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Weihnachtserzählungen

Charles Dickens: Weihnachtserzählungen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleWeihnachtserzählungen
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Silvester-Glocken.

Eine Koboldgeschichte

Erstes Viertel

Es gibt nicht viele Leute – und da es wünschenswert ist, daß ein Geschichtenerzähler und seine Leser so bald als möglich sich gegenseitig verstehen, so erlaube ich mir, zu bemerken, daß ich diese Beobachtung weder auf junge Leute, noch auf kleine Leute beschränke, sondern daß sie allen Arten von Leuten, kleinen und großen, jungen und alten, noch heranwachsenden und bereits wieder zurückwachsenden gilt; es gibt, sage ich, nicht viele Leute, die gern in einer Kirche schlafen möchten. Ich meine, nicht während der Predigt bei warmem Wetter (wo es wirklich ein- oder zweimal geschehen ist), sondern bei Nacht und allein. Eine große Menge von Menschen würde diese Behauptung, wenn ich sagen wollte: am lichten Tage, gewaltig in Erstaunen setzen. Aber es handelt sich um die Nacht. Es muß genau verstanden werden: um die Nacht. Und ich will dies erfolgreich an einem ersten besten stürmischen Wintertage mit dem ersten besten Gegner beweisen, der allein mit mir auf einen alten Kirchhof, vor eine alte Kirchentür kommen und mir im voraus die Vollmacht geben will, ihn bis zum frühen Morgen, wenn dies zu seinem besonderen Vergnügen notwendig ist, einzuschließen.

Denn der Nachtwind hat die böse Gewohnheit, um ein Gebäude dieser Art herumzujagen und dabei zu seufzen, mit unsichtbarer Hand an die Fenster und Türen zu rütteln und irgendeine Spalte zu suchen, durch welche er hineinkommen könnte. Und wenn er sich schließlich hineingeschlichen hat, dann wimmert und heult er wie einer, der nicht findet, was er sucht, um wieder hinauszukommen, und begnügt sich nicht, durch die Seitenschiffe zu stürmen, um die Pfeiler zu sausen und die feierliche Orgel zu schlagen, sondern schwingt sich zur Decke hinauf und möchte die Balken zertrümmern; dann wirft er sich verzweifelt auf die Steine hinunter und steigt murmelnd in die Grabgewölbe. Heimlich leise kommt er wieder herauf und schleicht sich längs den Mauern hin: dann scheint er leise flüsternd die den Toten geweihten Grabschriften zu lesen. Bei der einen bricht er in ein schrilles Gelächter aus, bei andern klagt und seufzt er. Es klingt auch ganz unheimlich, wenn er sich hinter einen Altar verkriecht; dort ist es schier, als ob er in seiner wilden Weise von Unheil und Mord und von der Anbetung falscher Götzen singe trotz der Gesetzestafeln, die so glatt und schmuck aussehen und doch so oft geschändet und gebrochen werden. Hu! Gott bewahre uns, wie wir so traulich ums Feuer sitzen! Er hat eine schreckliche Stimme, der Mitternachtswind, wenn er in einer Kirche singt!

Doch erst da hoch oben im Kirchturm! Da saust und pfeift er erst, der wilde Gesell! Hoch oben im Kirchturm, wo er durch manch luftigen Bogen und manch Guckloch frei herein- und hinauskommt und sich um die steile Treppe drehen und wenden kann, und wo er den kreischenden Wetterhahn umherwirbelt und den Turm selber erschüttert und beben macht! Hoch oben im Kirchturm, wo der Glockenstuhl ist und eiserne, vom Rost zernagte Riegel und die vom Wechsel der Witterung zusammengezogenen Blei- und Kupferdächer unter dem ungewohnten Tritte knacken und knarren: wo Vögel ihre ärmlichen Nester in die Ecken von alten eichenen Sparren und Balken bauen, und der Staub alt und grau wird, und gesprenkelte Spinnen in gemächlicher Sicherheit mit fettem Leibe unter der zitternden Schwingung der Glocken, ohne in ihren aus Fäden gewobenen Luftschlössern den Halt zu verlieren, sich hin- und herschwingen, oder in plötzlicher Unruhe wie Matrosen klettern oder auf den Boden hinabgleiten und zwanzig zarte Beinchen in Bewegung setzen, um ein armseliges Leben zu retten! Hoch oben in einem alten Kirchturm, weit über dem Licht und dem Geräusch der Stadt und tief unter den eilenden Wolken, welche dieselbe beschatten, ist es bei Nacht ein schauerlicher und gespenstiger Ort; und hoch oben in dem steilen Turm einer alten Kirche befanden sich die Glocken, von denen ich erzählen will.

Es waren alte Glocken, das könnt Ihr glauben. Vor Jahrhunderten waren diese Glocken von Bischöfen getauft worden, und zwar vor so viel Jahrhunderten, daß ihr Taufschein und ihr Taufregister lange, lange vor Menschengedenken verloren gegangen war und niemand ihre Namen wußte. Sie hatten natürlich ihre Paten und Patinnen und ohne Zweifel auch ihre silbernen Becher gehabt ( à propos, ich meinerseits möchte lieber die Verantwortung auf mich nehmen, Pate einer Glocke als eines Jungen zu sein). Die Zeit hatte dann ihre Paten abgemäht und Heinrich VIII. ihre Becher eingeschmolzen; und so hingen sie nun namenlos und becherlos in dem Kirchturm.

Indes nicht sprachlos. Vielmehr hatten diese Glocken gar helle, laute, kräftige, klangvolle Stimmen, und weit und breit hörte man sie, auf dem Winde dahergetragen. Jedoch waren es viel zu derbe Glocken, um sich völlig vom Wind abhängig zu machen; und wenn diesen böse Laune plagte, dann klangen sie gebieterisch dem Winde entgegen, und echt königlich drangen ihre heiteren Klänge an ein lauschendes Ohr; und wenn sie sich's vorgenommen hatten, in einer stürmischen Nacht von einer armen Mutter, die bei ihrem kranken Kinde wachte, oder von einem verlassenen Weibe, deren Mann auf der See war, gehört zu werden, dann sollen sie bisweilen einen tosenden Nordwestwind übertäubt haben, wie Toby Veck erzählte: denn sein Name war Toby, obwohl sie ihn alle Trotty Veck nannten, und niemand konnte ohne besonderes Parlamentsgesetz etwas anderes daraus machen (außer etwa Tobias), da er seiner Zeit ebenso gesetzlich, wie die Glocken zu der ihrigen, wenngleich nicht mit ebenso großer Feierlichkeit oder Volksfreude getauft worden war.

Ich meinerseits bekenne mich zu Toby Vecks Glauben, und ich denke, er hat Gelegenheit genug gehabt, sich eine durchaus korrekte Meinung zu bilden. Und was Toby Veck sagte, das sag' ich und stehe ihm bei, wiewohl er den ganzen Tag (ein schweres Stück Arbeit!) außen an der Kirchtür stand. Toby Veck war nämlich Packträger und wartete dort auf Arbeit.

