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Weltstadtbilder

Adolf Stoltze: Weltstadtbilder - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen (Gesammelte Werke Bd. 8)
authorAdolf Stoltze
year1908
publisherVerlag von Heinrich Stoltze
addressFrankfurt a. M.
titleWeltstadtbilder
pages3-22
created20051108
sendergerd.bouillon
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Adolf Stoltze

Weltstadtbilder

Novelle


Kapitel 1.

Worin dem Leser auseinandergesetzt wird, daß die Kunst nicht unbedingt zu den Höhen des Lebens führt und daß es Frauen gibt, die größere Lasten als Männer tragen können.

Ostern! Ein tiefblauer Himmel wölbte sich über die menschenleeren Straßen der Reichshauptstadt. Die Glocken riefen zum Nachmittagsgottesdienste, aber nur wenige suchten den Weg zur Kirche. Alle strömten hinaus ins Freie, hinaus nach den Havelseen, dem Grunewald und der Oberspree, oder sonstwohin, wo sie sich an den linden Frühlingslüften ergötzen konnten.

An dem offenen Fenster seines bescheidenen Stübchens gelehnt, stand Erwin Holmer und sah, an seinem Federhalter kauend, nach dem asphaltierten Hof hinunter, der von einem Gewirr alter Hinterhäuser umschlossen war. Sonst herrschte dort reges Leben; fröhliche Kinderscharen tummelten sich und wimmernde Töne eines verstimmten Leierkastens erfüllten die Luft. Heute aber lagerte Sabbatstille über dem weiten Raum, und selbst die kümmerliche Linde, in der Mitte des Hofes, schien in Schlummer versunken, denn kein Lüftchen bewegte ihre dürren Äste. Gelangweilt ließ Holmer seine Blicke auf die Fenster seines nahen Gegenübers schweifen, aber auch hinter denselben regte sich nichts. Die Mädchen, welche dort an Werktagen in freier Assoziation ihr kärgliches Brot verdienten, waren ausgeflogen. Ein praktischer Sinn hatte diese, mit einander befreundeten Arbeitsbienen, vor Monden zu gemeinsamer Tätigkeit zusammengeführt, und die Armut war der Kitt, der sie weiter verband. Keine von ihnen war in der Lage gewesen, sich die für ihren Beruf unentbehrliche Nähmaschine anzuschaffen, und so waren sie auf den Gedanken gekommen, ein Zimmer mit dem nötigen Requisit zu ermieten und nach dem Prinzip der Arbeitsteilung ihre Tätigkeit darin zu entfalten. Fräulein Emilie, gewissermaßen die Präsidentin der kleinen Republik, war die Seele des Unternehmens; ihr anvertraute die Konfektionsfabrik die zugeschnittenen Stoffe und verrechnete mit ihr den Stücklohn. Was verdient wurde, teilten die fünf Mädchen getreulich unter sich, und so gering auch die Summe war, die jeder zufiel, so reichte sie doch aus, sich halbwegs satt zu essen, einen kleinen Beitrag zu den elterlichen Haushaltungskosten zu leisten, oder eine Schlafstelle sein eigen zu nennen. Wohlgemut verrichteten sie ihre Arbeit, und wenn der Feierabend kam, eilten sie trotz Ermüdung und Abspannung lachend die Treppen hinunter, jede ihrem Verhältnis oder guten Freunde entgegen. Nur Fräulein Emilie war noch von einem Anhängsel frei, aber weniger aus Prüderie oder Schüchternheit, als weil sie wählerischer wie ihre Kolleginnen war und eine unklare Schwärmerei für Künstler und Schriftsteller, wie man sie sonst nur bei der sogenannten höheren Tochter findet, im Herzen trug.

Von jeher hatte sie das Ungewöhnliche angezogen. Als Kind waren es Akrobaten und Kunstreiter, die durch schillernden Flitter ihre Begeisterung wachriefen, später wandte sie ihr Interesse Kadetten mit Unteroffiziersborten und Gymnasiasten mit bunten Mützen zu; und jetzt, wo sie Romane, Theaterstücke und Gedichte mit Heißhunger verschlang, standen langbelockte Maler, mit großen Hüten und schäbigen Samtjacken, glattrasierte Schauspieler mit Gipsverbandkrägen und hohlwangige Poeten, mit schiefgetretenen Absätzen in ihrer Gunst. Nur ein Wunsch beseelte sie: Berühmt zu sein oder wenigstens im Kreise berühmter Leute verkehren zu können.

