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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das sechste Kapitel
Feinde des Eigentums

Aber eben aus diesem speziellen Grunde ist solch eine Erklärung notwendig, gerade an der Schwelle einer Definition von »Idealen«. Denn angesichts dieses historischen Schwindels, mit dem ich mich eben beschäftigt habe, werden viele Leser von mir erwarten, wenn ich ein Ideal vorschlage, daß es ein neues sei. Nun habe ich aber gar nicht die Absicht, ein neues Ideal vorzuschlagen. Denn kein neues Ideal kann von modernen Sophisten in all ihrer Verrücktheit ausgedacht werden, das auch nur annähernd so überraschend wäre, wie die Verwirklichung irgendeines der alten Ideale. An dem Tage, da irgendeine Fibel-Weisheit verwirklicht werden sollte, wird es gleich einem Erdbeben alle Nationen erschüttern. Es gibt nur ein Neues unter dieser Sonne, das uns zu tun übrig bleibt: nach der Sonne zu sehen. Wenn ihr es an einem blauen Junitag versucht, werdet ihr wissen, warum die Menschen ihre Ideale nicht geradewegs ins Auge fassen. Mit seinem Ideal kann man nur das eine wirklich Überraschende anfangen: es verwirklichen. Das heißt, eine flammende logische Tatsache und ihre erschreckenden Konsequenzen ins Auge fassen. Christus wußte, daß es ein betäubenderer Blitzschlag wäre, das Wort zu erfüllen, als es zu brechen. Dies trifft zu für beide Fälle, von denen ich sprach, wie für alle Fälle überhaupt. Die Heiden haben stets Keuschheit angebetet: Athene, Artemis, Vesta. Erst, als die jungfräulichen Märtyrerinnen anfingen, herausfordernd Keuschheit zu üben, haben sie sie von wilden Tieren zerreißen und auf glühend heißen Kohlen wälzen lassen. Stets hat die Welt die Vorstellung geliebt, daß der Arme am höchsten stünde. Dies beweist uns jede Legende, von Cinderella bis Whittington, jedes Lied, vom Magnificat bis zur Marseillaise. Und die Könige gerieten gegen Frankreich in tolle Wut, nicht, weil es dieses Ideal idealisierte, sondern realisierte. Josef II. von Österreich und Katharina von Rußland waren ganz damit einverstanden, daß das Volk regieren solle; entsetzt waren sie nur, als dies auch wirklich geschah. Die französische Revolution ist deshalb der Typus aller wahren Revolutionen, weil ihr Ideal so alt war wie der alte Adam, ihre Verwirklichung aber beinahe so frisch, so wunderbar, so neu wie das neue Jerusalem.

Aber in der modernen Welt begegnen wir vornehmlich dem außergewöhnlichen Schauspiel, daß die Leute sich neuen Idealen zuwenden, weil sie die alten nicht erprobt haben. Die Menschheit ist nicht des Christentums müde geworden; sie hat niemals genug Christentum gefunden, um seiner müde werden zu können. Die Menschheit ist niemals politischer Gerechtigkeit müde geworden; sie ward müde, ihrer zu harren.

Ich schlage nun für die Zwecke dieses Buches vor, nur eines dieser alten Ideale zu wählen, aber eines, das vielleicht das älteste ist. Ich wähle die Idee der Häuslichkeit: das Ideal-Haus, die glückliche Familie, die heilige Familie der Geschichte. Für den Augenblick muß nur bemerkt werden, daß sie, wie die Kirche und wie die Republik, jetzt hauptsächlich von denjenigen angefochten wird, die sie entweder nie gekannt, oder die es verfehlt haben, sie zu verwirklichen. Unzählige moderne Frauen haben sich in der Theorie gegen die Häuslichkeit aufgelehnt, weil sie in der Praxis sie niemals gekannt haben. Scharen von Armen werden in Fabrikhäuser getrieben, ohne jemals ein »Haus« gekannt zu haben. Allgemein gesprochen:

die Klasse der Gebildeten schreit danach, aus einem anständigen Heim herausgelassen zu werden, so wie die Klasse der Arbeiter danach brüllt, hineingelassen zu werden.

