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Weihnachtserzählungen

Charles Dickens: Weihnachtserzählungen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleWeihnachtserzählungen
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
correctorreuters@abc.de
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Drittes Viertel.

Schwarz sind die gewitterschweren Wolken und getrübt die tiefen Wasser, wenn das Meer der Gedanken, zum erstenmal nach einer Windstille anschwellend, seine Toten herausgibt. Scheußliche, seltsame Ungeheuer stehen vorzeitig und unvollkommen auf; die mancherlei Glieder und Gestalten von verschiedenen Dingen verbinden und mischen sich untereinander, wie der Zufall es will, und wann und wie und in welch merkwürdiger Folge sie sich wieder voneinander trennen und jeder Sinn und jeder Gegenstand der Seele seine gewöhnliche Form wieder einnimmt und wieder auflebt, kann niemand sagen, obgleich jedermann jeden Tag das Gefäß dieses Bildes des großen Rätsels ist.

So ist es unmöglich mit Worten oder gar mit Bestimmtheit zu sagen, wann und wie sich die Finsternis des nächtlichschwarzen Turmes in helles Licht verwandelte; wann und wie der einsame Turm mit einer Myriade von Gestalten bevölkert wurde, wann und wie sich das leise »Plag' und jag' ihn«, das eintönig durch seinen Schlaf oder seine Ohnmacht summte, zu einer Stimme gestaltete, die in das aufwachende Ohr Tobys rief: »Stör' ihn auf im Schlaf«; wann und wie er die träumerische, wirre Idee aufgab, daß dergleichen Dinge wirklich waren, begleitet von einer Schar anderer, die nicht existierten; so viel aber steht fest: als er erwacht war und auf den Brettern, auf denen er gelegen hatte, mit beiden Füßen stand, sah er folgenden unheimlichen Spuk.

Er sah den Turm, wohin seine bezauberten Schritte ihn gebracht hatten, von zwerghaften Phantomen, Geistern, Elfen der Glocken belebt. Er sah sie unaufhörlich von den Glocken springen, fliegen, fallen, stürzen. Eine Schar sah er rings um sich auf dem Boden; über sich in der Luft; an den Seilen hinunterklettern; von den massiven eisenbeschlagenen Balken auf ihn niederblickend; durch die Ritzen und Löcher in den Mauern auf ihn hinunterschauend, in immer weitern Kreisen vor ihm sich ausbreitend, wie kräuselnde Wasserringe fliehen, wenn plötzlich ein großer Stein zwischen sie hineingeworfen wird. Er sah eine andere Schar von allen Arten und Gestalten. Er sah häßliche, hübsche, koboldartige und wunderschöne. Er sah junge, er sah alte, er sah gute, er sah böse, er sah muntere, er sah mürrische; er sah andere tanzen, er hörte welche singen; er sah, wie sich manche das Haar ausrauften, und hörte andere heulen. Er sah, wie die Luft von ihnen wimmelte. Er sah sie niederwärts reiten, aufwärts fliegen, weit fort segeln, nahe zur Hand kauern, rastlos und in hastiger Tätigkeit. Stein, Ziegel, Schiefer und Backstein wurden für ihn beinahe durchsichtig, wie sie es für jene waren. Er sah sie innerhalb der Häuser an den Betten der Schlafenden sich emsig beschäftigen. Er sah, wie sie Leute im Traume beruhigten; wie sie andere mit knotigen Peitschen schlugen und ihnen in die Ohren schrien: er sah welche an manchen Kopfkissen die süßeste Musik machen und andere mit Vogelgesängen und Blumendüften erheitern; er sah, wie manche mit Zauberspiegeln, die sie in den Händen trugen, in die gestörte Ruhe anderer die schrecklichsten Gesichter warfen.

Er sah diese Geschöpfe nicht nur unter Schlafenden, sondern auch unter Wachenden mit den verschiedenartigsten und unverträglichsten Dingen sich beschäftigen und die entgegengesetztesten Naturen besitzen oder annehmen. Die eine schnallte unzählige Flügel an, um ihre Schnelligkeit zu vergrößern; die andere belud sich mit Ketten und Gewichten, um die ihre zu mäßigen. Er sah die einen die Glockenschwengel vorwärts bewegen, andere zogen die Glockenschwengel zurück und wieder andere suchten die Glocken ganz und gar anzuhalten. Er sah die einen auf einer Hochzeit, andere bei einem Leichenbegängnis, in dieser Stube eine Wahl, in jener einen Ball leiten; überall rastlose und unermüdliche Bewegung.

Ganz verwirrt von der Menge der stets wechselnden außerordentlichen Wesen und dem schrecklichen Gelärm der Glocken, welche die ganze Zeit über läuteten, klammerte sich Trotty an einen hölzernen Stützpfeiler und wandte sein kreideweißes Gesicht hier- und dorthin in stummem betäubten Staunen.

Als er so hinabsah, hörte das Läuten auf einmal auf. Sofortige Veränderung überall! Der ganze Schwarm verschwand; ihre Gestalten fielen zusammen, ihre Schnelligkeit verließ sie; sie suchten zu fliehen, doch in dem Augenblick, als sie niederfielen, lösten sie sich in Luft auf und siechten hin. Kein frischer Zuzug ergänzte sie. Ein Nachzügler sprang ganz eilig von der großen Glocke herunter und kam auf die Füße zu stehen; doch er war tot und gestorben, ehe er sich umdrehen konnte. Einige wenige von der Gesellschaft, die in dem Turme bisher getanzt und Luftsprünge gemacht hatte, blieben dort und drehten sich immer noch ein wenig länger umher; doch bei jedem Sprung wurden sie schwächer und geringer an Zahl und gingen bald den Weg, den die übrigen eingeschlagen hatten. Der letzte von allen war ein kleiner Buckliger, der sich in einem Schallwinkel gekauert hatte und sich dort lange Zeit herumdrehte, und zwar mit solcher Hartnäckigkeit, daß er zuletzt bis auf ein Bein, selbst bis auf einen Fuß zusammenschrumpfte, ehe er schließlich verschwand, und dann war alles im Turm totenstill.

Dann erst und nicht früher sah Trotty in jeder Glocke eine bärtige Gestalt von der Größe und Statur der Glocke – unbegreiflich, eine Gestalt und dennoch die Glocke selbst! Riesenhaft, ernst und mit düstrer Miene ihn anschauend, wie er so festgewurzelt an den Boden dastand.

Geheimnisvolle und schreckliche Gestalten! die auf nichts ruhten, in der Nachtluft des Turmes gleichmäßig schwebten und mit ihren bedeckten und beschatteten Köpfen bis an die dunkle Decke ragten, bewegungslos und schattenhaft. Dunkel und schattenhaft, obgleich er sie in schwachem Licht erblickte, das von ihnen selbst ausging – es war ja sonst niemand da – die verhüllte Hand auf den gespenstigen Mund legend.