Das war freilich ein windiger Platz, dort im Winter zu warten, und man bekam dort Gänsehaut, blaue Nasen, erfrorene Zehen und Zähneklappern, wie Toby Veck recht wohl wußte. Der Wind kam reißend um die Ecke besonders der Ostwind als wenn er expreß von den Grenzen der Erde dahergekommen wäre, um Toby abzublasen. Manchmal schien er ihn früher getroffen zu haben, als er erwartet hatte, denn wenn er um die Ecke sprang und an Toby vorüberfuhr, dann kehrte er plötzlich wieder um, als wenn er sagte: »Ha, hier ist er!« Dann zog er ihm seine kleine weiße Schürze über den Kopf, wie einem ungezogenen Knaben sein Röckchen; sein kleiner schwacher Stock kämpfte und stemmte sich nutzlos in seiner Hand; seine Beine zitterten und bebten, und Toby selber, der sich bald nach dieser bald nach jener Seite drehte, wurde so gerüttelt und geschüttelt, hin- und hergeworfen und zerzaust, geschoben und emporgehoben, daß es um ein Haar ein richtiges Wunder war, daß er nicht bei lebendigem Leibe, wie bisweilen eine Schar Frösche oder Schnecken oder andere leicht bewegliche Geschöpfe, einfach durch die Luft geführt und in irgendeinem fremden Erdwinkel, wo Packträger unbekannt sind, zum großen Erstaunen der Eingeborenen wieder herniedergeregnet wurde. Trotz alledem war windiges Wetter für Toby, obwohl es ihm so hart mitspielte, eine Art Feiertag. Das ist Tatsache. Die Zeit, bis er wieder einen Sixpence verdiente, wurde ihm nicht so lang im Winde, wie bei anderer Witterung; denn es nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch, wenn er mit diesem ungestümen Element zu kämpfen hatte, und es erfrischte ihn ordentlich, wenn er hungrig oder niedergeschlagen war. Auch harter Frost oder Schneewetter war für Toby ein Ereignis und schien ihm auf diese oder jene Art gut zu tun, obgleich es schwierig wäre zu sagen, auf welche Art! So waren die Wind-, Frost- und Schneetage und vielleicht ein tüchtiges Hagelwetter in Toby Vecks Kalender rot angestrichen.

Sein ärgster Feind war Regenwetter: die kalte, schmutzige, klebrige Nässe, die ihn gleichsam in einen feuchten Mantel einhüllte; die einzige Art von Mantel, die Toby besaß oder deren Nichtdasein zu seiner Behaglichkeit beigetragen haben würde. Nasse Tage, wenn der Regen langsam, dicht, hartnäckig niederfiel; wenn die Straßen voll Nebel waren, daß er zu ersticken vermeinte, Regenschirme hin- und herliefen und sich um und um drehten wie Drehwürfel, indem sie auf den überfüllten Trottoirs aneinanderprallten und einen kleinen Strudel von unangenehmen Tropfen um sich sprühten; wenn die Rinnsteine plätscherten und Dachrinnen gefüllt und voller Lärm waren; wenn die Nässe von den vorspringenden Steinen der Kirche dripp, dripp, dripp auf Toby fiel und sofort das Bündel Stroh, auf dem er stand, zu bloßem Moder machte; das waren die Tage, die ihn quälten. Dann sah er aus seinem Versteck in einer Ecke der Kirchenmauer ein so kärglicher Zufluchtsort, der im Sommer keinen größeren Schatten hat, als ein mitteldicker Spazierstock auf dem sonnigen Pflaster wirft mit sehnsüchtigem, bekümmertem und langem Gesicht. Kam er aber eine Minute später daraus hervor, um sich durch Bewegung zu wärmen, und trabte er einige dutzendmal auf und nieder, so heiterte sich sein Antlitz auf, und er kehrte helleren Blickes in seine Nische zurück.

Man nannte ihn Trotty oder den Traber wegen seines Ganges, der schnell sein sollte, wenn er es gleich nicht war. Er hätte vielleicht schneller gehen können, sogar wahrscheinlich; aber hätte man Toby seinen Trab genommen, er wäre bettlägerig geworden und gestorben. Sein Trab bespritzte ihn mit Schmutz bei nassem Wetter; er kostete ihn unsäglich viel Plage; er hätte unendlich viel bequemer gehen können; doch dies war gerade ein Grund, weshalb er so hartnäckig daran festhielt. Ein schwacher, kleiner, dünner, alter Mann seiner Natur nach, war Toby ein wahrer Herkules in seinen guten Absichten. Er verdiente gern sein Geld. Er war glücklich zu glauben, Toby war sehr arm und konnte nicht leicht eine seiner Freuden entbehren daß er sein Brot ehrlich verdiene. Wenn er für l Schilling oder 18 Pence eine Botschaft zu besorgen oder ein kleines Paket zu tragen hatte, dann stieg sein innerer hoher Mut noch viel höher. Wenn er dahertrabte, dann rief er schnellen Postboten, die vor ihm hergingen, zu, sie möchten aus dem Wege gehen; denn er glaubte aufrichtig, daß er im natürlichen Gange der Dinge sie selbstverständlich überholen und über den Haufen laufen müsse; und er hegte die völlige, wiewohl nicht oft auf die Probe gestellte Überzeugung, daß er alles zu tragen vermöge, was irgend jemand zu heben imstande sei.

So trabte Toby sogar, wenn er aus seinem Winkel hervorkam, um sich an einem nassen Tage zu wärmen. Mit seinen leckenden Schuhen eine krumme Linie von weichen Fußtapfen in dem Schmutz zurücklassend; die kalten Hände blasend und reibend, die vor der eindringenden Kälte nur spärlich durch abgetragene graue Wollhandschuhe, mit einer besondern Abteilung bloß für den Daumen und einem gemeinschaftlichen Raume für die übrigen Finger, geschützt waren; mit gebogenen Knien und den Stock unter dem Arm trabte Toby immer fort. Auch wenn er sich auf die Straße stellte, um nach dem Glockenstuhle zu sehen, wenn die Glocken läuteten, trabte Toby.

Diese letzte Exkursion machte er mehrmals des Tages, denn die Glocken waren seine Leidensgefährten; und wenn er ihre Stimme hörte, dann interessierte es ihn, nach ihrer Wohnung zu sehen und zu überlegen, wie sie in Bewegung gesetzt würden und was für Klöppel daran schlügen. Vielleicht war er um so neugieriger in betreff dieser Glocken, weil sie Vergleichungspunkte mit ihm darboten. Sie hingen dort bei jedem Wetter, dem Wind und Wetter ausgesetzt; sie sahen nur das Äußere dieser Häuser; sie kamen nie den glänzenden Feuern zu nahe, welche die Fenster beschienen oder aus den Schornsteinen hervorschlugen; sie hatten keinen Teil an all den guten Dingen, welche durch die Türen von der Straße oder durch die Gitter der Küchenfenster verschwenderischen Köchinnen gereicht wurden. An vielen Fenstern zeigten sich Gesichter und verschwanden wieder: manchmal hübsche, junge, liebliche Gesichter, manchmal das Gegenteil; Toby aber (obwohl er oft über diese Dinge nachdachte, wenn er müßig auf der Straße stand) wußte ebensowenig wie die Glocken, woher sie kamen oder wohin sie gingen, oder ob sie, wenn sie die Lippen bewegten, im ganzen Jahre ein freundliches Wort über ihn sagten.

Toby war kein Kasuist – wenigstens soviel er wußte und ich behaupte nicht, daß, als er zuerst Zuneigung zu den Glocken faßte und aus einer zuerst nur flüchtigen Bekanntschaft nach und nach eine zärtlichere und intimere Zuneigung wurde, er sich von allem genau Rechenschaft ablegte, oder seine Gedanken buchstäblich Revue passieren ließ. Das aber will ich sagen und sag' ich, daß so, wie Tobys leibliche Funktionen, z. B. seine Verdauungswerkzeuge, durch ihre eigene Klugheit und mittels einer großen Anzahl von Operationen, die ihm alle durchaus unbekannt waren, und deren Kenntnis ihn in sehr großes Erstaunen gesetzt haben würde, zu einem gewissen Ziele kamen; so setzten seine geistigen Fähigkeiten ohne sein Wissen oder Zutun alle diese Räder und Federn nebst tausend andern in Bewegung, als sie an seiner Neigung zu den Glocken arbeiteten.

