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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das siebente Kapitel
Die freie Familie

Wie schon gesagt, schlage ich vor, bloß ein typisches Beispiel herauszugreifen, und zwar wähle ich diejenige Institution, die das Privat-Haus oder -Heim genannt wird; das Gerüste und Gerippe der Familie. Wir wollen kosmische und politische Tendenzen nur insofern untersuchen, als sie dieses alte und einzigartige Dach berühren. Es werden sehr wenige Worte genügen für alles, was ich über die Familie selbst zu sagen habe. Ich lasse alle Betrachtungen über ihren animalischen Ursprung und die Einzelheiten ihrer sozialen Umgestaltung außer acht; ich beschäftige mich nur mit ihrer handgreiflichen Allgegenwart. Sie ist eine Notwendigkeit für die Menschheit; sie ist (wenn ihr es lieber so ausdrücken wollt) eine Falle für die Menschheit. Nur durch heuchlerisches Ignorieren einer ungeheuren Tatsache kann man es fertig bringen, von »Freier Liebe« zu sprechen; als ob Liebe eine Episode wäre, wie eine Zigarette rauchen oder eine Melodie pfeifen. Stellt euch vor, wann immer ein Mann eine Zigarette geraucht hätte, wäre aus den Rauchringen ein erhabener Genius erwachsen und folgte ihm, nun überall hin als riesenhafter Sklave. Stellt euch vor, wann immer ein Mann eine Melodie gepfiffen hätte, wäre ein Engel herabgelockt worden, und er müßte nun immerfort mit einem Seraphim im Gefolge herumgehen. Diese katastrophalen Vorstellungen sind jedoch nur farblose Bilder, im Vergleiche mit den erderschütternden Folgen, welche die Natur an das Geschlecht geknüpft hat, und es ist von Anfang an klar, daß der Mensch nicht ein »freier Liebhaber« sein könne; er ist entweder ein Verräter oder ein gebundener Mann. Das zweite Element, das die Familie begründet, ist, daß ihre Folgen, obwohl ungeheuerlich, stetig anwachsend sind; die Zigarette zeugt ein Riesenbaby, das Lied nur ein Seraphenkind. Dann erst entsteht die Notwendigkeit für ein dauerndes System des Zusammenwirkens; und dann erst entsteht die Familie in ihrer vollen erzieherischen Bedeutung.

Man könnte sagen, daß das Heim die einzige anarchistische Institution sei. Das heißt, sie ist älter als Gesetze und steht außerhalb des Staates. Sie wird von Natur durch undefinierbare Kräfte der Sippe und Sitte erneuert oder zerstört. Das soll nicht heißen, daß der Staat keine Autorität über die Familie hat; daß Staatsautorität nicht angerufen wird und angerufen werden soll in den vielen abnormalen Fällen. Aber in den meisten normalen Fällen von Familien-Freud und -Leid gibt es für den Staat keine Möglichkeit der Einmengung. Das liegt nicht so sehr daran, daß das Gesetz nicht teilnehmen solle, als daß es nicht teil nehmen kann. So wie es Gebiete gibt, die dem Gesetze zu fern liegen, gibt es auch solche, die ihm zu nahe liegen; so wie ein Mensch eher den Nordpol sehen kann als sein eigenes Rückgrat. Kleine und allzu nahe Dinge entgehen der Kontrolle zumindest ebenso leicht wie große und entfernte; und die wahren Leiden und Freuden der Familie sind ein gutes Beispiel hierfür. Wenn ein Kind nach dem Monde verlangt, kann der Polizeimann den Mond nicht herbeischaffen – aber er kann auch das Kind nicht beschwichtigen. Geschöpfe, die einander so nahe stehen wie Mann und Weib oder Mutter und Kind, haben Möglichkeiten, einander glücklich oder elend zu machen, gegen die öffentliche Gewalt nichts vermag. Könnte eine Ehe auch an jedem Morgen gelöst werden, so gäbe sie dem Manne, der von einer Gardinenpredigt wach gehalten worden ist, doch seine Nachtruhe nicht wieder; und was nützt es überhaupt, einem Menschen viel Macht zu geben, der nur ein wenig Ruhe haben will? Ein Kind ist von seiner Mutter abhängig, und wäre sie noch so unvollkommen; eine Mutter mag sich den allerunwürdigsten Kindern aufopfern; in solchen Beziehungen ist gesetzliche Gerechtigkeit eitel. Selbst in den abnormalen Fällen, wo das Gesetz einzugreifen vermag, findet man diese Schwierigkeiten immer wieder, wie gar mancher ratlos gewordene Beamte wissen wird. Er soll Kinder vom Hungertode dadurch retten, daß er ihnen den Ernährer wegnimmt. Und er muß oft noch das Herz einer Frau brechen, weil der Mann ihr schon die Glieder gebrochen hat. Der Staat hat kein Werkzeug, das zart genug wäre, die tief eingewurzelten Gewohnheiten und verzweigten Gefühle der Familie zu entwurzeln; die beiden Geschlechter sind, ob glücklich oder unglücklich, zu fest aneinander gekittet, um auch nur die Klinge eines gesetzlichen Taschenmessers zwischen sie zwängen zu können. Mann und Weib sind ein Leib – selbst wenn sie nicht eine Seele sind. Der Mensch geht auf allen Vieren. Über diese uralte und anarchische Gemeinschaft haben Regierungsformen wenig oder keine Macht; sie ist glücklich oder unglücklich, je nach ihrer eigenen sexuellen Gesundheit und geistigen Beschaffenheit, unter der Republik der Schweizer wie unter dem Despotismus von Siam. Auch eine Republik Siam hätte wenig für die Befreiung der siamesischen Zwillinge tun können.

