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Waverley - Band 2

Walter Scott: Waverley - Band 2 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleWaverley - Band 2
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 15
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcb72b6cf
created20070128
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Zweites Kapitel.

Major Melville trat, als er den Trommelwirbel hörte, mit dem Geistlichen auf die Terrasse hinaus, die sich vor seinem Hause befand. Draußen nahte ein feierlicher Zug, den der Trommelvirtuos eröffnete. Hinter ihm wurde eine große Fahne getragen mit vier Feldern, auf denen die vier Worte standen: Glaube, Kirche, König, Königreich.

Auf den Fahnenträger folgte der Kommandant: ein hagerer, finstrer Mann mit strengem Blicke, der ein Sechziger an Jahren sein konnte. In seinem Gesicht stand der wilde Fanatismus des Sektierers ausgeprägt. Es war unmöglich, ihn anzusehen, ohne daß man an einen Märtyrer am Pfahle oder an einen Inquisitor der strengkatholischen Richtung dachte.

Aber in dem theatralischen Aufputz, in der affektierten Weise seiner Haltung, in der großspurigen Art seiner Rede lag etwas, das an Lächerlichkeit grenzte. Seine Kleidung war der im ganzen Westen übliche braune Lodenrock, jedoch von besserm Stoffe, als man ihn bei der niedern Bevölkerung antrifft, und seine Bewaffnung bestand aus Schwert und Pistole, die ihrem Aussehen nach wohl schon die Schlachten bei Bentland oder Bothwell-Brigg mitgemacht haben mochten.

Er stieg jetzt ein paar Stufen der Terrasse hinauf, um den Major zu begrüßen, und griff dabei mit militärischem Aplomb an die leicht auf den Kopf gestülpte blaue Mütze, zur Antwort auf das Kompliment des Majors, der höflich sein dreieckiges, goldbordiertes Hütchen lüftete.

Das Korps, das der seltsame Fanatiker kommandierte, bestand aus etwa dreißig Mann, die sämtlich die unterländische Tracht trugen, aber in allerhand Farben, die zu den Waffen, die sie führten, in dem wunderlichsten Gegensatze standen und ihnen ein buntscheckiges, recht ordinäres Aussehen gaben. In den vordersten Reihen standen einige Mann, die von dem gleichen Enthusiasmus wie ihr Führer beseelt zu sein schienen, und die wohl in einem Kampfe furchtbare Gegner sein mochten, wenn ihr Mut durch religiösen Eifer verstärkt wurde. Andre stolzierten wie Pfaue herum und brüsteten sich mit ihren Waffen, die sie wahrscheinlich erst seit kurzer Zeit trugen. Noch andre schleppten sich zu Fuß hinter den Berittnen her oder »drückten sich« von ihren Kameraden, um sich irgendwo in einer Dorfhütte oder im Dorfkrug nach Erfrischungen umzusehen.

Der Major fragte, als er den Kameronier bekomplimentiert hatte, ob ihm das Schreiben zugegangen sei, das er ihm entgegengeschickt habe, und worin er ihm den Transport eines Staatsgefangenen nach dem Schlosse Stirling angekündigt habe.

»Jawohl,« war die kurze, abgeschlossene Antwort des Kameroniers.

»Aber Euer Kommando ist nicht so stark, wie ich gerechnet habe.«

»Ein paar Mann sind unterwegs dem Durst und Hunger verfallen und harren der göttlichen Tröstung.«

»Ihr habt zu solcher Zeit, wo die Rebellen darauf aus sind, Fuß im Unterlande zu fassen, einen Teil Eures Kommandos auf dem Marsche zurücklassen können?«

»Wenn sie doch dürsteten nach geistlicher Nahrung?« antwortete der Sektierer.«

»Indessen möchte ich doch, da Ihr den Gefangenen, den Ihr von mir nehmt, nach Schloß Stirling bringt, Euch eine geschlossenere Kriegszucht anempfehlen. Es möchte wohl besser sein, Ihr hieltet so lange Eure Mannschaft fester zusammen, ohne Rücksicht auf Eure sonst ja recht löblichen frommen Bräuche. Aber wie ich bemerke, leiht Ihr meinen Worten kein Ohr, Mr. Gilfillan! Da brauche ich mich also wohl nicht weiter zu bemühen? Bloß eins wollt Ihr nicht außer acht lassen: Ihr habt Euren Gefangenen anständig und höflich zu behandeln und sollt ihn unter keinen Umständen einem andern Zwange unterwerfen, als zu sicherm Transport unbedingt erforderlich ist.«

»Ich habe meine Instruktion gelesen,« sagte Gilfillan, »die von einem würdigen, frommen Edelmann abgefaßt worden ist, von dem Grafen William von Glencairn. Doch steht darin kein Wort davon, daß ich Instruktionen entgegenzunehmen hätte von einem Herrn Major Melville auf und zu Cairnvreckan.«

Major Melville wurde rot bis hinter die Öhren und noch röter, als er wahrnahm, daß, Mr. Morton, der Dorfpfarrer, lachte.

»Mr. Gilfillan,« sagte er, nicht ohne Herbigkeit, »Ihr wollt gütigst entschuldigen, daß ich mit einem Menschen von Eurer Wichtigkeit in ein Gespräch mich eingelassen habe. Aber da Ihr meines Wissens Eures Zeichens Viehhändler wart, so meinte ich, es sei vielleicht am Platze, Euch darauf hinzuweisen, daß es ein Unterschied ist, ob Ihr hochländisches Vieh oder Hochländer Leute zu transportieren habt, und daß Euch wohl nichts dadurch aus Eurer Krone geraubt würde, wenn Ihr Euch einen gut gemeinten Rat anhört von einem Manne, der den Dienst kennt und Euch ein Wort vergönnt. Aber ich bin nun fertig und empfehle Euch bloß noch einmal glimpfliche Behandlung Eures Gefangnen.« Hierauf wandte er sich nach dem Gefangenen, der inzwischen durch den Beifron herbeigeführt worden war. »Mr. Waverley, es tut mir aufrichtig leid, daß wir auf solche Weise auseinandergehen müssen. Sollte Euch aber der Weg noch einmal in diese Gegenden führen, so will ich mich bemüht zeigen, Euch mein bescheidnes Cairnvreckan in angenehmere Erinnerung zu setzen.«

Mit diesen Worten schüttelte er unserm Helden die Hand. Auch Morton verabschiedete sich auf die herzlichste Weise, und als Waverley seinen Braunen bestiegen hatte, faßte ein Musketier den Zaum in die Hand, und zwei Glieder Soldaten nahmen Roß und Reiter in die Mitte, und dann kommandierte Gilfillan zum Aufbruch.

Ein Kinderschwarm verfolgte sie durch das kleine Dorf und schrie in einem fort:

»Da bringen sie den aus dem Süden! den führen sie ab zum Galgen! zum Galgen! weil er auf unsern Schmied, auf Johann Grimmig, geschossen hat.«

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