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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das neunte Kapitel
Das Bedürfnis nach Enge

DURCH all dieses Chaos kommen wir denn nochmals zurück auf unsere wichtigste Schlußfolgerung. Die wahre Kulturaufgabe ist heute nicht eine Aufgabe der Ausbreitung, sondern ganz entschieden eine der Auswahl und Ausscheidung. Die Erzieher müssen einen Glauben finden und ihn lehren. Selbst wenn es kein theologischer Glaube ist, muß er doch so wählerisch, so streng sein wie Theologie. Kurz, er muß orthodox sein. Der Lehrer mag es veraltet finden, gewissenhaft wählen zu müssen zwischen dem Glauben Calvins und dem des Laud, zwischen dem Glauben Aquinos und dem Swedenborgs; aber er muß dennoch wählen zwischen dem Glauben Kiplings und dem Shaws, zwischen der Welt eines Blatchford und der des General Booth. Nennt es, wenn ihr wollt, eine kleinliche Frage, ob euer Kind von einem Vikar oder einem Minister, oder einem papistischen Priester erzogen wird. Aber ihr müßt doch die wichtigere, liberalere und fortschrittlichere Frage erwägen, ob es von Harmsworth oder Pearson, von Herrn Eustace Miles mit seinem »Simple Life« oder von Herrn Peter Keary mit seinem »Strenuous Life« erzogen werden soll; ob es höchst begierig Mr. Bart Kennedy oder Miß Anie S. Swan lesen soll; kurz, ob es bei der reinen Gewalt von S. D. F. enden soll oder bei der rein pöbelhaften Alltäglichkeit der »Primrose League«. Man sagt, daß heutzutage aller Glaube zerbröckelt; ich bezweifle dies, aber jedenfalls nehmen die Sekten zu; und die Erziehung muß heute, einfach aus praktischen Gründen, Sektenerziehung sein. Sie muß aus all diesem Theorienwirrsal irgendwie eine Theorie erwählen; sie muß es fertig bringen, aus all diesem Stimmengetöse eine Stimme heraus zuhören; sie muß es irgendwie fertig bringen, aus dieser ganzen schrecklichen und schmerzvollen Schlacht von brennenden Lichtern (ohne einen einzigen Schatten, der ihnen Gestalt verliehe) die Spur eines Sterns zu finden und zu verfolgen.

Ich sprach bisher von populärer Erziehung, die zu vage und vielumfassend begann und darum wenig vollbrachte. Aber es gibt zufällig in England etwas, womit man sie vergleichen kann. Es gibt eine Institution oder eine Klasse v Institutionen, die mit dem gleichen populären Zweck begonnen hatte, dem inzwischen ein viel begrenzterer Zweck gefolgt ist, was aber den großen Vorteil hatte, daß sie irgend einen Zweck verfolgte, ungleich unseren modernen Elementar Social Demokratic Federation.

Bei all diesen Problemen möchte ich auf jener Lösung bestehen, die positiv ist oder, wie einfältige Leute sagen, »optimistisch«. Das heißt, ich möchte mich den meisten Lösungen, die rein negativ oder destruktiv sind, entgegenstellen. Die meisten Erzieher der Armen scheinen zu glauben, sie müßten den armen Mann lehren, nicht zu trinken. Ich wäre ganz zufrieden, wenn sie ihn das Trinken lehren wollten; denn es ist die bloße Unkenntnis, wie und wann man trinken soll, die meist an seinem Unglück schuld ist. Ich schlage nicht (wie einige meiner revolutionären Freunde) vor, daß wir die öffentlichen Schulen vernichten sollten; ich schlage den weit düsteren und verzweifelteren Versuch vor, diese Schulen zu öffentlichen zu machen. Ich will nicht, daß das Parlament aufhören soll, zu arbeiten, sondern vielmehr, daß es ordentlich arbeiten solle; nicht, daß die Kirchen geschlossen werden, sondern vielmehr, daß sie geöffnet werden; nicht, daß das Licht des Studiums ausgelöscht oder die Hecke des Eigentums zerstört werde, sondern daß irgendein kräftiger Versuch gemacht werde, die Universitäten richtig universell, und die Proprietät auch wirklich proper zu machen.

Wir wollen daran erinnern, daß, in vielen Fällen, solches Tun nicht ein Zurückgreifen bloß auf alte Ideale, sondern sogar auf alte Wirklichkeiten wäre. Es wäre für die Schnapsbutiken ein großer Schritt vorwärts, wenn man zum alten Wirtshaus zurückkehrte. Es ist unwiderleglich wahr: die öffentlichen Schulen vermittelalterlichen, hieße, sie demokratisieren. Parlament bedeutete eigentlich einmal (wie sein Name auszudrücken scheint) einen Ort, wo die Leute reden durften. Erst kürzlich hat die allgemeine Zunahme der Leistungsfähigkeit, das heißt die des »Redners« es zu einem Ort gemacht, wo die Leute hauptsächlich am Reden gehindert werden. Die Armen gehen nicht in die moderne Kirche, aber sie gingen ganz ordentlich in die alte Kirche; und wenn der gewöhnliche Mann früher wirklich Achtung vor dem Eigentum hatte, so dürfte dies offenbar darum gewesen sein, weil er manchmal selbst eines besaß. Ich kann daher behaupten, daß nichts, was ich über irgendeine dieser Institutionen gesagt habe, einem niedrigen Neuerungskitzel entsprungen ist. Sicherlich aber in jenem besonderen Falle nicht, den ich nun aus der Liste herausgreifen muß; den Typus einer Institution, dem ich aus natürlichen und persönlichen Gründen freundlich und dankbar gesinnt bin. Ich meine die große Stiftung der Tudor, Englands »Public-Schools«. Sie sind um sehr vieler Dinge willen gelobt worden, am meisten – muß ich leider sagen – von sich selbst und ihren Kindern. Und dennoch hat sie – aus irgend einer Ursache – nie jemand des einzigen, wirklich überzeugenden Grundes wegen gelobt.

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