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Wenn die Menschen reif zur Liebe werden

Edward Carpenter: Wenn die Menschen reif zur Liebe werden - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Carpenter
titleWenn die Menschen reif zur Liebe werden
publisherVerlag von Hermann Seemann Nachfolger
printrun12. Auflage
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectidf6bc089c
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Die freie Gesellschaft

Zum Schlusse wollen wir einen freieren und weiteren Ueberblick über das ganze Gebiet dieser intimsten menschlichen Beziehungen versuchen, als in den vorhergehenden Kapiteln möglich war, und einige wenige allgemeine Bemerkungen darüber machen.

Eine der grossen Schwierigkeiten, die einer allgemeinen Verständigung über sexuelle Fragen im Wege stehen, eine Schwierigkeit, auf die bereits wiederholt hingewiesen wurde, ist die ausserordentliche Verschiedenheit der Empfindungsweise und des Temperaments der Menschen in diesen Dingen. Diese Schwierigkeit wird noch vermehrt durch die Zurückhaltung, die, sei sie nun eine natürliche oder eine künstliche, es den Menschen so selten möglich macht, ihre Empfindungen frei auszusprechen. In dem grossen Ocean giebt es so viele Strömungen, kalte und warme, frische und salzige, und Brackwasser; und jeder glaubt, dass die Strömung, in der er lebt, der ganze Ocean sei. Ein Mann von Welt vermag einen einsamen Asketen kaum zu verstehen und jedenfalls nicht mit ihm zu sympathisieren, – ein Unverständnis und eine Geringschätzung, die in der Regel erwidert werden; das vorwiegend mütterlich veranlagte, das sexuelle und das philanthropische Weib sind einander mehr oder minder unverständlich; der Durchschnittsmann und das Durchschnittsweib treten an die grosse Leidenschaft von ganz verschiedenen Seiten heran, und missverstehen einander infolgedessen unaufhörlich; und diese beiden grossen Klassen des Menschengeschlechtes sind wiederum ganz ausser stande, jene andere scharf umrissene Klasse von Menschen zu verstehen, deren Liebesneigungen von Geburt aus nur dem eigenen Geschlechte gelten, ja, sie wollen die Existenz einer solchen Gattung von Menschen kaum anerkennen, obgleich sie thatsächlich eine grosse und wichtige in jeder Gesellschaftsgruppe ist. All diese Verschiedenheiten sind bisher so wenig der Gegenstand unvoreingenommener Forschung gewesen, dass wir in einem ganz erstaunlichen Grad im Dunkeln darüber sind.

Wenn wir die Geschichte überblicken und all die mannigfachen Sitten der Welt bei den verschiedenen Rassen und Völkern und in den verschiedenen Zeitperioden verfolgen, so finden wir all jene natürlichen Divergenzen der menschlichen Natur gleichsam wiedergespiegelt in den ausserordentlich verschiedenen Gebräuchen, die sich im Laufe der Zeit ausgebildet haben und anerkannt worden sind. Wir sehen, dass bei manchen Völkern die Geschlechtlichkeit eine Verehrung genoss, die der Verehrung der Götter gleichkam, und finden, was uns ebenso erstaunlich vorkommen muss, dass die orgiastischen Riten und Saturnalien der Frühzeit mit dem religiösen Gefühl im intimsten Zusammenhang standen; wir finden, dass in anderen Zeiten Askese und Keuschheit und jede Verleugnung des Fleisches verherrlicht und als der einzige Weg zum Himmelreich angesehen ward; wir entdecken, dass die Ehe in unzähligen Formen eingerichtet und definiert und sanktioniert wurde, und dass jede dieser Formen in ihrer Zeit und in ihrem Lande als die einzig sittliche, ja als die einzig mögliche angesehen wurde; und dass die Stellung des Weibes unter diesen verschiedenen Bedingungen gleichfalls in merkwürdiger Weise gewechselt hat, dass in einigen der primitiven Gesellschaftordnungen, wo Gruppenehen Anm.: Letourneau (»Entwicklungsgeschichte der Ehe« pag. 173) erwähnt unter den niedrigen Rassen, bei denen die monogamische Ehe herrscht, noch die Veddahs auf Ceylon, die Bochimanen in Südafrika und die Kurnais in Australien. der einen oder der anderen Form herrschten, ihre Würde und ihr Einfluss den höchsten Grad erreichten; dass bei gewissen Formen der Monogamie, wie zum Beispiel bei den Nagas in Bengalen, die Frauen in der schändlichsten Erniedrigung lebten, während sie z. B. im alten Aegypten und im späteren römischen Reich mit Achtung behandelt wurden u. s. w. Wir können nicht umhin zu erkennen, wie ungeheuer die Verschiedenheit der Gebräuche und Anschauungen ist, die auf dem Gebiet des Verhältnisses der Geschlechter in der Welt geherrscht haben; und wir können, möchte ich hinzufügen, wenn wir human, d. h. für die ganze Menschheit, zu empfinden vermögen, unmöglich es wagen, unseren Finger endgültig auf irgend eine Sitte oder Institution zu legen und zu sagen: »Diese hier ist die richtige.«

