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Weihnachtserzählungen

Charles Dickens: Weihnachtserzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleWeihnachtserzählungen
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
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Zweites Zirpen.

Kaleb Plummer und seine blinde Tochter lebten ganz allein miteinander, wie die Märchenbücher sagen – und meinen Segen und auch hoffentlich den eurigen über die Märchenbücher, daß sie uns noch etwas zu sagen haben in dieser Alltagswelt! – Kaleb Plummer und seine blinde Tochter lebten ganz allein miteinander in einer zerknackten Nußschale von einem Häuschen, das eigentlich nichts Besseres war als ein Pickel auf der hervorragenden Backsteinnase von Gruff und Tackleton. Die Gebäude von Gruff und Tackleton nahmen die große Vorderseite der Straße ein; aber Kaleb Plummers Häuschen hätte man mit ein paar Hammerschlägen niederschlagen und die Stücke in einem Schubkarren fortschaffen können.

Wenn irgend jemand der Wohnung Kaleb Plummers nach einem solchen Gewaltstreich die Ehre angetan hätte, sie zu vermissen, so wäre es ohne Zweifel nur geschehen, um ihre Zerstörung als eine bedeutende Verbesserung zu preisen. Sie klebte an dem Gewese von Gruff und Tackleton wie eine Klette an einem Schiffskiel, oder wie eine Schnecke an einer Tür, oder wie ein kleines Häufchen Pilze an einem Baumstamm. Und doch war es der Keim, aus dem der hohe kräftige Stamm von Gruff und Tackleton aufgewachsen war; und unter seinem zerfallenen Dache hatte der vorletzte Gruff in ganz kleinem Maßstabe Spielzeug für eine Generation von seitdem alt gewordenen Knaben und Mädchen angefertigt, die damit gespielt, sie ausgenutzt, zerbrochen, und dann auf ihnen sich schlafen gelegt hatten.

Ich sagte, daß Kaleb und seine arme blinde Tochter hier lebten. Aber ich hätte sagen sollen, Kaleb lebte hier und seine arme blinde Tochter irgendwo in einem Zauberschlosse von Kalebs Schöpfung, wo man von Armut und Not nichts spürte und die Sorge nie Einlaß hielt. Kaleb war kein Zauberer, aber in der einzigen Zauberkunst, die uns noch übriggeblieben ist, in der Zauberkunst hingebender, unerschöpflicher Liebe, war die Natur seine Lehrerin gewesen, und aus ihren Lehren blühten all diese Wunder auf.

Das blinde Mädchen erfuhr nie, daß die Decke verblichen, die Wände schwarz und stellenweise vom Mörtel entblößt waren; daß große Risse sich gebildet hatten und mit jedem Tag sich erweiterten; daß die Balken vermoderten und sich senkten. Das blinde Mädchen erfuhr nie, daß auf den Wandborden nur die häßlichen Gestalten von Töpferwaren standen; daß Sorge und Mutlosigkeit im Hause waren; daß Kalebs spärliche Haare vor ihren erloschenen Augen grauer und immer grauer wurden. Das blinde Mädchen erfuhr nie, daß sie einen kalten, anspruchsvollen, gefühllosen Herrn hatte, kurz, daß Tackleton Tackleton war, sondern lebte in dem Glauben an einen gutmütigen Kerl, der gern seinen Spaß mit ihnen trieb, und der, während er der Schutzengel ihres Daseins war, es verschmähte, ein Wort der Dankbarkeit von ihnen zu hören.

Und das alles war Kalebs Werk, das Werk ihres schlichten Vaters! Aber auch er hatte ein Heimchen an seinem Herde; und als er einst, da das mutterlose blinde Kind noch sehr jung war, mit schwerem Herzen auf sein Zirpen lauschte, da hatte ihm dieser Schutzgeist den Gedanken eingeflößt, daß selbst ihr großes Unglück fast in einen Segen verwandelt und das Mädchen mit diesem traurigen Mittel glücklich gemacht werden könne. Denn das ganze Heimchengeschlecht besteht aus mächtigen Geistern, wenn auch die Menschen, die mit ihnen verkehren, es fast nie wissen (und dies ist häufig der Fall); und es gibt in der unsichtbaren Welt keine lieblicheren und wahreren Stimmen, denen man bedingungsloser vertrauen könnte, und die so sicher nur den liebevollsten Rat erteilen, als die Stimmen, deren sich die Schutzengel des häuslichen Herdes in ihrem Verkehr mit dem Menschengeschlecht bedienen.

Kaleb und seine Tochter waren zusammen bei der Arbeit in ihrer gewöhnlichen Arbeitsstube, die ihnen auch als Wohnstube diente. Und ein merkwürdiger Ort war es. Da standen Häuser, fertige und halbfertige, für Puppen jeden Ranges. Vorstadthäuser für Puppen von beschränkten Mitteln; Küchen und einzelne Zimmer für Puppen der niederen Klassen; großstädtische Paläste für Puppen aus vornehmen Kreisen. Einige dieser Wohnungen waren bereits möbliert, je nach den Verhältnissen und dem Geschmack von Puppen von beschränktem Einkommen; andere konnten in kürzester Frist auf das kostspieligste eingerichtet werden; man brauchte nur von den Gestellen Stühle, Tische, Sofas, Bettstellen, und was sonst zu einer fein möblierten Wohnung gehört, herunterzunehmen. Der hohe und niedere Adel und das große Publikum, für die diese Wohnungen bestimmt waren, lagen da und dort, die Augen starr nach der Decke gerichtet, in Körben herum; aber je nachdem die Verfertiger dieser Puppen ihnen die verschiedenen Stufen auf der gesellschaftlichen Leiter anwiesen und jeden auf seinen entsprechenden Platz stellten – was, wie die Erfahrung lehrt, im wirklichen Leben beklagenswert schwierig ist – waren sie weit geschickter gewesen, als die Natur, die oft so launisch und verderbt ist; denn statt sich mit so willkürlichen Unterscheidungen wie Atlas, Kattun und Lumpen zu begnügen, hatten sie auffällig persönliche Unterscheidungen, bei denen ein Irrtum ausgeschlossen war, hinzugefügt. So hatte die Puppendame von vornehmer Herkunft Wachsglieder von vollendetem Ebenmaß – ein Vorzug, wie er nur ihr und ihren Adelsgenossen gebührte. Der nächste Grad auf der gesellschaftlichen Leiter war von Leder, und wieder der nächste von grober Leinwand. Was das gemeine Volk betraf, so war das Material zu ihren Armen und Beinen aus Streichholzbüchsen genommen – und so stand es nun da, von Anbeginn in die ihm zukommende Sphäre gewiesen, ohne die Möglichkeit, je aus derselben herauszukommen.

Außer den Puppen enthielt Kalebs Zimmer noch verschiedene andre Proben seiner Kunstfertigkeit. Da waren Archen Noahs, in denen Vögel und Tiere ungewöhnlich eng untergebracht waren, das kann ich euch versichern; obwohl sie durch ein Loch im Dach hineingestopft waren, so konnten sie doch auf einen beliebig kleinen Raum zusammengeschüttelt und gerüttelt werden. Vermöge einer erfinderischen poetischen Freiheit hatten die meisten dieser Noahsarchen Klopfer an den Türen – wenig passende Anhängsel vielleicht, da sie an Morgenbesuche und Briefträger erinnerten; indes gaben sie in netter Weise dem Äußeren des Gebäudes die Schlußzierde. Da waren ganze Schocke melancholischer kleiner Karren, die, wenn die Räder sich drehten, eine höchst klägliche Musik machten. Viele kleine Geigen, Trommeln und andere Folterwerkzeuge, auch eine unzählige Masse von Kanonen, Schilden, Schwertern, Lanzen und Flinten. Da waren kleine Purzelmännchen in roten Hosen, die unaufhörlich an hohen aufgespannten roten Bändern hinaufkletterten und auf der anderen Seite kopfüber wieder herunterkamen; da waren auch unzählige alte Herren von hochachtbarem, um nicht zu sagen ehrwürdigem Äußeren, die sich wie toll um wagerechte Pflöcke herumschwangen, die einzig zu diesem Zwecke mitten in ihrer Haustüre angebracht waren. Da waren Tiere jeder Gattung, besonders Pferde jeder Rasse, von gefleckten Zylindern auf vier Pflöckchen, mit einem kleinen Streifchen als Mähne, bis zu Vollblutswiegenpferden von feurigstem Temperament. Es wäre schwer gewesen, die Dutzende und Aberdutzende seltsamer Figuren zu zählen, die allezeit bereit waren, bei dem Drehen eines Griffes alle möglichen Albernheiten zu begehen; auch würde es keine leichte Aufgabe gewesen sein, eine menschliche Torheit, Untugend oder Schwäche zu nennen, die in Kaleb Plummers Zimmer nicht ihren mehr oder weniger treuen Typus gefunden hätte. Und alles das durchaus nicht in übertriebener Form; denn es bedarf ja keiner sehr künstlichen Handhabe, um uns alle, Männer wie Frauen, zu nicht weniger seltsamen Streichen zu bewegen, als die, die je von einem Spielzeug ausgeführt wurden.

Inmitten all dieser Gegenstände saßen Kaleb und seine Tochter bei der Arbeit. Das blinde Mädchen, beschäftigt als Puppenschneiderin, Kaleb die vierfenstrige Front eines ansehnlichen Bürgerhauses bemalend und mit Glas versehend.

Die Sorge, deren Spuren Kalebs Gesichtszügen aufgedrückt war, sein zerstreutes und träumerisches Wesen, das einem Alchimisten oder einem Jünger der dunklen Wissenschaft sehr gut gestanden hätte, bildeten auf den ersten Blick einen merkwürdigen Kontrast zu seiner Beschäftigung und den Nichtigkeiten um ihn her. Aber so alltäglich die Dinge auch an sich sein mögen, wenn man sie erfindet und anfertigt, um sich sein tägliches Brot damit zu verdienen, dann werden sie etwas sehr Ernsthaftes; und ganz abgesehen von dieser Betrachtung, kann ich durchaus nicht sagen, ob Kaleb, wenn er Minister oder Parlamentsmitglied oder Advokat oder gar ein großer Spekulant gewesen, sich mit weniger launischen Spielereien beschäftigt hätte, während ich gar sehr bezweifle, ob sie ebenso harmlos gewesen wären.

»Du warst also gestern abend draußen im Regen, Vater, in deinem schönen neuen Überzieher?« fragte Kalebs Tochter.

»Mit meinem schönen neuen Überzieher«, antwortete Kaleb, indem er einen Blick nach der Wäscheleine warf, auf der das vorhin beschriebene Gewand von Packleinewand sorgfältig zum Trocknen aufgehängt war.

