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Weihnachtserzählungen

Charles Dickens: Weihnachtserzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleWeihnachtserzählungen
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
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Erster Teil.

Lang, lang ist's her – wann und wo in England, mag uns gleichgültig sein – da ward eine hitzige Schlacht geschlagen. Sie wurde geschlagen an einem langen Sommertage, da das Gras grün wogte. Manche stolze Blume, geschaffen von des Allmächtigen Hand zu einem duftenden Pokal für den Tau, sah an diesem Tage ihren bunten Kelch von Blut überfließen und verging schaudernd. Manches Insekt, das in unschuldigen Flügeln und Kleidern von zarter Farbe leuchtete, ward an diesem Tag neu gefärbt von sterbenden Menschen und bezeichnete seine hastige Flucht mit einer widerlichen Spur. Der farbige Schmetterling trug auf dem Rand seiner Flügel Blut in die Luft. Der Bach floß rot vorbei. Aus dem zerstampften Erdboden wurde ein Sumpf, wo in trübem Schlamm, der voll Spuren von menschlichen Füßen und Pferdehufen war, die überall vorherrschende Farbe unheimlich in der Sonne glänzte.

Möge uns der Himmel vor dem Anblick eines Schauspiels behüten, wie es der Mond auf dieser Kampfstätte sah, als er über den waldumsäumten schwarzen Hügelrücken am Horizont heraufstieg und über das flache Feld herniederschaute. Dies Feld war besät mit Gesichtern, die zum Himmel gewandt waren, mit Gesichtern, die einst an der Brust der Mutter sicher geschlummert hatten. Der Himmel behüte uns vor den Geheimnissen, die der mit Leichenduft beladene Wind über dem Schauplatz von dieses Tages Arbeit und dieser Nacht Tod und Leiden wob. Mancher einsame Mond glänzte über dieser Kampfstätte empor: mancher Stern hielt trauervoll darüber Wache, mancher Wind, aus allen Himmelsrichtungen, wehte darüber hin, bevor die Spuren dieses Kampfes vergingen.

Sie bestanden noch lange Zeit, aber nur in geringfügigen Dingen; denn die Natur, hinausgehoben über die schlechten Leidenschaften des Menschen, gewann bald ihre Heiterkeit zurück und lächelte auf das sündige Schlachtfeld herab wie einst, als es noch sündlos war. Die Lerchen trillerten droben in den Lüften, die Schatten der fliehenden Wolken jagten sich spielend über Wiese und Wald und über Dächer und Kirchtürme der von Hainen umgebenen Stadt bis hin in die leuchtende Ferne, da Erde und Himmel ineinander übergehen und das Abendrot verdämmert. Saaten wurden gesät, keimten auf und wurden geerntet. Der Bach, der mit Purpur gefärbt gewesen, drehte ein Mühlrad: Männer pfiffen hinter dem Pfluge; Mäher und Garbenbinder arbeiteten in gelassenen Scharen; Schafe und Kühe grasten auf der Weide; Knaben lärmten auf den Feldern, um die Vögel zu verjagen; Rauch stieg aus den Feueressen empor; Sonntagsglocken ließen ihr Geläut ertönen; alte Leute lebten und starben; die scheuen Geschöpfe des Feldes und die einfachen Blumen des Waldes und des Gartens blühten und vergingen in der gewohnten Zeit auf jener blutigen Kampfstätte, wo tausend und abertausend Menschen in der großen Schlacht gefallen waren.

Aber anfangs sah man noch dunklere Stellen in der jungen Saat, die die Leute mit scheuem Grauen betrachteten. Jahr für Jahr kamen sie wieder; und man wußte, daß an diesen fruchtbaren Stellen Menschen und Pferde in wechselvollem Durcheinander begraben lagen und den Boden düngten. Der Landmann, der dort pflügte, ekelte sich vor den großen Würmern, die hier in der Erde hausten; und die Garben, die man dort band, wurden viele, viele Jahre lang die Schlachtgarben genannt und besonders heimgebracht, aber niemals gelangte eine Schlachtgarbe zum Erntefest auf den letzten Wagen. Lange Zeit noch gelangte mit jeder Furche, die gepflügt wurde, eine Spur des Gefechts zum Vorschein. Lange noch gewahrte man verletzte Bäume auf der Kampfstätte und halbzerstörte Hecken und Mauern an den Stellen, wo mörderischer Nahkampf gedauert hatte, und festgestampfte Stellen, an denen kein Halm wachsen sollte. Lange noch scheute sich jedes Mädchen, sich Haar oder Brust mit der schönsten Blume dieses Totenfeldes zu schmücken; und viele Jahre glaubte man, die dort wachsenden Beeren hinterließen in der Hand, die sie pflückte, unvertilgbare Spuren.

Aber die Jahreszeiten, obwohl sie so flüchtig vorübergingen wie die Sommerwolken, ließen in ihrem Verlauf selbst diese Erinnerungszeichen des alten Kampfes verschwinden und tilgten die sagenhaften Andenken daran aus dem Gedächtnis der Menschen, bis sie zu Altenweibermärchen zusammensanken und mit jedem Jahre mehr in Vergessenheit gerieten. Wo die wilden Blumen und Beeren so lange ungepflückt geblieben waren, befanden sich jetzt Gärten und Häuser, und Kinder spielten Krieg auf der Wiese. Die verwundeten Bäume waren schon lange als Weihnachtsholz verbrannt worden. Die dunkelgrünen Stellen waren nicht frischer als das Gedächtnis derer, die darunter beerdigt lagen. Noch immer förderte der Pflug von Zeit zu Zeit Stücke verrosteten Eisens hervor, aber es war schwer zu erkennen, wozu es gedient hatte, und die Finder grübelten und stritten sich darob. Ein alter schwarzer Harnisch und ein Helm hatten so lange in der Kirche gehangen, daß derselbe schwache halbblinde Greis, der sich jetzt vergebens bemühte, sie oben an der weißen Wölbung wiederzuerkennen, sie schon als Kind staunend betrachtet hatte. Wenn das auf dem Feld erschlagene Heer einen Augenblick lang in der Gestalt, wie jeder gefallen, und auf dem Platze, da er seinen Tod gefunden, hätte aufstehen können, dann hätten gespaltene Schädel zu Hunderten in die Türen der Hütten und in die Fenster hineingeschaut. Sie wären erschienen um den friedlichen Herd; wären aufgestapelt gewesen in den Scheunen; wären emporgestiegen zwischen dem Kind in der Wiege und seiner Wärterin; sie hätten den Bach gestaut, wären über das Mühlrad gedreht, hätten den Obstgarten und den Rasen angefüllt, den Heuschober hoch beladen mit Sterbenden. So verwandelt war die Kampfstätte, wo tausend und aber Tausende von Menschen in der großen Schlacht gefallen waren.

Nirgends war sie vielleicht indessen mehr verwandelt vor etwa hundert Jahren, als in einem kleinen Obstgarten hinter einem alten Haus aus Steinen mit einer Jelängerjelieber-Laube vor der Tür. Dort wurden an einem schönen Herbstmorgen Musik und heiteres Lachen vernehmlich, und zwei Mädchen tanzten lustig auf dem Rasen, während ein halbdutzend Landfrauen auf Leitern standen und Äpfel von den Bäumen sammelten, jedoch mitunter in ihrer Arbeit innehielten und den Fröhlichen zuschauten. Das war ein anmutiges, schlichtes Schauspiel; ein schöner Tag, ein stiller Platz; und die beiden Mädchen tanzten nach Herzenslust ganz froh und ungezwungen.

Wenn auf der Welt niemand sich hervortun wollte – das ist meine Ansicht, und ich nehme an, ihr stimmt mit mir überein – so würden wir viel besser weiter kommen und uns einander viel mehr Freude bereiten. Es war ganz wundernett zu sehen, wie die beiden Mädchen tanzten. Sie hatten keine Zuschauer als die äpfelpflückenden Frauen auf den Leitern. Sie freuten sich sehr, daß sie ihnen Spaß machten, aber sie tanzten zuerst um der eigenen Freude willen (wenigstens mußte man das glauben); und man konnte sich ebensowenig der Verwunderung wie sie sich des Tanzens enthalten. Und wie tanzten sie!