Als Holmer sein Zimmer bezog, wandte sie mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit dem neuen möblierten Herrn zu, dem sie von ihrem Fenster direkt in die Stube sehen konnte. Saß er doch den größten Teil des Tages an seinem Schreibtische, wo er bald emsig mit der Feder arbeitete oder las, bald blauen Ringelwölkchen nachschaute, die er aus dem Rauch einer Cigarette mit Geschicklichkeit zu formieren verstand.

»Möchte nur mal wissen, was der für'n Beruf hat,« äußerte wiederholt Emilie ihren Freundinnen gegenüber; aber aller Scharfsinn der fünf Damen reichte nicht aus, diese vielerörterte Frage zu lösen.

Endlich, an einem sonnigen Märztage, als sie bei weit geöffneten Fenstern emsig schneiderten, tat sich das gegenüberliegende Fenster auf, und der rätselhafte junge Mann erschien an der Brüstung, um einige Augenblicke frische Luft zu schöpfen.

Emilie legte das Bügeleisen, mit dem sie die Nähte einer Bluse glättete, eiligst bei Seite, schaute wie unabsichtlich nach dem Hof hinunter, wobei sie Holmer mit einem freundlichen Blicke streifte, und sagte dann, sich direkt an ihren Nachbar wendend: »Schöner Tag, heute!«

»Wundervoll!« gab dieser reserviert zurück.

»Wär noch schöner, wenn man nich von früh bis spät schuften müßte!«

Holmer betrachtete sein gesprächiges Visavis etwas aufmerksamer und fand, daß es gar nicht übel war. Aus einem bleichen Gesichte strahlten ein Paar schwärmerische Augen, und üppiges dunkeles Haar umringelte einen gefällig geformten Kopf. »Ja, ja,« erwiderte er etwas freundlicher, »im Tiergarten mag's schon behaglicher sein als in der Bude.«

»Na, Sie können sich doch enn paar Augenblicker frei machen von die Schreiberei,« meinte Emilie.

»Das werde ich auch, aber was ich heute versäume, muß ich morgen nachholen.«

»Da buckeln Se sich ooch im Akkord ab?«

»Im Akkord –« erwiderte lachend Holmer, dem die Frage höchlich amüsierte. »Ja, gewiß, im Akkord bei mir.«

»Verstehe ich nich! Für was glauben Sie wohl, daß wir Sie ne janze Weile jehalten haben?«

»Keine Ahnung.«

»Forn Schulmeester, der keene Schüler hat,« antwortete Emilie und sah dabei verstohlen ihren Nachbar forschend an.

»Fehlgeschossen, Fräulein.«

»Oder for'n Privatsekretär.«

»Ebensowenig.«

»Ooch nich – ja – –«

»Interessiert Sie das so sehr?«

»Das nich, – aber wenn man eenen so ville Tinte verspritzen sieht, möchte man ooch jerne wissen, wofor er das tut.«

»Ihre Wißbegierde ist entschuldigt, Fräulein. Na, also, ich schreibe einen Roman.«

»Einen! –«

»Roman.«

»Der in der Zeitung jedruckt wird?«

»Hoffentlich in vielen Zeitungen.«

»In vielen –!«

»Oder im Buchhandel erscheint, je nachdem.«

Emilie starrte verwundert ihren Nachbar an, dann wandte sie sich plötzlich um und zischelte ihren Freundinnen halblaut zu. »Kinder, habt ihr Worte! der Möblierte is Schriftsteller.«

Auf diese Lösung des Rätsels nicht gefaßt, schnellten sämtliche Mädchen in die Höhe und betrachteten mit neugierigen Blicken Holmer, aber fast ebenso schnell wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Arbeit zu, als sie fanden, daß sich der junge Mann äußerlich in nichts von anderen jungen Männern unterschied.

Gerne hätte Emilie das Gespräch mit Holmer fortgesetzt, wenn sich dieser nicht vom Fenster entfernt, seinen Hut ergriffen und mit einem kurzen Kopfnicken sein Zimmer verlassen hätte.