Ja, wenn ich gesagt hätte: an seiner Liebe, so würde ich das Wort nicht widerrufen, wiewohl es seine sehr komplizierten Empfindungen nicht ausgedrückt haben würde. Er war doch eben nur ein schlichter Mann, aber er bekleidete sie doch mit einem seltsamen feierlichen Charakter. Die Glocken waren so geheimnisvoll, man hörte sie oft und sah sie nie; sie waren so hoch oben, so weit entfernt, so voll von tiefer kräftiger Melodie, daß er sie mit einer Art Scheu anblickte; und bisweilen, wenn er zu den dunklen Bogenfenstern im Turme hinauf sah, erwartete er halb und halb, daß ihm etwas, das keine Glocke und doch dasjenige wäre, was er so oft im Glockengeläut klingen hörte, ihm ein Zeichen geben würde. Dessenungeachtet sprach Toby mit Entrüstung von einem raunenden Gerücht, daß es bei den Glocken spuke, und dies deutete die Möglichkeit an, daß sie mit irgend etwas Bösem in Verbindung ständen. Kurz, sie klangen ihm sehr oft in die Ohren und gingen ihm sehr oft durch die Gedanken, aber immer in bestem Sinne, und sehr oft bekam er sogar einen steifen Hals, wenn er mit offenem Munde nach dem Turme gaffte, in dem sie hingen, daß er nachher einmal oder zweimal mehr Trab laufen mußte, um seinen Hals wieder in Ordnung zu bringen.

Gerade dies tat er an einem kalten Tage, als der letzte schläfrige Klang der zwölften Stunde wie eine melodische Riesenbiene, keineswegs aber wie eine geschäftige Biene, durch den Turm summte.

»Ah, Mittagszeit!« sagte Toby und trabte vor der Kirche auf und ab. »Ah!«

Tobys Nase war sehr rot und seine Augenlider waren sehr rot, und er zwinkerte sehr viel und zog die Schultern sehr hoch an die Ohren, und seine Beine waren sehr kalt; kurz, er stand offenbar auf der Gefrierseite der Kälte.

»Ah, Mittagszeit!« wiederholte Toby, indem er seinen rechten Handschuh wie einen kleinen Boxerhandschuh brauchte und seine Brust dafür züchtigte, daß sie kalt war. »Ahhhh!«

Darauf trabte er ein oder zwei Minuten schweigend auf und ab.

»Da ist nichts«, begann Toby von neuem doch nun hielt er auf einmal inne und befühlte mit einem Gesicht, das großes Interesse verriet, und mit einiger Unruhe sorgfältig seine Nase ihrer ganzen Länge nach. Er war bald damit fertig, denn es war keine große Sache von einer Nase.

»Ich dachte, sie wäre fort«, sagt Toby und trabte weiter, »'s ist aber alles in Ordnung. Ich könnte ihr freilich keinen Vorwurf machen, wenn sie fort wäre; sie hat harten Dienst bei diesem kalten Wetter und sehr wenig zu erwarten: denn ich schnupfe nicht. Sie hat ihr gut Teil Pflege, das arme Geschöpf, im besten Falle; denn wenn sie einmal etwas Gutes riecht (was nicht so oft passiert), so geschieht dies gewöhnlich aus fremder Leut' Topf auf dem Wege vom Herd.«

Dieser Gedanke erinnerte ihn an den anderen, den er unvollendet gelassen hatte.

»Nichts ist regelmäßiger«, sagte Toby, »als die Wiederkehr der Mittagszeit und nichts unregelmäßiger als die Wiederkehr der Mittagsmahlzeit. Das ist der große Unterschied zwischen beiden. Es hat mich lange Zeit gekostet, dies herauszufinden. Ich möchte wohl wissen, ob es für einen Gentleman der Mühe wert ist, diese Bemerkung an eine Zeitung zu verkaufen; oder an das Parlament!«

Toby scherzte bloß, denn er schüttelte ernsthaft den Kopf in Selbstmißtrauen.

»Die Zeitungen«, fuhr Toby fort, »sind doch nur voll von Bemerkungen, alle wie sie da sind; und so ist's mit dem Parlament. Hier ist das letzte Wochenblatt«, und er nahm ein sehr schmutziges Blatt aus der Tasche und hielt es auf Armeslänge von sich weg; »voll von Bemerkungen! voll von Bemerkungen! Mir machte das Zeitunglesen so ein Vergnügen wie nur irgend jemand«, sagte Toby langsam, indem er es ein wenig kleiner faltete und es wieder in die Tasche steckte; »aber jetzt lese ich eine Zeitung mit Widerwillen. Sie erregt mir beinahe Furcht. Ich weiß nicht, was aus uns armen Leuten werden soll. Gott gebe, daß es uns im nächsten neuen Jahre besser gehen möge!«

»Vater, Vater!« rief eine liebliche Stimme ganz in seiner Nähe.

Aber Toby hörte sie nicht und fuhr fort rückwärts und vorwärts zu traben, nachdenklich und mit sich selber sprechend.

»Es scheint, wir können nicht den rechten Weg gehen oder das Rechte tun, oder uns Recht verschaffen«, sagte Toby. »Ich für meine Person ging nicht viel zur Schule, als ich klein war, und ich kann mir nicht klar machen, ob wir auf der Erde etwas zu schaffen haben oder nicht. Manchmal denke ich, wir müssen auf der Erde doch ein wenig zu tun haben, und andere Male denke ich wieder, wir müssen bloße Eindringlinge sein. Bisweilen werde ich so sehr irre, daß ich nicht einmal imstande bin, herauszubekommen, ob irgend etwas Gutes an uns ist oder ob wir von Natur böse sind. Es scheint, als ob wir schreckliche Dinge tun; es scheint, als ob wir große Müh' und Arbeit machen; immer beklagt man sich über uns und ist gegen uns auf der Hut. Auf die eine oder die andere Weise füllen wir die Blätter. Von einem neuen Jahre zu sprechen!« sagte Toby niedergeschlagen. »Ich kann so viel ertragen wie ein anderer größtenteils und mehr als die meisten, denn ich bin stark wie ein Löwe, und das sind wir nicht alle; aber angenommen, es wäre wirklich so, und wir hätten kein Recht auf ein neues Jahr angenommen, wir drängten uns wirklich nur auf «

»Heda, Vater, Vater!« rief die liebliche Stimme wieder. Diesmal hörte es Toby, erschrak, stand still und fand sich, indem er seinen Blick, den er in die Entfernung geworfen hatte, als wenn er im Herzen des neuen Jahres Aufklärung suchen wollte, auf die Nähe beschränkte, seiner Tochter gegenüber und blickte ihr tief in die Augen, in die eine Welt blicken konnte, ohne daß ihre Tiefe ergründet werden konnte. Schwarze Augen, welche die Augen zurückstrahlten, die in sie hineinsahen; nicht aufblitzend, außer wenn ihre Besitzerin es gerade wollte, sondern mit klarem, ruhigem, ehrlichem, beständigem Strahl verwandt dem Licht, welches der Himmel zum Sein berufen. Schöne, treue Augen, die von Hoffnung glänzten, von junger, schöner Hoffnung; so viel Hoffnung sprach daraus, die so kräftig und strahlend war trotz der zwanzig Jahre voll Arbeit und Armut, auf die sie bereits zurückblickten, daß sie für Toby Veck zu einer Stimme wurden und sagten: »Ich denke, wir haben auf Erden etwas zu schaffen ein klein wenig!«

Trotty küßte die Lippen, die zu den Augen gehörten, und drückte seine Hände an das blühende Gesichtchen.

»Nun, Meg«, sagte Trotty, »was gibt's? Ich erwartete dich heute nicht, Meg.«

»Ich glaubte auch nicht, daß ich kommen würde, Vater«, erwiderte das Mädchen, nickte mit dem Kopfe und lächelte. »Doch da bin ich! und nicht allein, nicht allein!«

»Du willst doch nicht sagen«, erwiderte Trotty und blickte neugierig nach einem verdeckten Korbe, den sie in der Hand trug, »daß du «

»Siehe nur, lieber Vater«, sagte Meg, »rieche nur!«

Natürlich wollte Trotty den Deckel sogleich aufheben, sogar sehr schnell, doch sie hielt scherzend ihre Hand darauf.