»Wie froh bin ich, Vater, daß du ihn dir gekauft hast!«

»Und obendrein von einem so tüchtigen Schneider«, sagte Kaleb. »Ein vollendeter Modenschneider. Er ist zu gut für mich.«

Das blinde Mädchen unterbrach ihre Arbeit und fing an fröhlich zu lachen.

»Zu gut, Vater! Könnte denn etwas zu gut für dich sein?«

»Aber ich schäme mich fast, ihn zu tragen«, sagte Kaleb, die Wirkung seiner Worte auf ihrem freudestrahlenden Gesicht beobachtend. »Auf mein Wort, wenn ich die Jungen und die Leute hinter mir sagen höre: ›Hallo, seht mal den Gecken an!‹, dann weiß ich nicht, wo ich meine Augen lassen soll. Und als gestern abend der Bettler gar nicht fortgehen wollte, und ich ihm sagte, ich sei ein ganz gewöhnlicher Mann, da antwortete er: ›Aber nein, Euer Gnaden! Das glaube ich Euer Gnaden nicht.‹ Mir war, als hätte ich kein Recht, ihn zu tragen.«

Glückliches blindes Mädchen! Wie fröhlich sie war in ihrem Entzücken.

»Ich sehe dich, Vater«, sagte sie, in die Hände klatschend, »so deutlich, als wenn ich die Augen hätte, die ich nie vermisse, wenn du bei mir bist. Ein blauer Rock . . .«

»Hellblau«, sagte Kaleb.

»Ja, ja, hellblau!« rief das Mädchen, ihr freudestrahlendes Gesicht emporrichtend: »ganz die Farbe, deren ich mich noch von dem lieben Himmel her erinnere! Du sagtest mir früher, er sei blau! Also ein hellblauer Rock . . .«

»Und halb anschließend«, setzte Kaleb hinzu.

»Halb anschließend!« rief das blinde Mädchen mit herzlichem Lachen; »und du in diesem Rock, lieber Vater, mit deinen fröhlichen Augen, deinem lächelnden Gesicht, deinem leichten Schritt und deinem dunklen Haar. – Du siehst so schön und jung aus!«

»Hallo, hallo!« sagte Kaleb. »Ich werde noch ganz eitel.«

»Ich glaube, du bist es schon!« rief das blinde Mädchen, ihm in ihrem Entzücken mit dem Finger drohend. »Ich kenne dich, Vater! Ha, ha, ha! Siehst du, da habe ich dich ertappt!«

Wie ganz verschieden war das Bild in ihrem Geiste von dem Kaleb, wie er dasaß und sie beobachtete! Sie hatte von seinem leichten Schritt gesprochen. Damit hatte sie recht. Seit vielen Jahren hatte er nicht ein einziges Mal die Schwelle dieser Tür mit dem ihm natürlichen langsamen, schwerfälligen Gange überschritten, sondern mit einem erkünstelten Schritt, der das Ohr seines Kindes täuschen sollte, und niemals hatte er, wenn sein Herz auch noch so schwer war, diesen leichten Gang vergessen, der ihr Herz so froh und mutig machte!

Nur Gott weiß es, aber ich glaube, Kalebs verwirrtes Wesen hatte zum Teil seinen Grund darin, daß er sich aus Liebe zu seiner blinden Tochter immer verstellt hatte. Wie hätte der kleine Mann nicht verwirrt sein sollen, nachdem er so viele Jahre daran gearbeitet hatte, seine eigene Identität und all die Gegenstände, die darauf Bezug hatten, zu zerstören!

»So weit wären wir«, sagte Kaleb, ein paar Schritte zurücktretend, um sich besser von der Vortrefflichkeit seiner Arbeit überzeugen zu können: »der Wirklichkeit so ähnlich, wie eine halbe Mark einem Fünfgroschenstück. Wie schade, daß die ganze Front des Hauses auf einmal aufgeht! Wenn nur eine Treppe und ordentliche Türen da wären, um in die Zimmer zu gelangen! Aber das ist das Schlimme an meinem Beruf; ich betrüge und beschwindle mich in einem fort selbst.«

»Du sprichst ja ganz leise, Vater. Bist du müde?«

»Müde!« wiederholte Kaleb mit einem kräftigen Ausdruck von Energie. »Was sollte mich denn müde machen, Bertha? Ich bin noch nie müde gewesen. Was willst du damit sagen?«

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, unterbrach er sich plötzlich, als er unwillkürlich zwei Kniestücke nachahmen wollte, die sich auf dem Kaminsims dehnten und gähnten, vollkommene Darstellungen ewiger Müdigkeit, und begann dann einen Vers eines Liedes zu summen. Es war ein Trinklied und handelte von etwas wie einem schäumenden Becher. Er sang es mit ganz verwegenem Schwung, der sein Gesicht noch tausendmal magerer und sorgenvoller als gewöhnlich erscheinen ließ.

»Wie, was, Ihr singt!« sagte Tackleton, seinen Kopf zur Tür hereinsteckend. »Nur zu! Ich kann nicht singen.«

In der Tat würde das niemand bei ihm vermutet haben. Sein Gesicht sah wirklich nicht nach Singen aus.

»Ich kann mir den Luxus des Singens nicht gönnen«, sagte Tackleton. »Es freut mich, daß Ihr es könnt. Will nur hoffen, daß Euch das nicht am Arbeiten hindert. Beides läßt sich schwer vereinigen, scheint mir.«

»Wenn du ihn nur sehen könntest, Bertha; wie er mir zunickt!« flüsterte Kaleb. »So ein Spaßmacher! Wenn du ihn nicht kenntest, so könntest du glauben, es sei ihm ernst, – nicht wahr?«

Das blinde Mädchen lächelte und nickte.

»Wenn der Vogel singen kann und nicht will, so muß man ihn zwingen, sagt das Sprichwort«, brummte Tackleton. »Wenn nun aber die Eule, die nicht singen kann und nicht singen soll, trotzdem singen will, – was muß man dann mit ihr machen?«

»O, und wie er mir jetzt wieder winkt!« flüsterte Kaleb seiner Tochter ins Ohr. »O du grundgütiger Himmel!«

»Immer fröhlich und gut gelaunt bei uns!« rief Bertha lachend.

»Ah, bist du auch da, wirklich!« versetzte Tackleton. »Arme Blödsinnige!«

Er glaubte in der Tat, sie sei schwachsinnig; und er gründete seinen Glauben – ich weiß nicht, ob bewußt oder unbewußt – darauf, daß sie ihn gern leiden mochte.

»Wohlan . . . da du einmal da bist . . . wie geht's?« fragte Tackleton in seiner mürrischen Weise.

»O gut, ganz gut! Und so glücklich, wie Sie es mir nur wünschen können. So glücklich, wie Sie die ganze Welt machen möchten, wenn Sie es könnten!«

»Arme blödsinnige!« murmelte Tackleton. »Kein Funken Vernunft. Nicht ein Fünkchen!«

Das blinde Mädchen ergriff seine Hand und küßte sie – sie hielt sie einen Augenblick zwischen ihren Händen und legte zärtlich ihre Wange darauf, bevor sie sie wieder losließ. Es lag in dieser Handlung etwas so unaussprechlich Zärtliches, eine so feurige Dankbarkeit, daß selbst Tackleton sich bewogen fand, in einem weniger rauhen Brummton zu sagen:

»Na, was gibt's denn nun?«

»Ich stellte es dicht neben mein Kopfkissen, als ich gestern abend zu Bett ging und träumte dann davon. Und als der Tag anbrach und die herrliche rote Sonne – die rote Sonne, Vater?«

»Rot am Morgen und am Abend, Bertha«, sagte der arme Kaleb mit einem traurigen Blick auf seinen Brotherrn.

»Als sie aufging und das helle Licht, an das ich mich fast im Gehen zu stoßen fürchtete, in das Zimmer drang, wandte ich ihm den kleinen Rosenstock zu und dankte dem Himmel, daß er so schöne Dinge geschaffen, und segne Sie, daß Sie ihn mir geschenkt, um mich aufzuheitern.«

»Das Tollhaus ist los!« murmelte Tackleton für sich. »Wir werden bald bei der Zwangsjacke und den Fausthandschuhen angekommen sein. Wir machen Fortschritte!«

Kaleb, die Hände lose ineinandergelegt, starrte vor sich hin, während seine Tochter sprach, als ob er wirklich nicht sicher sei – und ich glaube, er war es auch nicht – ob Tackleton etwas getan, was ihren Dank verdiente oder nicht. Hätte er mit vollkommen freiem Willen handeln können, und hätte er in diesem Augenblick bei Todesstrafe sich dafür entscheiden müssen, den Spielwarenhändler mit Fußtritten fortzujagen, wie er es verdient hätte, oder sich ihm zu Füßen zu werfen, um ihm für seine Wohltaten zu danken, ich glaube, die Möglichkeit wäre nach beiden Seiten hin gleich groß gewesen. Und doch wußte Kaleb, daß er mit eigenen Händen so sorgsam den kleinen Rosenstock für sie mitgebracht, und daß er mit seinen eigenen Lippen die unschuldige Täuschung hervorgerufen hatte, die ihm helfen sollte, sie vor dem Gedanken zu bewahren, wie viele, wie so sehr viele Entbehrungen er sich täglich auferlegte, um sie glücklich zu sehen.

Kaleb Plummer und seine blinde Tochter.

»Bertha!« sagte Tackleton, dies eine Mal ein wenig Herzlichkeit in seine Stimme legend. »Komm mal her!«

»O!« antwortete sie, »ich kann gerade auf Sie zukommen! Sie brauchen mich gar nicht zu führen!«

»Soll ich dir ein Geheimnis mitteilen, Bertha?«

»Wenn Sie wollen«, antwortete sie eifrig.

Wie strahlend dieses umnachtete Antlitz wurde! Wie ein Lichtschein lag es über diesem lauschenden Haupt!

»Heute ist der Tag, an dem die kleine, wie ist doch gleich ihr Name? – das verzogene Kind, Peerybingles Frau, euch ihren gewöhnlichen Besuch macht – ihr närrisches Picknick hier veranstaltet, nicht wahr«, sagte Tackleton mit einem starken Ausdruck von Widerwillen gegen die ganze Sache.

»Ja«, sagte Bertha, »heut ist der Tag.«

»Ich dacht' es mir!« versetzte Tackleton. »Nun wohl, ich möchte gern dabei sein.«

»Hörst du, Vater!« rief das blinde Mädchen außer sich vor Freude.