Es scheint mir im Gegenteil wahrscheinlich, dass die Menschen in einer wirklich freien Gesellschaftsordnung alle Resultate und Erscheinungen der früheren Zeit aufnehmen und sich zu nutze machen werden. Wenn, wie wir betont haben, die historischen Formen und Gebräuche die äusseren Zeichen von Tendenzen und Instinkten sind, die noch immer unter uns existieren, dann muss es unsere Aufgabe sein, diese Tendenzen nicht etwa auszurotten, sondern den richtigen Platz und eine wirklich rationelle Ausdrucksform für sie zu finden. Dass die verschiedenen Gebräuche des socialen Lebens vergangener Zeiten unter der Oberfläche der modernen Gesellschaft noch immer fortbestehen, das wissen wir gut genug; und die Gesellschaft der Zukunft wird sie wahrscheinlich anerkennen, aber auch ganz und gar umwandeln. Ja, ihre Anerkennung wird die Umwandlung bereits unvermeidlich nach sich ziehen, schon dadurch, dass sie sie aus dem Dunkel ins Licht bringen und aus den alten Bedingungen, aus der Umgebung vergangener Gesellschaftszustände in die neuen Bedingungen des modernen Lebens versetzen wird. Die Polygamie zum Beispiel oder irgend eine verwandte Form der Verbindung der Geschlechter würde, vorausgesetzt, dass sie sich wirklich von selbst und naturgemäss in einer Gesellschaftsordnung entwickeln sollte, die den Frauen in ihren Beziehungen zu den Männern vollkommene Freiheit und Unabhängigkeit einräumen würde, einen ganz und gar anderen Charakter annehmen, als die Polygamie der alten Welt, sie würde aufhören, einen erniedrigenden Einfluss auf die Frauen auszuüben, schon deshalb, weil sie nur der spontane und freie Ausdruck ihrer Zuneigung zu einander und zu einem gemeinsamen Gatten wäre. Die Monogamie würde unter den gleichen Umständen ihre Engheit und Dumpfheit verlieren; und selbst das Leben der Hetäre, d. h. des Weibes, das die Genossin mehr als eines Mannes zu sein erwählt, müsste nicht ohne Würde, Ehre und aufrichtige Zuneigung sein.

Wenn jemals reine Anschauungen über das Geschlechtsleben vorherrschend werden; wenn ein Gefühl der Reinheit sich mit diesem ganzen Lebensgebiet verbindet, – so wie heute das Gegenteil der Fall ist, – wenn der menschliche Körper jemals rein wird (was er heute sicherlich nicht ist), rein und schön und anerkannt von innen und aussen – und dies kann er natürlich nur durch eine vollkommen veränderte Lebensführung werden, durch reine Nahrung, durch einen gewissen Grad von Nacktheit und eine Art von Sättigung mit freier Luft und dem Licht des Himmels –; und wenn das geistige und sittliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern jemals ein reinliches wird, was es nur durch die Freiheit des Weibes und die Ehrlichkeit von Seiten des Mannes werden kann u. s. w. – wer sähe nicht ein, wie vollständig all dies unser Urteil über die verschiedenen geschlechtlichen Verhältnisse und unsere Anschauung von ihrer Richtigkeit und Erlaubtheit ändern müsste?

