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Weißenstein, der Weltverbesserer

Franz Werfel: Weißenstein, der Weltverbesserer - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFranz Werfel
titleWeißenstein, der Weltverbesserer
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1990
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Franz Werfel

Weißenstein, der Weltverbesserer

Europa 1911! Goldene Abendröte eines Zeitalters, dessen schwerste Sorgen uns heute paradiesisch erscheinen. Aus den Headlines der Zeitungen wehte kein Haß, sickerte kein Blut. Die Welt ereiferte sich über eine neue Oper, ein kühnes Buch, eine radikale Kunstanschauung. Die Sensationen rochen noch nicht nach Vernichtung und Entrechtung von Millionen. Jene düsteren Psychosen, die man heute politische Ideologien nennt, erfüllten vorerst die zerrauften Charakterköpfe einzelner Träumer, Narren und dilettierender Apostel. Noch bewohnten die sozialen und nationalen Heilande, im ungestörten Vollbesitz ihrer Defekte nicht die Reichskanzleien, sondern die Nachtasyle. Man begegnete ihnen in den muffigen Stammlokalen politisierender Kleinbürger oder bestenfalls in den Literatur-Cafes. Diese Cafés in Paris, Wien, Berlin – sie trugen den Spottnamen Café Größenwahn –- waren nicht nur die Pflanzstätten der wechselnden künstlerischen Moden, sondern mehr als das, sie gehörten zu den geistigen Hexenküchen eines zukünftigen Grauens, das nun Gegenwart geworden ist.

Unsere Geschichte beginnt in einem dieser Cafés. Es lag an einer Straßenecke des geheimnisvollen Prag, dieser Stadt der grauen Türme, der schweren Schatten und ausgesuchten Sonderlinge. In meiner Jugend habe ich dieses Café sehr geliebt. Einen magnetischen Zauber übten auf mich die endlosen Diskussionen im Zigarettendunst aus, jene äußerst gefährliche Atmosphäre aus Kameradschaft und Gehässigkeit gemischt, aus rührender Hilfsbereitschaft und giftigstem kritischen Hochmut. Für jeden jungen Künstler war solch ein ›Café Größenwahn‹ die unerläßliche Feuerprobe, die er zu bestehen hatte. Sie entschied über seine Zulassung zu dem auserwählten Kreis derjenigen, die den ›Bourgeois‹ in sich überwunden hatten. In ganz seltenen Fällen wurde das Café zu einer amüsanten Vorhölle des Ruhmes, wobei freilich in den Augen der Insassen der Ruhm als ein unverzeihlicher Rückfall in das Bürgertum galt.