Die nächste Zeit brachte trübes, naßkaltes Wetter und gestattete nicht, die Fenster offen zu halten. Emilie empfand unter der Ungunst der Witterung doppeltes Unbehagen; beseelte sie doch nur der eine Gedanke, die angeknüpften Beziehungen zu ihrem Nachbar weiterzuspinnen, um einen tieferen Einblick in seine Verhältnisse und Tätigkeit zu gewinnen. Diese Sehnsucht entsprang aber nicht dem Gefühle der knospenden Zuneigung, wie ihre Freundinnen glaubten und sie deshalb neckten, sondern dem Bestreben in Kreisen, die außerhalb ihrer Umgangssphäre lagen, zu verkehren.

Durch eine Nachfrage bei dem Briefträger hatte sie Holmers Namen erfahren und die Gewißheit erlangt, daß er Romane schrieb. Sie setzte nun alles daran, ihm auf der Straße zu begegnen, aber Wochen vergingen bis es ihr endlich gelang, durch einen glücklichen Zufall ihr Ziel zu erreichen.

Holmer hatte, wenige Tage vor Ostern, um die Abendstunde sein Haus verlassen, als sie die Straße heraufkam, um das ihrige aufzusuchen. Angenehm überrascht rief sie ihm einen »Juten Abend« entgegen und setzte hinzu: »Na, wohin so eilig, Herr Nachbar?«

»Nach Charlottenburg,« entgegnete dieser, blieb stehen und sah sie nicht ohne Interesse an.

»Da war ich lange nich draußen; komme überhaupts aus Berlin fast nich mehr raus.«

»Sonntags doch?«

»Ooch dann nich, da hab ich for mir und die Wirtschaft zu tun. Uff enn ersten Osterfeiertag spann ich mir mal aus und besuche meine Schwester in Spandau.«

»Da wünsche ich Ihnen gutes Wetter und viel Vergnügen.«

»Danke! Mit dem Vergnügen wird's rar sinn,« meinte Emilie und setzte wie unabsichtlich hinzu: »Abends sieben Uhr zehn Minuten bin ich wieder zurück im Lehrter Bahnhof«.

»So zeitig?«

»Jawoll, will noch 'ne Freundin in der Invalidenstraße aufsuchen, – wenn nischt zwischen kommt, natürlich.«

Da diese aufmunternde Andeutung keinen wahrnehmbaren Eindruck auf ihren Nachbar zu machen schien, reichte sie ihm etwas kühl die Hand, wünschte vergnügte Feiertage und verschwand unter ihrer Haustüre.

Holmer dachte über diese Begegnung nicht weiter nach, denn tausend Pläne und Entwürfe beschäftigten sein Gehirn. Er war aus seiner süddeutschen Vaterstadt nach Berlin gekommen, um als Schriftsteller Eindrücke zu gewinnen und zu verwerten, auch hoffte er von hier aus, für seine Arbeiten am schnellsten Verbreitung und Anerkennung zu finden. Mit Eifer und Ernst verfolgte er dieses Ziel und so hatte er auch heute, am ersten Osterfeiertage, bis in die Nachmittagsstunden hinein an seinem Schreibtische gesessen und gearbeitet.

Jetzt wo seine Blicke über den stillen Hof schweiften und an den geschlossenen Nachbarfenstern verweilten, erinnerte er sich plötzlich wieder der verheißungsvollen Worte Emiliens; und da er sich einsam im Getümmel der Weltstadt fühlte, wo er außer ein paar Landsleuten und Kollegen, kaum jemand kannte. überlegte er, ob er nicht um die Abendstunde nach dem Lehrter Bahnhof gehen sollte. Weshalb nicht? frug er sich selbst. Verfehle ich sie, hat's nichts zu sagen; bummele heute doch ziellos durch die Straßen.

Nachdem er hierüber mit sich im reinen war, zündete er eine Cigarette an, schob einen Sessel ans Fenster, ließ sich darauf nieder und betrachtete von hier aus in behaglicher Ruhe seine Stube, wobei er liebliche Rauchwölkchen vor sich herblies.