In den wilden und selbst bacchanalischen Festen aller früheren Nationen lag ein Element von Natur- und Geschlechts-Mysticismus, das in der modernen Zeit verloren gegangen ist oder vollkommen verderbt wurde; dennoch können wir nicht umhin zu erkennen, dass dieses Element ein vitales und in den tiefsten Gründen der Menschheit liegendes ist und in der einen oder anderen Form sich wahrscheinlich immer wieder behaupten und geltend machen wird. Auf der anderen Seite lag in den mönchischen und anderen asketischen Bewegungen der christlichen und der vorchristlichen Zeiten mit ihrem Streben nach einer stolzen Herrschaft über den Leib – ob man im modernen Westen auch darüber höhnen mag – eine nicht minder vitale und wichtige Wahrheit, die ebenfalls wieder mit dem ihr gebührenden Rang wird bekleidet werden müssen. Die Gebräuche früherer Rassen und Zeiten, wie seltsam sie uns auch manchmal erscheinen mögen, waren im Grunde zuletzt, der Ausdruck von Bedürfnissen und Begierden, die in der menschlichen Natur begründet waren und zum grössten Teil noch heute in ihr liegen, wenn sie auch vielfach unter der Oberfläche der bestehenden Konvention verborgen und unterdrückt sind; und wer weiss, wie in all den erstickten Sehnsüchten von tausenden und tausenden von Herzen die grosse umfassende Seele der Menschheit, – die sich über alle Zeiten und Rassen erstreckt und alle Zeiten und Rassen in sich aufnimmt, – sich immer wieder behauptet und gegen die kleinlichen Fesseln dieses oder jenes Zeitalters anschwillt? Je näher die Gesellschaft ihrer Freiheit und Mündigkeit kommt, um so liebender wird sie diese grosse Seele, die sich in ihr verbirgt und offenbart, erfassen, um so mehr wird sie in all den Gebräuchen der Vergangenheit nur das mannigfache und vielfach geteilte Streben dieser Seele nach ihrer eigenen Erfüllung erkennen und sich hüten, sie zu verleugnen, sondern eher suchen, durch die Anerkennung und Vereinigung aller sie umzugestalten und zu adeln.

Vielleicht werden diese Bemerkungen manchem nur eine Rückkehr zu allgemeiner Verwirrung und geschlechtlichen Promiskuität zu enthalten scheinen; und solchen Leuten werden sie natürlich unvereinbar mit dem erscheinen, was ich vorher über die wahre Ehe geschrieben und über die Tendenz der Menschen, je mehr die Gesellschaft sich entwickelt, immer ernster nach lebenslanger Verbindung mit dem einmal erwählten Gefährten zu streben. Aber wer die Sache wohl überlegt, wird nicht in diesen Irrtum verfallen, denn diese Tendenz »von der Unterschiedslosigkeit zur Differenzierung«, ist in Wirklichkeit die aller Evolutionen und kann nicht beiseite geschoben werden. Es liegt in dem Wesen der Liebe, dass sie im Bestreben, ihr Ziel zu verwirklichen, immer mehr und mehr nach einem dauernden und individualisierten Verhältnis drängt und nicht ruhen kann, bis der gleichgestimmte Gefährte gefunden ist. In dem Masse, als die Menschen fortschreiten, müssen ihre Beziehungen zu einander immer bestimmter und differenzierter werden, nicht aber unbestimmter – und es ist nicht die geringste Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass die Gesellschaft in ihrem Fortschritt einen Rückfall zur Formlosigkeit erleiden könnte.

