Frau Maja  heftig, ohne sich zu rühren. Und wie häßlich er ist. Rauft ein Büschel Heidekraut aus und wirft es wieder von sich. So häßlich, so häßlich! Uh!

Professor Rubek. Gehst Du deshalb so gern mit ihm – auf die Jagd?

Frau Maja  kurz. Was weiß ich. Wendet sich ihm zu. Du bist auch häßlich, Rubek.

Professor Rubek. Entdeckst Du das erst jetzt?

Frau Maja. Nein, das hab' ich längst gesehen.

Professor Rubek  zuckt die Achseln. Man wird älter, Frau Maja. Man wird älter.

Frau Maja. So mein' ich's gar nicht. Aber Dein Blick hat etwas so Müdes, Entsagendes bekommen –. Wenn Du mir so – hier und da – allergnädigst einen Seitenblick schenkst –.

Professor Rubek. Das willst Du bemerkt haben ?

Frau Maja  nickt. Mehr und mehr haben Deine Augen diesen schlimmen Ausdruck angenommen. Fast als ob Du etwas gegen mich im Schilde führtest.

Professor Rubek. So? Freundlich, aber ernst. Komm und setz' Dich zu mir, Maja. Wir wollen ein paar Worte miteinander reden.

Frau Maja  richtet sich halb auf. Läßt Du mich auf Deinen Knien sitzen? Wie in den ersten Jahren?

Professor Rubek. Nein, das geht nicht. Man kann uns vom Hotel aus sehen. Rückt ein Stückchen. Aber hier auf der Bank kannst Du sitzen – neben mir.

Frau Maja. Nein, danke; dann bleib' ich lieber liegen. Ich hör' auch hier sehr gut. Blickt ihn fragend an. Na, also von was wolltest Du reden?

Professor Rubek  beginnt langsam. Was hältst Du wohl für den eigentlichen Grund, der mich zu dieser Sommerreise bestimmt hat?

Frau Maja. Je nun, – Du hast zwar unter anderm behauptet, sie würde mir so außerordentlich gut tun, – aber –

Professor Rubek. Aber –?

Frau Maja. Aber jetzt glaub' ich weiß Gott nicht mehr daran.

Professor Rubek. Sondern –?

Frau Maja. Jetzt glaub' ich, daß Du jener blassen Dame zuliebe gereist bist.

Professor Rubek. Frau von Satows wegen –?!

Frau Maja. Ja, dieser Frau wegen, die uns auf den Fersen sitzt. Gestern abend ist sie ja auch hier aufgetaucht.

Professor Rubek. Aber was in aller Welt –!

Frau Maja. Na, Du hast sie doch so sehr gut gekannt. Längst bevor Du mich kanntest.

Professor Rubek. Und hatte sie auch wieder vergessen – längst bevor ich Dich kannte.

Frau Maja  setzt sich aufrecht. Kannst Du so leicht vergessen, Rubek?

Professor Rubek  kurz. Nur zu leicht. Fügt brüsk hinzu: Wenn ich vergessen will.

Frau Maja. Auch ein Weib, das Dir Modell gestanden hat?

Professor Rubek  abweisend. Wenn ich sie nicht länger nötig habe –

Frau Maja. Auch eine, die sich vor Dir ausgezogen hat?

Professor Rubek. Das will nichts heißen. Dafür sind wir Künstler. Schlägt einen andern Ton an. Und dann – wenn ich fragen darf – wie hätte ich denn ahnen sollen, daß sie hier im Lande ist?

Frau Maja. Ach, Du konntest ja ihren Namen in einer Badeliste gelesen haben. In irgend einer Zeitung.

Professor Rubek. Aber ich kannte ja gar nicht den Namen, den sie trägt. Hatte in meinem Leben von keinem Herrn von Satow gehört.

Frau Maja  stellt sich müde. Na, du lieber Gott, so wolltest Du eben aus irgend einem andern triftigen Grunde reisen.

Professor Rubek  ernst. Ja, Maja, – es ist aus einem andern Grund geschehen, einem ganz andern Grund. Und darüber müssen wir uns endlich einmal aussprechen.

Frau Maja  unterdrückt einen Lachanfall. Herrjeh, wie feierlich Du aussiehst!

Professor Rubek,  indem er sie mißtrauisch zu ergründen sucht. Ja, vielleicht feierlicher als nötig.

Frau Maja. Wie –?

Professor Rubek. Und nötig dürfte es für uns beide sein.

Frau Maja. Du fängst an, mich neugierig zu machen, Rubek.

Professor Rubek. Bloß neugierig? Gar nicht ein bißchen unruhig?

Frau Maja  schüttelt den Kopf. Keine Spur.

Professor Rubek. Gut. So höre denn. – Du hast jüngst im Bade unten gesagt, ich wäre Dir in letzter Zeit so nervös vorgekommen –

Frau Maja. Ja, das warst Du auch.

Professor Rubek. Und was hältst Du wohl für die Ursache?

Frau Maja. Wie kann ich wissen –? Rasch. Du hast vielleicht das ewige Zusammenleben mit mir satt bekommen ?

Professor Rubek. Ewige–? Sag' doch gleich: immer und ewige.

Frau Maja. Also: tägliches Zusammenleben. Wir zwei kinderlosen Leute, wir sind doch auch nun volle vier, fünf Jahre nebeneinander hergegangen und kaum eine Stunde getrennt gewesen. – Immer waren wir beiden ganz allein für uns.

Professor Rubek  interessiert. Nun ja, –und– ?

Frau Maja  etwas gedrückt. Du bist eben kein Gesellschaftsmensch, Rubek. Du gehst am liebsten Deinen Weg für Dich und beschäftigst Dich mit Deinen eigenen Interessen. Und ich kann nun einmal von Deinen Sachen nicht ordentlich mit Dir reden, – von diesen Kunstfragen und so weiter. Macht eine wegwerfende Handbewegung. Und das interessiert mich, wahrhaftigen Gott, auch nicht sonderlich.

Professor Rubek. Nun eben, eben; darum sitzen wir ja auch meistens am Kamin und schwatzen von Deinen Sachen.

Frau Maja. Ach, du lieber Gott, – was sollten denn das für Sachen sein!

