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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das dritte Kapitel
Der neue Heuchler

Durch diese neue, dunkle, politische Feigheit wurde das alte englische Kompromiß unnütz. Die Menschen haben angefangen, vor einer Verbesserung zurückzuschrecken, einfach weil sie vollkommen ist. Sie nennen es utopisch und revolutionär, daß irgend jemand wirklich seinen eigenen Weg gehen, daß irgend etwas wirklich getan und erledigt werden sollte. Unter einem Kompromiß verstand man gewöhnlich, daß ein halber Laib Brot besser sei als gar kein Brot. Die modernen Staatsmänner scheinen aber wirklich darunter zu verstehen, daß ein halber Laib Brot besser sei als ein ganzer.

Um die Beweisführung zu verschärfen, wähle ich den einen Fall des ewigen Projektes für unser Erziehungsgesetz als Beispiel. Wir haben es tatsächlich fertiggebracht, einen neuen Typus des Heuchlers zu erfinden. Der alte Heuchler, Tartuffe oder Pecksniff, war ein Mann, der eigentlich weltliche und praktische Ziele hatte, während er vorgab, daß sie religiös wären. Der neue Heuchler ist einer, dessen Ziele eigentlich religiös sind, während er vorgibt, daß sie weltlich und praktisch seien. Hochwürden Brown, der Wesleyanische Minister, erklärt hartnäckig, daß er sich um den Glauben nicht kümmere, sondern nur um die Erziehung; in Wirklichkeit aber zerreißt der wildeste Wesleyanismus seine Seele. Hochwürden Smith, ein Diener der anglikanischen Kirche, er klärt gewandt, nach Oxford-Art, daß die einzige Frage für ihn das Gedeihen und die Leistungsfähigkeit der Schule sei; während in Wirklichkeit alle bösen Leidenschaften eines Pfarrers in ihm toben. Es ist ein Kampf des Glaubens unter der Maske der Politik. Ich glaube, diese hochwürdigen Herren tun sich selbst unrecht; ich glaube, sie sind frömmer als sie zugeben wollen. Theologie wird nicht (wie manche annehmen) als ein abgetaner Irrtum angesehen, sondern wie eine heimliche Sünde verborgen. Eigentlich braucht Dr. Clifford so gut wie Lord Halifax eine theologische Atmosphäre, nur eine andere. Würde Dr. Clifford einfach den Puritanismus fordern und Lord Halifax den Katholizismus, so könnte ihnen vielleicht geholfen werden. Wir haben hoffentlich alle Phantasie genug, um Rang und Vorzug einer anderen Religion, zum Beispiel des Islams oder Apollo-Kultes, anzuerkennen. Ich bin gerne bereit, eines anderen Mannes Glauben zu respektieren; aber daß ich seine Zweifel, seine Unschlüssigkeiten und Fiktionen, seine politischen Geschäftchen und Vorwände respektieren sollte, ist wohl zu viel verlangt. Die meisten Nonkonformisten, die Sinn für englische Geschichte haben, könnten in der Gestalt des Erzbischofs von Canterbury etwas Poetisches und Nationales sehen, nämlich als Erzbischof von Canterbury. Erst wenn er den rationalistischen britischen Staatsmann spielt, werden sie mit vollem Rechte ärgerlich. Die meisten Anglikaner, die Blick für Mut und Einfachheil haben, könnten Dr. Clifford als baptistischen Minister bewundern. Erst wenn er sagt, er sei einfach ein Bürger, kann kein Mensch ihm glauben.

Aber die Sache ist eigentlich noch viel merkwürdiger als all dies. Das einzige herkömmliche Argument zugunsten unseres glaubensleeren Schwankens war, daß es uns wenigstens vor dem Fanatismus gerettet hat. Aber nicht einmal das tut es. Im Gegenteil, es schafft und erneuert einen Fanatismus, mit einer ihm allein eigenen Kraft. Dies ist so befremdend und so wahr zugleich, daß ich die Aufmerksamkeit des Lesers hierfür besonders erbitten muß.

Es gibt Leute, die das Wort »Dogma« nicht lieben. Glücklicherweise steht ihnen die Wahl frei, es gibt eine Alternative für sie. Es gibt für den menschlichen Verstand zwei Dinge, und zwar nur zwei Dinge: ein Dogma und ein Vorurteil. Das Mittelalter war eine rationalistische Epoche, ein Zeitalter der »Lehre«. Unser Zeitalter ist, bestenfalls, eine poetische Epoche, ein Zeitalter des Vorurteils. Eine Lehre ist ein bestimmter Standpunkt; ein Vorurteil ist eine »Richtung«. daß man Ochsen essen darf, während man Menschen nicht essen darf, ist eine Lehre. daß von allem so wenig als möglich gegessen werden soll, ist ein Vorurteil, manchmal auch Ideal genannt. Nun ist eine Richtung immer weit phantastischer als ein Plan. Ich würde die urälteste Karte der Straße nach Brighton einer allgemeinen Weisung, mich links zu halten, vorziehen. Gerade, die nicht parallel sind, müssen sich einmal schneiden; aber Kurven können in die Unendlichkeit entschwinden. Ein Liebespaar könnte so lange an der Grenze von Frankreich und Deutschland, jedes auf einer anderen Seite, dahin wandern, so lange man ihnen nicht beiläufig riete, sich von einander fern zu halten. Und dies ist ein strikte zutreffendes Gleichnis von der Wirkung unserer modernen Unschlüssigkeit, die Menschen wie in einem Nebel irre zu führen und zu trennen.

