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Weihnachtserzählungen

Charles Dickens: Weihnachtserzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleWeihnachtserzählungen
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
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Viertes Viertel.

Eine abermalige Erinnerung an die gespenstischen Gestalten in den Glocken; ein abermaliges unbestimmtes Empfinden von dem Läuten der Glocken; ein schwindelndes Bewußtsein, daß er den Schwarm der Phantome sich immer und immer erneuern gesehen hatte, bis die Vorstellungskraft derselben sich in dem Gewirr ihrer Anzahl verlor; eine unbestimmte Erkenntnis, obgleich er nicht wußte, wie er dazu gekommen war, daß mehrere Jahre verflossen waren, und Trotty stand, von dem Geiste des Kindes begleitet, wiederum vor menschlicher Gesellschaft.

Eine wohlbeleibte, rotwangige, behagliche Gesellschaft! Es waren nur zwei, aber sie waren rot genug für zehn. Sie saßen vor einem hellen Feuer, zwischen sich einen kleinen, niedrigen Tisch, und wenn nicht der Duft von heißem Tee und geröstetem Brot länger in diesem Gemache anhielt, als in den meisten anderen, dann mußte der Tisch vor nicht gar langer Zeit benutzt worden sein. Da aber alle Ober- und Untertassen sauber waren und an ihrem Platze auf dem Bord standen, und da die kupferne Röstgabel in ihrem Winkel hing und ihre vier trägen Finger ausstreckte, als wollte sie sich Maß zu einem Handschuh nehmen, so blieben keine anderen sichtbaren Zeichen von dem eben beendigten Mahl übrig, als solche, welche in der Gestalt der sich wärmenden Katze schnurrten und sich den Bart strichen und die in den rundlichen, um nicht zu sagen speckigen Gesichtern ihrer Herrschaft glänzten.

Dieses behäbige Paar, offenbar ein Ehepaar, hatte sich redlich in das Feuer geteilt und blickte nach den sprühenden Funken, welche in den Rost hinabfielen, bald in halbem Schlummer nickend, bald wieder erwachend, wenn eine heiße Kohle, größer als die anderen, prasselnd hinabfiel, als wenn das Feuer mitkommen wollte.

Es lag indes keine Gefahr vor, daß es schnell verlöschen würde. Denn es glimmte nicht nur in dem kleinen Zimmer und auf den Glasfenstern in der Tür, sowie auf den halb darüber gezogenen Vorhängen, sondern auch in dem kleinen Laden daneben. Ein kleiner Laden, ganz angefüllt und bis zum Ersticken voll von seinen Vorräten, ein förmlich gefräßiger kleiner Laden mit einem Magen so geräumig und voll wie ein Haifischmagen: Käse, Butter, Feuerholz, Seife, Pökelfleisch, Schwefelhölzer, Speck, Bier, Konserven, Kinderdrachen, Vogelfutter, roher Schinken, Birkenbesen, Feuersteine, Salz, Weinessig, Schuhwichse, Pökelheringe, Schreibmaterialien, Champignonsauce, Schnürbänder, Brote, Federbälle, Eier und Griffel – alles galt als Fisch, was in das Netz dieses gierigen kleinen Ladens kam, und alle diese Artikel waren in seinem Netze. Wie viele andere Arten von Kleinwaren sich darin befanden, würde sich schwer sagen lassen, doch Knäuel von Bindfaden, Reihen von Zwiebeln, Lichte in Pfunden, Krautnetze und Bürsten hingen bündelweise an der Decke, wie seltene Früchte, während verschiedene seltsame Kruken, denen aromatische Düfte entströmten, die Wahrhaftigkeit der Inschrift über der Außentür bestätigen, die dem Publikum ankündigte, daß der Inhaber dieses kleinen Ladens ein privilegierter Tee-, Kaffee-, Tabak-, Pfeffer- und Schnupftabakhändler sei.

Indem Trotty nach denjenigen Artikeln blickte, welche bei dem Schein des Feuers und dem minder glorreichen Strahl von zwei räuchrigen Lampen, die ziemlich trübe in dem Laden brannten, als wenn ihnen ihre Vollblütigkeit schwer auf der Lunge läge, sichtbar waren, und indem er dann nach einem der zwei Gesichter am Feuer sah, wurde es ihm nicht schwer, in der wohlbeleibten Matrone Mrs. Chickenstalker zu erkennen, die immer zur Beleibtheit hingeneigt hatte, schon in den Tagen, als sie eine kleine Rechnung, die ihn anging, im Buche hatte.

Die Züge ihres Gesellschafters waren ihm nicht so bekannt. Das große, breite Kinn mit Falten, die breit genug waren, um einen Finger hineinzulegen, die glotzenden Augen, die mit sich selber zu zanken schienen, so daß sie immer tiefer und tiefer in das Fett des schwammigen Gesichts versanken, die Nase, die mit einer Störung in ihren Funktionen belastet war, die man gewöhnlich Verstopfung nennt, der kurze, dicke Hals und die keuchende Brust nebst anderen Schönheiten ähnlicher Art, obgleich sie ganz geeignet waren, sich dem Gedächtnisse einzuprägen, konnte Trotty zuerst niemandem zuschreiben, den er in gewisser Weise gekannt, und dennoch erinnerte er sich auch ihrer in gewisser Weise. Endlich erkannte er in Mrs. Chickenstalkers Gesellschafter im allgemeinen und auf der krummen, exzentrischen Bahn des Lebens den früheren Portier von Sir Joseph Bowley, eine schlagflüssige, einfältige Persönlichkeit, die sich seit Jahren in Trottys Seele mit Mrs. Chickenstalker vermählt hatte, weil sie ihm Zutritt zu dem Hause gegeben, wo er seine Verbindlichkeiten gegen diese Dame bekannt und so schwere Vorwürfe auf sein unglückliches Haupt geladen hatte.

Trotty nahm sehr wenig Interesse an einer Veränderung wie diese nach all den Veränderungen, die er mit angesehen hatte. Doch die Ideenverbindung ist bisweilen sehr stark, und er blickte unwillkürlich hinter die Tür, wo die Schulden der Kunden in Kreide prangten. Sein Name war nicht verzeichnet. Es standen einige Namen da, doch waren sie ihm fremd, und es waren unendlich viel weniger, als in früheren Zeiten, woraus er schloß, daß der Portier ein Liebhaber der baren Geldgeschäfte war und daß er, als er in das Geschäft kam, den Schuldnern der Mrs. Chickenstalker ziemlich stark zugesetzt hatte.

Trotty war so verzweifelt und gebrochen über die zerstörte Jugend und die unerfüllten Verheißungen seines Kindes, daß es ihm sogar Kummer einflößte, nicht mehr in Mrs. Chickenstalkers Schuldbuch zu stehen.