Damals, an einem nebligen Dezemberabend, saß ich mit meinen Freunden in diesem Café, obwohl ich Soldat war. Ich diente gerade als Korporal eines »Kaiserlich-Königlichen Artillerieregiments« mein Militärjahr ab. Vor wenigen Wochen war mein erstes Buch im Druck erschienen, ein Band Gedichte unter dem Titel ›Der Weltfreund‹. Das Büchlein hatte ein gewisses Aufsehen gemacht. (In meiner Vaterstadt Prag war's ein ausgesprochen unliebsames Aufsehen.) Immerhin besaß ich vor meinen gleichaltrigen Freunden den Vorsprung, ein ›gedruckter Autor‹ zu sein, von den Zeitungen teils wohlwollend abgeklopft, teils höhnisch gemaßregelt. Als einer, dem es bereits gelungen war, die bürgerliche Kritik herauszufordern, bildete ich den Mittelpunkt unserer jugendlichen Tafelrunde. Ich erinnere mich, daß wir an jenem Dezemberabend über Dostojewski sprachen. An welchem Abend, welcher Jahreszeit sprachen wir nicht über Dostojewski? Er war der Schutzheilige unserer Generation. Vielleicht war's gerade der ›Idiot‹, über den wir diskutierten, als sich unserm Tisch eine Gestalt näherte, die diesem Buche entsprungen zu sein schien. Ein sehr kleiner Mann war's, ein Gnom, ein Heinzelmännchen von welker Haltung, jedoch unzweifelhaft noch jung. Die Hände hielt er in sonderbarer Art über den Bauch gekreuzt. Sie hingen schlaff herab wie noch nicht ganz entwickelte Blätter. Den Kopf trug das Heinzelmännchen gegen die rechte Schulter geneigt. Es war ein Wasserkopf, so riesig, daß man ihn, um gerecht zu sein, schon mit dem klinischen Ausdruck als »Hydrocephalus« bezeichnen mußte. Auf dem Gipfel der ungeheuer vorgewölbten Stirn wuchs ein wenig krauses und zausiges Schwarzhaar. Unter ganz dünnen Brauen schauten uns schöne dunkle Augen erschrocken an. Ich habe nie wieder einen Blick gesehen, in dem Angst, Begehrlichkeit und Melancholie so durchdringend zu einer Einheit legiert waren, nicht einmal bei Tieren. Den Gegensatz zu dem Riesenschädel und den traurigen Augen bildete der Mund, man muß schon sagen das Mündchen, mit kirschroten, herzförmig modellierten Kinderlippen. Freilich, wenn das Mündchen sich öffnete, wurden mehr Zahnlücken als Zähne sichtbar. Der Gnom umkreiste zweimal unseren Tisch. Immer schiefer sank der Kopf gegen die rechte Schulter. Offenbar war er viel zu schwer für den allzu dünnen Hals. Mir fiel der ebenso feierliche wie abgeschabte Cutaway auf, in dem die kleine Gestalt steckte wie in einem formlosen Sack. Das Gewand schien aus dem Besitz eines Riesen in den des Zwerges übergegangen zu sein. Plötzlich fühlte ich, wie das Wesen dicht hinter mich trat. Eine Flüsterstimme traf mein Ohr, in dem sich das Vibrato des Entsetzens mit dem Singsang mischte, in welchem Kinder Gedichte aufzusagen pflegen:

»Retten Sie mich, Herr W.«, flehte das Männchen, »der Anarchist Wohrizek trachtet mir nach dem Leben. Er will sich rächen. Sehen Sie, dort ...«

»Setzen Sie sich vorerst«, sagte ich und rückte zur Seite. Das Wesen sank neben mir auf den Sitz, am ganzen Leibe zitternd.

»Wer ist Herr Wohrizek, der Anarchist, und was für eine Affäre haben Sie mit ihm?« fragte einer von uns ohne sein Lachen unterdrücken zu können. Der Verfolgte starrte geduckt in den Raum: »Er hat eine Versammlung abgehalten heut im Redoutensaal«, tremolierte er. »Viele hundert Arbeiter waren dort, lauter arme brave Menschen. Er hat gesprochen über die Befreiung des Weibes. Aber er ist ein Lügner, ein Schwindler, ein Gewalttäter, ein Alkoholiker, der Anarchist Wohrizek. Da bin ich aufgestanden und hab mich zum Wort gemeldet und hab gesagt: ›Wenn Sie für die Befreiung des Weibes sind, Herr Wohrizek, warum prügeln Sie dann täglich Ihre eigene Frau?‹ Es war ein schrecklicher Skandal. Und er hat geschworen mich umzubringen. Sehen Sie nur, sehen Sie nur ...« An einem der Nebentische hatte sich ein Mann erhoben. Es war in der Tat ein Anarchist wie er im Buche steht. Ein rabenschwarzer Lockenkopf mit einer flatternden Lavallière-Krawatte und einem Knotenstock in der Hand. In Neapel, auf der Via Partenope, sehen die Verkäufer unanständiger Photographien ähnlich aus. Der Mann stierte feindselig zu uns hinüber. Wenn ich auch keine besonders martialische Erscheinung war, so trug ich doch immerhin Uniform und war im Besitze eines breiten Kavalleriesäbels. Ich stand auf und erwiderte den feindseligen Blick. Der Anarchist Wohrizek spuckte aus, nahm seinen Schlapphut und verduftete. Der Gnom stöhnte vor Erleichterung auf.

