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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zwölfte Kapitel
Die Abgenütztheit der neuen Schulen

AUS diesem tiefen und unfähigmachenden Grunde, ihrer zynischen und verworfenen Gleichgültigkeit gegen Wahrheit, kann uns daher die englische Public-School das Ideal, das wir brauchen, nicht geben. Wir können jene modernen Kritiker nur bitten, sich freundlichst zu erinnern, daß die Sache, schlecht oder recht, zu machen ist. Die Fabrik arbeitet, die Räder laufen, die Gentleman werden erzeugt, mit Seife und Cricket und organisierter Wohltätigkeit, fix und fertig. Und darin hat, wie wir schon vorher sagten, die Public School gegenüber allen anderen Erziehungssystemen unserer Zeit tatsächlich einen Vorteil. Man kann den ehemaligen Schüler einer Public-School herausfinden aus jeder der vielen Gesellschaften, in die er sich verirrt, von einer chinesischen Opiumhöhle bis zu einer deutsch-jüdischen Abendgesellschaft. Aber ich bezweifle, ob man sagen könnte, welches kleine Zündhölzermädel in einer »Weltlichen Erziehung« und welches in einer »Nationalreligion« erzogen worden ist. Die große englische Aristokratie, die uns seit der Reformation regiert hat, ist in diesem Sinne wirklich ein Vorbild für die Modernen. Sie hatte ein Ideal und deshalb hat sie etwas Reales geschaffen.

Wir können hier wiederholen, daß diese Seiten lediglich den Zweck haben, ein Ding zu zeigen: daß der Fortschritt auf Prinzipien basiert werden soll während unser moderner Fortschritt hauptsächlich auf dem Vorhergegangenen basiert. Wir gehen vor, nicht darnach, was theoretisch behauptet werden könnte, sondern darnach, was praktisch schon zugegeben worden ist. Das ist es, warum die Jacobiten die letzten Tones der Geschichte sind, mit denen ein hochgesinnter Mensch wirklich sympathisieren kann. Sie wollten ein besonderes Ding; sie waren bereit, dafür zurück zugehen. Aber moderne Tones haben nur die Trägheit, Situationen zu verteidigen, die zu schaffen sie den Antrieb niemals besaßen. Revolutionäre schaffen eine Reform, Konservative konservieren diese Reform bloß. Sie reformieren diese Reform niemals, was oft dringend nötig wäre. Genau so wie der Wettstreit der Kriegsrüstungen nur eine Art eigensinniges Plagiat ist, so ist der Wettstreit der Parteien nur eine Art eigensinnige Vererbung. Männer haben das Wahlrecht, daher müssen Frauen bald das Wahlrecht haben; arme Kinder werden mit Gewalt unterrichtet, daher müssen sie bald mit Gewalt gefüttert werden; die Polizei schließt um 12 Uhr die Wirtshäuser, daher muß sie sie bald um 1 Uhr schließen; Kinder gehen bis zu vierzehn Jahren in die Schule, daher werden sie bald bis zu vierzig hingehen. Kein Schimmer eines Grundes, kein augenblickliches Rückgreifen auf erste Ursachen, keine abstrakte Überlegung einer natürlichen Frage kann den wahnsinnigen und monotonen Galopp dieses Fortschrittes bloß auf Grund des Vorhergegangenen unterbrechen. Es ist ein gutes Mittel, um einer wirklichen Revolution vorzubeugen. Durch diese Logik der Ereignisse kommen die Radikalen ebenso ins Geleise wie die Konservativen. Wir begegnen einem alten grauen Narren, der sagt, sein Großvater hätte ihn geheißen, an einem Zaun stehen zu bleiben; wir begegnen einem anderen alten grauen Narren, der sagt, sein Großvater hätte ihn geheißen, einen Pfad entlang zu gehen.

