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Wenn die Menschen reif zur Liebe werden

Edward Carpenter: Wenn die Menschen reif zur Liebe werden - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Carpenter
titleWenn die Menschen reif zur Liebe werden
publisherVerlag von Hermann Seemann Nachfolger
printrun12. Auflage
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectidf6bc089c
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Der Mann – das unreife Geschlecht

Wenn auch vieles in diesem und einiges in späteren Aufsätzen specifisch englische Zustände behandelt, so vermag doch jeder zu erkennen, wie viel davon für kontinentale Verhältnisse von ebenso schneidender Richtigkeit ist. Anm. des Uebers.

Der Mann, – der gewöhnliche Mensch männlichen Geschlechts – ist ein sehr merkwürdiges Geschöpf. Während er mit seinem Mut, seiner Begabung und Unternehmungslust die Welt unterworfen hat, ist er in Liebessachen meist ein Kind. Die Leidenschaft wirft ihn umher und macht ihn zu ihrem Spielball – er reitet nicht auf dem Löwen, wie die Ariadne der Fabel!

Darin unterscheidet er sich bedeutend vom anderen Geschlecht, und der Unterschied zeigt sich in den frühesten Jahren der Kindheit. Während der Knabe auf seinem Schaukelpferd sitzt, hätschelt das Mädchen die Puppe. Zur Zeit, in der der heranwachsende Junge danach brennt, ein wirkliches Ross zu lenken und für die Macht der Liebe eine ziemliche Verachtung empfindet, hat die »süsse Siebzehnjährige« ihr Herz bereits mehrmals verloren und wiedergefunden und ist in allen Feinheiten des Gefühls erfahren.

Für den erwachsenen Mann bedeutet die Liebe nicht viel mehr als ein Spielzeug. Geschäfte, Politik, Kampf, Gelderwerb, künstlerisches Schaffen, konstruktive Technik sind sein wahrer und eigentlicher Beruf – die Liebesempfindungen sind seine Erholung, die Leidenschaft ein kleines Feuer, mit dem er spielt, und das hie und da aufflammt und ihn versengt. Dabei sind seine Liebesneigungen und seine Leidenschaften vermutlich in der Regel stärker als die des Weibes, aber er gelangt nie dahin, sie zu verstehen und ein Meister auf ihrem Gebiet zu sein. Mit dem Weibe ist es gerade umgekehrt.

Der Mann trabt auf seinem Steckenpferd – seinem Geschäft, seiner Carriere, seiner neuesten Erfindung oder was es sonst ist – durch die Welt und denkt gar nicht daran, dass ein Ding wie das Herz des Menschen eine ernsthafte Rolle in der Welt spielen sollte. Da plötzlich »verliebt« er sich, und nun zappelt und überschlägt er sich in der komischesten Weise, füllt die Luft mit seinem Geschrei, schlägt verzweifelt um sich, wie eine Fliege im Netz, und hat bei alledem nicht die geringste Ahnung, ob er in diese schwierige Situation hineingelockt worden ist oder freiwillig sich in sie begeben hat, und was er nun eigentlich will. Selbstmorde, gebrochene Herzen, Wehklagen, ein ganzes Panorama lyrischer Poesie und Kunst – sicherlich eine Fülle wunderbarer Schönheit – zeigt uns die Spuren des verheerenden Spiels, das der Liebesschmerz mit den Männern getrieben. Das Weib, das in dieselbe Lage gerät, heult und schreit nicht, begeht keinen Selbstmord oder sonst irgend etwas Extravagantes, sie bringt kein Gedicht oder Kunstwerk hervor, das des Erwähnens wert wäre, sondern geht einfach ihren Weg und leidet schweigend und gestaltet ihr Leben für diesen neuen Zustand um. Sie vergisst keinen Augenblick, dass die Liebe ihr einziger, ernster Beruf ist; aber auch keinen Augenblick lang giebt sie beim Verfolgen ihres Zieles »sich selbst auf« oder verliert den Kopf dabei.

Es war vielleicht eine Art Rache hierfür, dass der Mann das Weib durch so viele Jahrhunderte zu seiner Leibeigenen gemacht hat. Er fühlte, dass sie auf dem Gebiet der Liebe irgendwie über ihn zu herrschen wusste, und er rächte sich, in dem er auf anderen Gebieten seine überlegene physische Kraft und seine Macht über sie rücksichtslos ausnutzte; oder, was noch wahrscheinlicher ist, er dachte überhaupt nicht darüber nach, sondern liess sich einfach von der geschlechtlichen Leidenschaft – die so stark in ihm ist – dazu treiben, sich die Herrschaft über das Weib, nach dem er begehrte, anzueignen.

