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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das dreizehnte Kapitel
Die geächteten Eltern

ES gibt ein Ding zumindest, das in den Volksschulen nie auch nur geflüstert werden darf; und das ist: die Meinung des Volkes. Die einzigen Leute, die anscheinend nichts mit der Erziehung der Kinder zu tun haben, sind die Eltern. Aber die englischen Armen haben in mancher Beziehung sehr bestimmte Traditionen. Sie werden hinter Verlegenheit und Ironie verborgen; und jene Psychologen, die sie entwirrt haben, sprechen von ihnen als von sehr merkwürdigen, barbarischen und geheimnisvollen Dingen. Aber tatsächlich sind die Traditionen der Armen zumeist einfach die Traditionen der Menschlichkeit – ein Ding, das viele von uns seit geraumer Zeit nicht gesehen haben. Zum Beispiel haben Arbeiter eine Tradition, daß man, wenn man über eine gemeine Sache redet, am besten in groben Ausdrücken davon spricht; man wird so am wenigsten verleitet sein, sie zu entschuldigen. Aber auch die Menschheit hatte diese Tradition, bis die Puritaner und ihre Kinder, die Ibsenisten, die entgegengesetzte Idee aufbrachten, daß es gleichgültig sei, was man sage, so lange man es nur mit langen Worten und einem langen Gesicht sagt. Oder auch, die Klassen der Wohlerzogenen vor allem haben Scherze über die äußere Erscheinung der Menschen in Acht und Bann getan; aber damit tun sie nicht nur den Humor der Spelunken, sondern auch mehr als die Herren der gesunden Literatur der Welt in Acht und Bann; sie hängen höfliche Futterale an die Nasen von Punch und Bardolph, Stiggins und Cyrano de Bergerac. Ferner haben die Klassen der Wohlerzogenen eine abscheuliche und heidnische Gewohnheit angenommen, den Tod als etwas zu Schreckliches anzusehen, um über ihn zu sprechen, und lassen ihn ein Geheimnis für jeden einzelnen bleiben, wie irgendeine private Veranstaltung. Die Armen hingegen machen großes Geschwätz und Theater über einen schmerzlichen Verlust; und sie haben recht. Sie halten an einer psychologischen Wahrheit fest, die hinter all den Begräbnisbräuchen der Kinder der Menschheit steckt. Die Art, einen Kummer zu verringern, ist, recht viel daraus zu machen. Die Art, eine schmerzliche Krise zu ertragen, ist, möglichst stark zu betonen, daß es eine Krise sei; den Leuten, die sich traurig fühlen müssen, wenigstens erlauben, sich wichtig zu fühlen. Darin sind die Armen einfach die Priester aller Zivilisation; und über ihren schwülen Festen und ihrem feierlichen Geschnatter liegt der Geruch der gebackenen Speisen des Hamlet und Staub und Echo der Begräbnisspiele des Patroclus.

Die Dinge, die Philanthropen im Leben der arbeitenden Klassen spärlich entschuldigen (oder nicht entschuldigen), sind einfach die Dinge, die wir in allen größten Denkmälern der Menschen zu entschuldigen haben. Es kann sein, daß der Arbeiter so grob wie Shakespeare oder so geschwätzig wie Homer sei; daß er, wenn er gottesfürchtig ist, beinahe so viel von der Hölle spricht wie Dante; daß er, wenn er weltlich ist, beinahe so viel vom Trinken spricht wie Dickens. Auch fehlt es dem armen Mann nicht an historischer Beglaubigung, wenn er weniger von jener zeremoniellen Waschung hält, die Christus aufhob, und eher mehr von jenem zeremoniellen Trunk, den Christus besonders heiligte. Zwischen dem armen Mann von heutzutage und dem Heiligen und Helden der Geschichte ist der einzige Unterschied derjenige, der in allen Klassen den gewöhnlichen Mann – der die Dinge empfinden kann – von dem großen Manne trennt, der sie ausdrücken kann. Was er empfindet, ist bloß das Erbe der Menschheit. Natürlich erwartet niemand, daß die Kutscher und Kohlenträger vollendete Lehrer ihrer Kinder sein könnten, ebensowenig wie Junker und Generäle und Teehändler vollendete Lehrer ihrer Kinder sind. Es muß einen erzieherischen Spezialisten »in loco parentis« geben. Aber der Lehrer in Harrow ist »in loco parentis«; der Lehrer in Hoxton ist eher »contra parentem«. Die vage Politik des Junkers, die noch vagere Tugend des Generals, die Seele und geistige Sehnsucht eines Teehändlers werden in den englischen Public-Schools den Kindern dieser Eltern in der wahren Praxis übermittelt. Aber hier möchte ich gerne eine sehr klare und nachdrückliche Frage stellen: Kann irgendein lebender Mensch auch nur vorgeben, irgendeine Form zeigen zu können, in der diese speziellen Tugenden und Traditionen der Armen in der Erziehung der Armen wiederzufinden sind? Ich verlange ja nicht, daß sich die Ironie des Hausierers in der Schule ebenso derb zeige, wie in der Schenke; aber zeigt sie sich denn überhaupt? Lehrt man denn das Kind überhaupt, mit der bewundernswerten Heiterkeit und Dialektsprache des Vaters zu sympathisieren? Ich erwarte ja nicht, daß die pathetische, inbrünstige »pietas« der Mutter mit ihren Trauergewändern und Trauermählern im Erziehungssystem getreu wiedergegeben werde; aber hat sie überhaupt einen Einfluß auf das Erziehungssystem? Schenkt ihr irgendein Volksschullehrer auch nur einen Augenblick Beachtung oder Achtung? Ich erwarte ja nicht, daß der Lehrer Hospitäler oder C.O.S.-Centren so sehr haßt, wie der Vater eines Schulbuben; aber haßt er sie denn überhaupt? Sympathisiert er nur im mindesten mit des armen Mannes Ehrbegriff gegenüber offiziellen Institutionen? Ist es nicht ganz gewiß, daß der gewöhnliche Volksschullehrer es nicht nur für natürlich, sondern einfach für gewissenhaft halten wird, all diese derben Legenden eines arbeitsamen Volkes auszurotten und aus Prinzip Seife und Sozialismus gegen Bier und Freiheit zu predigen? In den unteren Klassen arbeitet der Lehrer nicht für die Eltern, sondern gegen die Eltern. Moderne Erziehung heißt, die Gewohnheiten der Minorität zu überliefern und die Gewohnheiten der Majorität auszurotten. Statt ihrer christusähnlichen Mildtätigkeit, ihres shakespearischen Lachens und ihrer hoch homerischen Ehrfurcht vor den Toten haben sich die Armen selbst betrogen mit den rein pedantischen Kopien der Vorurteile der fernstehenden Reichen. Sie müssen glauben, daß ein Badezimmer eine Notwendigkeit sei, weil es für den Glücklichen ein Luxus ist; sie müssen schwedische Keulen schwingen, weil ihre Herren vor englischen Prügeln Angst haben; und sie müssen über ihr Vorurteil, sich von der Gemeinde erhalten zu lassen, hinwegkommen, weil die Aristokraten sich nicht schämen, sich von der Nation erhalten zu lassen.

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