Nicht wie Ballettänzer. Durchaus nicht! Und nicht wie Madame Soundsos ausgezeichnete Elevinnen. Nicht im mindesten! Es war keine Quadrille, kein Menuett, nicht einmal eine einfache Chaine Anglaise. Es war weder nach dem alten, noch nach dem neuen Stil; nicht nach dem französischen, nicht nach dem englischen Stil; eher von ungefähr ein bißchen im spanischen Stil, der, wie man sagt, ein freier und frischer Stil ist und von den klirrenden Kastagnetten den Charakter einer wunderhübschen Improvisation bekommt. Wie sie unter den Obstbäumen tanzten, und den Garten hinauf und hinunter walzten, sich wechselseitig umeinander drehten, da schien sich die Wirkung ihrer lustigen Bewegung auch der sonnigen Umgebung mitzuteilen, wie ein immer größer werdender Kreis im Wasser. Ihr fliegendes Haar und ihr wehendes Gewand, das schmiegsame Gras zu ihren Füßen, die Zweige, die sich in dem Morgenwind bogen, die glänzenden Blätter und ihre behenden Schatten auf dem frischgrünen Boden – der leichte erquickende Wind, der das Land durchwehte und sich darauf freute, die fernen Windmühlen zu drehen – alles zwischen den beiden Mädchen und dem pflügenden Bauer auf jener fernen Anhöhe, wie er sich vom Himmel abhob, als stünde er am Ende der Welt – schien gleichfalls mitzutanzen.

Endlich sank die jüngere der tanzenden Schwestern außer Atem und fröhlich lachend auf eine Bank, um sich zu erholen. Die andere lehnte sich an einen Baum ihr zur Seite. Die Spielleute, eine Harfe und eine Geige, schlossen mit einem vollen Akkord, als prahlten sie mit ihrer Ausgelassenheit, obwohl die Musik eigentlich so rasch gespielt worden und mit dem Tanzen so eifrig um die Wette dahingejagt war, daß sie es keine halbe Minute länger hätten aushalten können. Die äpfelpflückenden Frauen auf den Leitern spendeten Beifall und fingen dann wieder an eifrig zu arbeiten, wie Bienen.

Um so tätiger vielleicht, weil ein älterer Herr, namens Doktor Jeddler, in eigener Person – es war Doktor Jeddlers Haus und Garten, müßt ihr wissen, und die beiden Mädchen waren Doktor Jeddlers Töchter – zum Nachsehen kam, um zu forschen, was eigentlich los sei und wer zum Donnerwetter auf seinem eigenen Grund und Boden vor dem Frühstück musiziere. Denn Doktor Jeddler war ein großer Gelehrter und nicht sehr musikalisch.

»Musik und Tanz heute!« sagte der Doktor zu sich selbst und hielt verwundert inne. »Ich glaubte, sie hätten Respekt vor dem heutigen Tag. Es ist eben eine kuriose Welt. Aber Grace, aber Marion!« fügte er lauter hinzu, »ist die Welt heute morgen verdrehter als gewöhnlich?«

»Wenn dies der Fall wäre, so sei heute nicht böse, Vater«, antwortete ihm die jüngere Tochter Marion. Dabei trat sie zu ihm und schaute zu ihm empor: »denn heute hat jemand Geburtstag.«

»Jemand hat Geburtstag, mein Kind?« sagte der Doktor. »Weißt du nicht, daß alle Tage jemand Geburtstag hat? Weißt du nicht, wie viele Neulinge jede Minute das wunderliche und lächerliche Wesen – ha, ha, ha! man kann gar nicht ernsthaft davon reden – das man das Leben nennt, anfangen?«

»Nein, Vater!«

»Natürlich nicht: du bist ja auch eine Frau – beinahe«, sagte der Doktor. »Übrigens«, fügte er hinzu und blickte in das hübsche Gesicht, das sich dicht an das seine schmiegte, »glaube ich, es ist dein Geburtstag.«

»Ach was! Wirklich, Vater?« rief seine Lieblingstochter und bot ihm die Lippen zum Kuß.

»Da! Und meine Liebe dazu«, sagte der Doktor und küßte sie: »und möge der Tag oft, sehr oft, wiederkehren – welche Idee! Die Idee, eine häufige Wiederholung in einem solchen Possenspiel zu wünschen«, sagte der Doktor vor sich hin, »ist gut! Ha, ha, ha!«

Doktor Jeddler war, wie der Leser schon weiß, ein großer Philosoph; und der Scherz seiner Philosophie war, die ganze Welt als einen ungeheuren Scherz anzusehen, als etwas zu Törichtes, als daß ein vernünftiger Mensch ernsthaft darüber nachdenken könnte. Dieser Fundamentalsatz war ursprünglich ein Ergebnis des Schlachtfeldes, auf dem er wohnte, was ihr nun bald erfahren sollt.

»Wie seid ihr eigentlich zu der Musik gekommen?« fragte der Doktor. »Natürlich sind es Hühnerdiebe. Woher kommen die Musikanten?«

»Alfred hat sie hierher gesandt«, gab seine Tochter Grace zur Antwort und steckte ein paar schlichte Blumen, mit denen sie ihrer Schwester Haar vorher geschmückt hatte und die durch den Tanz gelockert waren, wieder fest.

»Also Alfred hat die Musik hergeschickt?« versetzte der Doktor.

»Ja, er begegnete ihnen unterwegs, als er früh hineinschritt. Die Leute wandern zu Fuß umher und hatten heute in der Stadt übernachtet. Weil nun heute Marions Geburtstag ist, und er ihr eine Freude zu machen gedachte, so sandte er sie hierher mit einem Billett des Inhalts, daß sie, wenn ich es für gut fände, ihr ein Ständchen bringen sollten.«

»Ja, ja«, sagte der Doktor flüchtig, »er fragt immer nach deiner Ansicht.«

»Und da meine Ansicht dann günstig war«, sagte Grace fröhlich und hielt einen Augenblick inne, um den hübschen Kopf, den sie schmückte, zu bewundern; »und da Marion sehr lustig war und zu tanzen anfing, so tanzten wir zuletzt beide nach Alfreds Musik, bis wir keinen Atem mehr hatten. Die Musik aber gefiel uns um so mehr, weil Alfred sie geschickt hatte. Nicht wahr, liebe Marion?«

»O, ich weiß nicht, Grace. Wie du mich mit dem Alfred peinigst!«

»Ich sollte dich peinigen, wenn ich deinen Geliebten nenne!« sagte ihre Schwester.

»Ich kann nur sagen, daß es mir ziemlich gleichgültig ist, ob er genannt wird oder nicht«, sagte die kleine Schnippische und zerpflückte ein paar Blumen, die sie in der Hand hielt, so daß sich die Blätter auf dem Boden verstreuten. »Ich habe es beinahe satt, von ihm zu hören: und wenn du behauptest, er sei mein Geliebter . . .«

»Ruhig! Sprich nicht so leichtfertig von einem treuen Herzen, das ganz dir ergeben ist, Marion«, rief ihre Schwester aus: »selbst im Scherz nicht. Es gibt kein treueres Herz auf der Welt als Alfred!«

»Nein, o nein!« sagte Marion und machte eine krause Stirn mit einer komischen Miene flüchtigen Nachdenkens, »vielleicht nicht. Aber ich weiß nicht, ob dies ein großes Verdienst ist. Ich – ich mag ihn eigentlich gar nicht so sehr treu haben. Ich habe ihn nie darum gebeten. Wenn er denkt, daß ich –. Aber, beste Grace, warum müssen wir gerade augenblicklich von ihm sprechen?«

Es war ein heiterer Anblick, die beiden anmutigen Gestalten der blühenden Schwestern Seite an Seite unter den Bäumen wandeln und miteinander sich unterhalten zu sehen, wie dabei Ernst dem leichten Sinn, auf jeden Fall aber Liebe der Liebe zärtlich antwortete. Und seltsam genug war es, daß in den Augen der jüngern Schwester eine Träne glänzte und daß ein tiefes und herzliches Gefühl durch den Mutwillen ihrer Worte schimmerte und stark dagegen ankämpfte.