Er konnte sich nicht schnell durch die Öffnung am Boden hinunterlassen, denn alle Kraft, sich zu bewegen, war von ihm gewichen. Sonst würde er es getan haben – ja er hätte sich lieber kopfüber von der Turmspitze hinuntergestürzt, als daß er sich von Augen bewacht sehen mußte, die ihn wachsam beobachtet haben würden, obgleich die Pupillen herausgenommen waren.

Immer wieder und immer von neuem traf ihn die Furcht und der Schrecken vor dem einsamen Orte und vor der dunklen, gräßlichen Nacht, die dort herrschte, wie eine Geisterhand. Seine Entfernung von aller Hilfe; die lange, dunkle, von Geistern belagerte Wendeltreppe, die sich zwischen ihm und der Erde befand, auf der Menschen lebten; seine Höhe hier oben, wo es ihm schwindelte, am Tage Vögel fliegen zu sehen; abgeschnitten von allen guten Menschen, die zu dieser Stunde ruhig zu Hause waren und in ihren Betten lagen und schliefen: dies alles überlief ihn eiskalt, nicht wie ein Gedanke, sondern wie eine körperliche Empfindung. Inzwischen waren seine Augen und seine furchtsamen Gedanken auf die Wächter gerichtet, die, keiner Gestalt dieser Welt ähnlich, sowohl durch die tiefe Dunkelheit, welche sie umhüllte, als auch in ihrem Aussehen und in ihren Formen und indem sie auf übernatürliche Weise über dem Boden schwebten, trotz allem so deutlich zu sehen waren, als die stämmigen Eichenstühle, Querhölzer und Balken, welche den Glocken als Stütze dienten. Diese umgaben sie mit einem wahren Walde von bearbeitetem Holz, und aus ihren Verschlingungen und Verkreuzungen hielten sie wie unter den Zweigen eines zu ihrem gespenstigen Gebrauch verdorrten Waldes ihre düstere reglose Wacht.

Ein Luftzug – wie kalt und schrill! – fuhr seufzend durch den Turm. Als er vorüber war, sprach die große Glocke oder der Geist der Glocke.

»Was für ein Besuch ist das?« sagte er. Die Stimme war dumpf und tief, und Toby dachte, daß sie in den andern Gestalten nachtönte.

»Ich glaubte, mein Name wäre von den Glocken gerufen worden«, entgegnete Trotty und erhob seine Hände in der Stellung eines Bittenden. »Ich weiß kaum, warum ich hier bin und warum ich hierher kam. Ich habe den Glocken viele Jahre zugehört. Sie haben mir oft Freude gemacht.«

»Und du hast ihnen gedankt«, sagte die Glocke.

»Tausendmal«, erwiderte Trotty.

»Wie?«

»Ich bin ein armer Mann«, stotterte Trotty, »und konnte ihnen bloß mit Worten danken.«

»Und hast du ihnen immer gedankt?« fragte der Geist der Glocke, »Hast du uns niemals in Worten beleidigt?«

»Nein«, entgegnete Trotty rasch.

»Hast du uns in Worten niemals Schlechtes, Falsches, Bösartiges nachgesagt?« fuhr der Geist der Glocke fort.

Trotty wollte eben antworten: »Niemals!« da stockte er und wurde verwirrt.

»Die Stimme der Zeit«, sagte die Erscheinung, »ruft dem Menschen zu: Schreite vorwärts! Die Zeit ist für seinen Fortschritt, seine Besserung, seinen größern Wert, sein größeres Glück, sein besseres Leben, sein Vorwärtsgehen zu dem Ziele hin, das in seiner Erkenntnis und vor seinen Augen liegt und abgesteckt wurde, als die Zeit und als Er begann. Zeiten der Dunkelheit, der Bosheit und der Gewalttätigkeit sind gekommen und gegangen. Unzählbare Millionen haben gelitten, gelebt und sind gestorben, um den Weg zu zeigen, der vor ihnen lag. Wer sich zurückwenden oder auf seiner Bahn stehen zu bleiben sucht, hält eine mächtige Maschine an, welche den Unberufenen töten und infolge ihres augenblicklichen Stillstandes um so rascher und ungestümer gehen wird!«

»Das habe ich nie getan, soviel ich weiß«, sagte Trotty, »es war ganz zufällig, wenn ich es getan habe; ich würde es wahrhaftig auch nicht tun.«

»Wer der Zeit oder ihren Dienern«, sagte der Geist der Glocke, »einen Klageruf in den Mund legt um Zeiten, welche ihre Prüfung und ihren Fehlschlag hatten und tiefe Spuren hinterlassen haben, die ein Blinder sehen mag – einen Klageruf, der der Gegenwart nur insofern dient, als er den Menschen zeigt, wie sehr es ihrer Hilfe bedarf, wenn ein Ohr auf eine Klage um eine solche Vergangenheit lauschen kann – wer dies tut, der tut unrecht. Und dies Unrecht hast du uns, den Glocken, getan.«

Trottys erste übergroße Furcht war vorüber. Doch hatte er Liebe und Dankbarkeit gegen die Glocken empfunden, wie wir wissen, und als er hörte, daß er einer so gewichtigen Beleidigung gegen sie angeklagt war, wurde sein Herz mit Reue und Schmerz erfüllt.

»Wenn ihr wißt«, sagte Trotty, die Hände demütig faltend – »oder vielleicht wißt ihr es – wenn ihr wißt, wie oft ihr mir Gesellschaft geleistet habt, wie oft ihr mich aufgemuntert habt, wenn ich niedergeschlagen war; wie ihr das Spielzeug meiner kleinen Tochter Meg (beinahe das einzige, das sie jemals besaß) waret, als ihre Mutter gestorben und sie und ich allein auf der Welt waren, würdet ihr mir wegen eines übereilten Wortes nicht zürnen.«

»Wer von uns, den Glocken, einen Klang der Mißachtung irgendeiner Hoffnung oder Freude oder Sorge oder Pein der vielgeplagten Menschheit hört, wer von uns auf einen Glauben antworten hört, der die menschlichen Leidenschaften umfaßt, wie er den Betrag der elenden Nahrung abwägt, um den die Menschheit sich abrackert und hinwelkt, der tut uns unrecht. Dies Unrecht hast du uns getan«, entgegnete die Glocke.

»Das habe ich getan«, sagte Trotty, »o verzeiht mir!«

»Wer in uns das Echo des bedauernswerten Gewürms der Erde hört, der Unterdrücker gebrochener und gedemütigter Naturen, die bestimmt sind, höher emporgehoben zu werden, als solche Maden der Zeit kriechen oder begreifen können«, fuhr der Geist der Glocke fort, »wer das in uns hört, tut unrecht, und du hast uns unrecht getan.«

»Unabsichtlich«, sagte Trotty, »ohne es zu wissen. Es war nicht meine Absicht.«

»Zuletzt und zumeist«, fuhr die Glocke fort, »wer den Gefallenen und Gestrandeten seines Geschlechts den Rücken zukehrt, wer sie als gemein aufgibt und nicht mit mitleidigem Auge den unbehüteten Abgrund sucht und ihm nachgeht, durch den sie den Pfad des Guten verließen, indem sie noch während des Fallens einige Schollen des verlorenen Bodens erfaßten und sich an dieselben klammerten, als sie wund und sterbend in der Tiefe lagen, der tut dem Himmel und den Menschen, der Zeit und Ewigkeit unrecht. Und dies Unrecht hast du getan.«

»Schone mich«, rief Trotty auf die Knie fallend, »um der Barmherzigkeit willen!«

»Horch!« sagte der Schatten.

