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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das dritte Kapitel
Der Trick der Umgebung

ES ist daher, trotz all dem modernen calvinistischen Geschwätze, doch nur das bereits geborene Kind, mit dem man sich beschäftigen kann und es ist nicht eine Frage der Eugenetik, sondern der Erziehung. Oder aber, um sich der etwas langweiligen Terminologie populärer Wissenschaft zu bedienen, es ist nicht eine Frage der Vererbung, sondern der Umgebung. Ich will diese Frage nicht unnötig komplizieren und daher nicht erst lange hervorheben, daß auch die Theorie der Umgebung einigen der Einwendungen und Bedenken ausgesetzt ist, die eine Anwendung der Vererbungstheorie unmöglich machen. Ich will nur im Vorbeigehen erwähnen, daß moderne Leute sogar über die Wirkung der Umgebung viel zu oberflächlich und leichtfertig urteilen. Der Gedanke, daß die Umgebung einen Menschen beeinflußt, ist immer mit dem durchaus verschiedenen Gedanken verknüpft, daß sie ihn nach einer ganz bestimmten Richtung beeinflußt. Um ein ganz allgemeines Beispiel zu wählen: Landschaften beeinflussen die Seele doch zweifellos. Aber wie sie sie beeinflussen, ist wieder eine ganz andere Sache. In einem Fichtenwald geboren sein, kann heißen: Fichten lieben; es kann auch heißen, sie hassen; es kann auch, ganz ernstlich, heißen: niemals eine Fichte gesehen haben. Oder es kann irgend eine Vermischung dieser Möglichkeiten oder jede Abstufung derselben bedeuten, sodaß die wissenschaftliche Methode hier ein wenig der Genauigkeit entbehrt. Ich spreche nicht ohne Buch. Im Gegenteil, ich spreche mit dem Blaubuch, mit dem Reisehandbuch und dem Atlas. Es mag sein, daß die Gebirgsvölker poetisch sind, weil sie in den Bergen wohnen. Aber sind die Schweizer prosaisch, weil sie in den Bergen wohnen? Es mag sein, daß die Schweizer für die Freiheit gekämpft haben, weil sie Hügel hatten; haben aber die Holländer für die Freiheit gekämpft, weil sie keine Hügel hatten? Ich persönlich würde dies ganz gut für möglich halten. Die Umgebung kann ebensogut negativ wie positiv wirken. Die Schweizer können vernünftig sein, nicht trotz ihrer wilden Horizontlinie, sondern wegen derselben; die Flamen können phantastische Künstler sein, nicht trotz, sondern wegen ihrer einförmigen Horizontlinie.

Ich verweile nur bei diesem Nebenumstand, um zu zeigen, daß die populäre Wissenschaft selbst bei Dingen, die wirklich in ihren Bereich fallen, viel zu eilfertig vorgeht und gewaltig große Glieder in der Kette logischen Denkens fallen läßt. Nichtsdestoweniger bleibt es die wichtigste Tatsache, daß das, womit wir uns im Falle der Kinder zu beschäftigen haben, für alle praktischen Zwecke die Umgebung ist; oder um das ältere Wort zu gebrauchen: die Erziehung. Wenn dies alles in Abzug gebracht worden ist, bleibt Erziehung zumindest eine Form der Willensanbetung, nicht der feigen Tatsachenanbetung. Sie beschäftigt sich mit einem Gebiete, das wir kontrollieren können und verfinstert nicht nur unsere Begriffe mit dem barbarischen Pessimismus Zolas und der Hetzjagd der Vererbungstheorie. Sicherlich sollen wir uns wie Narren benehmen; das ist es, was Philosophie eigentlich bedeutet. Aber wir sollen uns nicht bloß wie Tiere benehmen; was die treffendste populäre Definition dafür ist, bloß den Gesetzen der Natur zu folgen und niederzukauern unter der Rache des Fleisches. Erziehung enthält viel Mondscheingeschwätze; aber nicht von der Art, die bloß Mondschafe und Idioten zeugt, die Sklaven eines Silbermagnets, des einen Auges der Welt. In dieser sittsamen Arena gibt es wohl Liebhaberei, aber keine Raserei.

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