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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das fünfte Kapitel
Die unvollendeten Tempel

Man lehrt die modernen Idealisten stets, daß eine Sache, ist sie einmal für null und nichtig erklärt worden, widerlegt sei; und dadurch macht man ihnen ihre Aufgabe wirklich gar zu leicht. Logischerweise ist es natürlich umgekehrt. Gerade die verlorenen Prozesse der Weltgeschichte hätten vielleicht die Welt erlösen können. Es ist schwer, einem Menschen zu antworten, der behauptet, daß der »Junge Prätendent« England glücklich gemacht hätte. Wenn einer aber behauptet, daß die »Georges« England glücklich gemacht haben – dann wissen wir hoffentlich alle, was man antworten kann. Das, was verhindert worden ist, bleibt immer unüberwindlich, und der einzige vollkommene König Englands war der, der erwürgt worden ist. Gerade weil das Jakobinertum seinen Zweck verfehlte, kann man nicht sagen, daß es etwas Verfehltes war. Eben weil die Revolution der Kommune zusammenbrach, können wir nicht sagen, daß ihr System zusammenbrach. Aber solche Ausbrüche waren kurz oder zufällig. Wenige Menschen sind sich darüber klar, wie viele von den größten Umwälzungen – den Ereignissen, die für alle Zeiten die Geschichte erfüllen wer den – in ihren ursprünglichen Absichten vernichtet und uns als gigantische Krüppel überliefert worden sind. Ich kann hier nur die beiden größten Erscheinungen der modernen Geschichte erwähnen: die katholische Kirche und jenes moderne Wachstum, das in der französischen Revolution wurzelt.

Als vier Ritter das Blut und Hirn des Thomas von Canterbury verspritzten, war dies nicht bloß ein Zeichen des Zorns, sondern einer Art heimlicher Bewunderung. Es verlangte sie nach seinem Blute, aber mehr noch nach seinem Hirn. Solch ein Schlag wird für alle Zeiten unverständlich bleiben, so lange wir uns nicht klar machen, was das Gehirn des heiligen Thomas dachte, kurz bevor es über den Boden verspritzt worden ist. Es dachte an die große Idee des Mittelalters, daß die Kirche die Richterin der Welt sei. Becket erhob Einwand dagegen, daß ein Priester gerichtet werden solle, und wäre es vom Lord Oberrichter selbst. Und seine Begründung war einfach: weil der Lord Oberrichter vom Priester gerichtet werden sollte. Die Herren des Gerichtes selber standen sub-judice. Die Könige selbst saßen auf der Anklagebank. Die Idee war, ein unsichtbares Königreich zu schaffen, ohne Waffen und ohne Gewalt, aber mit schrankenloser Freiheit, alle Königreiche der Erde öffentlich zu verdammen. Ob solch eine kirchliche Oberherrschaft die Gesellschaft errettet hätte, können wir nicht endgültig bejahen weil die Kirche niemals die Oberherrschaft besessen hat. Wir wissen nur, daß, in England jedenfalls, die Fürsten die Heiligen besiegt haben. Wonach die Welt gestrebt hat, das sehen wir vor uns, und manche nennen es verfehlt. Aber das, wonach die Kirche gestrebt hat, können wir nicht verfehlt nennen; einfach darum, weil die Kirche ihren Zweck verfehlt hat. Tracy schlug ein wenig vor der Zeit zu. England hatte damals die große Entdeckung des Protestantismus noch nicht gemacht: daß der König kein Unrecht begehen könne. Der König war im Dom gegeißelt worden, ein Schauspiel, das ich denjenigen empfehle, die bedauern, daß der Kirchenbesuch so unpopulär sei. Aber die Entdeckung wurde gemacht, und es fiel Heinrich VIII. ebenso leicht, die Gebeine Beckets zu verstreuen, wie seinerzeit Tracy, dessen Gehirn zu verspritzen.

