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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zweite Kapitel
Der Trugschluß vom Schirmständer

ALS Lord Morley sagte, daß man am Herrenhaus entweder etwas ändern oder damit enden müsse, gebrauchte er eine Phrase, die einige Verwirrung stiftete; da man daraus vielleicht schließen könnte, daß Ändern und Enden gewissermaßen dasselbe sei. Ich möchte die Tatsache besonders hervor heben, daß Ändern und Enden entgegengesetzte Dinge sind. Man ändert und verbessert eine Sache, weil man sie gern hat; man macht einer Sache ein Ende, weil man sie nicht mag. Ändern heißt verstärken. Ich, zum Beispiel, glaube nicht an Oligarchie und deshalb möchte ich am Herrenhaus nicht mehr ändern als an einer Daumenschraube. Andererseits glaube ich an die Familie; deshalb möchte ich an der Familie ändern wie an einem Stuhl; und niemals will ich auch nur einen Augenblick lang leugnen, daß die moderne Familie ein Stuhl sei, der einer Änderung bedarf. Aber hier kommen wir zum wesentlichen Punkte in bezug auf die Mehrzahl der modernen fortschrittlichen Soziologen. Hier sind zwei Institutionen, die stets die Grundpfeiler der Menschheit gewesen sind:

die Familie und der Staat. Anarchisten, denke ich, glauben an keine von beiden. Es ist ganz unbillig, zu sagen, daß Sozialisten an den Staat glaubten, aber nicht an die Familie; Tausende von Sozialisten glauben mehr an die Familie als irgendein Tory. Aber es ist wahr, daß die Anarchisten beidem ein Ende machen möchten, während die Sozialisten sich besonders damit beschäftigen, am Staate zu ändern (das heißt, ihn zu stärken und zu erneuern) und sich nicht besonders damit beschäftigen, die Familie zu stärken und zu erneuern. Sie tun nichts dazu, um die Funktionen von Vater, Mutter und Kind als solche genau zu bestimmen; sie spannen die Maschine nicht wieder nach; sie frischen die verblaßten Linien der alten Zeichnung nicht auf. Mit dem Staate tun sie dies: sie treiben seine Maschinerie neu an, sie schwärzen seine schwarzen dogmatischen Linien nach, sie machen seine Verwaltung in jeder Beziehung kräftiger und in mancher Beziehung strenger als zuvor. Während sie das Heim verfallen lassen, sorgen sie für Instandhaltung des Bienenschwarmes, besonders der Stacheln. Tatsächlich laufen manche Entwürfe von Arbeiter- und Armengesetzreformen, die kürzlich von hervorragenden Sozialisten befürwortet wurden, kaum auf etwas anderes hinaus, als die Mehrzahl der Menschen der despotischen Gewalt des Herrn Bumble auszuliefern. Anscheinend bedeutet Fortschritt fortgeführt zu werden von der Polizei.

Der Standpunkt, den ich nun hervorzuheben beabsichtige, könnte folgendermaßen dargestellt werden: Sozialisten und die meisten Sozialreformatoren ihres Schlages sind emsig darauf bedacht, die Grenze zu wahren zu jener Art von Dingen, die dem Staate angehören und derjenigen, die dem bloßen Chaos oder der unbeschränkten Natur angehören; sie zwingen viel leicht Kinder, in die Schule zu gehen, ehe die Sonne aufgeht, aber sie werden nicht versuchen, die Sonne zu zwingen, aufzugehen; sie werden nicht wie Knut die See verbannen, sondern nur die Seebadenden. Aber innerhalb der Grenzlinien des Staates verwirren sich ihre Richtlinien, und alles verschwimmt ineinander. Es fehlt ihnen der bestimmte instinktive Sinn dafür, daß ein Ding seiner Natur nach privat und ein anderes öffentlich sei; daß ein Ding naturgemäß gebunden und ein anderes frei sei. Dies ist der Grund, warum, Stück für Stück, ganz im stillen den Engländern die persönliche Freiheit gestohlen wird, so wie persönliches Landeigentum ganz im stillen, seit dem i6. Jahrhundert immerfort gestohlen worden ist.

Ich kann dies nur mittels eines losen Vergleiches entsprechend kurz zum Ausdruck bringen. Ein Sozialist ist ein Mann, der einen Spazierstock und einen Regenschirm für dasselbe Ding hält, weil sie beide in den Schirmständer hineingehen. Sie sind jedoch so verschieden wie eine Streitaxt und ein Stiefelknecht. Die wesentliche Grundidee eines Regenschirmes ist Umfang und Abwehr. Die wesentliche Grundidee eines Stockes ist Schlankheit und zum Teil Angriff. Der Stock ist das Schwert und der Schirm der Schild, aber er ist ein Schild gegen einen anderen und namenloseren Feind – das feindliche, doch unbekannte Weltall.

