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Welt-Untergang

Felix Dahn: Welt-Untergang - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFelix Dahn
booktitleFelix Dahn. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Zweite Serie. Band 2
titleWelt-Untergang
publisherBreitkopf und Härtel
printrun21. bis 30. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161205
projectid45c3a429
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Drittes Buch.

*

 

I.

Es war ein strahlend schöner sonniger Sonntag im Brachmond, ein paar Stunden nach Mittag: da wogte auf den weitgestreckten Gemeindewiesen vor der Vorstadt »auf dem Sande« eine festlich-fröhliche Menge.

Denn der Verband der Bogenschützen feierte die Wiederkehr des Tages, an dem vor fünfzig Jahren König Otto der Große ihnen durch einen Gnadenbrief die Rechte einer Genossenschaft und allerlei Freiheiten und Befugnisse verliehen, auch die königliche Kammer angewiesen hatte, alle fünf Jahre drei große Stückfässer Wein der Schützenschaft zu verabreichen, wenn sie an diesem Tag ein Bogenschießen halten wolle; sie hatte es immer gewollt!

Auch heute drängte sich da draußen vor dem Südtor so ziemlich alles, was die Beine rühren und die enge, heiße Stadt verlassen konnte: denn zur Lustbarkeit ließen sie sich schon damals recht leicht bewegen, die guten Burgensen der fröhlichen Stadt am Main.

Männer und Weiber, diese gar oft ganz kleine Kinder auf den Armen oder auch auf dem Rücken in einem Huckekorb oder einer »Butte« festgebunden tragend, Laien und Priester und Mönche, bischöfliche Dienstmannen, Pfahlbürger und zumal auch viele Bauern und Winzer aus den benachbarten Dörfern und Höfen wallten und wogten hier durcheinander; es fiel auf, daß die Reisigen des Grafen fehlten: aber die wenigen, welche ihm nicht über die Alpen gefolgt waren, durften die Burgwacht nicht verlassen.

Gerade an der Stelle, wo sich heute die Straßen nach Randersacker und nach Heidingsfeld gabeln und wo auch dermalen – gegenüber dem Ehehaltenhause – ein Wirtshaus steht, hatte ein Wirt für das allzeit durstige Völklein – denn die drei Fässer reichten bei weitem nicht! – zu dem Festtage eine sehr bescheidene Schenke aufgezimmert: über ein paar tannenen Tischen und Bänken spannte sich, von belaubten Birkenstämmlein getragen, aus Segeltuch ein luftiges Gezelt: grüne Gewinde von Schilf und Zweigen waren darüber hingezogen: oberhalb des Eingangspförtleins schwankte ein Kranz von Rebenblättern: roter Teufelsabbiß, weißer Ehrenpreis, zierlicher Frauenschuh waren hineingeflochten.

Hastig lief der Wirt, der sonst gar behäbige Bezzo, mit den Zinnkrügen und Holzbechern voll billigen weißen Weines zwischen den Bänken auf und ab, sein rosig Töchterlein zu gleichem Eifer mit manchem Scheltwort treibend. »Röschen! daß dich der Donner verschlag! Was steckst du wieder solang bei dem Schlingel von einem Waffenschmied? Und der würdige Kapellan von Sankt Burchhard und sogar der Nachbar Spedilo, der brave und gerechte Büttnermeister, müssen schier vor Durst verschmachten! Der Bettelbub, der Scheibennarr zahlt dir doch nie ein Handgeld über die Schuldigkeit hinaus.«

Verschämt wischte sich die Kleine das Mündchen: »Ei, ich bin mit dem Mundgeld zufrieden!« und eilig sprang sie nun zu der Bank, wo mehrere Geistliche und ältere angesehene Bürger der Stadt um einen weißgescheuerten Ahorntisch versammelt saßen, dabei der dicke Büttner, der sich vergeblich bemühte, der Flinken den Arm um die schlanken Hüften zu legen; der junge Waffenschmied aber rief, sich das braune Bärtchen streichend: »Ei, Vater Bezzo, Ihr müßtet von Rechts wegen dem Gast noch Mundgeld obendrein zahlen, der Euern sauern Rostputzerwein hinunterwürgt.«

»Gelbschnabel, unverschämter! Für dich wird wohl eigens Herr Supfo den Edeltrank vom Stein- oder vom Harfenhang schenken? Wann zahlst du deinen letzten, vorletzten und drittvorletzten Trunk?« – »Auf der Hochzeit mit Röschen, Vater Bezzo!« – »Der Teufel ist dein Vater.« – »Nein, der wird ja mein Schwiegervater!« – »Ich werd' euch,« grollte von dem geistlichen Tische her der Baß des Kapellans, »wer nennt da so keck den üblen Höllenwirt? Dann kommt er gar rasch herbei.« »Fürcht' ihn nit!« lachte der Waffenschmied, »ich schieß' ihn zusammen auf fünfhundert Schritt wie einen alten Auerhahn. Mein früherer Herr, Junker Hellmuth, hat's gesagt: zwei Burschen wie er und ich reiten allen Teufeln entgegen. Da kommt der Ritter! Er soll euch zeigen, daß er noch viel besser schießt als ich.«

Damit sprang der hübsche Bursche auf und eilte einem ansehnlichen Zug entgegen, der eben von der Stadt her auf die Festwiese gelangte. Es war der Bischof selbst, begleitet von vielen seiner Geistlichen, von seinen Junkern und den Edelfräulein. Während Herr Heinrich von den Ältesten der Schützengilde ehrerbietig empfangen und mit seinem geistlichen Gefolg in eine vorbehaltene festlich geschmückte Laube geleitet ward, mischten sich seine weltlichen Begleiter unter die Menge.