Es war das typische Berliner Heim für möblierte Herren, das er bewohnte. Zwei verschlossene und teilweise mit Mobiliar verstellte Türen führten nach vermietbaren Zimmern, während eine dritte Türe die Verbindung mit dem langen, schmalen Korridor vermittelte. In der hinteren Ecke, gegenüber dem Fenster, befand sich der übliche rostlose Porzellanofen und unweit davon der Waschtisch mit Spiegel und das Bett mit geblümtem Vorhang, sowie ein Nachttisch, auf dem ein vernickelter Leuchter stand. Ein rotes Plüschsopha, ein ovaler Tisch, zwei Sessel und drei Stühle, eine Kleiderspinde und ein altmodischer Zylinderschreibtisch ergänzten die Einrichtung. Den Boden bedeckte ein Teppich, dessen Grundfarben sich nicht mehr feststellen ließen, und an der Decke hing eine dreiarmige Gaskrone, deren abgebrochene Verzierungen durch geschickt angebrachte Papierblumen verdeckt waren. Oeldruckbilder und Lithographien in gebleichten Goldrahmen, schmückten die Wände; und Nippes und Gipsfiguren, unter denen Amoretten mit geschundenen Nasen und Glücksschweinchen mit abgebrochenen Schwänzen vorherrschten, die Möbel.

Das eine Zimmer nebenan, von der Wirtin der Salon genannt, weil seine Fenster an der Straßenseite lagen, und weil außer der üblichen Einrichtung noch ein Blumentisch und ein Pianino darin Aufstellung gefunden hatte, wurde von zwei jungen Kaufleuten bewohnt, welche allabendlich nach Comptoirschluß ihren musikalischen Gefühlen mit viel Pedal und noch mehr Fehlgriffen Luft machten. Es tauchte in der Hauptstadt kein Gassenhauer auf, den sie nicht sofort ihrem Repertoir einverleibten und unzähligemal ihren Besuchen, die nicht immer aus Herren bestanden, zum besten gaben. Das andere Zimmer, das seither ein Missionär innehatte, war leer, sollte aber gleich nach den Feiertagen von einer auswärtigen Schauspielerfamilie bezogen werden.

Holmer hatte sich noch nicht lange der beschaulichen Ruhe hingegeben, als im Salon leise die Saiten des Pianinos erklangen. Erstaunt horchte er auf, da er wußte, daß seine Nachbaren verreist waren und kein Geräusch verriet, daß sich im Nebenzimmer Personen befanden.

Die Töne schwollen an, eine sichere Hand glitt über die Tasten und deutlicher und klarer entwickelte sich eine seelenvolle Harmonie. Das Instrument, das sonst unter den Stümperhänden seiner abendlichen Quälgeister quietschte und hölzern stöhnte, schien ein anderes geworden zu sein, denn bald mächtig, in rauschender Fülle, bald in schmelzenden Akkorden erklangen seine Saiten.

»Beethoven! wahrhaftig Beethoven!« rief überrascht Holmer und schlich nach dem Flur, um besser lauschen zu können.

Die Türe zum Salon war nur angelehnt, und so überschaute er mit einem Blick den ganzen Raum. »Meine Wirtin!« entfuhr es unwillkürlich halblaut seinen Lippen, und wie gebannt blieb er stehen und sah nach der kleinen schmächtigen Frau mit weißem Haar und eingesunkenen Wangen, die in ihr Spiel vertieft seine Anwesenheit nicht bemerkte.

Unhörbar, wie er gekommen, wollte er sich eben wieder entfernen, als ihr Blick beim Umwenden der Noten zufällig in den Spiegel fiel und sie ihn erkannte. Verlegen erhob sie sich und fragte, ob er etwas wünsche.

»Nichts, als daß Sie weiter spielen,« erklärte mit einem verbindlichen Lächeln Holmer. »Musik ist meine Welt, und ich war wirklich neugierig, den Meister zu sehen, der ihr so trefflich dient.«

Die alte Frau tat, als hätte sie nichts gehört, und lud ihn freundlich ein näher zu treten. »Ich glaubte,« nahm sie, nachdem sich ihr Zimmerherr gesetzt hatte, das Wort, »auch Sie wären heute, bei dem herrlichen Wetter, über Berg und Tal, und ich wäre allein zu Hause.«

»Nein, ich habe gearbeitet, die ungewohnte Stille kam mir dabei sehr zu statten.«

»Und da habe ich Sie mit meinem Geklimper gestört.«

»Im Gegenteil, Sie haben mir eine große Freude bereitet – ich mache Ihnen mein Kompliment.«