»Ja, ja, ich hör' es«, murmelte Kaleb mit dem starren Blicke eines Nachtwandlers; »aber ich glaub's nicht. Es ist gewiß wieder eine meiner Lügen (?=Selbsttäuschungen).«

»Seht, ich . . . ich möchte die Peerybingles gern ein wenig mehr mit May Fielding zusammenbringen«, sagte Tackleton. »Ich habe beschlossen, May zu heiraten.«

»Zu heiraten!« rief das blinde Mädchen, plötzlich von ihm zurückweichend.

»Sie ist ein so entsetzlich blödsinniges Ding«, brummte Tackleton, »daß ich befürchte, sie würde nichts davon begreifen. Ja, Bertha, heiraten! Kirche, Pfarrer, Küster, Kirchenvogt, Staatskutsche, Glocken, Hochzeitsmahl, Hochzeitskuchen, Rosetten und Bänder und Polterabendmusik und all die übrigen Hanswurstereien. Eine Hochzeit, weißt du, was eine Hochzeit ist?«

»Ich weiß es«, versetzte das blinde Mädchen in leisem Tone. »Ich verstehe!«

»Wirklich?« murmelte Tackleton. »Das ist mehr, als ich erwartet hatte. Nun gut, das ist der Grund, weshalb ich dabei sein und May und ihre Mutter mitbringen möchte. Ich werde am Vormittag die eine oder andre Kleinigkeit herschicken. Eine kalte Hammelkeule oder eine ähnliche kleine Erfrischung. Ihr erwartet mich also?«

»Ja«, antwortete sie.

Sie hatte ihren Kopf geneigt und wandte sich ab; und so stand sie nun da mit gefalteten Händen, unbeweglich und träumerisch.

»Es scheint mir nicht, daß sie will«, murmelte Tackleton, indem er sie ansah, »denn es scheint mir, als ob sie es schon gänzlich wieder vergessen hätte . . . Kaleb!«

»Ich darf mir wohl erlauben zu sagen, daß ich hier bin«, dachte Kaleb. »Was befehlt Ihr?«

»Sorgt dafür, daß sie nicht vergißt, was ich ihr gesagt habe.«

»O, sie vergißt nichts«, erwiderte Kaleb. »Das ist fast das einzige, was sie nicht versteht.«

»Jeder hält seine Gänse für Schwäne«, bemerkte der Spielwarenhändler mit einem Achselzucken. »Armer Teufel!«

Und nachdem er mit unendlicher Verachtung diese boshafte Bemerkung gemacht hatte, zog der alte Gruff und Tackleton ab.

Bertha blieb an derselben Stelle, wo er sie gelassen hatte, stehen, ganz in trauriges Sinnen verloren. Die Fröhlichkeit war von ihrem gesenkten Antlitz verschwunden; eine tiefe Traurigkeit lag auf demselben. Drei- oder viermal schüttelte sie den Kopf, als traure sie über eine Erinnerung oder einen Verlust; aber ihr schmerzliches Nachdenken fand keine Worte, um sich Luft zu machen.

Kaleb war seit einiger Zeit damit beschäftigt, ein Gespann Pferde vor einem Wagen zu befestigen, indem er durch ein höchst summarisches Verfahren das Geschirr an die edlen Teile ihrer Körper festnagelte; er war gerade fertig, als seine Tochter sich seinem Arbeitsstuhl näherte, sich neben ihn setzte und sagte:

»Vater, ich bin ganz allein in der Finsternis. Ich bedarf meiner Augen, meiner geduldigen, immer willigen Augen.«

»Hier sind sie«, sagte Kaleb. »Immer bereit. Sie gehören mehr dir als mir, in jedem Augenblick während der vierundzwanzig Stunden des Tages. Was sollen deine Augen für dich tun, mein gutes Kind?«

»Blick' im Zimmer umher, Vater.«

»Gern«, sagte Kaleb. »Gesagt, getan, Bertha.«

»Beschreib es mir.«

»Es ist genau so wie immer«, versetzte Kaleb. »Einfach aber sehr behaglich. An den Wänden die lebhaften Farben; auf Schüsseln und Tellern die glänzenden Blumen, das Holz poliert und glänzend überall, wo Balken und Getäfele sind, die allgemeine Heiterkeit und Sauberkeit der Wohnung machen es wirklich sehr hübsch.«

Wirklich war es heiter und sauber überall, wo Berthas Hände geschäftig sein konnten. Aber sonst gab es nirgends Heiterkeit und Sauberkeit in der alten verfallenen Hütte, die Kalebs Phantasie so zu verwandeln wußte.

»Du hast deinen Arbeitsrock an und bist nicht so elegant gekleidet, als wenn du deinen schönen Überzieher trägst?« fragte Bertha, indem sie ihm die Hand auf die Schulter legte.

»Nicht ganz so elegant«, antwortete Kaleb. »Aber doch auch ganz hübsch.«

»Vater«, sagte das blinde Mädchen, indem sie sich ihm näherte und unvermerkt einen Arm um seinen Hals legte, »erzähle mir etwas von May. Ist sie sehr schön?«

»Das ist sie in der Tat«, sagte Kaleb.

Und das war wirklich der Fall. Es war nur selten, daß Kaleb nicht zu seiner Phantasie die Zuflucht nehmen mußte.

»Ihr Haar ist dunkel«, sagte Bertha nachdenklich; »dunkler als meines. Ihre Stimme ist süß und melodisch, das weiß ich. Ich habe sie oft und gern gehört. Ihre Gestalt . . .«

»Im ganzen Zimmer ist keine Puppe, die mit ihr verglichen werden könnte«, sagte Kaleb. »Und ihre Augen . . .!«

Er hielt inne; denn Bertha hatte ihn noch fester umschlungen, und von dem Arm, der ihn umgab, kam ein warnendes Zucken, das er nur allzugut verstand.

Er hüstelte einen Augenblick, hämmerte einen Augenblick und kam dann wieder auf das Lied von dem schäumenden Becher zurück – sein unfehlbares Hilfsmittel in allen Schwierigkeiten dieser Art.

»Unser Freund, Vater, unser Wohltäter. Du weißt, ich werde nie müde von ihm zu hören, – oder ward ich's je?« setzte sie hastig hinzu.

»Nein, gewiß nicht«, antwortete Kaleb; »und mit Recht.«

»O, wie sehr mit Recht!« rief das blinde Mädchen mit solcher Begeisterung, daß Kaleb trotz der Reinheit seiner Absichten es nicht wagte, ihr ins Gesicht zu blicken, sondern die Augen zu Boden senkte, als hätte sie in denselben seine unschuldigen Lügen lesen können.

»Dann erzähl' mir wieder von ihm, lieber Vater«, sagte Bertha. »Noch recht oft! Sein Gesicht ist wohlwollend, freundlich und liebevoll, aufrichtig und wahr, das weiß ich gewiß. Das männliche Herz, das all seine Wohltaten unter einer rauhen und widerwilligen Schale zu verbergen sucht, verrät sich in jedem seiner Züge.«

»Und veredelt sie«, setzte Kaleb in seiner stillen Verzweiflung hinzu.

»Und veredelt sie!« rief das blinde Mädchen. »Er ist älter als May.«

»Ja-a«, sagte Kaleb zögernd. »Er ist ein wenig älter als May. Aber das hat gar nichts zu sagen.«

»O doch, Vater! Seine geduldige Gefährtin in Gebrechlichkeit und Alter, seine sanfte Wärterin in Krankheiten, und seine treue Freundin in Kummer und Sorgen zu sein, keine Ermüdung zu kennen in der Arbeit für ihn, bei ihm zu wachen, ihn zu pflegen, an seinem Bett zu sitzen und mit ihm zu reden, wenn er wach ist, und für ihn zu beten, wenn er schläft welch großes Vorrecht würde das für seine Frau sein! Wie oft kann sie ihm alle ihre Treue und Ergebenheit beweisen! Und glaubst du, lieber Vater, daß sie dies alles tun wird?«

»Ohne Zweifel«, sagte Kaleb.

»Dann liebe ich sie, Vater; ich liebe sie von ganzem Herzen!« rief das blinde Mädchen.

Und mit diesen Worten legte sie ihr armes blindes Antlitz auf Kalebs Schulter und weinte so bitterlich, daß es ihn fast gereute, sie in ein so tränenvolles Glück versetzt zu haben.

* * *

Um dieselbe Zeit hatte es bei John Peerybingle viel Trubel gegeben. Denn die kleine Mrs. Peerybingle konnte natürlich nicht daran denken, irgendwohin zu gehen ohne das Baby, und das Wickelkind flottmachen erforderte Zeit. Nicht, daß das Baby viel zu schaffen gemacht hätte hinsichtlich des Gewichtes und des Umfanges, aber es gab unendlich viel daran zu tun, und das alles mußte vorsichtig und langsam gemacht werden. Zum Beispiel wenn das kleine Kind endlich mit Ach und Weh so weit mit seiner Toilette fertig war, und man vernünftigerweise hätte voraussetzen können, im Handumdrehen werde es fix und fertig auf und in ein solches Prachtexemplar von einem Wickelkind verwandelt sein, daß es kühn die ganze Welt hätte herausfordern können, ob je eins schöner war, so wurde es ganz plötzlich in ein Flanellmützchen versteckt und zu Bett gebracht, wo es zwischen zwei Decken nahezu eine Stunde lang schmorte, wenn ich mich so ausdrücken darf. Aus diesem Zustande der Untätigkeit wurde es dann, rot wie ein Krebs und indem es laut schrie, wieder herausgerissen, um teilzunehmen an – na, ich möchte sagen, wenn ihr mir erlauben wollt, mich so allgemein auszudrücken – an einer kleinen Mahlzeit. Alsdann ging es wieder schlafen. Mrs. Peerybingle nahm dies Intermezzo wahr, um sich in ihrer Weise so schmuck herauszuputzen, wie ihr es euch nur vorstellen könnt; und während desselben kurzen Waffenstillstandes arbeitete Fräulein Tolpatsch in einem Gewand von so überraschender und sinnreicher Form, daß es weder zu ihr, noch überhaupt zu irgendeinem Menschenkinde in irgendeiner Beziehung stand; es war ein so zusammengeschrumpftes, hundsohrenartig herabhängendes Etwas, das seinen einsamen Gang ohne die mindeste Rücksicht auf seine Trägerin ging. Jetzt wurde das Baby, das bereits wieder wach geworden war, durch die vereinten Bemühungen von Mrs. Peerybingle und Tilly mit einem butterfarbigen Mäntelchen und einer pastetenförmigen Nankingmütze fertig angeputzt; und so kamen sie alle drei im Laufe der Zeit an die Tür, wo das alte Pferd sich bereits mehr als vollständig bezahlt gemacht hatte für sein heutiges Wegegeld an dem Schlagbaum, indem es die Straße mit seinen ungeduldigen Hufen aushöhlte, während Boxer in weiter Ferne kaum zu bemerken war, wie er dastand und nach seinem Gefährten zurücksah, als wolle er ihn verführen nachzukommen, ohne erst weitere Befehle abzuwarten.