»Horch!« riefen die anderen Schatten.

»Horch!« sagte eine klare, kindliche Stimme, welche Trotty schon früher gehört zu haben glaubte.

Die Orgel tönte leise in der Kirche unten. Allmählich wurde der Ton stärker, die Melodie drang zum Dache hinauf und erfüllte Chor und Schiff. Immer mehr sich ausbreitend stieg sie empor, empor, immer höher und höher hinauf und erweckte fühlende Herzen in den stämmigen Eichenpfosten, in den hohlen Glocken, in den eisenbeschlagenen Türen, in den steinernen Treppen, bis die Mauern des Turmes nicht mehr genügten und sie zum Himmel aufflog.

Kein Wunder, daß eines alten Mannes Brust einen so wuchtigen, machtvollen Klang nicht fassen konnte. Er brach aus diesem Gefängnis in einen Strom von Tränen aus, und Trotty bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

»Horch!« sagte der Schatten.

»Horch!« riefen die anderen Schatten.

»Horch!« sagte die kindliche Stimme.

Eine feierliche Weise von vielen Stimmen klang in den Turm hinauf.

Es war eine sehr leise, klagende Weise, ein Totenlied. Und als er lauschte, hörte Trotty sein Kind unter den Sängern.

»Sie ist tot«, rief der alte Mann aus, »Meg ist tot. Ihr Geist ruft mir zu. Ich höre es.«

»Der Geist deines Kindes beweint die Toten und mischt sich unter die Toten – tote Hoffnungen, tote Einbildungen, tote Träume der Jugend«, entgegnete die Glocke, »doch sie lebt. Lerne aus ihrem Leben eine lebendige Wahrheit. Lerne von dem Wesen, das deinen Herzen am teuersten ist, wie böse die Bösen von Natur sind. Siehe, wie eine Knospe, ein Blatt nach dem andern von dem schönsten Stengel gepflückt wird, und siehe, wie kahl und elend er wird. Folge ihm! Zur Verzweiflung!«

Jeder der Schatten streckte seinen rechten Arm aus und zeigte niederwärts.

»Der Geist der Glocken ist dein Begleiter«, sagte die Gestalt; »geh, er steht hinter dir.«

Trotty wandte sich um und sah – das Kind! Das Kind, welches Will Fern auf der Straße getragen hatte! das Kind, das Meg behütet hatte, das aber jetzt schlief.

»Ich trug es heute Abend selbst«, sagte Trotty, »in diesen Armen.«

»Zeige ihm, was er ›selbst‹ nennt«, sagten die dunklen Gestalten, eine wie alle.

Der Turm tat sich zu seinen Füßen auf. Er blickte nieder und sah seine eigene Gestalt auf dem Boden liegen, draußen, zerschmettert und bewegungslos.

»Kein lebender Mann mehr«, sagte Trotty. »Tot!«

»Tot!« wiederholten alle Gestalten zugleich,

»Gütiger Himmel! und das neue Jahr?«

»Vorüber«, sagten die Gestalten.

»Wie?« sagte er schaudernd. »Ich verfehlte den Weg, kam im Dunkeln an die Außenseite des Turmes und fiel hinunter – vor einem Jahre?«

»Vor neun Jahren«, entgegneten die Gestalten.

Während sie diese Antworten gaben, zogen sie ihre ausgestreckten Hände zurück, und wo ihre Gestalten gestanden hatten, da waren nun die Glocken wieder.

Und sie läuteten, da ihre Zeit wieder gekommen war. Und wiederum erwachten ungeheure Scharen von Phantomen zum Leben, wiederum waren sie ohne einen Zusammenhang beschäftigt, wie sie es gewesen waren. Wiederum verschwanden sie, als die Glocken verstummten, und schrumpften zu einem Nichts ein.

»Wer sind diese?« fragte er seinen Führer. »Wenn ich nicht wahnsinnig bin, wer sind sie?«

»Geister der Glocken. Ihre Klänge in der Luft«, entgegnete das Kind. »Sie nehmen die Gestalten und Beschäftigungen an, die die Gedanken und Hoffnungen der Sterblichen und die Erinnerungen, die sie gesammelt haben, ihnen geben.«

»Und du«, sagte Trotty verwirrt – »wer bist du?«

»Still, still«, entgegnete das Kind; »siehe hierher.«

In einer ärmlichen, niedrigen Kammer, an derselben Art von Näherei arbeitend, die er so oft, so oft bei ihr gesehen, zeigte sich Meg, seine eigene liebe Tochter seinem Blick. Er suchte ihr nicht seine Küsse auf die Wange zu drücken, er strebte nicht, sie an sein liebevolles Herz zu schließen; er wußte, daß solche Zärtlichkeiten nicht mehr für ihn waren. Er hielt nur seinen zitternden Atem an und wischte die Tränen weg, die sein Auge blendeten, damit er nur sehen konnte.

Ach, wie verändert, wie verändert! Das Licht des klaren Auges, wie trübe! Die Rosen ihrer Wangen, wie welk! Schön war sie, wie sie immer gewesen war. Aber die Hoffnung, die Hoffnung! Ach, wo war die schöne Hoffnung, die zu ihm wie eine Stimme gesprochen?

Sie blickte von der Arbeit auf nach einer Gefährtin. Ihrem Auge folgend, fuhr der alte Mann zurück.

In dem aufgeblühten Mädchen erkannte er sie auf den ersten Blick. In dem langen seidenen Haar sah er noch dieselben Locken, um die Lippen schwebte noch derselbe kindliche Ausdruck. Siehe, in den Augen, die nun forschend auf Meg ruhten, strahlte noch derselbe Blick, der auf deren Zügen lag, als er sie nach Hause brachte!

Was aber war dies?

Indem er mit Scheu in das Gesicht blickte, sah er ein Etwas darin herrschen; ein feierliches, unbestimmtes, unerklärliches, das kaum mehr als einen Gedanken von jenem Kinde ausdrückte – – das es wohl der Gestalt nach sein konnte – und doch war es dasselbe, dasselbe und trug dieselbe Kleidung.

Horch, nun sprachen sie.

»Meg«, sagte Lilly zaudernd. »warum hebst du so oft deinen Kopf von der Arbeit auf, um mich anzusehen!«

»Haben sich meine Blicke so geändert, daß sie dich erschrecken?« fragte Meg.

»O meine Liebe, du lächelst selbst darüber. Warum lächelst du nicht, wenn du mich ansiehst, Meg?«

»Ich tue es ja. Oder tue ich es nicht?« antwortete sie, Lilly mit einem Lächeln ansehend.