Es ist nicht bloß wahr, daß ein Glaube Menschen verbindet. Nein, eine Glaubensverschiedenheit verbindet die Menschen – so lange es eine klare Verschiedenheit ist. Grenzen verbinden. Manch ein edelmütiger Moslem und ritterlicher Kreuzfahrer müssen einander viel näher gestanden haben (weil sie beide Dogmatiker waren), als irgend zwei heimatlose Agnostiker auf einer Kirchenbank in Herrn Campells Kapelle. »Ich sage, Gott ist Eins« und »Ich sage, Gott ist Eins, aber auch Drei«, dies ist der Anfang einer ehrlich-streitlustigen männlichen Freundschaft. Aber unser Zeitalter würde derlei Glauben in Tendenzen umwandeln. Es würde dem Dreifaltigkeitsanhänger raten, der Vielfältigkeit an sich zu folgen (weil dies seinem »Temperament« entspräche) und er würde später wieder erscheinen mit dreihundertdreiunddreißig Personen in der Dreifaltigkeit. Inzwischen hätte es den Moslem in einen Monisten umgewandelt – ein schrecklicher intellektueller Sturz. Es würde diesen ehemals vernünftigen Menschen zwingen, nicht nur zuzugeben, daß es nur einen einzigen Gott gebe, sondern, daß es nichts anderes gebe. Wenn jeder lang genug dem Scheine seiner eigenen Nase gefolgt wäre (wie der Yak), würden sie wieder erscheinen: der Christ als Polytheist und der Moslem als Panegoist, beide ganz verrückt und weit unfähiger, einander zu verstehen, als zuvor.

Genau so ist es mit der Politik. Unsere politische Unschlüssigkeit trennt die Menschen, sie vereinigt sie nicht. Leute werden bei klarem Wetter am Rande eines Abgrundes gehen; aber bei Nebel werden sie sich meilenweit davon entfernt halten. So kann ein Tory bis hart an die Grenze des Sozialismus gehen, »wenn er weiß, was Sozialismus ist«. Aber, wenn man ihm sagt, daß der Sozialismus ein Geist sei, eine erhabene Atmosphäre, eine edle, undefinierbare Tendenz – nun dann hält er sich hübsch weit entfernt, und das mit vollem Rechte. Man kann einer Behauptung mit Argumenten begegnen; aber gesunde Bigotterie ist die einzige Art, mit der man einer Tendenz begegnen kann. Ich habe gehört, daß die japanische Kampfmethode darin bestehe, nicht plötzlich einzudringen, sondern plötzlich nachzugeben. Dies ist einer der vielen Gründe, weshalb ich die japanische Zivilisation nicht mag. Sich-Ergeben als Waffe gebrauchen, ist der allerschlimmste Geist des Ostens. Aber sicherlich ist keine Kraft so schwer zu bekämpfen, wie die Kraft, die so leicht zu besiegen ist; die Kraft, die stets erst weicht und dann zurückkehrt. Dies ist die Kraft eines der großen unpersönlichen Vorurteile, wie sie die moderne Welt in so vielen Punkten beherrschen. Dagegen gibt es keine anderen Waffen, als: eine unbeugsame, stählerne Gesundheit, ein Entschluß, auf kein Geschwätz zu hören und sich von Krankheiten nicht anstecken zu lassen.