Wenn ihr glaubt, daß es eines Stuhls oder eines andern Gegenstandes dieser Art bedurft hätte, um Mrs. Peerybingle in den Wagen zu helfen, so kennt ihr John wirklich sehr schlecht. Ehe ihr ihn hättet sehen können, sie vom Boden aufheben, saß sie schon da auf ihrem Platz, frisch und rot, und sagte:

»Aber John! Wie kannst du nur! Denk doch an Tilly!«

Wenn ich mir irgendwie erlauben dürfte, von den Beinen einer jungen Dame zu reden, so würde ich bezüglich derjenigen des Fräulein Tolpatsch bemerken, daß sie infolge eines eigentümlich fatalen Umstandes beständig in Gefahr schwebten, gestreift zu werden, und daß sie nie den kleinsten Auf- oder Abstieg ausführen konnte, ohne das Ereignis an den Beinen mit einem Kerbstrich zu notieren, gerade wie Robinson Crusoe die Tage in seinen Holzkalender einkerbte. Aber da dies unpassend erscheinen möchte, so will ich es nur in Gedanken tun.

»John«, sagte Dot, »hast du den Korb mit der Kalbs- und Schinkenpastete und den übrigen Sachen und den Bierflaschen auch nicht vergessen? Dann mußt du augenblicklich wieder umkehren und sie holen.«

»Du bist mir eine nette Person«, versetzte der Fuhrmann, »mir von einer Umkehr zu reden, nachdem du schuld bist, daß wir eine gute Viertelstunde zu spät kommen.«

»Das tut mir leid, John«, sagte Dot sehr verwirrt, »aber ich möchte wirklich nicht daran denken zu Bertha zu gehen . . . ich würde es unter keinen Umständen tun, John . . . ohne die Kalbs- und Schinkenpastete und die andern Sachen und die Bierflaschen . . . Hü!«.

Dies einsilbige Wörtchen galt dem Pferde, das ihm aber nicht die geringste Beachtung schenkte.

»So sag' du doch ›Hü‹, John!« sagte Mrs. Peerybingle. »Ich bitte dich drum, John!«

»Da werden wir noch Zeit genug zu haben«, versetzte John, »wenn ich einmal was vergessen habe. Hier ist der Korb sicher genug.«

»Was für ein hartherziges Ungeheuer bist du doch, John, daß du mir das nicht gleich gesagt und mir einen solchen Schrecken nicht erspart hast! Ich erkläre, daß ich um alles in der Welt ohne die Kalbs- und Schinkenpastete und die andern Sachen und die Bierflaschen nicht zu Bertha gegangen wäre. Regelmäßig alle vierzehn Tage seit unserer Heirat, John, haben wir dort unser kleines Picknick gehalten. Wenn einmal bei diesem kleinen Fest etwas verkehrt wäre, so würde ich fast glauben, wir könnten nie wieder ganz glücklich sein.«

»Es war gleich ein schöner Gedanke«, sagte der Fuhrmann; »ich habe daher allen Respekt vor dir, Frauchen.«

»Mein lieber John«, versetzte Dot, über und über errötend, »rede doch nicht von Respekt vor mir! Du lieber Gott!«

»Beiläufig . . .« bemerkte der Fuhrmann. »Jener alte Herr . . .«

Neue Verlegenheit Dots, und zwar eine sehr auffällige.

»Er ist ein komischer Kauz«, sagte der Fuhrmann, grade vor sich hin die Straße entlang blickend. »Ich kann nicht klug aus ihm werden. Ich will jedoch hoffen, daß man nichts von ihm zu fürchten hat.«

»O durchaus nicht. Ich . . . ich bin überzeugt . . . durchaus nicht.«

»Nein«, sagte der Fuhrmann, dessen Augen sich infolge ihres großen Ernstes auf ihr Antlitz geheftet hatten. »Es freut mich, daß du in der Sache so sicher bist, denn das ist eine Bestätigung für mich. Aber es ist doch seltsam, daß es ihm in den Kopf kam, uns um ein Nachtlager zu bitten, nicht wahr? Es geschehen oft wunderliche Dinge in der Welt!«

»Ja, sehr wunderliche«, bestätigte sie mit leiser, kaum vernehmlicher Stimme.

»Bei alledem ist er ein gutmütiger alter Herr«, fuhr John fort, »und er zahlt auch anständig wie ein Herr, und so glaube ich auch, daß man sich auf sein Wort verlassen kann wie auf das eines Ehrenmannes. Ich hatte heute morgen eine ganz lange Unterredung mit ihm: er kann mich bereits besser verstehen, sagt er, da er sich mehr an meine Stimme gewöhnt hat. Er hat mir sehr viel von sich erzählt, und ich habe ihm viel von mir gesprochen, und er fragte mich nach einer Unmenge von Dingen. Ich teilte ihm mit, daß ich in meinem Geschäft zwei Touren zu machen hätte; an dem einen Tage rechts von unserm Hause aus und wieder zurück, an dem andern links von unserm Hause aus und wieder zurück – denn er ist ein Fremder hierzulande und kennt nicht die Namen der Plätze hier herum; – und das schien ihm viel Vergnügen zu machen. ›Na‹ sagte er, ›dann kehre ich ja heut' abend denselben Weg nach Hause zurück, während ich doch glaubte, Ihr würdet in ganz entgegengesetzter Richtung zurückkommen. Das ist ja ganz schön! Ich werde Euch da vielleicht noch einmal um einen Platz in Eurem Wagen bitten, aber ich verspreche Euch, nicht wieder so einzuschlafen.‹ In der Tat, er schlief sehr fest! . . . Dot, woran denkst du?«

»Woran ich denke, John? Ich . . . hörte dir zu.«

»Ah so! Gut, gut«, sagte der ehrliche Fuhrmann. »Nach deinen zerstreuten Blicken zu urteilen, fürchtete ich schon, ich hätte so lange geschwatzt, daß du schließlich an ganz andere Dinge gedacht hättest. Ganz gewiß, ich war sehr nahe daran.«

Da Dot nicht antwortete, trotteten sie eine Zeitlang schweigend dahin. Aber es war nicht leicht, in John Peerybingles Wagen lange still zu sein; denn alle, denen man begegnete, hatten ihm etwas zu sagen, und war es auch weiter nichts als ein »Wie geht's?« Und wirklich, sehr oft war es weiter nichts. Indes, um ihnen in dem richtigen Geiste der Herzlichkeit ihren Gruß zurückzugeben, war nicht nur ein Kopfnicken und Lächeln nötig, sondern es war auch eine ebenso heilsame Lungenübung, wie es eine langatmige Parlamentsrede ist. Bisweilen gingen Reisende zu Fuß oder zu Pferde eine kleine Strecke neben dem Wagen her, einzig zu dem Zweck, ein wenig zu plaudern; und dann gab es von beiden Seiten gar mancherlei zu sagen.

Sodann gab Boxer Gelegenheit zu mehr freundschaftlichen Erkennungsszenen, als ein halb Dutzend Christenmenschen es gekonnt hätten. Alle Welt kannte ihn längs des Weges – besonders die Hühner und Schweine, die, wenn sie ihn herankommen sahen mit seinem windschiefen Körper und die Ohren zum Horchen gespitzt und indem er sich sehr wichtig machte mit dem aufgerichteten Schwanzrest, sich sofort in die entferntesten Ecken ihres Quartiers zurückzogen, ohne die Ehre einer näheren Bekanntschaft abzuwarten. Boxer hatte überall etwas zu tun; er ging in alle Querstraßen, blickte in alle Brunnen, stürzte in alle Hütten, trabte in alle Mädchenschulen hinein, scheuchte alle Tauben auf, bewirkte, daß sich sämtliche Katzenschwänze steil aufrichteten, und lief wie ein Stammgast in alle Schenken hinein. Wo immer er erschien, hörte man jemand rufen: »Holla, da ist Boxer!« Und heraus kam sofort dieser Jemand, begleitet von mindestens zwei oder drei andern Jemands, um John Peerybingle und seinem hübschen Weibchen guten Tag zu sagen.

Die großen Ballen und die kleinen Pakete für den Botenwagen waren sehr zahlreich, und dies nötigte sie, häufig haltzumachen, um sie in Empfang zu nehmen oder sie abzuliefern; und diese Unterbrechungen bildeten keineswegs den am wenigsten angenehmen Teil der Reise. Manche Leute erwarteten ihre Pakete mit solcher Ungeduld, und andere waren sehr erstaunt, überhaupt welche zu bekommen, und wieder andere waren unerschöpflich, Anweisungen für die ihrigen zu geben, und John nahm ein so lebhaftes Interesse an den Paketen, daß es fast wie in der Komödie war. Und dann waren da Gegenstände, die John nicht mit gutem Gewissen annehmen konnte, ohne vorher alles genau zu überlegen und mit den Absendern alles zu besprechen, und da fanden denn zwischen diesen und dem Fuhrmann lange Beratungen statt – Beratungen, denen Boxer in der Regel beiwohnte, und zwar durch kurze Anfälle sehr ernster Aufmerksamkeit und besonders durch lange Anfälle von Narrheit, während denen er wie toll um die versammelten Weisen herumsprang und bis zum Heiserwerden bellte. Dot, die unbeweglich auf ihrem Platz im Wagen saß, amüsierte sich über all diese kleinen Zwischenfälle, deren aufmerksame Zuschauerin sie war; und wie sie so dasaß und um sich schaute – ein reizendes kleines Bild, wundervoll eingerahmt von den Rahmen der Wagendecke –, da fehlte es nicht an Rippenstößen und Blicken und neidischem Flüstern unter dem jüngeren Volk, das versichere ich euch. Und den glücklichen Fuhrmann John entzückte das alles außerordentlich; denn er war stolz darauf, sein kleines Weibchen bewundert zu sehen, da er ja wußte, daß sie sich nichts daraus machte – wenn sie auch vielleicht gerade keinen Widerwillen davor hatte.

Die kleine Reise ging in dem Januarwetter allerdings nicht ohne ein wenig Nebel vonstatten; denn es war rauh und kalt. Aber wer kehrte sich an solche Kleinigkeiten? Dot sicherlich nicht. Auch Tilly nicht; denn für sie war das Fahren, gleichviel unter welchen Umständen, der Gipfel menschlichen Glücks, die Krone irdischer Hoffnungen. Auch das Wickelkind nicht, auf mein Wort, denn es liegt nicht in der Natur eines Wickelkindes, wärmer und fester zu schlafen, obgleich seine Befähigung in beiden Beziehungen sehr groß ist, als es bei diesem glücklichen jungen Peerybingle während des ganzen Weges der Fall war.