Ich meine also, daß der Katholizismus niemals versucht worden war; viele Katholiken sind untersucht und schuldig befunden worden. Mein Standpunkt ist, die Welt ward nicht des Ideals der Kirche müde, sondern ihrer Realität. Die Klöster wurden angefochten nicht wegen der Keuschheit der Mönche, sondern wegen ihrer Unkeuschheit. Das Christentum ward unpopulär nicht wegen der Demut, sondern wegen des Hochmutes der Christen. Wenn die Kirche versagt hat, so geschah es gewiß durch Verschulden der Kirchenmänner. Aber gleichzeitig hatten auch sicherlich feindliche Elemente angefangen, sie zu spalten, lange bevor sie ihr Werk hätte vollenden können. Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Lebens- und Gedanken-Anschauung in Europa lag in der Natur der Sache. Das mittelalterliche System begann je doch, geistig in Stücke zu gehen, lange bevor es die leisesten Spuren davon zeigte, moralisch zu zerfallen. Die ungeheuerlichen frühen Ketzereien, wie die der Albigenser, haben auch nicht die leiseste Entschuldigung in moralischer Überlegenheit. Und es ist tatsächlich wahr, daß die Reformation Europa auseinander zu reißen begann, lange bevor die katholische Kirche Zeit gehabt hätte, es zusammenzufügen. Die Preußen zum Beispiel waren überhaupt erst ganz kurz vor der Reformation zum Christentum bekehrt worden. Man ließ den armen Teufeln kaum Zeit, Katholiken zu werden, ehe man sie hieß, Protestanten zu werden. Dies erklärt zum großen Teil ihr späteres Verhalten. Aber ich habe dies bloß angeführt als den ersten und augenscheinlichsten Fall der allgemein gültigen Wahrheit: daß die großen Ideale der Vergangenheit fallen gelassen worden sind, nicht, weil sie sich ausgelebt hatten (was eigentlich heißen müßte, weil sie sich überlebt hatten.), sondern, weil sie nicht lang genug gelebt hatten. Die Menschheit hat die Zeit des Mittelalters nicht erlebt und durchmessen; sie entfloh vielmehr aus dieser Zeit, zurückgeworfen und geschlagen. Man hatte nicht versucht, das christliche Ideal zu verwirklichen, und es unzulänglich befunden; man hat die Verwirklichung zu schwierig befunden und unversucht gelassen.

Ebenso war es natürlich mit der französischen Revolution. Viele unserer heutigen Schwierigkeiten haben ihren Ursprung darin, daß die französische Revolution zum Teil erfolgreich war und zum Teil mißlang. In einem Sinne war Valmy die entscheidende Schlacht des Westens, in einem anderen Trafalgar. Wir haben zwar die größten territorialen Tyranneien zerstört und einen freien Bauernstand in beinahe allen christlichen Ländern, außer in England geschaffen (wovon wir später noch sprechen werden); aber die parlamentarische Regierung, die einzige allgemeine Reliquie, ist ein recht armseliger Bruchteil der vollen republikanischen Idee. Die Theorie der französischen Revolution setzte vor allem zwei Dinge für eine Regierung voraus; Dinge, die sie zwar für den Augenblick erreichte, die sie aber sicherlich ihren Nachahmern in England, Deutschland und Amerika nicht hinterlassen hat. Das erste war die Idee ehrenhafter Armut: daß ein Staatsmann (in gewissem Sinne) ein Stoiker sein müsse. Das zweite war die Idee unbedingter Öffentlichkeit. Viele phantasievolle englische Schriftsteller (einschließlich Carlyle) können sich anscheinend nicht vorstellen, warum Männer wie Robespierre und Marat so glühend bewundert wurden. Die beste Antwort wäre, daß sie bewundert worden sind, weil sie arm waren, obwohl sie hätten reich sein können. Niemand wird behaupten, daß dieses Ideal in der haute-politique unseres Landes überhaupt bestehe. Unsere nationalen Anforderungen an politische Unbestechlichkeit gehen tatsächlich gerade von dem entgegengesetzten Gesichtspunkte aus; von der Erwägung nämlich, daß wohlhabende Männer in gesicherten Stellungen der Versuchung finanzieller Gaunereien nicht ausgesetzt sein würden. Ob die Geschichte der englischen Aristokratie, von den Plünderungen der Klöster angefangen bis zur Beschlagnahme der Minen, diese Theorie durchaus bekräftigt, will ich hier nicht untersuchen; aber sicherlich ist es unsere Theorie, daß Reichtum ein Schutz gegen politische Korruption sei. Der englische Staatsmann wird geschmiert, auf daß er sich nicht schmieren lasse. Er wird mit einem »Silberlöffel im Munde« geboren, auf daß man später nicht einen Silberlöffel in seiner Tasche finde. So stark ist unser Vertrauen zu diesem Schutz durch Plutokratie, daß wir unser Kaiserreich mehr und mehr den Händen solcher Familien anvertrauen, die Reichtum erben, aber weder Blut noch Sitte. Einige unserer politischen Familien sind Parvenus von Geblüt; sie überliefern Pöbelhaftigkeit wie ein Wappenschild. Von manchem modernen Staatsmann zu sagen, er sei mit einem silbernen Löffel im Munde geboren, ist unzulänglich und übertrieben zugleich. Er ist mit einem silbernen Messer im Munde geboren. Aber all dies veranschaulicht nur die englische Theorie, daß Armut für einen Politiker gefährlich sei.