Professor Rubek. Und wenn es auch nur Kleinigkeiten sind. Aber die Zeit vergeht uns jedenfalls auch so, Maja.

Frau Maja. Ja, da hast Du recht. Die vergeht. Sie schickt sich an, von Dir Abschied zu nehmen, Rubek. – Und das ist es wohl auch, was Dich so unruhig macht –

Professor Rubek  nickt heftig. Und so unstet.

Windet sich auf der Bank. Ich halte dieses armselige Leben bald nicht mehr aus!

Frau Maja  steht auf und blickt ihn eine Weile an. Willst Du mich los sein, so sag's nur heraus.

Professor Rubek. Was ist das nun wieder für ein Ausdruck? Dich los sein!

Frau Maja. Nun ja, – wenn Du frei sein willst, so sollst Du das gerade heraus sagen. Und die Stunde noch schnür' ich mein Bündel.

Professor Rubek  lächelt fast unmerklich. Das klingt ja wie eine Drohung, Maja?

Frau Maja. Für Dich kann das doch gewiß keine Drohung sein.

Professor Rubek  erhebt sich. Nein, Du hast recht, eigentlich nicht. Fügt nach einer Weile hinzu: Du und ich, wir können unmöglich so weiter zusammenleben –

Frau Maja. Nun also –!

Professor Rubek. Bitte kein also. Mit Nachdruck. Können wir beide nicht mehr allein zusammenleben, – so brauchen wir uns ja deshalb noch nicht scheiden zu lassen,

Frau Maja  lächelt verächtlich. Nur ein bißchen getrennt zu leben, was?

Professor Rubek. Auch das nicht einmal.

Frau Maja. Na, so rück' heraus damit, – was willst Du denn mit mir machen?

Professor Rubek  etwas unsicher. Was ich jetzt so lebhaft und so schmerzlich vermisse, das ist ein Mensch, der mir wirklich innerlich nahe steht –

Frau Maja  unterbricht ihn gespannt. Tu' ich das nicht, Rubek?

Professor Rubek  abweisend. Versteh' mich nicht falsch. Ich müßte mit jemand zusammenleben, der mich gleichsam ausfüllte, – ergänzte, – eins wäre mit mir in all meinem Tun und Schaffen.

Frau Maja  langsam. Ja, so hohen Ansprüchen würde ich wohl nicht genügen können.

Professor Rubek. Das würde Dir wohl auch sauer werden, Maja.

Frau Maja  heftig. Und ich hätte, weiß Gott, auch gar keine Lust dazu.

Professor Rubek. Das weiß ich nur zu gut. – Und ich dachte ja auch gar nicht an eine solche Lebenshilfe, als ich Dein Schicksal an meines knüpfte.

Frau Maja,  ihn beobachtend. Ich seh' Dir an, daß Du jetzt an eine andere denkst.

Professor Rubek. So? Als Gedankenleserin hab' ich Dich noch nicht gekannt. Das siehst Du also?

Frau Maja. Ja, das seh' ich. Ach, ich kenn' Dich so gut, Rubek, so gut!

Professor Rubek. So weißt Du am Ende auch, an wen ich denke?

Frau Maja. Ja, allerdings.

Professor Rubek. Nun? Bitte –?

Frau Maja. Du denkst an dies – an dies Modell, das Du einmal gehabt hast – – Verliert plötzlich den Faden. Weißt Du, daß man sie im Hotel für verrückt hält?

Professor Rubek. So? Und was hält man denn im Hotel von Dir und dem Bärentöter?

Frau Maja. Das gehört nicht hierher. Fährt fort, wo sie abbrach. Aber an diese blasse Fremde hast Du jedenfalls gedacht.

Professor Rubek  fest. An sie und keine andere. – Als ich sie nicht mehr nötig hatte – und sie mich außerdem verließ – und spurlos verschwand, – da –

Frau Maja. Da hast Du mich als eine Art Notbehelf genommen, wie?

Professor Rubek  rücksichtsloser. Offen gestanden, so war es ungefähr, meine kleine Maja. Ich war da ein Jahr oder anderthalb einsam grübelnd umhergegangen und hatte die letzte – die allerletzte Hand an mein Werk gelegt. Der »Auferstehungstag« ging in die Welt und brachte mir Ruhm – und all die anderen Herrlichkeiten. Wärmer. Aber ich liebte mein eigenes Werk nicht mehr. Und vor der Menschen Weihrauch und Kränzen wär' ich am liebsten, verzweifelnd und angewidert, in die finstersten Wälder geflohen. Blickt sie an. Du bist ja Gedankenleserin, – kannst Du erraten, auf was ich da verfiel?

Frau Maja  wegwerfend. Hm, ja. Darauf, Porträtbüsten von Herren und Damen zu machen.

Professor Rubek  nickt. Auf Bestellung, jawohl. Mit Tierfratzen hinter den Masken. Die bekamen sie gratis; als Zugabe, verstehst Du. Lächelnd. Aber das war's nun eigentlich nicht, was ich zunächst meinte.

Frau Maja. Sondern?

Professor Rubek  wieder ernst. Dieser ganze Künstlerberuf und diese ganze künstlerische Tätigkeit und alles, was damit zusammenhängt, – fing an, mir so von Grund aus leer und hohl und nichtig vorzukommen.

Frau Maja. Was wolltest Du denn statt dessen?

Professor RubekLeben, Maja.

Frau Maja. Leben?

Professor Rubek. Ja, ist's denn nicht unvergleichlich wertvoller, ein Leben in Sonnenschein und Schönheit zu führen, als sich bis ans Ende seiner Tage in einer naßkalten Höhle mit Tonklumpen und Steinblöcken zu Tode zu plagen?

Frau Maja  mit einem kleinen Seufzer. Ganz meine Meinung.

Professor Rubek. Und dann war ich ja nun auch reich geworden, um in Überfluß zu leben und eitel Sonnenschein. Ich konnte mir die Villa am Taunitzer See bauen und das Palais in der Hauptstadt. Vom übrigen zu schweigen.

Frau Maja  im Ton ihres Mannes. Und zuguterletzt hast Du auch noch die Mittel gehabt, Dir Deine jetzige Frau anzuschaffen. Und all Deine Schätze gehörten von nun an auch mir.