»Sie haben mich gerettet. Darf ich Ihr Diener sein?« – »Wer sind Sie eigentlich?« – »Ich bin der Weißenstein.« – »Und was sind Sie außerdem noch?« -

Der Riesenkopf unseres Gastes sank beinahe auf die schmutzige Marmorplatte des Tisches: »Ich bin das dreizehnte Kind meiner Eltern«, sagte er. In jenem Singsang, der lyrisches Pathos, falsche Aussprache und eine Spur vertrackter Selbstironie zu einem sonderbaren Ganzen verband, begann Weißenstein nun die Geschichte seines bisherigen Lebens zu erzählen. So tragisch sie auch war, angesichts des grotesken Erzählers und der grotesken Situation brachen wir immer wieder in grausames Lachen aus. Weißenstein nahm unsere Heiterkeit durchaus nicht krumm. Sie befriedigte ihn als eine Art von Beifall. Wahrhaftig ein dreizehntes Kind war dies Heinzelmännchen wie aus einem Märchen. Seine Eltern besaßen eine Schnapsbrennerei und einen Ausschank irgendwo im südböhmischen Land. In einer Schenke aufgewachsen, wegen seiner Ungestalt viel verspottet von den Geschwistern, von betrunkenen Bauern, Händlern und Marktfahrern, hatte er sehr früh die teuflische Natur des Alkohols kennen gelernt. Er haßte den Schnaps, wie er seinen Vater haßte, den Schnapsbrenner. Eines Tages – es war gerade Wochenmarkt – sprang der Halbwüchsige auf den Schanktisch und hielt vor der versammelten Kundschaft eine Brandrede gegen das Feuerwasser, das seine Familie ernährte. In begreiflicher Wut über diese Geschäftsstörung prügelte ihn der Vater halbtot. Trotzdem wiederholte sich am nächsten Markttage dasselbe. Daraufhin packte der Alte die Sachen seines Dreizehnten in einen kleinen Rucksack, steckte ihm eine schmale Barschaft zu und schmiß ihn hinaus. Nie wieder dürfe er sich in seinem Vaterhause blicken lassen. Nach kurzer Wanderschaft fand Weißenstein in der benachbarten Kreisstadt eine Anstellung als Pikkolo, als Kellnerjunge. Das Gesetz seines Lebens aber wollte es, daß er aus dem Regen in die Traufe kam. Das Wirtshaus, in dem er wohnte, war zugleich das größte Versammlungslokal des Bezirks. Hier spielte der Alkohol eine weniger gefährliche Rolle als die Politik. Diese Politik aber war nichts andres als der geistige Fusel des Zeitalters. Sehr bald erkannte das wache Auge des wasserköpfigen Kellnerjungen, welcher Art all diese Politiker waren, die sich auf der Rednertribüne spreizten. Sie taten nicht, was sie sagten und sie sagten nicht, was sie taten. Die Sozialisten pokerten mit den Fabrikanten im Hinterstübchen. Der Agrarier bezahlte seine Rechnungen aus dem Wohltätigkeits-Fonds für Flur- und Feuerschaden. Und der Vorsitzende des klerikalen Tugendvereins vergewaltigte das hübsche Küchenmädchen auf der Toilette. Der Pikkolo war Augenzeuge all dieser Widersprüche. Er bezwang sich um seiner Armut willen längere Zeit und sah dieser Lügenhölle schweigend zu. Dann aber geschah in dem großen Versammlungssaal dasselbe, was in der väterlichen Schankstube geschehen war. Der Kellnerjunge, das Biertablett in der Hand, unterbrach einen der Prachtredner und erhob seine Stimme zur Anklage. Aus dem herzförmigen Kindermündchen drangen die Schlangen und Skorpione der Wahrheit. Er wurde verprügelt und flog hinaus. Er wurde noch hundertmal geprügelt und flog noch hundertmal hinaus. Aus den unglaublichsten Stellungen und Berufen. Durch das Herz des Dreizehnten floß nach dem schönen Dichterwort ›ein brennendes Recht‹. (Dieser Lava war freilich beizender Rauch beigemischt, der immer wieder zum Lachen zwang.) So klein und elend Weißenstein war, sein Mut, mit dem er der Lüge, dem Unrecht, der Menschenschinderei entgegentrat, schien unbändig zu sein. Er zeigte uns die Narben, die seinen Kopf und Körper bedeckten, Spuren eines erstaunlichen Krieges.

