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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das fünfte Kapitel
Ein übler Schrei

DER moderne Schwindel ist, daß man den Leuten durch Erziehung etwas geben kann, was man selbst nicht besitzt. Wenn man die Leute reden hört, würde man meinen, sie sei eine Art Zauberchemie, durch die wir mittels eines mühsamen Hokuspokus von hygienischen Mahlzeiten, Bädern, Atemübungen, frischer Luft und Freihand zeichnen zufällig etwas Herrliches herstellen könnten; daß wir etwas schaffen könnten, was wir nicht begreifen können. Diese Blätter haben natürlich keinen anderen allgemeinen Zweck, als darzutun, daß wir nichts Gutes schaffen können, ehe wir es begriffen haben. Es ist merkwürdig, daß diese Leute, die sich in bezug auf Vererbung so hartnäckig an Gesetze halten, in bezug auf Umgebung beinahe an Wunder zu glauben scheinen. Sie bestehen darauf, daß nichts, was nicht im Körper der Eltern war, die Körper der Kinder bilden kann. Aber sie scheinen irgendwie zu glauben, daß Dinge in die Köpfe der Kinder kommen können, die weder in den Köpfen der Eltern waren, noch überhaupt sonst irgendwo.

In diesem Zusammenhang ist ein närrischer böser Schrei erstanden, typisch für diese Verwirrung. Ich meine den Schrei: »Rettet die Kinder!« Natürlich ist er auch ein Teil dieser modernen Gekränktheit, die darauf besteht, den Staat (der das Heim der Menschen ist) als eine Art verzweifelten Ausweg in Zeiten der Panik zu behandeln. Dieser verängstigte Opportunismus ist auch der Ursprung des Sozialismus und anderer Systeme. So wie sie alle Nahrungsmittel sammeln und verteilen wollten, wie es die Leute bei einer Hungersnot tun, so möchten sie die Kinder von ihren Vätern trennen, wie es die Leute bei einem Schiffbruch tun. Daß eine menschliche Gemeinschaft möglicherweise nicht in dem Zustand einer Hungersnot oder eines Schiffbruches sein könnte, scheint ihnen niemals einzufallen. Dieser Ruf:

»Rettet die Kinder« enthält die abscheuliche Schlußfolgerung, daß es unmöglich sei, die Väter zu retten. Mit anderen Worten, daß viele Millionen erwachsener, gesunder, verantwortlicher und sich selbst erhaltender Europäer als Schmutz und Abfall zu behandeln und aus der Diskussion hinwegzufegen seien; Trunkenbolde zu nennen seien, weil sie in Weinstuben trinken, statt in Wohnstuben; unverwendbar zu nennen seien, weil niemand es versteht, ihnen Arbeit zu verschaffen; Dummköpfe zu nennen seien, wenn sie noch an Konventionen hängen, und Vagabunden seien, wenn sie die Freiheit noch lieben. Nun halte ich meine Behauptung von Anfang bis zu Ende aufrecht, daß man die Kinder nicht retten kann, so lange man nicht die Väter retten kann; daß wir augenblicklich andere nicht retten können, da wir uns selbst nicht retten können. Wir können keine Bürgerrechte lehren, wenn wir selbst keine Bürger sind; wir können andere nicht befreien, wenn wir selbst den Geschmack der Freiheit vergessen haben. Erziehung ist nur Wahrheit in einem Zustand der Übertragung, und wie können wir eine Wahrheit überliefern, wenn sie niemals in unseren Händen gewesen ist? So finden wir, daß die Erziehung das klarste aller Beispiele für unseren allgemeinen Zweck ist. Es ist vergeblich, Kinder zu retten, denn sie können nicht immer Kinder bleiben. Wir lehren sie, hypothetisch Männer zu sein, und wie könnte es so einfach sein, andere eine ideale Männlichkeit zu lehren, wenn es so vergeblich und hoffnungslos ist, für uns selbst eine zu finden?

Ich weiß, daß einige verrückte Pedanten versucht haben, dieser Schwierigkeit durch die Behauptung zu begegnen, daß Erziehung gar nicht Unterweisung sei, gar nicht durch Autorität lehre. Sie stellen den Vorgang so dar, als käme sie nicht von außen, vom Lehrer, sondern gänzlich aus dem Innern des Knaben, Erziehung (education) ist das lateinische Wort für das Herausführen oder Herausziehen der schlafenden Fähigkeiten jedes Menschen. Irgendwo tief unten in der schlummernden Knabenseele lebt eine primäre Sehnsucht, Griechisch zu lernen oder reine Kragen zu tragen; und der Lehrer befreit nur sanft und zart diesen gefangenen Vorsatz. Versiegelt im neugeborenen Kinde leben die tiefsten Geheimnisse, wie man Spargel essen soll und das Datum von Bannockburn wissen kann. Der Erzieher zieht selbst die dunkle Neigung des Kindes für lange Divisionen nur hervor; zieht nur hervor, daß das Kind selbst, halb verhüllt, den Milchpudding einem Kuchen vorzieht. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich an diese Ableitung glaube; ich habe die schmähliche Vermutung gehört, daß »educator«, auf einen römischen Schulmeister angewendet, nicht hieß: junge Tatkraft in die Freiheit führen, sondern bloß: kleine Buben ins Freie führen. Aber ich bin ganz sicher, daß ich mit der Lehre nicht einverstanden bin; ich glaube, es wäre ungefähr ebenso vernünftig zu sagen, daß die Milch des Säuglings von ihm selbst komme, als zu sagen, daß seine an erzogenen Tugenden von ihm selbst kommen. Es gibt tatsächlich in jeder lebenden Kreatur eine Zusammensetzung von Kräften und Funktionen; aber Erziehung heißt, ihnen eine besondere Form geben und sie zu bestimmten Zwecken heranbilden; oder sie heißt überhaupt nichts. Das Sprechen ist das beste praktische Beispiel für die ganze Situation. Man kann tatsächlich Quietschen und Grunzen aus einem Kind »herausziehen ‹ wenn man es einfach herumhutscht und schüttelt – ein unterhaltender aber grausamer Zeitvertreib, dem sich viele Psychologen widmen. Aber man wird sicherlich sehr geduldig warten und harren müssen, ehe man die englische Sprache aus ihm her auszieht. Die muß man hineinlegen – und damit ist die Sache erledigt.

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