Kurz, der vernünftige menschliche Glaube muß sich in einer Zeit der Vorurteile selbst mit Vorurteilen waffnen, genau so, wie er sich in einem Zeitalter der Logik mit Logik gewaffnet hat. Aber der Unterschied dieser beiden geistigen Methoden ist deutlich gekennzeichnet und unverfehlbar. Das Wesentliche dieses Unterschiedes ist, daß Vorurteile divergent sind, während verschiedene Glauben immer in Kollision sind. Gläubige fallen über einander her, während Bigotte einander aus dem Wege gehen. Ein Glaube ist eine gemeinsame Sache, und sogar seine Sünden sind gesellig. Ein Vorurteil ist eine private Sache, und sogar seine Toleranz ist menschenfeindlich. So steht es mit unseren herrschenden Meinungen. Sie gehen einander aus dem Wege; die Zeitungen der Tory und die der Radikalen antworten einander nicht, sie ignorieren einander. Echte Kontroverse, ehrlicher Hieb und Angriff, öffentlich, vor Zeugen, ist gerade in unserer Zeit sehr selten geworden. Denn in der Kontroverse ist der wahre Gegner vor allem anderen ein guter Zuhörer. Der wirkliche brennende Enthusiast wird niemals unterbrechen; er horcht so gierig auf die Argumente des Gegners, wie ein Spion auf die Anordnungen des Feindes horchen würde. Wollte einer aber mit einer Zeitung von entgegengesetzter politischer Gesinnung einen richtigen Streit versuchen, so würde er finden, daß zwischen Gewalt und Ausflucht kein Mittelding gelten gelassen wird. Man wird ihm nur mit Schimpfen oder Totschweigen antworten. Ein moderner Redakteur darf das scharfe Ohr nicht haben, das mit der ehrlichen Zunge gepaart ist. Er mag taub sein und schweigen; das nennt man dann Würde. Oder er mag taub sein und schreien, und das nennt man dann schlagenden Journalismus. In keinem der beiden Fälle gibt es irgend welche Kontroverse, denn der ganze Zweck moderner Parteikämpfer ist, außer Hörweite zu feuern.

Das einzige logische Heilmittel gegen all dies ist das Bekenntnis zu einem Menschheitsideal. Wenn ich nun darüber spreche, will ich versuchen, so wenig transzendent zu sein, wie vernünftigerweise zulässig ist. Es genügt zu sagen, daß, wenn wir nicht irgend eine Lehre von einem Gottesmann haben, stets jeder Mißbrauch entschuldigt werden könnte, da er ja auf dem Wege der Evolution zum rechten Brauche werden könne. Es wird den wissenschaftlichen Plutokraten leicht fallen, zu behaupten, daß sich die Menschheit allen Bedingungen, die wir jetzt als schlecht erachten, anpassen wird. Die alten Tyrannen riefen die Vergangenheit an; die neuen Tyrannen werden die Zukunft anrufen. Die Evolution hat die Schnecke und die Eule entstehen lassen; Evolution kann einen Arbeitsmann erstehen lassen, der nicht mehr Raum als eine Schnecke und nicht mehr Licht als eine Eule braucht. Der Arbeitgeber mag darum ohne Bedenken einen Kaffer unter der Erde arbeiten lassen; er wird bald zu einem unterirdischen Tier werden, wie ein Maulwurf. Er mag ohne Bedenken einen Taucher ausschicken, der den Atem anhalten muß im tiefen Meer; er wird bald ein Tiefseetier werden. Die Menschen können sich die Mühe sparen, die Bedingungen zu ändern; die Bedingungen werden schon die Menschen ändern. Man kann den Kopf klein schlagen, damit er zum Hute paßt. Schlagt dem Sklaven nicht die Fesseln entzwei; schlagt den Sklaven, bis er die Fesseln vergißt! Auf all diese plausiblen modernen Argumente für Unterdrückungen aller Art gibt es nur die eine passende Antwort: daß es ein dauerndes Menschheitsideal gebe, das weder verwischt noch zerstört werden darf. Der wichtigste Mensch auf Erden ist der vollkommene Mensch, der nicht hienieden weilt.

Die christliche Religion hat unser letztes Seelenheil ausdrücklich verkündet in dem Festhalten an dieser Idee der inkarnierten und menschlichen Wahrheit. Unser Leben und unsere Gesetze werden nicht nach göttlicher Überlegenheit, sondern einfach nach menschlicher Vollkommenheit gerichtet. Aristoteles sagt: »Der Mensch ist das Maß.« »Es ist der Menschensohn,« sagt die heilige Schrift, »der da richten wird über Lebendige und Tote.«

Es ist daher nicht die »Lehre«, die Uneinigkeiten verursacht; vielmehr kann nur eine Lehre unsere Uneinigkeiten schlichten. Es ist notwendig, daß wir uns fragen, wenn auch nur ganz allgemein, welche abstrakte oder ideale Form des Staates oder der Familie den Hunger der Menschheit stillen würde, und zwar unabhängig davon, ob wir dies jemals völlig erreichen können oder nicht. Aber wenn wir soweit gekommen sind, zu fragen:

was ist das Bedürfnis aller Menschen, was ist der Wunsch aller Nationen, was ist das Ideal eines Hauses, einer Straße, eines Gesetzes, einer Republik, eines Königs, einer Priesterschaft

– dann stehen wir vor einer seltsamen und verwirrenden Schwierigkeit, die nur unserer Zeit eigen ist, und wir müssen einen Augenblick Halt machen und das Hindernis untersuchen.

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