Von dieser Stunde schloß sich der Dreizehnte unserm Kreis an. Frühmorgens schon pflegte er in meiner Wohnung zu erscheinen, die Zeitung in seiner zitternden Hand. Er war die reinste Wünschelrute für alle Abscheulichkeiten, die sich begaben. Sein scharfes Auge pflückte aus dem kleingedruckten Lokalbericht die erstaunlichsten Teufeleien. »Man muß etwas tun für die unehelichen Mütter«, jammerte er z. B., oder: »Wissen Sie, Herr W., daß man in der städtischen Irrenanstalt die Patienten schlägt? Sie sollten darüber ein Gedicht machen ...«

Wir versuchten, dem Dreizehnten eine regelmäßige Beschäftigung zu verschaffen. Er hatte das Goldschmied-Handwerk erlernt. »Gold ist Gold«, sagte er, »da gibt's keinen Schmutz.« Nach langem Zureden nahm ihn zum Gehilfen ein Goldschmied, der Goldschmied hieß. Weißenstein verschwand für mehrere Wochen. Als er wieder im Café auftauchte, wackelte sein schwarzer Kopf und seine Augen waren gerötet: »Die Menschen sind so schlecht«, jammerte er, »der Herr Goldschmied will mich auf Verleumdung klagen.« – »Was haben Sie da wieder angestellt, Sie Dreizehnter?!« – »Nichts! Ich hab nur gesagt, Herr Goldschmied, die Frau Goldschmied ist eine Madame Potiphar.« – »Oh, Sie sind ein unverbesserlicher Frechling, Weißenstein!« – »Aber es ist doch wahr, daß die Frau Goldschmied eine Madame Potiphar ist. Sie ist täglich, wenn der Alte nicht da war, im Negligé gekommen und hat mir Anträge gemacht. Ich hab sie streng abgewiesen. Da hat sie sich gerächt und mich aufs Blut gepeinigt. Und jetzt will mich der Chef verklagen. Helfen Sie mir! Ich muß diese böse Stadt verlassen. Ich will nach Wien ...« Weißenstein war blaß vor Angst. Wir steuerten das Reisegeld zusammen. Wir schickten ihn nach Wien in der Hoffnung, die leichtlebige Hauptstadt werde dem Weltverbesserer ein Plätzchen bieten. Nach drei Monaten etwa stand er wieder vor uns. Er begrüßte uns mit sonderbaren Zischlauten. Als er den Mund öffnete, sahen wir, daß ihm die letzten Zähne waren ausgeschlagen worden. Er erwiderte wehmütig unsre fragenden Blicke: »Ja, es ist wieder schiefgegangen, meine Herren. Ich hab Unglück gehabt, diesmal mit der Religion ... « Nun folgte die Sache mit Huhn und Lamm. Sie spielte sich im Männerheim der Wurlitzergasse ab, einem Nachtasyl, das durch die Biographie des gegenwärtigen deutschen Reiseführers weltbekannt geworden ist. (Er hat sich zur selben Zeit dort aufgehalten wie der Dreizehnte.) Huhn war ein protestantischer Theologiestudent, Lamm ein Rabbinatskandidat. Diese beiden herabgekommenen Anwärter des Seelsorgerstandes hatten den Vorzug, die Bettnachbarn unsres Weltverbesserers zu sein. Es kam, wie es kommen mußte. Der Dreizehnte sagte dem Theologen auf den Kopf zu, er lüge bewußt und geflissentlich, wenn er zu glauben vorgebe, Gott der Herr habe in Gestalt des Heiligen Geistes ein irdisches Weib geschwängert. Den Rabbinatskandidaten Lamm hingegen betrat er auf frischer Tat beim Verzehren einer Schinkensemmel. Er entlarvte auch ihn als einen ungläubigen Leutebetrüger. Darauf schlössen die beiden Konfessionen einen Bund, überfielen nächtlicherweise den Dreizehnten und bearbeiteten ihn unter dem zustimmenden Halloh des halben Männerheims. Es kam zu einer allgemeinen Schlacht. Die Polizei mußte einschreiten. Weißenstein wurde als lästiger Zuzügler per Schub in seine Heimat gebracht.