Beide Mädchen mochten ihrem Alter nach nicht mehr als vier Jahre auseinander sein. Aber Grace erschien, wie oft in solchen Fällen, wo keine Mutter über beide wacht (des Doktors Frau war gestorben), in der mütterlichen Liebe zu ihrer jüngern Schwester älter, als sie war; und von natürlicher Anlage aller Neigung – außer durch mitfühlende Liebe, zu deren mutwilligen Laune ferner, als man nach ihren Jahren hätte meinen sollen. Hoher Mutterberuf, der selbst in diesem seinem Schattenbild das Herz läutert und das geheiligte Gemüt in Sphären des Engels erhebt!

Des Doktors Seele, während er ihnen nachschaute und zuhörte, beschäftigte sich im Anfang nur mit verschiedenen lustigen Gedanken über die Dummheit, etwas zu lieben und gern zu haben, über den eitlen Traum, durch den sich junge Herzen täuschen, wenn sie einen Augenblick glauben, es könnte etwas Ernstes hinter einer solchen Seifenblase, wie die Liebe ist, stecken, bis sie zuletzt sich enttäuscht sehen, und zwar in jedem Falle. Aber das anspruchslose, liebende Wesen seiner älteren Tochter, ihr sanftes Gemüt, das doch mit so viel Festigkeit und Frische gepaart erschien, rückte ihm stets den Kontrast ihrer stillen seelenvollen Erscheinung zu der glänzenden Schönheit seiner jüngeren Tochter vor Augen: und es tat ihm um ihretwillen leid, daß das Leben eine so lächerliche Angelegenheit war.

Der Doktor dachte nie daran, zu fragen, ob seine Kinder auf irgendeine Weise danach strebten, es zu einer ernsten Sache zu machen. Dafür war er eben ein Philosoph.

Von Natur ein Mann von gefühlvollem und warmem Herzen, war er durch Zufall auf jenen gewöhnlichen Stein der Weisen gestoßen (viel leichter zu finden als der, den die Alchimisten suchen), der oft gutmütigen Geistern ein Bein stellt und die unangenehme Eigenschaft hat, Gold in Schlacke und jedes kostbare Ding in etwas Wertloses zu wandeln.

»Britain!« rief der Doktor. »Britain! Hallo!«

Ein kleiner Mann mit hervorragend mürrischem und bissigem Gesicht trat jetzt aus dem Hause und beantwortete diesen Ruf ziemlich gleichmütig mit den Worten: »Nun, wo brennt's denn?«

»Wo befindet sich der Frühstückstisch?« fragte der Doktor.

»Im Hause«, gab Britain zur Antwort.

»Wirst du ihn hier draußen decken, wie ich es dir gestern abend anordnete?« sagte der Doktor. »Weißt du nicht, daß Gesellschaft kommt? Daß, ehe die Landkutsche vorbeifährt, hier noch Geschäfte abgewickelt werden müssen? Daß heute ein besonders festlicher Tag ist?«

»Konnte ich denn etwas herrichten, Doktor Jeddler, bevor die Weiber ihre Äpfel gepflückt hatten, he?« sagte Britain und steigerte seine Stimme allgemach, so daß er zuletzt förmlich brüllte.

»Nun, sind sie denn jetzt fertig?« sagte der Doktor und blickte auf die Uhr. »Vorwärts, nun aber schnell! Wo ist Clemency?«

»Hier bin ich, Herr«, rief die Stimme von einer der Leitern herab, auf der ein Paar plumpe Füße rasch abwärts stiegen. »Wir sind fertig. Räumt fort, ihr Mädchen. In einer halben Minute soll alles aufgeräumt sein, Herr.«

Mit diesen Worten machte sie sich eifrig an die Arbeit und zeigte sich dabei in so eigenartiger Aufmachung, daß wohl einige Worte von ihr gesagt werden dürfen.

Sie war etwa dreißig Jahre alt und hatte ein ziemlich rundwangiges und freundliches Gesicht, obwohl sie sich dazu einen Ausdruck von gesetztem Wesen angenommen hatte, was ihr sehr drollig stand. Aber ihre außerordentlich linkische Art stellte das noch in Schatten. Wenn wir sagen, sie habe zwei linke Beine und Arme gehabt, die eigentlich einem andern gehörten, und daß diese vier Gliedmaßen ausgerenkt und gar nicht an ihrer rechten Stelle angesetzt zu sein schienen, so geben wir damit nur der Wahrheit so schonend wie möglich die Ehre. Wenn wir aber sagen, daß sie mit dieser Begabung völlig zufrieden war und ihre Arme und Beine gebrauchte, wie sie waren, daß sie deren Launen durchaus keinen Zwang auferlegte, so werden wir ihrer Gelassenheit nur im geringsten Maß gerecht. Ihr Anzug bestand aus ein paar riesengroßen, eigenwilligen Schuhen, die immer anderswohin wollten, als ihre Füße, aus blauen Strümpfen und einem bunten Kattunkleid vom häßlichsten Muster, das man für Geld überhaupt bekommen könnte, und einer weißen Schürze. Sie trug immer kurze Ärmel und hatte sich stets die Ellbogen wundgescheuert. Dabei nahm sie an diesen solch lebhaften Anteil, daß sie sich ständig bemühte, sie in jeder Stellung, selbst wo es ganz unmöglich war, herumzudrehen und zu besehen. Gewöhnlich saß eine kleine Mütze irgendwo auf ihrem Kopf, obwohl sie nur selten auf dem Platze zu sehen war, den dieses Kleidungsstück bei andern Leuten meistens einnimmt; aber vom Scheitel bis zur Zehe war sie überaus propre und zeigte eine Art linkischer Gefälligkeit.

Dies war die äußere Erscheinung und Kleidung von Clemency Newcome, die man im Verdacht hatte, selbst, obzwar unschuldig daran, eine Verfälschung ihres Taufnamens Klementine veranlaßt zu haben (aber niemand wußte es gewiß, denn ihre taube alte Mutter, die ihres hohen Alters wegen ein reines Wunder war, und die sie fast von ihrer Kindheit an unterstützt hatte, war gestorben, und andere Verwandte hatte sie nicht mehr). Jetzt war sie damit beschäftigt, den Tisch zu decken, und stand von Zeit zu Zeit da, die roten Arme übereinander geschlagen, den wundgestoßenen Ellbogen mit der Hand des andern Armes reibend und sie seelenruhig betrachtend, bis sie sich plötzlich auf etwas besann, was noch fehlte, und dann forteilte, um es zu holen.

»Da kommen die beiden Anwälte, Herr!« sagte Clemency in nicht sehr freundlichem Ton.