»Was für eine Nacht ist's draußen, Anne«, fragte der frühere Portier des Sir Joseph Bowley, indem er seine Beine vor dem Feuer ausstreckte und dieselben so weit rieb, als er mit seinen kurzen Armen erreichen konnte, mit einer Miene, die gleichsam hinzufügte: »Hier bin ich, wenn's draußen schlecht ist, und ich brauche nicht hinauszugehen, wenn es gutes Wetter gibt.«

»Es weht ein starker Wind und es graupelt«, entgegnete seine Frau, »und der Himmel droht mit Schnee. Dunkel und sehr kalt.«

»Ich freue mich, daß wir geröstetes Brot gehabt haben«, sagte der frühere Portier in dem Ton eines Mannes, der sein Gewissen in Ruhestand versetzt hat. »Das ist eine Nacht, die gleichsam zu geröstetem Brot geschaffen ist, auch zu süßem Kuchen und zu Pfannkuchen.« Der Portier nannte jedes Essen, als wenn er seine guten Handlungen aufzählte. Darauf rieb er sich seine fetten Beine wie zuvor und, sie in den Knien drehend, um das Feuer an die noch ungewärmten Teile kommen zu lassen, lachte er, als ob ihn jemand gekitzelt hätte.

»Du bist ja in sehr guter Laune, mein lieber Tugby«, bemerkte seine Frau.

Die Firma lautete: »Tugby vormals Chickenstalker«.

»Nein«, sagte Tugby, »nein, nicht besonders. Ich bin ein wenig zufrieden. Der Buttertoast war so schön.« Dabei lachte er, bis er blauschwarz im Gesicht wurde, und hatte so heftig zu arbeiten, um eine andere Farbe zu bekommen, daß seine fetten Beine die seltsamsten Verdrehungen in der Luft machten. Auch war er nicht eher wieder gleichsam in Ordnung zu bringen, als bis Mrs. Tugby ihn heftig auf den Rücken geklopft und geschüttelt hatte, als ob er eine große Flasche wäre.

»Ei du lieber Himmel, meine große Güte, über den Mann!« sagte Mrs. Tugby in großem Schrecken. »Was macht er nur?«

Mr. Tugby wischte sich die Augen und wiederholte mit schwacher Stimme, daß er sich ein wenig zufrieden gefühlt habe.

»Dann fühle dich nicht wieder so, gute liebe Seele«, sagte Mrs. Tugby, »wenn du mich nicht mit deinen Verdrehungen und krampfhaften Bewegungen zu Tode erschrecken willst.«

Mr. Tugby sagte, er wolle es nicht wieder tun. Doch sein ganzes Leben war ein Kampf, bei welchem er, wenn man aus der beständig zunehmenden Kürze seines Atems und der immer tiefern Röte seines Gesichts schließen durfte, stets den kürzeren ziehen mußte.

»Der Wind stürmt da draußen, und es graupelt, und der Himmel droht mit Schnee, und es ist dunkel und sehr kalt. Nicht wahr, meine Liebe?« sagte Mr. Tugby, indem er nach dem Feuer sah und wieder an die eigentliche Veranlassung seiner gegenwärtigen Zufriedenheit dachte.

»Ja, böses Wetter!« entgegnete seine Frau, den Kopf schüttelnd.

»Ja, ja«, sagte Mr. Tugby, »die Jahre sind wie die Christen in dieser Hinsicht: Manche sterben schwer, andere sterben leicht. Dies hat nicht mehr viele Tage zu laufen und kämpft hart darum. Es gefällt mir deswegen um so besser. Es ist eine Kundin da, meine Liebe.«

Als Mrs. Tugby die Tür knarren hörte, war sie bereits aufgestanden.

»Was wünschen Sie?« sagte die Frau, in den kleinen Laden tretend. »O, ich bitte um Verzeihung, Sir, ich wußte nicht, daß Sie es waren.«

Sie entschuldigte sich auf diese Weise einem Herrn gegenüber, der, in schwarzer Kleidung, mit dem nachlässig auf eine Seite geschobenen Hut und die Hände in beiden Taschen, sich quer über das Bierfaß setzte und zur Erwiderung nickte.

»Es steht schlecht oben, Mrs. Tugby«, sagte der Gentleman. »Der Mann kann nicht leben bleiben.«

»Wie, der Dachstübler?« sagte Tugby, indem er heraus in den Laden kam, um an der Konferenz teilzunehmen.

»Mit dem Dachstübler, Mr. Tugby«, entgegnete der Gentleman, »geht's schnell bergab, und er wird sehr bald unter der Erde sein.«

Abwechselnd Tugby und seine Frau ansehend, untersuchte er mit den Knöcheln, wie hoch das Faß noch gefüllt war, und als er dies ausfindig gemacht hatte, trommelte er einen Marsch auf dem leeren Teil.

»Der Dachstübler, Mr. Tugby«, sagte der Gentleman, nachdem Tugby einige Zeit in stummer Bestürzung dagestanden hatte, »geht den Weg alles Fleisches.«

»Ich glaube nicht, daß Sie ihn fortschaffen können«, sagte der Gentleman kopfschüttelnd. »Ich selbst könnte die Verantwortlichkeit nicht übernehmen und sagen, daß es geschehen dürfte. Sie lassen ihn besser, wo er ist. Er kann's nicht mehr lange machen.«

»Dies ist der einzige Gegenstand«, sagte Tugby und warf die Butterwage krachend auf den Ladentisch, weil er seine Faust darin wiegen wollte, »über den wir uns jemals gezankt haben, sie und ich; und was kommt nun dabei heraus? Er wird hier sterben, sterben auf unserm Grund und Boden, sterben in unserm Hause!«

»Und wo hätte er sonst sterben sollen, Tugby?« sagte seine Frau.

»Im Armenhause«, entgegnete er. »Zu welchem Zwecke sind die Armenhäuser da?«

»Dazu nicht«, versetzte Mrs. Tugby mit großer Energie. »Dazu nicht. Deshalb hab' ich dich auch nicht geheiratet. Das denke ja nicht. Eher würd' ich mich scheiden lassen und niemals dein Gesicht wiedersehen. Als noch mein Witwenname über dieser Tür stand, wie das viele, viele Jahre der Fall gewesen ist, war das Haus der Mrs. Chickenstalker weit und breit bekannt, und immer stand es in gutem Rufe und großem Ansehen; als noch mein Witwenname über dieser Tür stand, Tugby, kannt' ich ihn als einen hübschen, kräftigen, ansehnlichen, unabhängigen Burschen; ich kannte sie als das lieblichste, liebenswürdigste Mädchen, das je ein Auge erblickt hat; ich kannte ihren Vater (der arme Mann, er fiel vom Turme herunter, auf den er einmal im Schlafe gestiegen war, und fiel sich zu Tode) als den schlichtesten, arbeitsamsten und sanftherzigsten Menschen, der jemals geatmet hat; und wenn ich sie aus dem Hause stoße, mögen mich die Engel aus dem Himmel verstoßen! Und sie würden es mit Fug und Recht tun!«

Ihr altes Gesicht, das so rund war und Grübchen in den Wangen hatte, bevor sie sich so verändert hatte, schien wieder hervorzuscheinen, als sie diese Worte sagte; und als sie ihre Augen trocknete und gegen Tugby den Kopf und zugleich ihr Taschentuch schüttelte mit einem Ausdrucke von Energie, dem offenbar nicht so leicht etwas entgegenzusetzen war, da sagte Trotty: »Gott segne sie! Gott segne sie!«

Dann horchte er mit klopfendem Herzen auf das, was folgen würde, denn er wußte noch weiter nichts, als daß sie von Meg sprachen.

