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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das dritte Kapitel
Die schreckliche Pflicht des Gudge

IN dem Streite, von dem wir früher sprachen, zwischen dem energischen Fortschrittlichen und dem halsstarrigen Konservativen (oder, um eine sanftere Sprache zu sprechen, zwischen Hudge und Gudge) ist der Zustand der Mißverständnisse augenblicklich akut. Der Tory sagt, er wolle das Familienleben in Cindertown erhalten; der Sozialist setzt ihm sehr vernünftig auseinander, daß es in Cindertown augenblicklich kein Familienleben gäbe, das erhalten werden könnte. Aber Hudge, der Sozialist, äußert sich seinerseits wieder sehr unbestimmt und geheimnisvoll darüber, ob er das Familienleben, wenn es ein solches gäbe, erhalten wollte; oder ob er versuchen wollte, es wieder herzustellen, dort, wo es verschwunden ist. Es ist alles ungemein verwirrend. Der Tory spricht manchmal, als ob er die häuslichen Bande fester zu knüpfen suchte, die nicht existieren; der Sozialist, als ob er die Bande zu lockern suchte, die niemanden binden. Die Frage, die wir alle den beiden stellen wollen, ist die ursprüngliche, ideale Frage: »Wollt ihr die Familie überhaupt behalten?« Wenn Hudge, der Sozialist, die Familie haben will, muß er bereit sein, die natürlichen Einschränkungen, Unterschiede und Arbeitsteilungen in der Familie anzuerkennen. Er muß sich aufraffen, um den Gedanken zu ertragen, daß die Frau das häusliche Leben vorziehe und der Mann das Wirtshausleben. Er muß es irgendwie fertig bringen, es mit dem Gedanken auszuhalten, daß eine Frau weiblich sei, was nicht weich und nachgiebig heißt, sondern geschickt, sparsam, eher geizig und von überlegener Heiterkeit. Er muß ohne Zittern der Erkenntnis gegenüberstehen, daß ein Kind kindisch sein soll, das heißt, voll Energie, aber ohne eine Ahnung von Unabhängigkeit; ursprünglich ebenso gierig nach Autorität wie nach Belehrungen und Zuckerstangen. Wann immer ein Mann, eine Frau und ein Kind in einem freien und unabhängigen Haushalte wohnen, werden stets diese uralten Beziehungen wiederkehren, und Hudge muß sich's gefallen lassen. Er kann es nur dadurch verhindern, daß er die Familie zerstört, beide Geschlechter zu geschlechtslosen Schwärmern oder Horden treibt, und alle Kinder auferzieht, wie der Staat sie auferzieht – wie den Oliver Twist. Aber wenngleich diese ernsten Worte an Hudge gerichtet werden müssen, darf auch Gudge einem einigermaßen strengen Verweis nicht entgehen. Denn die einfache Wahrheit, die dem Tory möglichst eindringlich gesagt werden muß, ist die: wenn er will, daß die Familie erhalten bleibe, wenn er will, daß sie stark genug sei, um den zerstörenden Kräften unseres im höchsten Grade barbarischen Kommerzlebens zu widerstehen – muß er einige sehr große Opfer bringen und versuchen, das Eigentum gleichmäßiger zu verteilen. Die überwältigende Mehrzahl des englischen Volkes ist eben in diesem Augenblicke einfach zu arm, um häuslich sein zu können. Die Leute sind so häuslich, wie sie es nur irgend aufbringen können; sie sind viel häuslicher als die herrschende Klasse; aber sie können das Gute, das ursprünglich in dieser Institution liegen sollte, nicht erlangen, einfach, weil sie nicht genug Geld haben. Der Mann soll eine gewisse Hochherzigkeit repräsentieren, was ganz rechtmäßig darin ausgedrückt wird, daß er Geld hinauswirft, aber, wenn er dies unter gewissen Umständen nur da durch tun kann, daß er das Brot für die ganze Woche hinauswirft, dann handelt er nicht hochherzig, sondern niedrig. Die Frau soll eine gewisse Weisheit vertreten, was darin treffend ausgedrückt ist, daß sie die Dinge richtig wertet und das Geld vernünftig zusammenhält; aber wie soll sie Geld zusammenhalten, wenn keines da ist? Das Kind sollte in seiner Mutter einen Quell natürlicher Heiterkeit und Poesie erblicken; aber wie kann das sein, wenn die Quelle nicht, wie jede andere, frei sprudeln darf? Welche Aussichten hat irgendeine jener alten Künste und Funktionen in einem Haus, das so abscheulich auf den Kopf gestellt ist; ein Haus, in dem die Mutter fort ist, um zu arbeiten, und der Mann nicht; und wo das Kind gesetzlich gezwungen ist, dem Verlangen des Lehrers mehr Wichtigkeit beizumessen, als dem der Mutter? Nein! Gudge und seine Freunde im Herrenhaus und im Carltonklub müssen sich in dieser Sache einmal entschließen, und zwar möglichst schnell. Wenn sie damit zufrieden sind, England in einen Bienenkorb und Ameisenhaufen verwandelt zu sehen, hie und da mit ein paar verblichenen Schmetterlingen verziert, die in den Pausen der Ehescheidungsprozesse ein altes Spiel spielen, Häuslichkeit genannt – dann laßt ihnen ihr Reich der Insekten; sie werden eine Menge Sozialisten finden, die es ihnen geben werden. Aber, wenn sie ein häusliches England wollen, dann müssen sie »herausrücken«, wie der Fachausdruck lautet, in weit größerem Maßstab, als irgend ein radikaler Politiker es bisher vorzuschlagen gewagt hätte; sie müssen weit schwerere Lasten ertragen als das Budget, und weitaus tödlichere Streiche als Erbschaftssteuern; denn das, was geschehen muß, ist nicht mehr und nicht weniger als die Verteilung der großen Vermögen und der großen Besitzungen. Wir können dem Sozialismus jetzt nur durch eine Umwälzung entgehen, die so umfassend ist wie der Sozialismus. Wenn wir das Eigentum retten sollen, müssen wir das Eigentum verteilen, beinahe so schonungslos und durchgreifend, wie es die französische Revolution getan hat. Wenn wir die Familie erhalten sollen, müssen wir die Nation revolutionieren.

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