Professor Rubek  scherzhaft ablenkend. Wollt' ich Dich nicht mit mir auf einen hohen Berg nehmen und Dir alle Herrlichkeit der Welt zeigen?

Frau Maja  mit einem sanftmütigen Ausdruck. Es mag ja ein recht hoher Berg gewesen sein, auf den Du mich mitgenommen hast, Rubek, – aber alle Herrlichkeit der Welt hast Du mir nicht gezeigt.

Professor Rubek  lacht gereizt. Bist Du unzufrieden, Maja! So unzufrieden! Heftig. Aber weißt Du, was das Traurigste ist? Hast Du davon eine Ahnung?

Frau Maja  in stillem Trotz. Daß Du mich fürs ganze Leben mitgenommen hast, – das wird's wohl sein.

Professor Rubek. Ich würde mich nicht so herzlos ausgedrückt haben.

Frau Maja. Aber der Sinn wäre gewiß ebenso herzlos gewesen.

Professor Rubek. Du hast keinen rechten Begriff davon, wie eine Künstlernatur inwendig aussieht.

Frau Maja  lächelt und schüttelt den Kopf. Du lieber Gott, ich hab' ja nicht einmal einen Begriff davon, wie's in mir selber aussieht.

Professor Rubek  unbeirrt. Ich lebe so schnell, Maja. Wir leben nun einmal so, wir Künstler. Ich für mein Teil habe in den paar Jahren, die wir uns kennen, ein ganzes Leben durchlebt. Menschen wie ich finden kein Glück in müßigem Genuß; das hab' ich allmählich einsehen gelernt. So einfach liegt das Leben nicht für mich und meinesgleichen. Ich muß ununterbrochen arbeiten – Werk schaffen auf Werk – bis zu meinem letzten Tag. Mit Überwindung. Darum kann ich nicht länger mit Dir auskommen, Maja. – Wenigstens nicht mit Dir allein.

Frau Maja  ruhig. Soll das mit klaren, nackten Worten heißen, daß Du meiner überdrüssig bist?

Professor Rubek  aufbrausend. Jawohl! Überdrüssig dieses Zusammenlebens mit Dir, unaussprechlich müde und überdrüssig! Nun weißt Du's. Beherrscht sich. Harte, häßliche Worte sag' ich Dir da. Das fühl' ich selbst nur zu gut. Und Du kannst nichts dafür, – das erkenn' ich gern an. In mir, und nur in mir hat sich eine Umwandlung vollzogen – halb vor sich hin – ein Wiederaufwachen zu meinem eigentlichen Leben.

Frau Maja  faltet unwillkürlich die Hände. Aber warum in aller Welt können wir dann nicht voneinander gehen?

Professor Rubek  blickt sie überrascht an. – Du wolltest –?

Frau Maja  zuckt die Achseln. Ja, wenn es sein muß –

Professor Rubek  eifrig. Es muß aber nicht sein. Es gibt einen Ausweg –

Frau Maja  hebt den Finger. Jetzt denkst Du wieder an die blasse Dame!

Professor Rubek. Ja, offen gestanden, ich muß unablässig an sie denken. Von dem Augenblick an, als ich sie wiedergesehen habe. Einen Schritt näher. Denn jetzt will ich Dir etwas anvertrauen, Maja.

Frau Maja. Nun?

Professor Rubek  schlägt sich an die Brust. Siehst Du, hier drinnen, – hier hab' ich einen winzig kleinen, verschlossenen Schrein. Und in diesem Schrein liegen all meine Bildnerträume verwahrt. Als sie nun aber spurlos verschwand, da fiel der Deckel ins Schloß. Und sie hatte den Schlüssel – und nahm ihn mit. – Du, meine kleine Maja, hattest keinen Schlüssel. Deshalb liegt alles unbenutzt darin. – Und die Jahre vergehen! Und ich komme und komme nicht zu dem Schatz.

Frau Maja  ein listiges Lächeln unterdrückend. So laß Dir von ihr wieder aufschließen –

Professor Rubek  nicht gleich verstehend. Maja –?

Frau Maja. Sie ist doch jetzt hier. Und wird wohl auch wegen dieses Schreins gekommen sein.

Professor Rubek. Mit keinem Wort hab' ich ihr gegenüber diese Dinge berührt.

Frau Maja  sieht ihn naiv an. Aber, lieber Rubek, – ist denn eine so einfache Sache wie die so viel Redens und Aufhebens wert?

Professor Rubek. Findest Du sie so einfach?

Frau Maja. Allerdings. Tu Dich nur mit dem Menschen zusammen, den Du am besten brauchen kannst. Nickt ihm zu. Ich werde schon ein Unterkommen zu finden wissen.

Professor Rubek. Und wo?

Frau Maja  sorglos, ausweichend. Na, ich brauch' ja bloß in die Villa hinauszuziehen, falls es nötig wird. Aber es wird gar nicht nötig sein. Denn in der Stadt, – in unserm großmächtigen Haus wird sich doch wohl – bei einigem guten Willen – Platz für drei schaffen lassen.

Professor Rubek  unsicher. Und glaubst Du, so könnt' es auf die Dauer gehen?

Frau Maja  in leichtem Ton. Lieber Gott, – geht's nicht, so geht's nicht. Darüber wollen wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen.

Professor Rubek. Und wenn es nun nicht geht, Maja,– was dann?

Frau Maja  unbekümmert. So gehen wir einander einfach aus dem Weg. Ganz aus dem Weg. Ich finde immer noch meinen Platz in der Welt. Wo ich frei bin, frei, frei! – Damit hat's keine Not, Herr Professor. Zeigt plötzlich nach rechts. Da! Da ist sie ja.

Professor Rubek  wendet den Kopf. Wo?

Frau Maja. Da drüben. Wie eine Marmorstatue schreitet sie einher. Sie kommt hierher.

Professor Rubek  starrt hinaus, die Hand über den Augen. Ist sie nicht die verkörperte Auferstehung? Vor sich hin. Und sie konnt' ich zurücksetzen – in den Schatten stellen – umschaffen –. O, ich Tor!