»Ich hörte schon unterwegs,« begann Hellmuth, »von Gästen, die von der Wiese bereits nach Hause trachten, wer heute – wieder einmal! – den besten Schuß getan.« – »Ja, bis jetzt – weil Ihr nicht mit geschossen. Kommt, Herr! Bogen und Pfeile liegen bereit. Dort: den Rebhügel aufwärts, vor der Weinbergmauer des Geigilo steht die Scheibe. Nun reißt die Augen auf, ihr Stümper: jetzt sollt ihr sehen, was treffen heißt.« »Ich schieße nicht mehr – im Spiele, Gericho;« düsteren Blickes schritt er weiter. »Wie schade! – Bei dem letzten Wettschießen, mein Röslein« (denn sie war schon wieder an seiner Seite! – ) »zu Werthheim traf ich das Rote so genau in der Mitte, daß ein besserer Schuß nicht möglich schien. Aber was tat er? Was tat mein Herr? Er traf doch noch viel, viel besser. Denn er schoß meinen Pfeil mitten entzwei. – Wo lebt – alles in allem – ein junger Held seinesgleichen?«

Diese Worte schlugen an Edels Ohr wie sie, vom Gedräng aufgehalten, mit Minnegard einen Augenblick verweilen mußte: sie schlug die Augen auf, glühendes Rot schoß aus dem stolzen, verhaltenen Herzen in die bleichen Wangen bis unter die lieblich krausen Haare über der Stirn; ganz verstohlen, von keinem gesehen, flog von der Seite ein leuchtender Blick stolzer Freude über die edle Gestalt des Jünglings hin. Aber auch die folgenden Worte Gerichos, obwohl er sie seinem Liebchen leise zuflüsterte, vernahm ihr feines Ohr.

»Der Unselige! Ganz verwandelt ist er. Er lacht nicht mehr. Sogar Roß und Speer, und all' seine Waffenfreude sind ihm verleidet. Er muß verzaubert sein von irgendeinem Neider, der ihm den vielen Ruhm nicht gegönnt hat. Wüßt' ich den Zauberer, ich riß ihm das Herz aus dem Leibe.«

»Vielleicht ist's eine Zauberin, die ihn verwunschen,« meinte Rosbertha mit leisem Grauen. »Es gibt solche. Er ist gar schön. Vielleicht tat's Eifersucht – verschmähte Liebe.« – »Oder auch: er grämt sich um ein Weib.« Hastig schritt Edel fürbaß, Minnegard an der Hand mit sich ziehend.

»Nun, Nachbar Bezzo,« rief der dicke Büttner dem Wirte zu, »wenn endlich schließen wir ab? Ich bin jeden Tag bereit, den Muntschatz zu zahlen – soviel Ihr fordern mögt. Ich kann's! Ich hab's liegen. Ich bin ein Mann, der Frau und Kind ernähren kann.« »Könnt Ihr sie auch beschützen?« fragte Gericho, blitzenden Auges hinzutretend. »Schämt Ihr Euch nicht, alter Kahlkopf? Rösleins Großvater könntet Ihr sein!« »Immer noch jung genug,« erwiderte der Dicke, »dich, Nestling, zu züchtigen: » und er holte mit der Rechten, zornig aufstehend, zum Schlage aus. »Ihr? mich?« lachte der. »Versucht's! Für Euch brauche ich nur die Linke. Da! Seht! Meine Rechte leg' ich auf den Rücken – so! – und rühre sie nicht, bis Ihr am Boden liegt. Kommt an!«

»Nachbar,« meinte Bezzo, »das könntet Ihr wagen, mein' ich. Gebt dem Keckling eine Lehre.« Sichtlich nicht gerade gern befolgte Spedilo seines Freundes Mahnung, hob die beiden Fäuste und schritt drohend gegen den Burschen heran.

Der unterlief ihn, schlang den linken Arm um seinen Leib und, ohne den rechten Arm vom Rücken zu lösen, lupfte er den schweren Gegner ein wenig in die Höhe, drehte ihn um und warf ihn bäuchlings in das weiche Gras der Wiese. Lautes Gelächter, tosender Beifall erscholl von allen Seiten und Gericho hob nun die Rechte, dem schwerfällig sich Aufrichtenden einen herzhaften Schlag auf die untersten Grenzgebiete seines Rückens zu versetzen.

Aber mitten im Ausholen hielt er ein: er lauschte, vorgebeugt, flußaufwärts und rief: »Halt! Haltet an! Still ein wenig! Was ist das?« Und er ließ den erhobenen Arm sinken. – »Jawohl! Stille!« – »Horcht! Gebt Ruh.« – »Was für ein Gedröhn!« – »Dort von Mittag her – auf der großen Straße!« – »Sind's Feinde?« – »Die Hunnen kommen wieder!« rief entsetzt ein altes Weiblein. »Nein! Es sind Drommeten!« – »Nein! Posaunen!« – »Aber nicht das deutsche Heerhorn!« – »Und Grabgesänge tönen drein!« – »Wie schauerlich!« – »Immer näher kommt's.« – »Schon sieht man die Staubwolken!« – »Viele, viele Reiter!« – »Und Wagen.« – »Da! Da sind die ersten Reiter schon!« – »Was bringen sie? Was hat das zu bedeuten?«

Und die mehr als zweitausend Menschen auf der Wiese gerieten in wirre Bewegung: Alles drängte den die breite Heerstraße heranziehenden Ankömmlingen entgegen.

*

 

II.

Noch bevor die staubbedeckten Reiter – meist Bauern aus den nächsten stromaufwärts gelegenen Dörfern – abgesprungen waren und den neugierig Fragenden Bescheid gegeben hatten, kam bereits ein gar schauerlich aussehend Gefährt in Sicht.