»Nein, nein, nein«, sagte Meg mit kindischer Lust. »Spare dir den Genuß ein bißchen länger auf. Ich will den Deckel ein wenig aufheben ein klein, klein wenig«, und sie tat es mit der äußersten Vorsicht und sprach so leise, als wenn sie fürchtete von irgend etwas in dem Korbe gehört zu werden. »So! Nun, was ist das?«

Toby schnupperte so schnell als möglich an dem Rande des Korbes, dann rief er voll Entzücken aus: »Ei, es ist etwas Heißes!«

»Brühend heiß!« entgegnete Meg. »Ha, ha, ha, kochend heiß!«

»Ha, ha, ha!« lachte Toby und machte einen Luftsprung. »Kochend heiß!«

»Aber was ist es, Vater?« sagte Meg. »Komm, du hast noch nicht erraten, was es ist. Und du mußt wissen, was es ist. Ich nehme es auf keinen Fall heraus, bis du erraten, was es ist. Sei nur nicht so ungeduldig! Wart' ein Weilchen! Ich mache den Deckel ein klein wenig mehr auf! Nun rate.«

Meg war geradezu in Not, daß er nicht zu schnell das Rechte raten möchte; sie zuckte zurück, indem sie den Korb hinhielt; sie zog ihre hübschen Schultern in die Höhe; sie hielt das Ohr mit der Hand zu, als wenn sie dadurch das rechte Wort in Tobys Munde zurückdrängen könnte, und lachte die ganze Zeit über leise.

Inzwischen beugte sich Toby, indem er auf jedes Knie eine Hand legte, mit der Nase auf dem Korb nieder und roch an dem Deckel lange, das stille Lachen auf seinem wettergebräunten Gesicht verbreitete sich, als wenn er Lachgas einatmete.

»Ah! Es ist etwas sehr Feines«, sagte Toby. »Es ist es riecht vornehmer als Knackwurst. Es riecht sehr fein. Es riecht mit jedem Augenblicke besser. Es riecht zu scharf für Kalbsfüße. Das ist es nicht!«

Meg war außer sich vor Freude. Er konnte nicht weiter fehlschießen als mit Kalbsfüßen oder gar mit Knackwurst.

»Leber?« fragte Toby bei sich selber. »Nein, es riecht so mild, daß es Leber nicht sein kann. Schweinsfüße? Nein. Für Schweinsfüße ist der Geruch nicht schwach genug. Für Hahnenköpfe fehlt es ihm an Schärfe. Und Bratwürste sind es nicht, das weiß ich. Ich will dir sagen, was es ist: es ist Gehirn!«

»Nein, das ist es nicht!« rief Meg mit herzlichem Lachen. »Nein, das ist es nicht!«

»O, was ich nur denke!« sagte Toby und nahm plötzlich eine so weit perpendikuläre Stellung an, als es ihm überhaupt möglich war. »Ich werde nächstens nicht mehr wissen, wie ich heiße. Kaldaunen sind's!«

Das war es! Und Meg versicherte hocherfreut, in einer halben Minute werde er gestehen, daß noch keine besseren Kaldaunen gedämpft wurden.

»Und nun«, sagte Meg, indem sie sich vergnügt mit dem Korbe zu schaffen machte, »will ich sogleich decken, Vater; denn ich habe die Flecke in einer Schüssel gebracht und die Schüssel in ein Taschentuch gebunden; und wenn ich einmal so vornehm bin und dies alte Tischtuch brauche und es so nenne, so kann mich kein Gesetz daran hindern, nicht wahr, Vater?«

»Daß ich nicht wüßte, meine Tochter«, erwiderte Toby: »wiewohl sie immer ein oder das andere neue Gesetz aufs Tapet bringen.«

»Und was ich dir neulich aus der Zeitung vorlas, Vater; du weißt schon, was der Richter sagte: wir armen Leute sollen sie alle kennen. Ha, ha, wie verkehrt geurteilt! Ach, du meine Güte, für wie klug halten sie uns!«

»Ja, du Gute«, erwiderte Toby; »und sie würden demjenigen gut bekommen, der sie wirklich alle wüßte. Er würde fett werden bei der Arbeit, die er leisten müßte, und bei allen Vornehmen in seiner Nähe beliebt werden. Gewiß sehr beliebt!«

»Er würde sein Mittagsbrot mit Appetit essen, was es auch immer wäre, und wenn es obendrein wie dies hier duftete«, sagte Gretchen vergnügt. »Iß schnell, denn es sind ein paar heiße Kartoffeln dabei und ein halbes Maß herrliches Bier in der Flasche. Wo willst du essen, Vater? Auf der Säule oder auf der Treppe? Du meine Güte, was für großartige Herrschaften wir sind! Wir haben zwischen zwei Plätzen zu wählen.«

»Heute auf der Treppe, meine Meg«, entgegnete Toby. »Auf der Treppe bei trocknem Wetter; auf der Säule bei nassem. Auf der Treppe ist's immer bequemer, von wegen des Sitzens; aber bei feuchter Witterung setzt's Flüsse.«

»Also hier«, sagte Meg und klatschte vergnügt in die Hände, nachdem sie einen Augenblick alles hergerichtet hatte; »hier ist's, fix und fertig! Und schön sieht's aus! Komm, Vater, komm!«

Seitdem Trotty den Inhalt des Korbes sozusagen entdeckt hatte, stand er zerstreut da, sah sie an und sprach ebenso ein deutliches Zeichen, daß er, obgleich seine Tochter trotz der Kuttelflecke der Gegenstand seiner Gedanken und Augen war, sie dennoch weder sah noch an sie dachte, wie sie in diesem Augenblick war, sondern daß irgendein phantastisches unbestimmtes Bild oder Drama ihres zukünftigen Lebens ihm vorschwebte. Nun aber von ihrer muntern Aufforderung aus seinem Traume geweckt, wollte er eben melancholisch den Kopf schütteln, aber er bezwang sich und trabte an ihre Seite. Gerade in dem Augenblick, als er sich niedersetzen wollte, läuteten die Glocken.

»Amen!« sagte Trotty den Hut abnehmend und blickte zu ihnen hinauf.

»Du sagst Amen zu den Glocken, Vater?« fragte Meg.

»Es klang mir auf einmal wie ein Gebet, meine liebe Tochter!« entgegnete Trotty und setzte sich. »Sie würden ein gar schönes Gebet beten, wenn sie könnten. Sie sagen gar vielerlei zu mir.«

»Die Glocken, Vater?« lachte Meg, als sie die Schüssel hinsetzte und ihm Messer und Gabel vorlegte. »Das verstehe ich nicht!«

»Nun, so kommt es mir vor, als ob sie mir mancherlei sagten«, erwiderte er und begann mit wirklichem Appetit seine Mahlzeit. »Ist denn das ein Unterschied? Wenn ich sie höre, was tut es, ob sie sprechen oder nicht? Ach, du lieber Gott«, fuhr Toby fort, indem er mit der Gabel nach dem Turm zeigte und beim Essen immer lebhafter wurde, »wie oft habe ich diese Glocken sagen hören: Toby Veck, Toby Veck, sei guten Muts, Toby! Toby Veck, Toby Veck, sei guten Muts, Toby! Eine Million Mal und mehr!«

»Nein, so etwas!« antwortete Meg.

Indes hatte sie dies allerdings mehr als einmal gehört, denn es war Tobys tägliches Gespräch.

»Wenn die Geschäfte schlecht gehen«, sagte Toby, »so ganz und gar schlecht, meine ich, fast so schlecht als möglich, dann klingt's von dorther: Toby Veck, Toby Veck, bald kommt etwas.«

»Und es kommt zuletzt immer, Vater,« sagte Meg mit einem trüben Ton in ihrer lieblichen Stimme.

