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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das fünfte Kapitel
Schluß

GERADE hier, könnte man sagen, endet mein Buch, wo es eigentlich beginnen sollte. Ich habe gesagt, daß die großen Besitzanhäufungen, wie sie heute in England bestehen, rasch oder langsam verschwinden müßten, obwohl die Eigentumsidee den Engländern erhalten bleiben soll. Das könnte auf zweierlei Art geschehen: Fremde Verwaltung durch völlig unbeteiligte Beamte, was Kollektivismus genannt wird; oder persönliche Verteilung, wodurch der sogenannte »bäuerliche Grundbesitz« entsteht. Ich halte die zweite Lösung für die bessere und weitaus menschenfreundlichere, weil sie jeden Menschen zu einem kleinen Gott macht (das sagte einer einmal vom Papst, was einem anderen wieder mißfiel). Ein Mann auf seinem eigenen Grund und Boden ahnt die Ewigkeit voraus, oder, mit anderen Worten, wird zehn Minuten länger arbeiten, als gerade notwendig ist. Aber ich glaube wohl mit Recht, vor dieser Aussicht des Argumentierens die Türen schließen zu dürfen, statt sie zu öffnen. Denn es ist nicht der Zweck dieses Buches, für den »bäuerlichen Grundbesitz«, sondern gegen die modernen Weisen zu plädieren, die Reformen zur Routine machen. Der Inhalt dieses ganzen Buches war das vielfältige Wiedererscheinen und das geflissentliche Hervordrängen einer einzigen, rein ethischen Tatsache. Und wenn, durch irgend einen Zufall, jemand diesen Grundgedanken noch immer nicht klar erkennen sollte, will ich mit einem deutlichen Gleichnis schließen, das darum nicht schlechter wird, weil es gleichzeitig eine Tatsache ist.

Vor kurzer Zeit haben Ärzte und andere Leute, denen das moderne Gesetz erlaubt, ihren schäbigeren Mitbürgern Vorschriften zu machen, einen Erlaß herausgegeben, daß allen kleinen Mädchen die Haare abgeschnitten werden sollen. Ich meine natürlich allen kleinen Mädchen, die arme Eltern haben. Reiche kleine Mädchen haben viele sehr ungesunde Gewohnheiten, doch es wird lange dauern, ehe Ärzte gegen diese gewaltsam vorgehen werden. Aber der Grund für dieses spezielle Eingreifen war, daß die Armen von obenher in eine Unterwelt von so stinkendem und erstickendem Schmutz gedrängt werden, daß man armen Leuten nicht erlauben kann, Haare zu haben, weil das in diesem Falle gleichbedeutend ist mit Läuse in den Haaren haben. Deshalb schlagen die Ärzte vor, die Haare zu vertilgen. Es scheint ihnen niemals eingefallen zu sein, die Läuse zu vertilgen. Und doch könnte das geschehen. Wie in den meisten modernen Streitfragen ist das unaussprechliche Ding der Haken an der ganzen Streitfrage. Jedem Christen (ich meine jedem Menschen mit einer freien Seele) wird es klar sein, daß man jeden Zwang, den man dem Töchterchen eines Kutschers auferlegt, auch, wenn möglich, dem Töchterchen eines Ministers auferlegen sollte. Ich will nicht fragen, warum die Ärzte ihre Regel nicht einfach als Tatsache auch bei den Töchtern der Herren Minister anwenden. Ich will nicht fragen, weil ich es weiß. Sie tun's nicht, weil sie es nicht wagen. Aber welche Ausrede wollen sie geltend machen, welche glaubwürdigen Argumente vorbringen, um solcherart an armen Kindern zu schneiden und zu schnitzeln, und nicht an reichen. Ihr Argument wäre, daß das Übel eher im Haare armer, als in jenem reicher Kinder auftreten dürfte; und warum? Weil die armen Kinder(ganz gegen alle Instinkte der ausgesprochen häuslich gesinnten Armen von einem im höchsten Grade unfähigen System öffentlichen Schulwesens gezwungen werden, sich in engen Räumen zusammenzudrängen; und weil vielleicht unter vierzig Kindern eines das Ärgernis erregt; und warum? Weil der arme Mann zugrunde gerichtet wird durch die großen Zinsen der großen Grundbesitzer, und seine Frau daher oft gerade so arbeiten muß wie er selbst. Deshalb hat sie keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern; deshalb ist eines unter vierzig ungepflegt. Weil nun der Arbeiter diese beiden Leute über sich hat: den Gutsbesitzer, der ihm (buchstäblich) auf dem Magen sitzt, und den Lehrer, der ihm (buchstäblich) auf dem Kopf sitzt, muß der Arbeiter zugeben, daß das Haar seines kleinen Mädels zuerst durch Armut verwahrlost, dann durch Gemeinschaft angesteckt und schließlich durch Hygiene vernichtet wird. Er war vielleicht stolz auf das Haar seines kleinen Mädels. Aber er zählt ja nicht.