Vier schwarze, mit schwarzem Trauerzeug über und über bedeckte Rosse zogen einen gewaltigen, auf hohen Rädern stehenden Wagen, einen italienischen » carroccio«: auf diesem aber war ein bühnenartiges Gerüst aufgeschlagen, das, wie der ganze Wagen, auf allen Seiten ebenfalls mit schwarzen Tüchern behängen war.

In den vier Ecken des langgestreckten breiten Wagens, der nahezu die ganze Heerstraße füllte, standen vier Mönche in schwarzen Kutten mit weithin hallenden ehernen langen Posaunen in den Händen, in der Mitte aber, sie alle überragend, ein fünfter riesenhoher Mönch, der die schwarze Kapuze bis an die Augen über die Stirn gezogen hatte: in der Rechten trug er eine lang hinwallende schwere Fahne von schwarzer Wolle, in welche mit weißer Farbe plump ein Totenkopf über zwei geschrägten Knochen gemalt war: alle fünf aber sangen in schauerlichen Tönen – nach den Weisen eines römischen Grabgesanges – ein Lied: und schauerlich stimmten sie ein, die vielen Hunderte von Männern, Frauen, Kindern, die vor dem Wagen schritten oder demselben folgten, alle vom Staube langer Wanderschaft über und über bedeckt, die meisten in schwarze Gewande gehüllt, viele davon mit Geißeln und Stöcken sich auf die entblößten Schultern und den Rücken schlagend.

Das Lied aber lautete:

»Hört ihr die Posaunen dröhnen
Und der Bußgesänge Chor?
Wehe, weh' euch, Adams Söhnen:
Euer Ende steht bevor!

Wann des Sommers Sonne wendet.
Bricht der Jüngste Tag herein:
Unter geht die Welt und endet
Und euch droht die ew'ge Pein.

Auf den Wolken kehrt hernieder
Fürchterlich des Menschen Sohn,
Rauschend Cherubimgefieder
Schwirrt um seinen Richterthron.

Und sie reißen aus den Grüften
Sünder aus vermorschtem Sarg
Und sie zerren aus den Klüften,
Was sich zitternd lebend barg.

Alle, die im Erdschoß schlierfen,
Bannt der Richter sich daher
Und gehorsam aus den Tiefen
Seine Toten speit das Meer.

Weh euch Männern, weh euch Weibern
Die ihr lebend dies erschaut!
Weh den Seelen! Weh den Leibern!
Wie mich schauert! Wie mir graut!

Tuet Buße! Streuet Asche,
Asche auf das sünd'ge Haupt,
Daß euch Satan nicht erhasche,
Der im Höllenabgrund schnaubt.

Euch verkündet Papst Sylvester,
Dem's der heil'ge Geist enthüllt.
Nicht ein Wort des Herrn steht fester:
Was er weissagt, wird erfüllt:

Hört's, ihr Kleinen, hört's, ihr Großen:
Euer Ende bricht herein:
Wer noch zweifelt, ist verstoßen
Aus der Kirche Heilverein.

Wann die Sommersonne wendet,
Mit dem Schlag der Mitternacht, –
Unter geht die Welt und endet: –
Habt auf eure Seelen acht!«

*

 

III.

Die Wirkung des Liedes, des ganzen Aufzuges auf die wirre Menge war eine furchtbare.

Nur wenige zwar verstanden genau die Worte des Gesanges: aber von den dem Wagen nächsten aus verbreitete sich mit Windeseile bis in die hintersten Reihen der Herandrängenden das kurze, vernichtende Wort: »Es ist so. Die Welt geht unter. Der Papst hat's selbst gesagt. Er hat befohlen, es zu glauben.« Was monatelang nur wie ein fernher drohendes Gewölk über den Gedanken der Menschen geschwebt hatte – die allermeisten der leichtlebigen Franken hatten gehofft, es werde sich zerstreuen – das hatte sich nun plötzlich zu einer furchtbaren schwarzen Wetterwolke über ihren Häuptern geballt und donnernd zu entladen begonnen. Keiner von den Tausenden zweifelte mehr. Heulend und schreiend liefen sie durcheinander, Männer wie Weiber, zerrissen die Kleider, rauften sich das Haar; einzelne rannten in wahnsinniger Angst gegen den Fluß zu, sich zu ertränken. Die meisten strömten in wilder Flucht nach der Stadt zurück – manch' alt' Weiblein ward dabei umgeworfen und überrannt – die zurückgelassenen Ihrigen zu benachrichtigen, zu warnen oder in den Kirchen an den Altären, bei den Überbleibseln der Heiligen zu beten. Die paar Hunderte aber, die wahrgenommen hatten, daß der lang erwartete Bischof bereits vor dem schrecklichen Aufzug eingetroffen war auf der Wiese, drängten alle, wie eine Herde Schafe, die der Wolf bedroht, auf ihren Hirten, so auf ihren Bischof zu um Hilfe, Rat, Trost, Auskunft, Rettung. »Helft, helft, helft, Herr Bischof! Herr Heinrich, was sollen wir tun?« riefen Hunderte von Stimmen. Und der Herr Heinrich tat seine Hirtenpflicht.