Man konnte freilich in dem Nebel nicht weit vor sich sehen, aber doch immerhin viel, sehr viel! Es ist erstaunlich, wieviel man selbst in einem dickeren Nebel als diesem sehen kann, wenn man sich nur die Mühe nehmen will, um sich zu blicken. Ja, selbst wenn man von seinem Platze aus nur die Elfenringe auf den Feldern und die bereiften Stellen, die noch im Schatten neben Hecken und Bäumen geblieben sind, beobachtete, so war das schon eine angenehme Beschäftigung – nicht zu reden von den überraschenden Gestalten, als welche die Bäume sich plötzlich darstellten, indem sie sich aus dem Nebel loslösten und bevor sie wieder in denselben hineinglitten. Die Hecken waren kahl und nackt und ließen viele verwelkte Kränze im Winde flattern; aber es lag nichts Trübseliges in diesem Anblick. Es war im Gegenteil ein angenehmes Schauspiel; denn es machte den Herd, den man daheim hatte, wärmer und den Sommer, den man erwartete, grüner. Der Fluß sah eisig aus, aber er war in Bewegung, und zwar in kräftiger Bewegung – und das will schon etwas heißen. Der Kanal war ein wenig langsam und müde, das läßt sich nicht leugnen. Aber was tut's, er mußte um so rascher zufrieren, wenn ordentliche Kälte eintrat, und dann konnte man Schlitten fahren und Schlittschuh laufen, und die schwerfälligen, alten Kähne, die irgendwo in der Nähe der Werft eingefroren waren, rauchten dann den ganzen Tag ihre verrosteten, eisernen Schornsteinpfeifen und machten sich einen guten Tag.

An einer Stelle da drüben brannte ein großer Haufen Unkraut oder Stoppeln. Und sie sahen dem Feuer zu, wie es am Tage so weiß durch den Nebel schimmerte und nur hin und wieder einen roten Strahl aufzucken ließ, bis Tilly Tolpatsch infolge der Wahrnehmung, daß der Rauch ihr in die Nase steige, zu ersticken anfing – was sie freilich bei der geringsten Veranlassung konnte – und das Kind weckte, das nun nicht wieder einschlafen wollte. Aber Boxer, der wohl fünf Minuten voraus war, hatte schon die ersten Häuser der Stadt hinter sich und die Ecke der Straße erreicht, wo Kaleb mit seiner Tochter wohnte; und lange bevor sie das Haus erreichten, standen er und das blinde Mädchen auf dem Trottoir, um sie zu empfangen.

Boxer machte, nebenbei gesagt, gewisse zarte Unterscheidungen in seinem Verkehr mit Bertha, und ich bin daher vollständig überzeugt, daß er wußte, daß sie blind war. Er suchte nie ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem er sie anblickte, wie er es oft andern Leuten gegenüber tat, sondern stieß sie dann jedesmal leise an. Welche Erfahrungen er bei blinden Menschen oder blinden Hunden gesammelt haben konnte, weiß ich nicht. Er hatte nie einen blinden Herrn gehabt, auch waren, soviel mir bekannt geworden, weder Herr Boxer Vater noch Frau Boxer noch irgendein anderes Mitglied seiner ehrenwerten Familie, sei es von väterlicher, sei es von mütterlicher Seite, jemals von Blindheit heimgesucht worden. Vielleicht hatte er's selbst herausgefunden; jedenfalls verstand er sich auf den Verkehr mit Blinden, und darum hielt er auch Bertha am Rock fest, und zwar so lange, bis Mrs. Peerybingle und das Wickelkind und Tilly und der Korb samt und sonders im Hause in Sicherheit waren.

May Fielding war bereits da; ebenso ihre Mutter – eine kleine, zänkische Person, eine alte Dame mit mürrischem Gesicht – die, weil sie sich eine Taille wie ein Bettpfosten bewahrt hatte, für eine Frau von höchst vornehmen Manieren galt, und die, weil sie früher in besseren Verhältnissen gewesen oder doch an der Vorstellung litt, sie hätte in besseren Verhältnissen gewesen sein können, wenn ein gewisses Etwas sich ereignet hätte, das sich aber nie ereignete und niemals besondere Aussicht gehabt zu haben schien, sich jemals zu ereignen – was übrigens ganz dasselbe ist –, sehr vornehm und herablassend tat. Gruff und Tackleton waren ebenfalls da und spielten den Schwerenöter mit der Miene eines Menschen, der sich so vollständig zu Hause und so unbestreitbar in seinem Element fühlt, wie ein frischer, junger Lachs oben auf der großen Pyramide.

»May! Meine liebe, teure Freundin!« rief Dot, ihr entgegeneilend. »Welch ein Glück, dich wiederzusehen!«

Ihre liebe, teure Freundin war ganz ebenso entzückt und erfreut wie sie, und es war, ihr könnt mir's glauben, ein ganz reizender Anblick, wie sie sich umarmten.

Tackleton war ein Mann von Geschmack, daran ist gar nicht zu zweifeln: May war sehr schön.

Ihr wißt, wenn ihr an ein schönes Gesicht gewöhnt seid und es sich zufällig neben einem andern schönen Gesicht befindet, so scheint es bisweilen bei dem ersten Vergleich gewöhnlich und alltäglich und die hohe Meinung kaum zu verdienen, die ihr von ihm gehabt habt. Nun, das war hier gar nicht der Fall, weder bei Dot noch May; denn Mays Gesicht ließ dasjenige Dots schöner erscheinen und Dots Gesicht hob dasjenige Mays hervor, und zwar in so natürlicher und angenehmer Weise, daß, wie John Peerybingle sehr nahe daran war zu sagen, als er ins Zimmer trat, sie geborene Schwestern hätten sein können. – Und das wäre die einzige Verbesserung gewesen, die hätte ersonnen werden können.

Tackleton hatte seine Hammelkeule gebracht und außerdem noch, fast unglaublich zu sagen, eine Torte – aber wir gestatten uns schon eine kleine Verschwendung, wenn unsere Bräute mit dabei im Spiel sind: wir heiraten ja nicht alle Tage! –, und zu diesen Leckerbissen kamen die Kalbs- und Schinkenpasteten und die andern »Dingerchen«, wie Mrs. Peerybingle sie nannte, das heißt Nüsse, Orangen und Kuchen und derlei Kleinigkeiten. Als das Mahl aufgetragen war, gemeinsam mit Kalebs Beiträgen, die in einer großen Holzschüssel voll dampfender Kartoffeln bestanden – es war ihm kraft eines feierlichen Vertrags verboten, andere Lebensmittel zu liefern –, führte Tackleton seine zukünftige Schwiegermutter auf den Ehrenplatz. Um sich bei dem hohen Feste dieses Platzes würdiger zu zeigen, hatte sich die majestätische alte Seele mit einer Haube geschmückt, die darauf berechnet war, selbst die Gleichgültigsten mit Gefühlen der Ehrfurcht zu erfüllen. Auch hatte sie Handschuhe an. Sie muß vornehm sein – sonst lieber sterben!

Kaleb saß neben seiner Tochter, Dot neben ihrer alten Schulgenossin, der gute Fuhrmann nahm von dem untern Ende des Tisches Besitz. Fräulein Tolpatsch wurde zunächst von jedem Stück Möbel entfernt, ausgenommen der Stuhl, auf dem sie saß, damit sie keinen andern Gegenstand in der Nähe hätte, an den sie den Kopf des Kindes stoßen könnte.

Wie Tilly die Puppen und Spielsachen um sich her anstarrte, so starrten diese ihrerseits sie und die Gesellschaft wieder an. Die ehrwürdigen alten Herren vor den Haustüren – alle in voller Tätigkeit – zeigten ein ganz besonderes Interesse an diesem kleinen Fest; bisweilen warteten sie ein wenig, bevor sie sprangen, als wenn sie der Unterhaltung lauschten, und sprangen dann wieder, ich weiß nicht wie oft, wild darauf los, ohne sich nur Zeit zum Atemholen zu lassen – als wenn diese unaufhörlichen Bocksprünge ihnen ein unendliches Vergnügen machten.

Wirklich, wenn diese alten Herren es darauf abgesehen hatten, bei der Betrachtung von Tackletons Unbehagen eine boshafte Freude zu empfinden, so hatten sie allen Grund, zufrieden zu sein.

Tackleton konnte gar nicht in Stimmung kommen; und je heiterer seine Verlobte in Dots Gesellschaft wurde, um so weniger Freude empfand er darüber, obgleich er sie zu diesem Zweck zusammengebracht hatte. Denn er war ein neidischer, mißgünstiger Mensch, dieser Tackleton; und wenn sie lachten, ohne daß er wußte warum, so setzte er sich's sofort in den Kopf, sie lachten über ihn.

»Ach May!« sagte Dot. »Du lieber Gott, wie sich alles geändert hat! Es macht einen ordentlich wieder jung, wenn man so von den glücklichen Schultagen plaudern kann.«

»Na, so besonders alt seid ihr denn doch noch nicht, scheint mir«, sagte Tackleton.

»Seht nur, wie gesetzt und würdevoll mein Ehemann da ist«, versetzte Dot. »Er hat meinem Alter wenigstens zwanzig Jahre zugelegt. Nicht wahr, John?«

»Vierzig«, erwiderte John.

»Und wieviel Ihr Mays Alter zulegen werdet, daß weiß ich wahrhaftig nicht«, sagte Dot lachend. »Aber sie wird an ihrem nächsten Geburtstage nicht viel weniger als hundert Jahre alt sein.«

»Ha ha!« lachte Tackleton. Aber es klang hohl wie aus einer Trommel. Und dabei warf er einen Blick auf Dot, als hätte er ihr mit der größten Behaglichkeit den Hals umdrehen können.

»Du lieber Gott«, sagte Dot, »wenn ich noch daran denke, wie wir in der Schule von den Männern redeten, die wir uns wählen wollten. Ich weiß nicht mehr, wie jung und wie hübsch und wie vergnügt und wie liebenswürdig der meine sein sollte! Und was Mays Zukünftigen betraf . . .! Gott, ich weiß nicht, soll ich lachen oder weinen, wenn ich daran denke, wie albern wir als Mädchen waren.«

May schien zu wissen, was sie tun sollte; denn ihre Wangen färbten sich mit einem lebhaften Rot, und die Tränen standen ihr in den Augen.