Aber es ist eben der Vorteil dieser Vorwärtsbewegung zu immer grösserer Bestimmtheit, dass sie – wie in der Entwicklung alles organischen Lebens – eine immer grössere Differenzierung gestattet, je höher das Leben auf der Stufenleiter des Daseins sich erhebt. Wenn die Gesellschaft in irgend einer künftigen Zeit die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse des menschlichen Herzens und der menschlichen Natur anerkennen wird – und wir glauben, sie wird das thun – dann wird sie sie deswegen nicht untereinander vermengen und gleichsam in einen Topf werfen, sondern erkennen, dass diese verschiedenartigen Bedürfnisse verschiedene Funktionen beweisen, die alle ihre Stelle und ihren Zweck haben können. Wenn sie den Verstand haben wird, hie und da ein Naturfest und ein gewisses Mass aus den Banden gelöster Animalität zu gestatten, so wird sie darum noch nicht thörichter Weise die Fähigkeit verlieren, solch ein Aufflammen der Lust von dem tiefen Entzücken und der Seligkeit einer festgegründeten seelischen Einigung zu unterscheiden; und wenn sie in manchen Fällen die zeitweise Verbindung eines Weibes mit einem Manne, um ein ersehntes und notwendiges Kind zu empfangen, anerkennen wird, so wird sie nicht so thöricht sein, dieses Weib für ihr Leben als gemeine Dirne zu brandmarken. Sie wird eben zugeben, dass es verschiedene Formeln und Funktionen des Liebesgefühles giebt, und sie wird zwar vollkommen davon überzeugt sein, dass eine lebenslange Kameradschaft, in der vielleicht das sexuelle Moment gar keine so übergrosse Rolle spielt, die befriedigendste Form ist, sie wird aber auch einsehen, dass ein ehernes Ehegesetz, das gleich dem heutigen verlangt, dass zwei Menschen entweder für immer und ewig in demselben Haus leben und einander am selben Tisch gegenübersitzen oder einander vollkommen fremd bleiben müssen, das nur zwei Arten von Intimitäten anerkennt, eine orthodoxe und eine sündhafte, eine eheliche und eine ehebrecherische, an sich die Quelle beständiger Verwirrung und unerhörter Missverhältnisse sein muss.

Zweifellos ist die Freiheit der Gesellschaft in diesem Sinn und die Möglichkeit eines Lebens, das die flutende Verkörperung wahrer Liebe in all ihren mannigfaltigen Aeusserungen sein wird, nur mit der ökonomischen Freiheit der Gesellschaft möglich. Wenn die Menschheit das industrielle Problem so weit gelöst haben wird, dass die Produkte unserer ungeheuren mechanischen Kräfte das gemeinsame Erbteil aller geworden sein und kein Mann oder Weib mehr der Eigentums-Sklave eines anderen sein wird, dann werden einige der Gründe, die heute die Prostitution und die Eigentums-Ehe und andere Verderbniserscheinungen unserer Neigung im Gefolge haben, verschwunden sein; und in solch einer ökonomisch freien Gesellschaftsordnung werden die menschlichen Verbindungen endlich nach ihren wahren inneren Gesetzen geschlossen werden.

Bis heute hat man kaum darüber nachgedacht, ob es solche innere Gesetze gebe oder nicht; all unsere Gedanken sind auf die äusseren Gesetze gerichtet gewesen, und die Wissenschaft der Liebe, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf, ist seltsam vernachlässigt worden. Wenn aber ein Mensch für einen Augenblick alle konventionellen Anschauungen, alle Gebräuche beiseite schieben und ruhigen Blicks in sein eigenes Innere schauen würde, dann würde er bemerken, dass da ganz deutlich erkennbare und unverletzliche innere Kräfte wirken, die ihn mit ganz verschiedenen Banden an verschiedene Menschen fesseln, Bande, deren Resultate ebenso verschieden als unvermeidlich sind, weil sie naturgemäss aus dem Wesen der Neigung, die diesen Menschen unwillkürlich entgegengebracht wird, folgen – und dass in dieser Welt des Herzens thatsächlich eine Art kosmischer Harmonie und Mannigfaltigkeit und eine fast astronomische Ordnung herrscht.