»Jedesmal«, antwortete der arglose Toby; »niemals schlägt's fehl.«

Während dieser Unterhaltung setzte Toby ohne Unterbrechung seine Attacke auf das duftige Mahl fort, das vor ihm stand, und schnitt und aß und schnitt und trank und schnitt und kaute und fuhr umher von den Kaldaunen nach den Kartoffeln und von den Kartoffeln nach den Kaldaunen mit unermüdlichem trefflichen Appetit. Als er sich nun aber zufällig auf der Straße umsah für den Fall, daß jemand aus einer Tür oder einem Fenster nach einem Dienstmann, wie wir heute sagen würden, winken sollte begegneten seine Augen auf dem Rückwege Gretchen, die ihm mit gekreuzten Armen gegenübersaß und die an nichts anderes zu denken schien, als sich an seinen Fortschritten zu erfreuen.

»Gott verzeihe mir!« sagte Toby, indem er Messer und Gabel niederlegte. »Meine Taube, Meg! Warum sagtest du mir nicht, daß ich so unvernünftig bin?«

»Wieso, Vater?«

»Ich sitze hier«, entgegnete Trotty reumütig, »esse nach Leibeskräften, ja überfülle mir den Magen, und du sitzest vor mir und bist noch nüchtern und fastest und willst nicht essen, während «

»Ich habe schon gegessen, Vater«, unterbrach ihn seine Tochter lachend, »mit dem Fasten hat's gute Wege; ich habe gegessen.«

»Dummes Zeug«, entgegnete Trotty. »Eine Mahlzeit für zwei Personen an einem Tage! Das ist möglich! Du könntest mir ebensogut sagen, daß zwei Neujahrstage auf einen Tag fallen, oder daß ich mein Lebenlang einen Goldfuchs gehabt und ihn nicht gewechselt hätte.«

»Ich habe trotzdem meine Mahlzeit gehabt«, sagte Meg näherkommend. »Und wenn du mit der deinen fortfahren willst, will ich dir erzählen, wieso und wo; und wie es mir möglich war, dir etwas zu bringen; und und noch etwas anderes.«

Toby schien dies immer noch nicht glauben zu können, doch sie blickte ihm mit ihren klaren Augen ins Gesicht und bat ihn, indem sie ihre Hand auf seine Achsel legte, weiter zu essen, solange noch alles warm sei; da nahm Trotty Messer und Gabel wieder zur Hand und machte sich wieder ans Werk, doch viel langsamer als vorher und kopfschüttelnd, als wenn er mit sich gar nicht zufrieden wäre.

»Ich habe«, sagte Meg nach einigem Zaudern, »mit mit Richard zu Mittag gegessen. Er machte zeitig Mittag; und da er sein Essen mitbrachte, als er zu mir zum Besuch kam, so haben wir wir es miteinander geteilt, Vater.«

Trotty nahm einen Schluck Bier und schnalzte mit den Lippen. Dann sagte er: »O!« weil sie wartete.

»Und Richard sagt, Vater « nahm Meg wieder das Wort; dann stockte sie.

»Was sagt Richard, Meg?« fragte Toby.

» Richard sagt, Vater « sie stockte von neuem.

» Richard sagt lange«, meinte Toby.

»Er sagt also, Vater«, fuhr Meg fort, endlich die Augen aufschlagend, und sprach zwar mit zitternder, aber ganz vernehmlicher Stimme; »es sei beinahe wieder ein Jahr vergangen, und was es nütze, von Jahr zu Jahr zu warten, wenn es so unwahrscheinlich sei, daß wir jemals in besseren Verhältnissen sein würden, als wir jetzt sind? Er sagt, wir wären jetzt arm, Vater, und wir würden später arm sein; aber wir wären jetzt jung, und die Jahre würden uns alt machen, ehe wir es merkten. Er sagt, wenn wir, Leute in unserer Lage, warteten, bis wir ganz reinen Weg hätten, dann würden wir einen engen Weg zu gehen haben den Weg, den alle nehmen ins Grab, Vater.«

Ein kühnerer Mann als Trotty Veck hätte alle seinen Mut zusammennehmen müssen, um dies zu leugnen. Trotty schwieg also.

»Und wie hart ist's, alt zu werden, Vater, und zu sterben und daran zu denken, daß wir einander hätten erfreuen und helfen können. Wie hart, uns unser Leben lang zu lieben und sich jedes für sich zu grämen und zu arbeiten, sich schinden, alt und grau werden zu sehen. Im besten Falle sogar, wenn ich ihn vergäße (was ich niemals könnte), o lieber Vater, wie hart ist es, ein so liebevolles Herz wie das meine zu haben und es so nach und nach vertrocknen zu lassen, ohne die Erinnerung an einen glücklichen Augenblick im Leben des Weibes zu haben, die mir bliebe, wenn alles mich verlassen hat, was mich tröstete und mich besser machte!«

Trotty saß ganz still, Meg wischte ihre Augen ab und sagte dann heiterer, d.h. bald lachend und seufzend, und dann wieder lachend und seufzend zugleich: »So sagt Richard, Vater, da er nun für einige Zeit gewisse lohnende Arbeit hat, und da ich ihn liebe und drei volle Jahre ach, noch länger, wenn er es gewußt hätte! geliebt habe, so wollen wir uns am Neujahrstage verheiraten; es ist der beste und glückverheißendste Tag im ganzen Jahre, sagt er, der allen Liebenden Segen bringt. Allerdings ist es nur kurze Zeit bis dahin, Vater nicht wahr? aber mein Vermögen macht uns keine Schwierigkeiten, und mein Brautkleid habe ich heute schon an, darin bin ich vornehmer als große Damen. Vater, nicht wahr? So sagte er und sagte es in seiner Weise, so fest und ernst, und bei alledem so gut und freundlich, daß ich entgegnete, ich wollte zu dir gehen und mit dir sprechen, Vater. Und da man mir heute morgen unerwartet meine Arbeit bezahlt hat und da du eine ganze Woche sehr sparsam gelebt hast und ich wünschte, daß der heutige Tag eine Art von Feiertag für dich und ein guter glücklicher Tag für mich würde, so machte ich ein kleines Festessen zurecht, und ich brachte es dir, lieber Vater, um dich zu überraschen.«

»Und schau, wie kalt er es auf der Treppe werden läßt!« sagte eine andere Stimme.

Es war die Stimme des besagten Richard, der unbemerkt herangekommen war und plötzlich vor Vater und Tochter stand, mit einem Gesicht auf sie blickend, das so glühte wie das Eisen, auf welches sein starker Schmiedehammer täglich niederschmetterte. Es war ein hübscher, gutgebauter, kräftiger Bursche, mit Augen, die sprühten wie die glühenden Funken aus einem Ofen; schwarzen Haaren, die sich prächtig um seine braunen Schläfen lockten, und einem Lächeln, das Meggs Lob rechtfertigte.

»Schau, wie er es auf den Stufen kalt werden läßt!« sagte Richard. »Meg weiß nicht, was er gern ißt. Wirklich nicht!«

Trotty, ganz Feuer und Flamme, gab Richard sogleich die Hand und wollte ihn gerade eilig anreden, als die Haustür plötzlich geöffnet wurde und ein Bedienter fast in die Kaldaunen getreten wäre.

»Weg hier mit euch! Ihr müßt immer kommen und euch auf unsere Treppe setzen, müßt ihr! Ihr könnt nicht gehen und einmal mit unsern Nachbarn abwechseln, könnt ihr! Wollt ihr euch aus dem Wege scheren oder nicht?«

Genau genommen war die letzte Frage sehr überflüssig, denn sie hatten es bereits getan.