»Und sogar auf Personen – auf wirkliche junge Männer von Fleisch und Blut – richteten wir zuweilen unsere Gedanken«, fuhr Dot fort. »Wie wenig dachten wir daran, wie sehr sich alles ändern würde. Ich hatte nicht im entferntesten an John gedacht, das ist gewiß; auch nicht im entferntesten hatte ich an ihn gedacht. Und wenn ich dir damals gesagt hätte, du würdest noch einmal Herrn Tackleton heiraten, so hättest du mir vielleicht eine Backpfeife verabreicht! Nicht wahr, May?«

Obgleich May nicht ja sagte, so sagte sie sicherlich auch nicht nein, noch deutete sie es irgendwie an.

Tackleton lachte – ja er schrie förmlich, so laut lachte er. John Peerybingle lachte ebenfalls, aber in seiner gewöhnlichen gutmütigen und zufriedenen Weise, sein Lachen war ein Flüstern im Vergleich zu dem von Tackleton.

»Und trotzdem«, sagte dieser, »habt ihr nicht anders können. Ihr konntet uns nicht widerstehen, seht ihr! Da habt ihr uns nun! Wo sind nun eure vergnügten, liebenswerten, jungen Bräutigame?«

»Einige von ihnen sind tot«, entgegnete Dot, »und andere vergessen. Wenn jetzt einer von ihnen in diesem Augenblick in unserer Mitte erschiene, er würde gar nicht glauben, daß wir dieselben Geschöpfe sind; nicht glauben, daß das, was er sähe und hörte, Wirklichkeit sei und daß wir sie so hätten vergessen können. Nein, nichts würden sie davon glauben!«

»Aber Dot!« rief der Fuhrmann. »Kleine Frau!«

Sie hatte mit solcher Lebhaftigkeit und solchem Feuer gesprochen, daß sie ohne Zweifel zu sich selbst zurückgerufen werden mußte. Die Unterbrechung ihres Mannes geschah sehr sanft, denn er mischte sich nur ein, wie er glaubte, um den alten Tackleton zu schützen; aber er erreichte seinen Zweck, denn sie schwieg und sagte kein Wort weiter. Doch lag selbst in ihrem Schweigen eine ungewöhnliche Aufregung, wie der schlaue Tackleton, der sein halb geschlossenes Auge auf sie gerichtet hielt, sehr wohl merkte, um sich bei guter Gelegenheit daran zu erinnern.

May sagte kein Wort, weder ein gutes noch ein böses, sie saß da ganz still, die Augen niedergeschlagen, und legte durch kein Zeichen irgendwelches Interesse an dem, was gesprochen worden war, an den Tag. Aber die gute Dame, ihre Mutter, mischte sich jetzt hinein, indem sie erstlich bemerkte, Mädchen seien Mädchen, und was geschehen sei, sei geschehen, und solange junge Leute jung und leichtsinnig seien, würden sie sich wahrscheinlich auch wie junge, leichtsinnige Leute betragen. Nachdem sie zweitens und drittens noch einige andere Behauptungen von nicht weniger tiefer und unumstößlicher Weisheit aufgestellt hatte, machte sie dann mit frommer Miene die Bemerkung, sie danke dem Himmel, daß sie allzeit in ihrer Tochter May ein pflichtgetreues und gehorsames Kind gefunden habe, was sie sich nicht als Verdienst anrechne, obgleich sie allen Grund habe zu glauben, daß sie es nur ganz sich selbst zu verdanken habe. Was Herrn Tackleton betreffe, so sagte sie, vom moralischen Gesichtspunkte sei er ein unleugbares Individuum und vom Gesichtspunkt einer Heirat aus ein durchaus wünschenswerter Schwiegersohn, das könne kein vernünftiger Mensch bezweifeln. (Hier wurde sie sehr empathisch.) Was die Familie angehe, in die er nach einigem Werben aufgenommen worden sei, so glaube sie, es sei Herrn Tackleton nicht unbekannt, daß dieselbe, obgleich den Reichtum betreffend ein wenig zurückgekommen, immerhin Ansprüche auf vornehmen Stand habe: und wenn gewisse Umstände, die dem Indigohandel nicht ganz fern lägen – denn sie wolle den Ursprung des Übels nur andeuten, ohne sich jedoch in die Einzelheiten der Frage einzulassen –, ganz anders gekommen wären, so hätte die Familie vielleicht ein ansehnliches Vermögen besessen.

Dann bemerkte sie, von der Vergangenheit wolle sie nicht sprechen und nicht daran erinnern, daß ihre Tochter eine Zeitlang die Anträge des Herrn Tackleton zurückgewiesen und daß sie noch eine große Anzahl anderer Dinge unberührt lassen wolle, was sie aber dennoch in aller Ausführlichkeit tat. Endlich behauptete sie als das Ergebnis ihrer Beobachtung und Erfahrung, daß diejenigen Ehen, in denen es sich am wenigsten um das handle, was man romantischer- und törichterweise Liebe nenne, stets die glücklichsten seien; und daß sie darum bei demjenigen Paar, dessen Hochzeit bevorstehe, die größtmögliche Summe von Glück voraussehe – nicht jenes verzückte Glück, sondern den soliden, gangbaren Artikel. Sie schloß damit, daß sie der Gesellschaft mitteilte, morgen sei der Tag, für den sie ausschließlich gelebt habe, und daß, wenn er vorüber, sie nichts weiter wünsche, als eingepackt und an irgendeinem netten Kirchhofsplätzchen untergebracht zu werden.

Da auf diese Bemerkungen gar nichts zu antworten war – das glückliche Vorrecht aller Bemerkungen, die sich möglichst weit von der Sache halten –, so änderte man den Lauf der Unterhaltung und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Kalbs- und Schinkenpastete, die Hammelkeule, die Kartoffeln und die Torte. Damit die Bierflaschen nicht vernachlässigt wurden, brachte John Peerybingle auf den morgigen Tag, den Hochzeitstag, einen Toast aus und forderte alle auf, ein volles Glas darauf zu leeren, bevor er seine Fahrt fortsetze.

Denn ihr müßt wissen, daß er hier nur haltgemacht hatte, um sein altes Pferd zu füttern. Er hatte noch etwa eine Stunde weit zu fahren, und wenn er abends zurückkam, so holte er Dot ab und machte noch einmal halt, bevor er heimkehrte. Dies war die Tagesordnung bei allen Picknicks, und sie war seit Einrichtung derselben immer getreulich beobachtet worden.

Es waren außer Braut und Bräutigam noch zwei Personen zugegen, die dem Trinkspruch kaum Ehre erwiesen. Die eine war Dot, die zu sehr erregt und beunruhigt war, um an den kleinen Zwischenfällen des Festes teilzunehmen, die andere Bertha, die hastig vor den andern aufstand und den Tisch verließ.

»Auf Wiedersehen!« sagte der robuste John Peerybingle, seinen allem trotzenden Flausrock anziehend. »Zur gewöhnlichen Zeit werde ich wieder hier sein. Laßt es euch allen inzwischen gut gehen!«

»Auf Wiedersehen, John!« antwortete Kaleb.

Er sagte das mechanisch, und auch mit der Hand winkte er nur gleichsam unbewußt; denn er beobachtete Bertha mit einem ängstlich staunenden Gesicht, das seinen Ausdruck kaum änderte.

»Adieu, kleines Bürschchen!« sagte der lustige Fuhrmann, indem er sich herabneigte, um das Kind zu küssen, das Tilly, jetzt ausschließlich mit Messer und Gabel beschäftigt, schlafend – und ausnahmsweise ohne Schaden! – in ein kleines, von Bertha möbliertes Häuschen gelegt hatte. »Adieu! Hoffentlich kommt einmal die Zeit, wo du, mein kleiner Freund, hinausziehst in Wind und Wetter, um deinen alten Vater hinter dem Ofen seine Pfeife rauchen und seinen Rheumatismus pflegen zu lassen, he? Wo ist Dot?«

»Hier bin ich, John!« sagte sie, indem sie erschrak.

»Weiter, weiter!« erwiderte der Fuhrmann, indem er kräftig in die Hände schlug. »Wo ist die Pfeife?«

»Die Pfeife habe ich ganz vergessen, John.«

»Die Pfeife vergessen! Hat man je so etwas erlebt! Sieh! Dot! die Pfeife vergessen!«

»Ich . . . ich will sie gleich stopfen. Es ist bald geschehen.«

Es war jedoch nicht so bald geschehen. Sie war an ihrem gewöhnlichen Platze – in des Fuhrmanns Flausrocktasche – neben dem kleinen Tabaksbeutel, einem Werk ihrer Hände, aus dem sie die Pfeife zu stopfen pflegte; aber ihre Hand zitterte so sehr, daß sie nicht hineinkommen konnte (und doch war diese Hand wahrhaftig klein genug, um ohne Mühe herauszukommen), und so stümperte sie bei ihrer Arbeit. Das Stopfen und Anzünden, kurz all die kleinen Dienste, die sie meiner Meinung nach, wie ihr euch erinnern werdet, so vorzüglich verstand, wurden miserabel ausgeführt von Anfang bis zu Ende. Während des ganzen Verfahrens sah Tackleton sie mit dem halbgeschlossenen Auge boshaft an, und dies, wenn es den ihren begegnete – oder es auffing; denn man kann schwerlich sagen, daß es je einem andern Auge begegnete, war es doch vielmehr eine Art Falle, worin andere sich fingen – so vermehrte das ihre Verwirrung in durchaus merkwürdiger Weise.

»Na, was für eine ungeschickte Dot du heute nachmittag bist!« sagte John. »Ich glaube wahrhaftig, ich selber hätt' es besser gemacht!«

Mit diesen gutmütigen Worten schritt er von dannen, und man hörte ihn bald in Gemeinschaft mit Boxer und dem alten Pferd und dem Wagen eine fröhliche Musik die Straße hinunter machen.

Und inzwischen beobachtete Kaleb noch immer seine blinde Tochter mit demselben gedankenvollen Ausdruck in seinem Gesicht.

»Bertha«, sagte er sanft. »Was ist geschehen? Wie hast du dich, mein gutes Kind, in ein paar Stunden – seit heute früh – verändert! Den ganzen Tag bist du traurig und still gewesen! Was fehlt dir? Sage es mir!«

»O Vater, Vater!« rief das blinde Mädchen, in Tränen ausbrechend. »O mein hartes, grausames Schicksal!«

Kaleb fuhr sich mit der Hand über die Augen, bevor er antwortete.

»Aber denke doch daran, Bertha, wie fröhlich und glücklich du immer gewesen bist! Wie gut und wie geliebt von so vielen Menschen!«

»Das eben kränkt mich bis in das Herz, lieber Vater! Immer so aufmerksam, immer so freundlich gegen mich!«

Kaleb war viel zu verwirrt, um sie zu verstehen.