Mit dieser einfachen Schlußfolgerung (oder mehr noch dem »Vorhergegangenen«) begnügt sich unser Soziologe Arzt und zieht fröhlich weiter. Mag eine wahnsinnige Tyrannei Menschen in den Schmutz hinunterdrücken, so tief, daß sogar ihre Haare schmutzig werden – wenn nur die wissenschaftliche Seite der Sache unbefleckt bleibt! Es wäre langwierig und schwierig, die Köpfe der Tyrannen abzuschneiden; es ist leichter, das Haar der Sklaven abzuschneiden. Oder auch: wenn es einmal vorkommen sollte, daß arme Kinder, die Zahnweh haben, durch ihr Schreien einen Herrn Lehrer oder einen Herrn Künstler stören würden, könnte man einfach den armen Leuten alle Zähne ziehen; wenn ihre Nägel widerlich schmutzig wären, könnten ihre Nägel weggeschnitten werden; wenn ihre Nasen unanständig zerschlagen wären, könnte man ihre Nasen abschneiden. Das Äußere unserer ärmeren Mitbürger könnte ganz auffallend vereinfacht werden, ehe wir sie abgetan hätten. Aber all dies ist nicht ein bißchen wilder, als die brutale Tatsache, daß ein Arzt in das Haus eines freien Mannes gehen und anordnen kann, daß seinem Töchterchen das Haar abgeschnitten werde, mag es auch so sauber sein wie eine Frühlingsblume. Es scheint diesen Leuten niemals aufzufallen, daß man die Lehre ziehen muß: wenn in Spelunken Läuse sind, so ist das die Schuld der Spelunken, nicht die Schuld des Haares. Denn das Haar ist doch zumindest das festgewurzelte Ding. Sein Feind (wie alle anderen Insekten und orientalischen Heerscharen von denen wir schon gesprochen haben) kommt manchmal über uns, aber selten. Die wahre Probe an vergänglichen Schöpfungen, wie Königreichen, können wir doch nur durch Ewigkeitsschöpfungen machen, wie Menschenhaar. Wenn eine Türe so gebaut ist, daß man nicht eintreten kann, ohne sich den Kopf anzuschlagen, so ist sie eben schlecht gebaut.