Ich sagte, daß wir hier diesen wichtigsten Teil der Erörterung wiederholen können, weil wir gerade jetzt zu der Stelle gekommen sind, wo er am auffallendsten und stärksten dargetan wird. Der entscheidende Beweis dafür, daß unsere Elementarschulen kein bestimmtes, eigenes Ideal haben, ist die Tatsache, daß sie die Ideale der Public Schools so offenkundig nachahmen. Wir haben in den Elementarschulen alle ethischen Vorurteile und Übertreibungen von Eton und Harrow getreulich nachgemacht, für Leute, für die sie auch nicht annähernd passen. Wir haben die gleiche, arg disproportionierte Lehre von der Wirkung physischer Reinlichkeit auf den moralischen Charakter. Erzieher und erzieherische Politiker erklären unter warmem Beifall, daß Reinlichkeit weitaus wichtiger sei, als all die Rauferei über moralische und religiöse Erziehung. Es hat wirklich den Anschein, als ob es nichts ausmachen würde, ob ein kleiner Bub, wenn er nur gewaschene Hände hat, die Marmelade seiner Mutter oder das Blut seines Bruders von seinen Händen wäscht. Wir finden denselben ganz unwahren Vorwand, daß Sport stets ein gewisses Ehrgefühl verstärke, obgleich wir wissen, daß er es oft verdirbt. Vor allem finden wir die weitverbreitete Annahme der oberen Klassen, daß große Institutionen, die mit großen Geldsummen hantieren und mit allen Leuten herumschaffen, alles am besten tun, und daß alltägliche und impulsive Wohltätigkeit in gewisser Beziehung verächtlich sei. Wie Herr Blatchford sagt: »Die Welt braucht keine Pietät, sondern »Seife und Sozialismus.« Pietät ist eine der Volkstugenden, während Seife und Sozialismus zwei Steckenpferde der oberen Mittelklasse sind.

Diese »gesunden« Ideale, wie sie genannt werden, die unsere Politiker und Schulmeister den aristokratischen Schulen entliehen und auf die demokratischen übertragen haben, sind keineswegs für eine verelendete Demokratie besonders geeignet. Eine vage Bewunderung für organisierte Verwaltung und ein vages Mißtrauen gegen individuelle Hilfe kann mit dem Leben jener Leute niemals in Einklang gebracht werden, bei denen Güte: seinen Suppentopf herleihen heißt, und Ehre: von der Fabrik ausbleiben. Sie erschöpfen sich darin, entweder dieses System des Augenblicks- und Flickwerksedelmutes, der eine tägliche Glorie der Armen ist, zu entmutigen, oder aber Leuten, die kein Geld haben, nebelhafte Ratschläge zu geben, es nicht achtlos auszugeben. Auch ist der übertriebene Ruhm der Athletik vielleicht ganz verfechtbar, wenn es sich um die Reichen handelt, die, wenn sie nicht balgen und wettrennen würden, zu viel essen und trinken würden – keineswegs am Platz, wenn er auf Leute angewendet wird, von denen die meisten jedenfalls hübsch viel Bewegung machen, mit Spaten oder Hammer, mit Picke oder Säge. Und im dritten Falle, was das Waschen anbelangt, ist es klar, daß dieselbe Art der Rhetorik über körperliche Gepflegtheit, die einer ornamentalen Klasse zukommt, nicht einfach wörtlich auf einen Straßenkehrer passen kann. Von einem Gentleman erwartet man, daß er stets vollkommen fleckenlos sei. Aber es ist für einen Straßenkehrer ebenso wenig entehrend, schmutzig zu sein, wie für einen Tiefseetaucher, naß zu sein. Einem Rauchfangkehrer gereicht es ebensowenig zur Schande, mit Ruß bedeckt zu sein, wie einem Michelangelo, mit Ton bedeckt zu sein, oder wie Bayard, mit Blut bedeckt zu sein. Auch haben diese Verbreiter der Public-Schooltradition nichts getan oder angeregt, um einen Ersatz zu schaffen für dieses gegenwärtige snobistische System, das den Armen Reinlichkeit beinahe unmöglich macht; ich meine das allgemeine Rituale der Wäsche und das Tragen der Kleider der Kaste von den Reichen. Ein Mann wird die Kleider eines anderen anziehen, wie er in die Wohnung eines anderen einziehen wird. Kein Wunder, daß unsere Erzieher sich nicht darüber entsetzen, daß ein Mann die abgelegten Hosen eines Aristokraten übernimmt, da sie selbst die abgelegten Ideen des Aristokraten übernommen haben.

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