Wenn Tugby in dem Zimmer ein wenig lustig und zufrieden gewesen war, so glich sich die Rechnung überreichlich aus, indem er im Laden ganz niedergeschlagen wurde und nun seine Frau anblickte, ohne ein Wort zu erwidern; heimlicherweise aber steckte er zugleich – entweder in einem Anfall von Zerstreuung oder aus Vorsorge für die Zukunft – alles Geld aus der Ladenkasse in seine Taschen.

Der Gentleman auf der Biertonne, der ein bestellter Armenarztassistent zu sein schien, war offenbar viel zu sehr gewöhnt an Meinungsverschiedenheiten zwischen Mann und Frau, als daß er eine Bemerkung darüber gemacht hätte. Er saß leise vor sich hin flötend auf dem Faß und ließ kleine Biertropfen aus dem Zapfen auf die Erde laufen, bis vollkommene Stille eingetreten war: dann erhob er den Kopf und sagte zu Mrs. Tugby, verwitweten Chickenstalker: »Die Frau hat selbst jetzt noch etwas Anziehendes. Wie kam sie nur dazu, ihn zu heiraten?«

»Das«, entgegnete Mrs. Tugby, sich in seiner Nähe niederlassend, »ist nicht der am wenigsten grausame Teil ihrer Geschichte. Sehen Sie, sie und Richard hatten vor vielen Jahren ein Verhältnis miteinander. Als sie noch ein junges schönes Paar waren, war alles beschlossen, und sie sollten sich an einem Neujahrstag heiraten. Da kam es Richard in den Kopf, weil vornehme Herren es ihm eingeredet hatten, daß er es klüger einrichten könnte und daß er es bald bereuen würde und daß sie nicht gut genug für ihn wäre und daß ein junger, intelligenter Mensch nicht verheiratet zu sein brauchte. Und die vornehmen Herren schüchterten sie ein, machten sie melancholisch und bange, daß er sie im Stich lassen und daß ihre Kinder an den Galgen kommen würden, und daß es gottlos sei, verheiratet zu sein und dergleichen Zeug mehr. Und kurz und gut: sie zauderten und zögerten, und ihr Vertrauen zu einander war untergraben, und so wurde schließlich das Verhältnis aufgelöst. Doch er hatte die Schuld. Sie würde ihn genommen haben, mit Freuden. Ich habe späterhin oft ihr Herz beben sehen, wenn er hochmütig, und ohne sie auch nur anzusehen, an ihr vorüberging; und niemals grämte sich ein Mädchen aufrichtiger um einen Mann, als da Richard anfing, auf schlechten Wegen zu gehen.«

»O, ist er auf schlechte Wege geraten?« fragte der Gentleman, den Spund aus dem Bierfaß ziehend, um durch das Spundloch hineinzugucken.

»Sehen Sie, ich glaube, daß er nicht recht wußte, was er wollte. Ich glaube, er hatte sich's zu Herzen genommen, daß sie miteinander gebrochen hatten, und er hätte, wenn er sich nicht vor den vornehmen Herren geschämt und vielleicht auch unsicher gewesen wäre, wie sie es auffassen würde, gern alles auf sich genommen, um Megs Hand wiederzugewinnen. Dessen bin ich ganz gewiß. Er sagte nie etwas; desto schlimmer! Er ergab sich dem Trunk und Müßiggang, schlechte Gesellschaft, lauter Vergnügungen, die so und so viel besser für ihn sein sollten, als das häusliche Glück, das er hätte haben können. Er verlor sein gutes Aussehen, seinen guten Ruf, seine Gesundheit, seine Kräfte, seine Freunde, seine Arbeit, genug alles!«

»Er verlor nicht alles, Mrs. Tugby«, entgegnete der Gentleman, »denn er bekam eine Frau, und ich möchte wissen, auf welche Weise er sie bekam.«

»Ich komme sogleich darauf. Dies ging jahrelang so fort; er sank immer tiefer und tiefer; sie, das arme Wesen, hatte Not genug, um sich das Leben zu fristen. Endlich war er so heruntergekommen, daß niemand ihm mehr Arbeit geben oder Rücksicht auf ihn nehmen wollte, und die Türen wurden ihm vor der Nase zugemacht, er mochte kommen, wohin er wollte. Er wandte sich von Ort zu Ort und von Tür zu Tür, und als er nun zum hundertstenmal zu einem Herrn kam, der es gar oft mit ihm versucht hatte (denn er war ein guter Arbeiter bis zuletzt), sagte der Herr, der seine Geschichte kannte: ›Ich glaube, Ihr seid unverbesserlich; es gibt nur eine Person in der Welt, die Euch möglicherweise retten könnte: bittet mich nicht mehr um Vertrauen, bis sie es mit Euch versucht hat.‹ So was sagte er in seinem Ärger und Zorn.«

»So!« sagte der Gentleman. »Nun?«

»Nun, er ging zu ihr und kniete vor ihr nieder: sagte, es sei so und so: sagte, es sei immer so gewesen, und bat sie, ihn zu retten.«

»Und sie – nehmen Sie es sich nicht zu sehr zu Herzen, Mrs. Tugby.«

»Sie kam an dem Abend zu mir und fragte mich wegen des Logis. ›Was er mir einst war, liegt in einem Grabe, neben dem, was ich ihm war. Doch ich habe es mir überlegt, und ich will den Versuch machen, in der Hoffnung, ihn zu retten: um der Liebe des leichtherzigen Mädchens willen (Sie kennen sie), welches an einem Neujahrstage heiraten sollte; und um der Liebe zu ihrem Richard willen. Und sie sagte, er wäre von Lilly zu mir gekommen, und Lilly hätte ihm vertraut, und sie könnte das nie vergessen. So heirateten sie sich, und als sie nach Hause kamen, und ich sah sie, da wünschte ich, daß solche Prophezeiungen, welche sie auseinandergebracht hatten, als sie jung waren, nicht oft so in Erfüllung gehen möchten, wie es in diesem Falle geschehen war, oder wenigstens wollte ich sie nicht wahrsagen um eine Mine Goldes.«

Der Gentleman stand von dem Fasse auf und streckte sich, indem er hinwarf: »Er mißhandelte sie wohl, sobald sie verheiratet waren?«

»Ich glaube nicht, daß er es jemals getan hat«, sagte Mrs. Tugby, schüttelte den Kopf und trocknete sich die Augen.