Seine Ritter hatten ihm alsbald Bahn gebrochen durch die wogende Menge, so daß er ziemlich in die Nähe des schauerlichen Wagens gelangte und den Sinn des Liedes genau verstehen konnte. Seine Junker und er selbst, mächtig den Fliehenden sich entgegenstemmend, die beiden Mädchen hinter sich deckend, hielten auch nun, nachdem der Gesang zu Ende, in dem Gedränge stand. Endlich legte sich der Lärm, es entstand um den Wagen her eine todesbange Stille: Herr Heinrich drang durch die letzten Reihen des Volkes, die ihn noch von dem schwarzen Gespann trennten: scharf spähten seine Augen auf die Gesichter und Gestalten der fünf Mönche: er kannte keinen. »Wer ist es,« rief er mit starker Stimme, weithin vernehmbar allem Volk, »der solche Schrecken zu erregen wagt? Wer will hier das Wort führen im Namen Sylvesters, des heiligen Vaters?«

Da schlug der riesenhafte Mönch in der Mitte des Wagens die Kapuze zurück und sprach: »Ich!«

»Arn!« rief der Bischof mit Entsetzen. »Du! Arn!«

»Nein! Nicht mehr Arn, Bruder Monitor ist mein Name. Abgelegt für immer, abgeschworen habe ich, was an mein sündhaftes Leben in der Welt erinnert.« Der Bischof entgegnete: »Wohl! – Aber das ist unweise gehandelt und nicht im Sinne der Kirche, diese gewaltige Wirrnis, plötzlich, ohne Vorbereitung, unter den großen Haufen zu werfen. Schau' hin, welch' Unheil du angerichtet hast. Da tragen sie blutende Kinder, ohnmächtige Weiber vorüber!« – »Hell ihnen, nehmen sie Schaden an ihren Leibern und retten ihre Seelen.« – »Warum hast du nicht – in alter Treue – mir, deinem Dienstherrn, deinem Lehnsherrn, zuvor vertraute Kunde geschickt, wie es gutem Boten ziemte?« – »Ich weiß nichts mehr von Treue, Dienst und Lehen! Ich bin Mönch, habe weder Allod noch Lehen und diene nur den Heiligen.« »Nun,« erwiderte Herr Heinrich heftig, »so bin ich doch Euer Bischof geblieben und als Euer Bischof verbiete ich Euch, den Schrecken in solcher Weise weiter unter meine Gemeinde zu werfen und Verzweiflung zu verbreiten. Ich verbiete Euch, weiter in diesem Aufzug durch meinen Sprengel zu fahren. Als mein Bote seid Ihr ausgesendet worden und mir allein habt Ihr genauen Bericht zu erstatten. Ich werde ihn prüfen, und werde, was davon für die Gläubigen zu erfahren ersprießlich ist, unter gehöriger bischöflicher Vermahnung und Anleitung mitteilen. Herunter mit Euch von dem Gerüst! Spannt die Pferde von dem Wagen ab!« Und drohend trat Herr Heinrich dicht an das Gespann. Aber der Mönch riß aus seinem Gürtelstrick eine Pergamentrolle, hielt sie ihm entgegen und schrie mit gellender Stimme: »Nichts hast du mir zu befehlen, du allzuweltlicher Bischof von Würzburg! Als dein Bote ritt ich aus, als Bote des Herrn Papstes kehre ich wieder. Schau' her! Kennst du das Siegel? Lies! Mein Orden, der Orden des schwarzen Bundes von Garganus, neu gestiftet unter den furchtbaren Offenbarungen dieser Wochen von Sankt Nil, dem größten Heiligen und Wundertäter der Christenheit, steht unmittelbar unter dem Papst: nur der Bischof von Rom ist mein Bischof, er hat mir mit eigner Hand diese schwarze Fahne gereichet und mich zu seinem Bandalarius, zum Bannerträger und Herold des drohenden Gerichts bestellt. Und der Heilige Vater selbst – lest doch, leset auch ihr, Ritter und edle Fräulein! – hat mir Auftrag und Befehl gegeben, mit vier andern Brüdern aus Deutschland in die Heimat zurückzueilen und hier vom Brennerberg an von Gau zu Gau zu ziehen, rastlos und unhemmbar, bis zur Dänenmark und überall in jedem Dorf, in jeder Stadt zu verkünden: ›Das Ende bricht herein. Tuet Buße! Bereitet euch, den fürchterlichen Richter zu empfangen.‹ Und Ihr seht, mit welchem Erfolg ich das Wort vom Gericht verkündet habe. All' diese vielen Hunderte hinter mir, zu Roß, zu Fuß, zu Wagen, von meiner Verkündung hingerissen, haben vom Inn bis zum Main Haus und Hof und Habe verlassen und folgen mir nach freiwillig: Männer und Frauen, Jünglinge und Greise, um die schreckende Kunde weiterzutragen und die eignen Seelen zu retten, indem sie andre warnen, aufrütteln und erretten vor dem ewigen Verderben. Und überall will ich laut verkünden vor allem Volk – nicht vor Bischof oder Priester im geheimen! – das große Wunder, das der Herr in Welschland an mir getan.«

Inzwischen hatte der Bischof das Pergament durchflogen, das ihm der Mönch von dem Wagen heruntergereicht: – er prüfte nun und erkannte als echt das große daran hangende päpstliche Siegel: seufzend gab er das Schreiben dem Mönche zurück und mahnte seine Junker, welche bereits sich anschickten, die schwarz behangenen Pferde auszuspannen, davon abzulassen.

»Kein Zweifel,« sprach er. »Es ist alles, wie er sagt. Ich habe kein Recht, dem Boten des heiligen Vaters das Wort zu verbieten. So redet denn in Gottes und der Heiligen Namen! – Seid Ihr zu Ende, wird der Bischof anordnen, welche geistlichen Vorbereitungen geschehen sollen.«

Er trat nun mit seinem Gefolg ein paar Schritte von dem Wagen zurück: auf einen Wink Monitors stießen die andern Mönche wieder dreimal in die ehernen Posaunen: – weit dröhnten sie über das Blachfeld hin: eine bange, eine ungeheure Stille entstand.

*

 

IV.