»Was gibt's, was gibt's?« fragte der Herr, dem die Tür aufgemacht wurde, indem er mit halbschwerem Schritte, einer eigentümlichen Verschmelzung von Schritt und langsamem Trab, aus dem Hause trat, mit dem ein Mann, welcher den Berg des Lebens bereits wieder hinabsteigt, knarrende Stiefel, eine Uhrkette und reine Wäsche trägt, nicht nur ohne seine Würde zu verletzen, sondern um sich selbst den Anschein zu geben, als hätte er irgendwo wichtige und einträgliche Geschäfte, aus dem Hause treten darf. »Was gibt's, was gibt's?«

»Ihr laßt Euch immer wieder kniefällig bitten und flehen«, sagte der Bediente mit großem Nachdruck zu Toby Veck, »unsere Treppe nicht zu belästigen. Warum laßt Ihr sie nicht? Könnt Ihr sie nicht frei lassen?«

»Na, ist gut, ist gut!« sagte der Herr. »Heda, Mann!« und er winkte Toby Veck mit dem Kopfe heran. »Kommt einmal her. Was ist das? Euer Mittagsbrot?«

»Ja, Herr«, entgegnete Trotty, und ließ es in der Ecke stehen.

Der Ratsherr stellt fest, daß Tobys Mittagessen eine Verschwendung ist.

Der Ratsherr stellt fest, daß Tobys Mittagessen eine Verschwendung ist.

»Laßt es nicht dort stehen«, rief der Herr; »bringt es mir hierher. So! Dies ist Eure Mittagsmahlzeit, he?«

»Ja, Herr«, erwiderte Trotty und blickte mit sehnsüchtigem Auge und einem Munde, in dem ihm das Wasser zusammenlief, nach den Kaldaunen, die er sich als Leckerbissen bis zuletzt aufgehoben hatte, und die der Herr um und umdrehte.

Zwei andere Herren waren mit dem ersten herausgekommen. Der eine war ein untersetzter Mann von mittleren Jahren, in dürftiger Kleidung und von unzufriedener Miene; er hatte beständig die Hände in den Taschen seiner pfeffer- und salzfarbigen knappen Hose, die infolge dieser Gewohnheit sehr weit abstanden, und war nicht besonders reinlich gewaschen und gebürstet. Der andere Herr trug einen blauen Frack mit blanken Knöpfen und eine weiße Halsbinde. Er hatte ein sehr rotes Gesicht, als wenn zuviel Blut aus seinem Körper sich nach dem Kopfe drängte, und dies war vielleicht auch der Grund, weshalb er recht kaltherzig zu sein schien.

Derjenige, der Tobys Mittagsmahl an der Gabel umdrehte, rief den ersteren unter dem Namen Filer heran, und sie steckten nun beide die Köpfe zusammen. Da Mr. Filer außerordentlich kurzsichtig war, mußte er sich die Überreste von Tobys Mahlzeit so dicht vor die Augen halten, um zu erkennen, was es war, daß Toby das Herz fast stehenblieb. Mr. Filer aß aber nicht.

»Dies ist eine Art animalischen Stoffes, Ratsherr«, sagte Filer, indem er mit einem Bleistift kleine Löcher hineinstach, »den die Arbeiterklasse dieses Landes Kaldaunen nennt.«

Der Ratsherr lachte und zwinkerte mit dem Auge, denn er war ein gar vergnügter Herr, der Ratsherr Cute. Und ein Schlaukopf außerdem, der alles wußte, alles durchgemacht hatte und nicht getäuscht werden konnte. Er hatte die Herzen des Volkes ergründet! Wenn jemand es kannte, so war es Cute.

»Wer aber ißt Kaldaunen?« fuhr Mr. Filer fort und sah sich rings um. »Kaldaunen sind ausnahmslos der am wenigsten ökonomische, der verschwenderischste Konsumtionsartikel, den die Märkte dieses Landes irgendwie produzieren können! Es hat sich durch genaue Untersuchungen ergeben, daß ein Pfund Kaldaunen, wenn sie gekocht werden, sieben Achtel verlieren, ein Fünftel mehr als irgendeine andere animalische Substanz. Kaldaunen sind kostspieliger im eigentlichen Sinne des Wortes als Treibhausananas. Wenn man die Anzahl der Rinder berechnet, welche jährlich nur innerhalb des Stadtweichbildes geschlachtet werden, und wenn man die Quantität der Kaldaunen, welche die Leiber dieser Rinder liefern, wenn man sie zur rechten Zeit schlachtet, noch so niedrig anschlägt, so resultiert daraus, daß von dem Verluste der Kaldaunen, wenn sie gekocht werden, eine Garnison von fünfhundert Mann fünf Monate, jeder Monat von einunddreißig Tagen, und einen Februar lang leben könnte. O über die Verschwendung, die Verschwendung!«

Trotty stand da mit offenem Munde, und die Beine zitterten unter ihm. Er sah aus, als wenn er eine Garnison von fünfhundert Mann auf eigene Faust ausgehungert hätte.

»Wer ißt Kaldaunen?« fragte Mr. Filer mit Wärme. »Wer ißt Kaldaunen?«

Trotty machte eine klägliche Verbeugung.

»Ihr, Ihr?« fragte Mr. Filer. »Dann will ich Euch etwas sagen, mein Freund, Ihr nehmt Eure Kaldaunen Witwen und Waisen vom Munde weg.«

»Das will ich nicht hoffen«, sagte Trotty mit kläglicher Stimme. »Lieber wollte ich Hungers sterben!«

»Dividiert die vorher erwähnte Quantität von Kaldaunen«, fuhr Mr. Filer fort, »mit der ungefähren Zahl der Witwen und Waisen, und es kommt auf jede einzelne ein Quäntchen Kaldaunen. Für Euch bleibt kein Lot übrig. Folglich seid Ihr ein Räuber.«

Trotty war so erschüttert, daß er nicht einmal bekehrte, als der Ratsherr das Stückchen Kaldaune selber verzehrte. Im Gegenteil schien es ihm eine Gemütserleichterung, daß er es nun los war.

»Und was sagen Sie?« fragte der Ratsherr scherzend den Mann mit dem roten Gesicht und dem blauen Frack. »Sie haben Freund Filer gehört. Was sagen Sie?«

»Was kann man sagen?« entgegnete der Angeredete. »Was soll man sagen? Wer kann an einem solchen Menschen« er meinte Trotty »in solch entarteten Zeiten Interesse finden? Sehen Sie ihn an! Was für ein Geschöpf! O, die gute alte Zeit, die schöne alte Zeit, die große alte Zeit! Das war die Zeit zur Bildung eines kräftigen Bauernstandes und dergleichen. Das war die Zeit, mit der man alles, ja alles unternehmen konnte. Heutzutage ist nichts mehr los. Ach!« seufzte der Herr mit dem roten Gesichte, »die gute alte Zeit, die gute alte Zeit!«

Der Herr erklärte nicht, was für Zeiten er gerade meinte, auch sagte er nicht, ob er der Gegenwart Vorwürfe machte in dem unselbstsüchtigen Bewußtsein, daß sie nichts sehr Merkwürdiges getan hatte, außer daß sie ihn hervorgebracht hatte.

»Die gute alte Zeit, die gute alte Zeit!« wiederholte er. »Was war das für eine Zeit! Das war eine einzige Zeit! Es ist nicht der Mühe wert, von irgendeiner andern Zeit zu sprechen oder darüber zu streiten, was für Menschen in unserer Zeit leben. Sie nennen dies doch keine Zeit, frage ich? Ich tu's nicht. Sehen Sie in Strutts Costumes nach und Sie werden sehen, was ein Packträger unter irgendeiner der guten alten englischen Regierungen war.«

»Er hatte unter den besten Verhältnissen kein Hemd auf dem Leibe und keinen Strumpf an den Füßen, und kaum ein Gewächs in ganz England wuchs für seinen Schnabel«, warf Mr. Filer ein. »Ich kann es durch Tabellen beweisen.«

Aber immer noch pries der Herr mit dem roten Gesicht die gute alte Zeit, die große alte, die herrliche alte Zeit. Mochte ein anderer sagen, was er wollte, er drehte sich mit einer eingelernten Redensart über sie im Kreise umher, wie sich ein Eichhörnchen in seinem Drehbauer herumdreht, von dessen Mechanismus und dessen Kniff es einen ebenso klaren Begriff hat, als der Herr mit dem roten Gesicht von seinem verschwundenen tausendjährigen Reich.