»Er führte einige Zeit ein besseres Leben. Seine Gewohnheiten aber waren zu eingewurzelt und stark, als daß er von ihnen sich hätte befreien können. Er bekam bald einen kleinen Rückfall, und dies wiederholte sich immer öfter, bis ihn seine Krankheit niederwarf. Ich glaube, er hat immer viel für sie empfunden. Ich weiß, ich habe es gesehen, wenn er weinend und zitternd ihre Hand zu küssen suchte, und ich habe gehört, wenn er sie Meg rief und sagte, es wäre ihr neunzehnter Geburtstag. Da hat er nun gelegen Wochen und Monate. Mit ihm und ihrem Kinde über ihre Kräfte in Anspruch genommen, ist sie nicht imstande gewesen, ihre alte Arbeit zu verrichten, und da sie diese nicht regelmäßig liefern konnte, hat sie sie ganz verloren, selbst wenn sie damit hätte fertig werden können. Ich weiß kaum, wie sie haben leben können.«

»Ich weiß es«, murmelte Mr. Tugby, blickte im Laden umher und nach seiner Frau hin und wiegte den Kopf mit unendlicher Schlauheit – »wie Kampfhähne.«

Er wurde von einem Schrei, einem Klageruf in dem oberen Stockwerk des Hauses unterbrochen. Der Gentleman eilte nach der Tür: »Mein Freund«, sagte er zurückblickend, »Ihr braucht nicht erst darüber zu streiten, ob er fortgeschafft werden soll oder nicht. Er hat Euch, glaub' ich, diese Mühe erspart.«

Er ging rasch die Treppe hinauf, Mrs. Tugby folgte ihm, während Mr. Tugby gemächlich hinter ihnen drein keuchte und brummte: denn er war von dem Inhalte des Geldkastens, in welchem sich eine ungebührliche Masse Kupferstücke befanden, kurzatmiger als gewöhnlich geworden.

Trotty flog mit dem Kinde zur Seite die Treppe hinauf, als wäre er bloße Luft.

»Folg ihr, folg' ihr, folg ihr!« Er hörte die Geisterstimmen der Glocken diese Worte wiederholen, während er hinaufstieg. »Lern' es von dem Wesen, das deinem Herzen am teuersten ist.« Es war vorüber. Und dies war sie, ihres Vaters Stolz und Freude, dieses hagere, jammervolle Weib, das an dem Bett, wenn wir dies Wort brauchen dürfen, weinte und ein Kind an seine Brust drückte und den Kopf auf dasselbe niederhängen ließ. Wer kann beschreiben, wie mager, schwächlich und ärmlich das Kind aussah! Wer kann sagen, wie sie es liebte!

»Gott sei Dank!« sagte Toby und faltete die Hände zum Himmel, »o Gott sei Dank, sie liebt ihr Kind!«

Der Gentleman, der weiter nicht hartherzig oder gleichgültig gegen solche Szenen war, als daß er sie täglich sah und daß er wußte, es waren Ziffern ohne Bedeutung bei den Filerschen Berechnungen, legte die Hand auf das Herz, das nicht mehr schlug, und lauschte auf das Atmen und sagte: »Seine Qual ist vorüber. Es ist besser so!«

Mrs. Tugby suchte sie mit liebevollen Worten zu trösten, Mr. Tugby mit philosophischen Gründen.

»Nun, nun«, sagte er mit den Händen in den Taschen, »Ihr müßt Euch nicht unterkriegen lassen. Das dürft Ihr nicht. Ihr müßt dagegen angehen. Was würde aus mir geworden sein, wenn ich mich hätte ducken lassen, als ich noch Portier war. Denn in mancher Nacht wurde wohl sechsmal an unserer Tür geklopft; als wenn eine Equipage käme, bloß um mich zu foppen. Ich aber zog mich auf meine Seelenstärke zurück und machte nicht auf.«

Trotty hörte die Stimmen wiederum sagen: »Folg' ihr!« Er wandte sich nach seinem Führer und sah diesen sich erheben und durch die Luft fahren. »Folg' ihr!« sagte er und verschwand. Er umschwebte sie, setzte sich zu ihren Füßen nieder, suchte in ihrem Gesicht nach einer Spur ihres früheren Aussehens, lauschte auf einen Ton ihrer einst so lieblichen Stimme. Er betrachtete das Kind, das so schwächlich, so früh alt, so schrecklich in seinem Ernst, so beklagenswert in seinem schwachen, traurigen, jammervollen Weinen war. Er betete es an, er klammerte sich an dasselbe als an seinen einzigen Schutz, als an das letzte ungerissene Band, das ihn an das Leben fesselte. Er setzte seine väterliche Hoffnung und sein Vertrauen auf das schwache Kind, bewachte jeden seiner Blicke, während sie es in den Armen hielt, und sagte tausendmal: »Sie liebt es! Gott sei Dank! Sie liebt es!«

Er sah, wie die Hauswirtin sie während der Nacht bewachte, zu ihr zurückkehrte, als ihr brummender Mann schlief und alles still war, sie beruhigte, mit ihr weinte und ihr Nahrung reichte. Er sah den Tag und wieder die Nacht kommen, den Tag, die Nacht die Zeit vergehen. Er sah das Haus des Todes des Toten entledigt, die Kammer ihr und ihrem Kinde überlassen. Er hörte es wimmern und weinen, er sah, wie es ihre Geduld fortwährend auf die Probe stellte, wenn sie vor Erschöpfung schlummerte, ihr wieder das Bewußtsein ihrer Lage zurückrief und sie mit seinen kleinen Händen auf der Folter festhielt. Doch sie blieb sanft und geduldig gegen das Kind. Geduldig! Sie war seine liebende Mutter im innersten Herzen, und sein Leben war mit dem ihrigen so innig verknüpft, als wenn sie es noch nicht geboren hätte.

