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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Fünfter Teil
Das Heim des Menschen

 

Das erste Kapitel
Das Reich der Insekten

EIN kultiviert-konservativer Freund von mir zeigte einst großes Entsetzen, weil ich, in einem lustigen Augenblick, Edmund Burk einen Atheisten genannt hatte. Ich muß wohl nicht betonen, daß die Bemerkung einigermaßen jeder biographischen Genauigkeit spottete; das sollte sie ja auch. Burk war sicherlich seiner eigentlichen Weltanschauung nach kein Atheist, obwohl er keinen besonderen und flammenden Gottesglauben besaß, wie Robespierre. Nichtsdestoweniger bezog sich die Bemerkung auf eine Wahrheit, die hier zu wiederholen ich für wichtig halte. Ich meine, daß in dem Streite über die französische Revolution Burk die atheistische Meinung vertrat und ihre Art der Argumentation, so wie Robespierre die theistische. Die Revolution berief sich auf die Idee einer abstrakten und ewigen Gerechtigkeit jenseits aller örtlichen Gewohnheiten oder Bequemlichkeiten. Wenn es Gottesgebote gibt, dann muß es auch Menschenrechte geben. Dagegen erhob Burk seine glänzende Einwendung; er griff die Lehre Robespierres nicht mit der alten, mittelalterlichen Lehre vom »jus divinum« an (die wie die Lehre Robespierres eine theistische war), er griff sie mit dem modernen Argument der wissenschaftlichen Relativität an; kurz mit dem Argument der Evolution. Er wies darauf hin, daß die Menschheit überall von ihrer Umgebung und ihren Institutionen um geformt wird oder sich ihnen anpaßt; daß jedes Volk tatsächlich nicht nur den Tyrannen hat, den es verdient, sondern den Tyrannen, den es eigentlich haben sollte. »Ich weiß nichts von den Rechten der Menschen,« sagte er, »aber ich weiß einiges von den Rechten der Engländer.« Da habt ihr den wahren Atheisten! Sein Argument ist, daß wir durch natürlichen Zufall und durch Wachstum einigen Vorteil gewonnen haben; und warum sollten wir uns dazu bekennen, darüber hinaus für alle Welt zu denken, als ob wir das Ebenbild Gottes wären? Wir sind unter einem Herrenhaus geboren, wie Vögel unter einem Blätterhaus; wir leben unter einer Monarchie, wie Neger unter einer tropischen Sonne; es ist nicht ihre Schuld, wenn sie Sklaven sind, und es ist nicht die unsere, wenn wir Snobs sind. So wurde lange, ehe Darwin seinen Schlag gegen die Demokratie führte, schon das Wesentliche des darwinistischen Arguments gegen die französische Revolution vorgebracht. Burk sagte im wesentlichen, der Mensch müsse sich allem anpassen wie ein Tier; er müsse nicht versuchen, alles zu ändern, wie ein Engel. Der letzte schwache Schrei des frommen, hübschen, halb künstlichen Optimismus und Deismus des achtzehnten Jahrhunderts war die Stimme Sternes, der sagte: »Gott besänftigt die Stürme, um eines geschorenen Lammes willen.« Und Burk, der eiserne Evolutionist, antwortete im wesentlichen:»Nein, Gott besänftigt das geschorene Lamm der Winde wegen.« Es ist das Lamm, das sich anzupassen hat. Das heißt, entweder stirbt es oder es wird eine besondere Art von Lämmern, die gerne im Zuge stehen.