Wenn wir nun dieses Haus oder Heim zum Prüfstein nehmen, können wir, ganz allgemein, die einfachen geistigen Grundzüge oder die Idee klarlegen. Gott kann aus nichts etwas schaffen. Der Mensch (könnte man wirklich sagen) kann aus allem etwas schaffen. Mit anderen Worten: während unbegrenztes Schöpfen die Freude Gottes ist, ist die dem Menschen eigene Freude begrenztes Schöpfen; eine Vereinigung von Schöpfung und Grenzen. Der Mensch liebt es, die Herrschaft zu besitzen über seine Lebensbedingungen, aber auch zum Teil von ihnen besessen zu sein; halb beherrscht zu sein von der Flöte, die er spielt, oder vom Felde, das er bebaut. Unter gegebenen Bedingungen das Höchste erringen – das eben ist das Spannende; die Bedingungen lassen sich zwar dehnen, aber nicht ins Unendliche. Es kann einer ein unsterbliches Sonett auf ein altes Kuvert schreiben oder einen Helden aus einem Stück Stein hauen. Aber aus einem Stein ein Sonett hauen, wäre wohl eine mühsame Arbeit, und aus einem Kuvert einen Helden machen, liegt beinahe außerhalb der Sphäre praktischer Möglichkeiten. Dieser fruchtbare Kampf mit der Beschränkung wird, wenn es sich um die spielerische Unterhaltung einer gebildeten Klasse handelt, »Kunst« genannt. Aber die Mehrzahl der Menschen hat weder Geschick noch Zeit für die Erfindung unsichtbarer oder abstrakter Schönheit. Für die Mehrzahl der Menschen kann die Idee einer künstlerischen Schöpfung nur in einer Form Ausdruck finden, in einer, in modernen Diskussionen höchst unpopulären Form: der Eigentums-Idee.

Der Durchschnittsmensch kann zwar aus Lehm keinen Menschen formen, aber er kann Erde zu einem Garten formen; und wenn er auch bloß rotes Geranium und blaue Kartoffeln abwechselnd in gerade Reihen ordnet, so ist er doch ein Künstler: weil er gewählt hat. Der Durchschnittsmensch kann keinen Sonnenuntergang malen, dessen Farben er bewundert; aber er kann sein eigenes Haus bemalen, mit welchen Farben immer er mag. Und wählte er auch Erbsengrün mit rosa Tupfen, so wäre er doch ein Künstler, weil dies eben seine Wahl ist. Eigentum ist nur die Kunst der Demokratie. Es bedeutet, daß jeder Mensch etwas besitzen sollte, das er nach dem Bilde der eigenen Phantasie formen kann, wie er geformt ist nach dem Bilde Gottes. Aber da er nicht Gott ist, sondern nur ein Bild, nach Gottes Antlitz geformt, muß sein Werk, der Ausdruck seiner selbst, Grenzen unterworfen sein – Grenzen, die eigentlich bestimmt und sogar eng sind.

Ich weiß wohl, daß das Wort »Eigentum« in unserer Zeit von der Korruption der großen Kapitalisten besudelt worden ist. Man sollte nach dem Gerede der Leute meinen, daß die Rothschilds und Rockefellers auf der Seite der Eigentumsverfechtung stünden. Aber ganz im Gegenteil: sie sind Feinde des Eigentums, weil sie Feinde ihrer eigenen Beschränkung sind. Sie wollen nicht nur ihr eigenes Land besitzen, sondern auch das anderer Leute. Wenn sie die Grenzpfähle ihrer Nachbarn verschieben, verschieben sie auch die eigenen. Ein Mensch, der ein kleines, dreieckiges Feld liebt, sollte es lieben, weil es dreieckig ist. Wer diese Form zerstört, indem er ihm mehr Land gibt, ist ein Dieb, der ein Eck gestohlen hat. Ein Mensch, voll von wahrer Poesie des Besitzes, will die Mauer sehen, die seinen Garten von Nachbar Schmidts Garten trennt; die Hecke, mit der sein Hof Nachbar Schulzes Hof berührt. Er kann die Form seines Besitzes nicht erkennen, wenn er nicht die Ränder des Nachbargutes sieht. Es wäre Eigentums-Verneinung, wenn der Herzog von Sutherland alle Gehöfte eines Bezirkes haben wollte; ebenso wie es die Verneinung der Ehe wäre, wenn er alle unsere Frauen in einem Harem hätte.

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