Die Geschichten des Dreizehnten sind Legion. Ich lasse es genug sein. Selbst die Angelegenheit mit der Blinden will ich nur flüchtig erwähnen. Der Dreizehnte hatte ein blindes Mädchen kennen gelernt. Er wollte es heiraten. »Sie sieht nicht, daß ich ein häßliches Scheusal bin. Sie wird mich nicht betrügen. Oh, wie schön ist es, ein armes Geschöpf zärtlich durch die Welt zu führen, das ganz von einem abhängt ...« Nach einiger Zeit aber stellt es sich heraus, daß die Blinde gelogen hatte, daß sie nicht besonders blind war, sondern mit einem Auge die auffälligen Umrisse ihres sonderbaren Bräutigams ganz gut erkennen konnte. Der Enttäuschte verließ sie sofort.

Ich habe in meinem Leben ein paar unvergeßliche Charaktere kennen gelernt. Unter ihnen ist Weißenstein, der Weltverbesserer, gewiß nicht der wertvollste. Ich betrachte ihn als eine Charge, eine Nebenrolle in Gottes großer Tragikomödie. Ich würde ihn nicht aus dem Totenreich beschwören, hätte das Leben selbst seiner Geschichte nicht eine Pointe geschenkt, brüsker und kühner als ein Autor sie erfinden kann.

Der August 1914 war da. Der große Krieg brach aus. Die Insassen des Cafés und unser Kreis zerstreuten sich in alle Winde. Ich verbrachte mehrere Jahre an der Ostfront der österreichischen Armee. Später wurde ich zum Kriegspressequartier nach Wien kommandiert. Inzwischen hatte der Krieg das Menschenreservoir bis auf die Neige geleert. Man mobilisierte den Bodensatz; alte Männer, Invalide, Kranke, halbe und ganze Krüppel. All das trottete nun in schmutzigen Uniformen durch die Straßen der hungernden Städte. Im letzten Kriegswinter wurde ich mit einem dienstlichen Auftrag nach Bodenbach gesandt, der Grenzstadt zwischen Deutschland und dem damaligen österreichischen Kaiserstaat. Zu früher Morgenstunde verließ ich mein armseliges Hotel, um über die Elbe-Brücke nach Teschen zu gehen. Diese schöne Eisenbrücke war noch beinahe leer. Nur ein schwanker Haufen bewegte sich vor mir. Voran schleppten sich zwei abgemagerte Ochsen. Hinter ihnen zottelten als Treiber drei greise Soldaten, weißhaarig und frierend, slowakische Bauern vermutlich. Zuletzt kam ein uniformiertes Etwas, dem eine lächerlich kleine Militärkappe auf dem Wasserkopf tanzte. Dieses Etwas schwang einen Knüppelstock und krähte: »Soldaten wollt ihr sein? Ungeziefer seid ihr! Die Prügelstrafe sollte man wieder einführen für euch ...« Ich packte ihn von hinten bei den Schultern: »Weißenstein, Sie, der Menschheitskämpfer, sind unter die Menschenschinder gegangen?« – »Ich bin der Kommandant dieses Schlachtviehtransports«, erwiderte er stolz, »und die da, das sind keine Menschen, das sind ewige Sklaven. Die gehören unterdrückt! «

Ich blieb stehen. Mir war nicht nur zum Lachen. Noch verstand ich den Geist der Zeit nicht, der aus den sozialen Idealisten Tolstois und Dostojewskijs die neuen erbarmungslosen Herren des Kremls gemacht hatte. Ich blickte dem »Schlachtvieh-Transport« nach. Unter Vorantritt der beiden Ochsen, gefolgt von den drei ewigen Sklaven, stapfte Weißenstein, der Weltverbesserer, jeder Zoll ein Diktator.








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