Der Bischof und die Seinen betrachteten mit Staunen, mit leisem Grauen die Verwandlung, welche die Gestalt des hünenhaften, breitschultrigen Jägermeisters verändert hatte. Er war kaum wieder zu erkennen. Zum Knochengerippe war der einst kraftstrotzende Leib abgemagert, mit Mühe hielt die hagere Gestalt sich auf den Fahnenschaft gestützt aufrecht, die Wangen waren völlig eingefallen und von wachsgelber Leichenfarbe, die Backenknochen ragten spitz hervor, unablässig zuckte es krampfhaft um die glattgeschornen Lippen und aus den tiefen, von schwarzen Schatten umränderten Höhlen schossen die unheimlichen Augen Blicke von fanatischem Wahnsinn. Er zitterte am ganzen Leib: – es war wohl das welsche Fieber: – oft unterbrach das Klappern der Zähne den Fluß seiner Worte.

Und die gewaltige Fahne mit der Linken an seine Brust drückend hob er an mit lauter schriller, markdurchgellender Stimme: »Höret mich! Höre mich, alles Volk der Deutschen! Wer Ohren hat zu hören, der höre! Denn aus meinem, ihres unwürdigsten Knechtes, Mund redet der heilige Geist, redet Sankt Petrus, redet dessen Statthalter auf Erden, der Herr Papst zu Rom, redet der große Wundertäter Sankt Nil im Land Italia und redet auch der oberste Herr der Weltlichkeit auf Erden – solang sie noch bestehen wird! – der Herr Kaiser Otto. Euch, ihr Ritter, Geistliche und Dienstmannen des Bischofs von Würzburg, bin ich allen wohl bekannt. Aber auch die meisten Bürger dieser Stadt und gar viel Bauern der Dörfer und Höfe kennen mich gut, der ich in der Weltlichkeit Arn hieß, des Helmbrecht Sohn aus Salzburg. Und wisset wohl: ich war der Jägermeister des Bischofs und war aller Weitlinge weltlichster und sündigster. Aus dem Bayerland war ich und allerwegs gerichtet nicht auf das Geistliche und Himmlische, sondern auf das Fleischliche und Irdische: kein Felsgrat in meinen Bergen war mir zu steil vom Wetterstein bis zum hohen Ortler: wohin der schwindelfreie Gemsbock stieg, da stieg ich nach. Des Weines trank ich mehr als drei Männer zusammen und mit drei Männern zumal zu raufen hab' ich mich nie gescheut. Dem Bären ging ich an den Leib, allein, Schwert in Hand. Beim Reigentanz war ich der erste auf dem Platz und der letzte, aber auch beim Waffentanz in Pustertal und Krain mit Wenden, mit Arabern und Welschen in Calabria. Ach und manche Maid in manchem Land hab' ich zerstört durch meine wilde Minne! Und viel, viel Blut von Erschlagenen – in Krieg und in Frieden! – klebt an meinen Händen. Viel öfter lief ich zu Wald mit Rado, dem argen, argen Heiden – dort steht er und wendet sich finster von mir! – als in den Dom, wann der Bischof die Messe sang. Diese Welt, diese lustige Erde, mit Jagdhornklang und Becherschwang und Speeredrang und Mädchenfang: – sie war mein alles. Und als nun vor vielen Monden zuerst das Wort vom nahenden Gericht auch in unsern Gau drang, da war keiner unter all' den Dienstleuten des Bischofs, der weniger daran glaubte, der übermütiger, frevelhafter – verzeihe mir Sankt Petrus! – darüber spottete als ich. Und gerade mich wählte er als seinen Boten nach Rom. Wie lachte mein sündhaft begehrlich Herz bei dem willkommenen Auftrag! Ich freute mich auf ein üppig Feld von Sünden und ich trieb's danach von hier bis Rom. Auch Rom machte mich durchaus nicht besser. Nicht einmal das Grab der Apostelfürsten! Aber bald darauf – da kam über mich die erlösende Zermalmung, die beseligende Zerknirschung, die errettende Verfinsterung des natürlichen Verstandes durch das Übernatürliche, das Wunder, das unsrer sündhaft stolzen Vernunft eitel Torheit ist.«

*

 

V.

»Ich erforschte, der Papst weilte zurzeit nicht in der ewigen Stadt. Er war mit dem Herrn Kaiser und mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien – und viele Tausende von Römern und Welschen aus der Campagna hatten sich alsbald dem Zug angeschlossen – gepilgert nach dem Kloster des heiligen Michael auf dem Berge Garganus zu Nilus, dem greisen Einsiedler, der in einer Höhle jenes Berges hauste. Viele, viele Wunder hatte der Herr durch ihn bereits getan, der auch zuerst schon seit Monaten die große Botschaft von dem nahenden Gericht verkündet hatte. Der Herr Papst hatte sich heftig wider jene Verkündung gesträubt: er beschloß, mit allen seinen gelehrtesten Priestern und Scholarchen und mit einem ganzen Lastwagen voll heiliger Schriften – den Beweismitteln für seinen Unglauben! – selbst hinzuziehen zu dem Manne Gottes: denn der hatte sich geweigert, auf den Ruf des Herrn Papstes nach Rom zu diesem zu kommen: Sankt Petrus hatte ihm im Traumgesicht verboten, die enge Felsenhöhle zu verlassen, bevor die Engel des Gerichts ihn selbst daraus abholen würden. Und wollte der Herr Papst durch seine fast zauberhafte Gelehrsamkeit den schlichten Einsiedler widerlegen, und ihm – bei Strafe der Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft – verbieten, – ganz wie vorhin jener Bischof mir! – solche Schrecknisse zu verbreiten unter dem Volke. Der Herr Kaiser begleitete ihn: seine schwärmerisch glühende Jünglingsseele vertraute viel mehr als der gelehrte Papst dem Worte des großen Büßers: denn der Greis hatte ihm schon manches geweissagt von Plänen seiner Feinde in Rom, und alles war eingetroffen. Ich aber – als sie mir das erzählten – ich Frevler lachte laut und spottete – der Heilige hat es mir in der Beichte vergeben! –: ›Ei, hat der alte Schlaukopf so gute Späher in Rom?‹ Und also, lachenden, höhnenden Mundes all' den Weg über, eilte ich tagelang von Rom gen Süden bis zum Berge Garganus durch das Volk hin, das zu vielen, vielen Tausenden zu Fuß, oft auf den Knieen rutschend, schwere Eisenketten schleppend, die nackten Rücken geißelnd bis aufs Blut, unablässig Psalmen singend und betend alle Wege, die von Nord nach Süd zu dem Weissager führten, wimmelnd bedeckten wie wandernde Ämsen. Und als ich endlich an dem Fuße des steilen Berges vom Gaule sprang, rief ich meinem Roßknecht zu: ›Jetzt paß auf! Denn jedenfalls erlebst du heut' ein Wunder. Ich steige jetzt da hinauf zu dem Alten. Steige ich ungläubig herunter – ist's ein großes Wunder für all' die Tausende, die da herumkriechen und knieen und klettern. Steig' ich aber gläubig herunter, mein Sohn, dann ist's ein noch viel größer Wunder – für mich.‹