Der Pöbel kann nur revoltieren, wenn er konservativ ist; zumindest so weit, um einige Vernunftgründe zum Revoltieren konserviert zu haben. Das Schrecklichste an unserer ganzen Anarchie ist eben, daß die meisten Kämpfe, die ehemals für die Freiheit geschlagen worden sind, heute überhaupt nicht geschlagen werden würden, weil die reinen Volksansichten und -gebräuche, denen sie entsprungen sind, verdunkelt wurden. Das Unrecht, das den Hammer eines Wat Tylen herabgeführt hat, könnte heute eine medizinische Untersuchung genannt werden. Das, was Virginius als faule Sklaverei verabscheut und gerächt hat, könnte heute als freie Liebe gepriesen werden. Die grausamen Hohnworte Foulons: »Laßt sie Gras essen!« könnten heute als Todesschrei eines fanatischen Vegetarianers dargestellt werden. Diese großen Scheren der Wissenschaft, die die Locken armer kleiner Schulkinder abschneiden möchten, schnappen unaufhörlich näher und näher, um an allen Ecken und Enden, an aller Kunst und Ehre der Armen zu schnitzeln. Bald werden sie Nacken einschnüren, um sie in reine Kragen zu zwängen, und Füße abhacken, um sie neuen Stiefeln anzupassen. Es scheint ihnen niemals aufzufallen, daß der Körper mehr sei, als die Kleidung; daß der Sabbat für den Menschen geschaffen wurde; daß alle Einrichtungen darnach gut befunden oder verworfen werden sollen, ob sie für Geist und Körper des normalen Menschen taugen. Die Probe eines politischen Gesundheitszustandes wäre, seinen Kopf nicht zu verlieren; die Probe eines ästhetischen Gesundheitszustandes ist, seine Haare zu behalten.

Dieses ganze Gleichnis und aller Zweck dieser letzten Seiten, eigentlich aller dieser Seiten, ist nun die Behauptung, daß wir sofort ganz von neuem beginnen müssen, und zwar am anderen Ende. Ich beginne mit dem Haar eines kleinen Mädels. Das ist, wie ich bestimmt weiß, auf jeden Fall eine gute Sache. Was immer sonst schlecht sein mag, der Stolz einer guten Mutter auf die Schönheit ihrer Tochter ist gut. Es ist eine jener adamantischen Zärtlichkeiten, die der Prüfstein jedes Zeitalters und jeder Rasse sind. Wenn andere Dinge dagegen sprechen, müssen die anderen Dinge weichen. Wenn Gutsherren und Gesetze und Wissenschaften dagegen sind, müssen Gutsherren und Gesetze und Wissenschaften weichen. Mit den roten Locken einer kleinen Schelmin aus der Gosse will ich an die ganze moderne Zivilisation Feuer legen. Weil ein Mädel langes Haar haben soll, sollte sie sauberes Haar haben; weil sie sauberes Haar haben soll, sollte sie kein unsauberes Heim haben; weil sie kein unsauberes Heim haben soll, sollte sie eine freie und ausgeruhte Mutter haben; weil sie eine freie Mutter haben soll, sollte sie keinen wucherischen Gutsherrn haben; weil es keinen wucherischen Gutsherrn geben soll, sollte eine neue Vermögensaufteilung stattfinden; weil eine neue Vermögensaufteilung stattfinden soll, muß Revolution sein! Diese kleine Schelmin mit dem goldroten Haar (der ich eben zugesehen halbe, wie sie an meinem Haus vorbeigeschlendert ist), an ihr soll nicht gezwackt und geschnitten und geändert werden; ihr Haar soll nicht kurz geschoren werden wie das einer Nonne. Nein! Alle Königreiche der Erde sollen ihrzulieb verwüstet und verstümmelt werden. Die Stürme der Welt sollen um dieses ungeschorenen Lammes willen besänftigt werden. Alle Kronen, die ihrem Haupte nicht passen, sollen zerbrochen werden, alles Zier- und Bauwerk, das mit ihrer Glorie nicht harmoniert, soll vergehen! Ihre Mutter mag ihr befehlen, ihr Haar aufzubinden; denn das ist natürliche Autorität; aber der Kaiser des Planeten soll ihr nicht gebieten, es abzuschneiden. Sie ist das geheiligte Menschenbildnis; rings um sie soll aller sozialer Bau schwinden und bersten und fallen; es soll an den Grundpfeilern der Gesellschaft gerüttelt werden; die Dächer des Zeitalters mögen einstürzen; und nicht ein Haar ihres Hauptes soll fallen! –

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