»Blind . . . blind zu sein, Bertha, mein armes, liebes Kind«, stotterte er, »ist gewiß ein großer Schmerz; indes . . .«

»Ich habe das nie empfunden!« rief das blinde Mädchen. »Ich habe das nie empfunden, wenigstens nicht in seiner ganzen Schwere. Nie! Bisweilen habe ich gewünscht, ich könnte dich sehen, oder ihn – nur ein einziges Mal, Vater, nur einen einzigen kleinen Augenblick – damit ich wüßte, was es sei, was ich hier«, – sie legte die Hand auf die Brust – »was ich hier als mein köstlichstes Gut bewahre, damit ich wüßte, ob ich mich auch nicht geirrt habe! Und manchmal (aber da war ich noch ein Kind) hab' ich abends bei meinen Gebeten geweint, wenn ich dachte, daß eure Bilder, wie sie aus meinem Herzen zum Himmel stiegen, keine genaue Ähnlichkeit mit euch haben möchten. Aber ich habe diese Gefühle nicht lange gehabt. Sie sind verschwunden, und ich war wieder ruhig und zufrieden.«

»Und sie werden auch jetzt wieder verschwinden«, sagte Kaleb.

»Aber Vater! O guter, liebster Vater, habe Geduld mit mir, wenn ich schlecht bin!« sagte das blinde Mädchen. »Das ist der Kummer nicht, der mich so niederdrückt!«

Ihr Vater konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, die ihm in die Augen gestiegen waren, in so bewegtem und traurigem Tone sprach sie. Indes verstand er sie noch nicht.

»Bringe sie zu mir«, sagte Bertha. »Ich kann es nicht in meiner Brust verschließen. Hole sie mir, Vater.«

Sie merkte, daß er zauderte, und setzte hinzu:

»May. Hole mir May!«

May hörte ihren Namen nennen, trat still an sie heran und berührte ihren Arm. Das blinde Mädchen wandte sich sofort um und ergriff ihre beiden Hände.

»Schau mir ins Gesicht, liebste, beste Freundin!« sagte Bertha; »lies darin mit deinen schönen Augen und sage mir, ob die Wahrheit darin geschrieben steht.«

»Liebe Bertha, ja!«

Das blinde Mädchen, ihr lichtloses Antlitz emporhebend, über das die Tränen flossen, sagte folgendes zu ihr:

»Kein Wunsch oder Gedanke ist in meiner Seele, der nicht auch deinem Glück gälte, schöne May! Keine dankbare Erinnerung ist tiefer in meine Seele eingegraben als die zahlreichen Beweise von Freundlichkeit, die du, die du stolz sein konntest auf deine hellblickenden Augen und auf deine Schönheit, der armen, blinden Bertha geschenkt hast, selbst damals, als wir beide noch Kinder waren – wenn es für ein blindes Kind überhaupt eine Kindheit geben kann! Alles Glück auf dein Haupt! Möge dein Lebensweg hell und glücklich sein! Und darum nicht weniger, liebe Freundin« – und sie schmiegte sich noch enger an sie und drückte noch fester ihre Hände – »und darum nicht weniger, liebe May, weil die heutige Nachricht, du solltest seine Frau werden, mir fast das Herz gebrochen hat! Vater, May, liebe May, o verzeiht mir, daß es so ist, um alles dessen willen, was er getan hat, um mir das Los meines finstern Lebens zu erleichtern, und um des Vertrauens willen, das er zu mir hat, wenn ich den Himmel zum Zeugen anrufe, daß ich ihm kein Weib wünschen könnte, das seiner Herzensgüte würdiger wäre!«

Während sie sprach, hatte sie May Fieldings Hände losgelassen, um ihre Kleider zu umfassen, in einer halb bittenden, halb zärtlichen Stellung, bis sie, immer tiefer herabgleitend, je weiter sie kam in ihrer seltsamen Beichte, sich endlich zu den Füßen ihrer Freundin niederließ und ihr blindes Antlitz in den Falten ihres Kleides verbarg.

»Großer Gott!« rief ihr Vater, dem plötzlich wie ein Blitz die Wahrheit aufleuchtete, »habe ich sie darum von der Wiege an getäuscht, um ihr schließlich das Herz zu brechen!«

Es war ein Glück für alle, daß Dot, diese strahlende, nützliche, geschäftige, kleine Dot – denn das alles war sie, trotz all' ihrer Fehler, von denen ihr bald genug lernen werdet, sie zu verachten – es war ein Glück für alle, sag' ich, daß sie da war, sonst wäre schwer zu sagen, wie das geendet hätte. Aber Dot, die ihre Geistesgegenwart wiedergewonnen hatte, fiel hier ein, ehe May antworten oder Kaleb noch sonst etwas sagen konnte.

»Komm, komm, liebe Bertha! Komm mit mir! Reich ihr den Arm, May. So! Seht, wie sie sich schon wieder beruhigt hat und wie brav es von ihr ist, zu tun, was wir sagen«, sagte die fröhliche, kleine Frau und küßte sie auf die Stirn. »Komm mit, komm, liebe Bertha! Und ihr guter Vater hier kommt auch mit, nicht wahr, Kaleb? Natürlich!«

Ja, ja, sie war eine herrliche, kleine Dot bei solchen Gelegenheiten, diese Dot, und es hätte schon eine sehr verstockte Natur dazu gehört, ihrem Einfluß zu widerstehen. Als sie den armen Kaleb und seine Bertha hinausgebracht, damit sie einander trösten und ermutigen könnten – sie wußte ja, daß sie dazu nur allein imstande waren! –, eilte sie sofort mit einem Sprunge zurück, frisch wie eine Maiblume, pflegt man zu sagen, ich aber sage: noch weit frischer, um bei dieser vornehmen Person in Mütze und Handschuhen Wache zu halten und zu verhüten, daß das liebe, alte Geschöpf unangenehme Entdeckungen mache.

»Nun bring' mir den köstlichen Jungen, Tilly«, sagte sie, indem sie einen Stuhl ans Feuer zog, »und während ich ihn auf dem Schoß habe, wird Mrs. Fielding hier mir sagen, wie man solche Wickelkinder behandeln muß und mir in zwanzig Dingen, worin ich so ungeschickt wie möglich bin, Rat erteilen. Nicht wahr, Mrs. Fielding?«

Nicht einmal der Walliser Riese, der der volkstümlichen Sage zufolge so schwer von Begriffen war, eine verhängnisvolle chirurgische Operation an seinem eigenen Körper vorzunehmen, um den Streich, den sein Erzfeind beim Frühstück ihm vorgeschwindelt, nachzuahmen, – nicht einmal der fiel halb so schnell in die ihm gelegte Falle, wie die alte Dame in diese kunstvolle Grube. Die Tatsache, daß Tackleton fortgegangen und daß ferner zwei oder drei Personen in einiger Entfernung von ihr miteinander geflüstert und sie sich selbst überlassen hatten, hätte vollständig genügt, sie an ihre verletzte Würde zu erinnern und sie vierundzwanzig Stunden lang den Ausdruck ihres Bedauerns über jene geheimnisvolle Wendung in dem Indigohandel erneuern zu lassen. Aber ein so tiefer Respekt vor ihrer Erfahrung seitens der jungen Mutter war so unwiderstehlich, daß sie, nachdem sie einiges, bescheidene Sträuben vorgetäuscht hatte, anfing, sie mit der gnädigsten Miene von der Welt zu belehren, und, sich aufrecht vor die boshafte kleine Dot setzend, gab sie in einer halben Stunde mehr unfehlbare Hausrezepte und Ratschläge, als nötig gewesen wären, um den jungen Peerybingle in eine andere Welt zu befördern, und wäre er auch ein Simson in der Wiege gewesen.

Um ein wenig abzulenken, nahm Dot ihr Nähzeug zur Hand – wie sie es anfing, weiß ich nicht, aber sie trug immer den Inhalt eines ganzen Arbeitsbeutels in ihrer Tasche –; dann stillte sie ein wenig das Kind; darauf nahm sie wieder ein Weilchen ihre Arbeit zur Hand, worauf sie, während die alte Dame schlummerte, ein kleines Flüsterduett mit May begann. Und so brachte sie, stets in geschäftiger Rührigkeit, wie das so ihre Art war, sehr rasch den Nachmittag hin. Und als es dann dunkel wurde, schürte sie – da es eine der feierlichen Vereinbarungen dieser Picknickeinrichtung war, daß sie an diesem Tage Berthas Haushalt besorge – das Feuer, fegte den Herd, deckte den Teetisch, zog die Vorhänge zusammen und steckte Licht an. Dann spielte sie ein paar Lieder auf einer Art Harfe, die Kaleb für seine Tochter fabriziert hatte; und sie spielte sehr hübsch, denn die Natur hatte ihr zartes, kleines Ohr ebenso vollkommen für Musik ausgebildet, wie für Juwelen, wenn sie welche zu tragen gehabt hätte. Da jetzt die für den Tee angesetzte Zeit gekommen war, erschien auch Tackleton wieder, um an dem Mal teilzunehmen und sich des Abends zu erfreuen.

Kaleb und Bertha waren seit einiger Zeit zurückgekehrt, und Kaleb hatte die unterbrochene Nachmittagsarbeit wieder aufgenommen. Aber er konnte nichts zuwege bringen, der arme Teufel, so voll Angst war er und solche Gewissensbisse empfand er wegen seiner Tochter. Es war rührend, ihn müßig auf seinem Arbeitsschemel sitzen zu sehen, indem er traurig die Blicke auf sie gerichtet hatte und in einem fort für sich hinsagte:

»Habe ich sie denn nur darum von der Wiege an getäuscht, um ihr schließlich das Herz zu brechen?«

Als es ganz dunkel wurde und der Tee eingenommen war und Dot nichts mehr an den Tassen zu waschen hatte, mit einem Wort – denn ich muß es geradeheraus sagen, und es hat keinen Sinn, es hinauszuschieben –, als die Zeit nahte, wo jedes ferne Wagengerassel ihnen ankündete, daß sie die nahe Ankunft des Fuhrmanns zu erwarten hätten, veränderte sich abermals Dots ganzes Wesen. Sie wurde bald rot, bald blaß und war vollständig rastlos. Nicht so, wie gute Frauen sind, wenn sie ihre Männer erwarten. Nein, nein, nein! Es war eine ganz andere Art von Unruhe.

Wagengerassel. Hufklappern. Hundegebell. Allmähliches Näherkommen all dieser Töne. Boxers scharrende Pfote an der Tür!

»Wessen Tritt ist das!« rief Bertha auffahrend.