Denn die geschlechtliche Leidenschaft des Mannes ist zweifellos eine Macht – eine ungeheure, verhängnisvolle Macht, mit der man rechnen muss. Vielleicht sind – im allgemeinen gesprochen – alle Leidenschaften und Kräfte, Intellekt, Neigungen, Seelenerregungen, alle in Wirklichkeit beim Manne tiefer und gewaltiger als beim Weibe; mannigfacher, tiefer wurzelnd und breitere Bahnen, weitere Ziele suchend; aber das Weib hat den Vorteil, dass ihre Kräfte besser aneinander gepasst, dass sie unter einander in Harmonie sind, während die seinen ohne gemeinsames Band, untereinander in beständigem Widerstreit sind. Das Mädchen wird früher grossjährig als der Knabe. Und das Reifwerden des Liebesvermögens, das alle Fähigkeiten des Menschen zur Harmonie bringt, kann beim Weibe verhältnismässig früh eintreten, während es beim Manne sich lange hinausschiebt und vielleicht nie vollkommen wird. Das Problem ist für ihn ein viel grösseres und komplizierteres und braucht viel mehr Zeit zur Lösung. Die Frauen verlieren darüber oft die Geduld mit den Männern, sie urteilen nach ihrer eigenen kleinen Herde und beachten nicht, was für gewaltige Scharen der Mann heimzutreiben und unter Dach zu bringen hat.

Wie dem nun sei, das wichtigste ist, dass der Mann mit seinen grossen ungeordneten Kräften in den verflossenen Jahrhunderten das Weib thatsächlich unterjocht und sich zum Herrn der Gesellschaft gemacht hat. Natürlich haben wir infolgedessen eine Gesellschaft, die nach seinem Ebenbilde geschaffen ist, eine Gesellschaft, die es in mechanischen und geistigen Errungenschaften weit gebracht hat, in der gewaltige Leidenschaften und Gefühlselemente gären, aber alle in einem Wirbel von Streit und Verwirrung – eine Gesellschaft, die ganz und gar unausgereift ist, die sich nach der materiellen Seite grosser Erfolge rühmen mag, aber was die menschliche Seite, was ihr Gefühlsleben anbelangt, vollkommen Fiasko gemacht hat.

Dieses ungereifte halbausgebackene Wesen zeigt sich besonders deutlich in der Menschenklasse, die die moderne Welt organisiert, in den englischredenden Menschen aus wohlhabender Klasse.

Der Knabe beginnt seine Laufbahn in der öffentlichen Schule. Dort lernt er zwar nicht viel von seinen Lehrern; aber er treibt sich unter seinen Schulkameraden umher, bei Cricket, Football und athletischen Uebungen, und kommt mit ausserordentlichen organisatorischen Fähigkeiten und einem verhältnismässig festen und verlässlichen Griff für die praktischen und materiellen Gebiete des Lebens heraus – Eigenschaften von höchster Wichtigkeit, die den herrschenden englischen Klassen eine ähnliche Mission in der Welt geben, wie den Römern des alten Reiches. Auch ein gewisses nicht zu überschätzendes Mass von Schulbuben-Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit wird ihm eingepaukt. Es ist eine sehr enge und konventionelle Vornehmheit, die sich im besten Fall bis zur Höhe der Selbstaufopferung und der Pflicht erhebt, aber nie bis zur Idee der Liebe. Gleichzeitig werden durch eine kräftige und reiche Kost und ein bequemes Leben seine funktionellen Energien und animalischen Triebe in hohem Grade angeregt.