Frau Maja. Worauf soll das hinaus?

Professor Rubek  abwehrend. Auf nichts. Wenigstens nicht auf etwas, was Du verstehen könntest.

Irene kommt von rechts über das Plateau. Die spielenden Kinder haben sie schon vorher kommen sehen und sind ihr entgegengelaufen. Jetzt ist sie von ihnen umringt; einige scheinen beherzt und zutraulich, andere scheu und ängstlich. Sie spricht leise mit ihnen, indem sie ihnen bedeutet, nach dem Sanatorium hinunterzugehen; sie selbst wolle sich am Bach ein wenig ausruhen. Die Kinder laufen links im Mittelgrund die Böschung hinunter. Irene geht auf die Bergwand zu und läßt sich, die kühlenden Wasserstrahlen über die Hände rieseln.

Frau Maja  mit gedämpfter Stimme. Geh hin zu ihr und sprich mit ihr allein, Rubek.

Professor Rubek. Und wo gehst Du inzwischen hin?

Frau Maja  blickt ihn bedeutsam an. Ich gehe von heut an meine eigenen Wege.

Sie geht die Anhöhe hinab und schwingt sich mit Hilfe des Gebirgsstocks über den Bach. Bei Irene bleibt sie stehen.

Frau Maja. Rubek erwartet Sie da oben, gnädige Frau.

Irene. Was will er von mir?

Frau Maja. Sie sollen ihm bei einem Schrein helfen, dessen Deckel ihm ins Schloß gefallen ist.

Irene. Dabei könnte ich ihm helfen?

Frau Maja. Er meint, Sie seien die einzige dazu.

Irene. So will ich's versuchen.

Frau Maja. Das sollten Sie in der Tat, gnädige Frau.

Sie geht den Weg nach dem Sanatorium hinab. Bald darauf kommt Rubek zu Irene herabgestiegen, doch so, daß der Bach zwischen ihnen bleibt.

Irene  nach einer kurzen Pause. Die andere sagte, Du hättest auf mich gewartet?

Professor Rubek. Ich habe Jahr um Jahr auf Dich gewartet, – ohne es selbst zu wissen.

Irene. Ich konnte nicht zu Dir, Arnold. Ich lag ja darnieder und schlief den langen, tiefen, träumeschweren Schlaf.

Professor Rubek. Aber jetzt bist Du erwacht, Irene!

Irene  schüttelt den Kopf. Ich hab' den schweren, tiefen Schlaf noch immer in den Augen.

Professor Rubek. Du sollst sehen, es wird für uns beide dämmern und tagen.

Irene. Glaub' das nicht.

Professor Rubek  eindringlich. Das glaub' ich! Und das weiß ich! Jetzt, da ich Dich wiedergefunden habe –

Irene. – auferstanden –

Professor Rubek. – und verklärt!

Irene. Nur auferstanden, Arnold. Nicht verklärt.

Er balanciert auf den Steinen unterhalb des Wasserfalls zu ihr hinüber.

Professor Rubek. Wo bist Du den ganzen Tag gewesen, Irene?

Irene  weist in die Ferne. Weit draußen auf den großen Gefilden des Todes –

Professor Rubek  ablenkend. Du hast Deine – Deine Freundin heut nicht bei Dir, wie ich sehe.

Irene  lächelt. Meine Freundin behält mich trotzdem getreulich im Auge.

Professor Rubek. Kann sie das?

Irene  sieht sich scheu um. Davon sei überzeugt. Wo ich gehe und stehe. Nie verliert sie mich aus dem Gesicht, – flüstert – bis ich sie eines schönen Morgens umbringe.

Professor Rubek. Möchtest Du das?

Irene. Und wie gerne! Wenn ich nur eine Gelegenheit fände.

Professor Rubek. Weshalb denn?

Irene. Weil sie eine Hexe ist. Geheimnisvoll. Denk Dir, Arnold, – sie hat sich in meinen Schatten verwandelt.

Professor Rubek  sucht sie zu beruhigen. Na, na – einen Schatten müssen wir doch alle haben.

Irene. Ich bin mein eigener Schatten. Heftig. Verstehst Du mich denn nicht!

Professor Rubek  gepreßt. Doch, doch, Irene, ich verstehe nur zu gut.

Er setzt sich auf einen Stein am Bache. Sie steht hinter ihm, an die Felswand gelehnt.

Irene  nach einer Pause. Was sitzt Du da und wendest Deine Augen von mir?

Professor Rubek  leise, schüttelt den Kopf. Ich darf Dich nicht – darf Dich nicht ansehen.

Irene. Warum nun nicht mehr?

Professor Rubek. Dich quält ein Schatten. Und mich meine nagende Reue.

Irene  mit einem Freudenschrei. Endlich!

Professor Rubek  springt auf. Irene – was hast Du!

Irene  abwehrend. Nur ruhig, ruhig, ruhig! Atmet tief und sagt, wie von einer Last befreit: So. Nun haben sie mich freigelassen, für dies Mal. – Jetzt können wir uns setzen und uns unterhalten wie früher – im Leben.

Professor Rubek. Ach, wenn wir das doch nur wieder könnten!

Irene. Setz' Dich auf Deinen alten Platz. Dann setz' ich mich hier zu Dir.

Er setzt sich wieder auf den Stein, sie sich auf einen andern in der Nähe.

Irene  nach kurzem Schweigen. Nun bin ich zu Dir zurückgekehrt von den fernsten Reichen, Arnold.

Professor Rubek. Ja wahrlich, und von einer endlos langen Reise.

Irene. Heimgekehrt zu meinem Herrn und Gebieter –

Professor Rubek. Nach Hause – wo wir zu Hause sind, Irene.

Irene. Hast Du auf mich gewartet tagaus tagein?

Professor Rubek. Wie könnt' ich das?

Irene  mit einem Seitenblick. Ach ja, – wie konntest Du das! Du hast ja nichts gewußt.

Professor Rubek. Hast Du Dich damals wirklich nicht eines andern wegen so auf einmal davon gemacht?

Irene. Konnte es denn nicht Deinetwegen gewesen sein, Arnold?

Professor Rubek  sieht sie unsicher an. Ich verstehe Dich nicht –?