»Wessen Tritt?« versetzte der Fuhrmann, auf der Schwelle erscheinend, das braune Gesicht von der scharfen Nachtluft gerötet wie eine Winterbeere. »Na, meiner!«

»Der andere Tritt?« sagte Bertha. »Der Männertritt hinter Euch?«

»Sie ist gar nicht zu täuschen«, bemerkte der Fuhrmann lachend. »Spaziert nur herein, Herr. Ihr werdet willkommen sein; seid ohne Sorgen!«

Er sprach das in lautem Ton, und während er sprach, trat der alte, taube Herr ins Zimmer.

»Er ist Euch nicht ganz fremd, Kaleb; Ihr habt ihn schon mal gesehen«, sagte der Fuhrmann. »Wollt Ihr ihm Obdach geben, bis wir gehen?«

»O gewiß, John, ich rechne mir's zur Ehre.«

»Er ist übrigens der beste Gesellschafter, den man sich nur wünschen kann, wenn man sich Geheimnisse zu erzählen hat«, sagte John. »Ich habe anständig gute Lungen, aber er stellt sie auf die Probe, das kann ich Euch versichern. Setzt Euch, Herr. Lauter gute Freunde hier, die sich freuen, Euch zu sehen.«

Nachdem er dem Fremden diese Versicherung mit einer Stimme gegeben, die vollkommen bestätigte, was er von seinen Lungen gesagt, setzte er in seinem natürlichen Tone hinzu:

»Ein Stuhl in der Kaminecke und die Erlaubnis, ganz still dazusitzen und sich vergnügt umzusehen, das ist alles, was er verlangt. Es ist leicht, ihn zufriedenzustellen.«

Bertha hatte aufmerksam zugehört. Sie rief Kaleb zu sich, als er den Stuhl hingestellt hatte, und bat ihn leise, ihr den Fremden zu beschreiben. Als er das getan – und diesmal ganz wahrheitsgemäß, mit gewissenhafter Treue – machte sie eine Bewegung, das erstemal, seit er eingetreten war, seufzte und schien ferner kein Interesse mehr für ihn zu haben.

Der Fuhrmann war in sehr fideler Stimmung, der gute Gesell, und verliebter in seine kleine Frau als je.

»War das aber eine ungeschickte Dot heute nachmittag!« sagte er, indem er seinen starken Arm um sie legte, während sie von den anderen Gästen etwas abseits stand, »und doch hab ich sie gern. Schau mal dorthin, Dot!«

Er zeigte auf den alten Mann. Sie senkte die Augen. Ich glaube sogar, sie zitterte.

»Er ist . . . hahaha! . . . ist voller Bewunderung für dich!« sagte der Fuhrmann. »Plauderte von nichts anderem, den ganzen Weg entlang. Na, er ist ein braver alter Bursche. Das gefällt mir an ihm!«

»Ich wollte, er hätte sich einen bessern Gegenstand gewählt, John«, sagte sie, einen beunruhigten Blick im Zimmer umherwerfend; er war besonders nach Tackletons Seite gerichtet.

»Einen bessern Gegenstand!« rief John vergnügt. »Den gibt's gar nicht. Nun, weg mit dem Überzieher, fort mit dem Tuche, fort mit den schweren Gamaschen und dann ein gemütliches halbes Stündchen am Feuer! Gehorsamer Diener, Madam. Wollen wir beide eine Partie Piquet machen? Ich stehe zu Diensten. Dot, die Karten und das Brett. Und auch ein Glas Bier, wenn noch was da ist, kleine Frau!«

Seine Aufforderung war an die alte Dame gerichtet, und da sie mit gnädiger Bereitwilligkeit annahm, waren sie bald in das Spiel vertieft. Anfangs blickte der Fuhrmann bisweilen mit einem Lächeln um sich, oder rief von Zeit zu Zeit Dot herbei, daß sie ihm in schwierigen Fällen rate. Da jedoch seine Gegnerin sehr streng auf Disziplin hielt und zudem der Schwäche unterworfen war, gelegentlich mehr zu markieren als sie berechtigt war, so mußte er seinerseits so scharf aufpassen, daß ihm für etwas anderes weder Auge noch Ohr blieb. Allmählich nahmen die Karten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er dachte an nichts weiter, bis eine Hand auf seiner Schulter ihn daran erinnerte, daß ein Tackleton auf der Welt war.

»Bedaure Euch stören zu müssen – nur auf ein Wort, aber gleich.«

»Ich bin gerade am Geben«, versetzte der Fuhrmann. »Der Augenblick ist kritisch.«

»Das ist er«, sagte Tackleton. »Kommt mal her, mein Lieber!«

Es lag ein Ausdruck in seinem bleichen Gesicht, der den andern veranlaßte, sofort aufzustehen und ihn hastig zu fragen, was los wäre.

»Pst! John Peerybingle!« sagte Tackleton. »Es tut mir leid. Wahrhaftig. Ich hab's befürchtet. Ich hab' ihn gleich vom ersten Augenblick an im Verdacht gehabt.«

»Was ist denn los?« fragte der Fuhrmann mit erschrecktem Gesicht.

»Pst! Das will ich Euch zeigen, wenn Ihr mit mir kommen wollt.«

Der Fuhrmann begleitete ihn, ohne noch ein Wort zu sagen. Sie gingen über einen Hof, wo die Sterne schienen, und traten durch eine kleine Hintertür in Tackletons Bureau, von wo man durch eine Glastür, die des Nachts geschlossen war, in den Laden sehen konnte. Im Bureau war kein Licht, aber es brannten Lampen in dem langen schmalen Warenlager, so daß das Fenster erleuchtet war.

»Einen Augenblick!« sagte Tackleton. »Könnt Ihr durch das Fenster blicken? Glaubt Ihr, Ihr könntet's?«

»Warum nicht?« versetzte der Fuhrmann.

»Noch einen Augenblick«, sagte Tackleton. »Begeht keine Gewalttat. Würde nichts nützen. Ist zudem gefährlich. Ihr seid ein kräftiger Mann und könntet einen Mord begehen, bevor Ihr es selbst wißt.«

Der Fuhrmann sah ihn ins Gesicht und wich einen Schritt zurück, als hätte er einen Schlag bekommen. Mit einem Sprung war er an der Glastür und sah . . . O welch ein Schatten auf dem Herde! O treues Heimchen! O treuloses Weib!

Er sah sie mit dem alten Mann – was sag' ich: alt! Keineswegs! Jung und gerade und schön war er, in der Hand die falschen weißen Haare haltend, die ihm Zugang verschafft zu ihrem fortan einsamen und traurigen Herd. Er sah, wie sie ihm lauschte, während er sich zu ihr herabneigte, um ihr ins Ohr zu flüstern; wie sie ihn seine Hand um ihre Taille legen ließ, während sie langsam die dunkle Holzgalerie auf die Tür zugingen, durch die sie eingetreten waren. Er sah sie stehenbleiben, er sah seine Frau sich umwenden – oh, dieses Gesicht sich so gegenüber zu sehen, dieses Gesicht, das er so sehr liebte! . . . Und er sah sie mit ihren eigenen Händen ihm die täuschende Perücke auf dem Kopfe zurechtrücken . . . und sie lachte, während sie dies tat, lachte ohne Zweifel über die vertrauensvolle, leichtgläubige Natur ihres Mannes!

Anfangs ballte er seine starke Rechte, als wolle er einen Löwen niederschlagen. Aber er öffnete sie sofort wieder und hielt sie vor Tackletons Augen – denn er liebte sie noch, liebte sie selbst noch in diesem Augenblick; und dann, als sie verschwunden waren, sank er auf ein Pult nieder und weinte wie ein kleines Kind . . .

Er war schon bis ans Kinn eingehüllt und mit dem Pferde und den Paketen beschäftigt, als Dot wieder in das Zimmer trat, um sich zur Heimfahrt zu rüsten.

»Nun vorwärts, lieber John! . . . Gute Nacht, May! Gute Nacht, Bertha!«

Hatte sie noch das Herz, sie zu küssen? Konnte sie beim Abschied noch vergnügt und guter Laune sein? Hatte sie noch die Stirn, ihnen ohne Erröten ins Gesicht zu sehen? Ja, Tackleton beobachtete sie genau – und zu alledem hatte sie den Mut.

Tilly summte das Kindchen in Schlaf, und sie ging immer wieder am Tackleton vorüber, wohl ein dutzendmal, und wiederholte schläfrig:

»Hat denn, daß sie sein Weibchen soll werden, fast ihr gebrochen das Herzchen entzwei? Und hat Väterchen vom Wiegelchen an sie getäuscht, um endlich ihr Herzchen zu brechen?«

»Nun, Tilly, gib mir das Kind. Gute Nacht, Mr. Tackleton. Wo ist John? Gott, wo ist er denn?«

»Er will zu Fuß gehen, vorn neben dem Pferde her«, sagte Tackleton, der ihr auf den Wagen half.

»Aber lieber John, zu Fuß gehen? Bei Nacht!«

Die vermummte Gestalt ihres Mannes machte ein hastiges Zeichen der Bejahung; und als auch der verräterische Fremde und die kleine Wärterin ihre Plätze eingenommen hatten, setzte sich das alte Pferd in Trab, der nichtsahnende Boxer lief voraus, lief wieder zurück, lief immer von neuem um den Wagen und bellte dabei so triumphierend und lustig wie immer.

Als auch Tackleton sich entfernt hatte, um May und ihre Mutter nach Hause zu begleiten, setzte sich der arme Kaleb neben seine Tochter ans Feuer, das Herz zerrissen von Angst und Gewissensbissen, und in einem fort, während er sie traurig ansah flüsterte er vor sich hin:

»Hab' ich sie denn nur darum von der Wiege an getäuscht, um ihr am Ende das Herz zu brechen!«

Die Spielsachen, die man, um das Kindchen zu amüsieren, in Bewegung gesetzt hatte, waren alle längst stehengeblieben und abgelaufen. In dem Dämmerlicht und der Stille machten die Puppen mit ihrer unerschütterlichen Ruhe; die vorhin so wilden Schaukelpferde mit den weit geöffneten Augen und Nüstern; die alten Herren, die, auf ihren Knien und Schenkeln halb zusammengeklappt, an den Straßentüren standen; die Nußknacker mit ihren Grimassen; ja sogar die Tiere, die paarweise in die Arche spazierten, wie wenn eine Pension spazieren geführt wird – sie alle machten ein Gesicht, als wären sie mit phantastischer Unbeweglichkeit geschlagen worden, als sie das doppelte Wunder einer treulosen Dot und eines geliebten Tackleton, unter welchem Zusammentreffen von Umständen auch immer, sahen.


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