Der unterbewußte Volksinstinkt gegen den Darwinismus entsprang nicht einem bloßen Gefühle der Beleidigung bei dem grotesken Gedanken, seinen eigenen Großvater in einem Käfig im Regentspark zu besuchen. Die Menschen finden Gefallen am Trinken, an handgreiflichen Scherzen und an vielen anderen grotesken Dingen; sie finden nichts daran, sich selbst zu Tieren zu machen, und sie würden nichts daran finden, wenn man ihre Vorväter zu Tieren machte. Der wahre Instinkt war viel tiefer und viel wertvoller. Es war das Gefühl, daß, wenn man erst einmal anfängt, den Menschen als ein wandelbares und veränderliches Wesen anzusehen, es dem Starken und Tätigen immer leicht fallen werde, ihn zu allen möglichen unnatürlichen Zwecken in neue Formen zu zwängen. Der Volksinstinkt sieht in solchen Entwicklungen die Möglichkeit, daß Rücken niedergebeugt und buckelig gemacht werden, um der Lasten willen, und Glieder verdreht werden, um der ihnen auferlegten Arbeiten willen. Er hat eine gar wohl begründete Ahnung, daß alles, was schnell und systematisch getan wird, zumeist von einer erfolgreichen Klasse getan wird und fast ausschließlich in ihrem Interesse. Er hat darum eine Vision unmenschlicher Bastarde und halbmenschlicher Experimente, ganz in der Art von Herrn Wells' »Island of Dr. Moreau«. Es könnte dazu führen, daß der reiche Mann ein Geschlecht von Zwergen zu züchten vermöchte, die seine Jockeys sein sollten, und ein Geschlecht von Riesen, die seine Türsteher sein sollten. Gnooms könnten mit gekrümmten und Schneider mit gekreuzten Beinen geboren werden. Parfümeure könnten lange große Nasen und eine demütige Haltung haben, wie Geruchshunde, und bei gewerbsmäßigen Weinkostern könnte der schreckliche Ausdruck eines Mannes, der Wein kostet, schon in ihren Kindergesichtern ausgeprägt sein. Weiches Bild immer man wählt, und mag es noch so wild sein, es kann mit dem Entsetzen der menschlichen Phantasie doch nicht Schritt halten, wenn sie einmal voraussetzt, daß der bestimmte Typus, Mensch genannt, geändert werden könnte. Wenn irgendein Millionär Arme brauchen würde, müßten irgend einem Lastträger zehn Arme wachsen, wie einem Octopus; wenn er Beine brauchte, müßte irgend ein Eilbote mit hundert trabenden Beinen wie ein Hundertfüßler herumlaufen. In dem verzerrten Spiegel der Hypothese, das heißt des Unbekannten, können die Menschen solche ungeheuerliche und häßliche Gestalten undeutlich erkennen: Menschen, ganz zu Augen zusammen geschrumpft oder ganz zu Fingern, Menschen, von denen nichts übrig bleibt als ein Nasenloch oder ein Ohr. Dies ist der Alpdruck, mit dem uns die bloße Vorstellung der Anpassung erschreckt. Dies ist der Alpdruck, der von der Wirklichkeit nicht so weit entfernt ist.