Eigentlich ist daher der Regenschirm das Dach; er ist eine Art zusammenlegbares Haus. Aber der wesentliche Unterschied reicht noch viel tiefer; er zweigt ab nach zwei verschiedenen Reichen des menschlichen Gehirns, zwischen denen ein Abgrund liegt. Denn der wesentliche Punkt ist: der Regenschirm ist ein Schild gegen einen Feind, der so wirklich ist, daß er zur bloßen Lästigkeit wird, während der Stock ein Schwert ist gegen Feinde, die so unwirklich sind, daß es das reinste Vergnügen ist. Der Stock ist nicht nur ein Schwert, sondern ein Zierde er ist ein rein zeremonielles Paradestück. Am besten kann man die Empfindung dadurch kennzeichnen, daß man sagt, ein Mann fühle sich mehr als Mann, wenn er einen Stock in der Hand hat, genauso wie er sich mehr als Mann fühlt, wenn er ein Schwert an der Seite hat. Aber niemals hatte jemand eines Regenschirmes wegen ein erhebendes Gefühl; der ist eine bequeme Einrichtung wie ein Schuhabstreifer. Ein Regenschirm ist ein notwendiges Übel. Ein Spazierstock ist ein ganz unnötiges Gut. Dies glaube ich, ist der wahre Grund, warum Regenschirme immer verloren gehen; niemals hört man von Leuten, die ihre Spazierstöcke verlieren. Denn ein Spazierstock ist ein Vergnügen, ein Stück wirkliches, persönliches Eigentum; man vermißt ihn, auch wenn man ihn nicht braucht. Wenn meine rechte Hand ihren Stock vergißt, mag sie auch ihre Geschicklichkeit vergessen. Aber jedermann kann seinen Regenschirm vergessen, so wie jedermann ein Dach vergessen kann, unter das er sich während des Regens gestellt hatte.

Jederman kann einen notwendigen Gegenstand vergessen. – Wenn ich diese Redefigur weiter ausführen wollte, könnte ich einfach sagen, der ganze Irrtum der Kollektivisten bestehe darin, daß sie sagen: weil zwei Männer einen Regenschirm teilen können, können sie auch einen Spazierstock teilen. Regenschirme könnten möglicherweise durch irgendwelche gemeinsame Plachen ersetzt werden, die gewisse Straßen vor zeitweiligen Regengüssen schützen. Aber die Vorstellung, einen gemeinsamen Stock zu schwingen, ist reinster Unsinn; das wäre so, als spräche man davon, einen gemeinsamen Schnurrbart zu drehen. Man wird sagen, daß dies ein offenkundiges Hirngespinst sei und daß kein Soziologe solche Narrheiten vorschlage. Ich bitte um Entschuldigung, aber sie tun es. Ich will eine genaue Parallele dieses Falles der Verwechslung von Stock und Schirm anführen; eine Parallele zu einem immerfort wiederholten Reformvorschlag. Von hundert Sozialisten werden wenigstens sechzig, nachdem sie von gemeinsamen Waschküchen gesprochen haben, gleich fortfahren und von gemeinsamen Küchen sprechen. Dies ist genau so mechanisch und uninteligent, wie der phantastische Fall, den ich angeführt habe. Sowohl Stöcke wie Schirme sind steife Stangen, die in ein Loch des Vorzimmerständers gehen. Sowohl Küchen wie Waschküchen sind große Räume voll Hitze und Dampf und Dunst. Aber Seele und Bestimmung der beiden sind durchaus entgegengesetzt. Es gibt nur eine Art und Weise ein Hemd zu waschen; das heißt, nur eine richtige.

Es gibt weder Geschmack noch Phantasie an zerlumpten Hemden. Niemand sagt: »Tomkens hat gerne fünf Löcher in seinem Hemd, aber ich muß sagen, gebt mir die guten alten vier Löcher.« Niemand sagt: »Diese Waschfrau reißt das linke Bein meines Pyjamas auf, und wenn es ein Ding gibt, auf dem ich bestehe, so ist es, daß das rechte Bein aufgerissen werden muß.« Ideales Waschen heißt einfach: ein Ding gewaschen zurückschicken. Aber es ist bei weitem nicht wahr, daß ideales Kochen einfach heißt, ein Ding gekocht zurück schicken. Kochen ist eine Kunst; es liegt Persönlichkeit und sogar Perversität darin; denn die Definition einer Kunst ist: etwas, das persönlich sein muß und pervers sein darf. Ich kenne einen Mann, der sonst kein Feinschmecker ist, der gewöhnliche Bratwürste nicht berühren kann, wenn sie nicht beinahe verkohlt sind. Er will seine Bratwürste ganz zerkocht haben, aber nicht seine Wäsche. Ich behaupte nicht, daß solche Spitzen kulinarischer Empfindlichkeit von hoher Bedeutung seien. Ich sage nicht, daß das Ideal der Gemeinsamkeit ihnen Platz machen sollte. Ich sage nur, daß das Ideal der Gemeinsamkeit von ihrer Existenz nichts weiß und schon darum von allem Anfang an fehlgeht, da es eine völlig öffentliche Sache mit einer rein individuellen vermischt. Vielleicht müssen wir in der sozialen Krise gemeinschaftliche Küchen hinnehmen, genau so wie wir bei einer Belagerung ein gemeinsames Katzenessen hinnehmen müßten. Aber der Kultursozialist spricht mit vollem Behagen ohne jeden Belagerungszustand von gemeinschaftlichen Küchen, als ob das dasselbe wäre wie gemeinschaftliche Waschküchen. Dies beweist von allem Anfang an, daß er die Natur der Menschen verkennt. Sie sind ebenso verschieden, wie drei Männer, die den gleichen Chor singen, von drei anderen, die drei Melodien auf demselben Klavier spielen.

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