Irene. Als ich Dir mit Leib und Seele gedient hatte – und die Statue fertig dastand, – unser Kind, wie Du sie nanntest, – da hab' ich Dir mein teuerstes Opfer zu Füßen gelegt – und mich selbst ausgelöscht für alle Zeit.

Professor Rubek  gesenkten Hauptes. Und hast damit mein Leben brach gelegt.

Irene  plötzlich aufbrausend. So hab' ich erreicht, was ich wollte! Nie, nie mehr sollte Dir etwas zu schaffen gelingen – nachdem Du dies unser einziges Kind geschaffen hattest.

Professor Rubek. War's Eifersucht, was Dich damals beherrschte?

Irene  kalt. Ich glaube, es war eher Haß.

Professor Rubek. Haß? Wider mich?

Irene  heftig. Ja, wider Dich, – wider den Künstler, der so ganz unbekümmert und sorglos einen warmblütigen Leib nahm, ein junges Menschenleben, und ihm seine Seele stahl, – weil er ein Kunstwerk draus schaffen wollte.

Professor Rubek. Und das muß ich von Dir hören –? Hast Du nicht glühend vor Eifer und hochheiligem Verlangen meine Arbeit geteilt? Diese Arbeit, zu der wir uns jeden Morgen sammelten wie zu einer Andacht.

Irene  kalt wie vorher. Ich will Dir etwas sagen, Arnold.

Professor Rubek. Nun?

Irene. Nie hab' ich Deine Kunst geliebt. Nicht vorher, eh' ich Dich kennen lernte, – und auch nicht nachher.

Professor Rubek. Aber den Künstler, Irene.

Irene. Den Künstler hass' ich.

Professor Rubek. Auch den Künstler in mir?

Irene. Den am allermeisten. Wenn ich so ganz entkleidet dastand vor Dir, da haßte ich Dich, Arnold –

Professor Rubek  heftig. Das tatest Du nicht, Irene! Das ist nicht wahr!

Irene. Ich habe Dich gehaßt, weil Du so unberührt dastehen konntest –

Professor Rubek lacht. Unberührt? Glaubst Du?

Irene. – oder wenigstens so voll unerträglicher Selbstbeherrschung. Und weil Du Künstler warst, nur Künstler, – nicht Mann! Geht in einen warmen, herzlichen Ton über. Aber die Statue im nassen, lebendigen Ton, die liebte ich, – wie sie so nach und nach aus dieser rohen, unförmlichen Masse emporstieg, ein beseeltes Menschenkind, – denn das war unser Geschöpf, unser Kind. Meins und Deins.

Professor Rubek  schwermütig. Das war es im Geist und in der Wahrheit.

Irene. Siehst Du, Arnold, um dieses unseres Kindes willen habe ich diese lange Pilgerfahrt unternommen.

Professor Rubek  plötzlich aufmerksam. Um des Marmorbildes –?

Irene. Nenn's, wie Du magst. Ich nenn' es unser Kind.

Professor Rubek  unruhig. Und nun willst Du es sehen? Fertig? Im »kalten« Marmor, wie Du immer sagtest? Eifrig. Du weißt am Ende noch gar nicht, daß es in einem großen Museum steht – draußen in weiter Welt?

Irene. Ich habe dunkel davon gehört.

Professor Rubek. Und Museen waren Dir doch stets ein Greuel. Du nanntest sie immer Totengrüfte –

Irene. Ich will eine Wallfahrt dahin machen, wo meine Seele und das Kind meiner Seele begraben liegt.

Professor Rubek  in angstvoller Unruhe. Du darfst das Werk nie wieder sehen! Hörst Du, Irene. Ich flehe Dich an –! Nie wieder, nie wieder!

Irene. Glaubst Du vielleicht, ich würde noch ein Mal daran sterben?

Professor Rubek  ringt die Hände. Ach, ich weiß selbst nicht, was ich glaube. – Aber wie hätt' ich mir auch denken können, daß Du Dich so unlöslich mit diesem Werke verknüpft fühlen würdest? Du, die mich verließ – noch eh' es vollendet war?

Irene. Es war vollendet. Darum konnte ich von Dir gehen und Dich allein lassen.

Professor Rubek,  die Ellbogen auf den Knien, wiegt den Kopf, mit den Händen vor den Augen. Es war noch nicht das, was später daraus wurde.

Irene  zieht unhörbar und blitzschnell ein dünnes, spitzes Messer halb aus dem Kleide oben an der Brust und fragt, heiser flüsternd: Arnold, – hast Du unserm Kind etwas zu Leide getan?

Professor Rubek  ausweichend. Zu Leide? – Wie soll ich so genau entscheiden, was Du damit bezeichnen willst?

Irene  atemlos. Sag' mir, – was hast Du gemacht mit dem Kind!

Professor Rubek. Ich werd' es Dir sagen, wenn Du Dich setzen und mir ruhig zuhören willst.

Irene  verbirgt das Messer. Ich werde so ruhig zuhören, als eine Mutter kann, wenn –

Professor Rubek  sie unterbrechend. Und dann sieh mich nicht an, wenn ich erzähle.

Irene  setzt sich auf einen Stein hinter seinem Rücken. Hier setz' ich mich hinter Dich. – Und nun erzähle mir –

Professor Rubek  nimmt die Hände von den Augen und blickt vor sich hin. Als ich Dich gefunden hatte, da war mir auch im selben Augenblicke klar, wie aus Dir mein Lebenswerk erstehen sollte.

Irene. »Auferstehungstag« nanntest Du Dein Lebenswerk. – Ich nenn' es »unser Kind«.

Professor Rubek. Ich war jung damals. Ohne alle Lebenserfahrung. Die Auferstehung, dacht' ich mir, müßte am schönsten und wunderlieblichsten darzustellen sein als ein junges, unberührtes Weib – von keines Erdenwallens Erlebnissen entweiht – das, ohne von irgend welchen Flecken und Schlacken sich reinigen zu müssen – zu Licht und Herrlichkeit erwacht.

Irene  rasch. Ja, – und so steh' ich doch da in unserem Werk?

Professor Rubek  zögernd. Eigentlich nicht ganz so, Irene.