Auf diese Art wird zweifellos ein glänzendes Material geschaffen, und wenn es nun wohl geformt, geknetet und gebrannt würde, so könnte eine sehr nützliche obere Kruste der Gesellschaft sich daraus entwickeln. Aber ach! es bleibt ein Teig, oder vielmehr es degeneriert nur zu oft zu einem höchst aufgeblasenen Teig. Nachdem er die Schule verlassen, lernt der Bursche nichts mehr zu. Er kriegt nun keine Pauke mehr. Er kommt – vom Geld seiner Eltern geschoben – mühelos auf die oberen Pfade der Welt – Juristerei, Militär, Kirche, Civilverwaltung und Handel. Er hat keinen ernstlichen Kampf zu kämpfen, keine Anstrengungen zu machen, er sieht fast nichts vom wirklichen Leben; er hat eine gute Zeit, kann meist heiraten, wen er will, oder sich mit den Freuden des Junggesellenlebens trösten und verknöchert zuletzt in der Routine und den Konventionalitäten seines speciellen Berufes – ein Bild der Selbstzufriedenheit, gleich der eines käuenden Rindes. Warme Neigungen und zärtliche Empfindungen, obwohl latent in ihm vorhanden, sind infolge der ungünstigen Bedingungen, die sein Leben bot, nie entwickelt worden; ihre Stelle wird vielmehr von einem öden Cynismus eingenommen. Der Geschlechtstrieb, der immer stark in ihm war, behält auch jetzt, in den Tagen seiner Abnahme, noch immer die erste Stelle, und da sich kein entsprechendes Gegengewicht für ihn im Erstarken der Sympathien gefunden hat, so muss der gereifte Mann die Hemmungen und höchsten Sanktionen in dem unreifen Codex seiner Schuljahre oder in den schalen konventionellen Anschauungen und Vorurteilen der Standesclique finden, der er angehört.

So kommt es, dass die Männer, die heute die Welt regieren, auf den wichtigsten Gebieten ganz unerwachsen geblieben sind: sie sind wirklich nie im vollen Sinn des Wortes grossjährig geworden. Gleich Ephraim sind sie »ein Kuchen, der nicht aufgegangen«. Wo immer sie auftreten, im Haus der Lords oder der Gemeinen, im Civil- oder Militärdienst, als Advokaten, Geistliche oder Aerzte, als Richter auf dem Stuhle, Bischöfe, Männer, die in Indien gebieten und Südafrika ausbeuten, die Aktiengesellschaften in der City gründen, grosse industrielle Kartelle zusammenschweissen und für die Unterstützung eines Ministeriums Adelstitel erhalten: sie sind alle mehr oder minder gleich. Nimmt man ihnen die unterscheidenden Merkmale ihrer Clique und ihres Amtes, so findet man darunter den – Schuljungen. Vielleicht sogar weniger, denn die Schuljungen-Gesinnung, der Ehrencodex und die Lebensanschauung sind noch da, aber der Enthusiasmus und die grossen Hoffnungen, die sie erweckten, sind fort.

Der Gedanke kann einen manchmal rasend machen, dass die Geschicke der Welt, die Organisation der Gesellschaft, die wundervollen Aufgaben einer Staatskunst, die sein könnte, die gewaltigen Resultate des Handels und der Industrie, die Liebe der Frauen, das Leben der Verbrecher, das Schicksal wilder Völker in den Händen solch einer Schar von Erkenntnislosen sich befinden; Menschen, die so flach und blind sind, dass es sie nicht aufregt, die Strassen der Städte allnächtlich vollgedrängt von Prostituierten zu sehen und die Gärten am Tage von den halb leblosen Körpern der Unterstandslosen; Menschen, denen es ganz natürlich scheint, über die Leiber der Frauen fortzuhumpeln, wie unsere kommerziellen Institutionen die Leiber der Armen zermalmen, und unsere »imperialistischen« Unternehmungen über die Barbarenstämme hinstampfen, die durch Trunk und Teufelei vernichtet werden. Aber, »die Welt ist nun einmal so! es lässt sich nicht ändern«, sagen sie. Da ist es sicherlich nicht zum Verwundern, wenn die kühneren unter den Weibern (die auf ihrem eigenen Wege und durch viel Leid und Dunkel zur Erleuchtung gekommen sind) sich in Empörung zu erheben beginnen, und dass die Arbeiter, die da sehen, dass ihr Leben in den Händen solcher liegt, die nicht wissen, was das Leben ist, das gleiche thun.

Lassen wir nun die heutigen Menschen der Mittelklasse, die grossen Repräsentanten der modernen Civilisation und die triumphierenden Resultate so vieler Jahrhunderte des Fortschritts ihren Glanz gemessen – und wenden wir uns einen Augenblick der anderen grossen Klasse zu, die ausser ihr Bedeutung hat: den fähigeren und energischeren unter den manuellen Arbeitern.