»Ah!« rief der Doktor und ging ihnen entgegen. »Guten Morgen, guten Morgen! Liebe Grace! Marion! Hier sind Mr. Snitchey und Mr. Craggs. Wo bleibt Alfred?«

»Er wird gewiß sofort kommen, Vater«, sagte Grace. »Er hatte diesen Morgen mit den Vorbereitungen zur Abreise so viel zu tun, daß er schon in der Morgendämmerung aufgestanden und ausgegangen ist. – Guten Morgen, meine Herren!«

»Guten Morgen, meine Damen«, sagte Mr. Snitchey, »für mich und Craggs« – dieser verneigte sich »guten Morgen, mein Fräulein« – zu Marion – »ich küsse Ihnen die Hand«, was er auch wirklich tat. »Und ich wünsche« – das sah man ihm freilich nicht an; denn im ersten Anblick mochte man ihm eigentlich nicht sehr viel gute Wünsche für andere Leute zutrauen – »daß dieser glückliche Tag hundertmal wiederkehren möge.«

»Ha, ha, ha!« lachte der Doktor ironisch, die Hände in die Taschen gesteckt. »Das große Possenspiel in hundert Akten!«

»Sie werden doch sicherlich nicht wünschen, Doktor Jeddler«, sagte Mr. Snitchey und stellte einen kleinen blauen Aktenstoß auf den Tisch, »das große Possenspiel für diese Schauspielerin abzukürzen?«

»O nein«, entgegnete der Doktor. »Gott bewahre! Möge sie leben und darüber lachen, solange sie lachen kann, und dann sagen mit jenem Franzosen: Die Komödie ist aus, laßt den Vorhang fallen.«

»Der Franzose«, sagte Mr. Snitchey und guckte auf den blauen Stoß, »hatte unrecht, Doktor Jeddler; und Ihre Philosophie hat auch völlig unrecht, darauf können Sie sich verlassen. Ich habe das Ihnen schon oft gesagt. Es gäbe keinen Ernst im Leben! Als was bezeichnen sie dann einen Prozeß?«

»Als Spaß«, erwiderte der Doktor.

»Haben Sie einmal einen Prozeß gehabt?« fragte Mr. Snitchey, von dem blauen Stoß aufblickend.

»Nie«, antwortete der Doktor.

»Wenn Sie einmal zu einem gelangen«, sagte Mr. Snitchey, »so lernen Sie wohl anders darüber denken.«

Craggs, der von Snitchey vorgestellt zu werden und sich seines besondern Daseins und Ich's nur wenig oder gar nicht bewußt zu sein schien, gab jetzt einen eigenen Gedanken zum besten. Dieser bezog sich auf die einzige Idee, die er nicht mit Snitchey zur gleichen Hälfte innehatte; dafür nahmen sie noch einige andere kluge und erfahrene Leute in Anspruch.

»Die Prozesse werden den Leuten viel zu leicht gemacht«, sagte Craggs.

»Die Prozesse?« fragte der Doktor.

»Ja«, sagte Mr. Craggs, »wie alles andere. Alles auf der Welt ist heutigentags nur dazu da, um zu leicht gemacht zu werden. Das ist die Schwachheit unserer Zeit. Wenn die Welt ein Spaß ist (ich bin nicht geneigt, dies in Abrede zu stellen), so sollte sie ein sehr schwieriger Spaß sein. Das Leben sollte ein möglichst anstrengender Kampf sein, Sir. Dazu ist es doch da. Aber jetzt wird es leicht gemacht. Wir schmieren die Türangeln des Lebens gut ein. Aber sie sollten rostig sein. Sie werden sich bald ganz alleine auftun lernen. Und doch sollten sie in der Angel knirschen, Sir.«

Mr. Craggs schien selbst mit seinen Türangeln zu knirschen, als er seine Meinung darlegte, deren Eindruck er durch sein Äußeres bedeutend verstärkte, denn er war ein kalter, trockener, finsterer Mann, in Grau und Weiß gehüllt wie ein Feuerstein, und hatte kleine funkelnde Augen, als ob man Feuer aus ihnen schlüge. Alle drei Reiche der Natur hatten eigentlich ihren Vertreter unter diesen drei Männern: denn Snitchey glich einer Elster oder einem Raben (nur, daß er nicht so glatt und glänzend aussah), und der Doktor hatte ein streifiges Gesicht wie ein Zitronenapfel, und dazu hier und da ein Grübchen, als ob dort die Vögel gepickt haben könnten, und hinten hing ihm ein kleines Zöpfchen, das den Stiel bedeutete.

Da erschien die schmucke Gestalt eines hübschen Jünglings im Reiseanzug. Er war begleitet von einem Mann, der sein Gepäck trug, und näherte sich der Gartentür mit schnellem Schritt und einem Gesicht voll Fröhlichkeit und Hoffnung, wie es zu dem Morgen paßte. Da traten ihm die drei entgegen, wie die Brüder der drei Parzen, oder wie die höchst effektvoll verkleideten drei Grazien, oder wie die grauen Propheten in der Einöde, und begrüßten ihn.

»Also noch viele solche glücklichen Tage, Fred«, sagte der Doktor obenhin.

»Möge dieser glückliche Tag hundertmal sich wiederholen, Mr. Heathfield«, sagte Mr. Snitchey und verbeugte sich tief.

»Möge er sich vielmal wiederholen!« sagte als Echo Craggs im tiefen Baß.

»Welch Gruß!« rief Alfred aus und blieb stehen, »und eins – zwei – drei – lauter Propheten von nichts Gutem auf dem großen Lebensmeer. Ich bin froh, daß sie nicht die ersten sind, die ich heut morgen erblicke; ich hätte es für üble Vorbedeutung genommen. Aber Grace war die erste – meine liebe, teure Grace – so nehme ich euch alle in den Kauf.«

»Wenn Sie erlauben, Herr, ich war die erste«, sagte Clemency Newcome. »Sie wissen, Sie gingen hier draußen in der Morgendämmerung spazieren. Ich war drin im Hause.«

»Das ist wahr! Clemency war die erste«, sagte Alfred. »So setze ich Clemency als Gegengewicht gegen euch.«

»Ha, ha, ha! – gegen mich und Craggs«, sagte Snitchey. »Welches Gegengewicht!«

»Sie ist vielleicht nicht so schlecht, wie sie ausschaut«, sagte Alfred und schüttelte dem Doktor herzlich die Hand, dann auch Snitchey und Craggs und blickte sich um. »Wo sind die – lieber Himmel!«

Mit einer schnellen Wendung, die auf einen Augenblick Jonathan Snitchey und Thomas Craggs in intimere Berührung miteinander brachte, als sie dies in ihrem Geschäftskontrakt vorgesehen hatten, eilte er dorthin, wo die beiden Schwestern standen, – ich brauche nicht erst zu erzählen, wie er zuerst Marion und dann Grace begrüßte, und möchte nur feststellen, wie Mr. Craggs vielleicht gefunden haben wird, daß er es sich zu leicht mache.

Vielleicht in der Absicht, die Aufmerksamkeit abzulenken, eilte Doktor Jeddler an den Frühstückstisch, und alle ließen sich zum Mahl nieder. Grace saß an der Spitze der Tafel, verstand es aber, sich so zu placieren, daß sie ihre Schwester und Alfred von der übrigen Gesellschaft trennte. Snitchey und Craggs saßen sich vis-à-vis, zwischen sich den blauen Stoß zur Sicherung. Der Doktor aber hatte seinen üblichen Platz Grace gegenüber. Clemency schwebte irrlichterierend um den Tisch als Kellnerin; und der melancholische Britain übte an einem kleinen Seitentisch das Amt des Tranchierens.

»Fleisch?« sagte Britain, indem er sich Mr. Snitchey, Tranchier und Gabel in der Hand, näherte und ihm die Frage wie einen Stein an den Kopf schleuderte.

»Ja«, antwortete der Anwalt.

»Wünschen Sie welches?« sagte dann Britain zu Craggs.

»Mager und gebräunt«, antwortete dieser.

Nachdem er die Wünsche dieser beiden erledigt und den Doktor leidlich bedient hatte (er schien zu wissen, daß die anderen nach Speise kein Verlangen trugen), blieb er den beiden Anwälten so nahe, wie es nur der Anstand erlaubte, und beobachtete sie mit starrem Blick. Nur einmal besänftigte sich sein unfreundliches Gesicht ein wenig, nämlich als Mister Craggs, dessen Zähne nicht die besten waren, sich verschluckt hatte und von einem heftigen Hustenanfall befallen wurde. Da rief er mit besonderer Lebhaftigkeit aus: »Ich dachte, er sollte ersticken!«

»Nun, Alfred«, sagte der Doktor, »ein paar Worte über Geschäftssachen, solange wir noch beim Frühstück sind.«

»Solange wir noch beim Frühstück sind«, sagten Snitchey und Craggs, die noch gar nicht ans Aufhören denken mochten.