Irene  in wachsender Spannung. Nicht ganz –? Nicht so, wie ich vor Dir gestanden ?

Professor Rubek  einer Antwort ausweichend. Ich wurde weltklug in den Jahren, die folgten, Irene. Der »Auferstehungstag« wurde in meiner Vorstellung etwas Umfassenderes – etwas Vielfältigeres. Der kleine runde Sockel, auf dem Dein Bild schlank und einsam stand, – er bot nicht mehr Raum für alles, was ich nun noch hinzudichten wollte –

Irene  tastet nach dem Messer, läßt es aber wieder sein. Was hast Du denn noch hinzugedichtet? Sag'!

Professor Rubek. Was ich rings um mich in der Welt mit meinen Augen sah. Ich mußte das mit im Bilde haben. Ich konnte nicht anders, Irene. Ich erweiterte den Sockel, – so daß er groß und geräumig wurde. Und legte darauf ein Stück der gewölbten, berstenden Erde. Und aus den Furchen, da wimmelt's Dir nun herauf von Menschen mit heimlichen Tiergesichtern, – Männern und Weibern, – wie sie das Leben draußen mich kennen gelehrt hatte.

Irene  in atemloser Spannung. Aber mitten im Schwarm steht das junge Weib in strahlender Himmelsfreude? Nicht, Arnold?

Professor Rubek  ausweichend. Nicht ganz in der Mitte. Ich mußte leider die Statue etwas nach hinten rücken, – der Gesamtwirkung halber, weißt Du. Sie würde sonst zu sehr dominiert haben.

Irene. Aber der strahlende Freudenschimmer verklärt doch noch immer mein Antlitz?

Professor Rubek. O ja, Irene. In gewisser Art wenigstens. Ein wenig gedämpft vielleicht. Wie's meine neue Idee erforderlich machte.

Irene  steht lautlos auf. Dies Bild drückt das Leben aus, so wie Du es jetzt siehst, Arnold.

Professor Rubek. Ja, das tut es wohl.

Irene. Und in diesem Bilde steh' ich nun – ein wenig verblaßt – als eine Hintergrundfigur – in einer Gruppe. Zieht das Messer hervor.

Professor Rubek. Nicht im Hintergrund – sagen wir im Mittelgrund – oder so etwa.

Irene  flüstert heiser: Damit hast Du Dir selbst Dein Urteil gesprochen. Will zustoßen.

Professor Rubek  wendet sich um und blickt sie an. Mein Urteil?

Irene  verbirgt rasch das Messer und sagt dumpf, gleichsam stöhnend: Meine ganze Seele, – Du und ich, – wir, wir, wir und unser Kind waren in dieser einsamen Gestalt.

Professor Rubek  eifrig, nimmt den Hut vom Kopfe und trocknet sich die Schweißperlen von der Stirn. Aber nun höre auch, wie ich mich selbst in die Gruppe hineingestellt habe. Vorn an einer Quelle, wie hier, sitzt ein schuldbeladener Mann, der von der Erdrinde nicht ganz loszukommen vermag. Ich nenne ihn die Reue über ein verwirktes Leben. Er taucht und taucht seine Finger in das rieselnde Wasser – um sie rein zu spülen – und krümmt sich und leidet bei dem Gedanken, daß es ihm nie, nie gelingen wird. In alle Ewigkeit wird er nicht frei werden, leben und auferstehen. Immer und ewig bleibt er sitzen in seiner Hölle.

Irene  hart und kalt. Dichter!

Professor Rubek. Warum Dichter?

Irene. Weil Du ohne Kraft bist und ohne Willen und voll Absolution für all Deine Handlungen und für all Deine Gedanken. Du hast meine Seele gemordet, – und dann modellierst Du Dich selber in Reue und Buße und Selbstanklage – lächelt – und damit, meinst Du dann, sei Deine Rechnung beglichen.

Professor Rubek  trotzig. Ich bin Künstler, Irene. Und ich schäme mich nicht der Schwäche und Unvollkommenheit, die mir anhaften mag. Denn ich bin zum Künstler geboren, siehst Du. Und werde trotz allem auch nie etwas andres als Künstler werden.

Irene  blickt ihn mit einem versteckten, bösen Lächeln an und sagt weich und sanft: Dichter bist Du, Arnold. Streicht ihm leis übers Haar. Daß Du liebes, großes, alterndes Kind das nicht sehen kannst!

Professor Rubek  verstimmt. Warum nennst Du mich so beharrlich Dichter?

Irene  mit lauernden Augen. Weil in diesem Wort eine Entschuldigung liegt, mein Freund. Eine Absolution, – die einen Mantel über alle Schwäche und Unvollkommenheit breitet. Plötzlich in anderem Ton. Aber ich war damals ein Mensch! Und hatte auch ein Leben zu leben – und ein Menschenschicksal zu erfüllen. Sieh, all das ließ ich liegen, – warf ich hin, um Dir untertänig zu sein. – O, das war ein Selbstmord. Ein unverzeihliches Verbrechen an mir selbst. Halb flüsternd. Und dies Verbrechen kann ich nimmermehr sühnen. Sie setzt sich in seiner Nähe an den Bach, verfolgt ihn unbemerkt mit den Augen und pflückt, wie geistesabwesend, Blüten von den Büschen ringsum.

Irene  scheinbar gefaßt. Ich hätte Kinder zur Welt bringen sollen. Viele Kinder. Richtige Kinder. Nicht solche, wie man sie in Totengrüften aufbewahrt. Das wäre mein Beruf gewesen. Nie hätt' ich Dir dienen sollen, – Dichter.

Professor Rubek  in Erinnerung verloren. Es waren doch schöne Zeiten, Irene. Wunderschöne Zeiten, – wenn ich so zurückdenke –.

Irene  blickt ihn mit weichem Ausdruck an. Weißt Du noch, was für ein Wort Du brauchtest, – als Du fertig warst – fertig mit mir und unserm Kinde ? Nickt ihm zu. Denkst Du noch an das kleine Wort, Arnold ?

Professor Rubek  blickt sie fragend an. Hab' ich damals ein Wort gesagt, das Du Dir gemerkt hast?

Irene. Ja. Kannst Du Dich seiner nicht mehr erinnern ?