»Tun Sie das nicht. Mit sechzig Jahren und der vielen Handarbeit werden die Finger steif – es tut mir sehr leid, Sie aus Ihrer Ruhe aufgescheucht zu haben.«

»Ich versichere Sie nochmals, Frau Lampart, daß mir Ihr Spiel ein Genuß war. Beethoven – den hatte ich am wenigsten hier vermutet. Ich wußte nicht, daß Sie musikalisch sind.«

»Sagen Sie lieber, waren. Die Zeiten sind längst vorüber – leider, leider – wo ich mit Begeisterung mich in die Meisterwerke der Tonkunst versenken konnte.« Da sie diese Worte mit tiefer innerer Erregung sprach, fand es Holmer für gut, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erkundigte sich nach dem Befinden ihres Mannes.

»Der ist heute außer dem Hause beschäftigt,« antwortete sie ausweichend.

»Merkwürdig, ich habe Ihren Gemal, seitdem ich bei Ihnen wohne, noch nicht einmal zu Gesicht bekommen.«

»Dafür werden Sie ihn oft genug gehört haben – wenn er Krach macht.«

»Auch das nicht.«

»Möglich, daß der Lärm nicht zu Ihnen dringt, weil ich die Türe sperre – aber andere hören's – andere, die höhnisch grinsen, wenn er mir seine Grobheiten ins Gesicht schleudert!« stieß leidenschaftlich die alte Frau hervor und setzte dann im verzweiflungsvollen Tone hinzu: »Es ist nicht meine Art, mich über mein Schicksal zu beklagen, aber wenn es mit Keulen auf uns einschlägt, dann macht sich die gequälte Seele Luft und schreit ihr Leid in alle Welt hinaus!«

Holmer wollte aufstehen und sein Bedauern aussprechen, daß er, ohne es zu ahnen, ein Thema berührt habe, das ihr schmerzlich sei, sie aber drückte ihn auf den Stuhl nieder und bat ihn dazubleiben.

»Es ist mir Bedürfnis mich auszusprechen,« stöhnte sie, während dicke Tränen ihr über die abgehärmten Wangen rollten, »ich habe ja niemand, der Anteil an mir nimmt – kein Kind und keine Verwandten!« Nach diesem Ausbruch ihrer Empfindungen sprach sie gelassener und fuhr fort: »Es ward mir wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen, welche Kränkungen ich im Leben erdulden müßte. Mein Vater war ein geachteter Kaufmann, kein reicher Herr, aber doch ein Mann, dessen Einkommen hinreichte, seinen fünf Kindern eine gute Erziehung zu geben. Meine Brüder studierten; ich, die jüngste von drei Mädchen besuchte das Konservatorium. Unter den Lehrern dieser Anstalt befand sich ein vielversprechendes musikalisches Genie, ein junger hübscher Mann, der nicht nur ein trefflicher Violinvirtuose, sondern auch ein ausgezeichneter Flötist war. Wir Mädchen schwärmten natürlich alle für ihn und drängten uns heran, ihn bei seinen Vorträgen auf dem Klavier begleiten zu dürfen. Seine Wahl fiel auf mich und, was daraus entstand können Sie sich denken. Mein Vater hätte lieber gesehen, wenn ich einen Kaufmann geheiratet, gab aber doch seine Einwilligung, und so wurden wir getraut. Im sechsten Jahre unserer Ehe gab mein Mann seine Stellung als Lehrer am Konservatorium auf, um sich ganz dem Virtuosentum widmen zu können. Eine lange Reihe von Jahren machten wir nun Kunstreisen und besuchten fast alle bedeutende Städte Europas, nur von Zeit zu Zeit nach meiner Vaterstadt zurückkehrend, um von dort aus weitere Engagements abzuschließen.

Das Nomadenleben, das wir führten, brachte uns mit Leuten aller Art zusammen, deren Einfluß auf meinen Mann, der ein flottes Leben liebte und guten Weinen gerne zusprach, nicht immer der beste war. Oft trank er halbe Nächte hindurch und fühlte sich am nächsten Morgen darauf so matt und abgespannt, daß er nicht im stande war, die unerläßlichen Uebungen für sein nächstes Konzert vorzunehmen.

Meine Bitten und Vorwürfe verfehlten völlig ihr Ziel und erbitterten ihn nur gegen mich, eine Kluft erzeugend, die sich nicht mehr überbrücken ließ.