Obwohl Alfred nicht gefrühstückt hatte und offenbar nachgerade beschäftigt war, so gab er doch ehrerbietig zur Antwort: »Wie es Ihnen angenehm ist, Sir!«

»Wenn es etwas Ernsthaftes geben sollte«, begann der Doktor, »in diesem –«

»In diesem Possenspiel«, fuhr der Doktor fort, »so wäre es solch ein Zusammentreffen des Abschiedstages mit einem doppelten Geburtstage, an den sich für uns vier manche freundliche Erinnerung knüpft, und der uns immer unser langes und freundschaftliches Zusammensein ins Gedächtnis zurückrufen wird. Doch das gehört nicht hierher.«

»O doch, Doktor Jeddler«, sagte der Jüngling. »Sicher gehört es hierher, das sagt mir mein Herz heute morgen, und das Ihre würde es auch tun, wenn Sie nur darauf hören wollten. Ich verlasse heute Ihr Heim; ich höre heute auf, Ihr Mündel zu sein; wir scheiden als halbe Verwandte, die ein Band lösen, während andere Bande schon in der Zukunft locken«, er blickte bei diesen Worten auf Marion, die an seiner Seite saß, hernieder, »Bande, so reich an Hoffnungen, wie es Worte nicht auszudrücken vermögen. Sie sehen«, setzte er fröhlich hinzu, »Sie sehen, Doktor, es ist noch ein Körnchen Ernst in diesem großen närrischen Haufen Nichtigkeit. Heute wollen wir wenigstens eingestehen, daß noch ein Körnchen Ernst vorhanden ist.«

»Heute!« rief der Doktor. »Hört nur, hört! ha, ha, ha! Gerade heute von allen Tagen im Lauf des närrischen Jahres. Was, heute, wo hier die große Schlacht geschlagen wurde? Auf diesem Platze, wo wir jetzt sitzen, wo ich meine Mädchen heute morgen tanzen sah, wo das Obst für unser Frühstück von diesen Bäumen gepflückt wurde, von Bäumen, die nicht in der Erde, sondern in Menschen wurzeln, traf so viele der Tod, daß in meiner Jugend noch – und auch für spätere Generationen wird das der Fall sein – ein guter Kirchhof voll Gebeine, und Staub von Gebeinen, und Splitter gespaltener Schädel hier ausgegraben wurden. Und doch wußten nicht hundert Menschen in dieser Schlacht, wofür und warum sie kämpften; nicht hundert derer, die über den Sieg frohlockten, warum sie es taten! Nicht fünfzig Menschen wurden glücklicher durch den Gewinn und den Verlust. Nicht sechs Menschen können sich bis heute über die Ursache und die Wirkungen einigen; kurz, niemand, außer denen, die um die Erschlagenen trauerten, hat jemals etwas Genaues davon gewußt. Ernst!« sagte der Doktor lachend. »Eine solche Welt!«

»Aber mir kommt dies alles ernst genug vor«, sagte Alfred.

»Ernst genug«, rief der Doktor. »Wenn Sie solche Dinge als ernst gelten lassen wollen, so müssen Sie wahnsinnig werden oder sterben oder auf einen hohen Berg steigen und Asket werden.«

»Und dann ist es lange her«, sagte Alfred.

»Lange her!« entgegnete der Doktor, »wissen Sie, was die Welt seit jener Zeit getrieben hat? Ich weiß es nicht!«

»Sie hatte ein bißchen prozessiert«, bemerkte Mr. Snitchey und rührte seinen Tee um.

»Obgleich es den Leuten zu leicht gemacht worden ist«, sagte sein Gefährte.

»Und mir gestatten Sie bitte, Ihnen zu sagen, Doktor«, fuhr Mr. Snitchey fort, »wiewohl ich es Ihnen schon tausendmal auseinandergesetzt habe, daß ich in der Welt, indem sie prozessiert, und überhaupt in dem Systeme ihres Gerichtswesens etwas wirklich Ernsthaftes, etwas durchaus Reelles erkenne, etwas, was sein Ziel und seinen Zweck hat.«

Clemency Newcome stieß jetzt an die Tafel, daß alle Teller und Tassen klapperten.

»Nun, was gibt es denn?« rief der Doktor.

»Es ist der dumme Aktenstoß«, sagte Clemency, »der einem immer zwischen die Gliedmaßen gerät.«

»Was sein Ziel und seinen Zweck hat, sagte ich«, wiederholte Snitchey, »etwas, das unsere Achtung verlangt. Das Leben wäre ein Narrenspiel, Doktor Jeddler? Das Leben mit der Gerichtsbarkeit?«

Der Doktor lachte und sah Alfred an.

»Zugegeben, daß der Krieg eine Dummheit ist«, sagte Snitchey, »darin stimmen wir überein. Zum Beispiel, hier sehen wir eine entzückende Gegend.« Er deutete mit der Gabel ins Freie. »Ehedem aber war sie bedeckt mit Scharen von Soldaten – jeder einzelne des Landfriedensbruches schuldig – und sie war verwüstet durch Feuer und Schwert. Ha, ha, ha! Nur der Gedanke allein, daß sich ein Mensch aus freien Stücken dem Tod durch Feuer und Schwert ausliefert! Das ist dumm, ist vollkommen lächerlich; man muß die Schultern zucken über seine Mitmenschen, wenn man daran denkt! Aber nehmen wir diese freundliche Gegend, wie sie jetzt ist. Denken wir an die aus dem Grundeigentum entspringenden Rechtsverhältnisse; an die Vererbung und Schenkung des Grundeigentums; an Freipacht, Erbpacht, zeitweise Pacht; denken wir«, sagte Mr. Snitchey mit solcher Hingerissenheit, daß er mit den Lippen schmatzte, »denken wir an die komplizierten Gesetze, die sich auf das Besitzrecht und den Beweis des Besitzrechtes erstrecken, nebst allen sich widersprechenden Präzedenzfällen und Gesetzesakten, die dazu gehören; an die unendliche Fülle von verwickelten und endlosen Kanzleigerichtsprozessen, zu denen diese schöne Serie den Anlaß gibt: – und geben Sie zu, Doktor Jeddler, daß dies eine Oase in der Welt ist! – Ich hoffe«, sagte Mr. Snitchey mit einem Blick auf seinen Kompagnon, »daß ich im Namen der Firma rede, Mr. Craggs.«

Da Mr. Craggs zustimmte, bemerkte Mr. Snitchey, dessen Appetit durch die Rede gesteigert worden war, »daß er noch eine Scheibe Fleisch und eine Tasse Tee zu sich nehmen wolle«.

