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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das siebte Kapitel
Die Demut der Tante schickt-sich-nicht

KURZ, die neue Erziehung ist ebenso streng wie die alte, mag sie nun ebenso vorzüglich sein oder nicht.. Die freieste Liebhaberei ist ebenso wie die strikteste Formel steif vor Autorität. Weil der humane Vater die Soldaten für etwas Schlechtes hält, werden sie verboten; es gibt keinen Vorwand, es kann keinen Vorwand geben, daß der Knabe so denkt. Der Eindruck, den ein Durchschnittsknabe haben muß, ist einfach der: »Wenn der Vater Methodist ist, darf man am Sonntag nicht mit Soldaten spielen; wenn der Vater Sozialist ist, darf man nicht einmal an Wochentagen mit ihnen spielen.« Alle Erzieher sind durchaus dogmatisch und autoritativ. Es gibt keine freie Erziehung; denn ließe man ein Kind frei, dann würde man es gar nicht erziehen. Gibt es dann aber keine Unterscheidung oder keinen Unterschied zwischen den allerengherzigsten Konventionalisten und den allerglänzendsten und bizarrsten Neuerern? Gibt es keinen Unterschied zwischen dem schwerfälligsten aller schwerfälligen Väter und der unbedenklichsten unternehmungslustigen, jungfräulichen Tante? O ja, es gibt einen Unterschied. Und zwar, daß der schwerfällige Vater, in seiner schwerfälligen Art, ein Demokrat ist. Er besteht nicht einfach auf einer Sache, weil sie seiner Meinung nach geschehen sollte, sondern (nach seiner eigenen herrlich republikanischen Formel): »Weil es alle Leute tun«. Die konventionelle Autorität fordert irgendein populäres Mandat; die unkonventionelle Autorität nicht. Der Puritaner, der das Soldaten spielen am Sonntag verbietet, drückt wenigstens eine puritanische Meinung aus, nicht bloß seine eigene. Er ist kein Despot; er ist eine Demokratie, eine tyrannische Demokratie, eine schmutzige und lokale Demokratie vielleicht, aber eine, die zwei Dinge tun konnte und getan hat – letztes männliches Tun –: kämpfen und Gott anrufen. Aber das Veto der neuen Erzieher ist wie das Veto des Herrenhauses: es gibt nicht vor, repräsentativ zu sein. Diese Neuerer sprechen immer von der errötenden Bescheidenheit der Tante Schickt-sich-nicht. Ich weiß nicht, ob sie bescheidener ist, als jene sind; aber ich bin sicher, daß sie demütiger ist.

Aber es gibt noch eine weitere Komplikation. Der noch anarchistischere »Moderne« könnte abermals versuchen, dem Dilemma auszuweichen und sagen, daß Erziehung nur eine Erweiterung des geistigen Horizontes, nur ein Erschließen aller Aufnahmeorgane sein sollte. Licht (sagt er) sollte in das Dunkel gebracht werden; verblendeten und irregeführten Existenzen, in allen unseren häßlichen Winkeln, sollte nur gestattet werden, zu sehen und sich zu entfalten; kurz, Aufklärung sollte über das dunkelste London gebreitet werden. Hier aber steckt gerade die Schwierigkeit: daß es nämlich, insofern dies hier in Betracht kommt, kein dunkelstes London gibt. London ist gar nicht dunkel, nicht einmal bei Nacht. Wir haben gesagt, wenn man unter Erziehung eine solide Substanz versteht, dann gibt es überhaupt keine Erziehung. Wir könnten jetzt sagen, wenn man unter Erziehung eine abstrakte Befreiung versteht, dann haben wir keinen Mangel daran. Dann gibt es viel zu viel davon. Dann gibt es tatsächlich überhaupt nichts anderes.