Das gilt ganz besonders von dem, was man das Planetengesetz der Distanzen in der Beziehung der Menschen zu einander nennen könnte. Denn von manchen Personen aus dem Bekanntenkreise eines Menschen kann man sagen, dass man sie auf eine Entfernung von 100 Meilen herzlich liebt; andere sind liebe Freunde, wenn sie eine Meile entfernt bleiben, und wieder andere sind uns unentbehrlich in der nächsten Nähe. Wenn nun durch irgend einen Zufall der Freund, dessen Planetendistanz eine Meile ist, uns in intimer Nähe aufgedrängt wird, so ist die einzige Folge die Entwicklung einer heftigen Abstossung, einer centrifugalen Kraft, durch die er vermutlich noch weit über seine normale Distanz von uns weggetrieben wird, bis er sich mit der Zeit in der richtigen Entfernung fixiert; wenn wir andererseits für eine Zeitlang von einem Menschen getrennt werden, der uns von Rechts wegen ganz nahe steht, und von dem wir wissen, dass er zu uns gehört, dann können wir unsere Zeit abwarten, da wir wohl wissen, dass die Kräfte, die ihn zu uns zurückführen werden, mit der Trennung nur wachsen können. Wie scharf und bestimmt diese persönlichen Distanzen sind, empfindet man erst, wenn man erkennt, wie sehr die Kunst des Lebens darin liegt, dass sie gefunden und bewahrt werden, und wie viel Störungen und Bitternisse uns aus ihrer Verkennung erwachsen, sowie daraus, dass wir sie so oft erst nach langem Herumtappen und Leiden und gegenseitigen Vorwürfen erkennen.

So klar und bestimmt sind diese und andere ähnliche Gesetze, dass sie uns manchmal glauben machen könnten, dass es wirklich eine kosmische Welt der Seelen giebt, der wir alle angehören – eine Seelenwelt, in der all© Relationen klar gegeben und ewig sind; und dass all unsere Beziehungen auf Erden nur die Ausgestaltung und der Ausdruck fern hinter uns liegender und unwandelbarer Thatsachen sind, – eine Vorstellung, die für viele Leute noch durch die sonderbare Erscheinung bekräftigt wird, dass sie so oft schon beim ersten Anblick eines neuen Menschen sich ihrer genauen Relation zu ihm bewusst werden. Diese Erscheinung ist in manchen Fällen von einem seltsamen und kaum erklärlichen Gefühl einer längst oder früher bestandenen Intimität begleitet; und in anderen, minder intimen Fällen fixiert sich die Nähe des Verhältnisses so genau und so augenblicklich, dass auch, wenn in späteren Jahren, ja in Jahrzehnten, die gegenseitige Bekanntschaft sich durch alle Arten interessanter und oft ganz unerwarteter Entwicklungen und Episoden ausgestaltet, dennoch diese mittlere Distanz während der ganzen Zeit so bleibt, wie sie sich zuerst fixiert hat, und auch nicht um Haarbreite wechselt.

Ist es möglich, möchten wir (im Lichte solcher Erfahrungen) fragen, dass es in einem anderen und tieferen Sinne, als den wir bisher gemeint, wirklich eine freie Gesellschaft giebt – eine Gesellschaft, zu der wir alle mit unseren innersten Wesenheiten, bewusst oder unbewusst, gehören – die Rose der Seelen, die Dante im Paradiese schaute, – in der jedes Blatt ein Individuum und dennoch nur durch seine Verbindung mit allen anderen ein Individuum ist, – der Traum der frühen Kirche von einer ewigen Gemeinschaft im Himmel und auf Erden, das Prototyp all der Brüderschaften und Verbindungen, die auf unserem oder irgend einem Planeten existieren; und dass die ungezählten Persönlichkeiten der Menschen in dem einen grossen Ich geeint, Glieder dieses Ich und jeder ein Glied des andern (gleich den Gliedern des Körpers) in ewigen und herrlichen Relationen durch unaufhörliche Bande aneinander gefesselt sind? Ich weiss sehr wohl, dass das wahre Wesen der Liebe durch solche Phrasen und Worte, oder durch irgend welche Worte überhaupt, nicht entsprechend ausgedrückt werden kann, aber vielleicht kommt solch eine Vorstellung der Wahrheit immerhin so nahe, als irgend eine menschliche Vorstellung es vermag; und indem wir sie festhalten, mögen wir denken, dass all unsere irdischen Beziehungen einen unaufhörlichen Versuch darstellen, durch viel Blindheit und auf noch so oft verfehlten und nutzlosen Wegen nach jenen wahren und dauernden Beziehungen zu den anderen Menschen zu tasten und sie zu finden.