»Ich möchte nicht das Leben im allgemeinen verteidigen«, fügte er hinzu und rieb sich, während er in sich hineinlachte, die Hände; »es ist voller Torheit, voll von noch Schlimmerem. Versicherungen der Treue, des Vertrauens und der Uneigennützigkeit, und Ähnliches. Ach, was! Wir wissen, was sie wert sind. Aber Sie dürfen nicht über das Leben lachen; Sie haben eine Partie zu spielen; eine sehr schwierige Partie! Alle Menschen spielen gegen Sie, und Sie spielen gegen alle Menschen. O, es ist eine recht interessante Geschichte. Es sind raffinierte Züge auf diesem Spielbrett. Sie dürfen nur lachen, Doktor Jeddler, wenn Sie gewinnen; aber auch dann nicht zu laut. Ha, ha, ha! und auch dann nicht zu laut!« wiederholte Snitchey, indem er den Kopf hin und her drehte und das eine Auge zukniff, als wollte er hinzufügen: »Sie können dafür das machen!«

»Nun, Alfred«, fragte der Doktor, »was sagen Sie dazu?«

»Ich sage nur«, erwiderte Alfred, »Sie können mir und vermutlich auch sich selbst keinen größeren Gefallen erweisen, als daß Sie manchmal versuchten, dieses Schlachtfeld zu vergessen. Nicht minder aber andere, die Teile dieses großen Schlachtfeldes des Lebens überhaupt sind; eines Schlachtfeldes, das die Sonne täglich bescheint.«

»Nun, ich fürchte, das würde ihn nicht milder stimmen, Mr. Alfred«, sagte Snitchey. »Die Kämpfer in dieser Lebensschlacht sind sehr grimmig und erbittert gegeneinander. Ganz empörend ist das Schlagen und Stechen, und das heimliche Niederstoßen von rückwärts; ferner das Zu-Boden-Treten und Erdrücken; kurz, es ist eigentlich eine böse Geschichte.«

»Ich glaube, Mr. Snitchey«, sagte Alfred, »daß in dieser Schlacht stille Siege und Kämpfe, große Selbstaufopferung und edle, heldenmütige Taten – selbst in scheinbaren Nichtigkeiten und Widersprüchen – sich ereignen. Sie sind gewiß nicht minder schwer zu vollbringen, weil sie in keiner irdischen Chronik verzeichnet werden, weil kein irdisches Publikum sie sieht; Taten, die jeden Tag in verborgenen Winkeln, in Hütten und in männlichen und weiblichen Herzen geschehen – von denen eine einzige den strengsten Kritiker mit dieser Welt versöhnen und ihn belehren könnte, auf sie zu vertrauen und zu bauen, selbst wenn eine Hälfte ihrer Bewohner im Krieg, und ein Viertel ins Prozessieren verwickelt wäre; und das ist doch noch übertrieben.«

Beide Schwestern lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Na schön!« sagte der Doktor, »ich bin zu alt, um noch bekehrt zu werden, selbst von meinem Freund Snitchey hier, oder von meiner guten Schwester, Martha Jeddler. Sie hat ja ihre Schicksalsprüfungen durchgemacht, wie sie es nennt, und seitdem ist sie mildtätig und voll Erbarmen gegen allerlei Leute geworden. Sie ist auch durchaus Ihrer Meinung (nur ist sie als Frau weniger vernünftig und hartnäckiger), daß wir uns nicht vertragen können und daher selten sehen. Ich bin geboren auf diesem Schlachtfeld. Von Kind auf wandten sich meine Gedanken auf die Geschichte dieses Schlachtfeldes. Sechzig Jahre sind an mir vorübergezogen, und ich habe immer erfahren, daß die ganze christliche Welt, mit wer weiß wie viel zärtlichen Müttern und leidlich braven Töchtern, wie den meinen, sich ganz toll auf dem Schlachtfeld gebärdet hat. Dieselben Widersprüche finden wir allenthalben. Man muß entweder lachen oder weinen über diese absurden Inkonsequenzen; und ich lache lieber darüber.«

Britain, der jedem einzelnen Sprecher in tiefster Aufmerksamkeit zugehört hatte, schien sich plötzlich der gleichen Ansicht anschließen zu wollen, wofern ein ganz dumpfer, ein tiefster Grabeston, den er von sich gab, für ein Lachen gehalten werden durfte. Sein Gesicht blieb aber dabei so unbewegt, daß, obgleich ein paar der Frühstücksgäste erschreckt von dem unheimlichen Ton sich umwandten, doch niemand auf den Urheber Verdacht warf.

Ausgenommen die mitbedienende Clemency Newcome versetzte ihm mit einem ihrer Lieblingsgliedmaßen, dem Ellbogen, einen Stoß und fragte ihn mit vorwurfsvollem Lispeln, worüber er lachte.

»Nicht über Sie!« sagte Britain.

»Über wen denn?«

»Über die Menschheit«, sagte Britain. »Das ist ein Spaß.«

»Wahrhaftig, zwischen dem Herrn und diesen Anwälten wird er mit jedem Tag dümmer!« rief Clemency und gab ihm noch einen Stoß mit dem anderen Ellbogen. »Wissen Sie, wer Sie sind? Wollen Sie an die Luft befördert werden?«

»Ich weiß gar nichts«, sagte Britain mit leerem Blick und unveränderter Miene. »Ich kümmere mich um nichts. Ich glaube an nichts. Ich strebe nach nichts.«

Wenn auch vielleicht diese trübe Behauptung in einem Anfall von Melancholie etwas übertrieben war, so hatte doch Benjamin Britain – zuweilen Klein-Britannien genannt zum Unterschied von Großbritannien; wie man von Jung-England spricht, um Alt-England durch Gegensatz zu charakterisieren – seine wahre Geistesverfassung besser gekennzeichnet, als man hätte meinen sollen. Denn da der Arme Tag für Tag den zahllosen Vorträgen zuhörte, die der Doktor über verschiedene Leute ergehen ließ und die alle auf den Beweis hinausliefen, daß sogar seine Existenz im besten Falle ein Irrtum und eine Groteske sei, so war er schließlich in einen solchen Abgrund verwirrter und sich widersprechender Vorstellungen, die ihn von außen und von innen bedrängten, geraten, daß die brunnentiefe Wahrheit im Vergleich mit Britains geistig tiefer Verdunkelung sich noch hoch oben auf flacher Erde befand. Das einzige, was er wirklich einsah, war, daß das neue Element, das Snitchey und Craggs gewöhnlich in diese Diskussionen brachten, diese nur unverständlicher machte, und daß dies für den Doktor stets eine Art Vorteil und Bestätigung darzustellen schien. Darum betrachtete er die beiden Anwälte als Miturheber seines Gemütszustandes und verabscheute sie tief innerlich.

»Aber damit haben wir jetzt nichts zu tun, Alfred«, sagte der Doktor. »Sie hören heute auf, mein Mündel zu sein, und verlassen uns, ausgerüstet mit dem, was Ihnen die lateinische Schule und Ihre Studien in London und ein alter einfacher Landdoktor, wie ich, lehren konnten, um in die Welt zu treten. Der erste Abschnitt Ihrer von Ihrem seligen Vater festgesetzten Probezeit ist nun vorüber. Sie gehen entsprechend seinem zweiten Wunsch als Ihr eigener Herr in die Welt hinaus, und lange, bevor Ihr dreijähriger Aufenthalt auf den ärztlichen Schulen des Auslands beendet ist, werden Sie uns vergessen haben. Beim Himmel, Sie werden uns binnen einem halben Jahr vergessen!«

»Wenn ich das tue – aber Sie wissen es ja besser: warum sollte ich mit Ihnen streiten?« sagte Alfred lachend.

»Ich weiß gar nichts Derartiges«, erwiderte der Doktor. »Was meinst Du dazu, Marion?«

Marion, mit ihrer Tasse spielend, schien zu sagen – aber sie sagte es nicht – daß er sie nur immer vergessen möge, wenn er es könne. Grace schmiegte ihr schönes Gesicht an Marions Wangen und lächelte.

»Ich bin, wie ich hoffe, nicht ein sehr ungerechter Verwalter des mir anvertrauten Gutes gewesen«, sprach der Doktor weiter: »aber jedenfalls muß ich heute meines Amtes offiziell enthoben und aus ihm entlassen werden; und hier sind unsere guten Freunde Snitchey und Craggs mit einem ganzen Stoß von Papieren, Rechnungen und Dokumenten über das Vermögen, das ich Ihnen zu übertragen habe (ich wollte, es wäre erheblicher, Alfred, aber Sie müssen ein tüchtiger Mann werden und es vergrößern), und anderem törichten Kram dieser Art. Der ist nur zu unterzeichnen, zu siegeln und zu übergeben.«

»Und rechtskräftig zu bestätigen, wie es das Gesetz vorschreibt«, sagte Snitchey. Er schob seinen Teller beiseite, holte die Papiere hervor, die sein Sozius auf dem Tische ausbreitete, und fuhr fort: »Da ich und Craggs gemeinschaftlich mit Ihnen, Doktor, Verwalter des Vermögens waren, so werden uns Ihre beiden Hausangestellten als Zeugen dienen – können Sie lesen, Mrs. Newcome?«

»Ich bin nicht verheiratet, mein Herr«, sagte Clemency.

