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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 33
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das vierte Kapitel
Die Wahrheit über Erziehung

WENN ein Mensch niederschreiben soll, was er wirklich über Erziehung denkt, erfaßt und verhärtet ein gewisser Ernst seine Seele, der von einem Oberflächlichen leicht für Widerwillen gehalten werden könnte. Wenn es wirklich wahr sein sollte, daß die Menschen von heiligen Worten angewidert und der Theologie überdrüssig geworden sind, wenn diese so sehr unbegründete Erbitterung gegen das »Dogma« aus irgend einer lächerlichen Übertreibung dieser Dinge durch die Priester der Vergangenheit entstanden ist, dann, meine ich, stapeln wir eine ganze Ernte von Rotwein auf, dessen unsere Nachkommen überdrüssig werden können. Wahrscheinlich wird das Wort »Erziehung« eines Tages genau so alt und gegenstandslos erscheinen, wie heute das Wort »Vergeltung« in einem puritanischen Buche erscheint. Gibbon fand es schrecklich lustig, daß Leute sich über den Unterschied zwischen »Homoousion« und »Homoiousion« gestritten haben. Die Zeit wird kommen, da man noch lauter lachen wird bei dem Gedanken, daß Menschen gegen geistliche Schulen und auch gegen Laienschulen gewettert haben; daß Leute von Rang und Ansehen die Schulen tatsächlich angeklagt haben, daß sie ein Credo lehrten, oder auch, daß sie keinen Glauben lehrten. Die beiden griechischen Worte bei Gibbon sehen beinahe gleich aus, aber sie bedeuten eigentlich ganz verschiedene Dinge. Credo und Glaube sehen gar nicht ähnlich aus, aber sie bedeuten dasselbe. Credo ist zufällig das lateinische Wort für Glaube.

Da ich nun unzählige Zeitungsartikel über Erziehung gelesen und sogar eine hübsche Anzahl davon geschrieben habe, und da, beinahe seitdem ich auf der Welt bin, stets betäubende und unfruchtbare Diskussionen rings um mich darüber gehalten werden, ob Religion ein Teil der Erziehung sei, ob die Hygiene in der Erziehung wesentlich sei, ob Militarismus mit wahrer Erziehung unvereinbar sei – habe ich dieses immer wiederkehrende Substantiv natürlich reiflich erwogen und ich muß beschämt bekennen, daß ich die Hauptsache daran verhältnismäßig erst spät im Leben erkannt habe.

Die Hauptsache an der Erziehung ist natürlich, daß es dergleichen überhaupt nicht gibt. Sie besteht nicht, so wie Theologie oder Exerzieren besteht. Theologie ist ein Wort wie Geologie, Exerzieren ist ein Wort wie Oxydieren; diese Wissenszweige mögen als Steckenpferde gesund sein oder nicht; aber sie haben mit Steinen und Kesseln zu tun, mit bestimmten Dingen. Aber Erziehung ist kein Wort wie Geologie oder Kessel. Erziehung ist ein Wort wie »Übertragung« oder »Vererbung«; es ist kein Gegenstand, sondern eine Methode. Es muß bedeuten: gewisse Tatsachen, Ansichten oder Eigenschaften auf das letztgeborene Baby zu übertragen. Es mögen die trivialsten Tatsachen oder die veraltetsten Ansichten oder die verletzendsten Eigenschaften sein; wenn sie von einer Generation der anderen überliefert werden – so sind sie Erziehung. Erziehung ist nicht ein Ding wie Theologie, es ist weder ein inferiores, noch ein superiores Ding; es ist kein Ding von derselben Wortkategorie. Theologie und Erziehung verhalten sich zu einander wie ein Liebesbrief zum Hauptpostamt. Herr Fagin war genau so erzieherisch wie Dr. Strong, praktisch wahrscheinlich noch erzieherischer. Es bedeutet nur: Etwas geben – vielleicht Gift. Erziehung ist Überlieferung, und Überlieferung (wie schon der Name sagt) kann Verrat sein.

Diese erste Wahrheit ist offenbar banal; aber in unserem politischen Gewäsch wird sie beständig so sehr ignoriert, daß man die Sache klarmachen muß. Einen kleinen Buben in einem kleinen Hause, den Sohn eines kleinen Krämers, lehrt man sein Frühstück essen, seine Medizin einnehmen, sein Land lieben, seine Gebete sprechen, und seine Sonntagskleider schonen. Vermutlich würde Fagin, wenn er so einen Buben träfe, ihn lehren: Schnaps trinken, lügen, sein Land verraten, fluchen und einen falschen Backenbart tragen. Aber so auch würde Mr. Salt, der Vegetarier, das Frühstück des Buben abschaffen; Mrs. Eddy würde seine Medizin wegschütten; Graf Tolstoi würde ihn wegen seiner Vaterlandsliebe tadeln; Mr. Blatohford würde seine Gebete verbieten und Mr. Edward Carpenter würde, theoretisch, die Sonntagskleider anklagen und vielleicht alle Kleider. Ich verteidige keine dieser fortschrittlichen Ansichten, nicht einmal die des Fagin, aber ich frage, was ist unter ihnen allen aus der festen Einheit, Erziehung genannt, geworden? Es ist nicht so (wie man gewöhnlich annimmt), daß der Krämer Erziehung plus Christentum lehrt; Mr. Salt Erziehung plus Vegetarismus; Fagin Erziehung plus Verbrechen. Die Wahrheit ist, daß es überhaupt nichts Gemeinsames unter diesen Lehren gibt, außer daß sie lehren. Das einzige, was sie miteinander teilen, ist das eine Ding, das sie angeblich mißbilligen, die allgemeine Idee der Autorität. Es ist merkwürdig, wenn die Leute davon sprechen, Dogma und Erziehung voneinander zu trennen. Das Dogma ist tatsächlich das einzige, was von der Erziehung untrennbar ist. Es ist Erziehung. Ein Lehrer, der nicht dogmatisch ist, ist einfach ein Lehrer, der nicht lehrt.

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