Sicherlich wird, wenn ein Mensch einen anderen ernstlich von ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebt, dieser andere in geheimnisvoller Weise ein Teil des Liebenden und unauflöslich mit seinem ganzen Sein verwoben. Darin liegt vielleicht die Erklärung des Gefühls, dass so viele Menschen empfunden haben, dass eine grosse Liebe, selbst wenn sie allem Anschein nach unerwidert bleibt, sich selbst rechtfertigt, und dass ihre Erfüllung zu ihrer Zeit und auf eigenartigen Wegen nicht ausbleiben kann. Die beiden wachsen im Geiste zusammen und verschmelzen gleichsam zu einem Wesen. Der Liebende kann keinen Gedanken haben, er kann nichts mit Augen schauen, ohne dass ein Wiederschein der geliebten Persönlichkeit irgendwie darein verwoben wäre – so dass, solange er existiert (hier oder anderswo), der andere mit seinem innersten Wesen verschlungen und unzertrennlich vereint bleibt. So haftend, so unabweislich ist die Relation. In der äusseren Welt sehen wir nun die wahren Relationen vielleicht nicht immer ganz deutlich und vermeinen, wenn der Tod oder irgend ein anderer Grund die sichtbare Form von uns wegführt, dass die Stunde des Scheidens gekommen sei. Aber in der inneren Welt sind sie klar genug, und wir ahnen, dass wir beide, ich und mein Genosse, mir zwei kleine Blütenblätter sind, die nahe bei einander in der grossen Blume der Ewigkeit entsprossen; und dass nur deshalb, weil wir in jener wandellosen Welt einander nahe sind, unsere sterblichen Erscheinungen hier in der Welt der Wandelbarkeit zu einander gezogen werden und immer voneinander angezogen sein werden, wo und wann immer sie einander begegnen.

Aber da die Blütenblätter der unsterblichen Blume nach Myriaden und Myriaden zählen, so haben wir zahllose Arten der Seelenverwandtschaft in unaufhörlich wachsender Erkenntnis zu lernen – einige davon die allerintimsten, andere zweifellos entfernter, aber alle in ihrer Art schön und vollkommen, sobald wir einmal erkannt haben, was diese Verwandtschaften wirklich bedeuten und unser Geist nicht von unklaren und verworrenen Empfindungen darüber beherrscht ist. Auch die entferntesten unter ihnen sind wünschenswert und tragen einen Keim der Liebe in sich, sobald sie nur vom Geist der Wahrhaftigkeit berührt sind, d. h. sobald sie ein furchtloser Ausdruck des Lebens, das in uns ist, sind, dem ein ähnlicher Ausdruck des Lebens in anderen gegenübersteht und das Gleichgewicht hält; denn der Geist der Wahrheit ist zuletzt das Leben des Ganzen und nur eine andere Seite jener Liebe, die das Ganze zusammenhält.

Wenn wir die Dinge in diesem Licht betrachten, dann muss als das Ideal der irdischen Gesellschaft, nach dem wir naturgemäss streben, uns diejenige erscheinen, die diese dauernden und tiefgegründeten Relationen der Menschen-Seelen zu einander am besten verkörpert; und dass jede Gesellschaftsordnung, soweit sie überhaupt menschlich ist und fähig, sich eine Weile zu erhalten, auf ihrer Stufe ein Spiegelbild der himmlischen Stadt ist. In keiner Gesellschaftsordnung dieser Welt, in keinem noch so utopischen Traum auf Erden wird die wahre, die transcendentale Gesellschaft sich je wirklich verkörpern, aber durch die ganze Geschichte der Menschheit wirkt sie, ohne dass es uns bewusst wird, durch all die Geschäftigkeiten und das Treiben der Sterblichen fort und drängt immer dahin, sich selbst zum Ausdruck zu bringen.