Der Mann dieser Klasse bietet einen Typus, der dem anderen in vielen Beziehungen überlegen ist. Vor allem weiss er etwas davon, was das Leben bedeutet. Meist hat er von frühester Jugend an sich sein eigenes Brot schaffen müssen. Zum mindesten hat er in tausenderlei Weise seinen Eltern oder seinen Brüdern und Schwestern helfen müssen und so eine bedeutende Fähigkeit für Sympathie und Gemeinschaft entwickelt, – was wir vom Schüler unserer feineren Schulen kaum sagen können, – während seine Arbeit, wie eng begrenzt sie auch sein mag, ihm ein gewisses bestimmtes Können und einen Griff fürs aktuelle und thatsächliche gegeben hat. Wenn, wie es heute bei hunderttausenden bereits der Fall ist, zu alledem noch ein wenig allgemeine Bildung hinzutritt, die durch Lektüre und Studium erworben ist, so muss das Resultat ein sehr beträchtliches werden. Mag es auch heute noch nicht zählen, morgen wird man mit ihm rechnen müssen.

Dagegen ermangelt diese Schicht in geradezu kläglicher Weise der Eigenschaft, die die andere vornehmlich auszeichnet: des organisatorischen Talents. Sobald man den Arbeiter vor seiner Arbeitsbank, auf der er sozusagen nie weiter als eine Nasenlänge vor sich hin zu schauen brauchte, wegnimmt und auf einen Platz stellt, auf dem er zu befehlen hat und eine Verantwortlichkeit übernimmt – ist er vollkommen im ungewissen Wasser. Entweder zeigt er sich hoffnungslos unfähig und unverlässlich oder er ist ein Kommisknopf und unerträglicher Grobian; es fehlt ihm jeder Ueberblick, er reitet in absurder Weise auf bedeutungslosen Nebensächlichkeiten herum, während er die wichtigsten Dinge vernachlässigt; er ist fast gänzlich ausser stande, das Kommende zu erkennen und das Vergangene in Rechnung zu ziehen oder eine ganze Reihe von Umständen, Bedenken und Erkenntnissen in einem Brennpunkt der Entschliessung zusammenzufassen. In alledem ist er ein hilfloses Kind, ganz unfähig, für sich allein die Welt zu regieren.

Und in vielen Beziehungen sind das moderne Weib und der Arbeiter einander ähnlich. Beide sind seit unerdenklichen Zeiten unterdrückt und brutalisiert worden und beginnen heute, sich dagegen aufzulehnen, beide sind sehr verwendbar für Arbeiten, die durch die Routine vorgezeichnet oder bis ins einzelne bestimmt sind; beide sind schlechte Organisatoren; beide sind stärker in ihrem Gefühlsleben als in ihrem Intellekt; beiden schwebt das Ideal eines besseren Zustandes vor, und beide wissen noch nicht recht, wie es zu verwirklichen wäre. Vielleicht liegt für beide die beste Hoffnung darin, die Männer der Mittelklasse zu gewinnen und von beiden Seiten zu bedrängen, bis sie die Welt in ihrem Sinne umorganisieren. Denn diese, die Männer der Mittelklasse, haben als solche kein Ideal, kein Ziel, keinen Enthusiasmus. Sie haben kein höheres Werk, zu dem sie sich getrieben fühlten, und dienen daher einfach als Werkzeuge für den kommerziellen Trieb der Zeit. Es ist geradezu kläglich, zu denken, dass ihre grossen organisatorischen Fähigkeiten – die genügen würden, die Welt in ein Heiliges Reich umzuwandeln – heute lediglich als Werkzeuge der Juden und Spekulanten dienen. Auf allen politischen Gebieten, im Parlament, in der militärischen, indischen, inneren und kolonialen Politik lässt sich der einstige Schuljunge von den Geldzusammenscharrern an der Nase führen und dient lediglich ihren Interessen und ahnt die halbe Zeit nicht einmal, dass er sich so an der Nase führen lässt.

Es müsste wohl die grösste Wohlthat und ein Segen für den Mann der mittleren Klassen sein, wenn man für ihn ein Ideal fände, für das er arbeiten könnte. Und sicherlich wäre es seine einzig denkbare ernste Aufgabe, sich mit den beiden anderen grossen Schichten der modernen Völker – den Arbeitern und den Frauen – zu verbinden und sie zu organisieren. Ob er das erkennen wird, ist die Frage – aber käme es dahin, dann könnten sich in dieser Welt grosse Dinge ereignen.

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