Aber ich stieg gar nicht mehr herunter! Ein Weltling stieg hinauf: – einen Mönch trugen sie herab. Denn ... ah meine Freunde! Wie soll ich's euch schildern! Als ich endlich durch das Gedränge der Hunderte und Tausende die Höhe erstiegen hatte, da ergriff mich, den schwindelfreien Gemsenschütz, alsbald ein seltsam kreiselnd Schwirren im Kopfe. Furchtbar heiß brannte die kalabrische Mittagssonne gerade senkrecht auf die nackten Schieferfelsen: nirgends ein Baum, ein Strauch, nirgends ein Streifen Schattens! – Und stundenlang mußte ich so harren, an dem Platz, an dem mich, nachdem ich die Hochplatte erstiegen, ein Priester eingereiht hatte hinter vielen hundert andern Pilgern, die vor mir eingetroffen waren und nun alle harren mußten, bis sie nachrücken konnten in die enge Höhle. Viele Stunden stand ich so!

Die Welschen sind's gewöhnt, barhaupt in der ärgsten Sonnenglut auszuhalten: und ich – ich – mußte es nun auch. Denn meinen breitrandigen Reisehut, den ich allein trotzig auf dem Kopf behalten hatte, als ich in die Reihe trat, den hatten sie mir flugs abgerissen und den Felshang hinuntergeworfen: – raufen konnt' ich nicht: konnt' ich doch die Arme nicht heben, so eng war ich eingekeilt. Und mir war, als finge unter der stechenden Mittagssonne mein Gehirn an zu sieden, nein, zu braten: ich konnte kaum mehr denken: in meinen Ohren sang es wie das Gesumms von ganzen Heerscharen von Mücken!

Endlich – traf uns die Reihe.

Kaum trugen mich die Füße noch die paar Schritte bis an den Eingang der Höhle: meine Schläfe pochten. Da empfing mich in dem Eingang ein solch furchtbares Geschmetter von Posaunen und Drommeten, daß ich glaubte, der Kopf platze mir auseinander.

Und ein Weihrauchduft, wie ich ihn so süß, aber auch so betäubend stark nie geschmeckt, quoll und qualmte mir entgegen: mit Mühe rang ich nach Luft! Und aus dem Hintergrund der schmalen, aber sehr langen Grotte strahlte mir in dem ganz dunkeln Eingang entgegen ein Meer von Licht, von tausend und aber tausend Kerzen: geblendet, schloß ich die Augen: sie zuckten mir vor Schmerz. Aber gleich tat ich sie wieder auf, erschrocken, erschüttert bis in den Grund der Seele.

Denn eine Mark durchbohrende Stimme, die aus dem Grabe, – nein doch! aus der andern Welt! – zu dringen schien, schlug an mein Ohr: »Bereue! Büße! Das Gericht ist nah.«

Und ich sah mir gegenüber den Heiligen!

O meine Lieben, das war kein Mensch mehr! Eine hohe hagere Gestalt, nackt bis zum Gürtel. Das gewaltige Haupt umflattert von wirrem weißem Haar: aus tiefen Höhlen sprühten die kohlschwarzen verzückten Augen Feuer: man sah ihnen an, die schauten Himmel und Hölle offen. Und neben ihm kniete, in einem härenen Gewand, Asche auf dem Haupte – gar wohl kannte ich ihn aus unserm letzten Kriegszuge gegen die empörten Römer, – der Herr Papst, der gelehrte Sylvester, und er, der Stolz der Wissenschaft, küßte demütig die halbnackten Füße und umschlang seine Knies und rief: ›Ich büße! ich bereue! Ich bereue meinen hochfärtigen Unglauben! Denn wahrlich, wahrlich ich sage euch: diesem Ungelehrten hat der Herr sich offenbart. Und das Gericht des Herrn ist nahe.‹

Wohl schlug mir das Herz vor Grauen an die Rippen, daß ich meinte, es müsse mir zerspringen. Aber es war ein gar trotzig Herz und wollte nicht nachgeben. ›Ach was,‹ sagte zu mir dies sündhafte Herz: ›Pfaff ist Pfaff: auch der Herr Papst ist Pfaff: – leicht glaubt er dem andern Pfaffen.‹ Aber da – o meine Geliebten ...!«

Und überwältigt von der Erinnerung knickte die hünenhafte Gestalt zusammen; der Mönch brach in lautes Schluchzen aus, der Kopf schlug ihm mit der Stirn auf dem Gerüst auf.