»Ach, Verzeihung. Ich konnte mir dies denken«, sagte Snitchey lächelnd und betrachtete zugleich die wunderliche Erscheinung. »Sie können lesen?«

»Ein bißchen«, erwiderte Clemency.

»Sie lesen wohl am liebsten, von früh bis abends, das Verheiratungsformular, nicht wahr?« bemerkte scherzend der Anwalt.

»Nein«, sagte Clemency. »Zu schwer. Ich lese nur den Fingerhut.«

»Den Fingerhut?« wiederholte Snitchey. »Was soll das bedeuten?«

Clemency nickte und sagte: »Und das Muskatsieb«.

»Sie ist verrückt! Etwas für den Lord Oberkanzler!« sagte Snitchey und fixierte sie.

»Wenn sie Vermögen besitzt«, bemerkte Craggs.

Jetzt mischte sich aber Grace dazwischen und erklärte ihnen, daß auf die beiden genannten Gegenstände ein Motto geschrieben sei, und daß sie auf diese Weise die Taschenbibliothek Clemencys bildeten, die sich mit Büchern nicht viel abgab.

»Ach, das bedeutet es, Miß Grace!« sagte Snitchey. »Ja, ja. Ha, ha, ha! ich dachte, das gute Mädchen wäre im Verstand nicht richtig. Sie sieht ganz danach aus«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Was aber steht auf dem Fingerhut, Mrs. Newcome?«

»Ich bin nicht verheiratet, Mister«, bemerkte Clemency.

»Na, dann nur Newcome. Wird das passen?« sagte der Anwalt. »Was steht auf dem Fingerhut, Newcome?«

Wie Clemency, ehe sie diese Frage beantwortete, eine Tasche aufklappte und in ihrer gähnenden Tiefe nach dem Fingerhut suchte, der nicht darin war – und wie sie es mit der andern Tasche ebenso machte, und ihn tief unten wie eine Perle von großem Werte zu entdecken schien; wie sie dann alle dazwischenliegenden Hindernisse, als da waren ein Schnupftuch, ein Kerzenstummel, ein rotbäckiger Apfel, eine Orange, ein Glückspfennig, ein Schloß, eine Schere in Futteral, eine Handvoll Glasperlen, mehrere Garnknäuel, eine Nadelbüchse, eine vollständige Sammlung von Haarwickeln und ein Zwieback, beiseite räumte und jedes dieser Dinge einzeln Britain zu halten gab – das kümmert uns wenig. Auch nicht, wie sie bei ihrem Bemühen, die Tasche zu packen und festzuhalten (denn diese hatte merkwürdige Neigung zu schaukeln und in die nächste Ecke zu schlüpfen), eine Haltung annahm und diese festhielt, obwohl sie allem Anschein nach mit der menschlichen Anatomie und den Gesetzen der Schwerkraft im vollkommensten Widerspruch stand. Es genügt uns, daß sie zuletzt mit Triumph den Fingerhut auf den Finger steckte, und mit dem Muskatsieb klirrte, wobei zu beachten ist, daß die Literatur dieser beiden Geräte infolge der übermäßigen Abnutzung dem Verschwinden nahe war.

»Das ist also der Fingerhut?« sagte Mr. Snitchey, um sich auf ihre Kosten zu amüsieren. »Und was sagt der Fingerhut?«

»Er sagt«, antwortete Clemency und buchstabierte langsam die Inschrift heraus: »Ver – giß – und – ver – gib.«

Snitchey und Craggs lachten vergnügt. »Das ist nett!« sagte Snitchey. »Nicht übel!« sagte Craggs. »Soviel Menschenkenntnis verratend«, sagte Snitchey. »So praktisch fürs tägliche Leben«, sagte Craggs.

»Und das Muskatsieb?« forschte Snitchey weiter.

»Das Muskatsieb sagt«, entgegnete Clemency: »Was – du – willst – daß – dir – die – Leute – tun – das – tue – du – ihnen – auch.«

»Tue den Leuten etwas, damit sie dir nichts tun, wollen Sie wohl sagen?« sagte Mr. Snitchey.

»Das verstehe ich nicht«, antwortete Clemency und schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Anwalt.«

»Ich fürchte, wenn sie es wären, Doktor«, sagte Mr. Snitchey, indem er sich schnell zu diesem kehrte, als wollte er im voraus den Eindruck verwischen, den diese Antwort vielleicht hervorrufen könnte, »würden sie finden, daß dies die Moral ihrer meisten Klienten wäre. Darin sind sie sehr ernsthaft – so komisch sonst die Welt ist – und schieben dann die Schuld uns zu. Wir Juristen sind im Grund nur eine Art Spiegel, Mr. Alfred; aber meistens wenden sich hitzige, zornige und zänkische Leute, die nicht zum besten aussehen, an uns um Rat. Es ist daher eigentlich unrecht, auf uns zu schimpfen, wenn wir den Leuten unfreundliche Gesichter zeigen. Ich glaube«, sagte Mr. Snitchey, »ich spreche zugleich die Meinung unseres Mr. Craggs aus.«

»Ganz und gar«, sagte Craggs.

»Und so wollen wir denn, wenn Mr. Britain uns etwas Tinte gestatten will«, sagte Mr. Snitchey und nahm die Papiere wieder zur Hand, »sobald wie möglich unterzeichnen, besiegeln und übergeben; sonst kommt die Landkutsche, noch ehe wir wissen, wie weit wir sind.«

Wenn man nach dem Äußern urteilen wollte, so war es sehr wahrscheinlich, daß die Kutsche vorbeifuhr, noch bevor Mr. Britain wußte, wo er war; denn er stand ganz in Gedanken verloren da und wog die Argumente des Doktors gegen die der Anwälte, und der Anwälte gegen den Doktor, und der Klienten gegen beide bei sich gegeneinander ab; er machte schwache Versuche, den Fingerhut, und das Muskatsieb (ein ihm ganz neuer Begriff) mit irgendeiner ihm geläufigen Philosophie in Einklang zu bringen. Kurzum, er zerbrach sich, wie nur je seine große Namensvetterin, den Kopf mit Theorien und Systemen. Aber Clemency – die sein guter Geist war – obgleich er, weil sie sich nur selten um abstrakte Gedankengänge kümmerte und immer bei der Hand war, um das Rechte zur rechten Zeit zu tun, nur eine zu geringe Meinung von ihrer Vernunft hatte – war währenddem mit der Tinte erschienen und half ihm ferner noch dadurch, daß sie ihn durch einen Stoß mit dem Ellbogen aus seiner Zerstreutheit wieder zu sich brachte und ihn ganz munter machte.

Ich unterlasse es zu erzählen, wie ihn die bei Leuten seines Standes, die mit der Feder nicht umzugehen verstehen, häufige Besorgnis peinigte, daß er ein nicht von ihm selbst geschriebenes Schriftstück nicht mit einem Namen unterzeichnen könnte, ohne sich einer noch unbekannten Gefahr auszuliefern oder sich unbewußt zur Zahlung ungeheurer Summen zu verpflichten; oder wie er sich den Dokumenten nur mit Zagen und gezwungen vom Doktor näherte, und sie durchaus erst durchsehen wollte, ehe er unterschrieb (die Schreibschnörkel und gar erst die juristischen Ausdrücke waren für ihn so gut wie chinesisch), und das Blatt umwenden, um zu sehen, ob auf der anderen Seite nicht Gefährliches stünde: und wie er, nachdem er seinen Namen unterzeichnet hatte, ganz unglücklich wurde wie einer, der sein Vermögen und seine Rechte preisgegeben. Ich kann auch nicht ausführlich schildern, wie der blaue Beutel, der seine Unterschrift aufbewahrte, später eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf ihn ausübte, so daß er nicht von ihm weichen mochte; ferner wie Clemency Newcome, ganz aus dem Häuschen vor Vergnügen bei dem Gedanken, sie sei eine Person von Wichtigkeit, sich mit ihren beiden Ellbogen über die ganze Tafel legte und den Kopf auf dem linken Arm ruhen ließ, ehe sie anfing, ihre rätselhaften Zeichen zu machen, zu denen sie sehr viel Tinte benötigte, und die sie gleichzeitig mit ihrer Zunge in der Luft nachmalte. Ferner wie sie, nachdem sie einmal Tinte geschmeckt, durstig danach wurde, wie der Tiger, wenn er Blut geleckt, und alles mögliche unterzeichnen und ihren Namen in alle Ecken schreiben wollte. Schließlich aber wurde dabei der Doktor seines Amtes und seiner Verantwortlichkeit enthoben, und Alfred nahm diese selbst auf sich und trat seine Studienreise an.

