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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zweite Kapitel
Gesucht wird ein unpraktischer Mann

Es gibt einen bekannten philosophischen Scherz, der das endlose und unnütze Argumentieren der Philosophen charakterisieren soll. Ich meine die Scherzfrage, was zuerst dagewesen sei, das Küken oder das Ei. Ich bin auch nicht sicher, ob diese Untersuchung schließlich – richtig verstanden – so ganz müßig sei. Aber ich beabsichtige nicht, mich hier in diese tiefen metaphysischen und theologischen Streitfragen einzulassen, von denen die Küken- und Ei-Debatte ein zwar frivoles, aber sehr glücklich gewähltes Beispiel ist. Die evolutionären Materialisten sind treffend in der Vorstellung gekennzeichnet, daß alle Dinge aus einem Ei entstanden wären, einem trüben, abscheulichen, ovalen Keim, vom Zufalle gelegt. Die andere übernatürliche Gedankenrichtung (der ich persönlich anhänge) wäre nicht unwürdig in der Vorstellung charakterisiert, daß unsere alte runde Erde nur ein Ei sei, ausgebrütet von einem heiligen, nie gezeugten Vogel – der mystischen Taube der Propheten. Aber ich rufe hier die schreckliche Macht einer solchen Unterscheidung zu weitaus bescheidenerer Aufgabe. Ob nun die Kette unseres Denkens mit dem lebenden Vogel begann oder nicht, jedenfalls ist es unbedingt notwendig, daß sie mit ihm ende. Der Vogel ist das Ding, auf das wir hinzielen müssen – nicht mit einem Gewehr, sondern mit einem lebenspendenden Zauberstab. Das Wesentliche für unser richtiges Denken ist: daß man das Ei und den Vogel nicht für gleichwertige kosmische Erscheinungen halten darf, die abwechselnd immer wiederkehren. Sie dürfen nicht zu einem bloßen Ei- und Vogel-Muster werden wie das Ei- und Pfeil-Muster. Das eine ist ein Mittel, das andere ein Zweck; sie gehören verschiedenen geistigen Welten an. Wenn wir die Komplikation des menschlichen Frühstückstisches beiseite lassen, besteht das Ei im elementaren Sinne nur, um das Küken hervorzubringen. Aber das Küken besteht nicht nur zu dem Zwecke, ein anderes Ei hervorzubringen. Es kann auch bestehen, um sich zu unterhalten, um Gott zu loben, und sogar, um einem französischen Dramatiker Ideen einzugeben. Als bewußtes Lebewesen ist es oder kann es Selbstzweck sein. Nun ist unsere moderne Politik geschwätzigen Vergessens voll; des Vergessens, daß das Schaffen eines solchen glücklichen und bewußten Lebens schließlich der Zweck aller Komplexe und Kompromisse sei. Wir sprechen von nichts als von nützlichen Menschen und wirksamen Institutionen; das heißt, wir betrachten die Küken nur als Dinge, die weitere Eier legen werden. Anstatt darnach zu trachten, unseren Idealvogel zu zeugen, den Adler des Zeus oder den Schwan von Avon oder was immer sonst wir wünschen mögen, fachsimpeln wir bloß vom Entwicklungsprozeß und vom Embryo. Der Entwicklungsprozeß an sich, losgelöst von seinem göttlichen Gegenstand, wird zweifelhaft und sogar kränklich; Gift tritt ein in den Embryo aller Dinge; und die Ernte unserer Politik sind faule Eier.

Für den Idealismus kommen alle Dinge nur nach ihrem praktischen Gehalt in Betracht; Idealismus heißt bloß: daß wir einen Schürhaken zuerst in bezug auf das »Feuerschüren« betrachten sollten, ehe wir seine Verwendbarkeit zum »Prügeln der Frau« erörtern; daß wir fragen sollten, ob ein Ei für praktische Geflügelzucht gut genug sei, ehe wir entscheiden, daß es für praktische Politik schlecht genug sei. Aber ich weiß, daß dieses unbedingte Streben nach Theorie (was nichts anderes als ein Streben nach dem Ziele ist) uns leicht dem wohlfeilen Verdacht aussetzt, zu fiedeln, während Rom brennt. Eine Schule, deren Repräsentant Lord Rosebery ist, war bestrebt, die moralischen und sozialen Ideale, die bisher die Motive der Politik gewesen sind, durch eine allgemeine Zusammenfassung oder Vollständigkeit im sozialen System zu ersetzen, die den Spottnamen »Zweckmäßigkeit« erhalten hat. Ich kenne die geheime Lehre der Sekte über diese Materie nicht ganz genau. Aber, so viel ich entnehmen kann, heißt »Zweckmäßigkeit«, daß wir von einer Maschine alles ergründen sollen, außer, wozu sie dient. Es ist in letzter Zeit eine sehr merkwürdige Vorstellung entstanden – die Vorstellung nämlich:

wenn alles schief geht, brauchen wir einen praktischen Mann. Es wäre viel richtiger zu sagen, wenn alles schief geht, brauchen wir einen unpraktischen Mann. Sicherlich brauchen wir zumindest einen Theoretiker. Ein praktischer Mann ist einer, der bloß an alltägliche Praxis gewöhnt ist, an die Art, wie die Dinge gewöhnlich gehen. Wenn die Dinge nicht weitergehen wollen, braucht man den Denker, den Mann, der etwas davon versteht, warum sie überhaupt gehen. Es ist unrecht, zu fiedeln, während Rom brennt; aber es ist ganz richtig, die Theorie der Hydraulik zu studieren, während Rom brennt.

Es ist also notwendig, seine Alltags-Erfahrungen fallen zu lassen und darnach zu trachten »rerum cognoscere causas«. Wenn ein Aeroplan leicht beschädigt ist, kann ein geschickter Mann ihn vielleicht heilen. Wenn er aber ernstlich krank ist, muß höchstwahrscheinlich ein zerstreuter alter Professor, mit wildem, weißem Haar, aus einem Kollegium oder Laboratorium herbeigeschleppt werden, um das Übel zu untersuchen. Je komplizierter der Schaden ist, um so weißhaariger und zerstreuter muß der Theoretiker sein, der ihn behandeln soll; und in manchen äußersten Fällen könnte niemand anderes als der (wahrscheinlich geistesgestörte) Mann, der das Flugzeug erfunden hat, überhaupt sagen, was damit los sei.

Zweckmäßigkeit ist natürlich aus demselben Grunde ein leerer Begriff, aus dem »starke Männer«, »Willenskraft« und der »Übermensch« leere Begriffe sind. Das heißt, sie ist ein leerer Begriff, weil sie nur für Taten in Betracht kommt, die schon vollbracht worden sind. Sie hat keine Philosophie der Ereignisse, ehe diese vollendet sind; daher fehlt ihr die Macht der Wahl. Eine Tat kann nur, wenn sie vollendet ist, erfolgreich oder erfolglos sein; wenn sie begonnen werden soll, muß sie, im abstrakten Sinne, recht oder unrecht sein. Es gibt nichts dergleichen wie: einen Sieger schlagen; denn er kann kein Sieger sein, wenn er geschlagen worden ist. Es gibt nichts dergleichen wie: auf der Seite der siegreichen Partei kämpfen; man kämpft, um herauszufinden, welches die siegreiche Partei sei.

Wenn irgendeine Unternehmung durchgeführt worden ist, war sie zweckmäßig. Wenn ein Mann ermordet worden ist, hat der Mörder zweckmäßig gehandelt. Eine tropische Sonne ist ebenso zweckmäßig, Leute faul zu machen, wie der Bullenbeißer eines Lancashire-Werkmeisters, sie rührig zu machen. Das Bestreben Maeterlinks, Menschen mit seltsamen geistigen Schauern zu erfüllen, ist ebenso zweckmäßig, wie das der Herren Crosse & Blackwell, sie mit Marmelade zu füllen. Es kommt bloß darauf an, wovon ihr erfüllt sein wollt. Lord Rosebery wird wahrscheinlich, als moderner Skeptiker, die geistigen Schauer vor ziehen; ich selbst, als orthodoxer Christ, ziehe die Marmelade vor. Aber beides war zweckmäßig, sobald es durchgeführt worden ist, und unzweckmäßig so lange, bis es durchgeführt worden ist. Ein Mensch, der viel über Erfolge nachdenkt, muß die sentimentalste Schlafmütze sein; denn er muß immer zurückblicken. Wenn er bloß den Sieg liebt, muß er immer zu spät zur Schlacht kommen. Für den Mann der Tat gibt es nichts als Idealismus.