»Jetzt freilich«, sagte Lilly, »aber nicht immer. Wenn du denkst, ich bin beschäftigt und sehe dich nicht, dann siehst du so ängstlich und besorgt aus, daß ich es kaum wage, die Augen aufzuschlagen. Allerdings haben wir bei diesem harten, mühsamen Leben wenig Ursache zu lachen, du warst aber doch sonst so heiter?«

»Bin ich es nicht noch?« entgegnete Meg in einem seltsam unruhigen Ton und stand auf, um sie zu küssen. »Mache ich dir unser mühsames Leben noch mühsamer, Lilly?«

»Du warst das einzige Wesen«, sagte Lilly, sie ungestüm küssend, »das mir Leben einflößte, bisweilen das einzige Wesen, um dessentwillen es mich freute, zu leben. So viele Arbeit, so viele Arbeit! So viele Stunden und so viele Tage, so viele lange, lange Nächte hoffnungsloser, freudenarmer, nimmer endender Arbeit, nicht um reich zu werden, nicht um vornehm oder fröhlich zu leben, nicht um auch nur notdürftig, obgleich noch so bescheiden zu leben, sondern um nur gerade das Brot zu verdienen, um gerade so viel zu erübrigen, um dabei zu verhungern und in uns das Bewußtsein unseres harten Schicksals lebendig zu erhalten. O Meg, Meg«, sagte sie mit lauterer Stimme und schlang von Schmerz überwältigt ihre Arme um sie, »wie kann die Welt so grausam sein und es ertragen, ein solches Leben mit ansehen!«

»Lilly«, sagte Meg, indem sie sie beruhigte und ihr das Haar aus dem tränenfeuchten Gesicht strich, »o Lilly, du, so hübsch und so jung!«

»O Meg«, unterbrach Lilly sie und hielt sie auf Armeslänge von sich entfernt, indem sie ihr flehend in das Gesicht sah, »das eben ist das Schlimmste, das Schlimmste! Wäre ich doch alt, Meg! Mache mich doch alt und runzelig, dann wäre ich frei von den schrecklichen Gedanken, die mich in meiner Jugend in Versuchung führen wollen!«

Trotty wandte sich um, um nach seinem Führer zu sehen. Doch der Geist des Kindes hatte die Flucht ergriffen. Er war fort.

Auch er blieb nicht an derselben Stelle; denn Sir Joseph Bowley, der Freund und Vater der Armen, hielt ein großes Festmahl in Bowleyhall zu Lady Bowleys Geburtstagsfeier; und da Lady Bowley am Neujahrstage geboren war (was die Lokalblätter als einen besonderen Fingerzeig der Vorsehung betrachteten, daß Nummer eins die der Lady Bowley in der Schöpfung bestimmte Zahl sei), so fand dieses Festmahl an einem Neujahrstage statt.

Bowleyhall war voller Gäste. Der Herr mit dem roten Gesicht war da, Mr. Filer war da, der große Ratsherr Cute war da – Ratsherr Cute hatte besonders Sympathie für vornehme Leute, und sein Verhältnis zu Sir Joseph Bowley hatte sich, seitdem er jenen zuvorkommenden Brief geschrieben hatte, bedeutend gebessert; er war seit der Zeit geradezu ein Freund der Familie geworden – und viele Gäste waren da. Trottys Geist war auch da, und das arme Phantom wanderte unstet umher und blickte sich nach seinem Führer um.

In der großen Halle sollte ein großes Diner stattfinden, bei dem Sir Joseph Bowley in seiner berühmten Stellung als Freund und Vater der Armen seine große Rede halten wollte. Von seinen Freunden und Kindern sollten zuerst in einer andern Halle gewisse Plumpuddings verzehrt werden und auf ein gegebenes Zeichen sollten die Freunde und Kinder, indem sie sich zu ihren Freunden und Vätern gesellten, eine Familienversammlung bilden, bei der vor lauter Rührung kein männliches Auge trocken bleiben konnte.

Doch es sollte sich noch mehr ereignen. Sogar noch viel mehr als das. Sir Joseph Bowley, Baronet und Parlamentsmitglied, wollte mit seinen Bauern eine Partie Kegel, tatsächlich Kegel spielen.

»Das erinnert einen ganz«, sagte Ratsherr Cute, »an die Tage des alten Königs Heinz, des starken Königs Heinz, des dicken Königs Heinz. Ach, ein herrlicher Charakter!«

»Außerordentlich«, sagte Mr. Filer trocken. »Das heißt, indem er heiratete und seine Frauen dann ermorden ließ. Beiläufig gesagt gibt es bedeutend mehr Frauen als nötig ist.«

»Nicht wahr, du wirst die schönen Damen heiraten und sie nicht ermorden?« sagte Ratsherr Cute zu dem zwölfjährigen Erben von Bowley. »Ein lieber Knabe! Wir werden diesen kleinen Gentleman im Parlament haben«, fuhr der Ratsherr fort, indem er ihn bei den Schultern nahm und so nachdenklich ansah, wie es ihm irgend nur möglich war, »ehe wir es uns versehen. Wir werden von seinen Erfolgen bei der Wahl, seinen Reden im Hause, seinen ihm vom Ministerium gemachten Anerbietungen, seinen herrlichen Leistungen aller Art hören. Ach! wir werden unsere kleinen Reden über ihn im Stadtrate halten, darauf wette ich, ehe wir Zeit haben werden, uns danach umzusehen.«

»O, den Unterschied machen Schuh und Strümpfe«, dachte Trotty, doch sein Herz sehnte sich nach dem Kinde, vor Liebe zu denselben schuh- und strumpflosen Knaben, die die Kinder der Meg hätten sein können, und von denen Ratsherr Cute vorausgesagt hatte, daß sie schlecht sein würden. »Richard«, seufzte Trotty, indem er zwischen der Gesellschaft auf und nieder schritt, »ich kann Richard nicht finden, wo ist Richard?«

Wahrscheinlich nicht dort, wenn er noch lebt! Sein Schmerz und seine Einsamkeit verwirrte Trotty, und er wandelte immer noch mitten unter der stattlichen Gesellschaft umher, sah sich nach seinem Führer um und sagte: »Wo ist Richard? Zeige mir Richard.«

Gerade als er auf und nieder wandelte, begegnete er Mr. Fish, dem Geheimsekretär, in großer Aufregung.

»Bei meiner Seele«, sagte Mr. Fish, »wo ist Ratsherr Cute? Hat niemand den Ratsherrn gesehen?«

Den Ratsherrn gesehen? O lieber Gott, wer konnte den Ratsherrn nicht sehen! Er war so vorsorglich, so leutselig, er dachte so viel an den natürlichen Wunsch der Leute, ihn zu sehen, daß, wenn er einen Fehler hatte, es der war, einem beständig vor Augen zu sein. Und wo es vornehme Leute gab, da war gewiß auch Cute, den natürlich die Verwandtschaft zwischen großen Seelen dorthin zog.