Was nicht ausbleiben konnte, geschah. Bei einem Konzert in einer kleinen Residenzstadt verließ ihn mitten im Vortrag eines schwierigen Violinstückes, das er auswendig spielte, sein Gedächtnis, und er blieb stecken. Das Konzert mußte abgebrochen werden, und die Zeitungen machten ihre Glossen darüber.

Ueber ein Jahr verweilte mein Mann in einem Sanatorium zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und als er dasselbe verließ, mußte er auf sein Virtuosentum verzichten.

Unsere Ersparnisse waren fast aufgezehrt, als er endlich in einem großen Theaterorchester Anstellung als erster Geiger fand. Noch einmal schien sich das Leben freundlich für mich gestalten zu wollen, umsomehr als ich durch Erteilung von Klavierunterricht wesentlich zur Aufbesserung unserer pekuniären Verhältnisse beitragen konnte. Da starb meine Mutter und zwei Jahre später mein Vater, dem unmittelbar darauf meine beiden Brüder folgten. Diese jähen Schicksalsschläge erschütterten meine Gesundheit so, daß ich von weiterem Stundengeben absehen mußte. Während meiner Krankheit verlor mein Mann wieder jeden sittlichen Halt und verkehrte mehr im Wirtshause als in seinem Heim. Sein Kapellmeister verwarnte ihn mehrmals wenn er betrunken zur Probe kam, und als dies sogar bei einer Vorstellung der Fall war, bekam er seine Entlassung.

Wir wandten uns nach Berlin, wo wir noch zuerst einen Wirkungskreis zu finden hofften. Es gelang meinem Manne auch bei verschiedenen Theater- und Konzertunternehmungen anzulanden, aber nirgendswo tat es lange gut; sein Hang zum Trinken und seine verminderte Leistungsfähigkeit brachten ihn immer und immer wieder um Stellung und Brot. Ich machte verzweiflungsvolle Anstrengungen, durch Musikunterricht uns wenigstens einigermaßen über Wasser zu halten, aber niemand wollte in Berlin N. mehr als fünfzig Pfennig für die Stunde einer unbekannten Lehrerin geben, und dabei mußte ich noch die Miete für ein Klavier bezahlen. Längst hatten wir alle Wertgegenstände die wir besaßen, bis auf eine Busennadel, welche der alte Kaiser nach einer Soiree meinem Manne verehrte, und die er heute noch trägt. veräußert und gingen nun mit Riesenschritten der völligen Verarmung entgegen. Da, in unserer höchsten Not, wandte ich mich an meine einzige noch lebende Schwester in England und bat sie um ein Darlehen von einigen hundert Mark, um mit dem Gelde in besserer Lage eine Wohnung zu ermieten und durch Aufnahme von Pensionären eine Existenz zu gründen. Sie lieh mir das Geld, aber sie lieh es in so kränkender Form und unter soviel unverdienten Vorwürfen, daß ich gerne darauf verzichtet hätte, wenn mir noch ein anderer Ausweg geblieben wäre.

Hinter dem Rücken meines Mannes, der mir längst keine Stütze mehr war, führte ich mein Vorhaben aus und bin nunmehr wenigstens vor Mangel und Not geschützt, muß aber dafür von meinen möblierten Herren gar manches mit in Kauf nehmen, was mich mit Entrüstung erfüllt, wozu ich aber schweigen muß, wenn ich meine Mieter nicht verlieren will.

Mein Mann kümmert sich wenig um meine Sorgen, was er verdient, verbraucht er für sich, und wenn er ohne Engagement ist, muß ich mit Argusaugen darüber wachen, daß er nichts heimlich ins Leihhaus trägt. Alles das habe ich schweigend erduldet und würde es so weiter erdulden, wenn er mich mein Joch in Frieden tragen ließ; aber wenn er, wie in letzter Zeit, angetrunken nach Hause kommt, mich verspottet, verhöhnt und vor Fremden beleidigt und beschimpft, dann weiß ich nicht, wohin mich noch die Verzweiflung treibt.« Frau Lampart hatte sich bei den letzten Worten wie drohend erhoben, sank aber gleich darauf wieder erschöpft auf ihren Stuhl zurück und heftete die müden Augen auf den Boden, als wenn sie sich dort Rat und Hilfe holen wollte.