Das wirkte noch mehr als alle seine Worte. Ein Murmeln des Grauens lief durch die Menge. Die Männer zitterten vor Erregung, viele Weiber ergriff krampfhaftes Weinen: selbst Herr Heinrich preßte die Linke auf das tapfere Herz.

*

 

VI.

Aber schon erhob Monitor wieder das Haupt und fuhr fort: »Da ersah ich zur Linken des Heiligen einen andern knieen! Wohl kannt' ich auch den – und doch! – ich erkannte ihn kaum wieder. Eine herrliche blühende Jünglingsgestalt – von goldenem Gelock das Haupt umwallt – schön wie die marmornen nackten Götter, die man zu Rom aus dem Schutte der Heidentempel gräbt. Nackt war auch der Jüngling, bis auf einen Lendenschurz von schwarzer Schafwolle: – und in Bächen, in Strömen rieselte ihm das rote Blut von Rücken, Brust, Seiten und Beinen. Denn unablässig, grimmig, mit aller Kraft seines Armes geißelte sich vor allem Volk der Jüngling mit einer siebensträngigen Geißel, ein Eisenstachel am Ende jedes Stranges, und unablässig schrie und keuchte er mit schon versagender Stimme: ›Ich büße, ich bereue. Ich bereue jeden Gedanken, den ich jemals der Welt und ihrer nichtigen Herrlichkeit zugewendet und dem Reiche des Herrn entzogen habe. Denn – schon seh' ich es vor Augen! – es nahet das Gericht des Herrn!‹ Und nun – denn ich meinte, die Stimme zu erkennen – nun schärfte ich meine Augen, auch das Antlitz des schönen Jünglings in der Weihrauchwolke genau zu sehen ...

– O Heiland der Welt! – – –

Ja, er war es! Aber wie furchtbar verwandelt, wie entstellt, wie abgetan all' der freudigen stolzen Herrlichkeit, die einst ihn geschmückt, unsre Freude, unsern Stolz. Denn – hört es, höret es alle! – er, der uns allen das leuchtende Beispiel des Glaubens und der blutigsten Büßung gab – er, der zum Entsetzen herabgemagert, nackt, wie ein Verbrecher bei dem Staupenschlag, vor allem Volk sich selbst zergeißelte – Er war es – mein Herr, euer, unser aller Herr: es war des großen Otto herrlicher Enkel, der Deutschen und der Lombarden König, des römischen Kaisers Majestät, der Herr der Welt – Herr Otto war's der Dritte!«

Da ging ein Stöhnen, ein dumpfer Schrei des tiefsten Wehs über den Jammer aller irdischen Größe und doch auch einer gewissen grausigen Wonne durch die vielen Hunderte hin.

»Und nun,« fuhr der Mönch, sich hoch aufrichtend, fort: »Nun geschah mir das Ärgste. Ich wankte, meiner Sinne nicht mehr mächtig, dem blutüberströmten nackten Jüngling entgegen, ich streckte meine beiden Hände gegen ihn aus: – da – da traf sein Auge auf das meine, er erkannte mich und in wildem Schrecken schrie er: ›Wehe, weh! Ich kenne dich! Du bist Arn, der wilde, arge Arn, der Genosse so vieler meiner Sünden in Krieg und Jagd und Gelag. Ach, du heiliger Mann Gottes! Das ist derselbe – man hat ihn erkannt, wie er davonjagte aus dem Tore von Florenz und hat es mir gemeldet – der auf dem Marktplatz dort, auf Antrieb und in der Larve des Teufels, unter die Büßenden sprengte. Er trägt einen Dämon im Leib. Er ist besessen. Heiliger Mann Gottes, treibe den Teufel aus seiner Seele.‹

Und ohnmächtig sank der junge Kaiser zusammen.

Nun aber – wehe! wie geschah mir! Alle, alle um mich her schrien: ›Er hat einen Dämon! Er hat einen Dämon!‹ Und der fürchterliche, der hagere Heilige schritt gerade gegen mich heran und streckte die beiden knöchernen Arme gegen mich aus und bohrte mir die brennenden Augen in meine glanzgeblendeten, schmerzenden Augen und sprach in schauerlichem Grabeston: ›Ja, ich sehe es, mein Sohn: aber nicht Einen Dämon, vier Dämonen trägst du in dir von Jugend auf: den Saufdämon, den Wollustdämon, den Kampfdämon, den Spottdämon. Ich aber – ich bin vom Herrn berufen sie von dir auszutreiben und deshalb hat dich der Herr hierher gesandt zu dieser Stunde. Auf, ihr Gerechten und Geheiligten, greift ihn, bindet ihn und geißelt ihn bis aufs Blut.‹

Ich schrie auf!

Aber nicht aus Furcht vor den Schlägen, die nun von zwanzig Geißeln auf mich niederhagelten: nein, wahrlich nein! Sondern ich schrie auf vor Entsetzen über mich selbst, vor Grauen über mein vergangenes Leben, aus Furcht vor den Teufeln in mir. Ich schrie, weil ich's fühlte, weil ich's denken mußte in meinem brennenden Hirn: ›Er hat recht! Weissagend hat der Heilige, der mich nie gesehen, mein Inneres, und den Inhalt meines Lebens aus meinen Augen gelesen.‹ Und ich spürte, wie die Dämonen in mir sich bäumten und wanden, wie aufsteigende Schlangen. Und ich schrie mit letzter Kraft: ›Ja, ja, ihr Frommen! Der Heilige sprach wahr. Ein Wunder! Ein Wunder! Er hat sie erkannt, – die Dämonen, von denen ich besessen bin dreißig Jahre. O treibt sie aus! O rettet meine Seele.‹

Das war das letzte, was ich hörte und wußte auf lange, lange Zeit.