Man wird erwidern, nicht einmal der wildeste Evolutionist verlange wirklich, daß wir in irgendeiner Weise unmenschlich werden oder irgendein anderes Tier nachahmen sollten. Verzeihung! gerade das ist es, was nicht nur der wildeste Evolutionist fordert, sondern auch mancher von den allerzahmsten. Es ist da in neuester Zeit ein wichtiger »Kultus« hoch emporgestiegen, der sich gut anläßt, die Religion der Zukunft zu sein – was eigentlich heißt, die Religion einiger wenigen schwachsinnigen Leute, die in der Zukunft leben. Es ist bezeichnend für unser Zeitalter, daß es seinen Gott durchs Mikroskop ansehen muß; und unser Zeitalter steht unter dem Zeichen einer entschiedenen Anbetung der Insekten. Wie die meisten Dinge, die wir neu nennen, ist sie natürlich als Idee gar nicht neu sie ist nur neu als Götzendienst. Virgil nimmt die Bienen sehr ernst; aber ich bezweifle, ob er sie so sorgfältig gehalten hätte, wie er über sie schrieb. Der weise König hieß den Müßiggänger die Ameisen beobachten; eine reizende Beschäftigung – für einen Müßiggänger. Aber in unserer Zeit hat sich ein ganz anderer Ton vernehmbar gemacht und mehr als ein großer Mann, sowie zahllose intelligente Männer haben ernstlich vorgeschlagen, wir sollten die Insekten beobachten, weil wir ihnen inferior seien. Die alten Moralisten nahmen bloß die Tugenden der Menschen und verteilten sie ganz dekorativ und willkürlich unter die Tiere. Die Ameise wurde zu einem beinahe heraldischen Symbol des Fleißes, wie es der Löwe für den Mut ist, oder wie es der Pelikan für Aufopferung ist. Aber hätte man die Leute des Mittelalters davon überzeugt, daß ein Löwe nicht mutig sei, so hätten sie den Löwen fallen lassen und den Mut behalten; wenn der Pelikan nicht auf opferungsvoll ist, so hätten sie gesagt, um so schlimmer für den Pelikan. Ich sage daher, die alten Moralisten erlaubten der Ameise, die Moral der Menschen zu bekräftigen und zu versinnbildlichen; niemals gestatteten sie der Ameise sie umzustürzen. Sie gebrauchten die Ameise als Sinnbild des Fleißes, wie die Lerche als das der Pünktlichkeit; sie sahen empor zu den flatternden Vögeln und hinunter zu den kriechenden Insekten als häusliche Belehrung. Aber wir haben es erlebt, eine Sekte zu sehen, die nicht hinunter, sondern hinauf schaut zu den Insekten; die uns tatsächlich auffordert, uns niederzubeugen und Käfer zu verehren wie die alten Ägypter.

Maurice Maeterlinck ist ein Mann von unverkennbarem Genie, und das Genie trägt stets ein verherrlichendes Glas. In dem schrecklichen Kristall seiner Linse sahen wir die Bienen nicht als kleinen gelben Schwarm, sondern goldenen Armeen und Hierarchien gleich von Kriegen und Königinnen. Die Einbildungskraft guckt und kriecht immer tiefer hinunter in die Zugänge und Ausblicke der Kanäle moderner Wissenschaft und man malt sich jeden wahnsinnigen Umsturz der Proportionen aus; wie der Ohrwurm, dem Elefanten gleich, durch die widerhallende Ebene schreitet, oder der Grashüpfer heulend über unsere Dächer kommt, wie ein riesiger Aeroplan, wenn er von Hertfordshire nach Surrey springt. Man glaubt, im Traume einen Tempel ungeheuerlicher Entomologie zu betreten, dessen Architektur auf wunderlicheren Dingen ruht, als Arme oder Rückgrate sind; wo die gerippten Säulen das halb kriechende Aussehen stumpfer, ungeheuerlicher Raupen haben; oder wo die Kuppel ein sterniges Spinnennetz ist, schauerlich im Leeren hängend. Es gibt ein Werk der modernen Technik, das einen diese namenlose Furcht der Übertreibung einer Unterwelt einigermaßen empfinden läßt; das ist die seltsam gewundene Architektur der Untergrundbahn, gewöhnlich ›Zehnpfennigröhre‹ genannt. Diese plattgedrückten Bogen, ohne jede aufrechte Linie oder Pfeiler, sehen aus, als ob sie von riesigen Würmern gebohrt worden wären, die niemals gelernt hätten, den Kopf zu heben. Es ist der wahre Untergrundpalast der »Schlange« des Geistes, der Form und Farbe wechselt: des Feindes der Menschen.