Einige riefen, daß er sich in einem Zirkel befände, der um Sir Joseph stand. Mr. Fish drängte sich dorthin durch, fand ihn und führte ihn an ein Fenster, um heimlich mit ihm zu sprechen. Trotty gesellte sich zu ihnen. Nicht aus eigenem Antrieb. Er fühlte, daß seine Schritte dorthin gelenkt wurden.

»Mein lieber Ratsherr Cute«, sagte Mr. Fish, »ein wenig weiter hierher. Ein schreckliches Ereignis! Ich habe diesen Augenblick die Nachricht erhalten. Ich denke, es wird das beste sein, Sir Joseph nichts mitzuteilen, bis der Tag vorüber ist. Sie kennen Sir Joseph und werden mir Ihre Meinung sagen. Ein entsetzliches, fürchterliches Ereignis!«

»Fish«, entgegnete der Ratsherr, »mein lieber Mann, was gibt's? Doch keine Revolution, hoff' ich? Nein – doch nichts Aufrührerisches gegen die Obrigkeit?«

»Deedles, der Bankier«, keuchte der Sekretär, »Deedles Gebrüder, der heute hier sein sollte, hoch in Würden bei der Goldschmiedszunft –«

»Hat doch nicht die Zahlungen eingestellt?« rief der Ratsherr aus. »Das kann nicht sein!«

»Hat sich erschossen!«

»Guter Gott!«

»Er hat eine Doppelpistole in seinem Bankhaus an den Mund gesetzt«, erzählte Mr. Fish, »und sich das Gehirn ausgebrannt. Keine Ursache – fürstliche Verhältnisse!«

»Verhältnisse«, rief der Ratsherr aus. »Ein Mann von ungeheurem Vermögen. Einer der respektabelsten Männer. Selbstmord, Mr. Fish; von seiner eigenen Hand.«

»Am heutigen Morgen«, entgegnete Mr. Fish.

»O das Gehirn, das Gehirn«, rief der fromme Ratsherr aus, und erhob die Hände gen Himmel! »O die Nerven, die Nerven! Die Geheimnisse der Maschine, die man Mensch nennt! O wie wenig bedarf es, um sie aus den Fugen zu bringen. Arme Geschöpfe, die wir sind! Vielleicht ein Diner, Mr. Fish! Vielleicht das Benehmen seines Sohnes, der, wie ich gehört habe, sehr leichtsinnig lebte und ohne die geringste Erlaubnis Wechsel auf ihn zu ziehen pflegte! Ein höchst respektabler Mann! Einer der respektabelsten Männer, die ich kenne. Ein beklagenswertes Beispiel, Mr. Fish, ein öffentliches Unglück! Ich werde den Antrag stellen, tiefe Trauer anzulegen. Ein höchst respektabler Mann! Doch es lebt Einer über uns. Wir müssen uns unterwerfen!«

Wie, Ratsherr? Kein Wort von Ausrottung des Selbstmordes? Denk' an deine hohe Moral und deinen prahlerischen Stolz, Richter! Komm, Ratsherr! Nimm diese beiden Wagschalen. Wirf in diese eine, die leere, ein armes Weib ohne Nahrung, das vor Elend und Hunger stirbt und bei der die Quelle der Natur verdorrt, ausgetrocknet und unerbittlich ist gegen die Ansprüche, auf die ihr Kind ein Anrecht hat von der Mutter Eva her. Wäge mir die zwei, Daniel, der du zu Gericht gehst, wenn dein Tag kommt! Wäge sie vor den Augen der Tausende von Gequälten, die der greulichen Komödie, die du spielst, zuhören. Oder angenommen, deine fünf Sinne gingen dir verloren – es liegt nicht so fern, daß dies nicht leicht geschehen könnte – und du legtest Hand an dich selber, als eine Warnung für deinesgleichen (wenn es deinesgleichen gibt), wenn sie ihre gemütliche Schlechtigkeit den zum Wahnsinn getriebenen Gemütern und verzweifelten Herzen vorkrächzen. Was dann?

Die Worte kamen aus Trottys Brust, als wenn sie eine fremde Stimme in ihm gesprochen hätte. Ratsherr Cute verpflichtete sich Mr. Filsh gegenüber, daß er ihm behilflich sein wollte, die traurige Katastrophe Sir Joseph beizubringen, wenn der Tag vorüber wäre. Dann sagte er in der Bitterkeit seines Schmerzes, Mr. Fish die Hand drückend: »Der ehrenwerteste der Menschen!« und fügte hinzu, daß er kaum wisse, nicht einmal er, warum so viel Kummer auf Erden geduldet würde.

»Man könnte fast denken, wenn man es nicht besser wüßte, sagte Cute, »daß manchmal in der allgemeinen Einrichtung der gesellschaftlichen Fabrik eine umstürzende Bewegung der Dinge stattfände. Gebrüder Deedles!«

Das Kegelspiel ging mit großem Erfolg vor sich. Sir Joseph warf die Kegel mit großem Geschick. Master Bowley spielte auch mit, auf kürzerer Bahn, und alle Welt sagte, daß nun, wo ein Baronet und der Sohn eines Baronets Kegel spielten, das Land wieder hochkommen würde, so schnell es könnte.

Dann wurde das Bankett serviert. Trotty begab sich unfreiwillig mit den übrigen in die Halle, denn er fühlte sich von einem stärkern Impuls, als sein freier Wille war, dorthin geführt. Es sah dort äußerst prächtig aus. Die Damen waren sehr hübsch, die Gäste heiter, fröhlich und guter Laune. Als die unteren Türen geöffnet wurden und die Leute in ihrer ländlichen Tracht hereinströmten, da erreichte die Schönheit des Schauspiels ihren Gipfel. Doch Trotty murmelte nur immer öfter: »Wo ist Richard? Er sollte ihr helfen und sie trösten! Ich kann Richard nicht sehen.«

Es wurden einige Reden gehalten und Lady Bowleys Gesundheit getrunken, und Sir Joseph Bowley hatte dafür seinen Dank abgestattet und seine große Rede gehalten, in der er mit verschiedenen Gründen bewies, daß er der geborene Freund und Vater usw., und hatte als Toast seine Freunde und Kinder und die Würde der Arbeit ausgebracht. Da zog im Hintergrunde der Halle eine kleine Störung Tobys Aufmerksamkeit auf sich. Nach einigem Wirrwarr, Lärm und Streit durchbrach ein Mann den Haufen und stand allein da.

Es war nicht Richard, Aber einer, an den er oft gedacht und den er erwartet hatte. Bei spärlichem Licht hätte er vielleicht an der Identität des alten, grauen, gebeugten, abgezehrten Mannes gezweifelt, aber bei dem hellen Schein der Lampen, der auf seinen knochigen Kopf fiel, erkannte er Will Fern, sobald derselbe nur hervortrat.