»Britain!« sagte der Doktor, »eile zur Gartentür und sieh, ob die Kutsche kommt. Die Zeit entflieht, Alfred.«

»Ja, Herr, ja«, entgegnete der Jüngling hastig. »Liebe Grace! einen Augenblick! Marion – so jung und schön, so liebenswert und so bewundert, meinem Herzen so lieb wie nichts auf der Welt – vergiß es nicht! Ich empfehle Marion in deine Hände.«

»Sie war mir immer ein teures Vermächtnis, Alfred. Jetzt ist sie mir doppelt teuer. Ich werde mich deines Vertrauens würdig erweisen«, sagte Grace.

»Ich glaube es, Grace«, versetzte Alfred. »Ich weiß es. Wer könnte in dein Auge schauen, deine innige Stimme hören, und es nicht wissen? Ach, liebe Grace! hätte ich dein sicheres Gefühl, dein ruhiges Gemüt, wie unbekümmert würde ich heute diese Stätte verlassen.«

»Glaubst du?« antwortete sie mit ruhigem Lächeln.

»Und doch, Grace – Schwester möchte ich beinahe sagen –«

»Sag es!« unterbrach sie ihn lebhaft. »Ich höre es gern, nenne mich niemals anders.«

»Schwester also«, sagte Alfred, »und doch ist es besser für Marion und für mich, wenn uns dein beständiges und getreues Gemüt hier hilft und uns glücklicher und besser macht. Selbst wenn ich es vermöchte, würde ich sie nicht meinetwegen mitnehmen.«

»Die Kutsche hat die Höhe erreicht!« rief Britain.

»Die Zeit vergeht, Alfred«, mahnte der Doktor.

Marion hatte beiseite gestanden, die Augen zu Boden gesenkt; aber jetzt führte Alfred sie liebevoll zur Schwester hin und legte sie an deren Brust.

»Ich habe Grace gesagt, liebe Marion«, sprach er, »daß ich dich ihrer Obhut anvertraue, dich ihr beim Scheiden als mein teuerstes Kleinod übergebe. Und wenn ich wiederkomme und dich zurückfordere, Geliebteste, und die schöne Zukunft unseres Ehelebens sich vor uns breitet, da soll es eine unserer schönsten Freuden sein, darüber nachzudenken, wie wir Grace glücklich machen, ihren Wünschen zuvorkommen, ihr unsere Liebe und Dankbarkeit beweisen und ihr etwas von der Schuld zurückzahlen können, die wir ihr gegenüber haben.«

Die jüngere Schwester hatte eine Hand in die seine gelegt; mit der andern hielt sie ihre Schwester umschlungen. Sie sah in die sicheren heiteren Augen ihrer Schwester mit einem Blick, in dem sich Liebe, Bewunderung, Trauer und fast Verehrung vermischten. Sie blickte empor zum Gesicht der Schwester, als wäre es das Antlitz eines himmlischen Engels. Und mit heiterer, seliger Ruhe schaute dieses Antlitz auf sie und ihren Geliebten herab.

»Und sobald die Zeit kommt, wenn sie einmal kommen muß«, sagte Alfred; »es wundert mich, daß sie noch nicht gekommen ist: aber Grace weiß dies am besten, und Grace hat immer recht – wo sie das Herz eines Freundes nötig hat, dem sie sich vertrauen kann, wie wir ihr vertrauten: wie treu wollen wir dann zu ihr sein, Marion, und wie wollen wir uns freuen, daß unsere gute Schwester liebt und geliebt wird, wie sie es immer wert ist!«

Immer noch sah ihr die jüngere Schwester in die Augen und wandte sich nicht ab – nicht einmal nach ihm hin. Und immer noch verweilten diese treuen Augen mit friedvoller Ruhe auf ihr und ihrem Geliebten.

»Und wenn das alles vergangen ist und wir alt sind und in enger Gemeinschaft leben und oft von vergangenen Zeiten reden«, sagte Alfred, »dann soll diese vor allem anderen unsere Lieblingszeit sein – vornehmlich dieser Tag! und dann werden wir uns erzählen, was wir beim Abschied dachten und fühlten und hofften und fürchteten; und wie wir uns nicht Lebewohl zu sagen vermochten.«

»Die Kutsche fährt durch das Wäldchen«, rief Britain.

»Ja! Ich bin bereit – und wie wir trotz allem uns so glücklich wiedersahen: diesen Tag wollen wir zum glücklichsten im ganzen Jahre machen und als einen dreifachen Geburtstag feiern. Nicht wahr, Liebe?«

»Ja!« sagte die ältere Schwester feurig mit strahlendem Lächeln. »Ja! Alfred, aber verweile nicht länger. Es bleibt keine Zeit mehr übrig. Verabschiede dich von Marion, und möge Gott dich beschützen!«

Er zog die jüngere Schwester an seine Brust. Als er sie wieder losließ, lehnte sie sich erneut an Grace und sah wieder mit dem gleichen empfindungsreichen Blick in das ruhige Auge.

»Leben Sie wohl, Alfred!« sagte der Doktor. »Von ernsthaftem Briefwechsel oder tiefer Zuneigung und Verpflichtung und so weiter in diesem – ha, ha, ha! – Ihr wißt, was ich sagen will – zu reden, das wäre natürlich ein Unfug. Ich vermag nur festzustellen, daß, wenn Sie und Marion desselben vernarrten Sinnes bleiben, ich gegen Sie als Schwiegersohn, wenn die Zeit reif sein wird, nichts zu bemerken hätte.«

»Auf der Brücke!« schrie Britain.

»Möge sie kommen!« sagte Alfred und schüttelte dem Doktor herzlich die Hand. »Gedenken Sie bisweilen meiner, mein alter Freund und Vormund, so ernst, wie es Ihnen möglich ist! Leben Sie wohl, Mr. Snitchey! Leben Sie wohl, Mr. Craggs!«

»Sie fährt die Straße herunter!« rief Britain.

»Einen Kuß für Clemency Newcome, in alter Freundschaft, – hier die Hand, Britain – Marion, liebstes Herz, lebe wohl! Schwester Grace, vergiß nicht!«

Die mütterliche Gestalt mit dem in seiner heiteren Ruhe so schönen Antlitz wandte sich ihm zu; aber Marions Auge vermochte nicht mehr, sich von der Schwester abzuwenden.

Die Kutsche war vor der Tür. Das Gepäck wurde hinaufgehoben. Die Kutsche fuhr weiter. Marion rührte sich nicht.

»Er winkt dir mit dem Hut nach, Liebe«, sagte Grace. »Dein Bräutigam, teures Herz. Sieh!«

Die jüngere Schwester sah auf und wendete für einen Augenblick das Haupt. Als sie aber nun zum erstenmal dem vollen Blick dieser ruhigen Augen begegnete, warf sie sich der älteren Schwester weinend um den Hals.

»O Grace, Gott segne dich! Aber ich kann das nicht sehen, Grace! Es zerbricht mir das Herz.«


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