Professor Rubek  schüttelt den Kopf. Nein, wahrhaftig nicht. Jedenfalls nicht augenblicklich.

Irene. Du nahmst meine beiden Hände und drücktest sie warm. Und in atemloser Erwartung stand ich vor Dir. Und da sagtest Du: Ich danke Dir von ganzem Herzen, Irene. Dies ist, so sagtest Du, eine segensreiche Episode für mich gewesen.

Professor Rubek  zweifelnd. Sagt' ich Episode? Ich pflege dies Wort nicht zu gebrauchen.

Irene. Du sagtest Episode.

Professor Rubek  mit angenommener Unbefangenheit. Na schön, – aber im Grunde war's ja auch eine Episode.

Irene kurz. Auf dies Wort hin hab' ich Dich damals verlassen.

Professor Rubek. Du nimmst alle Dinge so schmerzlich schwer, Irene.

Irene streicht sich über die Stirn. Du magst recht haben. Schütteln wir alles Schwere und Trübe von uns ab! Pflückt Blätter von einer Bergrose und streut sie in den Bach. Da sieh, Arnold! Da schwimmen unsere Vögel.

Professor Rubek. Was für Vögel?

Irene. Flamingos – siehst Du das nicht? Rosenrote Flamingos.

Professor Rubek. Flamingos schwimmen nicht. Die waten nur.

Irene. Dann sind's also keine Flamingos. Sondern Möven.

Professor Rubek. Möven mit roten Schnäbeln, ja, – das schon eher. Pflückt breite grüne Blätter und wirft sie in den Bach. Nun send' ich ihnen meine Schiffe nach.

Irene. Aber Vogelfänger dürfen keine an Bord sein.

Professor Rubek. Nein, Vogelfänger nicht. Lächelt ihr zu. Denkst Du noch des Sommers, als wir so vor dem Bauernhäuschen am Taunitzer See saßen?

Irene nickt. Samstags abends, ja, – wenn wir mit unserm Wochenpensum fertig waren –

Professor Rubek. – und mit der Bahn hinausfuhren – und den Sonntag über draußen blieben –

Irene  aufblitzenden Haß im Auge. Es war eine Episode, Arnold.

Professor Rubek,  als ob er nicht höre. Da ließest Du auch Vögel schwimmen im Bach. Es waren Wasserlilien –

Irene. Weiße Schwäne waren's.

Professor Rubek. Ich meine Schwäne, jawohl. Und einmal, das weiß ich noch, befestigte ich ein großes, rauhes Blatt an einem solchen Schwan. Es war ein Sauerampferblatt –

Irene. Da ward es Lohengrins Boot – mit dem Schwan davor.

Professor Rubek. Wie gern Du so spieltest, Irene.

Irene. Wir spielten oft so.

Professor Rubek. Jeden Samstag, glaub' ich. Den ganzen Sommer über.

Irene. Du nanntest mich Deinen Schwan, der Dein Boot ziehe.

Professor Rubek. Nannt' ich Dich so? Ja, das mag wohl sein. Mit dem Spiel beschäftigt. Sieh nur, wie die Möven den Fluß hinabschwimmen!

Irene  lacht. Und Deine Schiffe stranden alle.

Professor Rubek  wirft mehr Laub in den Bach. Ich hab' noch Schiffe genug in Vorrat. Verfolgt das Laub mit den Augen, macht einige Blätter wieder frei und sagt nach einer kleinen Pause: Du, Irene –, das Bauernhäuschen am Taunitzer See, das hab' ich gekauft.

Irene. Hast Du's jetzt gekauft? Du hast oft davon gesprochen, Du wolltest es tun, sobald Du die Mittel dazu bekämst.

Professor Rubek. Mit der Zeit bekam ich sie. Und da hab' ich's gekauft.

Irene  schielt nach ihm hin. Wohnst Du nun dort – in unserm alten Haus?

Professor Rubek. Nein, das hab' ich längst niederreißen lassen. Und auf das Grundstück mir eine große, prächtige, bequeme Villa hingebaut – mit einem Park darum. Da sind wir gewöhnlich – hält inne und verbessert sich – da bin ich gewöhnlich im Sommer –

Irene bezwingt sich. So, Du und – die andere, Ihr seid jetzt immer da draußen?

Professor Rubek  etwas trotzig. Ja. Wenn meine Frau und ich nicht auf Reisen sind – wie dies Jahr.

Irene  verlorenen Blickes. Schön, schön war das Leben am Taunitzer See.

Professor Rubek , als ob er in sich selbst hineinblickte. Und doch, Irene –

Irene  ergänzt ihn. – und doch ließen wir zwei all die Schönheit dieses Lebens ungenossen liegen –

Professor Rubek  leise, eindringlich. Kommt die Reue zu spät jetzt?

Irene  antwortet nicht, sondern sitzt eine Weile still; dann zeigt sie in die Ferne. Sieh, Arnold. Nun geht die Sonne hinter den Gipfeln unter. Sieh nur, wie rot ihre schrägen Strahlen die Heidekrautmatten dort überall färben.

Professor Rubek  blickt auch dorthin. Das ist lange her, daß ich einen Sonnenuntergang im Gebirge gesehen habe.

Irene. Auch einen Sonnenaufgang?

Professor Rubek. Einen Sonnenaufgang, glaub' ich, hab' ich noch nie gesehen.

Irene  lächelt, wie in Erinnerung verloren. Ich hab' einmal einen wundervollen Sonnenaufgang erlebt.

Professor RubekSo? Wo denn?

Irene. Hoch, hoch oben auf schwindelndem Grat. Du locktest mich hinauf und versprachst mir alle Herrlichkeit der Welt, wenn ich – sie bricht jäh ab.

Professor Rubek. Wenn Du –? Nun?

Irene. Ich tat nach Deinen Worten – und folgte Dir auf die Höhe. Und da fiel ich auf meine Knie – und betete Dich an – und diente Dir. Schweigt einen Augenblick, dann sagt sie leise: Da sah ich die Sonne aufgehen.

Professor Rubek  ablenkend. Hättest Du nicht Lust, mit hinunter zu reisen und in der Villa bei uns zu wohnen?