»Was ist das?« rief Sir Joseph sich erhebend aus. »Wer erlaubte diesem Manne den Zutritt? Dies ist ein Verbrecher aus dem Gefängnis. Mr. Fish, wollen Sie die Güte haben« –

»Eine Minute«, sagte Will Fern, »eine Minute, Mylady! Sie sind an dem heutigen Tage zugleich mit dem neuen Jahr geboren worden. Gestatten Sie mir nur eine Minute zu sprechen.«

Sie legte Fürbitte für ihn ein, und Sir Joseph setzte sich wieder mit angeborener Würde auf seinen Sessel.

Der zerlumpte Gast – denn er war elendiglich bekleidet – blickte im Kreise auf die Gesellschaft und bezeigte ihr durch einen demütigen Diener seine Ehrfurcht.

»Ihr vornehmen Leute«, sagte er, »ihr habt soeben auf das Wohl der Arbeiter getrunken. Seht mich an.«

»Er kommt geraden Weges aus dem Gefängnis«, sagte Mr. Fish.

»Geraden Wegs aus dem Gefängnis«, sagte Will, »und weder das erste, noch das zweite, noch das dritte oder vierte Mal.«

Mr. Filer bemerkte mürrisch, daß viermal über dem Durchschnitt sei und mehr, als sich gehöre; er soll sich schämen.

»Ihr vornehmen Leute«, wiederholte Will Fern, »seht mich an. Ihr seht, daß ich so übel daran bin, wie nur irgend möglich, so daß ihr mir weder schaden, noch helfen könnt; denn die Zeit, wo eure guten Worte oder guten Taten mir hätten nützen können – er schlug sich mit der Hand an die Brust und schüttelte den Kopf – ist mit dem Duft der Bohnen oder des Klees vom vorigen Jahre entflohen; aber für diese laßt mich ein Wort sagen – er zeigte auf die Arbeiter in der Halle – und wenn ihr wollt, so hört einmal die reine Wahrheit sprechen.«

»Es ist niemand hier!« sagte der Wirt, »der Ihn zum Sprecher haben möchte!«

»Sehr möglich, Sir Joseph, ich glaube es. Vielleicht ist nichtsdestoweniger wahr, was ich sage. Vielleicht beweist es dies sogar. Ihr vornehmen Leute, ich habe viele Jahre an diesem Orte gelebt. Ihr könnt noch die Hütte von dem Knick aus sehen. Sie macht sich gut auf einem Gemälde, habe ich sagen hören. Doch bei Gemälden gibt's kein Wetter. Und mag sein, sie taugt besser dazu, als zu einem Wohnhause. Indes, ich wohnte drin. Wie hart, wie bitter hart ich darin wohnte und lebte, will ich nicht sagen. Jeden Tag im Jahre und jedweden Tag könnt ihr es selber beurteilen.«

Er sprach, wie er an dem Abend gesprochen, als Trotty ihn auf der Straße fand; seine Stimme war tiefer und rauher und zitterte dann und wann ein wenig. Doch er erhob sie niemals leidenschaftlich, und selten sprach er stärker, als es die schlichten Gegenstände erforderten, von denen er redete. »Es ist härter, als ihr es euch denkt, ihr vornehmen Leute, in Ehren aufzuwachsen, nur mit dem gewöhnlichen Verstand mit Ehren an solch einem Orte. Daß ich zu einem Menschen und nicht zu einem Vieh wurde, wie ich es damals war, spricht etwas für mich. Wie ich jetzt bin, läßt sich für mich nichts sagen und nichts tun. Das ist vorüber für mich.«

»Es freut mich, daß dieser Mann gekommen ist«, sagte Sir Joseph und sah vergnügt um sich. »Man störe ihn nicht. Es scheint Bestimmung zu sein. Er ist ein Exempel, ein lebendes Exempel. Ich glaube und hoffe zuversichtlich, daß es für meine Freunde hier nicht verloren sein wird.«

»Ich schleppte mich durch«, sagte Fern nach kurzem Stillschweigen, »so oder so. Weder ich noch ein anderer weiß, wie; aber so schwer, daß ich kein fröhliches Gesicht machen oder den Leuten einreden konnte, ich wäre etwas anderes, als ich war. Ihr, Gentlemen, die ihr im Parlament sitzt, wenn ihr einen Mann seht mit unzufriedenen Zügen im Gesicht, so sagt ihr zueinander: Er ist verdächtig. Ich bin argwöhnisch, sagt ihr, in bezug auf Will Fern, bewacht diesen Kerl. Ich will nicht sagen, daß dies nicht ganz natürlich sei. Doch ich sage, es ist so und von dieser Stunde, was immer Will Fern tut oder läßt, alles gleich, es geht auf seine Kappe!«

Ratsherr Cute steckte seine Daumen in die Westentasche, lehnte sich zurück in seinen Stuhl, lächelte und blinzelte einem in der Nähe stehenden Armleuchter zu, als wenn er sagen wollte: »Natürlich, ich sagte es ja. Das gewöhnliche Geschrei! Gott steh' euch bei! Wir kennen alle diese Dinge genugsam – ich und die menschliche Natur.«

»Nun, Gentlemen«, sagte Will Fern, indem er die Hände ausbreitete und einen Augenblick sich sein hageres Gesicht rötete, »begreift wie eure Gesetze sind, um uns zu fangen und zu verfolgen, wenn wir bis dahin gekommen sind. Ich versuche anderswo zu leben. Und ich bin ein Vagabund, ich bin ein Landstreicher. Ins Gefängnis mit ihm! Ich gehe in eure Wälder, Nüsse zu pflücken, und breche – wer tut das nicht? – einen dünnen Zweig oder zwei ab. Ins Gefängnis mit ihm! Einer eurer Wildhüter sieht mich am hellen, lichten Tage in der Nähe eines Gartens mit einer Flinte. Ins Gefängnis mit ihm! Ich schneide mir einen Stock ab. Ins Gefängnis mit ihm! Ich esse einen verfaulten Apfel oder eine Rübe. Ins Gefängnis mit ihm! Es ist zwanzig Meilen von hier entfernt und als ich zurückkomme, bitte ich um eine Kleinigkeit auf der Straße. Ins Gefängnis mit ihm! Genug, der Polizist, der Wildhüter, jedermann findet mich überall und ich tue alles. Ins Gefängnis mit ihm; denn er ist ein Vagabund und ein bekannter Zuchthausvogel; das Zuchthaus ist seine einzige Heimat geworden.«

Der Ratsherr nickte weise mit dem Kopfe, als wollte er sagen: Wirklich eine sehr gute Heimat!