Es ist möglich, daß der Glaube Trottys an diese sehr unklare alte Zeit nicht ganz zerstört war, denn er fühlte sich in dem Augenblicke unklar genug. Eins aber war ihm klar mitten in seinem Unglück, nämlich: obwohl diese Herren im einzelnen verschiedener Meinung waren, seine Ahnungen von heute morgen und von vielen anderen Morgen waren nur zu wohl begründet. »Nein, nein. Wir können nicht den rechten Weg gehen oder das Rechte tun«, dachte Toby voll Verzweiflung. »Es ist nichts Gutes in uns. Wir sind von Natur böse!«

Trotty aber hatte ein väterliches Herz in der Brust, das trotz dieser Vorherbestimmung auf irgendeine Weise sich dorthin verirrt haben mußte; er konnte es nicht ertragen, daß Meg in der Blütezeit ihrer kurzen Wonne von diesen weisen Herren ihr Schicksal vorausgesagt erhalten sollte. »Gott sei ihr gnädig«, dachte der arme Trotty, »sie wird es zeitig genug erfahren.«

Er winkte daher dem jungen Schmied eiligst, daß er sie fortführen möchte; doch dieser war so vertieft in ein Gespräch mit Meg, daß er, da er in einiger Entfernung stand, diesen Wink erst verstand, als der Ratsherr Cute diesen auch bemerkt hatte. Nun hatte der Ratsherr seine Weisheit noch nicht an den Mann bringen können, denn er war ein Philosoph, und zwar ein praktischer, o, nein, ein sehr praktischer Philosoph; und da er keinen seiner Zuhörer zu verlieren Lust hatte, rief er: »Halt!«

»Sie wissen«, sagte der Ratsherr zu seinen beiden Freunden mit selbstgefälligem Lächeln über dem ganzen Gesicht, das er immer zur Schau trug, »ich bin ein schlichter Mann und ein Praktiker, und ich gehe auf einfachem, praktischem Wege zu Werke. So mache ich's. Es ist gar kein Geheimnis oder eine Schwierigkeit, mit dieser Art von Leuten zu verkehren, wenn man sie nur versteht und in ihrer eigenen Weise mit ihnen sprechen kann. Heda, Ihr, Mann! sagt Ihr mir doch nicht, oder irgend jemand, der mein Freund sein will, daß Ihr nicht immer genug zu essen habt, und sogar vom Besten, weil ich das besser weiß. Ich habe Eure Kaldaunen gekostet, und Ihr könnt mich nicht uzen. Ihr wißt, was leimen heißt, he? Nicht wahr, das ist das rechte Wort? Ha, ha, ha! 's ist das Leichteste auf der Welt«, sagte der Ratsherr, indem er sich wieder an seine Freunde wandte, »mit dieser Art Leuten zu verkehren, wenn man sie nur zu behandeln versteht.«

Ein prachtvoller Mann für das niedere Volk, der Ratsherr Cute! Immer bei guter Laune! Ein leutseliger, gesprächiger, spaßhafter Herr, der die armen Leute kannte!

»Seht, Freund«, fuhr der Ratsherr fort, »es wird viel Unsinn geschwatzt über Mangel und böse Zeit; nicht wahr, so heißt die Redensart? Ha, ha, ha! Ich werde sie ausrotten. Ferner hört man überall die alberne Klage über Hungerleiden des Volkes ich werde sie ebenfalls ausrotten. So soll es sein, sehen Sie«, sagte er wieder zu seinen Freunden gewendet, »man kann unter dieser Art Leuten alles ausrotten, wenn man nur weiß, wie man es anfassen muß!«

Trotty nahm Megs Hand und zog sie durch seinen Arm; indes schienen seine Gedanken ganz andere zu sein, so daß er nicht wußte, was er tat.

»Eure Tochter, he?« fragte der Ratsherr, indem er ihr vertraulich unter das Kinn griff.

Immer leutselig mit den arbeitenden Klassen, der Ratsherr Cuty! Der wußte, was denen gefiel! Nicht im geringsten stolz!

»Wo ist ihre Mutter?« fragte der würdige Herr.

»Tot«, versetzte Toby. »Ihre Mutter war Wäscherin und wurde in den Himmel abberufen, als diese geboren wurde!«

»Doch nicht, um dort Wäsche zu waschen?« bemerkte der Ratsherr scherzend.

Konnte Toby sich seine Frau im Himmel von ihren alten Beschäftigungen getrennt denken oder nicht, so fragen wir uns. Wenn die Frau Ratsherr Cute gestorben wäre, würde der Herr Ratsherr Cute sie sich im Himmel in irgendeiner Stellung gedacht und ausgemalt haben?

»Und Ihr freit wohl um sie, he?« sagte Cute zu dem jungen Schmied.

»Ja«, erwiderte Richard hastig, denn die Frage ärgerte ihn; »und wir werden uns am Neujahrstage verheiraten.«

»Was sagt Ihr?« sagte Filer barsch. »Verheiraten!«

»Nun ja, das ist unsere Absicht«, erwiderte Richard. »Wir müssen uns beeilen, verstehen Sie, für den Fall, daß vorher etwas ausgerottet werden sollte.«

»Ach!« seufzte Filer, »rotten Sie das wirklich aus, Ratsherr, und Sie werden etwas Gutes stiften. Heiraten, heiraten! Die Unkenntnis der ersten Grundsätze der Staatsökonomie auf seiten dieser Leute, ihre Unvorsichtigkeit, ihre Schlechtigkeit beim Himmel genügt, um Nun schauen Sie sich einmal dieses Paar an, tun Sie mir den Gefallen!«

Gewiß, sie waren wohl des Ansehens wert. Und sie konnten nichts Vernünftigeres und Rechtschaffeneres vorhaben als die Ehe.

»Man mag so alt werden wie Methusalem«, sagte Filer, »und mag sich sein ganzes Leben lang plagen und bergehoch Tatsachen auf Zahlen, Tatsachen auf Zahlen, Tatsachen auf Zahlen häufen, doch nie wird man sie überzeugen, daß sie kein Recht und keine Ursache in der Welt haben, zu heiraten, und ebensowenig kann man hoffen, daß sie kein Recht und keine Ursache in der Welt haben, geboren zu werden. Und wir wissen doch, daß sie kein Recht und keine Ursache haben. Wir haben dies längst als mathematisches Axiom erkannt.«

Diese Argumentation amüsierte Ratsherr Cute unendlich; er legte seinen rechten Zeigefinger an die Nase, als wollte er damit seinen beiden Freunden sagen: »Nun hört mal auf mich! Seht einmal den Praktiker!« Er rief Meg zu sich heran.

»Komm hierher, mein Kind!« sagte Ratsherr Cute.

Ihrem jungen Liebsten war das heiße Blut in den letzten fünf Minuten vor Zorn zu Kopfe gestiegen. Doch wollte er seinem Unwillen nicht nachgeben. Er bezwang sich, trat einen Schritt vor, als Meg sich dem Herrn näherte, und stellte sich an ihre Seite. Trotty hielt immer noch ihre Hand in seinem Arm, sah aber so verstört von einem Gesicht zum andern, wie ein Träumender.

»Ich will dir in ein paar Worten einen guten Rat geben, Mädchen«, sagte der Ratsherr in seiner leutseligen, freundlichen Weise. »Es ist meines Amtes, Rat zu erteilen, denn ich bin Richter. Du weißt doch, daß ich Richter bin, nicht wahr?«

Meg bejahte schüchtern. Jedermann wußte, daß Ratsherr Cute Richter war! O Himmel, immer so tätig als Richter! Wer konnte sich rühmen, in den Augen des Publikums so glänzend dazustehen, wie Cute!