In jedem Fall, und wie immer all dies auch sein mag, der Schluss ist der, dass die inneren Gesetze all dieser Lebensgebiete, die inneren Gesetze der Geschlechtsleidenschaft, der Liebe und aller menschlichen Beziehungen allmählich zu Tage treten und die Führung ergreifen müssen, da nur sie die Kräfte sind, die eine rationelle Gesellschaftsordnung schaffen und erhalten können; und dass die äusseren Gesetze, die nur tote und leblose Dinge sind, unvermeidlich verschwinden müssen. Wahre Liebe ist nur in einer freien Gesellschaft möglich, und Freiheit ist nur dort möglich, wo die Liebe Wirklichkeit geworden ist. Die Unterwerfung der geschlechtlichen Beziehungen unter gesetzliche und konventionelle Vorschriften ist eine unerträgliche Knechtschaft, aber eine Knechtschaft, der wir natürlich nicht entgehen können, so lange die Menschen Sklaven einer rein physischen Begierde sind. Es sind zwei Sklavereien, die in der That einander eine Art natürlichen Gleichgewichts halten. Wenn die Liebe einmal genügend verwirklicht ist, um den Geschlechtstrieb als ihren kraftvollen, aber gehorsamen Diener in ihrer Botmässigkeit zu halten, dann wird es mit diesem ganzen Widersinn des Gesetzes ein Ende haben.

Heisst es zu viel erwarten, dass eine vernünftige menschliche Gesellschaft imstande sein wird, diese und ähnliche Dinge zu erkennen? dass sie sich weder einem ehernen System unterwerfen wird, das sie aller Anmut und Freiheit der Bewegung beraubt, noch auf der anderen Seite Gefahr laufen wird, in die Sümpfe zügelloser Lustvermischung zu geraten? dass sie vielmehr Verständnis genug haben wird, die unzähligen und zarten Nuancen der Relationen anzuerkennen und sich verwirklichen zu lassen, die das Gebäude eines komplizierten socialen Organismus aufrichten? Vielleicht wird sie erkennen, dass aufrichtige Liebe, wie gesagt, eine in den tiefsten Tiefen der Natur begründete Thatsache und ihre eigene Rechtfertigung ist, und dass, wie mannigfach, wie sonderbar oder wie ungewöhnlich die Umstände und die Kombination sein mögen, in denen sie sich offenbart, sie dennoch immer verlangen darf, von der Gesellschaft mit der äussersten Achtung und Ehrfurcht behandelt zu werden als etwas, was sich selbst Gesetz ist, und zwar vielleicht das tiefste und innerste Gesetz des menschlichen Daseins, in das öffentliche Institutionen, wenn überhaupt, nur in den allerexceptionellsten Fällen einzugreifen wagen dürfen.

Es ist erstaunlich, was für Kinder wir heute in all diesen Dingen sind – wie wir all die unzähligen Blüten hernehmen und versuchen, alle ihre Laub- und Kronenblätter nach einem traurigen Muster zuzuschneiden und zu formen, oder wie wir mit ungeschlachter Art nach ihnen greifen und in wenigen Augenblicken den ganzen Blütenglanz und die Schönheit zerstören, die ein Recht auf Unsterblichkeit haben. Vielleicht ist es einer gereifteren Zeit als der unseren vorbehalten, den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Liebesmöglichkeiten zu verstehen, die die Menschheit in sich trägt, und die volle Zauberhaftigkeit all jener Verhältnisse, in denen die Romantik der Liebe durch eine zärtliche Feinfühligkeit und eine ästhetische Enthaltsamkeit durch Jahre und durch Jahrzehnte in einem Zustand von gleichsam beständig steigender Vollkommenheit erhalten wird.

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