Während dieser ganzen Zeit litt sie Mangel, litt bittersten, quälendsten Mangel. Mit dem Kind in den Armen ging sie hierhin und dorthin und suchte Beschäftigung, und während des Kindes mageres Gesicht in ihrem Schoße lag und sie ansah, arbeitete sie für den kläglichsten Lohn, Tag und Nacht für so viele Pfennige, als der Sonnenzeiger Ziffern hatte. Daß sie das Kind gescholten, daß sie es vernachlässigt, daß sie es mit augenblicklichem Hasse angesehen, daß sie es in einem Anfall von Zorn geschlagen hätte! Oh nein! Sein Trost war: »Sie liebte es immer!«

Sie klagte niemand ihre Not und ging den Tag über weg, um nicht von ihrer einzigen Freundin gefragt zu werden. Denn jede Hilfe, die sie aus ihrer Hand empfing, verursachte nur Streit zwischen der guten Frau und ihrem Mann, und es war ein neues Leid für sie, täglich die Veranlassung zu Streit und Zwietracht zu sein in einem Hause, dem sie so viel verdankte.

Sie liebte das Kind noch, sie liebte es immer mehr. Doch ihre Liebe nahm eine andere Gestalt an.

In einer Nacht ging sie in der Stube auf und nieder, um es zu beruhigen, und sang leise, um es einzuschläfern. Da wurde die Tür leise geöffnet, und ein Mann sah herein.

»Zum letztenmal!« sagte er.

»William Fern!«

»Zum letztenmal!«

Er horchte, wie einer, der verfolgt wird, und sprach im Flüsterton:

»Meg, meine Zeit ist beinahe abgelaufen. Ich konnte nicht enden, ohne dir ein Abschiedswort zu sagen, ohne dir zu danken.«

»Was habt Ihr getan?« fragte sie und sah ihn entsetzt an.

Er blickte auf sie nieder, antwortete aber nicht.

Nach kurzem Schweigen machte er eine Bewegung mit der Hand, als wenn er ihre Frage beiseite schieben, als wenn er sie verlöschen wollte, und sagte: »Es ist schon lange her, Meg, aber jene Nacht ist mir noch so frisch in der Erinnerung, wie jemals. Da dachten wir nicht‹, fügte er um sich blickend hinzu: »daß wir uns so wiedersehen würden. Dein Kind, Meg? Laß es mich auf den Arm nehmen. Laß mich dein Kind halten.«

Er stellte seinen Hut auf den Boden und nahm es und zitterte, als er es nahm, von Kopf bis zu den Füßen.

»Ist es ein Mädchen?«

»Ja.«

Er hielt seine Hand vor ihr kleines Gesicht.

»Siehe, wie schwach ich geworden bin, Meg, da es mir an Mut fehlt, es anzusehen. Laß es mir einen Augenblick. Ich tue ihm nichts. Es ist schon lange her – doch wie heißt sie?«

»Margarete«, antwortete sie schnell.

»Das freut mich«, sagte er, »das freut mich!«

Er schien freier zu atmen und nachdem er einen Augenblick innegehalten, nahm er seine Hand weg und sah dem Kinde ins Gesicht. Doch sogleich deckte er es wieder zu.

»Es ist Lilly!«

»Lilly!«

»Ich hielt dasselbe Gesichtchen in meinen Armen, als Lillys Mutter starb und sie mir zurückließ!«

»Als Lillys Mutter starb und sie zurückließ!« wiederholte Meg mit aufgeregter Stimme.

»Wie schrill Ihr sprecht. Warum hebt Ihr Eure Augen so auf mich, Meg?«

Sie sank auf einen Stuhl nieder, drückte das Kind an ihre Brust und weinte. Bisweilen ließ sie es aus ihren Armen los, um ängstlich das Gesichtchen zu beobachten. Dann preßte sie es wieder an ihre Brust. Wenn sie es anblickte, dann mischte sich etwas Wildes, Schreckliches in ihre Liebe. Dann weinte ihr alter Vater.

»Folg' ihr!« klang es durch das Haus, »lerne es von dem Wesen, das deinem Herzen am teuersten ist!«

»Meg«, sagte Fern, beugte sich über sie und küßte sie auf die Stirn. »Ich danke Euch zum letztenmal. Gute Nacht! Lebt wohl! Legt Eure Hand in die meine und sagt mir, daß Ihr mich von dieser Stunde an vergessen und denken wollt, es habe mit mir ein Ende genommen.«

»Was habt Ihr getan?« fragte sie wiederum.

»Es wird heute nacht ein Feuer sein«, sagte er, sich von ihr entfernend, »es wird diesen Winter viele Feuer geben, um die dunklen Nächte zu erhellen – im Osten, Westen, Norden und Süden. Wenn Ihr den Himmel in der Ferne gerötet seht, dann flammen sie auf. Wenn Ihr den Himmel in der Ferne gerötet seht, dann denkt nicht mehr an mich. Oder wenn Ihr es tut, dann denkt daran, was für eine Hölle in meiner Seele brennt, und denkt, Ihr seht ihre Flammen in den Wolken sich spiegeln. Gute Nacht! Lebt wohl!«

Sie rief ihm nach. Doch er war fort. Sie saß erstarrt da, bis ihr Kind sie zu dem Gefühl des Hungers, der Kälte und der Dunkelheit erweckte. Sie schritt die liebe, lange Nacht mit demselben im Zimmer auf und nieder, um es zu beruhigen, und sagte mitunter: »Wie Lilly, als ihre Mutter starb und sie zurückließ!«

Warum war ihr Schritt so schnell, ihr Auge so wild, ihre Liebe so heiß und schrecklich, wenn sie diese Worte wiederholte?

»Doch es ist Liebe«, sagte Trotty, »es ist Liebe. Sie wird nie aufhören, es zu lieben. Meine arme Meg!«

Sie kleidete am nächsten Morgen das Kind mit ungewöhnlicher Sorgfalt an – vergebliche Mühe, auf solche Lumpen Sorgfalt zu verwenden! – und wollte noch einmal versuchen, nach Mitteln zum bloßen Leben sich zu bemühen. Es war der letzte Tag des alten Jahres. Sie ging bis zum Abend umher, ohne einen Bissen gegessen zu haben. Alles war vergeblich!

Sie mischte sich unter einen elenden Haufen, der im Schnee stand, bis ein Beamter, der die öffentlichen Almosen verteilen sollte – das gesetzliche Almosen, nicht das, welches einst auf dem Berge gepredigt wurde – so gnädig sein würde, sie hereinzurufen und sie auszufragen, und dem einen zu sagen: »Gehe da und da hin«; dem andern: »Komme nächste Woche wieder«; und aus einem dritten einen Ball zu machen und ihn hierhin und dorthin von Hand zu Hand, von Haus zu Haus zu werfen, bis er müde ward und sich niederlegte, um zu sterben, oder sich Mut faßte und einen Diebstahl beging und auf solche Weise eine höhere Art von Verbrecher wurde, dessen Ansprüche keinen Verzug vertrugen.

Auch hier war sie vergebens. Sie liebte ihr Kind und wünschte es an ihrer Brust zu hegen. Das hätte ihr genügt.