Als ich meiner Sinne wieder mächtig war, lag ich in dem Krankensaal des Klosters des heiligen Michael und stak in der Kutte der schwarzen Brüder von Garganus.

Und an meinem Pfühle saßen der Herr Kaiser zur Linken und der Herr Papst zur Rechten, zu meinen Häupten aber stand der Heilige, und sprach: ›Sehet, es ist geschehen, wie ich gebetet, wie ich geweissagt. Er sollte ja sterben müssen, sprach euer griechischer Arzt, Herr Kaiser, an » sideratio« wie er's nannte: – Sonnenstich, das sollte das ganze Wunder sein! Ich aber fragte den gelehrten Spötter: Ei, hat die Sonne auch seine Seele gestochen? Warum ist er geworden aus einem Saulus ein Paulus? Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ich kleide diesen geretteten Sünder in das Gewand meiner schwarzen Brüder und er wird nicht sterben. Oder, wenn er stirbt, wird er nach dreien Tagen wieder auferstehen von den Toten. So sprach ich. Wohlan: es ist der dritte Tag – er schlägt die Augen auf – er ist genesen. Ausgefahren aber von ihm auf immerdar sind seine vier Dämonen.‹ –

Und er beugte sich über mich und sah mir in den Grund der Seele mit diesen überirdischen Augen und forschte feierlich: ›Ich frage dich im Namen des Herrn, mein Sohn: nicht wahr, du bereuest, du büßest und du glaubst an das Nahen des Gerichts?‹ Und bei dem Klange dieser Stimme kam mir zurück die Erinnerung an alles, was ich in der Höhle gehört, gesehen und erlebt, und erschauernd sprach ich: ›Ja, du Heiliger des Herrn, ich bereue, ich büße und ich glaube an das Nahen des Gerichts.‹ Da warfen sich der Herr Papst und der Herr Kaiser zu des Heiligen Füßen und umfingen seine Kniee und küßten sie und der Herr Papst rief: ›Heil mir, nun hab' ich, was ich immer gewünscht zur Verscheuchung meiner Zweifel: nun hab' ich eines deiner Wunder mit Augen gesehen!‹

Der junge Kaiser aber schluchzte unter Tränen: ›Wohl mir, daß ich nie an dir gezweifelt, du Heiliger des Herrn.‹ Und ich beichtete dem Propheten. Und als Buße – ach wie geringe Buße! – legte er mir auf, von Stund an nie mehr im Leben Fleisch zu essen und überhaupt nur jeden dritten Tag Speise zu nehmen und nie mehr Wein. Und sprach zuletzt: ›Du ziehest aus als des heiligen Vaters Sendbote und als der meine. Weil du verspottet hast das Nahen des Gerichts, sollst du das Nahen des Gerichts verkünden unter den Menschen deiner Heimat, in dem Land Italien aber nur auf dem Marktplatz zu Florenz: wo der Dämon des Hohnes aus dir sprach, soll der heilige Geist der Wahrheit aus dir sprechen. Und wenn dir in deiner Heimat die Weltlinge nicht glauben und dich verhöhnen, so wird das die gerechte Strafe sein deines Hohnes. Wenn sie dir aber glauben, wirst du noch vor dem Nahen des Gerichts erretten die Seelen vieler und dadurch auch die eigene: denn jener Errettung wird dir der ewige Richter anrechnen als ein gutes Werk.‹

Und bald darauf erhielt ich des Herrn Papstes Brief und Siegel und diese schwarze Fahne und vom Herrn Kaiser diesen stattlichen Wagen und die vier Rappen und zog aus auf meine heilige Sendung. Und der Herr hat sie gesegnet von Florentia an, – wo sie mein Carroccio ausspannten und den bekehrten Sünder im Triumph auf ihren Schultern über den Marktplatz in die Kirche trugen, – bis hierher: ihr sehet diese Hunderte von Geretteten.

Ihr aber, o Bischof und ihr Priester von Würzburg und ihr Bischofsmannen und Bürger und Bauern – o tuet desgleichen wie diese. Verstocket nicht eure Herzen! Ihr seht das Wunder vor Augen: das große, das der Heilige getan hat an Arn, dem argen Sünder. So befolgt denn des Herrn Papstes, des Herrn Kaisers, des heiligen Nilus Gebot. Büßet, büßet und glaubet, das Gericht ist nah: um Mitternacht dieser Sommersonnwend – noch wenige Wochen sind's – geht die Welt in Flammen auf und der Jüngste Tag bricht an.«

Da stürzte der Mönch bewußtlos zusammen: Schaum trat ihm vor die Lippen: seine Kraft war erschöpft: er sank mitsamt seiner riesigen schwarzen Fahne in die Arme eines seiner Genossen: die drei andern aber setzten wieder die Posaunen an den Mund und bliesen und schmetterten, als erschallten schon jetzt die Posaunen des Gerichts: sie hieben auf die schwarzen Rosse ein: diese zogen an – vorwärts rollte langsam der schwere hohe Wagen und ihm folgte singend und schreiend und heulend alles Volk, die Hunderte von Ankömmlingen, und die Tausende von Bürgern und Bauern – alles wälzte sich unaufhaltsam gegen die Stadt zu: der Bischof und sein Gefolge vermochten weder seitwärts auszuweichen noch den gewaltigen Strom der wild Erregten, der Verzweifelnden aufzuhalten: willenlos wurden sie mit fortgetragen von dem wogenden Gewühl.

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