Es gibt keine unerzogenen Menschen. Erzogen ist in England wohl jedermann; nur sind die meisten Leute schlecht erzogen. Die Staatsschulen waren nicht die ersten, sondern unter den letzten, die errichtet worden sind; und London hatte die Londoner lange vor der Londoner Schulbehörde erzogen. Der Irrtum ist ungemein handgreiflich. Es wird beständig angenommen, daß ein Kind, wenn es nicht von der bestehenden Schule zivilisiert wird, barbarisch bleiben müßte. Ich wollt', das wäre wahr! Jedes Kind in London wird ein höchst zivilisierter Mensch. Aber es gibt so viele verschiedene Zivilisationen, die meisten schon müde geboren. Jeder wird euch sagen, daß die Schwierigkeit mit den Armen nicht so sehr darin besteht, daß die Alten noch töricht sind, als vielmehr darin, daß die Jungen schon weise sind. Der Gassenbub wäre erzogen, ohne daß er jemals in die Schule gegangen wäre. Er wäre übererzogen, ohne jemals in die Schule gegangen zu sein. Der wahre Zweck unserer Schulen sollte nicht so sehr sein, Vielfältigkeit zu fördern, als einzig und allein Einfachheit wieder herzustellen. Man hört ehrwürdige Idealisten sagen, daß wir die Unwissenheit der Armen bekämpfen müssen; aber wahrlich, wir müssen eher ihr Wissen bekämpfen. Die wahren Erzieher müssen einer Art tosenden Katarakts von Kultur widerstehen können. Der Schulschwänzer wird den ganzen Tag lang unterrichtet. Wenn die Kinder die großen Buchstaben in der Fibel nicht ansehen, brauchen sie nur draußen herumzugehen und die großen Buchstaben auf den Plakaten ansehen. Wenn sie die farbigen Landkarten nicht wollen, die man ihnen in der Schule zeigt, so können sie die farbigen Landkarten angaffen, die ihnen die »Daily Mail« zeigt. Wenn sie der Elektrizitätslehre müde sind, können sie mit der elektrischen Straßenbahn fahren. Wenn Musik sie unberührt läßt, können sie sich mehr ans Trinken halten. Wenn sie nicht so viel arbeiten wollen, um in der Schule einen Preis zu bekommen, können sie arbeiten, um vom »Prizy Bits« einen Preis zu erhalten. Wenn sie vom Gesetz und Bürgerrecht nicht genug lernen können, um es dem Lehrer recht zu machen, lernen sie genug davon, um dem Polizeimann zu entschlüpfen. Wenn sie Geschichte nicht nach dem Buch vom rechten Ende an vorwärts lernen wollen, werden sie sie in den Parteizeitungen vom falschen Ende an rückwärts lernen. Und das ist das Tragische an der ganzen Sache: daß die Londoner Armen, eine besonders schnell begreifende und zivilisierte Klasse, alles vom Schwanz angefangen lernen, sogar das, was recht ist, auf dem Wege dessen, was unrecht ist, lernen. Sie sehen die ersten Prinzipien des Gesetzes nicht im Gesetzbuch; sie sehen nur die letzten Resultate in den Polizeiberichten. Sie erkennen nicht die Wahrheiten der Politik in einer allgemeinen Übersicht. Sie sehen nur die Lügen der Politik bei den allgemeinen Wahlen.

Aber was immer die Tragik der Londoner Armen sein mag, es hat nichts damit zu tun, daß sie unerzogen sind. Weit entfernt davon, ohne Führung zu sein, werden sie fortwährend, ernstlich, aufreizend geführt; nur irregeführt. Die Armen werden ganz und gar nicht vernachlässigt, sie werden bloß unterdrückt; ja mehr noch, sie werden verfolgt. Es gibt keinen Menschen in London, an den die Reichen nicht appellieren; die Appelle der Reichen gellen von jeder Bretterwand und schreien von jeder Wählertribüne. Denn man muß immer daran denken, daß die wunderliche, schroffe Häßlichkeit unserer Straßen und Gewänder nicht die Schöpfung der Demokratie, sondern der Aristokratie ist. Das Herrenhaus protestierte gegen die Verunstaltung des Dammes durch die Straßenbahn. Aber die meisten reichen Männer, welche die Straßenmauern mit ihren Waren verunstalten, sitzen tatsächlich im Herrenhaus. Die Peers vergrößern die Schönheit der Landsitze dadurch, daß sie die Häßlichkeit der Stadtstraßen vergrößern. Dies jedoch sei nur nebenbei erwähnt. Die Hauptsache ist, daß man die Armen in London nicht in Ruhe läßt, ohne sich um sie zu kümmern, sondern daß man sie eher mit rauhen, despotischen Ratschlägen betäubt und verwirrt. Sie gleichen nicht einer Schafherde ohne Hirten. Sie gleichen eher einem Schaf, auf das siebenundzwanzig Hirten losschreien. All die Zeitungen, all die neuen Kundmachungen, all die neuen Medizinen und neuen Theologien, all das Glänzen und Gleißen von Lampen und Metall in unserer Zeit – das ist es, wogegen die nationale Schule standhalten muß, wenn sie kann. Ich will nicht in Frage stellen, daß unsere Elementarerziehung besser ist als barbarische Unwissenheit. Aber es gibt keine barbarische Unwissenheit. Ich bezweifle nicht, daß unsere Schulen für unbelehrte Knaben gut wären. Aber es gibt keine unbelehrten Knaben. Eine moderne Londoner Schule sollte nicht nur verständlicher, freundlicher, gescheiter und schneller als Unwissenheit und Finsternis sein. Sie muß auch verständlicher als eine Ansichtskarte, gescheiter als eine Limerick-Konkurrenz, schneller als die Straßenbahn und freundlicher als die Schenke sein. Die Schule hat tatsächlich die Verantwortlichkeit einer universellen Rivalität. Wir brauchen nicht erst zu leugnen, daß überall ein Licht sei, um die Finsternis zu besiegen. Aber hier verlangen wir ein Licht, um das Licht besiegen zu können.

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