Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gilbert Keith Chesterton >

Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
Schließen

Navigation:

Das sechste Kapitel
Autorität, die Unvermeidliche

ABER hier ist der wesentliche Punkt nur, daß man in der Erziehung die Autorität nicht los werden kann; es handelt sich nicht so sehr darum, daß, elterliche Autorität gewahrt bleiben müsse (wie die armen Konservativen sagen), als darum, daß sie nicht zerstört werden könne. Herr Bernard Shaw sagte einmal, er hasse den Begriff, den Geist eines Kindes zu bilden. In diesem Falle täte Herr Bernard Shaw besser daran, sich aufzuhängen, denn er haßt etwas, das vom menschlichen Leben untrennbar ist. Ich habe das »educere« und das »Heranziehen der Fähigkeiten« nur erwähnt, um hervorzuheben, daß sogar dieser geistige Trick die unausweichliche Idee einer elterlichen oder schulmeisterlichen Autorität nicht zu vermeiden vermag. Der Erzieher, der »heranzieht«, handelt ebenso willkürlich und einschränkend, wie der Schulmeister, der »hineingießt«, denn er zieht heran, was er will. Er entscheidet, was in dem Kinde entwickelt werden soll und was nicht. Er wird (vermute ich) nicht die vernachlässigten Fähigkeiten zu Betrügereien heranziehen. Er wird nicht (bis jetzt wenigstens) ein verborgenes Talent zum Quälen schüchtern Schritt für Schritt herausführen. Das einzige Ergebnis all dieser hochtrabenden und gewissenhaften Unterscheidung zwischen dem Erzieher und dem Schulmeister ist: der Schulmeister stößt, wohin er will, und der Erzieher zerrt, wohin er will. Dem Geschöpfe, das gestoßen oder gezerrt wird, tut man geistig genau dieselbe Gewalt an. Wir müssen nun alle für diese geistige Vergewaltigung die Verantwortung übernehmen; Erziehung ist gewalttätig, weil sie schöpferisch ist; sie ist schöpferisch, weil sie menschlich ist. Sie ist so unbarmherzig wie Geige spielen; so dogmatisch wie Bilder malen; so brutal wie Häuser bauen. Kurz, sie ist, was alle menschlichen Handlungen sind: eine Auseinandersetzung mit Leben und Wachstum. Folglich ist es eine belanglose, ja sogar eine scherzhafte Frage, ob wir von diesem furchtbaren Peiniger, dem Künstler »Mensch«, sagen, daß er Dinge in uns hineingießt wie ein Apotheker, oder sie aus uns herauszieht wie ein Zahnarzt.

Das Wesentliche ist: der »Mensch« tut, was er will. Er fordert das Recht, Mutter Natur unter seine Kontrolle zu nehmen; er fordert das Recht, sein Kind zum Übermenschen nach seinem Bilde zu machen. Schrecken wir einmal zurück vor dieser schöpferischen Autorität des Menschen, dann gerät der ganze tapfere Raubzug, den wir Zivilisation nennen, ins Schwanken und fällt in Stücke. Nun ist im Grunde moderne Freiheit zum größten Teile Angst. Wir sind nicht so sehr zu kühn, um Gesetze zu ertragen, als vielmehr zu ängstlich, um Verantwortungen zu tragen. Und Herr Shaw und ähnliche Menschen schrecken besonders vor dieser ehrfurchtgebietenden, angestammten Verantwortung zurück, die unsere Väter auf uns übertrugen, als sie den gewagten Schritt taten, Menschen zu werden. Ich meine die Verantwortung, die Wahrhaftigkeit unserer menschlichen Tradition zu bejahen und sie weiter zu überliefern mit der Stimme der Autorität, einer unerschütterten Stimme. Dies ist die einzige ewige Erziehung: von der Wahrheit einer Sache so überzeugt sein, daß man wagt, sie einem Kinde zu sagen. Vor dieser höchst verwegenen Pflicht fliehen die Modernen nach allen Richtungen; und ihre einzige Entschuldigung ist (natürlich), daß die modernen Philosophien so unausgebacken und hypothetisch sind, daß sie sich selbst nicht genügend überzeugen können, um auch nur ein neu geborenes Kind zu überzeugen. Dies steht natürlich mit dem Verfall der Demokratie in Zusammenhang und ist gewissermaßen eine Sache für sich. Hier mag genügen, daß ich sage, wir sollten unsere Kinder unterrichten, und damit meine, daß wir es tun sollten, nicht daß Mr. Sully oder Professor Earl Barnes es tun sollte. Das Übel in so vielen unserer modernen Schulen ist, daß der Staat, da er so ganz von einigen wenigen beherrscht wird, Irrwege und Versuche direkt in das Schulzimmer gelangen läßt, ehe sie jemals ihren Weg durch das Parlament, das Wirtshaus, das Privathaus, die Kirche oder den Marktplatz genommen haben. Offenbar sollten den jüngsten Menschen die ältesten Dinge zuerst gelehrt werden, die bewährtesten und erprobtesten Wahrheiten den Kindern zuerst gebracht werden. Aber heutzutage müssen sich die Kinder in der Schule einem System fügen, das jünger ist, als sie selbst. Ein vierjähriges Kind, kaum flügge, hat tatsächlich mehr Erfahrung und war Wind und Wetter länger ausgesetzt als das Dogma, dem es sich fügen muß. Gar manche Schule rühmt sich, in ihrer Erziehungsmethode die allerletzten Ideen zu besitzen, während sie nicht einmal über die a1lererste Ideen verfügt; denn die erste Idee ist, daß sogar Unschuld, mag sie auch göttlich sein, etwas von der Erfahrung lernen kann. Aber dies alles ist, wie ich schon sagte, bloß der Tatsache zu verdanken, daß wir von einer kleinen Oligarchie regiert werden; mein System setzt voraus, daß Männer, die sich selbst regieren, auch ihre Kinder regieren werden. Heute gebrauchen wir alle den Ausdruck »Volkserziehung« in dem Sinne:

Erziehung des Volkes. Ich wollte, ich könnte es in dem Sinne gebrauchen: Erziehung durch das Volk.

Das Wichtigste ist augenblicklich, daß diese so gefühlvollen Erzieher die Gewalt der Autorität nicht um einen Zoll mehr vermeiden als die alten Schulmeister. Ja, es kann sogar behauptet werden, daß sie sie weniger vermeiden. Der alte Dorfschulmeister schlug einen Knaben, wenn er seine Grammatik nicht gelernt hatte, und schickte ihn auf den Spielplatz; dort konnte er spielen, was er wollte oder gar nicht spielen, wenn er das vorzog. Der moderne, wissenschaftliche Schulmeister verfolgt ihn bis auf den Spielplatz und läßt ihn Cricket spielen, weil dies eine so gesunde Bewegung ist. Der moderne Dr. Busby ist Doktor der Medizin so gut wie Doktor der Theologie. Er kann sagen, es sei selbstverständlich, daß Bewegung gesund ist; aber er muß es sagen und muß es mit Autorität sagen. Es kann nicht wirklich selbstverständlich sein, sonst hätte es niemals erst erzwungen werden müssen. Aber das ist ein sehr milder Fall in der modernen Praxis. Die »freien Erzieher« verbieten in der modernen Praxis viel mehr Dinge als die altmodischen Erzieher. Leute, die an Paradoxen Geschmack finden (wenn es solche schamlosen Geschöpfe überhaupt geben sollte), könnten mit einiger Glaubwürdigkeit behaupten, daß unsere moderne Befreiungstendenz, seitdem Luthers offenherziges, freimütiges Heidentum versagt hat und durch Calvins Puritanismus ersetzt worden ist, gar keine Befreiung, sondern ein Einschließen in ein Gefängnis gewesen ist, sodaß immer weniger und weniger schöne und menschliche Dinge erlaubt gewesen sind. Die Puritaner haben Bilder zerstört; die Rationalisten haben Märchen verboten; Graf Tolstoi hat tatsächlich eine seiner päpstlichen Enzykliken gegen die Musik veröffentlicht; und ich habe von modernen Erziehern gehört, die den Kindern verboten haben, mit Zinnsoldaten zu spielen. Ich erinnere mich eines sanften kleinen Narren, der an irgendeinem oder dem anderen Sozialistenabend zu mir heraufgekommen ist und mich gebeten hat, meinen Einfluß (besitze ich denn irgend einen Einfluß?) geltend zu machen, kleinen Buben ihre Abenteuergeschichten zu verbieten. Sie sollen, wie es scheint, blutdürstig machen. Aber das macht nichts; man darf in diesem Narrenhaus die Geduld nicht verlieren! Hier will ich nur hervorheben, daß diese Dinge, selbst wenn sie eine gerechte Entziehung sind, doch immerhin eine Entziehung sind. Ich leugne nicht, daß die alten Verbote und Strafen oft idiotisch und grausam waren – obwohl sie dies in einem Lande wie England noch weit mehr sind (wo praktisch nur ein reicher Mann die Strafen erläßt und nur ein armer sie erduldet), als in Ländern mit reiner erhaltener Volkstradition – so wie Rußland. In Rußland läßt oft ein Bauer einen anderen auspeitschen. Im modernen England kann praktisch nur ein Gentleman einen sehr armen Mann auspeitschen lassen. So wurde, nur wenige Tage bevor ich dies schreibe, ein kleiner Bub (der Sohn armer Leute natürlich) zu Schlägen und fünf Jahren Kerker verurteilt, weil er ein kleines Stück Kohle aufgehoben hatte, welches die Sachverständigen mit fünf Pence bewertet haben. Ich stehe vollkommen auf der Seite jener liberalen und humanen Leute, die gegen diese geradezu bestialische Unkenntnis über Buben protestiert haben. Aber ich halte es für ein wenig unbillig, daß diese Menschenfreunde, die Buben entschuldigen, wenn sie Räuber sind, sie anzeigen, wenn sie Räuber spielen. Ich glaube, daß jene Leute, die einen Gassenbuben verstehen, der mit einem Stück Kohle spielt, ihn auch, wenn sie ihrer Phantasie einen plötzlichen Ruck geben, verstehen werden, daß er mit Zinnsoldaten spielt. Um es in einem Satz zusammenzufassen: ich glaube, daß mein sanfter kleiner Narr hätte verstehen können, daß es gar manchen Buben gibt, der sich lieber auspeitschen läßt und ungerechterweise auspeitschen läßt, als daß er sich seine Abenteuergeschichte wegnehmen ließe.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.