Irene blickt ihn verächtlich lächelnd an. Zusammen mit Dir – und der andern Dame?

534 Professor Rubek  eindringlich. Zusammen mit mir – wie in den alten Tagen des Schaffens. Wieder aufzuschließen all das, was in mir ins Schloß gefallen ist. Möchtest Du das nicht tun, Irene?

Irene  schüttelt den Kopf. Ich habe den Schlüssel zu Dir nicht mehr, Arnold.

Professor RubekDu hast den Schlüssel! Niemand als Du hat ihn! Bittend und flehend. Hilf mir, – damit ich das Leben noch einmal zu leben vermag!

Irene  unbeweglich wie vorher. Leere Träume. Müßige – tote Träume. Unserem Zusammenleben folgt keine Auferstehung mehr.

Professor Rubek  kurz abbrechend. So laß uns denn weiter spielen!

Irene. Ja, spielen, spielen, – nichts als spielen.

Sie streuen Laub und Blumenblätter in den Bach und lassen sie davonschwimmen. Über den Abhang im Hintergrund links kommen Ulfheim und Frau Maja in Jagdausrüstung. Hinter ihnen der Diener mit der Koppel, die er nach rechts abführt.

Professor Rubek  bemerkt sie. Ei, da zieht ja die kleine Maja mit dem Bärenschützen aus.

Irene. Deine Dame, ja.

Professor Rubek. Oder die seine.

Frau Maja  späht im Gehen herüber, sieht die beiden am Bache sitzen und ruft: Gut' Nacht, Professor. Träum' von mir. Jetzt geht's hinaus auf Abenteuer!

Professor Rubek  ruft zurück: Und worauf soll das Abenteuer hinaus gehen?

Frau Maja  näherkommend. Ich will leben – statt all des andern.

Professor Rubek  spöttisch. So, Du willst das auch, kleine Maja?

Frau Maja. Ja! Und darum hab' ich einen Vers gemacht, der so heißt: Singt und jubelt.

Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin frei!
Der Gefangenschaft Zeit ist vorbei!
Ich bin frei wie ein Vogel! Bin frei!

Jawohl! Denn ich glaube, jetzt bin ich erwacht – jetzt endlich.

Professor Rubek. Es sieht fast so aus.

Frau Maja  atmet aus voller Brust. Ah, – wie himmlisch leicht macht solch ein Erwachen!

Professor Rubek. Gute Nacht, Frau Maja, – und Glück zur –

Ulfheim  ruft abwehrend: Werden Sie wohl –! Zum Teufel mit Ihren Wünschen! Wollen Sie uns Pech anhexen! Sehen Sie nicht, daß wir auf die Jagd wollen –

Professor Rubek. Was bringst Du mir mit von der Jagd, Maja?

Frau Maja. Du sollst einen Raubvogel haben, zum Modellieren. Ich werde Dir einen flügellahm schießen.

Professor Rubek  lacht bitter und spöttisch. Ja, einen flügellahm schießen – so aus Versehen –, das ist immer etwas für Dich gewesen.

Frau Maja  wirft den Nacken zurück. Ah, überlaß Du mich künftig nur mir selbst –! Nickt und lacht schelmisch. Leb' wohl! – und eine gute, ruhige Sommernacht auf Bergeshöhen!

Professor Rubek  lustig. Danke! Und alles Unglück der Welt über Euch und Eure Jagd!

Ulfheim  lacht dröhnend. Bravo, das ist ein Wunsch, wie er sein soll.

Frau Maja  lachend. Vielen Dank, Professor, vielen Dank!

Sie haben beide den sichtbaren Teil des Plateaus durchquert und gehen durch das Gebüsch rechts ab.

Professor Rubek  nach kurzer Pause. Sommernacht auf Bergeshöhen. Ja, das wäre das Leben gewesen.

Irene  plötzlich, mit einem wilden Ausdruck in den Augen. Willst Du eine Sommernacht auf Bergeshöhen – mit mir?

Professor Rubek  breitet die Arme aus. Ja! Ja! – Komm!

Irene. Mein geliebter Herr und Gebieter!

Professor Rubek. Ach Irene!

Irene  lächelt und tastet nach ihrem Dolch; heiser: Es wird nur eine Episode – rasch, flüsternd: Still! Sieh Dich nicht um, Arnold!

Professor Rubek  ebenso leise. Was gibt's?

Irene. Ein Gesicht starrt mich unverwandt an.

Professor Rubek  wendet sich unwillkürlich um. Wo? Fährt zusammen. Ah! Der Kopf der Diakonissin ist zwischen dem Gebüsch links, wo man hinabsteigt, halb zum Vorschein gekommen. Ihre Augen sind unverwandt auf Irene gerichtet.

Irene  erhebt sich und sagt mit gedämpfter Stimme: Wir müssen uns trennen. Nein, Du sollst sitzen bleiben, hörst Du! Du darfst mich nicht begleiten. Beugt sich über ihn und flüstert: Auf Wiedersehen heut nacht! Hier draußen auf Bergeshöhen.

Professor Rubek. Und Du kommst, Irene?

Irene. Ich komme bestimmt. Erwarte mich hier.

Professor Rubek  wiederholt wie im Traum: Sommernacht auf Bergeshöhen. Mit Dir. Mit Dir. Seine Augen begegnen den ihrigen. Ach Irene, – das hätte das Leben sein können. Und das haben wir verscherzt – alle beide.

Irene. Was unwiederbringlich verloren ist, sehen wir erst, wenn – bricht kurz ab.

Professor Rubek  sieht sie fragend an. Wenn – ?

Irene. Wenn wir Toten erwachen.

Professor Rubek  schüttelt schwermütig den Kopf. Ja, was sehen wir da eigentlich?

Irene. Wir sehen, daß wir niemals gelebt haben. Sie geht den Weg nach dem Sanatorium hinunter. Die Diakonissin macht ihr Platz und folgt ihr. Professor Rubek bleibt unbeweglich am Bache sitzen. Man hört Frau Maja von den Felsen droben her jubeln und singen:

Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin frei!
Der Gefangenschaft Zeit ist vorbei!
Ich bin frei wie ein Vogel! Bin frei!

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