Es war Nacht, eine unwirtliche, finstere, schneidend kalte Nacht. Da gelangte sie, indem sie ihr Kind fest an sich drückte, um ihm ein wenig von ihrer eigenen Wärme zu geben, an das Haus, welches sie ihre Heimat nannte. Sie war so schwach und ihr schwindelte, daß sie niemand an der Tür stehen sah, bis sie dicht daran war und hineintreten wollte. Da erkannte sie den Hausherrn, der sich so gestellt hatte – mit seiner Persönlichkeit war das nicht schwer – daß er den ganzen Eingang ausfüllte.

»O«, sagte er leise, »Ihr seid zurückgekommen?«

Sie sah nach ihrem Kinde und schüttelte den Kopf.

»Findet Ihr nicht, daß Ihr lange genug hier gewohnt habt, ohne Miete zu zahlen? Findet Ihr nicht, daß Ihr, ohne einen Pfennig Geld zu bezahlen, ein recht fleißiger Kunde in diesem Laden gewesen seid?« sagte Mr. Tugby.

Sie wiederholte dieselbe stumme Bewegung.

»Wie wäre es, wenn Ihr es versuchet und wo anders kauftet, und wie wäre es, wenn Ihr Euch nach einer anderen Wohnung umsähet? Wie, glaubt Ihr nicht, daß dies möglich wäre?«

Sie sagte mit leiser Stimme, es sei sehr spät. Morgen.

»Ich sehe schon, was Ihr wollt«, sagte Tugby, »und was Ihr vorhabt. Ihr wißt, es sind wegen Euch zwei Parteien in diesem Hause, und es ist eine Freude für Euch, wenn sie sich zanken. Das ist für Euch eine Lust. Aber ich will keinen Streit im Hause haben und ich spreche ganz ruhig, um Zank zu vermeiden. Aber wenn Ihr Euch nicht schert, dann will ich laut sprechen, und Ihr sollt Worte hören, laut genug, bis sie Euch gefallen. Aber herein lasse ich Euch nicht, das habe ich mir vorgenommen.«

Sie strich ihre Haare mit der Hand zurück und warf plötzlich einen Blick nach dem Himmel und auf die dunklen, drohenden Wolken.

»Es ist der letzte Abend eines alten Jahres, und ich mag kein böses Blut und Zank und Streit ins neue mit hinübernehmen, weder Euch noch sonst jemandem zu Gefallen«, sagte Tugby, der ein »Freund und Vater« im kleinen war. »Ich wundere mich, daß Ihr Euch nicht schämt, solche Intrigen ins neue Jahr mit hinübernehmen zu wollen. Wenn Ihr weiter nichts in der Welt zu tun habt, als immer umherzulaufen und zwischen Mann und Frau Zwietracht zu stiften, denn wäre es besser, Ihr machtet Euch auf die Beine. Schert Euch Eurer Wege!«

»Folg' ihr! Zur Verzweiflung!«

Wiederum hörte der alte Mann die Stimmen, und als er aufblickte, sah er die Gestalten in der Luft schweben, und sie zeigten ihm den Weg, den sie einschlug, die dunkle Straße hinab.

»Sie liebt es«, rief er in ängstlicher Fürbitte, »ihr Glocken, sie liebt es immer noch!«

»Folg' ihr!«

Die Schatten schwebten über dem Wege, den sie eingeschlagen hatte, wie eine Wolke.

Er folgte, er hielt sich dicht an ihrer Seite. Er blickte ihr ins Gesicht. Es mischte sich noch derselbe wilde, schreckliche Ausdruck in ihre Liebe und strahlte aus ihren Augen. Er hörte sie sagen: »Wie Lilly sterben, wie Lilly!« und ihre Eile verdoppelte sich.

O! wenn nur etwas sie wecken möchte! Nur ein Anblick, ein Ton, ein Duft, um in ihrem brennenden Gehirn eine zärtliche Erinnerung zu wecken! Wenn nur ein einziges süßes Bild aus der Vergangenheit in ihr aufstiege!

»Ich war ihr Vater! ich war ihr Vater!« sagte der alte Mann, die Hände nach den dunklen Schatten ausstreckend, die über ihm flogen. »Habt Erbarmen mit ihr und mit mir! Wohin geht sie? Laß sie umkehren; ich war ihr Vater!«

Doch sie zeigten nur nach ihr, wie sie dahineilte, und sagten: »Zur Verzweiflung! Lerne es von dem Wesen, das deinem Herzen am teuersten ist!«

Nur ein Echo von hundert Stimmen. Die Luft bestand nur aus Atem, auf dem diese Worte schwebten. Er schien sie mit jedem seiner Atemzüge einzuatmen. Unmöglich ihnen zu entfliehen: sie waren überall. Und immer noch eilte sie fort, dasselbe Feuer in ihren Augen, dieselben Worte in ihrem Munde: »Wie Lilly sterben, wie Lilly!«

Auf einmal stand sie still.

»Nun laß sie umkehren!« rief der alte Mann aus und riß sich das weiße Haar aus. »Mein Kind Meg – laß sie umkehren, großer Vater, laß sie umkehren!«

Sie hüllte in ihren dürftigen Mantel das Kind warm ein. Mit ihren fiebernden Händen streichelte sie seine Glieder, rückte sie sein Köpfchen, ordnete sie seinen spärlichen Anzug. In ihren welken Armen hielt sie es fest, als wenn sie es nimmer loslassen wollte, und mit ihren vertrockneten Lippen küßte sie es im letzten Schmerz und in dem letzten langen Todeskrampf der Liebe.

Sie legte seine kleine Hand um ihren Nacken und hielt sie dort unter ihrem Mantel, dann drückte sie es an ihr verzweifeltes Herz, dann preßte sie sein Gesicht gegen das ihre – und dann eilte sie nach dem Flusse. Nach dem rollenden Flusse, dem schnellen, trüben, wo die Winternacht brütend saß, wie der letzte Gedanke vieler, die dort Rettung gesucht hatten, wo einzelne Lichter an den Ufern düster und rot flimmerten, wie Fackeln, die dort brannten, um den Totenpfad zu zeigen, wo keine Wohnung lebender Menschen ihren Schatten warf auf den tiefen, undurchdringlichen, melancholischen Schatten.

. . . dann eilte sie nach dem Flusse.

Nach dem Flusse! Nach dieser Pforte der Ewigkeit eilte sie mit verzweifelten Schritten so rasend schnell, wie seine reißenden Wasser dem Meere zuströmten. Er versuchte, sie zu berühren, als sie an ihm vorüber nach der dunklen Wasserfläche hinuntereilte, doch die wilde, kranke Gestalt, die schreckliche Liebe, die Verzweiflung, die sich durch nichts Menschliches mehr aufhalten ließ, fegte an ihm vorbei wie der Wind.