»Du hast die Absicht, zu heiraten«, fuhr der Ratsherr fort. »Das ist sehr ungehörig und unschicklich, da du dem weiblichen Geschlecht angehörst! Doch davon wollen wir absehen. Wenn du aber verheiratet bist, wirst du dich mit deinem Manne zanken und wirst ein unglückliches Weib sein. Du glaubst es vielleicht nicht; aber es wird so kommen, wie ich dir sage. Ich will dir das klar machen, weil ich mir vorgenommen habe, unglückliche Ehen auszurotten. Komme also ja nicht zu mir. Ferner wirst du Kinder vielleicht Jungen bekommen. Diese Jungen werden natürlich schlecht erzogen werden und auf den Straßen herumwildern ohne Schuh' und Strümpfe. Bedenke, meine junge Freundin, ich werde sie summarisch bestrafen, denn ich bin entschlossen, Knaben ohne Schuh' und Strümpfe auszurotten. Vielleicht, sogar höchst wahrscheinlich, wird dein Mann jung sterben und dich mit einem oder ein paar Kindern zurücklassen. Dann wirst du vor die Tür gesetzt werden und dich auf den Straßen umhertreiben. Dann verirre dich ja nicht in meine Nähe, meine Liebe, denn es ist mein fester Vorsatz, alle obdachlosen Mütter auszurotten; es ist mein heiliger Entschluß, alle jungen Mütter, wie sie auch sein mögen, auszurotten. Nenne bei mir nicht etwa Krankheit oder kleine Kinder als Entschuldigungsgrund; denn alle kranken Personen und kleine Kinder (du kennst hoffentlich das Kirchengebet, doch fürchte ich, du kennst es nicht!) bin ich entschlossen auszurotten. Und wenn du etwa wagtest, verzweifelter, undankbarer, gottloser, betrügerischer Weise wagtest, dich zu ersäufen oder zu erhängen, so werde ich kein Mitleid mit dir haben, denn ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt, allen Selbstmord auszurotten. Wenn es etwas gibt«, sagte der Ratsherr mit selbstzufriedenem Lächeln, »was ich meinen Sinn ernstlicher und unwiderruflicher beschlossen habe als alles übrige, so ist es die Ausrottung des Selbstmordes.

Versuch' es also ja nicht, verstehst du mich? Ha, ha, ha, wir verstehen einander, das wußt' ich wohl.«

Toby wußte nicht, ob er sich grämen oder freuen sollte, daß Meg totenblaß geworden war und die Hand ihres Geliebten losgelassen hatte.

»Was Euch angeht, Ihr törichter Mensch«, sagte der Ratsherr, sich mit noch größerem Vergnügen an den jungen Schmied wendend, »was denkt Ihr eigentlich, wenn Ihr heiraten wollt? Zu welchem Zwecke braucht Ihr Euch zu verheiraten, Ihr dummer Kerl? Wenn ich ein hübscher, junger, kräftiger Bursche wäre wie Ihr, ich würde mich schämen, ein solcher Jüngling zu sein und mich an eine Schürze zu hängen! Zum Kuckuck, sie wird ein altes Weib sein, ehe Ihr ein Mann in den besten Jahren seid! Ihr werdet ein lächerliches Schauspiel bieten, wenn Euch dann eine schlampige Frau und eine Herde Kinder, die schreien und heulen, überall nachlaufen werden!«

O, er verstand es, die gemeinen Leute zu peinigen, der gute Ratsherr Cute!

»Nun macht, daß Ihr fortkommt«, sagte der Ratsherr, »und bereut. Macht Euch nicht so zum Narren, am Neujahrstage zu heiraten! Ihr werdet ganz anders darüber denken, ehe der nächste Neujahrstag kommt: ein hübscher, junger Bursch wie Ihr, dem alle Mädel nachgucken. Nun geht Eure Wege!«

Und sie gingen ihrer Wege, aber nicht Arm in Arm oder Hand in Hand oder fröhliche Blicke austauschend, sondern sie in Tränen, er traurig und niedergeschlagen. Waren dies die Herzen, die noch vor kurzem Tobys Herz vor Freude höher schlagen ließen, trotz seiner Verzagtheit? Nein, Nein! Der Ratsherr (der Himmel behüt' ihn in Gnaden!) hatte die Freude in diesen Herzen ausgerottet.

»Da Ihr gerade hier seid«, sagte der Ratsherr zu Toby, »sollt Ihr mir einen Brief forttragen. Könnt Ihr schnell laufen? Ihr seid ein alter Mann.«

Toby, der ganz verdutzt seiner Meg nachgesehen hatte, beeilte sich zu erwidern, daß er sehr schnell und tüchtig sei.

»Wie alt seid Ihr?« fragte der Ratsherr.

»Ich bin über sechzig, Herr«, entgegnete Toby.

»O, dieser Mann ist ein gutes Stück über das mittlere Alter hinaus«, sagte Mr. Filer unterbrechend, als wenn seine Geduld zwar fast unerschöpflich sei, dies aber heißt die Sachen ein wenig zu weit treiben.

»Ich sehe, ich störe hier«, sagte Toby. »Ach ich fürchtete dies schon heute morgen. O du lieber Himmel!«

Der Ratsherr fiel ihm in die Rede, indem er ihm den Brief übergab. Toby würde vielleicht einen Schilling bekommen haben; da aber Mr. Filer klar bewies, daß er in diesem Falle eine gewisse Anzahl von Personen, um so und so viel die Person, berauben würde, bekam er bloß einen halben Schilling und er war noch sehr froh, diesen zu erhalten.

Dann reichte der Ratsherr jedem seiner Freunde einen Arm und entfernte sich hochmütig; sogleich aber kam er allein zurück, als wenn er etwas vergessen hätte.

»Packträger«, sagte der Ratsherr.

»Herr«, erwiderte Toby.

»Nehmt Eure Tochter gut in acht. Sie ist viel zu hübsch!«

»Selbst ihr hübsches Gesicht muß sie jemandem gestohlen haben«, dachte Toby und sah sich seinen halben Schilling an, während er an die Kaldaunen dachte. »Sie hat wahrscheinlich fünfhundert Damen jeder einen Reiz gestohlen. Es ist schrecklich!«

»Sie ist viel zu hübsch, Mann«, wiederholte der Ratsherr. »Die Dinge stehen so, daß Eure Tochter kein gutes Ende nehmen wird, das sehe ich schon. Merkt Euch, was ich sage. Nehmt sie gut in acht!« Damit eilte er wieder fort.

»Unrecht überall; unrecht überall!« sagte Toby und schlug die Hände zusammen. »Von Natur sind wir böse und haben keine Ursache auf der Welt zu sein!«

Während er diese Worte sagte, klangen die Glocken auf ihn nieder. Voll, laut und klangvoll, doch nicht trostbringend. Nein, nicht im mindesten.

»Die Weise klingt ganz anders«, sagte der alte Mann, als er wie immer lauschte. »Nicht ein Wort von all den Einbildungen kommt darin vor. Warum sollte es auch? Das neue Jahr geht mich ebensowenig an als das alte. Wenn ich nur erst tot wäre!«

Immer noch ließen die Glocken ihren Klang erschallen, daß die Luft ordentlich voll davon zu sein schien. »Ausrotten, ausrotten! Alte gute Zeit, alte gute Zeit! Tatsachen und Zahlen, Tatsachen und Zahlen! Ausrotten, ausrotten!« Das sagten sie, wenn sie überhaupt etwas sagten, bis es Toby schwindelte.

Er preßte seinen verstörten Kopf zwischen die Hände, als wenn derselbe auseinander springen wollte. Und das tat er zur rechten Zeit, denn er fand in einer den Brief, und da ihn dies an seinen Auftrag erinnerte, fiel er mechanisch in seinen gewöhnlichen Tritt und trabte fort.

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