»Sage ich dies meinetwegen?« fuhr Fern fort. »Wer kann mir meine Freiheit, meinen guten Namen, meine unschuldige Nichte zurückgeben? Nicht alle Lords und Ladies im großen England. Doch, ihr Herren, wenn ihr mit andern gleich mir zu tun habt, so fangt am rechten Ende an. Gebt uns um Gottes willen bessere Wohnungen, als in denen wir in unserer Wiege liegen; gebt uns bessere Nahrung, wenn wir für unser Leben arbeiten, gebt uns gütigere Gesetze, um uns auf den rechten Weg zurückzuführen, wenn wir irre gegangen sind, und stellt uns nicht überall, wohin wir uns wenden, Kerker und Banden vor Augen. Es gibt kein Wohlwollen, das ihr dem Arbeiter dann zeigen könnt, das er nicht so bereitwillig und dankbar annehmen würde, als es einem Menschen nur möglich ist. Denn er hat ein geduldiges, friedliches, williges Herz. Aber ihr müßt den rechten Geist erst in ihm wecken. Denn mag er ein Wrack oder eine Ruine sein, wie ich, oder mag er denen gleichen, die gegenwärtig hier stehen, sein Gemüt ist euch jetzt entfremdet. Bringt es zurück, ihr vornehmen Leute, bringt es zurück, ehe der Tag kommt, wenn selbst seine Bibel bei seiner veränderten Gesinnung anders lautet und die Worte zu ihm zu sprechen scheint, wie es nur manchmal geschienen hat – im Gefängnis: »Wohin du gehst, da kann ich nicht hingehen. Wo du wohnst, da wohne ich nicht. Dein Volk ist nicht mein Volk und dein Gott ist nicht mein Gott.«

Eine plötzliche Bewegung und Aufregung gab sich in der Halle kund. Trotty dachte zuerst, daß sich mehrere erhoben hätten, um den Mann hinauszuwerfen, und daher käme die Veränderung. Doch der zweite Augenblick zeigte ihm, daß das Gemach und die ganze Gesellschaft aus seinen Augen verschwunden waren, und daß seine Tochter wieder an ihrer Arbeit vor ihm saß, doch in einem ärmlicheren, niedrigeren Stübchen als vorher und keine Lilly an ihrer Seite.

Der Rahmen, an dem diese gearbeitet hatte, war auf ein Bord gestellt und zugedeckt. Der Stuhl, auf dem sie gesessen, war nach der Wand gekehrt. In diesen Kleinigkeiten und in Megs kummervollem Gesicht war eine Geschichte zu lesen, o, wer hätte sie nicht lesen können!

Meg heftete ihre Augen auf ihre Arbeit, bis es zu dunkel war, um die Fäden zu sehen, und als die Nacht hereinbrach, zündete sie ihr schwaches Licht an und arbeitete weiter. Immer noch war ihr alter Vater unsichtbar in ihrer Nähe und blickte auf sie herab; er liebte sie, o wie herzlich liebte er sie! – und sprach zu ihr mit zärtlicher Stimme von den alten Zeiten und den Glocken, obgleich er wußte, der arme Trotty, daß sie ihn nicht hören konnte.

Ein großer Teil des Abends war vergangen, als es an der Tür klopfte. Sie öffnete. Ein Mann stand auf der Schwelle, ein zerlumpter, betrunkener, schmutziger Mensch, von Unmäßigkeit und Laster gezeichnet, und das wirre Haar und der ungeschorene Bart waren in wilder Unordnung. Doch zeigten noch einige Spuren, daß er in seiner Jugend ein Bursch von gutem Körperbau und hübschem Gesicht gewesen war.

Er blieb stehen, bis er Erlaubnis bekam, hereinzutreten, und sie, einen oder zwei Schritt von der Tür zurückweichend, blickte ihn schweigend und kummervoll an. Trottys Wunsch war erfüllt; er sah Richard.

»Darf ich hereinkommen, Meg?«

»Ja, komm nur herein.«

»Darf ich hereinkommen, Meg?« – »Ja, komm nur.«

Es war gut, daß Trotty ihn erkannt hatte, ehe er sprach. Denn wenn er noch gezweifelt hätte, dann würde ihn die heisere, rauhe Stimme glauben gemacht haben, daß es nicht Richard, sondern ein anderer Mann wäre.

Es waren nur zwei Stühle im Zimmer. Sie gab ihm den ihrigen, stellte sich einige Schritte vor ihn hin und wartete, was er ihr zu sagen habe.

Er setzte sich jedoch nieder und starrte nichtssagend auf den Boden mit einem dummen, glanzlosen Lächeln, ein Schauspiel von so tiefer Herabwürdigung, von so völliger Hoffnungslosigkeit, von so elender Verkommenheit, daß sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte und sich wegwandte, damit er nicht sehen sollte, wie sehr es sie erschütterte.

Durch das Knistern ihres Kleides oder irgendein unbedeutendes Geräusch erwachend, richtete er den Kopf auf und fing an zu sprechen, als ob seit seinem Eintritte keine Pause gewesen wäre: »Immer noch bei der Arbeit, Meg? Du arbeitest spät.«

»Ich tue es immer.«

»Und früh?«

»Auch früh.«

»Das sagte sie. Sie sagte, du würdest niemals müde, oder gebest es niemals zu, daß du müde wärest. Die ganze Zeit nicht, die ihr zusammenwohntet. Selbst dann nicht, wenn du zwischen Arbeit und Hunger halb ohnmächtig würdest. Doch ich sagte dir dies schon, als ich das letztenmal bei dir war?«

»Ja«, antwortete sie, »und ich bat dich, nichts mehr davon zu sagen. Und du gabst mir das feierliche Versprechen, Richard, daß du es niemals mehr tun wolltest.«

»Ein feierliches Versprechen«, wiederholte er mit blödsinnigem Lachen und nichtssagend ins Blaue starrend. »Ein feierliches Versprechen. So!« Nach einiger Zeit gleichsam sich ermunternd in der vorherigen Weise, sagte er mit unerwarteter Lebhaftigkeit: »Was kann ich dafür, Meg? Was soll ich tun? Sie ist wieder bei mir gewesen.«

»Wieder«, sagte Meg die Hände faltend. »O, denkt sie oft an mich? Ist sie wieder dagewesen?«

»Zwanzigmal«, sagte Richard. »Margarete, sie verfolgt mich förmlich. Sie kommt auf der Straße hinter mir drein und steckt es mir in die Hand. Ich höre ihren Fuß über die Asche gleiten, wenn ich in der Werkstätte bin. Ha, ha! das geschieht nicht oft! Und ehe ich den Kopf umdrehen kann, klingt mir ihre Stimme ins Ohr und sagt: ›Richard, drehe dich nicht um! Um des Himmels willen, gib ihr dies!‹ Sie bringt es mir in meine Wohnung. Sie schickt es mir in Briefen. Sie klopft an das Fenster und legt es auf das Fensterbrett. Was kann ich dazu tun? Sieh es einmal an.«

Er hielt in der Hand eine kleine Börse hin und klimperte mit dem Geld, das sie enthielt.