Er folgte ihr. Sie stand einen Augenblick am Ufer still, ehe sie den schrecklichen Sprung tat. Er fiel auf die Knie und schrie zu den Gestalten in den Glocken, die nun über ihm schwebten. »Ich habe es gelernt von dem Wesen, das meinem Herzen am teuersten ist. O rettet sie, rettet sie!«

Er konnte ihr Gewand mit den Fingern berühren. Er konnte sie halten. Als die Worte seinem Munde entflohen, fühlte er seinen Tastsinn zurückkehren und wußte, daß er sie festhielt.

Die Gestalten blickten fortwährend auf ihn hernieder.

»Ich habe es gelernt«, rief der alte Mann. »O habt Mitleid mit mir in dieser Stunde, wenn ich in meiner Liebe zu ihr, die so jung, so gut war, die Natur in dem Herzen verzweifelnder Mütter verleumdete! Habt Mitleid mit meiner Vermessenheit, Bosheit und Unwissenheit und rettet sie!«

Er fühlte, daß er sie nicht mehr länger festhalten konnte. Sie schwiegen immer noch.

»Habt Mitleid mit ihr!« rief er. »Dieses schreckliche Verbrechen ist aus mißverstandener Liebe entsprungen, aus der stärksten, innigsten Liebe, die wir gefallenen Menschen kennen. Bedenkt, wie groß ihr Elend gewesen sein muß, wenn solcher Same solche Frucht trägt. Der Himmel hat sie zum Guten bestimmt. Es gibt keine liebende Mutter auf der Erde, die nicht eben dahin gebracht werden kann, wenn ihr ein solches Leben auferlegt ist. O habt Erbarmen mit meinem Kinde, das selbst in diesem Augenblicke Erbarmen mit dem ihren hegt und selber stirbt und ihre unsterbliche Seele tötet, um es zu erlösen!«

Sie lag in seinen Armen. Er hielt sie fest. Er hatte die Kraft eines Riesen.

»Ich sehe den Geist der Glocken unter euch«, sagte der alte Mann, das Kind erblickend, und sprach mit einer Art von Begeisterung, die seine Blicke ihm einflößten: »Ich weiß, daß die Zeit unser Erbteil für uns verwaltet. Ich weiß, daß eines Tages ein Meer der Zeit sich erheben und alle wie Blätter fortwehen wird, die uns unrecht tun und uns unterdrücken. Ich sehe, wie es heranflutet. Ich weiß, daß wir vertrauen und hoffen müssen und keinen Zweifel an dem Guten weder in uns, noch andern hegen dürfen. Ich habe es von dem Wesen gelernt, das meinem Herzen am teuersten ist. Ich schließe es wieder in meine Arme. O ihr gnädigen und guten Geister, ich präge mir eure Lehre in die Brust, an der ich sie halte. O ihr gnädigen und guten Geister, ich werde ewig dankbar sein.«

Er hätte noch mehr sagen mögen, wenn nicht die Glocken, die alten, lieben Glocken, seine guten, treuen, beständigen Freunde ihr Freudengeläut zum neuen Jahre so munter, so fröhlich und so schwellend begonnen hätten, daß er auf die Füße sprang und so den Zauber löste, der ihn fesselte.

* * *

›Tu, was du willst‹, sagte Meg, ›Vater, aber iß nicht wieder Kaldaunen, ohne einen Doktor zu fragen, ob sie dir bekommen werden. Denn wie hast du dich angestellt, du lieber Himmel!‹

Sie saß an dem kleinen Tisch am Feuer und nähte an ihrem einfachen Hochzeitskleid, das sie mit Bändern schmückte, so stillselig, so blühend und jugendlich, so voll schöner Verheißung, daß er laut aufschrie, als wenn ein Engel in seinem Hause wäre. Dann stand er schleunigst auf, um sie in seine Arme zu schließen. Doch er verwickelte sich mit den Füßen in die Zeitung, die vom Herd gefallen war, und jemand drängte sich zwischen sie.

›Nein‹, sagte die Stimme des besagten Jemand, eine wohlklingende, fröhliche Stimme, ›selbst Ihr nicht. Der erste Kuß von Meg im neuen Jahre gehört mir. Mir! Ich habe eine Stunde vor dem Hause gestanden, um die Glocken zu hören und ihn mir zu verdienen. Meg, mein liebster Schatz, ein glückliches Neujahr! und mögen wir noch recht viele glückliche Jahre verleben, meine liebe, kleine, süße Frau!‹

Und Richard erstickte sie fast mit seinen Küssen.

Als dies geschah, gab es keinen glücklicheren Menschen auf der ganzen Welt, als Trotty. Er setzte sich auf seinen Stuhl, schlug sich auf die Knie und weinte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug sich auf die Knie und lachte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug auf die Knie und lachte und weinte in einem Atem. Er stand von seinem Stuhle auf und liebkoste Meg. Er stand von seinem Stuhle auf und liebkoste Richard. Er stand von seinem Stuhle auf und liebkoste beide zu gleicher Zeit. Er lief zu Meg und nahm ihr frisches Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie und ging rückwärts wie ein Krebs, um sie nicht einen Augenblick aus den Augen zu verlieren, und lief wieder auf sie zu, wie eine Figur in einer Zauberlaterne, und was er immer tat, so setzte er sich beständig wieder in seinen Stuhl, blieb aber nicht einen Augenblick sitzen. Genug – und das ist die Wahrheit – er war außer sich vor Freude.

»Und morgen ist dein Hochzeitstag, mein Herzenskind?« sagte Trotty, »wirklich, dein glücklicher Hochzeitstag?«

»Heute«, sagte Richard und schüttelte ihm die Hände, »heute. Die Glocken läuten eben das neue Jahr ein. Hört sie nur.‹«

Und sie läuteten wahrhaftig.

Gott segne die kräftigen Seelen! O, es waren große Glocken, melodische, tiefstimmige, edle Glocken, von keinem gemeinen Metall gegossen, von keinem gemeinen Gießer geformt. Wann hätten sie jemals geläutet wie heute!

»Heute, meine Meg«, sagte Trotty, »hattest du wohl mit Richard einen kleinen Wortwechsel?«

»Weil er ein so schlechter Mensch ist, Vater«, sagte Meg. »Bist du das nicht, Richard? Solch ein eigensinniger, ungestümer Mensch! Wollte er doch dem gewaltigen Ratsherrn seine Meinung sagen, und er genierte sich so wenig, als er sich genieren würde –«

»Meg zu küssen«, half Richard ein und führte es sogleich aus.

