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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zweite Kapitel
Der Schrecken des Stammes

POPULÄRE Wissenschaft; wie die von Herrn Blatchford, ist in diesem Punkte so wüst wie Altweibergeschichten. Herr Blatchford erklärt mit überwältigender Einfachheit Millionen von Angestellten und Arbeitern, daß die Mutter wie eine Flasche voll blauer Tröpfchen und der Vater wie eine Flasche voll gelber Tröpfchen sei, und so sei das Kind wie eine Flasche voll gemischter blauer und gelber Tröpfchen. Er hätte ebensogut sagen können, daß das Kind, wenn der Vater zwei Beine hat und die Mutter zwei Beine, vier Beine haben wird. Es ist augenscheinlich keine Sache einfacher Addition oder einfacher Division einer Anzahl streng getrennter »Qualitäten«, wie Tröpfchen. Es ist eine organische Krisis und Transformation ungemein geheimnisvoller Art; so daß das Resultat, selbst wenn es unvermeidlich ist, doch unerwartet bleibt. Es ist nicht wie blaue Tröpfchen gemengt mit gelben, es ist wie Blau, gemischt mit Gelb, was »Grün« gibt; eine völlig neue und einzige Erfahrung, eine neue Empfindung. Es könnte ein Mensch in einem ganzen Kosmos von Blau und Gelb leben, wie die »Edinburgh Review«; es könnte einer niemals etwas anderes gesehen haben, als ein goldenes Kornfeld und einen Saphir-Himmel, und trotzdem niemals ein so wildes Phantasiebild wie »grün« gehabt haben. Wenn man einen Sovereign für eine Glockenblume bezahlen würde; wenn man Senf über das Blaubuch gießen würde; wenn man einen Kanarienvogel mit einem blauen Pavian verheiraten würde – so ist in all diesen wilden Ehen nichts, was auch nur eine Spur von »grün« enthielte. Grün ist keine Verstandeskombination, wie eine Addition, es ist ein physisches Resultat, wie eine Geburt. So könnten wir doch (ganz abgesehen von der Tatsache, daß niemand weder Eltern noch Kinder jemals wirklich versteht), selbst wenn wir die Eltern verstünden, keine Mutmaßung über die Kinder haben. Jedesmal wirkt die Kraft in anderer Weise, jedesmal verbinden sich die Grundfarben zu einem anderen Schauspiel. Ein Mädchen kann tatsächlich seine Häßlichkeit von seiner hübschen Mutter erben. Ein Knabe kann tatsächlich seine Schwäche von seines Vaters Stärke haben. Selbst wenn wir zugeben, daß es wirklich ein Schicksal sei, so muß es für uns doch ein Märchen bleiben. Hinsichtlich der Ursachen mögen Calvinisten und Materialisten recht oder unrecht haben; wir überlassen ihnen den langweiligen Streit. Aber hinsichtlich der Resultate gibt es keinen Zweifel. Stets ist das Ding eine neue Farbe, ein fremder Stern. Jede Geburt ist so einzig wie ein Wunder. Jedes Kind ist so ungerufen wie etwas Ungeheuerliches.

Auf all diesen Gebieten gibt es kein Wissen, sondern nur eine Art inbrünstiger Unwissenheit und niemand war jemals imstande, eine Theorie der moralischen Vererbung darzubieten, die sich im wissenschaftlichen Sinne bewährt hätte, das heißt, daß man nach ihr hätte vorausberechnen können. Es gibt, sagen wir, sechs Fälle, wonach ein Enkel dasselbe Zucken um den Mund oder denselben Charakterfehler wie sein Großvater haben kann; oder vielleicht gibt es sechzehn solcher Fälle, oder vielleicht sechzig. Aber es gibt nicht zwei Fälle, es gibt nicht einen Fall, es gibt überhaupt keinen Fall, in dem jemand auch nur eine halbe Krone wetten wollte, daß der Großvater einen Enkel mit dem Zucken oder dem Fehler haben wird. Kurz, wir behandeln Vererbung so wie Vorzeichen, Neigung oder Traumerfüllungen. Die Dinge treffen manchmal ein, und in diesem Falle bleiben sie uns in Erinnerung; aber nicht einmal ein Irrsinniger würde jemals damit rechnen. Eigentlich ist Vererbung, sowie Träume und Vorzeichen, ein barbarischer Begriff; das heißt, nicht unbedingt ein falscher, aber ein unklarer, tastender, unsystematischer Begriff. Ein zivilisierter Mensch fühlt sich ein bißchen unabhängiger von seiner Familie. Vor dem Christentum beherrschten diese Geschichten vom Verhängnis eines Geschlechtes den wilden Norden; und seit der Reformation und der Revolte gegen das Christentum (welches die Religion einer zivilisierten Freiheit ist) schleicht die Wildheit langsam zurück, in Form realistischer Novellen und Tendenzstücke. Der Fluch der Rougon-Macquart ist so heidnisch und abergläubisch wie der Fluch von Ravenswood, nur nicht so gut geschrieben.

Aber in dieser barbarischen Zwielichtstimmung ist das Gefühl eines Rassenschicksals nicht so sinnwidrig und mag erlaubt sein, wie hundert andere halbe Emotionen, die das Leben ganz machen. Das einzig Wesentliche des Tragischen ist, daß man es leicht nehmen sollte. Aber selbst als die barbarische Sintflut ihren Höhepunkt erreichte, in den tolleren Romanen Zolas (wie »Die menschliche Bestie«, eine ebenso grobe Schmähschrift auf die Tiere wie auf die Menschheit), sogar dann blieb die Anwendung der Vererbungsidee auf die Praxis eingestandenermaßen zaghaft und tappend. Die Anhänger der Vererbungstheorie sind in dem vitalen Sinne Wilde, daß sie auf Wunder zurückstarren, aber nicht vorwärts zu starren wagen auf Schemen. In der Praxis ist niemand verrückt genug, um nach Dogmen physischer Vererbung Gesetze zu geben oder Kinder zu erziehen; und sogar die Ausdrucksweise dieses Dinges wird selten angewendet, außer für spezielle moderne Zwecke, wie etwa die Dotierung einer wissenschaftlichen Forschung oder die Unterdrückung der Armen.

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