Dasselbe wäre es, wollten wir die heutigen Zustände der »Öffentlichkeit« mit der Legende, die uns hierüber von der Revolution überliefert worden ist, vergleichen. Die alte demokratische Lehre war, je mehr Licht in alle Ämter des Staates gebracht werde, desto leichter könnte eine berechtigte Empörung gegen ein Unrecht sofort einschreiten. Mit anderen Worten: Monarchen sollten in Glashäusern wohnen, damit der Pöbel Steine werfen könne. Nun wird aber wieder kein Bewunderer der heutigen englischen Politik (wenn es einen solchen geben sollte) behaupten, daß dieses »Ideal der Öffentlichkeit« erschöpfend oder auch nur versuchsweise verwirklicht worden sei. Im Gegenteil: das öffentliche Leben wird mit jedem Tage mehr zu einem privaten. Die Franzosen haben tatsächlich die Tradition beibehalten, Geheimnisse zu enthüllen und Skandal zu machen; sie sind weit hitziger und handgreiflicher als wir, nicht im Begehen der Sünden, sondern im Beichten derselben. Der erste Dreyfuß-Prozeß hätte ebensogut in England stattfinden können; doch eben der zweite ist es, der hier gesetzlich unmöglich gewesen wäre. Aber, wollten wir uns wirklich klar machen, wie weit wir hinter den ursprünglichen republikanischen Ideen zurückstehen, so brauchten wir bloß festzustellen, wie weit wir sogar hinter den republikanischen Elementen des alten Regimes zurückstehen. Nicht nur, daß wir weniger demokratisch sind als Danton und Condorcet, wir sind sogar in vieler Hinsicht weniger demokratisch als Choiseul und Marie Antoinette. Die reichsten Adeligen vor der Revolution waren schäbige Mittelklasse im Vergleich zu unseren Rothschilds und Russels. Und im Punkte der Öffentlichkeit war die alte französische Monarchie unvergleichlich demokratischer als irgendeine unserer heutigen Monarchien. Tatsächlich konnte jeder Beliebige ins Schloß gehen und dem König zusehen, wie er mit seinen Kindern spielte oder seine Nägel pflegte. Die Leute besaßen den Monarchen, wie sie »Primrose Hill« besitzen; das heißt, sie können ihn nicht wegschaffen, aber sie können darauf herumkriechen. Die alte französische Monarchie war auf dem ausgezeichneten Grundsatz aufgebaut, daß jede Katz' den Kaiser anschauen mag. Aber heutzutage darf keine Katz' den Kaiser anschauen; außer vielleicht eine sehr zahme Katze. Selbst dort, wo die Presse das Recht der Kritik hat, wird es nur zu Schmeicheleien gebraucht. Der wesentliche Unterschied sieht schließlich beinahe so aus: Zur Zeit der Tyrannei des achtzehnten Jahrhunderts konnte man sagen:

»Der K.... von Br.....rd ist ein Bösewicht.«

Zur Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts darf man sagen: »Der König von Brentford ist ein musterhafter Familienvater«.

Aber wir haben, um des Nebenzweckes willen, das Hauptargument zu weit hinausgeschoben; nämlich zu zeigen, daß der große Traum der Demokratie ebenso wie der große Traum des Mittelalters im strikten und praktischen Sinne ein unerfüllter Traum geblieben sei. Was auch immer im modernen England nicht in Ordnung sein mag, dies jedenfalls ist nicht der Fehler, daß wir den Katholizismus des Becket oder die Gleichheit Marats zu wörtlich ausgeführt oder mit enttäuschender Vollständigkeit verwirklicht hätten. Nun habe ich diese beiden Fälle bloß deshalb unter zehntausend anderen gewählt, weil sie typisch sind; die Welt ist voll solcher unerfüllter Ideale, solcher unvollendeter Tempel. Die Geschichte besteht nicht aus vollendeten und eingestürzten Ruinen; eher besteht sie aus halbfertigen Villen, die ein bankrotter Erbauer stehen gelassen hat. Diese Welt gleicht mehr einer unfertigen Vorstadt als einem verlassenen Friedhof.

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