Dieses bestimmte Ideal ist für die bestehenden Mißstände in England eine weitaus dringendere und praktischere Angelegenheit als irgendwelche unmittelbaren Pläne oder Vorschläge. Denn, da die Menschheit gleichsam alles, wonach sie ursprünglich strebte, vergaß, erstand das gegenwärtige Chaos. Niemand verlangt, was er wünscht; jeder verlangt, was er erlangen zu können glaubt. Die Leute vergessen bald, was der Mann anfangs wirklich wollte, und nach einem erfolgreichen und tätigen politischen Leben vergißt er es selbst. Das ganze ist ein wildes Rennen nach »Zweit Besten«, ein Pandämonium von »pis-aller«. Nun verhindert diese Art von Anpassung nicht nur jede heroische Beständigkeit, sie verhindert auch jedes wirklich praktische Kompromiß. Man kann zwischen zwei Punkten die Mitte nur finden, wenn diese beiden Punkte stillstehen. Man kann vielleicht zwischen zwei Parteien, die nicht beide bekommen können, was sie wünschen, einen Vergleich schließen; aber das ist unmöglich, wenn sie uns nicht einmal sagen wollen, was sie wünschen. Ein Gastwirt dürfte bei weitem vorziehen, daß jeder Gast seine Befehle kurz und bündig erteile – und wollte er selbst einen gedünsteten Ibis oder einen gekochten Elefanten – als daß jeder Gast dasäße, den Kopf in die Hand gestützt, in arithmetische Untersuchungen vertieft, wie viel Essen als vorhanden vorausgesetzt werden könne. Die meisten von uns haben schon unter gewissen Damen zu leiden gehabt, die einem mit ihrer perversen Selbstlosigkeit mehr zu schaffen geben als die selbstsüchtigen; die förmlich nach den wenigst beliebten Speisen schreien und sich um den unbequemsten Sitz reißen. Die meisten uns erinnern sich wohl an Gesellschaften oder Ausflüge, voll von dem lärmenden Getue solcher »Selbstverleugnung«. Unsere praktischen Politiker erhalten jedoch aus viel niedrigeren Motiven als jene bewunderungswürdigen Frauen die Dinge in derselben Verwirrung, durch dieselbe Ungewißheit über ihre eigentlichen Wünsche. Es gibt nichts, was das Zustandekommen einer Vereinbarung so sehr hindert, wie ein Gewirr halber Nachgiebigkeiten. Wir werden überall von Politikern verwirrt, die weltliche Schulen bevorzugen, es aber für hoffnungslos halten, sich für sie einzusetzen; die ein vollkommenes Alkoholverbot wünschen, aber sicher sind, sie sollten es nicht verlangen; die den Schulzwang mißbilligen, aber resigniert daran festhalten; oder die Bauerngrundbesitz wünschen und deshalb für etwas anderes stimmen. Es ist dieser blinde und tappende Opportunismus, der allen Dingen in den Weg kommt. Wären unsere Staatsmänner Phantasten, so könnte vielleicht etwas Praktisches getan werden. Wenn wir etwas Abstraktes begehrten, könnten wir vielleicht etwas Konkretes erlangen. Wie es jetzt ist, wird es nicht nur unmöglich, das zu bekommen, was man wünscht, sondern es wird sogar unmöglich, auch nur den kleinsten Teil davon zu bekommen, da sich niemand sicher zurechtfinden kann, wie auf einer Landkarte. Die klare und sogar schroffe Form, die in der alten Art des Verhandelns lag, ist völlig verschwunden. Wir vergessen, daß das Wort »Kompromiß« unter anderem das klare und klingende Wort »promittere« enthält. Geminderte Forderungen sind nichts Vages, sondern so eindeutig, wie die vollen. Der Mittelpunkt ist so fest bestimmt wie die Endpunkte.

Wenn ich von einem Seeräuber gezwungen werde, über die Schiffsplanke zu gehen, um zu er trinken, wäre es vergebens, ihm als Verstandeskompromiß vorzuschlagen, in vernünftiger Entfernung vom Bord zu bleiben. Denn gerade über die »vernünftige Entfernung« sind der Pirat und ich verschiedener Meinung. Es gibt einen ganz bestimmten Bruchteil einer Sekunde, nach welchem die Planke umkippt. Mein gesunder Menschenverstand endet gerade vor diesem Augenblick; der des Seeräubers beginnt gerade darnach. Der Punkt selbst aber ist so unabänderlich, wie nur irgendein geometrisches Diagramm; so abstrakt wie nur irgendein theologisches Dogma.

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