»Nein, nicht ein bißchen mehr. Doch ich wollte es nicht zugeben, Vater. Was hätte es geholfen?«

»Richard, mein Junge«, sagte Trotty, »du bist ein Prachtkerl und wirst ein Prachtkerl bleiben bis an dein seliges Ende. Doch du weintest heute abend am Feuer, als ich nach Hause kam, meine Meg? Warum weintest du denn am Feuer?«

»Ich dachte an die Jahre, die wir miteinander verlebt haben, Vater. Bloß deshalb. Und ich dachte, du würdest mich recht vermissen und dich einsam fühlen.«

Trotty kehrte wieder nach dem außerordentlichen Stuhl zurück, als das Kind, das von dem Lärmen erwacht war, halb angekleidet hereinkam.

»Ei, hier ist sie ja«, sagte Trotty und hob sie auf, »hier ist sie ja, die kleine Lilly. Ha, ha! hier sind wir und hier ist sie ja, die kleine Lilly. Ha, ha! hier sind wir und hier spazieren wir! O, hier sind wir und hier spazieren wir wieder! Und hier sind wir und hier spazieren wir und auch Onkel Will!«

Er hielt in seinem Trab inne, um ihn herzlich zu begrüßen. »Ach, Onkel Will, was hab' ich heute abend für Erscheinungen erlebt und nur weil ich Euch beherbergt habe. Ach, Onkel Will, wie bin ich Euch dankbar, daß Ihr zu mir gekommen seid, mein guter Freund!«

Ehe Will Fern das Geringste antworten konnte, trat eine Musikbande in das Zimmer, von einer Menge Nachbarn begleitet, die alle: »Glückliches Neujahr, Meg! Fröhliche Hochzeit! Noch recht lange Jahre!« und andere gute Wünsche dieser Art riefen. Der Trommler, der ein besonders guter Freund Trottys war, trat hervor und sagte: »Trotty Veck, mein alter Knabe, wir haben erfahren, daß Eure Tochter heute heiratet. Nicht eine Seele, die Euch kennt und Euch nicht das beste Glück wünscht, oder die sie kennt und ihr nicht Segen gönnt, oder die euch beide kennt und euch beiden nicht alles Glück wünscht, was das neue Jahr bescheren kann. Und wir sind hier deshalb zu Euch gekommen, um es einzuspielen und einzutanzen.«

»Hochzeit zu machen und es mir nicht zu sagen!« sagte die gute Frau.

Das wurde mit allgemeinem Jubel aufgenommen. Der Trommler war freilich ziemlich betrunken, aber das machte weiter nichts.

»Was für ein Glück es ist«, sagte Trotty, »in solcher Achtung zu stehen! Wie freundlich und nachbarlich ihr seid! Das geschieht alles meiner lieben Tochter zuliebe. Sie verdient es!«

Sie waren in einer halben Sekunde zum Tanze fertig, Meg und Richard voran, und der Trommler war gerade dabei, aus allen Kräften loszulegen, da ließ sich draußen ein Gemisch von wunderbaren Tönen hören, und eine gutmütig aussehende, schmucke Frau von fünfzig Jahren oder so ungefähr trat herein in Begleitung eines Mannes, der einen steinernen Henkelkrug von ungeheurem Umfang trug, und diesen folgten Markknochen, Hackmesser und Glocken, aber nicht die Glocken, sondern eine tragbare Sammlung von einem Gestell.

Trotty sagte: »Mrs. Chickenstalker« und setzte sich nieder und schlug sich wieder auf die Knie.

»Hochzeit zu machen, Meg, und es mir nicht zu sagen!« sagte die gute Frau. »Ich konnte es am letzten Abend des alten Jahres nicht aushalten, ohne zu kommen und dir Glück und Freude zu wünschen. Nein, ich hätte es nicht gekonnt, Meg, und wenn ich bettlägerig gewesen wäre. Und so bin ich denn hier, und da es Neujahrsabend und dein Polterabend obendrein ist, so habe ich ein wenig FlipWarmes, gewürztes Eierbier. machen lassen und mitgebracht.

Mrs. Chickenstalkers Begriff von »ein wenig Flip« machte ihrem Charakter alle Ehre. Der Krug dampfte und rauchte wie ein Vulkan, und dem Manne, der ihn trug, war ohnmächtig zu Mute.

»Mrs. Tugby«, sagte Trotty, der ganz entzückt um sie herumging, »ich wollte sagen Chickenstalker, Gott segne Sie! Ein glückliches Neujahr und noch recht viele hinterdrein, Mrs. Tugby«, sagte Trotty, als er sie umarmt hatte, »ich wollte sagen Chickenstalker – dies ist William Fern und Lilly.«

Die würdige Frau wurde zu seinem Erstaunen sehr blaß und sehr rot.

»Doch nicht Lilly Fern, deren Mutter in Dorsetshire gestorben ist?« sagte sie.

Ihr Onkel bejahte dies, und sie wechselten schnell einige Worte miteinander, deren Ergebnis war, daß Mrs. Chickenstalker ihm beide Hände schüttelte, Trotty noch einmal aus freien Stücken auf die Wange küßte und das Kind an ihre umfangreiche Brust drückte.

»Will Fern«, sagte Trotty, indem er seinen rechten Fausthandschuh anzog, »doch nicht die Verwandte, die Ihr zu finden hofftet?«

»Freilich«, entgegnete Will und legte Trotty beide Hände auf die Schultern, »und wie es scheint, eine ebenso gute Verwandte, wenn das möglich ist, als ich in Euch einen Freund gefunden habe.«

»O!« sagte Trotty, »ihr dort, wollt ihr nicht aufspielen? Seid so gut!«

Bei dem Klange der Musik, der Schellen, der Markknochen und der Hackmesser, alles zu gleicher Zeit, und während noch die Glocken lustig vom Turme herniederschallten, führte Trotty Mrs. Chickenstalker, Meg und Richard als zweites Paar folgend, zum Tanze auf und tanzte denselben in einem vorher und nachher unbekannten Pas ab, der seinen Grund in seinem eigentümlichen Trab hatte.

Hatte Trotty geträumt, oder sind seine Freuden und Leiden und die handelnden Personen in demselben nur ein Traum? Er selber ein Traum? Der Erzähler dieser Geschichte ein Träumer, der eben erwacht ist? – Sollte es so sein, lieber Leser, dann präge die bösen Wirklichkeiten, aus denen diese Schatten entspringen, deiner Seele ein und suche in deinem Kreise – keiner ist zu groß und keiner zu beschränkt für solch einen Zweck – diese zu bessern, sie weniger grausam, sondern sie gelinder zu machen. Möge das neue Jahr ein glückliches für dich, ein glückliches noch für viele sein, deren Glück von dir abhängt! Möge jedes Jahr glücklicher sein als das letzte, und nicht der geringste unserer Brüder oder Schwestern ausgeschlossen bleiben von dem rechtmäßigen Anteil an dem, was zu genießen unser großer Schöpfer geschaffen hat!

 

Ende.

 

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