Aber nicht nur durch solch merkwürdige ästhetische Anregungen haben uns Schriftsteller wie Maeterlinck in dieser Frage beeinflußt; die Sache hat auch eine ethische Seite. Der Schluß von M. Maeterlincks Buch über die Bienen ist eine Bewunderung (man könnte es auch Neid nennen) für ihren kollektiven Geist; für die Tatsache, daß sie nur für etwas leben, was die »Seele des Bienenstockes« genannt wird. Und diese Bewunderung für die Gemeinschaftsmoral der Insekten wird von vielen anderen modernen Schriftstellern in den mannigfaltigsten Gebieten und Formen ausgedrückt; in Herrn Benjamin Kidds Theorie, daß man nur für die evolutionäre Zukunft der Rasse lebe, und in dem großen Interesse mancher Sozialisten für Ameisen (die sie den Bienen gewöhnlich vorziehen, wie ich vermute, weil sie nicht so glänzend gefärbt sind). Unter den hundert Beweisen dieser vagen Insektolatrie sind jene Lobesergüsse nicht die geringsten, die von modernen Leuten über jene tatkräftige Nation des »fernen Ostens« ausgeschüttet werden, von der es hieß, »Patriotismus sei ihre einzige Religion«, oder mit an deren Worten, daß sie nur für die »Seele des Bienenstockes« lebe. Wenn im langsamen Wechsel der Jahrhunderte das Christentum schwach wird, kränklich und skeptisch, und das mysteriöse Asien seine dumpfen Völker gegen uns zu führen beginnt, und sie wie eine dunkle Flut bewegter Materie westwärts ergießt – in solchen Fällen ist es sehr gebräuchlich geworden, die Invasion mit einer Plage von Läusen zu vergleichen oder endlosen Scharen von Heuschrecken. Die Scharen des Ostens waren wirklich wie Insekten; in ihrer blinden, geschäftigen Zerstörung, in ihrem dunklen Nihilismus persönlicher Aussichten, in ihrer hassenswerten Gleichgültigkeit gegen individuelles Leben und Lieben, in ihrem niedrigen Glauben an die bloße Zahl, in ihrem pessimistischen Mut und ihrem atheistischen Patriotismus sind die Reiter und Räuber des Ostens wahrlich gleich all dem, was da kriecht auf Erden. Aber niemals vorher, glaube ich, haben Christen einen Türken eine Heuschrecke genannt und das als Kompliment gemeint. Jetzt zum ersten Male beten wir an und fürchten zugleich; und wir folgen voll Ehrfurcht jener ungeheuerlichen Gestalt, die groß und grau aus Asien herannaht, undeutlich erkennbar inmitten der mystischen Wolken geflügelter Wesen, die über dem verwüsteten Lande hängen, die sich über die Himmel drängen wie Donnergewölk und entfärben wie Regenschauer: Beelzebub – der Herr der Fliegen!

Wenn wir dieser schrecklichen Theorie der »Seele des Bienenstockes« Widerstand leisten, dann stehen wir, die vom Christentum, nicht für uns selbst, sondern für die ganze Menschheit; für die wesentliche und bezeichnend menschliche Idee, daß ein einziger guter und glücklicher Mensch Selbstzweck sei, daß eine Seele wert sei, gerettet zu werden. Ja für jene, die solche biologische Phantasien lieben, könnte man wohl sagen, daß wir als Häuptlinge und Helden einer eigenen Art der Natur stehen; Prinzen eines Hauses, dessen Kennzeichen das Rückgrat ist; Vertreter der Milch der individuellen Mutter und des Mutes des Jungen, das in die Welt hinauswandert; Repräsentanten der pathetischen Ritterlichkeit des Hundes, der Laune und Perversität der Katzen, der Anhänglichkeit des ruhigen Pferdes, der Einsamkeit des Löwen. Richtiger jedoch ist es zu betonen, daß diese bloße Glorifikation der Gesellschaft, wie sie bei den geselligen Insekten besteht, eine Umformung und Auflösung eines jener Umrisse ist, die speziell die Symbole des Menschen gewesen sind. In den Wolken und Wirren der Fliegen und Bienen wird sie schwächer und immer schwächer, als wollte sie schließlich ganz verschwinden – die Idee der menschlichen Familie. Der Bienenstock ist größer geworden als das Haus, die Bienen vertilgen ihre Züchter; was die Heuschrecke übrig ließ, hat die Raupe gefressen; und um Häuschen und Garten unseres Freundes Jones steht's schlecht.

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