»Stecke sie ein«, sagte Meg, »stecke sie ein! Wenn sie wiederkommt, so sage ihr, Richard, daß ich sie von ganzer Seele liebe, daß ich mich niemals schlafen lege, ohne sie zu segnen und für sie zu beten, daß ich bei meiner einsamen Arbeit beständig an sie denke, daß ich Tag und Nacht bei ihr bin, daß ich, wenn ich morgen sterbe, mit meinem letzten Atemzuge an sie denken werde, daß ich aber dies nicht ansehen kann.«

Er zog die Hand langsam zurück und sagte, die Börse zusammendrückend, mit einer Art schläfriger Bedachtsamkeit: »Ich sagte es ihr schon. Ich sagte es ihr in dürren Worten, wie es Worte nur ausdrücken können. Ich habe dieses Geschenk ein dutzendmal wieder zurückgenommen und bei ihrer Tür liegen lassen. Aber wenn sie nun wiederkam und vor mir stand, Auge in Auge – was konnte ich tun?«

»Du sahst sie?« rief Meg aus, »du sahst sie? O Lilly, mein süßes Mädchen! O Lilly, Lilly!«

»Ich sah sie«, fuhr er fort, nicht als Antwort, sondern immer noch mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. »Da stand sie und zitterte: ›Wie sieht sie aus, Richard? Spricht sie immer noch von mir? Hat sie abgenommen? Mein alter Platz am Tische – wer sitzt an meinem Platz? Und der Rahmen, an dem sie mich sticken lehrte – hat sie ihn verbrannt, Richard?‹ – So war es. Das hörte ich sie sagen.«

Meg unterdrückte ihre Seufzer und beugte sich, während Tränen aus ihren Augen flossen, über ihn, um zu horchen und keinen Hauch zu verlieren.

Die Arme auf die Knie gestützt und auf seinem Stuhle sich vornüber lehnend, als wenn seine Aussage in einer halblesbaren Schrift, die er entziffern und zusammenreimen müßte, auf dem Boden geschrieben stände, fuhr er fort: »– ›Richard, ich bin sehr tief gefallen, und du kannst dir denken, wieviel ich gelitten habe, da mir dies zurückgeschickt wurde, wenn ich es über mich gewinnen kann, es mit eigener Hand wiederzubringen. Doch du liebtest sie einst und immer noch, solange ich mich entsinnen kann. Anderes trat zwischen euch; Ungewißheit, Zweifel, Eifersucht, Eitelkeit entfremdeten dich ihr. Doch du liebtest sie immer, soweit ich mich erinnern kann.‹ – Ich glaube, es ist wahr«, sagte er sich selbst unterbrechend. »Doch das gehört nicht hierher. – ›O Richard, wenn du sie jemals liebtest, wenn du ein Gedächtnis hast für das, was dahin und verloren ist, nimm es ihr noch einmal mit! Noch einmal! Sag' ihr, wie ich dich bat und dich drängte. Sag' ihr, wie ich meinen Kopf auf deine Schulter legte, wo vielleicht ihr Kopf gelegen hat, und wie ich so demütig gegen dich war, Richard. Sag' ihr, daß du mir ins Gesicht blicktest und daß alle die Schönheit, die sie an mir zu preisen pflegte, dahin, ganz dahin sei und an ihrer Stelle eine bleiche, hohle, dürftige Wange, über die sie weinen würde, wenn sie sie sähe. Sag' ihr alles und nimm es wieder mit, und sie wird es nicht wieder abschlagen, sie wird nicht das Herz haben!‹ –«

So saß er träumerisch da und wiederholte die letzten Worte, bis er wieder wach wurde und aufstand.

»Du willst es nicht nehmen, Meg?«

Sie schüttelte den Kopf und bat ihn, sie zu verlassen.

»Gute Nacht, Meg.«

»Gute Nacht.«

Er wandte sich um, um sie anzusehen, bestürzt über ihren Schmerz und vielleicht von dem Mitleiden für ihn selber, das in ihrer Stimme zitterte. Es war die Bewegung eines Augenblicks, und ein Anflug seiner früheren Haltung belebte seine Gestalt. Im nächsten Augenblicke ging er, wie er gekommen war, und jener Funken eines erloschenen Feuers schien ihm nicht zu einem lebendigeren Bewußtsein seiner Erniedrigung zu leuchten.

Meg mußte in allen Stimmungen, bei allen Schmerzen, bei allen Qualen des Leibes und der Seele arbeiten. Sie setzte sich nieder und nähte. Nacht, Mitternacht – sie arbeitete immer noch.

Sie unterhielt ein dürftiges Feuer, da die Nacht sehr kalt war, und stand bisweilen auf, um es zu schüren. Die Glocken schlugen halb ein Uhr, während sie sich damit beschäftigte, und als sie ausgeschlagen hatten, hörte sie ein leises Klopfen an der Tür. Ehe sie sich nur wundern konnte, wer zu dieser ungewöhnlichen Stunde kommen könnte, wurde die Tür geöffnet.

O Jugend und Schönheit, glücklich, wie ihr sein sollt, schaut hin! O Jugend und Schönheit, gesegnet und segnend alles, was in euren Bereich kommt, und die Zwecke eures gütigen Schöpfers erfüllend, blicket hin!

Sie sah die eintretende Gestalt, rief ihren Namen aus, rief »Lilly!«

Sie war behend und fiel vor ihr auf die Knie nieder, und klammerte sich an ihr Gewand.

»Steh auf, meine Lilly! Steh auf, liebstes Mädchen!«

»Nie, Meg, nie! Hier, hier bei dir will ich sein, dich in meinen Armen halten, deinen lieben Atem mich anwehen lassen!«

»Süße Lilly, liebste Lilly, Kind meines Herzens! Keiner Mutter Liebe kann zärtlicher sein! Lege dein Haupt an meine Brust.«

»Nie mehr, Meg, nie mehr! Als ich zum erstenmal dein Gesicht erblickte, knietest du vor mir. Auf den Knien vor dir laß mich sterben, hier sterben!«

»Du bist zurückgekommen! Mein Herzenskind, wir wollen miteinander leben, miteinander arbeiten, hoffen, miteinander sterben!«

»Ach, küsse meinen Mund, Meg! Schlinge deine Arme um mich! Drücke mich an deine Brust! Sieh gütig auf mich – doch hebe mich nicht auf. Laß mich hier liegen, laß mich dein liebes Gesicht zum letztenmal auf meinen Knien sehen!«

O Jugend und Schönheit, glücklich wie ihr sein sollt, schaut hierher! O Jugend und Schönheit, die ihr die Zwecke eines allgütigen Schöpfers erfüllt, sehet hierher!

»Vergib mir, Meg! O Liebe, Liebe, vergib mir. Ich weiß, du tust es, ich sehe, du tust es, doch sage es mir, Meg!«

Sie sagte es ihr, mit den Lippen auf Lillys Wange, und mit ihren Armen umschlang sie – das wußte sie – ein gebrochenes Herz.

»Gott segne dich, mein süßes Kind! Küsse mich noch einmal!« ›Er ließ sie zu seinen Füßen sitzen und sie mit ihrem Haar trocknen.‹Christus und die büßende Magdalena O Meg, welches Mitleid! welch Erbarmen!

Als sie starb, berührte der Geist des zurückkehrenden Kindes, unschuldig und strahlend, den alten Mann mit seiner Hand und winkte ihm fortzugehen.


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