Holmer suchte sie zu trösten und meinte, daß es ihr vielleicht doch noch gelingen würde, ihren Gatten auf andere Wege zu bringen.

»Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben – was mich aufrecht erhält, ist die Arbeit, bei der ich mich vergessen kann und die Musik, zu der ich mich flüchte, wenn ich mich allein weiß.«

»Gegenwärtig ist Ihr Mann aber in Engagement?« forschte Holmer.

»Ich weiß es nicht, glaub's auch nicht, obgleich er schon um sieben Uhr heute früh das Haus verließ – angeblich um bei einer Festfahrt nach dem Müggelsee zu musizieren – vor zwei Uhr nachts wird er nicht wiederkommen.«

Ein fortgesetztes Geklingel an der Vorplatztüre machte der Unterhaltung ein jähes Ende. Frau Lampart erhob sich, um nachzusehen, wer so beharrlich Einlaß begehrte, und auch Holmer trat auf den Flur hinaus.

»Wie lange soll ich wohl warten, bis es dir beliebt aufzumachen?« schnauzte ein hagerer Mann, mit einem erdfahlen Gesicht und angegrautem Bart- und Kopfhaar die erschrockene Frau an, als sie die Türe öffnete, und schob sich dann schwankenden Schrittes, einen abgeschabten Violinkasten unterm Arm, in den Korridor.

»Du schon, Wilhelm!« rief Frau Lampart, und ein Frösteln durchrieselte ihren Körper. »Du wolltest doch nach dem Müggelsee.«

»Wollt ich! aber die Lumpen sind ohne mich von der Innnowitzer Brücke abgefahren – Bande!«

»Und da hast du zehn Stunden gebraucht wieder nach Hause zu kommen?«

»Ausgerechnet!« platzte er heraus und sah sie höhnisch an. »Kümmert's dich was, oder einen deiner Zimmerfaxen – Pardon, Zimmerherren?« verbesserte er sich mit einem blöden Lächeln, als er Holmer bemerkte, der noch im Flur stand. »Ist der Herr wohl, der Geschichten schreibt?«

Seine Frau gab keine Antwort, sondern betrachtete ihn mit dem Ausdruck der Verachtung, wie er, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, vergebliche Versuche machte, sich ein würdevolles Ansehen zu geben. »Wo hast du denn deine Kaisernadel gelassen?« fuhr sie plötzlich erregt auf.

»Aufgehoben.«

»Verloren oder versetzt?«

»Aufgehoben,« wiederholte er mit einer blödsinnigen Grimasse, »besser als bei dir, viel sicherer als bei deinen Möblierten.«

»Versetzt und vertrunken, das letzte aus einer ehrenvollen Vergangenheit!« schrie in verzweiflungsvollen Tönen die alte Frau, und heiße Tränen benetzten ihre Wangen. »So feierst du Ostern, o pfui, pfui!«

Als Antwort auf diese Vorwürfe griff ihr Gatte in die innere Tasche seines Rockes, zog eine Flöte hervor, setzte sie an die Lippen und blies in verschiedenen Variationen, mit kurzem stoßweisen Atem, die Melodie: Du bist verrückt mein Kind, du mußt nach Berlin. Mühsam richtete er sich dabei in die Höhe und marschierte mit schwankenden Paradeschritten an seiner Frau vorbei auf die Küchentüre zu, die er mit dem Fuße aufstieß, dann in die Küche trat und dort sein Konzert fortsetzte.

Außer sich vor Scham und Zorn wollte sie ihm folgen, im Augenblicke aber, als sie hastig die Türe öffnete und hierdurch den dahinter postierten Musikanten anstieß, entfiel diesem die Flöte, und in dem Bestreben sie aufzuheben stürzte er die Länge nach zu Boden, wo er unbeweglich liegen blieb.

Holmer, der, gegen seinen Willen, Zeuge der peinlichen Szene gewesen, wollte versuchen den Trunkenbold wieder aufzurichten, Frau Lampart aber hielt ihn davon ab, indem sie sagte: »Lassen Sie ihn nur liegen, da hat er schon oft gelegen und seinen Rausch ausgeschlafen.«

Unmittelbar daraus verkündigte ein kräftiges Schnarchen, wie sehr Frau Lampart mit den Gewohnheiten ihres Gatten vertraut war.

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