Die Schwierigkeit liegt nicht in der Ehe, sondern in den Geschlechtern und wäre auch im freiesten Konkubinat fühlbar. Nichtsdestoweniger hat die überwältigende Mehrzahl der Menschheit in dieser Sache nicht an Freiheit, sondern eher an eine mehr oder weniger dauerhafte Gebundenheit geglaubt. Völkerstämme und Zivilisationen sind verschiedener Meinung über die Anlässe, bei denen das Band gelockert werden darf; aber alle stimmen darin überein, daß es Bande gibt, die gelockert werden müssen und nicht bloß ein allgemeines Sich-Losmachen. Da es nicht im Rahmen dieses Buches liegt, will ich mich hier nicht mit einer Erörterung jener mystischen Anschauung der Ehe beschäftigen, an die ich selbst glaube, der großen europäischen Tradition, die die Ehe zum Sakrament gemacht hat. Hier genügt es zu sagen, daß Heiden und Christen gleicherweise die Ehe als Band anerkannt haben; ein Ding, das normalerweise nicht zerrissen werden soll. Kurz, dieser Menschen-Glaube an einen Bund der Geschlechter beruht auf einem Prinzip, das moderner Geist zu einem unangemessenen Studium gemacht hat. Es ist vielleicht am besten mit dem Prinzip des Frisch-Atemschöpfens beim Gehen zu vergleichen. Das Prinzip ist: daß in allem, das zu besitzen die Mühe lohnt, sogar in jedem Vergnügen, ein Fünkchen Schmerz oder Mühsal stecke, das überwunden werden muß, damit das Vergnügen erneuert werde und dauern könne. Kampfesfreude kommt nach überwundener Todesangst; die Freude, Virgil zu lesen, kommt nach der Langeweile, ihn zu lernen; die Glut des Schwimmers kommt nach dem eisigen Schauer der ersten Welle; und das Glück in der Ehe kommt nach den Enttäuschungen der Flitterwochen. Alle menschlichen Schwüre, Gesetze und Verträge sind ebenso viele Wege, um mit Erfolg über diesen Punkt des Zusammenbruches, diesen Augenblick einer etwaigen Niederlage hinwegzukommen.

Bei allen Dingen dieser Welt, die der Mühe wert sind, getan zu werden, gibt es einen Punkt, da keiner sie tun würde, außer aus Notwendigkeit oder um der Ehre willen. Das ist der Augenblick, da »die Institution« einen Menschen aufrechthält und ihm auf festeren Boden vorwärts hilft. Ob diese derbe Eigenheit der menschlichen Natur genügt, um die erhabene Bestimmung der christlichen Ehe zu rechtfertigen, ist wieder eine ganz andere Frage; es genügt vollauf, das allgemeine, menschliche Gefühl zu rechtfertigen, das in der Ehe eine gegebene Tatsache sieht, von der sich loszusagen ein Fehler oder zumindest eine Schande wäre. Das wesentliche Element ist nicht so sehr die Dauer, wie die Sicherheit. Zwei Menschen müssen aneinander gebunden sein, um einander gerecht zu werden; zwanzig Minuten lang während eines Tanzes oder zwanzig Jahre lang in einer Ehe. In beiden Fällen kommt es darauf an, daß ein Mann, wenn er auch nach den ersten fünf Minuten gelangweilt ist, doch weitertun und sich zwingen muß, glücklich zu sein. Zwang ist eine Art Ermutigung; und Anarchie (oder was manche Freiheit nennen) ist darum vor allem so drückend, weil sie vor allem so entmutigend ist. Könnten wir alle im Äther schweben, wie Luftblasen, frei, jeden Augenblick überall hinzutreiben, dann fände (als erste praktische Folge) niemand den Mut, eine Konversation anzufangen. Es machte uns so sehr verlegen, einen Satz in freundschaftlichem Flüsterton zu beginnen, wenn man die zweite Hälfte hinausschreien müßte ins Weite, weil der andere Teil »fortgetrieben« wäre in den freien, gestaltlosen Äther. Die beiden müssen einander festhalten, um einander gerecht zu werden. Wenn in Amerika Ehen wegen »Unvereinbarkeit der Charaktere« gelöst werden können, verstehe ich nicht, wieso sie nicht alle gelöst werden. Ich habe viele glückliche Ehen gekannt, aber niemals eine auf Wesensübereinstimmung gebaute. Der ganze Zweck der Ehe ist, durchzukämpfen und über den Augenblick hinwegzukommen da die »Unvereinbarkeit der Charaktere« klar zutage tritt. Denn Mann und Weib als solche sind ihrem Wesen nach unvereinbar.

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